Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur.


aus Yordanka Belevas Der verpasste Moment

zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/12/10/yordanka-beleva-der-verpasste-moment-eta-verlag/

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Gratulation! Peter-Huchel-Preis 2023 für Judith Zander

Foto mit freundlicher Genehmigung des dtv: Copyright: © Grafik: dtv / Foto: Sven Gatter

„…so gibt er mir nach
und nach seinen vom andren ende zurecht
gelegten schlaf drin liege ich falsch und wach“

Judith Zander wurde 1980 in Anklam geboren. Sie schreibt sowohl Lyrik als auch Prosa. Nun erhält sie für ihren neuesten Lyrikband „im ländchen sommer im winter zur see“ den Peter-Huchel-Preis 2023. Am 3.4.23 wird er verliehen. Auszug aus der Begründung der Jury:

„Judith Zanders Gedichtband „im ländchen sommer im winter zur see“ faltet in einem weiten literarischen Hallraum eine elegische Sprachlandschaft aus. In äußerst nuancierter Wortarbeit und mit hoher Musikalität schafft sie einen Raum für Erfahrungen des Ostens und übersetzt sie in eine allgemeine, kritische Reflexion von Erfüllung und Verlust. Ihr Band versammelt Liebes- und Naturgedichte, die immer auch in einem politischen Zusammenhang stehen. Sie spielt mit Sprachbildern, bricht verhärtete Redewendungen und stellt die damit einhergehenden Ordnungen infrage.“

Ich habe den Band gleich nach Erscheinen in die Hand genommen, brauchte jedoch mehrere Anläufe, bis sich mir die Gedichte erschlossen. Immer braucht es den richtigen Zeitpunkt für eine bestimmte Lektüre. Es ist ein Band, den man nicht mit ein mal lesen erfassen kann. Dazu ist er zu ausgeklügelt und sprachlich zu bewusst konstruiert. Hier ist nichts zufällig, alles gehört an seinen Platz. Dennoch wirken die Gedichte, vor allem auch wegen der vielen schrägen Zeilenumbrüche, mitunter sperrig. Ein Hin- und Herdenken wird beim Lesen gefordert. Oder aber man verlässt sich voll auf den Klang und gibt sich nur dem Rhythmus hin. Das funktioniert auch; vor allem, wenn man laut liest. Letztlich habe ich Zanders Lyrik lieb gewonnen. Und freue mich über die Vielfalt, die mir bei Lyrik fast größer erscheint als bei Prosa. Judith Zanders Lyrikband landete auch auf meiner persönlichen Bestenliste im Jahr 2022. Hier gehts zu meiner ausführlichen Besprechung:


Sehr gefallen hat mir auch ihr letzter Roman „Johnny Ohneland„: Welch ein Sprachfunkeln!
Es war der erste Roman, den ich von ihr las. Ihre Sprache ist wunderbar. Es ist wieder einmal so ein Buch, bei dem für mich die Sprache vor der Geschichte selbst steht. Die Geschichte ist eine Familiengeschichte, eine Entwicklungsgeschichte, eine Coming-of-Age-Geschichte. Die Sprache spielt die Hauptrolle und wird zelebriert in jeder Hinsicht. Wir erleben die Heldin Joana Wolkenzin in ihrer kleinen Heimatstadt im nördlichen Ostdeutschland. Beginnend mit dem Kindergarten, noch vor dem Mauerfall, bei dem sie 10 Jahre alt ist, begleiten wir sie, ihren ein Jahr jüngeren Bruder Charlie und ihre Eltern durch die Zeit bis in ihr Erwachsenenalter. Die eigentlich spektakulären Dinge passieren in Zanders Roman weniger im Außen, als im Inneren der Heldin. Denn sie reflektiert und seziert fast pausenlos ihr Dasein und versucht sich ihr Alleinsein und ihr Anderssein zu erklären und zu akzeptieren. Für mich als Leserin ist das hochinteressant, denn die Sprache, die die Autorin dabei verwendet sprüht vor Wortspielereien und Metaphern (die bis auf sehr wenige Ausnahmen stimmig sind). Dabei entstehen oft extrem lange Satzschlangen, die mitunter mehrfaches Lesen nahelegen. Eine weitere Besonderheit ist die Du-Perspektive, in der das Buch geschrieben ist. Hier geht es zu meiner ausführlichen Besprechung:


Gerade habe ich noch einmal ins „manual numerale“, erschienen 2014, hineingeschaut. Gelesen habe ich es bereits vor meiner Bloggerzeit. Zwei passende Gedichte habe ich gefunden. Eins, was mich an aktuelle politische Zukunftsszenarien erinnert:

„Ach, was muß man oft von bösen zukünften hören oder lesen
wo am wenigsten passiert was am meisten interessiert
dieses nähret den verdacht zukunft sei nicht selbstgemacht
sag in welchen massenküchen wird sie eingeweckt mit flüchen
wer kauft sie bei Netto ein die geschmacksvereitlungspein
und flößt ein sie seinen kindern um sich nicht allein zu hindern?

oder dieses Einsatzgedicht, welches ich mir beim Dichten in Zukunft immer vor Augen führe:

„heute schrieb ich dir ein langes mir gefallendes gedicht“

Alle Bücher von Judith Zander erscheinen beim dtv.

Aus dem Archiv: Nancy Hünger: Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett Edition Azur

Nancy Hünger: Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett

Schöne tiefe Abgründe liegen zwischen den Zeilen von Nancy Hüngers neuem Lyrikband. In acht unterschiedlichsten Kapiteln schickt sie ihre Leser*innen beispielsweise durch „Liederliche Lieben“, lässt sie „Rupfen in fremden Gärten“ und erzählt „Aus der Werkstatt betretenen Schweigens“. Wie im Titel schon angedeutet, dreht sich in der Tat in diesem Buch vieles um Musik, Rhythmus  und Klang. Musikalität scheint in Hüngers Schreiben notwendig, auch in den Kapiteln, die nicht ausschließlich diesem Thema gewidmet sind. Der Rhythmus der Sprache sucht sich seinen Weg zwischen Worten, Zeilen, Versen. So entsteht eine Verbindung, ja, eine Verschmelzung, ein Gesang.

„ …Wir hören mit den Lakenohren, leicht

verklebt, die Häuser rufen, Welpen schreien mit Kinder-
stimmen oder welpenhafte Kinder, die aus Fenstern trieften,
Welpen warfen, zu den kreischenden Hornissen ….“

Aber auch der zweite Teil aus der Titelzeile ist gewichtig und legt sich fast durchgängig auf jedes Kapitel: der Abschied, die Einsamkeit. Überhaupt scheint mir Unberührbarkeit ein Merkmal von Hüngers Spracharbeit: Was eben noch auf der Zunge zergeht, ist im nächsten Moment schon wieder gefroren. Ein ständiges oft unruhiges Hin und Her zwischen Zweisamkeit und dem Erlebnis Einsamkeit zeigt sich und macht sich breit. Ein Kampf tobt zwischen diesen Aggregatzuständen – welcher ist leichter aushaltbar?

„ … üb dich mein Bürschlein im GEH ODER BLEIB
aber üb dich am Alphabet sind manche schon verzweifelt
zwei Finger kurz vor knapp daneben wie auch immer …“

Nancy Hünger macht es ihren Leser*innen nicht immer leicht. Mit einmal lesen ist es nicht getan. Auch mit zweimal nicht. Ihre Lyrik beansprucht äußerste Konzentration und starke Zuwendung. Das Schöne: Je öfter man liest, desto mehr lassen sich die Gedichte durchdringen, sie öffnen sich. Hünger spielt ihr lyrisches Ich und oft das lyrische Wir gegen alles aus. Ich und Wir treten niemals zurück in den Versen, sie sind in großer Dichte präsent, stehen im Vordergrund: das Orchester stimmt sich ein. Dahinter die Bühne der Worte, die Schauspieler: bis sie ihren Platz einnehmen, passend ankommen im Kopf der Leser*innen, darf Zeit vergehen.

„ … ich erkenne niemanden
wieder die Gesichter drehen zum Mond

und Sicheln fahren darüber. Die Zeit
weiß nicht weiter, geht unter in uns
drehen die Gestirne. Ist jeder allein.“

Durch das ganze Buch zieht sich stetig der Strom der Zeilensprünge, fast jede Zeile, kaum ein Vers ohne Bruch. Das bremst immer wieder den Lesefluss, zwingt langsamer zu werden. Es ergeben sich immer wieder neue Lesarten.

„… wer weiß schon wie es sich ausnimmt
in meinem Zimmer werden die Bücher verpackt
ist was du hattest gar nicht mehr so viel was du brauchtest
waren zwei drei kleine Gedichte und ein wenig Musik …“

Was ebenfalls auffällt sind Hüngers besonders schöne Versenden, immer hat sie den Dreh genau heraus, wie sie ihr Gedicht beenden will. Hier setzt sie starke Akzente. Zufall scheint es dabei nicht zu geben, alles entspricht der beabsichtigten Komposition. Manchmal entsteht dadurch aber auch eine seltsame Abstraktheit mit wenig Raum für Emotionen. Einige Gedichte stehen mir sehr verkopft gegenüber, was besonders bei den erotischen und Liebesgedichten im Kapitel „volvere“ verwundert. Die Überschrift dieses Kapitels zeigt sich jedoch stimmig, wenn man nachliest, wie viele Bedeutungen dieses Wort hat.

„Dieses Gefühl klang nirgendwie irgendwie profan nach
Gefühl war uns wenig durchtrieben wir also Wörter
und hießen es Schnee sagten ICH SCHNEIE DICH
aus meinen Wimpernkränzen umschnei ich dich …“

In diesem, aber auch in einigen anderen Kapiteln benutzt Hünger eine immense Vielfalt kreativer Worterfindungen: So geht es durchs „Knickicht“und zwei „jochandeln einander“. Dergleichen eingeflochtene Neuworte regen die Phantasie an. Stellenweise wird es auch fast zu viel, wenn Hünger den Bogen überspannt. Dann wieder folgen solch außergewöhnlich schöne Sequenzen wie hier:

„… nur lass mir die kleinen Partien kann ich nicht hergeben den
Mund verwahre ich für die Männer die ich wollte habe ich
WUND UND WUNDER geküsst die Männer die ich wollte
sind alle zwischen meinen Lippen gefährlich schön erstickt.“

Hier, wie im Kapitel „Ach diese herrlichen Schwendtage, diese“ stehen die Gedichte alle im Blocksatz, wirken vom Satzbild her unzugänglich, verschlossen. Andere Kapitel enthalten luftigere Formen. So ist das Kapitel „Leb wohl, gute Reise“ in Dreizeilern angelegt. Diese Form erinnert an eine volkstümliche italienische Liedform (Stornello). Passend dazu befindet sich Hünger hier auf den Spuren Goethes in Italien. Dieses Kapitel scheint mir eines der stärksten des Bandes zu sein. Eine Reise nach Sizilien wird hier zum verdichteten Thema.

„ … Wir wechselten vier Löhne gegen Land und
eine Sprache aus den Fernwehkatalogen
schnitten wir den Süden Goethes aus …“

Doch was aus diesen Versen herauszulesen ist, lässt sich schwerlich mit Goethes Italien vergleichen. Die Zeit hat Wunden geschlagen, viel mehr der Mensch. Hünger findet hier einen besonderen Rhythmus, einen eigenen Klang, alles fließt. Ihre Gedichte durchleuchten die vermeintliche Idylle, werden zu Klagen, zu Anklagen, zu kritischen Fragen.

„ … und lasen aus den Stichwortkatalogen:
Europa, Menschheit, Wiege, Strandverbot,
das schöne schöne Abendland war abgebrannt

und glühte rauch- und rußgeschwärzt auf den Wangen
der Atom-U-Boote, Schauerbojen, die im Stahlbad
schweigsam Kriegsschlaf hielten …“

oder

„ … Unsre Füße
stießen immerzu ans Meer und selbst die Sterne

waren schmutzig in jenen Nächten, als sich die Stadt
an Straßen strangulierte. Wir hörten Achsen brechen
und dieses leise Stöhnen. Die Palazzi röchelten. …“

Im Kapitel „Familiarium“ findet sich ein sehr starkes längeres Gedicht namens „Meine fünf ungeborenen Töchter“ – ein wirklicher Höhepunkt. Es ist das vielschichtigste, bemerkenswerteste, bedeutungsvollste, selbstkritischste Gedicht dieses Bandes, bestehend aus acht Sechszeilern. Es ist eine Klageschrift, eine Mahnung, ein Aufruf an das Selbst und an die Welt. Gleichzeitig enthält es die ewige Frage: Kann Lyrik im großen Weltgeschehen überhaupt etwas ausrichten, gar verändern?

„… meine fünf ungeborenen Töchter rufen mich zweimal
die Woche über Satellit fragen sie nach der Lage
und der prozentualen Niederschlagsdichte meiner Tränen
sie fragen nach den Adressen von Diktatoren
dem Generalschlüssel für Gefängnisse und den neuesten
statistischen Erhebungen zur menschlichen Dummheit …“

Das letzte Gedicht im Band namens „Angesichts der entfesselten Publikationsverhältnisse“ ist wieder außergewöhnlich, auch in der Form, und bildet einen treffenden Abschluss. Es ist ein fortlaufender Fließtext, der jedoch durch Querstriche fortwährend unterbrochen wird und so die Zeilenumbrüche andeutet. Auf zweieinhalb Seiten wird hier stakkatohaft aus einem Dichterleben erzählt: die Themen der zeitgenössischen Dichtung werden aufgezählt, die prekäre Situation angesichts des Standes der Lyrik im Literaturbetrieb wird angedeutet, alles nur rein hypothetisch. Das Gedicht endet so:

„… was wäre / wenn wir alle nur noch so täten / als ob
/ dann müssten wir / rein theoretisch / versteht sich / unsere
Preisgelder / ehrlicherweis / rückerstatten / stell dir das /  rein
hypothetisch / versteht sich / mal vor“

Ich empfehle Nancy Hüngers Lyrikband nachdrücklich.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf fixpoetry.

Lyrik im Frühjahr – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Frühjahr 2023


Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Frühjahrsvorschauen 2023 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Das ist inzwischen ein schönes halbjährliches Ritual geworden. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Dabei sind außerdem ganz wunderschön gestaltete Buchcover. Mit Klick auf das Coverfoto geht es zu ausführlichen Verlagsinformationen.
Im darauf folgenden Blogbeitrag stelle ich zum ersten Mal dann auch Roman-Neuerscheinungen vor, die mich besonders interessieren.
Viel Vergnügen beim Entdecken!

2 Anthologien:


Der Schuber mit den Monatsgedichten von Reclam ist bald wieder lieferbar. Ich besitze ihn schon seit Jahren und greife immer wieder darauf zurück. „Jeder Monat hat sein Gesicht: Und dieses klar-kalte, grau-stürmische, farbenprächtig-leuchtende, satt-gleißende oder ruhig-regnerische Charakterbild eines jeden Monats zeichnen die zwölf Gedichtbände in dieser Kassette. Ein lyrischer Gang durchs Jahr, eine kleine Feier wichtiger Lebensmonate, eine Meditation des Werdens und Vergehens unseres Jahreslaufes.“ (Verlagstext) erscheint Mitte Februar 23.

Ein neues Jahrbuch der Lyrik: „Die Anthologie will die Bandbreite dessen präsentieren, was in der Dichtung möglich ist. Wie wird heute geschrieben, welche unterschiedlichen Ansätze gibt es? Das Jahrbuch präsentiert den großen Reichtum der deutschsprachigen Gegenwartslyrik.“ (Verlagstext) Erscheint am 23.3.23 im Schöffling Verlag.


3 x SlowenienBuchmesse Frankfurt Gastland 2023:


Die Gedichte der »Atemprotokolle« sind Zeugnis einer Reise ins Innere, auf die sich Aleš Šteger im Sommer 2018 begab. Ohne die Absicht, etwas Literarisches zu schreiben, entstehen dabei innerhalb von drei Tagen und Nächten Gedichte, die um das Sein und das Vergehen kreisen und der Frage nachgehen, warum letzten Endes alles zerfällt in den Prozessen des Alltäglichen und Oberflächlichen. Die Gedichte erzählen kleine, intime Geschichten oder stellen drängende Fragen unserer Zeit, in der Hoffnung, dass sie uns in unserer Verletzlichkeit berühren. (Verlagstext) Erscheint am 20.2.23 im Wallstein Verlag.

„Weggehen für Anfänger“ ist auch für den Fortgeschrittenen zu empfehlen, gibt der Band doch als eine Art Handbuch anschauliche Anleitungen, wie wir all den Abschieden und Abschiednahmen begegnen können. n einem dichten Geflecht heterogener Beobachtungen spürt Cvetka Lipuš in den urbanen Alltag des modernen westlichen Menschen hinein, in die uns umgebenden und auf uns einströmenden Realitäten, dargeboten in überraschenden Perspektiven, ironischen Zuspitzungen und melancholisch-resignativen Stimmungsbildern. (Verlagstext) Erscheint am 23.2.23 im Otto Müller Verlag.

Tomaž Šalamun ist eine Legende. Ein Dichter, der nicht nur die slowenische Lyrik revolutioniert hat, sondern auch international höchstes Ansehen genoss. Als »Steine aus dem Himmel« bezeichnete Tomaž Šalamun seine Gedichte und die Weise, wie sie ihm zufielen. Der Band versammelt eine repräsentative Auswahl aus Šalamuns lyrischem Spätwerk erstmals in deutscher Sprache, brillant übertragen und mit einem Nachwort versehen von Monika Rinck und Matthias Göritz. (Verlagstext) Erscheint am 17.4.23 im Suhrkamp Verlag.


Nach dem wunderschönen Band „Mutantengarten“ nun neue Gedichtevon Volha Hapeyeva. „Sie durchstreift in „Trapezherz“ Sprachen und Länder, Zeiten und Planeten. In diesem Band vereint sie Wehmut und Liebe, Verspieltes und Ironisches, Momentaufnahmen und Philosophisches, Körperlichkeit und Sinneseindrücke sowie Einsamkeit, Heimat und Nomadentum. Zweifellos zählt Volha Hapeyeva zu den wichtigsten zeitgenössischen belarusischen Stimmen. Ihre Texte sind aktuell und zeitlos, poetisch und politisch.“ (Verlagstext) Erscheint am 10.2.23 im Literaturverlag Droschl.

Ingrid Mylos Schreiben ist der fortwährende Versuch, in Schrift zu fassen, was immer schwerer zu fassen ist: das Substantielle, das Wesentliche. Als 2021 Ingrid Mylos Lyrikband »Überall, wo wir Schatten warfen« erschien, war das für viele eine Entdeckung. »Die Entfernung der Sterne« enthält neben neuen Texten auch Bleibendes, Verstreutes und Überarbeitetes aus mehr als 30 Jahren. Das denkbar beste Gegengift für eine Welt, die so grell ist, dass wir nicht mal mehr die Sterne sehen.“ (Verlagstext) Erscheint am 20.2.23 bei Edition Azur/Voland & Quist.

„Was wäre, wenn die kleinsten Teilchen der Welt, die unsichtbaren Bausteine des Lebens zu uns sprechen könnten? Was hört man, wenn man ihr Wachsen zu körnigen Konstellationen und ihren Zerfall bis hin zur atomaren Spaltung literarisch umkreist? Dieser Frage geht Carolin Callies in ihrem Poem nach.“ (Verlagstext) „teilchenzoo“ erscheint am 23.3.23 im Schöffling Verlag.


Romina Nikolić erzählt in so weitschwingenden wie fein ziselierten Versen von Verwurzelung der Menschen mit einer Landschaft, vom sprichwörtlichen „Unterholz“ ihrer Herkunft aus dem südlichsten Zipfel Thüringens. Einfühlung und Aufbegehren finden sich in dieser Kunst, gepaart mit Witz und Abgründigkeit.“(Verlagstext) Erscheint am 21.3.23 im Wartburg Verlag.

„Wo die Verhältnisse prekär werden, sortiert Barbara Hundegger die Sorgen um. Wo es still wird, hört sie zu, überhört nicht: Wer den falschen Ton angibt, wer nicht gesehen wird, wer ein ums andere Mal nicht gemeint ist, wer nicht sein darf, wer die Falschen schützt. Barbara Hundeggers Lyrik schürft tief, verwandelt Worte in schiere Gedicht-Gebilde, die beides können: treffen und betören. Das Intime in Hundeggers Lyrik verhandelt mit der Komplexität unserer Gesellschaft, unseres Alltags. Die Beschau der Verhältnisse ist immer auch eine Hinterfragung des Gängigen.“ (Verlagstext) [in jeder zelle des körpers wohnt ein gedächtnis] erscheint am 16.5.23 im Haymon Verlag.

„Ob es um Aufbruch geht, um Unterwegs-Sein, um Abschied, Ankommen, um Rückblicke oder aber um einen satirischen Blick auf das Zeitgeschehen, die Texte der Lyrik-Sammlung sind aus dem Blickwinkel eines immer wieder Ankommenden geschrieben. Eines Ankömmlings, der ein Niemandsland durchquert hat. Der Band umfasst Gedichte, die Kristiane Kondrat in den Jahren 2015 bis 2021 geschrieben hat.“ (Verlagstext) Wer tanzt im Niemandsland erscheint im März 23 im Verlag danube books.


Nach „Zu brechen bleibt die See“: „Das Meer ist Kulisse, Schauplatz, Protagonist, Schicksalsgewalt in Michael StavaričDie Suche nach dem Ende der Dunkelheit. Mit Stavaričs überschäumender Fantasie und seiner grenzenlosen Sprachmagie entfaltet der Gedichtzyklus im Lauf der vergehenden Jahreszeiten Szenen der Vergänglichkeit, stille Momente des Todes, helle Freude und Sinnlichkeit, aberwitzig Skurriles direkt aus wildesten Traumwelten, Medien- und Zivilisationskritik bis zum Ekel, setzt Gewisses selbstverständlich neben allerhöchstens Mögliches und löst am Ende alles in einem Nebel aus Halifax auf.“ (Verlagstext) Erscheint am 15.3.23 im Limbus Verlag.

Einer der stillen Lyriker: Von ihm habe ich bereits „Weg zwischen wechselnden Feldern“ besprochen. „In Andreas Altmanns Gedichten tritt die Natur nicht als Gegenwelt in Erscheinung, sondern wird als unmittelbar Erfahrenes ins Erleben geholt. Es findet eine dichterische Anverwandlung statt. Wer, wie Andreas Altmann, mehr als ein halbes Leben lang gedichtet hat, muss sich und der Welt keine Kunstfertigkeit mehr beweisen. Vielleicht resultiert daraus die beindruckende Fähigkeit des unverstellten Sprechens. Dabei trifft mancher Satz den Leser wie ein Schlag. Andere Zeilen scheinen frappierend einfach und doch schwebt ein poetischer Zauber über ihnen.“ (Verlagstext) Von beiden Seiten der Tür erschien am 2.1.23 im Poetenladen.

Einige Gedichte Kerstin Fischers kenne ich bereits aus den sozialen Medien: „Kerstin Fischers Sprache zieht einen sofort in ihren Bann – Satzfragmente, Bilder, Wortschöpfungen gehen ungeahnte Verbindungen ein und bilden expressive, gefühlvolle Klanggemälde, die manchmal fast schwerelos, manchmal mit Wucht mitten ins Herz treffen. Dabei erschließen sich die Gedichte nicht immer gleich auf Anhieb, sondern laden zum Innehalten und Nachspüren ein. Aber gerade das macht die Auseinandersetzung so spannend … Das ist lebendige Poesie im besten Sinne.“ (Verlagstext) Spiegelglut erscheint am 10.2.23 im Athena Verlag.


„Verse über das Anfangen, über Sprache vor der Sprache und über das Verhältnis von Erinnerung und Präsenz. Die Zeit dehnt sich oder schießt im Spiel der Laute zusammen: „dies nagen, ineinanderdrehen / von wolken, beginn: nicht eine / silbe zum stehen, stauchen / alles drin“. Mit großem sprachlichen Gespür geht Nico Bleutge den Lücken in der Wahrnehmung nach und zeigt uns die Kraft der Wörter, klangstark, lustvoll, ebenso konkret wie imaginär.“ (Verlagstext) schlafbaum-variationen erscheint am 16.2.23 im C. H. Beck Verlag.

Die Romane von Hendrik Otremba mag ich, auf die Gedichte bin ich gespannt. „Zwischen Otrembas Büchern, seiner Musik und seinem künstlerischen Werk lassen sich dabei Leitmotive, Linien und alte Bekannte finden, die vielleicht in einem Songtext beginnen mögen, dann aber in der Prosa ihre Fortsetzung erfahren – oder die in Romanen entstanden sind, um sich schließlich im Gedicht zu transformieren.“ (Verlagstext) Wüstungen, Nebel erscheint am 28.3.23 im März Verlag.

„Die Dauer scheint ungewiss. Empfindungen allenthalben. Die Sonette von Stefan Heyer wollen dem Meer Ebenen abringen, Risse und Sprünge bannen, dem großen Schweigen nachhorchen. In vier Zyklen, die je mit 15 Sonetten bestückt sind, geht er Mythen nach, bereist den schwarzen Ozean und sucht das Glück. Zwischen kahlen Bäumen und gähnenden Nachteulen spannt Stefan Heyer in seinen Gedichten seine Fäden, zieht Planken und baut Brücken.“ (Verlagstext) Form und Struktur erscheint am 13.3.23 im Passagen Verlag.

Friederike Haerter: Im Zugwind flüchtender Tage Aphaia Verlag

Friederike Haerters Debüt-Gedichtband spricht mich bereits äußerlich sehr an. Ein wunderschönes Cover und im Umschlag ein Stilleben mit Feigen. Von Pamina Adele, steht im Impressum, stammen die Illustrationen, die mit den Gedichten harmonieren.

Mit Friederike Haerters Gedichten begebe ich mich auf eine Reise durch die Zeit, und durch verschiedene Länder, sie erzählen Geschichten. Sie folgen einer Chronologie, die sich am Lebenszyklus orientiert. Dass sie teils autobiografisch sind, schreibt die Dichterin auch in ihrem Nachwort.

„nur Kastanien sind krank
geschrieben löchrig braune
Hände kritzeln in den Wind

der Himmel bedeckt sich mit
all den verworfenen Skizzen“

Eingangs betreten wir eine Landschaft, die von einem jungen lyrischen Ich besiedelt ist. Es dürfte sich um die Heimat-Landschaft der Dichterin handeln: es ist die Uckermark nahe der Oder, aber auch bereits nahe der Ostsee. Eine Kindheit in dieser Gegend war prägend, ein Leben auf dem Land zumal bei einer Geburt im Jahr 1989, als alles sich veränderte, politisch wie privat, vieles sich öffnete, manches sich schloss. So streifen wir mit der Protagonistin als Kind durch die Natur, erleben deren wilde Nähe und dann wieder die Suche nach Zugehörigkeit bei den Menschen. Es gibt ein „Wir“, es sind offenbar Geschwister oder Freundinnen, die gemeinsam mit der Fantasie spielen, Drachen steigen lassen, eigene Abenteuer kreieren, ganz unbekümmert. Besonders hier erinnern mich die Gedichte an Kerstin Beckers Lyrik im Gedichtband „Biestmilch“.

„wir hatten Land
hinter Kanten aus Gras
Im Nirgend wo Grenzen verliefen
war Land aus dem Wind
die Drachen stiegen
bunte Kreuze hochgeworfen in die Luft
an einem Faden der so tief
in unsre Kinderhände schnitt“

Die Texte lassen mich auch einen Werdegang erkennen. Ein flügge Werden, ein weg von zu Hause, sogar weit weg. Die eigene Wohnung in Paris (?) folgt, das sich fremd fühlen, die Einsamkeit, aber auch die neuen Chancen. Es folgen Reisen durch andere Länder, noch weiter weg. Und immer wieder die Rückkehr. Die Heimkehr, wenn auch nur kurz. Sehr sinnlich sind die Gedichte, besonders dann, als eine neues Fühlen hinzukommt: das Körpergefühl einer Schwangerschaft, die Inbesitznahme des Körpers durch ein lebendiges wachsendes Wesen.

„und ich stelle mir vor
ein Kind
das sinkt in Richtung Welt
die Schnur die es an mich bindet
meinen Leib
ein Heißluftballon
der sich mit Atem füllt und steigt“

Und auch dann führt der Weg weiter. Neue Orte, neue Landschaften, innere wie äußere. Veränderungen, die auch das eigene Schreiben der Hauptfigur immer wieder in Frage stellen. Doch der Drang des zu Papier bringen Wollens, ja Müssens, der Wortwuchs, lässt sich nicht aufhalten. Und endet, vorerst, im Erscheinen dieses Debütbands, der eine große Sprachbegabtheit zeigt.

„draußen läuft ein Tag
blau an, in die engen Schläfen
presst er sich das
ganze Leuchten
licht belaubter Seelen
eine Linde stillt die Luft“

Viele viele spannende Zeilensprünge gibt es, mehrmals neu lesbar, variantenreich. Was mich vor allem fasziniert, ist die Art, wie Friederike Haerter ihre Gedichte zu Ende bringt. Sie überrascht mich da immer wieder. Die Verse enthalten einen Rhythmus, der mich durch die Zeilen treibt und jeder Reim passt. Und dann immer wieder der starke Schluss. Kein Paukenschlag, aber ein Zimbelklang. Ich, die ich selbst immer mit dem Schluss eines Gedichtes zu kämpfen habe, bin davon begeistert. Die Gedichte sind oft gar nicht lang und enthalten doch alles was nötig ist, um deutlich Bilder aufsteigen zu lassen. Ein stimmungsvolles Debüt! Lesenswert auch, was die Lyrikerin über ihr Schreiben im Nachwort erzählt. Ich habe oft gedanklich zugestimmt.

Im Zugwind flüchtender Tage“ erschien im Aphaia Verlag. Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Lyrik im Herbst – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Herbst 2022

Schon zu einer schönen Gewohnheit geworden: Mein Blick auf die Lyrik in den Herbstvorschauen 2022 der Verlage. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!


Kein Tag ohne“ ist eine lyrische Chronik der vergangenen zwei Jahre – persönlich, intim und zugleich Ilma Rakusas politischstes Buch. Von Oktober 2020 bis Februar 2022 vergeht für sie kaum ein Tag ohne Gedicht. Ilma Rakusa ist Kosmopolitin, eine femme de lettre und Expertin Osteuropas. Dass sie diese grauenhaften und schockierenden Ereignisse nicht unberührt lassen, zeigen Zeilen wie diese: »du willst noch retten / was zu retten ist / nur wie? / ein Wechselbad ist diese Zeit / ihr Siegel: / Bitterkeit« (Vorschautext) Der Band erscheint am 26.8.22 im Literaturverlag Droschl. Von der Autorin bereits besprochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/02/25/ilma-rakusa-impressum-langsames-licht-literaturverlag-droschl/

Die poetischen Texte Yoko Tawadas versetzen die Bilder, das Denken, die Sprache in tänzerische Bewegung, Zusammenhänge springen heraus, verschwinden, Gegenwärtiges erscheint in einem anderen klaren Licht. Leben wird spürbar, im Körper und über Grenzen hinaus. Bewegungen zwischen Zeichen, Existenzfomen, Gegenden der Welt, Wörtern, die wie in allen Texten der Autorin verborgenen Sinn sichtbar werden lassen. Neue Gedichte und Kurzprosa, die meisten auf Deutsch geschrieben, eine Serie (»Steine«) aus dem Japanischen übersetzt von Peter Pörtner. (Vorschautext) Porträt eines Kreisels erscheint am 22.9.22 im Konkursbuch Verlag. Von der Autorin bereits besprochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/22/yoko-tawada-ein-balkonplatz-fuer-fluechtige-abende-konkursbuch-verlag/

Dana Rangas erster, auf Rumänisch geschriebener und von Ernest Wichner nun übersetzter Gedichtband ist Aufbruch in die Welt der Poesie und Abschied aus einer rumänisch geprägten Welt- und Wirklichkeitswahrnehmung. Aufrufung überbordender und burlesker Phantasmen und krude Bestandsaufnahme von Missgeschick und Bitternis und schlichtem, bedrängendem Alltag. All dies getragen von der Macht der Poesie, jener Schönheit, die noch in den düstersten Winkeln grauer Alltagsfotografien einen Moment aufblitzen lassen kann, in dem sich etwas öffnet, verwandelt und Wert ist aufgehoben und weitergesagt zu werden. (Vorschautext) Stop Die Pausen des Sisyphos erscheint am 13.10.22 im Matthes & Seitz Verlag.


In Lina Atfahs Gedichten finden Verwandlungen statt, nicht nur von Welt und Biografie in Sprache, sondern ganz konkret, wenn die ­Dichterin zunächst als Kiesel von den Wellen hin- und hergerollt, sodann eine ­Schnecke, eine Pflanze, ein Baum und ein Vogel wird, schließlich zu dem »Wesen, das mit fünf Fingern Dinge festhält«. n ihrem neuen Gedichtband verbindet Lina Atfah aktuelle gesellschaftliche Themen und Wahrnehmungen mit der Sprachgewalt magischer Bilder. (Vorschautext) Grabtuch aus Schmetterlingen erscheint am 6.10.22 im Pendragon Verlag. Von der Autorin bereits besprochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/06/30/lina-atfah-das-buch-von-der-fehlenden-ankunft-pendragon-verlag/

Sirka Elspaß trifft in ihrem Debüt einen einzigartigen Ton zwischen Pop und Poesie, existenzieller Wucht und müheloser Leichtigkeit. Emotionale Verletzungen, Momente der Einsamkeit und psychische Krisen werden in glasklare, pointierte Bilder gefasst. So schön und so traurig, so herzergreifend und klug, auch weil die Autorin weiß: »niemand steht über den dingen / wir stehen alle mittendrin«. (Vorschautext) „ich föhne mir meine wimpern“ erscheint am 10.10.22 im Suhrkamp Verlag.

Wenn der Lyriker Walle Sayer erzählt, sucht er den Punkt, den Augenblick, die Wendung, den Gedankensprung, mit dem oder durch den Prosaisches in Poesie übergeht. Ihn zu lesen: eine wahre Entdeckungsreise! Zwischen unserem ›Gegenwartsgewusel‹ und dem ›Damalsjetzt‹ erstrecken sich seine neue Miniaturen. »Weißt du noch«, klingt’s in seinem ›Wehmoll‹ an: »als du, so das Nichtstun meditierend, im Schneidersitz zusahst, wie sich auf den gegenüberliegenden Häuserdächern an den Fernsehantennen die Krähen sammelten, daraufhin in den Wohnzimmern darunter das Bild zu rauschen begann …« (Vorschautext) „Das Zusammenfalten der Zeit“ erscheint im September 22 im Kröner Verlag. Vom Autor bereits besprochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/07/14/walle-sayer-was-in-die-streichholzschachtel-passte-kloepfer-meyer-verlag/


Carl-Christian Elze sucht in seinen Gedichten die großen Schauplätze menschlicher Erfahrung auf und nimmt die Leser*innen mit auf diese Expedition in die menschliche Existenz. Es ist ein Kampf zwischen Angst und Zuversicht, zwischen Panik und Produktion, zwischen Glauben und (Ver)Zweifeln. „panik/paradies“ eröffnet uns Leser*innen ein überbordendes Spektrum an Auseinandersetzungen: Kindheit und Kindheitserinnerung, Geschichte und wie wir sie erzählen, tradiertes Wissen und reflektierte Kritik, Politik und ihre Auswirkung auf unser Selbstbild und die Bilder, die wir von anderen haben. Es ist Elzes unverwechselbarer Ton, sein Flow, sein Atem. „panik/paradies“ ist nichts weniger als eine unbedingte, eine schonungslose Hingabe an die Existenz und an die scheinbar unendlichen Fragen, die sie aufwirft. Der Band erscheint im November 2022 im Verlagshaus Berlin. Vom Autor bereits bespochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/14/carl-christian-elze-langsames-ermatten-im-labyrinth-verlagshaus-berlin/

In Motels, im Einkaufszentrum und auf Skype, in Danzig, Zürich oder Manhattan ist Tadeusz Dąbrowski lesend und schreibend unterwegs. Seine Gedichte handeln von Liebe und vom Leben in der Gegenwart, nehmen aber ebenso das Nachbeben vergangener Konflikte auf, indem sie in Sarajevo lesen lassen wie in einem Buch, an die Freilassung von Gefangenen appellieren oder die Spuren von Soldaten auf der Prager Karlsbrücke entziffern. Vor allem setzt Tadeusz Dąbrowski sich mit dem Einfluss des katholischen Erbes auseinander und bringt das freiheitliche Wort der Dichtung damit in Dialog. (Vorschautext) „Wenn die Welt schläft“ erscheint am 16.08.22 im Schöffling Verlag.

Von der Kindheit in der Arbeiterklasse im ländlichen Michigan bis hin zu den gefährlichen Verlockungen von New York City: Virtuos bewegt sich Diane Seuss durch Gedanken und Zeit, Poesie und Punk, AIDS und Sucht, Glaube und Mutterschaft. Trotz drastischer biographischer Erfahrungen verliert Diane Seuss nicht den Humor. In ihrem mal scho­nungslos ehrlichen, mal politisch-pointierten oder lyrisch-verspielten Witz steckt aber auch eine Verletzung, ein Schmerz. In diesen Momenten wird der Humor zum Werkzeug, zum Mittel, um ein an Enttäuschungen reiches Leben zu bewältigen. (Vorschautext) „Frank: Sonette“ erscheint im September 22 im Maro Verlag.


Kann man in unserer Zeit noch an Poesie glauben? „Ich stelle sie mir so vor, noch immer fähig, / sich alles vorzustellen“, schreibt der spanische Dichter Abraham Gragera in seinem programmatischen Gedicht ‚Poesie‘. Lyrisch zu denken ist keine romantische Einbildung, keine Flucht aus unserer Zeit, sondern vielmehr eine Form des Realismus: Denn die poetische Vorstellungskraft schenkt uns auf heilsame Weise die ganze Wirklichkeit zurück, sie verwandelt das Sehen selbst und somit das Verhältnis der Menschen zueinander und zur Welt. Grageras Gedichte sind eine Meditation über unsere nachmetaphysische Zeit. (Vorschautext) „Die weniger einsame Zeit“ erscheint am 26.09.22 im Hanser Verlag.

Marieke Lucas Rijnevelds lyrisches Universum ist unnachahmlich und doch so vertraut. Seine Gedichte sind bevölkert von Fröschen, Schmetterlingen und Seesternen, von Vätern, denen schwierige Fragen gestellt werden, von unsterblichen Großmüttern und Jugendlichen auf ihrem Weg zu einer belastbaren Identität. Und doch scheint nichts belastbar in diesem Kosmos aus zarten Begegnungen und erschütternden Einsichten über Leben und Ableben: Erheiterndes wird tragisch, Statisches kommt ins Wanken, das Unsichtbare greift unvermittelt an. (Vorschautext) „Kalbskummer Phantomstute“ erscheint am 15.08.22 im Suhrkamp Verlag.

Bèstia („Bestie“) ist die erste Gedichtsammlung der preisgekrönten katalanischen Bestsellerautorin Irene Solà in deutscher Sprache. Mit ihrem poetischen Roman „Singe ich, tanzen die Berge“ wurde sie weltweit in über 21 Sprachen veröffentlicht und für ihre besonderen Erzählperspektiven bekannt. Auch in diesem Gedichtband erzählt Solà in besonderen, in tierischen Perspektiven. Ihre Gedichte sind düstere, aufrüttelnde und lyrisch präzise Erkundungen von Geschlecht, Identität, Sexualität und vielfältigen Formen des Begehrens. (Vorschautext) Der Band erscheint am 15.11.22 im Trabanten Verlag.

und last but not least: gar nicht mehr so geheime Geheimtipps:
(Cover können sich noch ändern)


„Meine poetische Arbeit tastet sich an der Grenze zwischen Fantasie und Erinnerung entlang. Ein Gedicht entzündet sich immer an etwas Konkretem, das beim Lesen oder Betrachten einer Szenerie unerwartet aus dem Gedächtnis auftaucht: ein Schlafanzug, eine Laubharke, eine Glasscherbe. Ohne das Konkrete hätte ich keinen Anlass zu schreiben. Und doch habe ich kein Interesse an realistischer Abbildung. Im Gegenteil: Mich interessiert, wie die Erinnerung Dinge und Szenen fortlaufend verwandelt.“ So beschreibt Friederike Haerter im Nachwort ihres Lyrikdebüts „Im Zugwind flüchtender Tage„, wie ihre Gedichte entstehen. Der Band erscheint im September 2022 im Aphaia Verlag.

Falterfragmente/Poussiere de papillon“ heißt der neue Gedichtband von Franziska Beyer-Lallauret. Er erscheint zweisprachig Französisch/Deutsch und enthält feine Illustrationen von Johanna Hansen. Es ist ein Zyklus in 5 Teilen, wobei die Gedichte von Liebe, Nähe, Distanz, Sehnsucht und Trauer sprechen, immer aber auch den Fokus auf Natur und Landschaft und deren Veränderungen richten. Der Band erscheint im Oktober 2022 im Dr. Ziethen Verlag.

wir ländern uns fort“ heißt der neue Lyrikband von Jayne-Ann Igel. Ein vieldeutiger geheimnisvoller Titel, wie ich finde. Im Buch finden sich auch Fotographien der Dichterin, die ein besonderes Geschick hat für ungewöhnliche Blickwinkel und Augenblicke. Zitat:
„sei sichel, sagte sie, die meine mutter war, sei die mit dem
kurzen stiel, und geh dahin, wo ich nie gewesen; mit worten
zu leben heißt, gegenorte zu bilden –“
Der Band erscheint im Herbst 2022 beim Gutleut Verlag.

Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur. Heute wieder etwas anders als gewohnt.

Angelika Stallhofers Lyrikband ist eine Perle, ein kleines Kunstwerk in Sprache und Bild. Ich mag ja diese Kombinationen aus Gedichten und Bild oder Collage sehr. Hier zog mich das Cover magisch an, diese blaue Tiefe betont durch die pinken Durchbrüche, aber auch der wunderschöne Titel. Die Collage/Malarbeiten, die sich ins Innen des Buches erweitern sind von Andrea Zámbori. Die Schriftstellerin und Lyrikerin Angelika Stallhofer hat ein unglaubliches Geschick in der Kürze ihrer Gedichte unglaublich viel zum Ausdruck zu bringen. Ich bewundere das. Das kürzeste zählt gerade mal 2 Zeilen und keines ist länger als eine Seite. Doch sie sprechen Bände in all ihrer Zartheit, stellenweise auch direkt und ungeschönt. Hier werden große Fragen der Herkunft verhandelt oder die eines Vogelgesangs. Im Kleinen das Große und umgekehrt. Große Empfehlung!

Stille Kometen“ erschien im Verlag Edition ch.

Dominique Fortier: Städte aus Papier Vom Leben der Emily Dickinson Luchterhand Verlag

Ein wenig spektakuläres Leben führte die Dichterin Emily Dickinson. Wenig weiß man übers sie. Zeitlebens wurden ihre unzähligen Gedichte nicht veröffentlicht. Das Buch der Kanadierin Dominique Fortier zeigt uns in kurzen Episoden auf, wie Dickinsons Leben hätte sein können. Sie tut das in ungewöhnlicher Form: Teils sehr poetische Abschnitte wechseln mit essayartigen Sequenzen, zusätzlich bindet sie eigene Erlebnisse mit in den Erzählstrom ein. Am besten liest man parallel dazu Dickinsons Gedichte. So eröffnen sich tiefere Einblicke.

„Bis jetzt gibt es Amherst für mich nur auf dem Papier. Ist es gut, wenn das so bleibt? Oder sollte ich, um besser schreiben zu können, die beiden in ein Museum verwandelten Häuser besuchen? Kurz gesagt: Ist es besser, sie so beschreiben zu können. wie sie in Wirklichkeit sind, oder frei zu sein, sie zu erfinden?“

Am 10. Dezember 1830 wurde Emily Dickinson in Amherst, Massachusettes geboren und sie lebte dort bis am 15. Mai 1886 starb. Sie ging zur Schule, durfte ein Jahr lang ein College besuchen, schrieb sehr früh, aber immer nur für sich. Sie zog sich oft sehr zurück, verließ später nicht einmal mehr ihr Zimmer, suchte die Einsamkeit. Fortier berichtet über all das, aber eben nicht wie in einer Biographie, sondern in ihrem ganz eigenen Zugang zur Persönlichkeit und zum Schreiben Dickinsons. Manchmal habe ich beim Lesen das Gefühl, sie versetzt sich direkt hinein in Emily und fühlt, was sie fühlte. Es ist ein schwieriges Unterfangen, denn man weiß sehr wenig über Dickinsons Leben und ein solches Buch könnte leicht übergriffig werden. Doch es gelingt Fortier meines Erachtens sehr gut. Sie entwickelt die nötige Feinfühligkeit, schreibt ihr aber gleichzeitig eine schöne Stärke zu, die sie auch gehabt haben muss, um in der Familie ihren Willen durchzusetzen. Schließlich hat man sie nicht verheiratet und ließ sie in ihrer Besonderheit gewähren.

„Die Zeit vergeht nicht, sie steht still. Jeder Tag dauert eine Ewigkeit, ein ganzes Leben in den Stunden zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Jede Nacht ein kleiner Tod. Trotzdem wacht sie am nächsten Morgen auf, erstaunt, da zu sein. Eine neue Chance wird ihr geboten, aber was soll sie damit?“

Für mich liegt in Dickinsons Schreiben ein besonderer Zauber, vor allem auch angesichts des geringen Spektrums an Inspiration von Außen, dass ihr zur Verfügung stand. Wahrscheinlich gab es ein reiches Innenleben und ein weitreichendes Vorstellungsvermögen. Und sie verfügte sicher über eine große Sensibilität für die kleinen Dinge, etwa die, die im Garten zu finden waren, den Fortier auch oft beschreibt. Dickinson las und schrieb viele Briefe, doch der Kontakt blieb oft einseitig. Alles was Dickinson schrieb, blieb in der Schublade; nur wenige Gedichte fanden in ihre Briefe an Freunde oder Verwandte Eingang. Erst Schwester Lavinia, die ebenfalls unverheiratet im Haus blieb, gab nach Emilys Tod Gedichte zur Veröffentlichung frei. 1890 erschien der erste Band mit der der posthume Ruhm begann.

„Tell all the Truth but tell it slant –
Success in circuit lies;“

Was mir nicht immer stimmig erschien, sind die Episoden aus dem eigenen Leben, die Fortier mit einschiebt. Sie sind nicht wirklich störend, aber ich finde auch keine richtige Verbindung zu Dickinson in ihren Erlebnissen. Wer eine besondere, sehr offene Art an Emily Dickinsons Leben heran zu treten erlesen möchte, dem sei das Buch sehr empfohlen. Es entwickelt eine ganz eigene Poesie. Eine Leseprobe gibt es hier. Erschienen ist es im Luchterhand Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ich habe verschiedene Gedichtbände mit unterschiedlichen Übersetzungen (siehe oben) und kann auch den Film „A Quiet Passion“ empfehlen, den ich 2016 auf der Berlinale sah.

Steinunn Sigurðardóttir: Nachtdämmern Dörlemann Verlag

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„Man vergaß, dass eis nicht aus eis besteht
sondern aus wasser“

Immer wieder ist es Lyrik aus Island, die mich besonders berührt. Diesmal ist es „Nachtdämmern“ von Steinunn Sigurðardóttir. Die Autorin ist im „Schatten“ des Gletschers Vatnajökull unter dem ein Vulkan liegt, aufgewachsen und fand ihn in seiner Konstante immer beruhigend. Bis er zu schmelzen begann …

Das erste Kapitel namens „Es kommt ans Licht“, welches mir auch am besten gefällt, taucht ein in die Biografie der Autorin, immer in Bezug gesetzt zum Berg: Beginnend mit der Geburt, über die Kindheit, die Jugend und das Erwachsensein. Da ist die liebevolle Großmutter gleichen Namens, der Großvater, das Aufwachsen in und mit der Natur. Das Hüten der Kühe auf den Weiden unterm Gletscher. Das Lesenlernen. Das erste Tanzengehen, später das Studium im Ausland und immer auch wieder die Besuche zuhause. Der Blick auf den sich mit den Jahren verändernden Gletschervulkan.

„Und die mooslavagipfel in immer neuen
formen: menschengesicht,
kleiner vogel und trollfrau. Immer wieder
neue, zu der zeit der kinder auf dem
hof, auch derer, die ihr ganzes leben dort
blieben.“

Es gibt ein Kapitel, dass nur mit den Stimmen von Menschen gefüllt ist, die den Vatnajöküll besuchten oder sahen. Die Einheimischen Stimmen sind zu hören, aber auch Touristen, Besucher und Reiseführer. Ganz unterschiedlich sind die Meinungen zum Gletscher. Von Respekt über Angst bis große Freude und Glück beim Anblick.

„Über die schönheit des gletschers zu reden
war nicht in mode.“

Die weiteren Kapitel stehen ganz im Zeichen des Gletschers, bzw. des durch ihn erkennbaren Klimawandels. Die steigenden Temperaturen, die Schneeschmelze, die sich nun nicht nur im Frühjahr zeigt. Der Gletscher, der sein strahlendes Weiß verliert, das je nach Tages- und Jahreszeit in verschiedenen Farben changiert. Der Gletscher, der bald nur noch Berg ist, dunkel und kleiner ist.

Sigurðardóttirs Gedichte werden zeitweise zu Klage- und Trauerliedern oder sogar zur Anklage. Zur Anklage der Menschheit, die schuld ist am Untergang der Erde. Sie thematisiert dabei dann auch das Sterben der Arten, die Erderwärmung, das Mikroplastik im Meer, in den Meerestieren. Sie zählt die Orte am Meer auf, die bald überschwemmt sein werden. Sie geht sogar soweit zu sagen, dass ihre Heimatinsel dann nicht mehr dieselbe ist, nicht mehr Is (Ice)-land ist, nennt es Land von Feuer und Nichts. Bis sie zum Schluss wieder das kleine Mädchen wird, dass das Glück hatte, den Gletscher unversehrt zu erleben.

„aber er ist noch da auf halbmast
über dem massiv des Lómagnúpur.

ich schließe die augen und sehe

früheren glanz, blauleuchtende gewölbe
hier und da ein wolkenknäuel
oder auch ganz wolkenlos“

Sie verdichtet in sehr detailreichen Bildern. Es ist eine Poesie, die durchdringend direkt ist, die manchmal erschreckt, aber eben auch wunderschön ist. Es ist der Versuch eines Weckrufs, bevor es zu spät ist. Im Gegensatz zu den Gedichten am Anfang, als alles noch heil schien, werden die späteren Gedichte inhaltlich immer pessimistischer, ja auch wütender, getragen von einer Liebe zur Natur und von der Angst diese auf Dauer zu verlieren. Meine persönlichen Gedanken dazu sind dabei, dass es die Natur, die Erde ohne uns recht schnell schafft, am Leben zu bleiben. Die Menschheit ist es, die nicht dauerhaft überleben wird …

„Und sternenlos werden die steinreichen
vernichter in ihren unterirdischen bunkern
sein.“

Die Gedichte der in Reykjavik geborenen Autorin, die für ihre Bücher oft schon ausgezeichnet wurde, sind gerade auch wegen des brandaktuellen Themas gut als Erkundung von zeitgenössischer Lyrik geeignet und ich empfehle sie gerne.

Der Band erschien im Dörlemann Verlag. Übersetzt hat es Kristof Magnusson, selbst Autor mit isländischen Wurzeln. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der Dörlemann Verlag hat zum Erscheinen des Buches unter dem Hashtag #klimaistkeinefiction zum Selbstdichten rund um das Thema Klimawandel aufgerufen. Da ich das ja ohnehin mache, gibt es von mir diesen kleinen handschriftlichen Text aus der Reihe Notizen, Selbstgespräche: