Jenny Erpenbeck: Kairos Penguin Verlag

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Ich habe fast alle Bücher von Jenny Erpenbeck gelesen und schätze sie für ihre Sprache und ihren besonderen Blick, die Dinge zu betrachten. In ihrem neuen Roman, nach dem sehr erfolgreichen „Gehen, ging, gegangen“, erzählt sie in „Kairos“ eine Geschichte, die mich manchmal ziemlich zur Weißglut getrieben hat, nicht etwa sprachlich, sondern inhaltlich.

Kairos, der Gott des glücklichen Augenblicks

Eine Frau sitzt über zwei Kartons gebeugt und sortiert den Nachlass ihres ehemaligen Geliebten und sie erinnert sich:

Es ist 1986 in Ostberlin. Katharina, 19, die eine Setzerlehre in einem Verlag macht, um später Gebrauchskunst zu studieren, begegnet eines Tags im November an der Bushaltestelle Hans, einem über 30 Jahre älteren verheirateten Schriftsteller. Die beiden fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Es beginnt eine Beziehung, die meiner Meinung nach nur anfangs Liebesgeschichte ist und sich schließlich vor allem aufgrund der narzisstischen Persönlichkeit von Hans in eine höchst toxische Beziehung verändert. Wie Erpenbeck diese Beziehung beschreibt, machte mich sprachlos, wütend und letztlich verständnislos. Ich wollte den beiden zurufen: Lasst es! Trennt euch! Es tut keinem mehr gut! Doch scheinen die beiden in einer besonderen Form der Abhängigkeit vom jeweils anderen festzuhängen, die sich durch Schuldzuweisung und einer Art Hörigkeit, sowohl sexueller als auch emotionaler Natur zeigt und verstärkt. Gleich eingangs zeigt sich die Verschiedenheit der Blickwinkel, sicher auch durch den Altersunterschied bedingt:

„Nie wieder wird es so sein wie heute, denkt Hans. So wird es nun sein für immer, denkt Katharina.“

Wenn es nur um diese Liebe gegangen wäre, hätte ich das Buch sicher bald zur Seite gelegt. Aber Erpenbeck ist eben eine großartige Erzählerin und sie weiß die Geschichte so zu erzählen, dass sie gute Literatur wird. Neben dem Paar ist außerdem auch die Stadt Ostberlin Hauptprotagonist. Überhaupt ist es auch die Stimmung der letzten Jahre der DDR und es sind vor allem auch die starken Schilderungen des kulturellen, intellektuellen Lebens, welche das Paar miteinander teilt, die Orte an denen sie sich treffen, das Restaurant Ganymed oder das Cafe Tutti. Beide sind kultur-, kunst- und musikinteressiert. Etwas, was sie meiner Meinung nach auch stark verbindet sind eben Gespräche über dieses oder jenes klassische Musik- oder Theaterstück. Zumindest ist es das, was die Beziehung anfangs festigt.

„Katharina sitzt im Café Arkade und wartet auf Hans. Seltsam denkt sie, dass die Zeit, die an sich unsichtbar ist, nur indirekt sichtbar wird in dem, was an Unglück geschieht. So, als sei Unglück das Gewand der Zeit. Aber gleichzeitig, denkt sie, ist dieses Unglück auch nicht nur eine Hülle, sondern selbst ein Inneres, ein Wesen, das, einmal geboren eigener Wege geht und seine eigene Zeit hat. Denn seltsam bleibt es, denkt sie, dass sie auf Hans` Enttäuschung seit beinahe einem Jahr nicht den geringsten Einfluss nehmen kann.“

Als Katharina in Frankfurt/Oder ein Praktikum am Theater als Bühnenbildnerin macht, hat sie eine kurze Affäre mit einem Kollegen. Als Hans das zufällig herausfindet, beginnt eine seltsame Szenerie der Schuldzuweisungen und Abhängigkeiten. Er, der selbstverständlich verheiratet nebenher eine Geliebte haben kann, verurteilt Katharina und bindet sie im Namen einer „Aufarbeitung und Wiedervertrauensgewinnung“ vollkommen an sich. Waren es zuerst zahlreiche Briefe von Hans, so sind es nun Cassetten, die er für sie bespricht, in denen es Vorwürfe hagelt und die wie ein Tribunal wirken. Eine sehr ungesunde Entwicklung, der sich Katharina zwar immer wieder zu entziehen versucht, – sie geht eine kurze lesbische Beziehung ein und schläft mit einem Freund – die sie letztlich aber erst nach mehreren Jahren und zwei kurzen Trennungen dauerhaft beenden kann. Erst als auch die DDR sich in Auflösung befindet und sie leider in der Fusion mit Westdeutschland endet. Katharina, die den Westen nicht nur als Wohltat empfindet, sondern auch als Gefahr, wundert sich (ebenso wie ich heute noch), weshalb nicht der Versuch „o-ton Christa Wolf: … in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln„,  stattfand, wieso der Übergang (die Übernahme?) allzu schnell gehen sollte.

Die Autorin hat großes Geschick darin zu hinterfragen, zu beobachten, zu reflektieren und hinein zu spüren. Abwechselnd wird aus Katharinas und Hans` Perspektive erzählt, zusätzlich kommen noch die inneren Gedankenvorgänge und sowie im Fall von Hans, der während des zweiten Weltkriegs Kind war, die Erinnerungen aus seiner Vergangenheit, als die DDR voller Hoffnung neu entstand. So ist Jenny Erpenbecks neuer Roman eben viel viel mehr als die Geschichte einer unguten Beziehung, sondern ein Berlin- und ein DDR-Roman, aber eben auch ein sprachlich gelungenes perfekt komponiertes Leseereignis. Mich hat er auch an sehr persönliche Erfahrungen bei DDR-Verwandten-Besuchen und aus der Wendezeit erinnert. Große Empfehlung!

Kairos erschien im Penguin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Helga Schubert: Vom Aufstehen Deutscher Taschenbuch Verlag

Letztes Jahr im Sommer erhielt die 81jährige Autorin Helga Schubert beim (diesmal virtuellen) Wettlesen in Klagenfurt den Bachmannpreis 2020. Bereits im Jahr 1980 war sie eingeladen, durfte aber nicht aus der DDR ausreisen. Später war sie dann sogar einige Jahre in der Jury mit dabei. Von Insa Wilke eingeladen las sie vor der Jury den Text „Vom Aufstehen“, der als Abschlusstext in ihrem Buch enthalten ist. Der Untertitel des Buches „Ein Leben in Geschichten“ weist auch auf die Form dieser Texte hin, denn es sind Geschichten einer Lebensgeschichte. Schubert gelingt es mit großer Kraft, aus Autobiographischem exzellente Literatur zu machen. Die Autorin, die in der DDR lange als Psychologin arbeitete begann 1960 zu schreiben, durfte aber nicht alles in ihrem Land veröffentlichen. Bei dtv fand sie im Westen einen Verlag für ihre Literatur.

„Etwas erzählen, was nur ich weiß. Und wenn es jemand liest, weiß es noch jemand. Für die wenigen Minuten, in denen er die Geschichte liest, in der unendlichen, eisigen Welt.“

Obwohl scheinbar leicht zu lesen, besitzen Schuberts Texte eine Tiefe, die man in der aktuellen Literatur selten findet. Für mich tragen sie ein Geheimnis, denn ich kann nicht benennen, weshalb sie so berühren. Vielleicht hat es etwas mit einer bestimmten Verbundenheit mit dem Göttlichen/etwas Höherem zu tun. In einem Interview sprach sie auch davon, dass sie alles direkt aufschreibt, als würde es ihr diktiert. Womöglich hat es außerdem etwas mit Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Intention zu tun, mit den Leerstellen, die ich als Leserin mit Eigenem füllen kann.

Helga Schubert, 1940 in Berlin geboren und dort aufgewachsen, verfasste unter anderem auch geschichtliche und politische Sachtexte und zeigte den Alltag von Frauen in der DDR auf. Im neuen Buch geht es um ihre aktuelle Lebenssituation in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern ebenso wie um eine Aufarbeitung ihrer schwierigen Beziehung zur Mutter, die 101 Jahre alt wurde. Wie Schubert selbst sagt, ist es ihr wichtig Geschichten so zu erzählen, dass das Autobiographische literarisch verändert wird und dennoch die Essenz durchscheint.

„Manchmal, wenn ich ratlos war oder auch traurig, in mich gekehrt oder mutlos, las oder hörte ich plötzlich einen Satz, eine Gedichtzeile, einen Liedanfang, und ich spürte: Hier ist er ja wieder, der Strom von Einverstandensein, der doch immer da war und immer da ist und immer da sein wird, der mich mit Menschen verbindet, die schon seit Tausenden Jahren tot sind oder weit weg wohnen und andere Sprachen sprechen. Vielleicht hatte ich gerade auf einen solchen Satz gewartet. Dann schrieb ich in auf, als Beweis, als Unterstützung, als Hoffnung“

Im Grunde geht es um Begegnungen und die Art sie besonders zu be-schreiben. Gleich eingangs erleben wir die Erinnerung an ein Kindheitsritual, der Besuch bei der Großmutter zu Beginn der langen Sommerferien. Das Liegen in der Hängematte im Garten, der frisch gebackene Streuselkuchen unter Obstbäumen, das Glück einen Sehnsuchtsort zu haben. Zuverlässig und beständig jeden Sommer. Geborgenheit und Trost, die es bei der Mutter nicht zu finden gab. Der Vater im zweiten Weltkrieg gestorben, als die Autorin ein Jahr alt war. Das Aufwachsen in der DDR. Später der Sohn, der für eine Lehrstelle als Förster nur infrage kommt, wenn er keine Verwandten in der BRD hat.

Im Kapitel „Keine Angst“ erzählt Schubert über die Vorwende- und Wendezeit. Ich erfahre von den Repressionen wenn es um literarische Veröffentlichungen im Westen ging, gar um Ausreiseanträge wegen Einladungen zu Lesungen. Ich erfahre, dass in den späten 80ern das Bespitzeln von Menschen aus dem Kreis der Kirchen beliebter war, weil es Leute waren, die später nie zurückschlagen würden, weil sie gewaltfrei lebten. In vielen Kapiteln dieses Buches, erfahre ich mehr, als in manchem Sachbuch zum Thema.

„Demonstrationsfreiheit, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit.
Nun waren wir, ohne umzuziehen, in eine Welt fremder Regeln gekommen.“

Helga Schubert erzählt vom Besuch ihres Lektors, von der seltsamen Summierung der Selbstmorde in ihrem winzigen Dorf, von der erstmals erlaubten beruflichen Reise in die USA im Alter von 47, von der Reisesehnsucht im Allgemeinen, vom Altweibersommer und von der großen Liebe zum Schreiben. Immer gibt es Menschen, immer eine respektvolle, differenzierte Art über diese zu schreiben. Es gibt die eigene Geschichte und die der Familie. Und die Mutter, bei der die Schreibende schließlich feststellt, wie fremd sie ihr ist und umgekehrt und wie wenig sie beide trotz der engsten Verwandtschaft, die es gibt, verbindet.

Woher kommt der Mut, diese schmale, wankende Brücke zu den Menschen, die am anderen Ufer lärmen, zu bauen, diese Brücke ohne Geländer zu betreten und hoch über dem Abgrund zu balancieren, ganz allein?“

Ich wünsche dieses Buch jedem Leser. Ich vertraue darauf, dass es jede Leserin erreichen wird. Es ist ein Buch voller schöner Überraschungen und warmer Herzlichkeit. Und es zeigt, was Geschichtenerzählen vermag. Funkelndes Leuchten!

„Vom Aufstehen“ erschien im dtv Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Auch die älteren sehr empfehlenswerten Erzählbände sind überwiegend bei dtv erschienen, teilweise inzwischen als Neuauflagen erhältlich. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nadine Schneider: Drei Kilometer Jung und Jung Verlag

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Es ist ein stilles, stimmungsreiches Buch. Ich mag das sehr. Keine lauten Protagonisten, keine vom Plot getriebene Story. Nur eine stetig fein fließende Sprache, viel Lesen zwischen den Zeilen. Schön, dass Nadine Schneiders Debütroman auf der Shortlist für den Bloggerpreis von Das Debüt gekommen ist. Sonst hätte ich glatt an diesem schmalen Band vorbeigelesen.

Wir gehen mehrere Jahre in der Zeit zurück. Es ist die Zeit kurz vor der politischen Wende in Osteuropa, der Sommer 1989. Drei junge Leute, Anna, Hans und Misch, leben auf dem Dorf in der rumänischen Provinz im deutschsprachigen Banat nahe der Grenze zu Jugoslawien. Eben genau nur drei Kilometer entfernt. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Flucht in eine bessere Zukunft und den Gedanken zu bleiben, nicht alle Menschen, die man liebt, die eigene Familie zurückzulassen. Immer wieder begeben sich die drei in die Nähe der Grenze. Es ist Hochsommer, noch steht der Mais überreif mannshoch und sichtschützend auf dem Feld. Es wäre die Gelegenheit …

„Hans hätte auf die Universität gehen können. Bevor sein Bruder abgehauen war. Mit seinem Bruder gingen auch Hans`Wünsche, zumindest seine wirklichen. Nicht die, die sich in die Lücken der alten Wunden zwängten, sodass jeder sehen konnte, dass sie dort nicht hingehörten.“

Die Welt der jungen Leute ist begrenzt. Sie arbeiten in einer Fabrik in der nächsten Stadt am Fließband. Der Verdacht auf Spitzel unter den Kollegen ist immer da, Ceaușescus Macht schwindet, verbreitet aber immer noch bis in die hintersten Zipfel des Landes Angst. Die meisten Familien leben an der Armutsgrenze.

„Die Ketten der Hunde klirrten, als sie sich auf die Kochabfälle stürzten, die mein Vater ihnen hinwarf. Ich sah, wie ihnen der Hunger gefährlich aus den Augen sprang, wenn für sie nichts abgefallen war, während wir am Tisch saßen.“

Viele wichtige Lebensmittel fehlen auch in der Stadt. Highlights sind die Kirchweihfeste in den umgebenden Dörfern oder die Fahrradausflüge zum Fluß Temes. Die Winter hingegen sind lang und schwer erträglich. Anna, aus deren Sicht auch erzählt wird, kann sich nicht zwischen den beiden jungen Männern entscheiden, will beide nicht als Freunde verlieren.

Schneider flicht in die Dorfroutine immer wieder geschickt kleine Erschütterungen ein, wie ein Erdbeben, den Tod der Großmutter, den Ausreiseplan des Vaters, mit dem niemand gerechnet hat und verbindet die Gegenwart in kleinen Episoden aus Annas Kindheit mit der Vergangenheit. Schneiders Sprache ist so stark, bildreich und sinnlich, dass ich den Roman lese, wie ich einen Kinofilm sehe. Er ist extrem gut konstruiert und lässt Lücken, die sich als Fragen in mir als Leserin festsetzen und dadurch den Roman bereichern. Ein Leuchten!

Die 1990 geborene Nadine Schneider ist Tochter einer Familie, die aus dem rumänischen Banat auswanderte. Der Roman erschien beim Jung und Jung Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.