Hisham Matar: Die Rückkehr Luchterhand Verlag

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„Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“ lautet der Untertitel dieses Buches, das eindeutig autobiografisch ist. Bereits in seinen beiden vorhergehenden Büchern erzählt Hisham Matar, mehr fiktional, von der Suche nach dem Vater und von dem was dieser Suche vorausging. Nun kommt der Autor, der aus einer gebildeten und wohlhabenden lybischen Familie stammt, zum ersten Mal seit der Kindheit wieder in sein Heimatland zurück und setzt sich vor Ort den Geschehnissen der Vergangenheit aus. Mit seiner Frau Diana, einer Amerikanerin, und seiner Mutter besucht Matar all die Verwandten, die in Lybien zurückgelassen wurden, die Verwandten, die teilweise ebenso wie Matars Vater Jaballa unter der Herrschaft Gaddafis als Regimegegner verhaftet wurden. Im Gegensatz zum Onkel, wurde der Vater, ein ehemaliger Diplomat und ärgster Widerstandskämpfer gegen Gaddafi nicht wieder freigelassen. Er verschwand spurlos. Hisham Matars Leben ist seither geprägt von der Suche nach dem Vater, doch jegliche Recherche läuft ins Nichts. Eine Ungewissheit, die für Hoffnung kaum Platz lässt und die schwer erträglich ist …

Als die Familie nach der Machtübernahme Gaddafis zunächst in New York, wo auch Hisham 1970 geboren wird, danach im Exil in Agypten lebt, fühlt sie sich einigermaßen sicher. Doch wird der Vater aus Kairo entführt und 1990 nach Lybien ausgeliefert. Er landet im berüchtigtesten Gefängnis in Tripolis. Einige wenige Briefe erhält die Familie von ihm. Seit dem Massaker in Abu Salim, in dem über 1000 Gefangene, überwiegend Reigimegegner ermordet wurden, kommt kein Lebenszeichen mehr.

„Gaddafi hatte seine größten Gegner gern nahe bei sich, um sie sich von Zeit zu Zeit ansehen zu können, die Lebenden wie die Toten. Gefriertruhen mit Leichen lange verstorbener Dissidenten wurden gefunden.“

Matar zeichnet in seinem Buch auch die wechselhafte Geschichte des Landes auf und dessen unruhige politische Entwicklung. Schwerpunkt ist jedoch die Vatersuche mit all der Hoffnung und all dem Zweifel. Er, der mittlerweile mit seiner Frau in England lebt, setzt von dort aus, später sogar mit Hilfe von Menschenrechtsorganisationen und des Parlaments, alle Hebel in Bewegung. Die Ungewissheit bleibt …

„Die Suche wurde zur Besessenheit, ich verlor jede Zurückhaltung und war bereit zu kontaktieren, wer immer, wie ich dachte, helfen konnte.“

Matar schreibt sehr gut, er findet eine Sprache in seiner Sprachlosigkeit, die wiederum mich sehr eindringlich anspricht. Er erzählt oft in beinahe poetischen Bildern über die eigentlich schrecklichen Ereignisse. Sicher lohnt es sich, auch die beiden vorherigen Romane des Autors zu lesen, die alle um das Thema kreisen. Matar ist einer der Autoren, dem das Schwierige gelingt: aus Biografischem Literatur zu machen.

Hisham Matars Buch „Die Rückkehr“ erschien im Luchterhand Verlag. Es wurde übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. Eine Leseprobe findet sich hier
Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs Ruth liest und aus.gelesen

Kurzer Nachtrag: Etwas was nicht direkt mit dem Buch zu tun hat, was mir aber auffiel und trotz allen Mitgefühls unbegreiflich und abstoßend bleibt, ist, dass sich Menschen bei kriegerischen Handlungen gegenseitig fotografieren und filmen, ihre blutigen Taten stolz dokumentieren, so wie Matar das hier in einer Szene von seinem Neffen Issa berichtet.

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Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen Ullstein Verlag

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Karine Tuil, 1972 in Paris geboren, Juristin und Schriftstellerin mit tunesischen, jüdischen Wurzeln hat selbst ihre Kindheit in den Banlieus verbracht. „Die Zeit der Ruhelosen“ ist bereits ihr 10. Roman und erzählt von den Klassenunterschieden im heutigen Frankreich. Tuil packt politisch brisante Themen an und weiß stimmig konstruierte Geschichten daraus zu machen, in denen es an Kritik am System nicht mangelt. Ihr 500-Seiten-Roman ist in keiner Sekunde langweilig – selten nehme ich das Wort Pageturner in den Mund, doch hier passt es. Der Roman besticht mit seinem komplexen spannenden Inhalt.

Es gibt vier Hauptfiguren, um die sich die ganze Geschichte dreht. Da ist zunächst Romain Roller, ein französischer Soldat, der aus Afghanistan zurückkommt und stark traumatisiert nicht mehr in seine frühere Rolle mit Frau und Kind zurückfindet. Er hat eine spontane Affäre mit Marion Decker, einer Journalistin, die die zurückgekehrten Soldaten interviewt. Was einmalig sein sollte, wird zur Obsession, obgleich beide verheiratet sind. Marion ist mit dem deutlich älteren stinkreichen Geschäftsmann und Tausendsassa François Vely verheiratet. Und dann gibt es noch Osman Diboula, der auf eine steile politische Karriere aus ist, obwohl oder gerade weil er aus der in den Banlieus lebenden Unterschicht kommt und ein Schwarzer ist. Aus dieser Zeit kennt er auch Romain, den er als Sozialhelfer betreute. Als er gerade die Hand nach der Macht ausstreckt,  wird er durch eine unbedachte Bemerkung wieder von der Karriereleiter gestoßen. Seine Beziehung mit der ebenfalls politisch engagierten Sonia droht in die Brüche zu gehen. Doch er ist zäh und ein Skandal um Vely, lässt ihn unerwartet wieder Aufwind bekommen und höher steigen als zuvor.

„Wenn man an der Macht war, wandte man die Regeln der Kriegskunst an. Man griff zu den Waffen, wenn man erobern wollte, und tat dies auch, um sich seinen Platz zu sichern. Man ließ geliebte Menschen fallen. Man verriet, man verletzte. Man tötete, auch das. Unser Leben gegen euren Tod“

Vely hingegen ist tief gefallen, ihm wird Rassismus vorgeworfen, nachdem er für ein Interview für ein Foto-Magazin auf einem Thron, einem Kunstobjekt, abgelichtet wurde, der eine nackte schwarze Frau zeigt. Doch nicht genug, entdeckt man plötzlich, dass er jüdische Wurzeln hat (der Name Vely war früher Levy) und er wird nun von Antisemiten angefeindet.
Romain und Marion können weder mit- noch ohne einander und so lässt sich Romain als Söldner für eine Sicherheitsfirma im Irak anwerben.

Zum Showdown kommt es, als Diboula, inzwischen Minister für Außenhandel, eine Reise zu einer Handelsmesse in den Irak organisieren soll. Er lädt Vely ein, der seine Geschäfte in den nahen Osten ausdehnen will, da ein Partner in den USA aufgrund des Skandals aus einer geplanten Fusion aussteigt. Kurz entschlossen kommt Marion mit auf diese Reise. Es kommt wie es kommen muss, alle vier treffen in diesem gefährlichen Land aufeinander …

Karine Tuil kennt sich bestens aus in der politischen Landschaft Frankreichs. Sie legt Finger in die Wunden, sie legt bloß, was zu gerne von Politikern unter den Tisch gekehrt wird. Sie zeigt, wie sich die Oberschicht verhält, wie wenig Chancen den einfachen Leuten bleiben. Sie ist sich des Abgrunds bewusst, der zwischen Arm und Reich immer größer wird. Sie schildert die Machtverhältnisse. So stark unterscheidet sich Frankreich da von Deutschland wohl nicht …

Ich wünsche diesem Buch ganz viele aufmerksame, engagierte Leser*innen.

„Die Zeit der Ruhelosen“ erschien im Ullstein Verlag. Übersetzt wurde es von Maja Ueberle-Pfaff. Eine Leseprobe gibt es hier.
Weitere Besprechungen gibt es bei Constanze von Zeichen & Zeiten und auf dem Blog reingelesen

Asli Erdoğan: Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch Knaus Verlag

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„Ich bin Schriftstellerin und kein Mensch in der Türkei nimmt mich politisch ernst.“, sagte Asli Erdoğan nach ihrer Freilassung der FAZ-Journalistin Karen Krüger. Vielleicht habe man mit ihrer Verhaftung die Nachricht senden wollen: „Es kann jeden Intellektuellen treffen.“

So steht es in der soeben erschienenen Anthologie mit Essays von Asli Erdoğan gleich eingangs im Vorwort von Cem Özdemir. Diese Einführung ist gleichzeitig ein sehr kurz gehaltener aber sehr gut verständlicher Text über die letzten Jahre türkischer Politik. Sofort erkennt man, welch ein komplexes Thema diese ist.

Was in der Tat stark zu spüren ist in Erdoğans Essays ist, dass sie sich vor allem als Schriftstellerin sieht. Denn ihre Texte sind viel mehr als sachliche Essays. Es sind hochliterarische Selbstvergewisserungen, zutiefst poetisch, sehr persönlich, sehr klug und sie berühren in hohem Maße. Es war wichtig, dass sie übersetzt wurden, man sollte sie lesen, vor allem als Frau, denn Asli Erdoğans Stimme ist vor allem auch eine der Frauen. Ein Leuchten!

In ihren sehr aktuellen Texten gibt sie eindrucksvoll ihr Verhalten in Istanbul in der Nacht des Putschs am 15.7.2016 wieder, schreibt über den Genozid an den Armeniern und über die Kriegsverbrechen an den Kurden, über die Gezi-Proteste, vom Zusammenhalt der Frauen am Frauentag, verfasst einen Nachruf auf eine junge Frau, die für den Frieden demonstrierte und erschossen wurde und für all die anderen, die Opfer einer korrupten Regierung wurden, erzählt von Krieg und Folter und Gewalt und in alldem von sich und vom Schreiben.

„Ein Satz, der schon zig Male gesagt wurde, manchmal reißt er einen Menschen mit wie ein Strudel und wirbelt ihn zwischen Erde und Himmel umher. Dann speit er einen unverhofft aus und man bleibt an den Ufern des Schweigens liegen.“

Ich zögerte lange, ob ich dieses Buch lesen will: Welch ein Glück, dass ich es getan habe! Es ist ein großer Gewinn …

Asli Erdoğan ist zur Zeit auf freiem Fuß, mit der Auflage die Türkei nicht zu verlassen, nachdem sie im Zuge des Putsches im August 2016 verhaftet wurde, vor allem weil sie für eine kurdisch-türkische Zeitung schrieb. Möge dieser Irrsinn für sie und für all die anderen Betroffenen gut ausgehen!

Das Buch wurde aus dem Türkischen übersetzt von Oliver Kontny, Sabine Adatepe, Sebnem Bahadir, Angelika Gillitz-Acar, Angelika Hoch-Hettmann und Gerhard Meier. Es erschien im Knaus Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Andrej Platonow: Die Baugrube Suhrkamp Verlag

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„Am dreißigsten Jahrestag seines persönlichen Lebens gab man Woschtschew die Abrechnung von der kleinen Maschinenfabrik, wo er die Mittel für seine Existenz beschaffte. Im Entlassungsdokument schrieb man ihm, er werde von der Produktion entfernt infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit.“

Mit diesen fantastischen ersten Sätzen führt Andrej Platonow uns in seine Geschichte „Die Baugrube“ ein und fasst gleich alles zusammen, was man über die Persönlichkeit seines Helden Woschtschew wissen muss und wohin uns Platonows Sprache in diesem Werk führt.

Der Roman „Die Baugrube“ des 1899 in Woronesh geborenen Schriftstellers entstand im Jahr 1930. Er war einer der Autoren, der zu Lebzeiten der politischen Zensur unterlag und nicht gedruckt werden durfte. Erst sehr viel später wurde den Werken Platonows wieder Beachtung geschenkt. Zum Glück! Nun liegt eine Neuübersetzung von Gabriele Leupold vor, die auch Belyjs und Schalamows Werke vom Russischen ins Deutsche übertrug.

Es ist ein kurzer Roman mit wenig Handlung, in dem es vor Symbolhaftigkeit nur so wimmelt: Der „Held“ Woschtschew verliert seinen Arbeitsplatz, weil er nicht effektiv genug arbeitet; stattdessen denkt er nach. Er ist nicht schnell genug, er kann dem Tempo der anderen nicht folgen und verliert dadurch seinen Platz nicht nur im Betrieb, sondern auch im sozialistischen Gefüge. Bald darauf schließt er sich in einer Kleinstadt einem Artel (einer Art Kollektiv) von Bauarbeitern an, die eine Grube ausheben, um ein proletarisches Gemeinschaftshaus zu errichten.
Platonows Hauptfigur Woschtschew ist ein Melancholiker, ein Sinnsucher, sowie sich überhaupt eine stete Schwermut durch die gesamte Geschichte zieht. Er ist einer, der nach der Wahrheit fragt und nach dem Sinn sucht; eigentlich ist er ein Individualist. Er ist ein Sachensammler, hortet Dinge, die er irgendwo findet, als Beweismittel des Daseins.

„Woschtschew fühlte noch immer nicht die Wahrheit des Lebens, aber fand sich ab aus Erschöpfung von dem schweren Grund – und sammelte nur an den freien Tagen allerlei Unglückskroppzeug der Natur, als Dokumente der planlosen Erschaffung der Welt, als Fakten der Melancholie eines jeden lebendigen Atems.“

Später führt uns Platonows Geschichte aufs Land, in die Dörfer, wo die „Vergesellschaftung“ in vollem Gange ist. Doch die meisten Bauern sind eher bereit ihr Eigentum zu vernichten, als in Kolchosen einzutreten. Das Mädchen Nastja, eine Waise, die plötzlich in der Kolchose auftaucht, soll wohl stellvertretend für die neue sozialistische Zeit stehen. Doch sie ruft immer wieder nach der verstorbenen Mutter einer burshujka (einer Bürgerlichen) und wird schließlich immer schwächer, bis sie stirbt …
Wie wenig flüssig alle möglichen Projekte im Namen des Klassenkampfes funktionieren, wird mit konsequenter Ernsthaftigkeit geschildert, die allerdings für den heutigen Leser oft ins Komische, beinahe Karikaturistische, bisweilen Surreale abdriftet.

„Aber warum, Nikita, liegt das Feld so trübsinnig da? Ist wirklich Schwermut in der ganzen Welt, und nur allein in uns der Fünfjahrplan?“

Es ist die Zeit nach der Kulturrevolution. Stalin will die totale Kollektivierung, die schnellstmögliche Industrialisierung und es kommt der erste Fünfjahresplan. Durch Lautsprecher wurde selbst auf den Dörfern das Volk informiert und indoktriniert. Die Alphabetisierung der Bauern wurde voran getrieben und ging natürlich mit Propaganda einher. Stalins Ziel ist dabei „die Vernichtung der Klassen auf dem Weg des Klassenkampfs des Proletariats“. Die Kulaken, also die Großgrundbesitzer werden getötet, umgesiedelt oder vertrieben, Kirchen geschlossen.

„Wird die Sowjetina umkommen wie Nastja oder heranwachsen zu einem heilen Menschen, zu einer neuen historischen Gesellschaft? Dieses unruhige Gefühl bildete auch das Thema des Werkes, als der Autor daran schrieb.“

Mit obiger Aussage beendet Platonow seine Geschichte. Er ist ein Kind der Moderne, obgleich selbst proletarischer Herkunft, zweifelte er mehr und mehr am Sinn dieser Vorhaben. Er arbeitete bereits mit 15 Jahren, war später ein sehr belesener Student, wurde Mitglied der kommunistischen Partei und zum politischen Autor. All dies kommt in der „Baugrube“ deutlich zum Ausdruck. Seine Sprache enthält typische Begrifflichkeiten dieser Epoche; damals aktuell, mutet sie heute mitunter befremdlich an. Durch mehrfaches Kürzen des Ursprungsmanuskripts gelang Platonow eine zeitweise poetisch anmutende und gleichsam auf das Wesentliche zielende Verdichtung.

Man darf davon ausgehen, dass der Übersetzerin Gabriele Leupold hier eine Meisterleistung gelungen ist: Die vieldeutige und kraftvolle Sprache überzeugt.
Im Anhang der Neuauflage findet man ergänzend umfangreiche Kommentare und Anmerkungen zum Verständnis des Textes (die für mich auch unbedingt notwendig waren), eine editorische Notiz zur Übertragung vom Russischen ins Deutsche und ein aufschlussreiches Nachwort von Gabriele Leupold.

Vor mir liegt ein sehr schön gestaltetes Buch: Ein Leineneinband ohne Schutzumschlag mit dem Titel als Prägedruck. Das Covermotiv ist gestaltet nach dem Gemälde „Köpfe (menschliche Wesen in der Stadt)“ von Pawel Nikolajewitsch Filonow von 1926.
„Die Baugrube“ erschien beim Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe und weitere umfangreiche Informationen gibt es hier.
Eine weitere Besprechung gibt es bei meiner Bloggerkollegin von Zeichen & Zeiten.
Das Buch steht auf der SWR-Bestenliste Februar auf Rang 6.