2x Lyrik aus dem Elif Verlag: Wolfgang Schiffer: Dass die Erde einen Buckel werfe / Dagur Hjartarson: Schnee über den Buchstaben

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Zwei neue Lyrikbände aus dem Elif Verlag möchte ich vorstellen. Eine Doppelbesprechung bietet sich hier an. An beiden ist Wolfgang Schiffer beteiligt. Einmal als Übersetzer aus dem Isländischen, wie schon bei so vielen Bänden in den letzten Jahren. Und einmal eben auch – darauf war ich sehr gespannt – als Dichter.

An dem Lyrikband mit dem wunderbaren Titel „Dass die Erde einen Buckel werfe“ fiel mir zuerst das schöne Cover auf, dessen Rätsel sich innen auf dem Buchdeckel fortsetzt. Es wurde gestaltet von dem Isländer Ragni Helgi Ólafsson, dessen Gedichte und Erzählungen ich hier auch bereits auf dem Blog besprochen habe. Natürlich in der Übersetzung von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason.

„und heute / gelingt es mir noch / an die Kraft der Wörter zu glauben /
an eine Sprache / die rettet / sehe ich noch Licht in einem Gedicht?

Wolfgang Schiffers schmaler Gedichtband hat es in sich. Er ist in Abschnitte eingeteilt, die sich nach den Wochentagen richten. So folgen wir von Montag bis Sonntag zunächst immer einem Speiseplan, der einmal in hochdeutsch und einmal in Dialekt abgedruckt ist. Es ist der Dialekt (die Mundart des Landstrichs?), den der Held, das Lyrische Ich, ich denke man kann es getrost mit dem Autor verknüpfen, in seiner Kindheit sprach. Dieser Speisekarte ist fast wie ein Zeitanzeiger. Der Inhalt und auch manch spätere Verse weisen auf eine wenig üppige, vielleicht von Armut, zumindest aber auch von Scham geprägte Kindheit hin.

Abwechselnd taucht nun das lyrische Ich in die Vergangenheit, beginnt mit einer kleinen Familienhistorie, begegnet Vater, Mutter; bedenkt sie aus dem Heute, befragt sie. Sogar in seinen Träumen erscheinen sie, weisen auf dies und auf das hin, das vielleicht schon vergessen war. Helfen bei der inneren Suche, ja, nach was? Der Vater, der Arbeiter, der Westernheftchen las, (erinnert mich sehr an meinen eigenen), die Mutter, die einfach die Frau des Vaters war und Mutter natürlich. Mit großer Zuneigung widmet sich Schiffer den Eltern. Aus allem spricht hier die Demut und auch die Dankbarkeit vor der Lebensleistung der Eltern. Der eigene Ursprung wird reflektiert, der Werdegang, jetzt da das Altern viel Raum einnimmt.

„ach Mensch! ach Welt! / wann endet es endlich /
dieses Schmierentheater / das längst schon nicht mehr
zu überbieten ist an Zynismus und Perversion / warum“

Ein zweiter Strang zeigt eine andere Seite, schlüpft wieder in die Gegenwart und liest sich mitunter wie ein Lamento in zutiefst gesellschaftskritischen Versen. Vom kleinen geht es jetzt ins Große: Es geht um die unguten Zustände, die herrschen aufgrund der Machtstrukturen in der Welt. Die Kriege, der Niedergang der Kultur, die Ungerechtigkeiten, die Zerstörung von allen Seiten und die so gar nicht mehr intakte Natur: alles Menschenwerk. Die Frage steht im Raum: Wäre die Welt ohne uns Menschen nicht eine bessere?

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Dagur Hjartarsons zweisprachiger isländisch/deutscher Lyrikband „Schnee über den Buchstaben“ ist in zwei größere Kapitel geteilt. Alle Gedichte sind ohne Groß- und Kleinschreibung und ohne Satzzeichen verfasst. Der erste Teil heißt „die Hirnoperation“ und berichtet aus verschiedenen Blickwinkeln von einer Frau, die einen Gehirntumor hat. Der Beobachter, das Lyrische Ich (man darf auch hier von Autobiographischem ausgehen) be-schreibt, ja beschwört mitunter, die Zeit vor und nach der Operation. Die Sorgen, Ängste und dann auch die Erleichterung, als alles gut gegangen ist und die Zukunft wieder erscheinen darf. Dabei hat die Sprache hier, trotz allem gleichzeitig eine Luftigkeit und Zuversicht in aller Schwere.

„während ich über dich wachte
wurde mir klar
dass die nacht fast gar nichts ist
sie ist nur der schatten der erde

die nacht ist nur der schatten der erde“

Die Familie, die auch im nächsten Kapitel „familienleben auf der erde“ Thema ist, spielt immer die Hauptrolle. Ob ein Kinderwagen geschoben wird oder früh am morgen Kaffee gekocht wird, ob die Nacht durchwacht wird oder ein Schneesturm durch die Stadt fegt, alles ist Alltag und Poesie zugleich. Der Autor verbindet konkret Erlebtes, Erlesenes oder Gehörtes und erzeugt damit überraschende Bilder.

„in dem bericht steht dass viele arten verschwinden werden
noch bevor die wissenschaftler sie entdecken

es gibt also ein verborgenes leben
außerhalb der menschheitsgeschichte“

In beinahe jedem Gedicht finde ich mindestens eine Zeile, die ich genau zu diesem Zeitpunkt des Lesens brauche. Die mich gleichzeitig verankert und aus allem heraushebt. Auch die Gedichte, die von der Kindheit, von diesem besonderen Dasein, weitab des Erwachsenseins erzählen, sind trefflich gelungen. Mir scheint, erinnerte Kindheit ist gerade in der Dichtung ein großes Experiment. Hier und auch im gesellschaftskritischen Teil finden beide Lyrikbände eine Gemeinsamkeit.

„und wir gehen tiefer hinein in das gedicht
gehen bis wir verschwinden
hinter den letzten worten“

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Ich kann beide Bände von Herzen empfehlen, und hier auch gerade denjenigen, die sonst kaum Gedichte lesen. Bereits vorab war ich mir dessen schon sicher. Es sind beides Gedichtbände, die wunderbar poetisch sind aber nicht intellektuell verrätselt. Oft ist die Sprache so eindeutig und wegweisend, dass sie einen um so mehr bewegt und weiterträgt. Wachsen mit Gedichten – eigentlich das Schönste, das es gibt!

Beide Bücher sind im Elif Verlag erschienen. Die Übersetzung aus dem Isländischen kommt von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason. Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

Weiteres aus der zeitgenössischen isländischen Lyrik (ich liebe sie alle!):

Das Alphabet des Feuers – Wolfgang Schiffer liest Gedichte aus Island Hörbuch Elif Verlag

Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme Elif Verlag

Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte Elif Verlag

Knut Ødegård: Die Zeit ist gekommen Elif Verlag

21.3. – Zum Welttag der Poesie: Text und Tusche

Ausmaß

Angst kleidet dich ein

sie wird zum Schneider deines Herzens

gleich morgens nach dem Erwachen

legt sie Maß an.

Notiert Zentimeter um Zentimeter

skizziert die Ausdehnung deiner Not

und näht dich mit exakten Stichen

in ihren Kokon ein.

©Text und Tusche Marina Büttner

Harald Kappel: Stereotomie Neue Gedichte Moloko Print

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Harald Kappels Lyrikband „Stereotomie“ ist für mich eine Überraschung. Ab und an ist man sich in der ein oder anderen Literaturzeitschrift mit dem eigenen Gedicht begegnet oder auf Facebook. Letztes Jahr erhielt er dann den alternativen Poesiepreis genannt Nahbell-Preis. Nun wurde ich angelockt von dem Cover-Bild, das mir in seiner Art als selbst Künstlernde sofort gefiel. Ich war gespannt, wie die Gedichte mit den Illustrationen, die von den beiden Künstlerinnen Marta Magdalena Ferenczy-Kappel und Margareta Loscher stammen,  korrespondieren. Und ich finde, sie tun das sehr gut. Ich weiß gar nicht, was mir besser gefällt, die Bilder oder die Gedichte. Allein die Ausstattung des Gedichtbands ist hochwertig. Schönes Papier, auf dem die Collagen, meist sind es Mischformen aus Collage und Malerei, gut zur Geltung kommen. Und auch die Gedichte sind in einer besonderen Schriftart gedruckt. 

Im Abspann erfahre ich, das Harald Kappel Arzt ist, was mir allerdings während des Lesens schon als Frage im Kopf stand. Denn im Wortrepertoire kommen sehr viele medizinische Begriffe vor, die mir teils bekannt, teils unbekannt sind, die aber unbedingt zu den Gedichten passen, die sich schlüssig einfügen. Tatsächlich mag ich die eigensinnigen Kombinationen, die mitunter wilden Paarungen der Verse sehr. Auffällig sind in den meist kurzen Gedichten die vielen Wiederholungen als technisches Mittel der Verdichtung. Oft in Abwandlung begegnen mir die Anfangsverse am Ende erneu(er)t. Oft trifft mich der Schluss der Gedichte sehr plötzlich; habe ich mich noch gar nicht erholt von der Wucht der vorausgegangen Worte. Vieles muss/will ich mehrmals lesen. Auch in verschiedenen Betonungen. 

Nicht alle Gedichte sind mit einem Bild bedacht, das wäre auch zu viel, aber die, die „bebildert“ sind, verstärken sich gegenseitig aufs Wunderbarste. Es werden Motive aufgenommen, manchmal nur einzelne Worte und diese werden mit Phantasie versponnen und stimmig ergänzt. Es bleibt dabei immer auch viel Raum für die eigenen Bilder, die unvermeidlich durch die Verse hervorgerufen werden. Manche Illustrationen erinnern an die Klecksbilder des Rorschach-Tests aus der Psychologie. Durch Faltung und Abklatsch der Farbe entstehen zwei Hälften, die nie gleich, aber ähnlich sind und hier auch unterschiedlich weiterverarbeitet werden. (Zusammenhang mit dem Titel des Gedichtsbands?) Manche der Bilder bleiben abstrakt, die meisten aber werden konkret. Die, die mir am besten gefallen, Gedicht und/oder Illustration habe ich oben eingefügt.

Gleichheit

ich lebe in einem Leib
oben das hastige Hirn
eine weiße Lunge
draußen
meine schönen Kinder
die Bäume und das Obst
dann grillen wir

ich krieche in einem Leib
unten das krustige Gesäß
ein schwarzer Bronchus
draußen
meine billigen Huren
das Öl und die Pest
dann sterben wir

ich glaube an die Mitte
an die teuren Minister
mit goldenen Nasen
draußen
ein roter Teppich und Chanel No.5
dort verteilen sie 
unser Geld
dann unser Glück
gerecht
unter sich“

Manchmal geht es derb zu, manchmal scheint das Licht hell. Immer finden sich Bezüge zum Alltäglichen, zum Geschehen in der Welt, der inneren und der äußeren. Selten habe ich so gut gelungene Gesellschaftskritik in der aktuellen Lyrik gefunden, die so unauffällig wie direkt ist. Auch die Liebe findet ihren jeweiligen, der Situation angemessenen Raum, kommt körperlich und sinnlich, und zum Glück, wie ich finde, ohne Kitsch und Romantik. Der Tod findet Eingang in die Texte, die Düsternis, Obdachlosigkeit, Alkohol, Social Media, Aktien und Fake News, überhaupt die ganze „schöne neue Welt“. Und das ist gut so. Denn im Gedicht kann sie verwandelt oder zumindest benannt werden, beim Schreiben und dann noch einmal beim Leser. Empfehlung!

„Stereotomie“ erschien im Verlag Moloko Print. Danke, Harald Kappel, für das Rezensionsexemplar!


3 x Lyrik – Kurzüberblick erlesener Gedichtbände: Eva Maria Leuenberger: Kyung / Anthologie Rote Spindel, schwarze Kreide / Séptimas von Klaus Anders

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Für manche bereits gelesenen Lyrikbände fehlen mir Worte und/oder Zeit, um einen längeren Blogbeitrag zu schreiben, obwohl ich sie sehr mag und empfehle. Deshalb hier ein kurzer Einblick in loser Folge:

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„ein ich /      außerhalb ihrer eigenen äußerung
schwebend, mit beiden füßen fest auf der erde
eine handvoll augen, ohne gesicht, eine handvoll stimmen,
ohne körper

eine leerstelle, wo der name war

erinnerung, fragmentiert zu sprache“

Eva Maria Leuenbergers zweiter Lyrikband nach „dekarnation“ ist ganz anders. Sie hat sich diesmal an einer konkreten Person, an einem konkreten künstlerischen Werk orientiert und macht etwas ganz Besonderes daraus. Wie schon der Titel verrät, geht es um die koreanisch/US-amerikanische Künstlerin Theresa Hak Kyung Cha (1951-1982), die im Alter von 31 vergewaltigt und ermordet wurde. Leuenberger hat sich intensiv mit deren Werk, vor allem mit „Dictée“ (was erst posthum veröffentlicht wurde) und mit deren Biographie auseinandergesetzt. Entstanden ist ein Band, der dieser Künstlerin ein Denkmal setzt. Die Wertschätzung für Kyungs Kunst zieht sich durch das ganze Buch, ohne Leuenbergers eigene Stimme zu überdecken. So werden auch Worte und Bilder Kyungs mit eingebunden und in ihrer Tiefe sensibel durchleuchtet. Der Band erschien im Droschl Verlag.

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MärchenTitelMaerchen.jpg Rote Spindel

Ich habe die Märchen vergessen. Sie vergessen mich nicht.
Wir lernen uns näher kennen nach Mitternacht in den Bil-

derbüchern hinter den Bergen. Da deuten uns die Sterne.
Das Zündholzmädchen kocht mir Tee im gesprungenen Glas.
Ich fülle die Schachtel mit Gedanken-Splittern.“

Rose Ausländer

„Rote Spindel, schwarze Kreide“ versammelt Gedichte klassischer und zeitgenössischer Lyriker*innen zu einer wunderbaren Sammlung von Texten über Märchen in einem Band. Herausgegeben von Birgit Kreipe und Ron Winkler, die beide selbst Gedichte schreiben, zeigt sich eine traumhafte Fülle, die die Leser in eine Zauberwelt entführt. Im Vorwort erläutert Birgit Kreipe die Herkunft der Märchen, ihre Beziehung zu Träumen und auch zur Psychologie und erzählt, wie bei der Auswahl der Texte vorgegangen wurde. So überwiegen zeitgenössische Dichter*innen, wobei das älteste Gedicht von 1880 stammt und die neuesten aus dem 21. Jahrhundert. Die meisten Gedichte beziehen sich dabei auf die Grimm`schen Märchen. So gefiel mir beispielsweise besonders gut das Gedicht „Märchen“ von Selma Meerbaum-Eisinger:

„So weit meine Augen sind –
verloren in einem Wald,
spielen sie blind und tot mit dem Wind,
und ich – bin müd und kalt.“,

aber auch Rolf Dieter Brinkmanns „Schneewittchen“

„…wer weiß in der luft die leuchtet weiß her und tanzt geliebte im wind der weiß geliebte vornüber hinunter auf dächern die sterne …“ 

und Werner Söllners „Märchen zur Unzeit“:

Alles und nichts in Käfig und Reuse.
Die Welt ist entzaubert, Hans ist im Glück.
Wer nicht mehr am Gold klebt, sagt leise:
Einmal Bremen, hin und zurück.“

Weiterhin finden sich Gedichte von Birgit Kreipe selbst, von Nora Gomringer und Nora Bossong, von Gertrud Kolmar und Erika Burkart, von Kerstin Hensel und Elke Erb, von Paul Celan und Günter Eich und viele viele mehr. Der Band erschien im Verlag Edition Azur.

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„Lang ging ich in düsteren
Gedanken, die Wälder schlossen sich
hinter mir, keiner folgte, ich blieb
lang allein mit den Bäumen.
Sie schützten mich, sie sprachen mir zu
bis die Düsternis schwand, bis ich sang,
mit neuen Liedern heimkam.“

Klaus Anders` neuer Lyrikband „Séptimas“ versammelt lauter siebenzeilige Gedichte, die meditativ sind wie Haikus, aber durch ihre etwas längere Form mehr verraten. Sie sind wunderbar zum täglichen Lesen geeignet, vielleicht morgens oder abends wie ein Gebet. Für den Geist ist es genau richtig, sieben Zeilen, die leicht zu lesen sind, aber mitunter wie ein Koan zum Weiterdenken herausfordern. Es finden sich Bezüge zur Weltliteratur, zum Menschsein, zur Natur und im letzten Kapitel sind die Verse 7 japanischen Dichtern gewidmet. Der Band erschien in der Edition Rugerup.

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Lyrik im Frühjahr – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Frühjahr 2022

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Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Frühjahrsvorschauen 2022 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

Seit über 40 Jahren schreitet das »Jahrbuch der Lyrik« die poetischen Landschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz ab. Von nun an tritt Matthias Kniep an seine Stelle. Als Mitherausgeberin konnte er die Dichterin Nadja Küchenmeister gewinnen. Gemeinsam haben sie aus über 600 Einsendungen von Lyrikerinnen und Lyrikern, jungen und älteren, bekannten und unbekannten, die besten Gedichte ausgewählt und zusammengestellt. Die Anthologie will die Bandbreite dessen abbilden, was in der Dichtung möglich ist. Wie wird heute geschrieben, welche unterschiedlichen Ansätze gibt es? Das Jahrbuch präsentiert den großen Reichtum der Gegenwartslyrik. (Verlagstext) Es erscheint am 1.3.22 im Schöffling Verlag.

Zwei Orte, zwei Jahreszeiten, zwei Personen in zwei Teilen eines Ereignisses. Das trockene und das feuchte Element, Hell und Dunkel, Innen und Außen, Belebtes, Unbelebtes, Wiederbelebtes und Nichttotzukriegendes bilden die Dichotomien und Isotopien dieser Gedichte, durch die die Tiere ziehen und die Gestirne – denn alles spielt sich gleichzeitig im Himmel und auf Erden ab. Wörtliche und prophetische Rede, untermalt von etwas Musik, ein Gegenübertreten von Sommer und Winter. Auch mit ihrem dritten Gedichtband beweist Judith Zander, dass sie eine Meisterin der kurzen Strecke ist. (Verlagstext) „im ländchen sommer im winter zur see“ erscheint am 16.2.22 beim DTV.

Am Anfang war das Licht, oder doch die Lumières? Von der Erschaffung der Welt ist es in Ulrike Almut Sandigs neuem Gedichtband nur ein »Feuer, Erde, Wasser, Sprung« zur Sinfonie der Berliner Großstadt. Sandigs neue Texte sind nicht nur visuelle Poesie auf dem Papier, sondern auch Loops im Ohr und filmische Bildexplosionen für alle Sinne. Mit Sprechsoftware rückt sie Gedichten der deutschen Romantik zuleibe und fasst deren koloniale Kehrseite in kunstvolle Anagramme. Vor allem aber schafft die Dichterin in »Leuchtende Schafe« einmal mehr »Welten voller mythischer Bilder, die sich tief ins Bewusstsein eingraben« (Matthias Ehlers, WDR). (Verlagstext) „Leuchtende Schafe“ erscheint am 1.3.22 im Schöffling Verlag.

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Dichten heißt, im Dialog zu stehen mit sich selbst und mit Texten geschätzter Schriftsteller*innen, den Blick aber stets auch darüber hinaus zu weiten. Nach ihrem letzten Lyrikband hochgestimmt, in dem Monika Vasik sich der Musik und den Stimmen von Sängerinnen widmete, wendet sie sich nun dem Thema Frauenrechte zu. In vielschichtigen Porträts steht die Dichterin im Zwiegespräch mit Frauen aus mehr als sieben Jahrhunderten. Jede von ihnen versuchte auf ihre Art, sich Konventionen der Zeit sowie patriarchalen Normen und Rollenbildern zu widersetzen und ein Stück Freiheit zu erringen. Statt sich beschränken zu lassen, wandten sie sich der Welt zu, kämpften für ihre Rechte und für die Gleichstellung der Geschlechter. Alle zahlten einen hohen Preis dafür. (Verlagstext) „Knochenblüten“ erscheint am 21.2.22 im Elif Verlag.

Auf Wolfgang Schiffers freue ich mich besonders: Ein Mann erinnert sich an seine Kindheit, an seine Eltern, an ihre einst gemeinsame Sprache, die ihm genommen wurde, an die sozialen Verhältnisse, die ihn ebenso prägten wie die Landschaft, die das niederrheinische Dorf, in dem er aufwuchs, umgab. Und aus der Erinnerung, freudig wie schmerzvoll, erwächst Klage über den Zustand der Welt, über die Zerstörung der Erde und des Miteinanders, sucht ein melancholisch-verzweifeltes Aufbegehren nach Wörtern, die eine Umkehr der Menschen von ihrem Tun und Unterlassen erzwingen wollen, doch ahnen, dass es diese nicht geben wird … (Verlagstext) „Dass die Erde einen Buckel werfe“ erscheint am 21.2.22 im Elif Verlag..

Schnee über den Buchstaben enthält Gedichte, die im isländischen Original in zwei getrennten Bänden und in einem Abstand von drei Jahren erschienen sind. Dagur Hjartarsons Gedichte sind persönlich, klar und stark in ihrer Einfachheit, voller Wärme für alles, was die Welt bereithält, und voller Sorge über das, was der Mensch ihr an Verstörendem, Vernichtendem antut. Oft lassen sie uns erstaunen, öfter noch hinterlassen sie Wunden, die uns an unsere eigene Verletzlichkeit erinnern und an unsere Fehlbarkeit gemahnen. (Verlagstext) Der Band erscheint am 21.2.22 im Elif Verlag..

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Kerstin Beckers Gedichte glühen aus dem Dunkel. Sie erzählen vom Vergehen, dem Seelenlaich, vom Leben zwischen den Systemen, von Gestrandeten, einem wir, das durch die Erinnerungen wildert, den Asseln auf der Spur und andern kleinen Wundern am Rand der ausgezehrten Äcker. Schmerzlich schön sind diese kunstvoll rhythmisierten Verse, die das Tragische, die Wunden nicht scheuen – weil es der Preis für einfach alles ist. Ein Preis, ohne den diese Gedichte nicht zu haben sind. „Das gesamte hungrige Dunkel ringsum“ erscheint am 14.3.22 in der Edition Azur/Voland & Quist.

Nachtdämmern versammelt Gedichte Islands berühmtester Dichterin zum sterbenden Großgletscher Vatnajökull in Südostlisland, dem Gletscher von Steinunn Sigurdardóttirs Kindheit, der in unseren Tagen weltweit zum traurigen Symbol des Klimawandels geworden ist. (Verlagstext) Der Band erscheint im Dörlemann Verlag am 28.4.22.

Während der Sowjetzeit bis zur Perestroika konnte Jelena Schwarz zensurbedingt keine einzige Zeile publizieren. In der inoffiziellen Lyrikszene Leningrads aber war sie als große Dichterin anerkannt. Heute gilt sie neben Achmatowa, Mandelstam oder Brodsky als eine der bedeutendsten Stimmen der russischen Poesie. Ihr Werk übt großen Einfluss auf jüngere Generationen aus. Dabei steht Jelena Schwarz immer im intensiven Dialog mit der gesamten Weltliteratur und Philosophie. (Verlagstext) „Buch auf der Fensterbank erscheint im Matthes & Seitz Verlag am 17.2.22.

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Seit jeher sind Wasserläufe in Geschichte und Geschichten eingewoben. Doch Wasser selbst trägt Sprachen in sich und diktiert, was »poesie über wasser weiß« und welche Worte in den Wellen wohnen. Siljarosa Schletterer hört in ihrem Debüt „azur ton nähe“ der Fluss- und Seenlandschaft Mitteleuropas zu. Die Vielsprachigkeit von Wasser ist das zentrale Motiv ihrer Lyrik, in der die Aufmerksamkeit auf das sozioökologische Gewicht der Gewässer gerichtet wird. Die Gedichte wollen im Sinne von nature writing eine »neue zunge zeugen, eine sprache finden / die wasser beschreibt«, denn »jeder fluss hat eine seele«, erzählt unsere Gesellschaft und wartet auf eine »verbleibende / herzantwort«. (Verlagstext) Erscheint im Limbus Verlag am 25.3.22.

In den neuen Gedichten von Sabine Schiffner werden Geschichten von Verrat und Verlust, von Geburt und Tod, von Lebensfreude und Vergänglichkeit, von Familie und von Einsamkeit erzählt. Mit manchmal fast naivem, oft befremdetem Blick beobachtet sie und wundert sich über die jetzige und die vergangene Welt, die ihren biografischen Kosmos berührt. Die Worte kommen in diesen Gedichten scheinbar leichtfüßig tänzelnd daher und streifen einen wie im Vorbeigehen. Wenn man aber stehen bleibt und sich einlässt, sieht man hinter der rhythmischen und genau durchdachten Sprachkomposition die tiefe Wunde. Sabine Schiffners Sprache ist immer musikalisch, oft zugleich rau, Alltagssprache mit Hochpoetischem verbindend, ernüchternd, überraschend. „Wundern“ erscheint im Quintus Verlag am 3.3.22.

Eine Landschaft kippt, ein Ich kehrt noch einmal zu seinem Geburtshaus zurück, das sich inzwischen hinter Efeuranken verschließt, derweil kreisen Gefühle um eine längst zur Chimäre gewordene Liebe – die neuen Gedichte von Björn Hayer berichten von Momenten des Umschlagens und der Verfremdung. Zugleich zehren sie von dem unbeirrbaren Versuch, Verlorenes wieder zu vergegenwärtigen. Was bietet die Fläche? Das Nichts oder doch die noch ungenutzte Möglichkeit? Klar ist: »Dichten, frei über der Erde, / ist das fünfte Element«. (Verlagstext) „Verschwörung einer Landschaft“ erscheint im Quintus Verlag am 3.3.22.

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„Ich wurde geschaffen, um zu sterben, doch ich bin jetzt hier, um zu bleiben“ schreibt Ocean Vuong in seinem neuen Gedichtband, der eine bewegende Elegie für seine verstorbene Mutter enthält. Der Schmerz und die Freude, die Gewalt und die Zartheit, die Andersartigkeit von Begehren und sozialer Herkunft, die gespaltene Identität des Einwandererkindes – in „Zeit ist eine Mutter“ finden sich die Themen seines gefeierten Romans „Auf Erden sind wir kurz grandios“ wieder. Vuongs Stimme ist unverwechselbar. Niemand hat in unserer Zeit eindringlicher und zugleich intimer über die Wunden Amerikas gedichtet. (Verlagstext) Der Band erscheint im Hanser Verlag am 11.4.22.

Tomas Venclova ist einer der großen Dichter unserer Zeit. In seiner Heimat Litauen erlebte er den langen Winter des Totalitarismus, wegen seiner kritischen Haltung kam er in Bedrängnis. Es folgten Exil, Reisen und Heimkehr – die Lebensthemen seiner Lyrik –, doch als dieser unfreiwillige Weltbürger schließlich zurückkehrte, war das Land ein anderes. Was unverändert blieb, ist die rettende Kraft der Sprache. Stets beruft sich Venclova auf die Tradition der europäischen Literatur – von der griechischen Klassik bis zur Moderne. Lakonie, kristallklare Eleganz und feiner spöttischer Witz zeichnen seine Poesie aus, jene „unwirkliche Wirklichkeit“, die sich unauflöslich mit der Erfahrung der Welt verwebt. (Verlagstext) „Variation über das Thema Erwachen“ erscheint im Hanser Verlag am 14.3.22.

Federico Italiano gehört zu den „stärksten Lyrikern seiner Generation“ (La Repubblica). Seine Gedichte verbinden auf höchst originelle Weise Naturbetrachtung – die Reisfelder seiner Heimat Piemont – mit weltumspannend postmodernen Bildern, in denen exotische Riesenkrabben ebenso auftauchen wie nigerianische Scrabble-Weltmeister. Seine spielerisch elegante Lyrik sucht auch den Dialog mit anderen Poeten, ob man sich mit Ted Hughes zum Kaffee verabredet oder Brodsky ein Postskriptum schreibt. „Sieben Arten von Weiß“ versammelt die schönsten Gedichte von Federico Italiano in der glänzenden Übersetzung von Raoul Schrott und Jan Wagner. Erscheint am 14.3.22 im Hanser Verlag.

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Christine Lavant ist eine der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Lavant selbst sprach von ihrer Kunst als »verstümmeltes Leben, eine Sünde wider den Geist, unverzeihbar« und war sich dennoch ihrer poetischen Kraft gewiss. Ihre Gedichte, je zur Hälfte etwa veröffentlicht zu Lebzeiten bzw. aus dem Nachlass, erzählen von verletzten Kinder- und Frauenseelen, von Armut, Krankheit und Ausgrenzung, von der Suche nach Gott und der Auflehnung gegen ihn, aber auch von der befreienden Kraft der Liebe. Maja Haderlap, Kärntnerin wie Christine Lavant, wurde 2021 mit dem Christine Lavant Preis ausgezeichnet, sie hat eine sehr persönliche Auswahl der schönsten und bewegendsten Gedichte der Kollegin getroffen. „Seit heute, aber für immer“ erscheint im Wallstein Verlag am 9.3.22.

Ernst Halters große Auswahl der Gedichte Erika Burkarts stellt exemplarisch das jahrzehntelange lyrische Schaffen der Dichterin vor, deren Entwicklung dem gängigen Muster – Aufbruch ins Ungewohnte, neuartige Diktion, Konsolidierung, Reife, Abgeklärtheit, Rückzug – widerspricht: Sie geht genau den umgekehrten Weg. «Lies beide Seiten» wird das Motto ihres Schreibens. Es berichtet von erhoffter Transzendenz des lebendigen Hier in ein uns nicht erkennbares, geahntes Dort, wo sich ein Sinn finden könnte. Wir leben auf einer planen Fläche und sind nichts als das Spiegelbild des Mysteriums unserer eigenen Existenz, das unseren Blicken undurchdringlich bleibt. Ihre großen Gedichte sind Spiegelschrift. (Verlagstext) Der Band erscheint im Limmat Verlag am 27.1.22.

Nelly Sachs feierte Karin Boye (1900-1941) als »leidenschaftliche Verschwenderin ihrer Seelenkräfte«, der »Schweden einige seiner schönsten Gedichte zu verdanken hat« und Peter Weiss setzte ihr im dritten Band seiner »Ästhetik des Widerstands« ein literarisches Denkmal. Am bedeutendsten ist sie als bildmächtige Lyrikerin der Sehnsucht, der Nacht, des Unbewussten und nicht zuletzt des Coming-out. Sie verdient ihren Platz neben anderen Ikonen des 20. Jahrhunderts wie Anna Achmatova, Sylvia Plath oder Ingeborg Bachmann. Ihr lyrisches Gesamtwerk erscheint nun erstmals auf Deutsch. (Verlagstext) „Sämtliche Gedichte“ erscheint im Razamba Verlag am 15.3.22. 

Titel-Photo: Constanze Matthes

Meine Liebsten im Jahr 2021 – Teil 2: Lyrik

20211120_233745917128852710877099.jpgMein literarischer Jahresrückblick: Es war ein gutes Lesejahr, immerhin …
Mit Überraschungen, wie beispielsweise gleich drei starken Debüts aus dem hohen Norden. Mit wunderbaren Hörbuchstimmen. Und zauberhafter Lyrik. Mit faszinierenden Romanen aus aller Welt und einer deutschen Buchpreisträgerin. Aus unabhängigen und Publikumsverlagen. Von Autoren und Autorinnen, wobei in diesem Jahr die weiblichen Stimmen stark überwiegen, ohne dass ich es bewusst so gewählt hätte.
Ein Überblick über meine diesjährigen Highlights in der Lyrik: Mit Klick auf das Bild kommt man zum Blogbeitrag. Teil 1Roman, Debüt, Erzählung, Buchkunst, Hörbuch im vorherigen Blogbeitrag.
Viel Freude beim Entdecken!

Yordanka Beleva: Der verpasste Moment eta Verlag

„ich bin einsam
und weiß nicht von wem“

Ich habe wieder eine lyrische Perle entdeckt! Im eta Verlag, einem unabhängigen Verlag mit Sitz in Berlin verlegt Petya Lund überwiegend bulgarische Literatur, aber nicht nur. Das Programm erweitert sich stetig. Ganz brandneu ist der zweisprachige Lyrikband „Der verpasste Moment“ von Yordanka Beleva. Ich freue mich sehr, dass ich diese Autorin aus Bulgarien entdecken kann. Mir gefiel schon der Titel, da ich mir gerade selbst viele Gedanken über die verpassten Momente im Leben mache. Dazu kam das schöne Cover. Schwarze Buchstaben oder sind es Satzzeichen? fallen aus dem Himmel in eine schwarz/weiße Landschaft. Die Künstlerin Gaby Bergmann interpretiert die Gedichte der Lyrikerin in stimmigen Bildern.

Es sind Momente, die wir alle kennen: etwas geschieht, wir denken zu lange nach, zögern und handeln nicht. Und schon ist er da, dieser verpasste Moment. Yordanka Beleva hat uns ihre Momente lyrisch aufgearbeitet in kurzen bis sehr kurzen Gedichten. Gerade die kurzen, die extrem verdichtet unglaubliche Aussagekraft haben und die in mir sofort Bilder entstehen lassen, begeistern mich. Und der Band enthält das schönste Großmuttergedicht, dass ich kenne:

„oft träume ich da sitzt meine baba
mein traum ist eine bank zum aufwärmen
unter der sonne beider welten

manchmal setzt sich meine stimme neben ihre
aber das sind keine gespräche

ich sage sowas wie
baba, wie schön dass du nicht tot bist
während sie zu mir sagt
danalein, ich träume dich auch lebendig

dann zerfällt die bank“

Beleva beschäftigt sich in ihren Gedichten mit der Sprache. Wie und mit welchen Mitteln entstehen Gedichte? Welche Momente sind die, die in Worte zu fassen sind? Welche Verbindung geht die Wirklichkeit mit den entstehenden Versen ein? Der Alltag zeigt auch immer ein poetisches Gesicht. Die kleinsten Kleinigkeiten erhalten so einen Rahmen. Was unscheinbar wirkt wird so gestärkt und darf wie auf einer Bühne auftreten und wirken. Die Gedichte werden nicht nur von den feinen Schwarz/Weiß-Zeichnungen begleitet, sondern enthalten selbst oft Bilder. Kreide, Farben, Tusche: “ die zeichnungen werden regelmäßig gewechselt wie ein wundverband“

Viel Liebe finde ich in und vor allem auch zwischen den Zeilen. Glückliche und unglückliche. Nahe und ferne. Gelungene und verschobene. Im längsten Gedicht „Vasil“ welches zeilenwechselnd in Bulgarisch und Deutsch abgedruckt ist, glaubt man sich erst in der Natur an einem großen Fluss, doch scheint es sich schließlich eher um einen flüchtigen Liebhaber zu handeln. Es droht oft der Verlust in Belevas Versen, nicht nur der Partner, auch die Großeltern gehen (Es gibt auch ein Großvater-Gedicht); aber noch weiter weg – auf die andere Seite.

„nur in deiner leisen stimme
verschiebe ich den tod auf später
und ich weiß nicht was mich mehr verlässt während du sprichst
leise zerteilst du die luft damit ich leise die niederlagen atme
nur um lauter noch an dich zu denken“

Die Texte sind zweisprachig abgedruckt, je nach Gedicht in unterschiedlicher Form. Aus dem Bulgarischen übersetzt wurden sie von Henrike Schmidt und Silviya Vasileva. Aus dem informativen Nachwort erfahre ich unter anderem auch über einige Besonderheiten der bulgarischen Sprache und wie diese von den Übersetzerinnen übertragen wurden. Vor allem auch um den von der Dichterin vorgegebenen Klang und Rhythmus zu erhalten. Mir erscheint es sehr gelungen. Ein Winterleuchten!

Das Buch erschien im eta-Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Levin Westermann: Farbe Komma Dunkel Matthes & Seitz Verlag

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„und was mich rettet sind die bücher
ist die sprache und ihr klang

Bereits mit seinen letzten beiden Lyrikbänden „3511 Zwetajewa“ und bezüglich der schatten“ hat mich Levin Westermann verzaubert. Ihm gelingt es, mich vollkommen aus der Außenwelt abzuziehen und dennoch in seiner Sprache wieder darin aufzutauchen. Aber anders. Und woanders. Es ist ein Raum, in dem ich die Welt anders sehe und mich selbst verändere. Solch eine Lektüre ist ein unglaubliches Glück und ich kann es jedes Mal wieder kaum fassen, dass es diesen Raum der Sprache gibt, der offenbar mit meinem schwingen kann. Selten passiert solches mit Gedichten und umso kostbarer sind sie mir dann.

In „Farbe Komma Dunkel“ glaube ich gleich eingangs den Text zu erkennen, den Westermann beim Bachmannpreis-Wettlesen im letzten Jahr vorgelesen hat. Doch es ist nicht ganz der gleiche, er ist leicht verändert, verschoben, manche Zeilen und um viele Verse ergänzt zum Langgedicht. Das Gedicht lebt von seinen Wiederholungen, lebt vom Rhythmus und wird immer besser, je länger man liest und je häufiger sich Zeilen wiederholen, immer dann, wenn man sie gerade über den neuen wieder vergessen hatte. Es ist eine Art Litanei, könnte Mantra, könnte Gebet sein; und es sollte laut gelesen werden. Dann entspinnt sich der Zauberfaden an dem sich alles entlang schlängelt. Alles ist klein geschrieben, ohne Absätze, 100 Seiten lang. Ich habe sie an einem Stück gelesen, weil es nicht aufhören sollte.

„alles wiederholt sich
alles wiederholt sich
tag für tag
fortwährend läuft dasselbe band
ein hörbild namens leben“

Westermann schreibt über ein Lyrisches Ich, welches sich in einer bestimmten tagein tagaus fortsetzenden Langeweile befindet. Ein Ich, welches seine Tage in einem Haus auf dem Land in der französischen Bresse verbringt. Am Laufen wird es gehindert von einer Verletzung oder OP der Hüfte. Durch eine gewisse körperliche Bewegungseinschränkung, dehnt sich das Geistige, der Verstand umso weiter aus. Es ist Zeit für: Hühner füttern, Schafe fragen, Kaffee kochen „und dann geht die sonne wieder unter und dann geht die sonne wieder auf“So vergeht die Zeit und wir dürfen teilhaben am Bewusstseinsstrom des Ichs. Es ist ein Ich, das grübelt, nachdenkt, liest, schreibt, Post erwartet. Oft verzweifelt, voller Sehnsucht und Melancholie. Mit kleinsten Freuden dazwischen (wie z.B. ein Igel). Es ist ein stetes Hinterfragen. Und es beschreibt für mich auch den Prozeß des Schreibens an sich.

Tiere tauchen immer wieder auf, einzeln oder im sogenannten Kollektiv (Rehe, Frösche, Schafe). Erinnerung an Reisen, an Orte tauchen auf. Paris, New York. Hitze und Kälte. Durch das tägliche Zeitunglesen bricht die Außenwelt in die Abgeschiedenheit des Landlebens. Die Bedrohung. Ein US-Präsident. Der Amazonas brennt und dann Kalifornien. Rehe werden nicht etwa getötet, sondern vom Jäger dem Wald entnommen. Nerze werden gekeult, nicht getötet. So ist Sprache. Geschönte, unehrliche Sprache zum Wohl der Menschen. Und das Ich leidet darunter. Doch die Natur kommt zurück, die Nerze kommen wieder an die Oberfläche, die toten Nerze. Das Ich leidet unter der Welt, leidet am Dasein, am Schmerz, an der Leere. Somit zeigt sich Westermanns Lyrik nicht nur ichbezogen, sondern auch gesellschaftskritisch.

„und ich schaue in die zeitung
und ich lese diesen satz
ich lese diesen einen lauten satz
unsere gehirne sind nicht dafür gemacht
über die sterblichkeit zu grübeln
und ich starre auf die wörter
und ich denke: so ein quatsch
ich denke: großer quatsch
denn ich sitze und ich grüble
ich sitze und ich grüble
tag für tag
das ende in gedanken
tag für tag“

Da sind dann die erhabenen Momente, wenn auf dem Friedhof Montparnasse Gott erscheint, in Form eines Habichts. Oder wenn die Lektüre von Ilse Aichinger, Sylvia Plath, Louise Glück, Cioran und Rilkes „Panther“, das ausspricht, was zählt und berührt.

„und ich denke an ein buch
von Cioran
wo dieser schreibt
der wahnsinn
ist vielleicht nichts anderes
als ein kummer
der keine entwicklung mehr erlebt“

Manch einer mag vielleicht die ständigen Wiederholungen oder das andauernde „und dann …“ kritisieren, dass auch schon beim Bachmannpreis Thema war. Für mich ist es allerdings genau die richtige Verbindungsform, denn nichts anderes ist das Geschehen in der Welt, als ein andauerndes Weiter und Weiter. Ein unglaublich „echtes“ Buch. Ein Leuchten!

Der Lyrikband erschien im Matthes & Seitz Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte Elif Verlag

selten
so abseits im eigenen leben

als wenn ich in frauenzeitschriften blätterte
im friseursalon und beim zahnarzt im wartezimmer

Ein neuer Band der Isländerin Linda Vilhjálmsdóttir ist im Elif Verlag erschienen. „das kleingedruckte“ schließt in seinem Inhalt fast direkt an den vorherigen Band „Freiheit“ an und ist zweisprachig. Die 1958 geborenen Lyrikerin, die auch Krankenpflegerin ist, ist in ihrer Heimat bestens bekannt und wurde mit verschiedenen Preisen für ihre Werke ausgezeichnet. Ihre Themen sind Gesellschaftskritik, Frauenrechte und der Blick auf die Veränderungen diesbezüglich im eigenen Land. Der Band ist schön gestaltet, mit durchbrochenem Schutzumschlag, der das kleingedruckte durch zwei Lupen deutlich erkennen lässt. Tatsächlich sind auch alle Gedichte in Kleinbuchstaben gedruckt. 

So startet der neue Band mit einem Zyklus, der den „Bergfrauen“ gewidmet ist. Es ist Tradition am isländischen Nationalfeiertag, dass eine Frau im Bergfrauenkleid ein Gedicht vorliest. (Es gibt also nicht nur Amanda Gormans „The hill we climb). 2018 wurde Vilhjálmsdóttirs Gedichtzyklus gelesen, in dem sie alle Frauen, nicht auf einen Sockel, sondern gleich stellt.

nach
einem halben jahrhundert
blutigen kampfs
das zerbrechliche selbstbildnis
innerhalb einer akzeptablen fehlerspanne aufrecht zu erhalten

kann ich behaupten
dass frauen wie ich
immer noch unbekannte größen sind

Es kommt dann ein Zyklus, der sich sowohl übergeordnet mit der Rolle der Frau beschäftigt, aber eben auch direkt die eigenen persönlichen Erlebnisse dazu mit einbezieht: der ewige Kampf um Gleichstellung, die Reduzierung auf Äußerlichkeiten, die Entscheidung für oder gegen die Mutterschaft.

und als das herz
vor scham derart zerschlagen war

dass ich nicht ohne zu weinen
von zimmer zu zimmer kam

da habe ich endlich begriffen
dass es mit der scham eine ende haben musste

ich sollte mich nicht weiter vor mir hertreiben lassen
von der scham

und durfte mich nicht länger
für mich selbst
schämen

Im Zyklus „Manchmal fühle ich mich wie …“ versetzt sich die Dichterin in die Lage, derer, die es schwer haben und leiden müssen. Sei es der alte Mensch, den keiner mehr wahrnimmt, das Pelztier im Versuchslabor, die Frau im Pflegeberuf.

Im dritten Zyklus geht es um die Herrschenden, um (korrupte?)Politiker und es geht um Macht(missbrauch) und Männlichkeit. Hier wird Vilhjálmsdóttir sehr direkt in ihrer Wortwahl zu konkreten Ereignissen.

Zu guter Letzt zeigt uns die Autorin Bilder aus der eigenen Familiengeschichte; es geht um die Frauengenerationen. 

bevor aber das jahrhundert zur hälfte vorbei ist
werden die finger und die vorgereckten kinnspitzen
unserer vorfahrinnen

wie
wegweiser oder steinwarten
aus den schmelzenden Gletschern ragen

Die Großmutter aus armen Verhältnissen, die 10 Kinder gebar, von denen nicht alle überlebten, die Wolle spinnt für die Enkel, den getrockneten Fisch zubereitet und im Nylonkittel zur Putzstelle geht. Die Mutter, die mit 15 Jahren von der Schule abgehen musste und „im Fisch“ arbeitet. Und dann Linda selbst …

Linda Vilhjálmsdóttirs Gedichte sind alle sehr bodenständig, direkt und kraftvoll. Es sind keine Gedichte, die man nur mit bestimmtem Vorwissen versteht. Sie sind auch für Kaum-Lyrikleser bestens geeignet. Mir fehlte bisweilen das Geheimnis, das Zwischen den Zeilen, das für mich unbedingt zu einem Gedicht dazugehört. Das fand ich dann aber in der ergänzenden Lektüre, die ich sehr empfehlen kann: Die Literaturzeitschrift „Die Horen“ hat in der Ausgabe 280 ein längeres Kapitel der isländischen Lyrik/Kurzprosa gewidmet und einige der Gedichte haben mich eingefangen:

Hier finden sich etwa auch Gedichte von Fríða Ísberg, die demnächst ebenfalls im Elif Verlag erscheinen werden. Schon der Titel lockt: Lederjackenwetter (siehe Gedicht Foto oben). Ebenso Foto oben: Gedichte von Dagur Hjartarson und Steinunn Sigurðardóttir. Auch von Ragnar Helgi Ólafsson finden sich Texte (Besprechung seines Lyrikbandes „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden“ hier). Diese vielen wunderbaren Veröffentlichungen verdanken wir vor allem auch dem Übersetzerteam Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gislason, das auch bereits den Band „Freiheit“ und diverse andere Bände übersetzte. Wolfgang Schiffer bringt auf seinem Blog Wortspiele auch immer wieder die isländische Literatur in den Fokus. Es lohnt sich ein Blick auf diese Seite.

Alle Bände isländischer Autoren, die im Elif Verlag erschienen finden sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.