Ben Lerner: Die Topeka Schule Suhrkamp Verlag

Foto: pixabay, gemeinfrei

Das Buch „Wohin mit meiner Wut?“ – Neue Beziehungsmuster für Frauen von Harriet Lerner (damals in der Fischer Taschenbuchreihe „Die Frau in der Gesellschaft“) kennen wahrscheinlich heute nur noch meine Altersgenossinnen. Es war bei Erscheinen 1985 eines der ersten psychologischen, feministischen „Ratgeber“, die sich kritisch mit der Rolle der Frau in Beziehungen befassten. Aufgrund der Lektüre von Ben Lerners neuem Roman habe ich es aus meinem Buchregal gezogen und die damals angestrichenen Stellen nachgelesen. Verstaubt war es aber nur äußerlich, vieles ist auch heute noch aktuell. Dass Harriet Lerner Ben Lerners Mutter ist, merkte ich erst, als sie in seinem Roman vorkam.

In „Die Topeka Schule“ wird sie als Jane gehörig angefeindet von Männern nach Erscheinen dieses damals aufsehenerregenden Werks.

„Einmal fragte ich einen anderen leitenden Analytiker, warum er männliche Postdocs mit >Doktor< und weibliche Postdocs mit dem Vornamen ansprach, und prompt bekam ich beim nächsten Mal auf der Couch wieder den Penisneid-Vortrag. Der Diagnose Penisneid zu widersprechen war ein sicheres Zeichen für Penisneid.“

Ben Lerner erzählt also teils autobiographisch einen Teil eines Erwachsenwerdens in den 90ern in Topeka im Mittleren Westen der USA. Die einzelnen Kapitel handeln von der Hauptfigur Adam, seinem Vater Jonathan und seiner Mutter Jane, beide Psychologen an der Topeka Foundation. Zumeist wird aus der Sicht der jeweiligen Person erzählt. In Zwischenkapiteln, die schräg gesetzt sind, lesen wir von Darren, in Adams Alter und Umfeld, als auch Patient von Darrens Vater.

Adam, wohlbehüteter Sohn zweier Psychologen, in der letzten Klasse der Highschool ist ein Champion im Debattieren. Er gewinnt alle Schulwettkämpfe und erhält professionelle Unterstützung für sein Training. Ansonsten ist er aber ein gewöhnlicher Junge, eher sensibel sogar, vermutet man, von Migräneanfällen geplagt. Die Mutter deutet alles was in der Familie geschieht, nach ihrem Wissen als Familientherapeutin. Die Familie ist befreundet mit einem anderen Psychologenpaar, Sima und Eric. Sima hat iranische Wurzeln, hatte es mit ihrem übermächtigen Vater schwer, ebenso wie Jane. Die beiden sind nicht nur befreundet, sondern Sima wird auch zur Analytikerin von Jane. Was dabei durchklingt, ist der Missbrauch Janes durch ihren Vater.

Jonathan sieht sich in seiner Tätigkeit nach Alternativen zur Psychoanalyse um. So beschäftigt er sich viel mit Biofeedback, Meditation und anderen alternativen Methoden der Psychotherapie. Der stärkere Part in der Beziehung scheint durchaus Jane zu sein, auch klingt durch, dass Adam sich mehr an seine Mutter bindet. Zudem gibt es noch Klaus, einen älteren deutschen Psychologen, an dem sich Adam ebenfalls orientiert. Im Verlauf der Geschichte kommt es zwischen Adams Eltern immer wieder zu Auseinandersetzungen.

Schon im Teenageralter interessiert sich Adam nicht nur für die Debattensprache, sondern auch sein Interesse für Lyrik wird geweckt. Hier scheint es für ihn Möglichkeiten zu geben, freier und eigener Sprache zum Klingen zu bringen. So wie Sprache überhaupt das Thema des Romans ist. Sprache in jeder Ausdrucksform: Dialekt, Teenagerslang, Rap, Körpersprache, Hochsprache, gesprochene, geschriebene, irgendwie artikulierte, manipulierende Sprache. Sprache, die weit ab vom Inhalt nur noch für bestimmte Zwecke missbraucht wird.

Lerners Buch ist so komplex, dass man es eigentlich mindestens ein zweites Mal lesen müsste, um die verschiedenen Ebenen und tieferen Schichten zu entschlüsseln. Sicher auch, weil es keine leicht zu lesende Lektüre ist, sondern mit speziellem Wortschatz aufwartet und vom Leser enorme Konzentration verlangt. Mir haben die psychologischen, mitunter feministischen Teile mehr gefallen, als beispielsweise die ganzen ausführlichen Sequenzen über die Debattenkultur in den USA. Als Verbindungsglied fungieren die Parts, in denen es um Darren geht, der aufgrund seiner Herkunft nicht so richtig zur Collegeclique um Adam passt, in denen letztlich auch die Gewalt eskaliert. Für mich ist dieser Roman doch sehr typisch amerikanisch.

„In der Highschool bestand das Problem für ihn darin, dass das Debattieren einen zum Nerd und die Lyrik einen zur Pussy machte – auch wenn beides dazu beitragen konnte, einen in die undeutlich imaginierte Stadt an der Ostküste zu bringen, von der aus man mit großer Ironie über seine Erfahrungen in Topeka berichten konnte.“

Und das ist es, was Ben Lerner letztendlich tut. In seiner Rückblende mischt er sich auch immer mal wieder als Schriftsteller der Heute-Zeit ein und verwischt die zeitlichen Grenzen. Das ganze letzte Kapitel widmet er seiner inzwischen in New York gegründeten Familie und der aktuellen politischen Situation und seiner Position als Autor. Aus dieser Person heraus rührt er an Themen, die er gesellschaftskritisch durchleuchtet.

„Die Topeka Schule“ erschien im Suhrkamp Verlag und wurde übersetzt von Nikolaus Stingl. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein interessantes Interview mit dem Autor:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nell Zink: Das Hohe Lied Rowohlt Verlag

Nach „Virginia“ ist es der zweite Roman, den ich von der in Bad Belzig nahe Berlin lebenden Amerikanerin Nell Zink lese und es bestätigt sich, dass diese Autorin eine ungewöhnlich gute Erzählerin ist. Ich frage mich, warum sie so selten im Feuilleton oder auf Blogs besprochen wird. Ihre Erzählweise ist so mitreißend, kraftvoll und witzig, dass es eine Freude ist. So schafft sie es mit Themen, in denen ich mich gar nicht auskenne oder für die ich mich normalerweise nicht so brennend interessiere, dass ich trotzdem bereits nach den ersten Zeilen nicht mehr von ihrer Story los komme.

In „Das Hohe Lied“ spannt sie einen Bogen vom New York der 80er Jahre über Washington DC bis übers Jahr 2016 hinaus, als Donald Trump die Wahl zum Präsidenten gewinnt. Wir lernen Joe, Daniel und Pam kennen. In einzelnen Kapiteln werden diese Hauptprotagonisten mit ihrer Herkunft vorgestellt, bis sie in der Geschichte schließlich in New York zusammen treffen. Alle drei wollen Musik machen. Alle drei können es aber gar nicht so toll. Trotzdem planen sie mit einem von Daniel getragenen Musiclabel Joes unverblümt spontane Musik zu veröffentlichen. Daniel und Pam werden ein Paar. Pam ist früh von zuhause, sprich Washington DC abgehauen und hat als Programmiererin einen guten Job gefunden. Daniel arbeitet für Zeitarbeitsfirmen. Als Pam sehr jung schwanger wird, ist es für beide trotzdem keine Frage das Kind zu bekommen. Sie engagieren Joe als Babysitter für Flora und produzieren nebenbei Musik. Unverhofft wird ein Song von Joe tatsächlich erfolgreich, er unterschreibt einen Plattenvertrag und geniesst künftig sein hedonistisches Leben. Die raffinierte drogenabhängige Freundin, die der unbedarfte Joe aufgabelt, lässt Pam und Daniel sich um ihn sorgen …

Dennoch läuft alles ganz gut, bis am 11.9.2001 in New York zwei Flugzeuge in das World Trade Center donnern. Ab diesem Zeitpunkt verändert sich das Leben. Daniel und Pam packen die kleine Flora ins Auto und fahren zu den Großeltern. Dort kommt es schließlich zum Entschluss, Flora dort im sicheren Wohnviertel zur Schule gehen zu lassen. Die beiden Alt-Punks kehren ins in die Jahre gekommene Loft nach New York zurück.

„Die Stadt hatte ihren Billigtouch verloren. […] Die Reichen waren noch reicher, und Armut war inzwischen nicht mehr praktikabel. In ganz Manhattan stand die Mittelschicht mittleren Alters inmitten der Trümmer ihrer privaten Altersvorsorge und wartete darauf, ihre Positionen im mittleren Management zu verlieren.“

Wir begleiten sowohl die persönliche Entwicklung und Ausbildung von Flora, als auch die der politischen Entwicklung der Vereinigten Staaten. Der Bankencrash, der erste schwarze Präsident, und dann der Wahlkampf, der auf die Wahl Trumps zusteuert, in dem sich Flora nach Ende ihres Studienabschlusses in Biochemie für die Grünen engagiert. Flora steht stellvertretend für die junge Generation, die mit den Sozialen Medien aufwächst und sich in diesen sicher bewegt.

„Sie war damit groß geworden, der potenziell sofortigen weltweiten Verbreitung eines jeden von ihr geäußerten Wortes eine Kosten-Nutzen-Analyse vorauszuschicken.“

Sie steht für die Generation, die sich aufgrund des Klimawandels um ihre Zukunft sorgt, die die Welt retten und sich politisch engagieren will, die sich aber auch mit einer gewissen Desillusionierung auseinandersetzen muss.

„Der Krieg gegen öffentliche Güter und privates Auskommen hatte einen Namen: Wirtschaftswachstum, Kapitalismus, der zum Kapital – den natürlichen Ressourcen, wie etwa Flüssen voller kostenlosem Fisch – im selben Verhältnis stand wie der Islamismus zum Islam. Es war ein Fetisch, der „Güter“ produzierte, die nicht „gut“ waren.“

Mit dem Ergebnis, dass Flora mehr als einmal hinterfragt, wohin die Reise gehen soll und erst recht wozu. Auch in ihren ersten Beziehungen zeigt sich dieses Schwanken, dieses nicht genau wissen wohin. Der Professor, der an der Uni ihre Arbeit betreut, der wesentlich ältere eloquente Politik-Berater, der junge unbedarfte Praktikant, der an Joe erinnert? Manchmal erfordern dann die Ereignisse doch Entscheidungen, so auch bei Flora.

Nell Zink hat einen überzeugenden, wie unterhaltsamen Roman geschrieben, der durchaus kritisch brandaktuelle Themen unter die Lupe nimmt. Zink brachte mir dabei zum Beispiel die Funktionsweise des Wahlkampfs in den USA, die mich bisher gar nicht interessiert hat oder aber auch, wie die Musikszene und der Musikbusiness wirklich funktioniert, nah. Sie ist eine kluge Erzählerin, die nie langweilt, ganz gleich um was es geht. Sie schreibt in einer ebenso flotten, wie gründlichen Sprache mit sehr gelungenem Humor. Die hohe Qualität hält sie geschickt bis zum perfekt konstruierten Schluss durch.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt wurde es von Tobias Schnettler. Eine Leseprobe gibt es hier.

Anna Mayr: Die Elenden Hörbuch tacheles!

Eindrücklich und mitunter forsch bis laut, so wie es für den Text vollkommen stimmig ist, interpretiert von der jungen Schauspielerin Nairi Hadodo, wirkt das Buch „Die Elenden“ von Anna Mayr womöglich tiefer als selbst gelesen. Das Thema interessiert mich brennend. Das Thema sollte viel mehr Menschen interessieren. Das Thema ist erschütternd, aber nicht von der Hand zu weisen. Und schon gar nicht zu verschweigen. Gut, dass die 1993 im Ruhrgebiet geborene Autorin, Journalistin und heutige ZEIT-Redakteurin dieses Buch geschrieben hat. Nun bleibt zu wünschen, das es möglichst viele Menschen aus allen Schichten lesen, auf dass sich das Bewusstsein schärft.

Es geht um Arbeit. Und um Arbeitslosigkeit. Es geht darum, was es heißt, Kind von langzeitarbeitslosen Eltern zu sein. Es geht darum, arm zu sein. Es geht darum, was es wirklich bedeutet, am Konsum nicht teilhaben zu können. Es geht darum ausgegrenzt zu werden, zu sein, und davon niemals frei zu werden. Selbst, wenn es gelingt, sich herauszuarbeiten aus der „Klasse“ der Arbeitslosen, aufzusteigen, wie es der Autorin gelungen ist, bleibt etwas zurück. Denn die Kindheit prägt, in der Kindheit wird angelegt und angelernt, was später gebraucht wird. Und wenn nicht, was dann immer fehlen wird. Mitunter anhand sich selbst als Beispiel erzählt Mayr eindrücklich, wie sich das alles eben nicht so einfach abstreifen lässt.

Aus der Geschichte heraus zeigt Mayr auf, wie sich Arbeit entwickelte bis zu dem was sie heute ist. Arbeit als einzige Selbstdefinition. Und wem sie fehlt, ist eben ein Nichts. Sich über anderes als Arbeit zu definieren scheint nicht erlaubt, solange man keine hat. Man fällt heraus aus der Masse, hinein ins Nichts. Mayr geht dabei so weit, zu sagen, dass, Arbeitslose in der Gesellschaft gebraucht werden, sozusagen als abschreckendes Bespiel. Das klingt furchtbar, wird aber von ihr stimmig erklärt. Wer selbst schon einmal (länger) HartzIV „empfangen“ hat, kennt das durchaus.

„Der Kapitalismus braucht die Arbeitslosen als Ressource.“

Was Mayr auch ganz klar zum Ausdruck bringt: Scheitern ist nicht erlaubt. Zumindest interessiert sich keiner für die Scheiternden. Alle Stories, die von Scheiternden handeln oder die sie selbst erzählen, sind Erfolgsgeschichten. Denn die Leute mögen gerade diese Geschichten, in denen sich die untere Schicht hoch arbeitet bis zum Erfolg. Die tatsächlich Gescheiterten gehen weiter unter.

Anna Mayr erzählt die Geschichte von der Entstehung von ALG II. Von der Verschmelzung der Arbeitslosenhilfe mit Sozialhilfe. Sie erläutert die Veränderungen in der Sozialpolitik seit der Wende und den großen Anteil Gerhard Schröders. So im Jahr 1998 nach einem Text im Tagesspiegel, dass die Sozialhilfe zu hoch sei:

„Die Stimmung im Land kippte in eine Angst vor Sozialschmarotzern, in Leistungsverliebtheit und in ein obsessives Bedürfnis nach Sparsamkeit.“

Wenn man sich die gut recherchierten internen Abläufe der Hartz-Sitzungen und die Meinungen diverser politischer Entscheidungsträger so anhört, kann einem übel werden. Je mehr Macht, desto mehr Angst vor Machtverlust, desto mehr irrationale Entscheidungen, die weitab von den Interessen eines Sozialstaats, kaum dem Bürger, sondern ausschließlich dem Politikerwohl dienen.

Die Autorin denkt zum Ende des Hör/Buchs auch über mögliche Veränderungen nach. Im Denken und im Tun. Da sind gute Ideen, da ist der Wunsch etwas zu verbessern, was immer ärger wird: Die Kluft zwischen arm und reich. Doch die Eigentlichen, die dringend an der Reihe sind etwas zu tun, sind die Politiker. Dazu müssten sie die Armut aber erst einmal sehen und anerkennen. Und nicht einmal das geschieht. Von soweit oben, sieht man offenbar nicht mehr so gut, oder vielmehr will es nicht. Vielleicht sollten gerade sie Anna Mayrs Buch lesen.

Mayr führt auch all die Bücher an, die zur Zeit auf dem Markt zum Thema zu finden sind: Rückkehr nach Reims von Didier Eribons, Das Ende von Eddy von Édouard Louis und schließlich auch die Bücher der wunderbaren Annie Ernaux. Sie zieht Pierre Bourdieu, Max Weber und andere Soziologen und Philosophen hinzu, um ihre Aussagen zu unterlegen. Ich persönlich möchte noch den aktuellen Debütroman „Streulicht“ von Deniz Ohde hinzufügen, den ich als Ergänzung unbedingt empfehle.

„Die Elenden“ hat mich wütend gemacht, hat mir einmal mehr die sozialen Ungerechtigkeiten vor Augen geführt. Es war gut, diese teils sehr persönlichen Einblicke bekommen zu haben. Ich wünsche mir mehr davon. Ich freue mich über diese mutige, deutliche Stimme.
Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Roof/tacheles Verlag für das Hörexemplar. Das Buch erschien im Hanser Verlag.

Laura Lichtblau: Schwarzpulver C. H. Beck Verlag

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Dieser Name! Schon wegen des wunderbaren Namens der Autorin musste ich mich für diesen Debütroman interessieren. Auch die Covergestaltung finde ich sehr gelungen. Laura Lichtblau hat mich mit „Schwarzpulver“ dann tatsächlich mit ihrer gekonnten poetischen Sprache begeistert (im wahrsten Sinne des Wortes). Zunächst fand ich die Idee der Story spannend: Schauplatz Berlin, womöglich nicht so viele Jahre in der Zukunft. Eine Dystopie (hoffentlich!), denn man wünscht sich wahrhaftig keine Bürgerwehr, keine Partei wie diese an der Macht und keine solchen Verbote und Verhaltensregeln. Man wünscht sich aber solche Charaktere, wie sie Lichtblau erschafft. Ganz unterschiedlich und auf eigene Weise sensibel und aktiv dagegen.

Die Geschichte hat etwas Verspieltes, Leichtes, trotz der unschönen Realität in der sie sich ereignet. Sie hat von Anfang an ein Geheimnis, das auch im Laufe des Lesens nur durch Andeutungen aufscheint. Lichtblau glänzt mit ihrer Gabe und zählt auf die Fantasie ihrer Leser*innen.

Ihre drei Hauptfiguren agieren gleichwertig, sie lässt sie abwechselnd zu Wort kommen:  Burschi, eine junge Frau, auf dem Land aufgewachsen, die in einer WG wohnt und ein altes Ehepaar betreut. Charlie, ein junger Mann, der ein (natürlich unbezahltes) Praktikum bei einem angesagten rebellischen Musiklabel macht, in der Hoffnung selbst als Talent entdeckt zu werden. In Wirklichkeit ist er Mädchen für alles. Charlie, eigentlich Karl, lebt noch bei seiner Mutter Charlotte (den Vater kennt er nicht), die ihm keine Chance zur Abnabelung lässt. Sie arbeitet als Scharfschützin in der Bürgerwehr. Hier wird man zum ersten Mal stutzig, denn die Autorin beginnt sehr langsam aber stetig die neuen Errungenschaften der Politik in die Geschichte einfließen zu lassen.

„Die Konditionen dieses Schießcamps überzeugen mich einfach, hatte sie Tante Liese und Onkel Gabriel erklärt, Es gibt zwanzig verschiedene Waffen zur Auswahl, die Proteinshakes sind auch inklusive.“

Eigentlich steht Charlotte gar nicht hinter ihrem neuen Job, ist eigentlich eher eine Alternative, die vorher einen Töpferladen hatte und an die Alt-68er erinnert.

Die Autorin hat eine absolut sichere Hand, ihre Held*innen liebenswert schrullig darzustellen. Mit wenigen Worten lässt sie sofort ein Bild entstehen. Überhaupt hat sie einen genialen erfrischenden trockenen Humor, der das ganze Buch durchzieht und gleichzeitig weiß sie sicher mit Sprache umzugehen und mit Sprachspielereien bunte Szenarien zu zaubern. Da gibt es beispielsweise einen Anita-Augspurg-Platz, einen zentralen Platz, wie es der Alexanderplatz ist, ein Platz also nach einer Aktivistin der bürgerlich-feministischen Frauenbewegung und Pazifistin benannt. Da gibt es altmodische, fast vergessene Worte, etwa das wunderbare „tramhappert“, was wohl soviel wie schlaftrunken bedeutet. Oder:

„Am Tisch sitzen junge Männer mit feisten Gesichtern, die aussehen, als hätten ihre Mütter sie abgeleckt, ehe sie sie nach draußen gelassen haben.

Es ist die Zeit um Weihnachten und Neujahr, eine aufgeladenen Zeit. Es sind die Raunächte, in denen laut alter Tradition die „Wilde Jagd“ unterwegs ist. Geheimnisvolle Geisterwesen, die nicht unbedingt nur Gutes wollen. Für Burschi wird es eine aufregende Zeit, denn sie begegnet der geheimnisvollen Johanna (die nach Schwarzpulver riecht). Die beiden fühlen sich sofort magisch zueinander hingezogen. Im Weg steht bei der ersten Begegnung nur die Bürgerwehr, die auf Johanna allerdings kaum Eindruck macht. Die Silvesternacht verbringen sie zusammen:

„Konkrete Fragen nach deinem Woher sind deiner Laune überhaupt nicht zuträglich, du bist ein ungefähres Wesen, scheint mir.“

Auch Charlie begegnet nach unzähligen Praktikantendiensten auf der Silvesterparty des Labels seinem Glück in Form der angebeteten Rapperin „Pseudoluchs“. Nur für Charlotte läuft der Jahreswechsel nicht so gut. Als sich die Wege der drei Hauptakteure schließlich unerwartet in der Silvesternacht im U-Bahnschacht kreuzen, ist es eine eher absurde Begegnung, die für Charlies Mutter Charlotte zum Desaster wird.

Was ich hier über das Buch schreibe, wirkt womöglich unspektakulär, vielleicht gar wirr oder seltsam. Aber: es hat eine unglaubliche Strahlkraft! Man muss es selbst lesen. Trotz der schlimmen Entwicklungen: es gibt selten mehr Tageslicht, weil die Sonne die Umweltgifte nicht mehr durchdringt. Die Regierungspartei hat sich rechtes Gedankengut angeeignet. Es gibt Fremdenfeindlichkeit und Homophobie. Der Feminismus wird zurückgedrängt. Obwohl man eigentlich schreien möchte, bitte nicht so ein furchtbar düsteres Szenario, lohnt sich dieses Buch so sehr, aufgrund seines schwer greifbaren Charmes, seiner kaum erklärbaren Anziehungskraft und immer wieder dieser Sprache. Hier ist alles rund, alles passt zusammen, alles fügt sich. Ich habe in diesem Jahr noch keinen anderen Debütroman gelesen und weiß dennoch, dass dieser vermutlich mein Favorit bleiben wird. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Rezension findet sich auf dem Blog letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nora Bossong: Schutzzone Suhrkamp Verlag

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Gleich vorweg: Ich bedaure sehr, dass Nora Bossongs Roman „Schutzzone“ nicht auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gewählt wurde. Ich kenne Bossong als Lyrikerin und von ihrem Roman „36,9“ über Antonio Gramsci. Und auch in diesem Roman geht sie wieder brillant mit Sprache um. Bossong hat zudem ein Thema gewählt, das höchst interessant und brisant ist. Dass darin auch eine Art Liebesgeschichte steckt, ist ohnehin nur ein Spiegel des gleichen Themas. Es geht um Mira, eine Mittdreißigerin, die für die Vereinten Nationen arbeitet und dabei ständig unterwegs ist, nie Ruhe oder einen sicheren Ort findet, keine Schutzzone, auch nicht in einem anderen Menschen.

“ …die UN riefen auf und baten und befürworteten und betonten und unterstützten und drängten und entschieden, mit der Angelegenheit befasst zu bleiben. Das tun sie eigentlich immer.“

Bossong hat offenbar intensiv recherchiert und verbindet ihr Wissen mit einer einmaligen Art, dieses in eine sehr klingende Sprache einzubetten. Dabei lässt sie viel Raum und überlässt dem Leser die Aufgabe Miras Persönlichkeit vorm inneren Auge wachsen zu lassen. Die einzelnen Kapitel sind nach den Orten in der Welt benannt, an denen Mira ihre Aufgaben als Vermittlerin zwischen zerstrittenen, kriegführenden Völkern wahr nimmt. Dass sie eine gute Zuhörerin ist und durch ihr Schweigen, alle zum Reden bringt, fördert ihre Karriere. Eine Karriere, die eigentlich nur in eine Sackgasse führen kann, wie Mira im Laufe der Zeit, von Ort zu Ort, immer bewusster wird.

„Es gab das Licht um drei Uhr morgens in den Sitzungssälen, blasser als jede Dämmerung. Das Licht der aussichtslosen Verhandlungen. Sie wurden in die Länge gezogen, weil wir so schlecht damit klarkamen, dass etwas ins Nichts lief. Weil wir lieber müde als ohnmächtig waren. Eine Situation nicht zu beherrschen, hielten nicht viele von uns aus, die meisten hielten es nicht für möglich.“

Mira pendelt über viele Jahre hinweg zwischen Berlin, New York, Genf, Ruanda, Burundi und führt Gespräche, schreibt Berichte an ihre Vorgesetzten. Immer steht sie zwischen den Fronten, sei es bei der Vermittlung zwischen der Türkei und Griechenland auf Zypern oder im fernen afrikanischen Staat Burundi, wo sie beispielsweise mit Rebellenführern zum Dinner mit Gespräch erwartet wird. Dass dabei endlos geredet wird, nach ewigen Bemühungen immer nur winzige Schritte aufeinander zu gelingen, lässt auch Mira manchmal verzweifeln. Denn es gibt sie eben nicht, die eine Wahrheit.

Bossong schafft es mit wenig Aktion, eher mit Ungesagtem eine diffuse Stimmung zu schaffen, wiederholt beschwörend manche Szenen. Ob es die ausgelassenen Parties sind, die in mit Stacheldraht gesicherten Häusern inmitten der Kriegsgebiete stattfinden oder die Gespräche mit misshandelten, vergewaltigten Frauen, die Besuche in den Flüchtlingslagern an der Grenze, die Autorin trifft den Nerv. Die Leser*in wird vom krassen Wechsel zwischen Normalität und schlimmsten Grausamkeiten hin- und hergetrieben, wobei es die Auslassungen sind, die der jeweiligen eigenen Fantasie ausgeliefert sind.

„Die Hilfskonvois fahren. Die Diktatoren diktieren. Die Sopranisten singen. Und irgendwo schneidet ein Mann, der sonst nicht weiter auffallen würde, Leichensäcke auf, um zu sehen, ob seine Tochter darin liegt.“

Mira findet ein wenig Sicherheit in den Begegnungen mit Sarah, einer jungen europäischen Ärztin. Später in Genf trifft sie auf Milan, den sie aus ihrer Kindheit kennt und der nun als Kollege von ihr, wieder Raum einnimmt. Sie beginnen eine Art Beziehung, die nicht von Dauer ist, da Milan eine Frau und ein Kind hat. Mira ist auch in ihren Partnerschaften auf verlorenem Posten, findet nicht die Nähe, die sie sucht, die ihr Halt im steten Unterwegssein geben könnte. Nachdem die von ihr vorbereiteten Zypern-Gespräche kolossal scheitern, überlegt Mira aufzugeben … Große Empfehlung!

Nora Bossongs Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Hagar Peeters: Malva Wallstein Verlag

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Ein schwarzer Schutzumschlag mit einer rosafarbenen Blume, einer Malve. Ich erkenne sie, weil ich sie selbst in meiner Sommerblumensammlung aussähe. Die Heldin und Ich-Erzählerin des Romans wurde nach dieser zarten Blume benannt. Doch darunter, und das wird mir später erst klar, kann man ein weißes großes Semikolon erkennen. Nicht von ungefähr, denn Malva Marina Trinidad del Carmen Reyes, die unbeachtete, verlassene Tochter des großen Dichters Pablo Neruda sieht sich selbst als solch ein Satzzeichen.

„… wie mein Vater behauptete, das Semikolon charakteristisch ist für die Gestalt, die ich auf Erden war, mit meinem kleinen Körper, wie ein Komma, ein krummer Strich, ein gewundener Wurm, und mit meinem immer mehr anschwellenden Schädel, wie ein grotesker Punkt, der sich selbst entstieg und dem Himmel entgegenwuchs; jenem einen großen, mich nun doch beherbergenden Jenseitshimmel.“

Malva wird nur 8 Jahre alt. Sie stirbt an Gehirnwassersucht, auch kurz Wasserkopf genannt. Am Anfang des Romans beobachtet sie von ganz weit oben die riesige Beerdigung ihres berühmten Vaters, der sie und ihre Mutter verlassen hat und sich lieber als Kommunist um die Gerechtigkeit in der Welt gekümmert hat, statt ihr ein Vater zu sein.

„So ein Detail, sagte ich, darum geht es und nicht um die perfekten Proportionen oder den Goldenen Schnitt oder die große Geste oder die rassereine Vollkommenheit oder die ewige Wahrheit oder den Nobelpreis für Literatur. Aber wer bin ich, um das zu sagen? Ich bin schließlich schon längst tot.“

Malva „lebt“ nun im Himmel. Sie hat sich gute Gesellschaft gesucht: Da ist Oskar Matzerath, genau, der aus der Blechtrommel, da gibt es den Sohn Arthur Millers, die Tocher von James Joyce. Malva verehrt die polnische Lyrikerin Wislawa Szymborska (hier scheint mir ein Fehler vorzuliegen, denn Szymborska starb erst im Jahr 2012, aber vielleicht wird das im Jenseits nicht so genau genommen) der sie oft Fragen stellt und kann den Geschichten Roald Dahls einiges abgewinnen. Selbst Sokrates wird in Gespräche verwickelt.

Von dieser hohen Warte aus berichtet sie von Szenen im Leben ihres Vaters, der sich diversen Geliebten zuwandte und sich immer mehr in die Politik und den kommunistischen Klassenkampf stürzte. Zwischen Bewunderung und Hass schwankt Malva, was ihren Vater betrifft. Die Mutter liebt sie, obgleich auch sie sie verließ und in eine holländische Pflegefamilie gab, um Geld zu verdienen, da vom Vater nichts zu erwarten war. Selbst als die Mutter nach Malvas Tod, ihren Exmann bittet sie aufgrund des Krieges und der Besatzung der Niederlande durch die Nazis zurück nach Chile zu holen, verweigert er dies und sie wird kurz vor Kriegsende noch für einige Wochen ins Durchgangslager Westerbork eingeliefert.
Zeitweise wendet die Hauptfigur Malva sich in persönlicher Rede direkt an die Autorin, deren Familiengeschichte gewisse Schnittmengen mit der Malvas Familie aufweist.

Was für eine irre Idee der Autorin! Die toten, ehemals verlassenen Kinder berühmter Eltern suchen sich auf der Erde ihre Biographen aus und flüstern ihnen die Sätze ihres Lebens ein. In Hagar Peeters hat Malva die ideale Biographin gefunden, denn die Autorin beherrscht die Sprache, biegt sie, verziert sie, lässt sie tanzen und tosen. Und lässt Pablo Neruda beinahe blass aussehen. Hier ist deutlich zu spüren, dass Peeters eine preisgekrönte Lyrikerin ist. Auch die Übersetzerin hat hier einiges geleistet.

Die im Leben ausgeschlossenen Kinder bilden im Jenseits eine eingeschworene Gemeinschaft, Arthur Millers von ihm verschwiegener Sohn Daniel mit Down-Syndrom, Lucia, die verrückte Tochter James Joyce, der nicht wachsende Blechtrommler Oscar und Malva mit dem Wasserkopf. Viele weitere Kinder wollen aufgenommen werden, etwa Rousseaus Kinder, die er alle ins Kinderheim steckte, während er seelenruhig ein Buch über Erziehung schrieb. Und Albert Einsteins, als schizophren diagnostizierter Sohn Eduard, dessen Vater ebenfalls die Frau wechselte und nichts hinterließ.

„Ach Hagar, das waren einfach nur ein paar bekannte Fälle, aber die Zahl der vernachlässigten Kinder von intelligenten, kreativen und kunstsinnigen Vätern ist endlos. Aus Anlass des Falles von Paul Gauguin, der seine Familie verließ, um auf Tahiti edle wilde Frauen zu malen, hat der Philosoph Bernard Williams sogar einen Terminus dafür geprägt: moral luck. Moralisches Glück wird berühmten und erfolgreichen Männern zuteil, die ihre Kinder im Stich lassen. Sie kommen damit davon, wenn sie ihre gewonnene Freiheit nutzen, um der Menschheit unsterbliche Kunstwerke zu schenken.“

Hagar Peeters Roman ist in vielen Aspekten bezwingend. Scharfsinnig klagt sie Ausgrenzung an und findet eine Stimme für Frauen und Mütter und für „behinderte“ Kinder. Wie sie in ihrem Roman eine Lösung für deren Leid im Jenseits findet, gefällt mir außerordentlich gut und lässt mich getröstet und versöhnlich zurück. Ein Leuchten!

Der Roman „Malva“ der 1972 geborenen Niederländerin Hagar Peeters erschien im Wallstein Verlag. Übersetzt hat es Arne Braun. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Linda Vilhjálmsdóttir: Freiheit Elif Verlag

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Auch in diesem Jahr kommt aus dem Elif Verlag, dessen kleines Programm immer beachtlicher wird, ein Lyrikband aus Island. Ganz eindeutig scheint die Zusammenarbeit  des engagierten Verlegers Dinçer Güçyeter mit Übersetzer und Islandexperte Wolfgang Schiffer reiche Früchte zu tragen.

„zwischen
himmel und erde
ist alles

wie es geschrieben steht“

Diesmal ist es Linda Vilhjálmsdóttir, die ihren Gedichtband „frelsi / freiheit“ nennt, der in Island bereits im Jahr 2015 erschien und großen Erfolg hatte. In einem einzigen strömenden Ton, teils anklagend, teils ermahnend, durchleuchtet sie unser heutiges Menschsein. Die 58-jährige Isländerin hakt nach und gibt sich nicht gleich zufrieden. Energisch, teils wiederholend und dringlich schiebt sie nach, ein gesellschaftskritisches Bild nach dem anderen. Wie sagt man so schön: Sie hält uns den Spiegel vor.

Im ersten Teil geht es um das Weltliche. Wir und unsere Bequemlichkeit, unser Wohlstand. Das ist nicht spezifisch isländisch, das gilt generell für die westliche Welt. Es geht um das, was wir haben, um unseren Besitz, sei es der Gasgrill oder das Fitnessgerät.

„das ziel ist es in einer woche
mindestens fünfhundert gramm
menschlichen fetts zu verbrennen.

dazu pumpen wir
auf der veranda und rackern uns ab auf dem crossstepper
und auf dem laufband in der garage

auf diese weise werden wir
in kürze alle bedingungen erfüllt haben
zur auferstehung des fleisches“

Der zweite Teil führt uns ins heilige Land. Doch auch hier ist nicht mehr alles heilig. Hier kämpfen die Religionen um ihre Vorherrschaft, auch hier geht es nicht mehr um den Glauben allein, nicht ums Religiöse. Hier herrscht Fanatismus und wieder geht es um Besitz. Wem gehört das Land? Welche Religion ist die Richtige?

„jahrhundert um jahrhundert durch marmor und metall
durch synagogen moscheen mauerwerk
hinein in die zerrissenen herzen der muslime und der juden
von denen keiner von beiden zögert den sohn des anderen zu opfern
im krieg um das alleinige recht den vorfahren zu ehren
um das alleinige recht in frieden zu leben im heiligen land.“

Der dritte Teil erzählt von der verschwindenden Natur, der Politik des Konsums, der gesellschaftlichen Forderungen, wie wir sein und uns verhalten sollen, das Streben nach immer mehr, immer schneller, immer weiter …

„gut beraten
in andacht
der festansprache zu lauschen

über unverbrauchte ressourcen
ungefangene makrelen ungebändigte energie
unberührte weiden und unbegrenzte möglichkeiten

in andacht zuzuhören
wenn in den kiefern der minister der knisternde markt
zusammenfließt mit dem lukrativen krachen des schmelzenden eises
in nördlichen gebieten und sich das ende der bewohnten welt
in einen strudel neuer weltsicht wandelt.“

„Freiheit“ ist eine zweisprachige Ausgabe, aus dem Isländischen übertragen von
 Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Freiheit in schlichtem Karton mit japanischer Bindung. Mehr über Buch und Autorin findet sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Leo Lania: Land im Zwielicht Mandelbaum Verlag

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Leo Lania, 1896 in der ukrainischen Stadt Charkow geboren, war Journalist und Schriftsteller. In Österreich aufgewachsen, zog er als Freiwilliger in den 1. Weltkrieg, wandte sich danach der Kommunistischen Partei zu. Ab 1921 lebte er in Berlin. Als investigativer Journalist dokumentierte er Begegnungen mit der Nazi-Bewegung. Später engagierte er sich fürs politische Theater. 1933 floh er nach Frankreich, 1940 gelang ihm die Flucht nach den USA.

Der Mandelbaum Verlag mit Sitz in Wien und Berlin hat soeben eine Biografie über Leo Lania von Michael Schwaiger und den 1934 in England erschienenen, 1949 erstmals in Deutschland veröffentlichten Roman „Land im Zwielicht“ aufgelegt, für den Schwaiger auch ein aufschlussreiches Nachwort schrieb.

„Eine grenzenlose Trauer liegt jetzt in ihm. Ein Blick, der aus Jahrtausenden kommt und in Ewigkeiten zielt. So sieht er zu dem Offizier empor, er sieht durch ihn hindurch. Die braune Uniform wird transparent, …“

Anhand von zwei Hauptfiguren, der jüdischen Esther Mendel, die sich aus armen Verhältnissen befreit und zum Medizinstudium und zur Assistenzärztin aufsteigt, und dem jüdischen Anwalt Kurt Rosenberg, der im ersten Weltkrieg Leutnant wurde und Esther in ihrem polnischen Heimatdorf kurz begegnete, zeigt Lania die Entwicklungen Deutschlands vom Kaiserreich über den ersten Weltkrieg bis zur Machtübernahme der Nazis. Die Handlung beginnt 1916 und endet 1933 und verbindet historische Geschehnisse mit einer fiktiven Handlung. Lania hat die Atmosphäre und die Stimmungen der Menschen gut ausgearbeitet. Nur manchmal hängt mir Lanias Frauenbild etwas zu schief: „die kleinen Verkäuferinnen, die doch nicht mitzählten“ oder „Die bekannte Schauspielerin … war sogar gescheit“. Dennoch hat er (immerhin) Esther als willensstarke, unabhängige Frau beschrieben.

Als Kurt und Esther sich später in Berlin wieder begegnen, es sind die wilden 20er Jahre, scheint es, als würden sie zueinander finden, doch Kurt kommt aus „guten“ Verhältnissen, während Esther der Arbeiterbewegung näher steht. Obwohl sie heiraten, ein Kind bekommen, entscheiden sie sich bald, getrennt zu leben. Mit ihrer großen Liebe, dem verheirateten Professor für Anatomie, Dr. Graber, kommt Esther nicht zusammen, da man ihn von der Universität verweist, weil er als Pazifist nichts von der völkischen Soldatenverehrung hält.

„Noch war die Öffentlichkeit nicht abgestumpft gegen den politischen Mord, noch waren die Völkischen eine winzige Minderheit auf der Universität, noch wiegte sich die Linke in der Illusion, daß sie die Macht fest in den Händen hielt und daß es nur darauf ankam, ihre Stimme zu erheben, um die heranmarschierenden Haufen, für immer in die Flucht zu schlagen.“

Lania erzählt, dass aufgrund der Verfassung der Weimarer Republik die Literaten und Künstler endlich freier waren, sich mitzuteilen, sich direkt zu äußern, was auch die Studentenbewegungen nutzten. Interessant auch, die bildhafte Schilderung der Inflation, in der Esthers Vater, ein Schneider, binnen kürzester Zeit von Armut zu Reichtum und wieder zurück pendelt. Der sehr religiöse alte Mendel sieht das als gottgegeben an.

Einige Zeit nach dem Reichstagsbrand begegnen sich Graber und Esther in Berlin kurz wieder. Graber ist aus einem Konzentrationslager geflohen und schafft es nach Paris. Kurz darauf wird Kurt in seiner Villa am Wannsee von SA-Schergen totgeprügelt. Dies ist Auslöser für Esther mit ihrem Sohn und dem Vater ebenfalls Deutschland zu verlassen …

Der Mandelbaum Verlag ist eine feine Entdeckung und das vielseitige Programm mehr als einen Blick wert. „Land im Zwielicht“ ist sehr schön gestaltet mit einer Collage als Coverbild, in Halbleinen gebunden, gedruckt auf feinem Papier und mit Fadenheftung. Mehr über Autor, Buch und Verlag gibt es  hier .

Juli Zeh: Leere Herzen Luchterhand Verlag

juli zeh

„Anderswo kämpfen die Menschen um ihr Leben, und du sitzt hier und leidest.“
„Du kapierst es nicht.“ Julietta nippt an ihrem Tee. „Nicht ich leide. Wir alle. Das ist das Problem. In einer Welt, in der sich die, denen es am besten geht, am beschissensten fühlen, ist etwas grundverkehrt.“

Kein Wunder, dass Juli Zeh mit diesem Buch auf der Bestsellerliste gelandet ist. Der Roman bedient genau die Wünsche, die die Mehrheit an ein Buch hat. Es ist leicht zu lesen, sprachlich nicht anspruchsvoll, so spannend, das man (angeblich) nicht aufhören kann und spricht über eine erfundene Zukunft, die wir scheinbar bald haben. Darüber kann man prima reden, mitreden und sich abarbeiten. Ich halte es dennoch nicht für ein gutes Buch. Habe ich an „Unterleuten“ noch Gefallen finden können, bei dem die Charaktere gekonnt ausgearbeitet waren, so geht mir diese Story, die inhaltlich leicht an das Vorgängerbuch anknüpfen könnte, doch gegen den Strich. Irgendwie bleibt hier alles flach und konturlos … bieder ist es, ja, das ist der richtige Ausdruck.

Die Hauptprotagonistin Britta lebt in einem Braunschweig der Zukunft, in der Sarah Wagenknecht Innenministerin ist, manche „Menschen das Bedingungslose Grundeinkommen nutzen, um auf Parkbänken zu sitzen“ und die Besorgte-Bürger-Bewegung überall ihre Finger mit im Spiel hat. Britta hat Mann und Kind und eine seltsame Art ihr Geld zu verdienen, das allerdings erfolgreich: Mithilfe eines Computersystems namens Lassie ermitteln Britta und Babak, ihr Geschäftspartner, Menschen die nicht mehr leben wollen, sich den Freitod wünschen. Diesen verhilft „Die Brücke“, falls unabbringbar, zu einem „stimmigen“ Suizid, der auch anderen noch etwas nützt:

„Ihr vermittelt mich an eine Organisation, die meinen Tod gebrauchen kann.“

Dass Britta und Babak dabei ein Stufenprogramm durchführen, um den Willen der Auserwählten zu prüfen und dabei die fürchterliche Foltermethode Waterboarding Teil dieser Prüfung ist, macht die Sache nicht besser. Als sie Konkurrenz von den „Empty Hearts“ bekommen, bricht die Braunschweig-Idylle zusammen …

Ich erinnere mich an ältere Bücher von Juli Zeh, die viel komplexer und eigener waren, Geschichten, die ungewöhnlich und viel raffinierter konstruiert waren, wie Schilf, Corpus Delicti oder Nullzeit. Wie im oben genannten Zitat zu erkennen, geht es Zeh um Gesellschaftskritik, wie fast immer, das ist das Thema, dass sie immer wieder aufgreift, bloß wird mir dabei langweilig. Vor allem wenn dann solche Sätze kommen, die die unsympathische Hauptfigur mit Sauberkeitszwang ausstößt, weil das Hammer-Beruhigungsmittel Tavor nicht mehr wirkt:

„Die Fledermäuse stürzen durch die Dunkelheit, und falls ihr Flug eine Botschaft besitzt, so lautet diese: Hab keine Angst.“

oder

„Sie hatte vergessen, dass es einen Zustand jenseits des Schmerzes gibt. Man nennt ihn Paradies.“

Offenbar neigt sich meine Juli-Zeh-Lesezeit dem Ende zu. Das ist auch nicht weiter schlimm, liegen doch bereits zwei, inhaltlich wie sprachlich, gewichtigere Bücher hier bei mir …

„Leere Herzen“ erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Hisham Matar: Die Rückkehr Luchterhand Verlag

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„Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“ lautet der Untertitel dieses Buches, das eindeutig autobiografisch ist. Bereits in seinen beiden vorhergehenden Büchern erzählt Hisham Matar, mehr fiktional, von der Suche nach dem Vater und von dem was dieser Suche vorausging. Nun kommt der Autor, der aus einer gebildeten und wohlhabenden lybischen Familie stammt, zum ersten Mal seit der Kindheit wieder in sein Heimatland zurück und setzt sich vor Ort den Geschehnissen der Vergangenheit aus. Mit seiner Frau Diana, einer Amerikanerin, und seiner Mutter besucht Matar all die Verwandten, die in Lybien zurückgelassen wurden, die Verwandten, die teilweise ebenso wie Matars Vater Jaballa unter der Herrschaft Gaddafis als Regimegegner verhaftet wurden. Im Gegensatz zum Onkel, wurde der Vater, ein ehemaliger Diplomat und ärgster Widerstandskämpfer gegen Gaddafi nicht wieder freigelassen. Er verschwand spurlos. Hisham Matars Leben ist seither geprägt von der Suche nach dem Vater, doch jegliche Recherche läuft ins Nichts. Eine Ungewissheit, die für Hoffnung kaum Platz lässt und die schwer erträglich ist …

Als die Familie nach der Machtübernahme Gaddafis zunächst in New York, wo auch Hisham 1970 geboren wird, danach im Exil in Agypten lebt, fühlt sie sich einigermaßen sicher. Doch wird der Vater aus Kairo entführt und 1990 nach Lybien ausgeliefert. Er landet im berüchtigtesten Gefängnis in Tripolis. Einige wenige Briefe erhält die Familie von ihm. Seit dem Massaker in Abu Salim, in dem über 1000 Gefangene, überwiegend Reigimegegner ermordet wurden, kommt kein Lebenszeichen mehr.

„Gaddafi hatte seine größten Gegner gern nahe bei sich, um sie sich von Zeit zu Zeit ansehen zu können, die Lebenden wie die Toten. Gefriertruhen mit Leichen lange verstorbener Dissidenten wurden gefunden.“

Matar zeichnet in seinem Buch auch die wechselhafte Geschichte des Landes auf und dessen unruhige politische Entwicklung. Schwerpunkt ist jedoch die Vatersuche mit all der Hoffnung und all dem Zweifel. Er, der mittlerweile mit seiner Frau in England lebt, setzt von dort aus, später sogar mit Hilfe von Menschenrechtsorganisationen und des Parlaments, alle Hebel in Bewegung. Die Ungewissheit bleibt …

„Die Suche wurde zur Besessenheit, ich verlor jede Zurückhaltung und war bereit zu kontaktieren, wer immer, wie ich dachte, helfen konnte.“

Matar schreibt sehr gut, er findet eine Sprache in seiner Sprachlosigkeit, die wiederum mich sehr eindringlich anspricht. Er erzählt oft in beinahe poetischen Bildern über die eigentlich schrecklichen Ereignisse. Sicher lohnt es sich, auch die beiden vorherigen Romane des Autors zu lesen, die alle um das Thema kreisen. Matar ist einer der Autoren, dem das Schwierige gelingt: aus Biografischem Literatur zu machen.

Hisham Matars Buch „Die Rückkehr“ erschien im Luchterhand Verlag. Es wurde übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. Eine Leseprobe findet sich hier
Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs Ruth liest und aus.gelesen

Kurzer Nachtrag: Etwas was nicht direkt mit dem Buch zu tun hat, was mir aber auffiel und trotz allen Mitgefühls unbegreiflich und abstoßend bleibt, ist, dass sich Menschen bei kriegerischen Handlungen gegenseitig fotografieren und filmen, ihre blutigen Taten stolz dokumentieren, so wie Matar das hier in einer Szene von seinem Neffen Issa berichtet.