Die dunkle Nacht der Seele Teil 2 – Psychische Erkrankungen in Roman und Graphic Novel

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Bereits im Jahr 2020 gab es hier einen Beitrag über das Thema Psyche im Buch: Depressionen/Psychische Erkrankungen/Psychiatrie. Ich finde es richtig, dass dieses Thema auch im Buch immer mehr Eingang findet. Menschen mit psychischen Erkrankungen werden noch immer stigmatisiert. Mich interessiert dieses Thema brennend. Vor allem dann, wenn es Autor*innen gelingt, aus oft (auto)biographischem Inhalt wirklich gute Literatur zu machen. Deshalb heute ein neuer ergänzender Beitrag über die Psyche. Sowohl in Prosa als auch in Graphic Novels habe ich Empfehlenswertes gelesen. Durch Klick auf das jeweilige Foto gehts zur ausführlichen Besprechung.

In „Gesichter“ erzählt Tove Ditlevsen von einer Autorin, die sich von Mann und Haushaltshilfe bedroht fühlt und sich selbst in die Psychiatrie begibt. Hier gehen die Wahnvorstellungen weiter, die drastisch aufgezeigt werden; woher sie kommen, eventuell gar von Drogenexperimenten, erfahren wir nicht.

In „Yoga“ erlebt der Autor dieses autobiografischen Romans, Emmanuel Carrère eine schwere Phase der Depressionen, die ihn länger schon begleiten. Yoga und Meditation helfen ihm unter anderem beim Bewältigen der Krankheit.

Gine Cornelia Pedersen erzählt in „Null“ von einer jungen Frau, die bereits früh im Leben mit einer psychischen Erkrankung konfrontiert wird. Auch mehrere Versuche der Heilung in verschiedenen Kliniken, bringen nicht dauerhaft Hilfe. Bis sie ihren ganz eigenen, ziemlich abenteuerlichen und auch gefährlichen Weg findet, sich selbst zu helfen.

Einen seltsam anmutenden Titel „Triceratops“ trägt der Debütroman von Stephan Roiss. Wir gelangen in eine dysfunktionale Familie, in der vor allem der jüngere Sohn unter der psychischen Krankheit der Mutter zu leiden hat. Aus dem Gefühl heraus für ihr Wohl verantwortlich zu sein, kann er sich selbst nicht hinreichend weiter entwickeln. Dennoch versucht er einen eigenen Weg zu gehen, der ihn letztlich auch stärken wird.

Die farbenfrohe Graphic Novel „Fremde Blicke“ von Cynthia Hafliger thematisiert die Erkrankung Schizophrenie. Der besondere Blick liegt hier darauf, wie die Familie des betroffenen jungen Manns damit umgeht. Die Auffälligkeiten bemerken vor allem die anderen, er selbst hält alles für normal. Die dramatischen Ereignisse werden mit unterschiedlichem künstlerischem Material gut dargestellt.

„Black Box Blues“ von „Ambra Durante“ zeigt in schwarz/weiß-Bildern, wie sich die eigene Depression der jungen Künstlerin anfühlt und auf die Umwelt auswirkt. Was sie als Betroffene braucht und sich wünscht und was nicht. Sehr ausdrucksstark und comicähnlich gestaltet.

Zwei weitere Bücher zum Thema: Eines habe ich noch vor zu lesen, „Ungefähre Tage“ habe ich gerade beendet. Ines vom Blog Letteratura hat beide schon besprochen und ich darf teilen: Mit Klick auf das Foto kommt man zu ihren Blogbeiträgen. Danke, Ines!

Annika Domainko erzählt in „Ungefähre Tage“ von einem Pfleger in der Psychiatrie, der sich seiner selbst nicht sicher ist und in eine viel zu dichte Beziehung zu einer Patientin geht, obwohl er seine Arbeit bereits seit 20 Jahren macht und weiß, wie unmöglich das ist. Seine Frau und die kleine Tochter scheint er dabei völlig auszublenden. Domainko hat hier ein starkes Debüt geschrieben, dass eine höchst sensible Thematik beleuchtet.

In Mischa Mangels Buch „Ein Spalt Luft“ geht es um ein Kind, das unter der Psychose der Mutter leidet, die gleich nach seiner Geburt beginnt. Es fällt vor allem durch seine Form auf. Es ist zwar eine Art Roman, aber doch mit sehr vielen ungewöhnlichen Erzählarten: bürokratische Sprache psychologischer Gutachten und Studien, Märchen, Träume, psychotische Tiraden, erzählerische und poetische Sequenzen (Verlagstext)

Emmanuel Carrère: Yoga Matthes & Seitz Verlag

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„… und zuerst Pythagoras zitieren, der die Frage gestellt hat: >Wozu ist der Mensch auf Erden?< Antwort: >Um den Himmel zu betrachten.< Um den Himmel zu betrachten? Wenn das wahr ist, dann wissen es die meisten Menschen nicht.“

Dieses Zitat ist die Essenz, die ich aus dem neuen teils autobiographischen Roman von Emmanuel Carrère für mich herausziehe. „Yoga“ ist kein Ratgeber oder Mode-Yogabuch. Der französische Autor praktiziert seit 20 Jahren Yoga und beschäftigte sich auch mit der Philosophie dahinter. Denn Yoga beschränkt sich nicht auf die Asanas, die Körperübungen, die manche sogar als Sport verkaufen wollen. Yoga hat mit Sport überhaupt nichts zu tun, was ich aus eigener langer Erfahrung weiß. Spannend wird es nämlich erst, wenn man sich mit den weiteren Aspekten tiefer beschäftigt. Auch Carrère geht es um die philosophischen Ideen der östlichen Lehren. Er praktizierte lange Tai Chi und meditiert.

“ Die Atmung verändert sich. Die Gedanken verändern sich. Sie verändern sich, weil sich sowieso immer alles verändert, aber auch, weil man sie beobachtet. Beim Meditieren tut man nichts anderes und soll auch gar nichts anderes tun als zu beobachten. Man beobachtet das  Auftauchen von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen im Bewusstsein, und man beobachtet ihr Verschwinden. […] Man folgt ihrem Strom, ohne sich davon mitreißen zu lassen. Und dadurch, dass man genau das tut, verändert sich das Leben selbst.“

Der Roman ist in 3 Teile mit Kapiteln unterteilt. Der erste Teil des Buches wird von den oben genannten Erfahrungen bestimmt. Doch es geht um weit mehr. Es geht um das, was im Leben passiert, unabhängig von unseren Plänen, Vorstellungen und Hoffnungen.

Beim Einstieg in das Buch finden wir den Autor/Protagonisten auf dem Weg zu einem Schweige-Meditationsseminar, ein 10tägiger Kurs mit Vipassana Meditation, bei dem man sich bei strengem Tagesablauf vollkommen von der Außenwelt abschottet. Diese Erfahrungen sollen in ein geplantes Buchprojekt zum Thema Yoga einfließen. Bereits in diesem Kapitel, wie auch in den weiteren, erzählt Carrère immer wieder abschweifend kleine Geschichten in die eigentliche Handlung hinein: teilweise amüsante Episoden aus dem Alltag oder mit Mitmenschen oder auch Teile aus gelesenen Lektüren. Der erste Teil also, in dem wir vor allem aus dem Inneren und dem Denken des Helden erfahren, endet damit, dass er das Seminar bereits nach 4 Tagen beenden muss, da genau in dieser Zeit der terroristische Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo geschah. Ein Freund Carrères wird dabei getötet und er soll die Trauerrede halten.

Von da an gerät das Leben des Protagonisten mehr und mehr aus den Fugen. Die genauen Ursachen werden nicht auserzählt, sind aber bei psychischen Zusammenbrüchen ohnehin meist vielseitig. Er gerät zusehends in eine Depression, seine Gedanken kreisen – auch Suizidgedanken – das einzige, wozu er sich noch aufraffen kann, ist der Weg ins Stammcafé, um an seinem geplanten Buch zu arbeiten. Doch stattdessen sitzt er nur da und schafft es nicht mehr sich zu konzentrieren. Kurz drauf wird ein Psychiater eine Form einer bipolaren Störung diagnostizieren. Und dem Protagonisten wird klar, dass er endlich eine Erklärung für seine psychische Befindlichkeit hat, an der er schon länger schwer trägt.

„Die Sache ist: Ich bin krank, so krank, als hätte ich einen Schlaganfall gehabt oder eine Bauchfellentzündung, und deshalb legt man mich ins Bett und wird nach der geeigneten Medizin suchen, wobei man mir nicht verschweigt, dass diese Suche eher tastend verlaufen wird und man das Mittel, das mir hilft, wohl nicht gleich auf den ersten Griff finden wird …“

Verschiedene Medikamente und Therapien werden ausprobiert, doch nichts hilft dauerhaft. Die Ärzte gehen sogar soweit, es mit Elektrokonvulsionstherapie zu versuchen. Letztlich verbringt der Patient vier Monate in der Psychiatrie. Sehr interessant finde ich, dass Carrere um seine Konzentration und Merkfähigkeit zu trainieren, die bei Depressionen oft zu wünschen übrig lässt, später Gedichte auswendig lernt. Einige Kostproben sind auch abgedruckt.

Nach der Entlassung bei neu gewonnener Stabilität will er sich mit der Familie und mit Freunden auf der Insel Patmos erholen und wieder schreiben. Doch auch hier kommt es anders. Er hält das Zusammensein nur schwer aus und verlässt Hals über Kopf die Insel, um einer Bekannten auf der griechischen Insel Leros zu helfen. Frederica kümmert sich dort um unbegleitete Jugendliche (es ist die Flüchtlingswelle 2015). Hier verbringt er mehrere Monate und lebt in Fredericas Haus, übernimmt später sogar ihre Aufgaben, die Jugendlichen zu unterrichten und zukunftsweisend zu unterstützen.

„Was hieße es, ein anderer zu sein als der, der man ist? Sie (die Frage) ist einer der Gründe, die Leute dazu zu bringen, Bücher zu schreiben – so wie ein anderes sein kann zu erforschen, was es heißt, man selbst zu sein.“

Das Buch endet offen, wie das Leben. In Frankreich gab es helle Aufregung um das Buch, denn Carrères Exfrau legte Veto ein (dazu ein interessanter Beitrag in der FAZ aus dem Jahr 2020). Tatsächlich hatte der Autor vorher eingewilligt keine privaten Einblicke zu geben. Für mich wirkt der Roman dann auch nicht durchweg stimmig, eher so als hätte der Autor versucht, einzelne Teile zu einem ganzen zusammenzufügen und eben auch wichtige Stellen ausgelassen (möglicherweise die von der Exfrau monierten). Der Spagat zwischen Autobiographischem und Fiktion gelingt hier nicht hundertprozentig. Aber vielleicht ist genau diese Schreibart die richtige, wenn man sich selbst plötzlich zerrissen und instabil im Leben vorfindet. Ich habe das Buch gern gelesen und viele Aspekte für mich herausgezogen, obgleich manchmal auch die Eitelkeit, das Ego des Schriftstellers überhand nimmt, dann wieder die Selbstzweifel. Eben auch wie im richtigen Leben.

„Solange man kann, stirbt man noch nicht. Man stirbt immer noch nicht, doch das Herz ist nicht mehr dabei. Man glaubt nicht mehr daran. Man glaubt, man habe sein Guthaben aufgebraucht und nichts könne mehr kommen. Und dann kommt eines Tages doch etwas.“

Der Roman erschien im Matthes & Seitz Verlag. Übersetzt hat es Claudia Hamm. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein weiteres, ganz anderes Buch von Emmanuel Carrère habe ich bereits auf dem Blog besprochen:

Emmanuel Carrère: Der Widersacher Matthes & Seitz Verlag

Tove Ditlevsen: Gesichter Aufbau Verlag

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„Sie hatten recht. Ich heiße Lise Mundus. Und morgen werde ich nach Hause zurückkehren und anfangen, ein neues Buch zu schreiben.“

Mit diesem Satz, der ziemlich am Ende des schmalen Romans „Gesichter“ von Tove Ditlevsen steht, kehrt die Kinderbuchautorin Lise der Psychiatrischen Klinik den Rücken und damit auch ins Leben zurück. Für mich ist dieser Roman, der 1968 erschien, also nach „Kindheit“ und „Jugend“, aber vor „Abhängigkeit“ ein wesentlich reiferes und dichteres Buch als die berühmten Vorgänger. Da es zu großen Teilen in der Psychiatrie und im Wahn und den Halluzinationen der Hauptperson spielt, ist es sicher nicht jedermanns Sache oder wirkt für manchen vielleicht erschreckend. Mich hat es hingegen sehr bereichert und ich halte es für das beste ihrer Bücher. Denn im wahnhaften Zustand der Heldin sind durchaus die Motive erkennbar, die zu diesem geführt haben könnten. Zudem schafft Ditlevsen gerade innerhalb dieser Thematik leichterhand eine poetische, hoch aufgeladene Sprache, die nie künstlich, aber fein und kunstvoll wirkt.

„Wenn sie ihre Figuren erst einmal erschaffen hatte, verselbstständigten sie sich. Das Schreiben war immer wie ein Spiel für Lise gewesen, eine beglückende Beschäftigung, die es ihr ermöglichte, alles andere auf der Welt zu vergessen. Sie dachte: Wenn ich wieder mit dem Schreiben anfange, wird dieser Alptraum vorbei sein.“

Lise lebt mit ihren drei Kindern, Mogens, Hanne und Søren, ihrem Ehemann Gert und der Haushaltshilfe Gitte in einer Wohnung in Kopenhagen. Lise hat mit ihren Kinderbüchern viel Erfolg und bereits einen angesehenen Preis erhalten. Gert arbeitet in einem Ministerium. Doch Lise hat lange nichts mehr geschrieben, sie zweifelt an sich und ihrem Können als Schriftstellerin. Sie glaubt, nicht gut genug oder zu alt zu sein für ihren Mann und die Kinder. Gert indessen geht munter fremd, sogar Gitte lässt er nicht aus. Die junge Frau hat zuvor in einer freizügigen 68er-Kommune gelebt und dort auch mit Drogen wie LSD experimentiert. Immer mehr entfernt sich Lise von der Familienwelt, glaubt alle hätten sich gegen sie verschworen und als ihr Mann ihr eines Abends vom Suizid seiner Geliebten erzählt, bricht etwas. Kurz darauf nimmt Lise eine Überdosis Schlaftabletten, ruft aber vorher noch den Arzt Dr. Jørgensen an, der ihr zuvor schon bei psychischen Problemen geholfen hatte.

„Die Wirklichkeit“, sagte er, „existiert nur in ihrem Gehirn. Wenn sie das verstehen würden, ginge es ihnen besser. Sie existiert objektiv betrachtet gar nicht.“
„Wo existiere ich denn dann?“ fragte sie.
„Im Bewusstsein der anderen“, erklärte er geduldig.“

So finden wir Lise zunächst in der toxikologischen Abteilung, dann in der offenen Psychiatrie wieder. Doch hier entwickeln sich ihre Halluzinationen rasend schnell weiter. Sie malt sich das Ausmaß der Verschwörung zuhause aus: Gitte und Gert wollten sie loswerden. Sie glaubt, man will sie vergiften, und sie hört Stimmen. Bald wird sie in die geschlossene Abteilung verlegt, wo sie glaubt, Gitte wäre eine der Krankenschwestern. Nun hört sie Stimmen aus den Lüftungsschächten und aus den Wasserrohren oder gar aus einem Mikrophon im Kopfkissen. Sie hält einen Pfleger für Gert und nur bei einer Mitpatientin, die sie regelmäßig besucht, später bei einer Pflegehelferin, wird sie ruhiger. Im Wahn spiegelt sich weiter die Sorge, nicht gut, nicht schön genug zu sein; alle Stimmen hacken auf sie ein – sie solle dies und jenes tun – Schlaf findet sie kaum, denn bei geschlossenen Lidern tauchen weitere Schreckensbilder auf. Dabei spielt auch der Titel des Buches eine Rolle: Gesichter verschieben sich zu Masken oder Larven, gar zu Tiergesichtern, manche Menschen scheinen doppelgesichtig oder mehrere Gesichter zugleich zu haben.

„Von einer unbestimmten Unruhe ergriffen, trat sie in den erinnerungslosen Raum, in dem die Patientinnen ihren Besuchern mit konturlosen Vergangenheitsgesichtern gegenübersaßen, die sie aus dem Schrank gezogen hatten, wo sie auf Bügeln zwischen den Kleidern hingen, die nie passten.“

Erst als Dr. Jørgensen Lise Stift und Papier bringen lässt und sie auffordert alles aufzuschreiben, Stimmen und Gesichter und alles, was sie sonst bewegt, beginnt ein heilsamer Prozess.

Als sie nach drei Wochen – als Leserin glaubte ich es wären Monate vergangen – wieder aus der Psychiatrie entlassen wird, holt ihr Mann sie ab und verspricht ihr einen Neuanfang, Gitte habe er rausgeschmissen. Lise lässt sich darauf ein. Im tiefsten inneren weiß sie aber, dass es nur darum geht, endlich wieder in Ruhe und mit Energie ein Buch schreiben zu können. 

Im Grunde könnte man Lises Tabletteneinnahme auch als Versuch des Selbstschutzes deuten. Auch im Nachwort der Übersetzerin stehen dazu Hinweise. Der Versuch, sich aus der Schreibblockade und der anstrengenden Familienkonstellation zu befreien, um wieder Kräfte zu sammeln fürs Schreiben. Die Hölle, durch die sie dabei geht, wäre dann der Raum, alle schädlichen Einflüsse aufzuarbeiten und sich aus dieser Situation heraus zu stabilisieren, eine Art Katharsis zu durchleben. Ich empfinde das durchaus als plausibel. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Aufbau Verlag. Es wurde von Ursel Allenstein wunderbar übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Die Kopenhagen-Trilogie habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen. 

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Gine Cornelia Pedersen: Null Luftschacht Verlag

20211029_1810515287985662158771363.jpgIch bin literarisch wieder mal im Norden unterwegs. Welch ein Glück, dass ich dieses Buch erhalten habe; ich hätte es selbst wohl übersehen. So aber verbrachte ich einen faszinierenden Nachmittag lang mit dem Debütroman der Norwegerin Gine Cornelia Pedersen. Das Buch erschien in Norwegen bereits 2013 und erhielt den „Tarjei Vesaas Debutantpris“. Auch äußerlich ist es bemerkenswert. Passend zum Inhalt herrscht die Farbe schwarz vor. Der Textblock, auf feinem Papier gedruckt, wird eingerahmt von einem schwarz/grauen scheinbar undurchdringlichen Dschungel. Und dieser hat, wie man später beim Lesen merkt eine wichtige Rolle in der Geschichte.

„Ich bin zehn Jahre alt
Ich absorbiere alles
Ich habe keinen Filter
Ich glaube Gott hört es, wenn ich bete
Ich habe drei Menschen tot gesehen, zwei alte und einen jungen
Ich weine nachts und fühle, dass ich ganz allein bin und mich niemand retten kann
Ich habe Mitleid mit Mama und Papa
Ich begreife, dass das Konzept Zuhause niemals existiert hat
Ich denke, wenn ich groß bin und selbst bestimmen kann, wird das Glück perfekt sein
Ich glaube, ich werde ewig leben, und denke gleichzeitig fast jeden Tag an den Tod
Ich halte in allen Disney-Filmen zu den Bösen, sage es aber niemandem“

So beginnt der Roman. Im Grunde stellt dieser Beginn schon die Weichen; die Weichen der Geschichte, die Weichen dieses Lebens. Es ist eine extrem temporeiche Geschichte, eine dunkle Geschichte, die wirklich einschlägt wie eine schwere Faust. Und trotz der großen Verlorenheit schenkt die Autorin ihrer Hauptfigur einen schrägen Humor, mitunter Galgenhumor, aber eben einen der taugt zum Überleben. Es ist womöglich die beste Weise, diese beeindruckende Geschichte zu erzählen.

Schon als Kind hat die Heldin dieser Geschichte den Wunsch berühmt zu werden, vielleicht als Star oder als Schauspielerin. Dahinter steckt der Wunsch gesehen zu werden. Denn die Eltern scheinen das nicht zu können. Sie trennen sich, der Vater lebt bald in Oslo und in der Heranwachsenden gedeiht der Wunsch auch in die große Stadt zu kommen. Während der Pubertät macht das Mädchen die vielen Phasen durch, die wir alle meist kennen: es geht um Widerstand, Abgrenzung. In der Schule bleibt sie Außenseiterin, bis sie sich in Jorg verliebt. Die beiden kommen zusammen und zum ersten Mal wohl wird sie gesehen. Doch das Schöne, die Nähe ist auf Dauer nicht auszuhalten. Es geht ihr psychisch immer schlechter.

Nach der Schulzeit zieht sie nach Oslo und denkt, jetzt beginnt das Leben. Sie nimmt verschiedene Jobs an, doch in keinem hält sie es lange aus. Ein Arzt verschreibt Tabletten, die nicht helfen. Sie bekommt Wahnvorstellungen, rastet total aus und landet zum ersten Mal in der Psychiatrie. Sehr lange wird sie dort bleiben. Man schätzt sie als chronisch krank ein.

„Ich befinde mich seit bald einem halben Jahr in zwangsweiser psychiatrischer Unterbringung
Ich möchte wissen, ob es nicht langsam Zeit für mich wäre. freiwillig hier zu sein
Sie sagen, von diesem Ziel sind wir leider noch weit entfernt
Sie teilen mir mit, dass ich verlegt werden soll“

Nach weiteren drei Monaten, die alles andere als ruhig und stabil laufen, wird die Protagonistin entlassen und bezieht eine kleine Wohnung in Oslo. Zunächst scheint es aufwärts zu gehen. Sie lernt einen Mann kennen, aus Verrücktheit heiraten die beiden, sie hat sogar einen Termin zur Vorstellung in einer Schauspielschule, den sie mit Witz und Verve meistert, später aber doch eine Absage erhält. Auch diese Beziehung wird von ihrer Borderline-Thematik überschattet. Nach schlimmen Vorfällen kommt es erneut zu einer Einweisung in die Klinik.

„Die Ärzte sagen, ich kann von Glück reden, am Leben zu sein
Die haben sie doch nicht alle
Sie begreifen nicht, dass es für mich ein Unglück ist, am Leben zu sein“

Die Protagonistin geht durch die Hölle. Doch auch diesmal übersteht sie es und wird erneut entlassen. Ein Buch und ein Traum führt sie schließlich zu einer unkonventionellen Therapeutin, die ihr in besonderer Weise hilft und als sie Jorg wieder trifft, scheint es aufwärts zu gehen. Jorg erzählt ihr von seiner eigenen Entwicklung, von seinen Erfahrungen mit einer Droge die er in Peru kennengelernt hat und die ihm sehr geholfen hat seinen Weg zu finden. Unsere Heldin macht sich schließlich wagemutig allein auf den Weg nach Peru, um zu sich selbst zu finden. Doch bereits im Flugzeug stehen die Zeichen schlecht und ab der Ankunft erleben wir eine rasante extreme wilde unglaubliche Reise durch das Bewusstsein der Heldin, die alles andere als heilsam zu sein scheint, die sie in unfassbare Gefahr bringt und nah am Tod endet. Aber eben nur nah. Wer das überlebt, denkt man als Leser, der kann eigentlich nur noch gewinnen im Leben …

Gerade diese letzte Episode, die sich über das ganze letzte Kapitel des Romans zieht, zeigt das unglaubliche Talent der Autorin. In rasender Geschwindigkeit überschlagen sich hier die Ereignisse, dass man als Leserin manches nur noch erahnen kann, was hier geschieht. Und das macht gerade die Faszination aus. Dazu kommt die Erzählweise, atemlos, die Form passt sich ja im gesamten Text der Geschichte an (siehe Foto Textauszug) und endet in einem wahrhaftig wahnhaften (?) Showdown. Stakkatohaft fliegen einem die Sätze fast gänzlich ohne Interpunktion um die Ohren. Die Leserin selbst wird am Ende vom Dschungel Perus umschlungen und erst mit dem letzten Satz wieder ins Licht entlassen. Ein irre gutes Buch! Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Luftschacht Verlag und wurde von Andreas Donat trefflich übersetzt. Das Coverbild und die Illustration stammt von Carlos Enfedaque. Zur Leseprobe geht es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Stephan Roiss: Triceratops Kremayr & Scheriau Verlag

Mit seinem Debütroman „Triceratops“ wurde der Österreicher Stephan Roiss gleich für die Longlist des Deutschen Buchpreis nominiert. Das Buch ist schon äußerlich eine dunkle Schönheit. Das Cover mit diesem seltsamen Tier ist aufgeraut und sieht aus wie glänzender dunkelgrauer Stahl mit fliederfarbener Schrift. Mit Fliederfarben geht es auch innen auf dem Vorsatzblatt weiter, auf dem man die Hautstruktur des Triceratops, einer Dinosaurierart erkennt. Auch durch die Seiten schleicht sich das Tier.

Die Hauptfigur, ein namenloser Junge, der von sich selbst als „wir“ spricht, hat mich zutiefst berührt. Dieses „wir“, über das ich immer wieder erschrecke, als ich mir klar mache, dass der Junge allein ist, das mir immer wieder neu suggeriert, dass es vielleicht als eine Art Stärkung fungiert, eine Art „ich bin nicht allein“. Vielleicht eine Nachahmung der Schwarmbildung der kleinen Fische, die er im Naturkundemuseum sah, ein Versuch nicht gefressen zu werden? Auch der Triceratops, die Dinosaurierspielfigur wird eine Art Verstärker der Abwehr.

„Wir spielten am liebsten mit dem Dinosaurier mit dem Nackenschild und den Hörnern. Er aß nur Pflanzen, aber war unbesiegbar. Er war kompakt, schwer gepanzert, ein guter Krieger. Niemand konnte ihn in den Hals beißen, nichts konnte ihn um werfen. Er stand fest auf der Erde.“

Dem kleinen Schuljungen wird eine Bürde auferlegt, der er niemals gerecht werden kann, auch wenn er sich noch so anstrengt. Er soll auf seine Mutter achten, sie stabilisieren, sie nicht aus den Augen lassen, sie trösten. Und weil ein kleines Kind auf die Liebe seiner Mutter angewiesen ist, tut er sein möglichstes und verliert dabei seine Kindheit. Die Mutter leidet unter schweren Depressionen, muss immer wieder in die Klinik für längere Aufenthalte. Bei ihrem Sohn zeigt sich die psychische Anspannung schnell: er bleibt lange Zeit Bettnässer, er kratzt sich die Arme blutig, kaut die Nägel bis ins Fleisch ab. Der Vater übernimmt keinerlei Verantwortung, schützt den Sohn nicht, die ältere Schwester ist ebenfalls seltsam abwesend. Die guten Tage sind für ihn die, an denen er zu seiner Großmutter darf. Sie nimmt ihn wie er ist und fordert nichts von ihm. Doch die guten Tage sind selten.

„Bitte mach, dass es ihr besser geht“, flüsterten wir vor uns hin, während wir über den vereisten Schotterweg nach Hause trotteten.“

Im zweiten Teil des Buches ist der Junge älter geworden. Pubertät, Teenageralter. In den Ferien bei der Großmutter, beginnt er seinen dicklichen Körper zu trainieren, rasiert sich die Haare ab. Dann stirbt die Großmutter. Er versucht auf den Spuren des Großvaters dessen Geheimnis zu erkunden. Besetzt dessen Hütte im Wald. Bald schließt er sich einem Punkmädchen und dessen Bruder an. Doch auch da ist der Halt nicht von Dauer. Die ältere Schwester zieht zu ihrem Freund, wird schwanger und immer labiler. Monate nach der Geburt tötet sie ihr Kind. Auch sie landet in der Psychiatrie: „Es wird nicht mehr schön.“ Die Mutter gibt sich für alles die Schuld.

Unser Held lässt sich treiben. In der Schule häufen sich Fehltage, schlechte Zensuren. Das „wir“ bleibt. Die Suche. Die Fragen. Die Möglichkeiten sich aus der Familie zu lösen. Einen Halt in sich selbst zu finden.

Ein sehr kurzer dritter Teil schließt sich an. Ein sehr schöner, weil vollkommen offener Schluss. Nicht mehr aus der Ich- bzw. Wir-Perspektive erzählt. Unsere Hauptfigur ist einfach nur „der Junge“.

Roiss erzählt nie direkt, was ich sehr gelungen finde. Ich setze Bauteilchen zusammen und erkenne die Zusammenhänge. Ich habe die Geschichte quasi mitzutragen, ich muss mitgehen, sonst lese ich zwar eine Geschichte, aber nicht das zwischen den Zeilen. Der Wahnsinn, der in dieser so brüchigen Familie herrscht, wird niemals so beschrieben, dass es mir zu viel wird (wie es kürzlich beim Debütroman von Ulrike Almut Sandig mit dem Thema Gewalt war). Die traurigsten und furchtbarsten Passagen wechseln mit alltäglichen Szenen ab. Überwiegend sind es einfache Satzkonstruktionen, teilweise sind die Seiten nur halb gefüllt. Und doch ist da etwas an der Art der Anordnung, das aus dieser einfachen Sprache Literatur macht. Vollkommen zurecht nominiert. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Kremayr & Scheriau Verlag in feiner Ausstattung. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Die dunkle Nacht der Seele – Psychische Erkrankungen in Roman und Lyrik

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Wenn ich so meine Besprechungen der letzten 5 Jahre überblicke, finde ich immer wieder das Thema Psyche: Depressionen/Psychische Erkrankungen/Psychiatrie. Mich interessieren diese Themen brennend. Vor allem dann, wenn es Autor*innen gelingt, aus oft autobiographischem Inhalt wirklich gute Literatur zu machen. Deshalb heute, nach „Kunst im Buch“, ein Beitrag über die Psyche. Sowohl in Prosa als auch in der Lyrik habe ich Hervorragendes gelesen. Durch Klick auf das jeweilige Foto gehts zur Besprechung.

Depression

Allen voran der große amerikanische Autor David Foster Wallace, der in seinem frühen Text über seine beginnenden Depressionen als „die üble Sache“ schreibt. David Vann, der in seinem neuesten Roman sehr anschaulich über die Depression seines Vaters schreibt. Connie Palmen, die aus der Sicht Ted Hughes auf Depression und Suizid Sylvia Plaths blickt. Die Sprachzauberin Merethe Lindstrøm, die über Depressionen in Familienkonstellationen schreibt und zuletzt gelesen und aktuell ganz neu: Benjamin Maacks sehr persönliches Buch über die eigenen Depressionen.

andere psychische Erkrankungen

Nancy Hünger schreibt sich mit ihren Gedichten ausdrucksstark in den Selbstverlust einer Frau ein. Die Amerikanerin Julia Cohen schreibt in poetischer Form außergewöhnlich über die eigene (oder die des lyrischen Ichs) Psychotherapie. Akwaeke Emezi erzählt den abgründigen Weg einer seit der Kindheit traumatisierten jungen Frau. Der Lyriker und Romanautor John Burnside schreibt umfassend über eine ganz und gar labile Persönlichkeit. Und der Finne Juha Hurme lässt sich mit seinem „ver-rückten“ Romanhelden durch die Abteilungen einer psychiatrischen Klinik treiben.

Psychiatrie und Psychoanalyse, wie sie einmal war und zum Glück nicht mehr ist

Hier begleiten wir die wohl erste investigative Journalistin der USA, Nelly Bly, die sich 1887 für ihre Recherche freiwillig für 10 Tage ins „Irrenhaus“ einweisen ließ. Die großartige Lyrikerin Christine Lavant lebte nach einem Suizidversuch für 6 Wochen in der „Landes-Irrenanstalt“ Klagenfurt und schrieb 1946, 11 Jahre später, über diese Zeit als 20-jährige. Auf der finnischen Schäreninsel Själö befand sich eine Nervenheilanstalt. Johanna Holmström erzählt aus dem Leben zweier Frauen, die dort 1891 und 1931 eingeliefert wurden. Katharina Adler schreibt in ihrem Roman über ihre Urgroßmutter, die auf der Couch Sigmund Freuds lag und unter dem Namen „Dora“ als Hysterie-Patientin bekannt wurde. Und die Norwegerin Amalie Skram erzählt von einer Malerin, die unter der Doppelbelastung Familie/Künstlerin einen Zusammenbruch erleidet und 1894 von ihrem Mann in die Psychiatrie eingeliefert wird.

Alle diese Bücher sind auch ohne den speziellen Fokus Psyche uneingeschränkt zu empfehlen. Über weitere Tipps zum Thema würde ich mich freuen.

 

 

Nancy Hünger: 4 Uhr kommt der Hund Edition Azur

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Den Hund kennt man bereits. Der „schwarze Hund“ ist zum Symbol für die Krankheit Depression geworden. Bereits Winston Churchill sprach über seine Depressionen als Schwarzer Hund. Und außer einem kleinen Bilderbüchlein für Erwachsene, welches ich nicht wirklich gelungen finde, hat auch der an Depressionen erkrankte australische Lyriker Les Murray über den „Schwarzen Hund“ geschrieben. Nancy Hünger spricht nur vom Hund, der ihre Heldin regelmäßig in der Nacht um 4 Uhr besuchen kommt.

                                                                    „… bei aller
anstrengung war das anziehen urplötzlich unmöglich
und ich fand nicht mehr hinaus aus dieser nacht die
dem tag glich der der nacht glich und immer so fort
und so weiter urplötzlich unmöglich“

Hünger hat einen sprachlich herausragenden poetischen Band geschrieben. Die Thematik ist keine einfache. Aber die Herangehensweise, damit umzugehen oder zumindest im Nachhinein darüber zu reflektieren ist möglicherweise eine ideale. Die kurzen Sequenzen bilden letztlich eine Einheit und sind aber jede für sich Sprachkonstrukte von besonderer Art. Die Worte reihen sich aneinander, sind im Fluß ohne Punkt und Komma. Die Gedanken sprudeln unaufhörlich, vermeintlich wirr, doch bei wiederholtem Lesen entstehen Zusammenhänge von ganz allein.

                                                           „… jenseits der grenze sind
wir nun ein seltsam fremdes aus seltsam fremden tieren die
einsam immer kleinere runden drehen in den immer
kleineren zimmern die schnüren uns noch die luft schnüren
die uns ab bei lebendigem bewusstsein schnüren wir über
den hof wie kleine halbverhungerte rauchende tiere im zoo
ist man frei denken wir oft dass wir einmal menschen
gewesen sein müssen irgendwie frei bis auf das hemd das
uns trug als wir noch menschen waren die vor einer grenze
standen“

Es geht um eine Frau, die in eine geschlossene Abteilung der Psychiatrie kommt. Der Eindruck, der beim Lesen entsteht, lässt einen psychischen Zusammenbruch vermuten. Es scheint um eine zerbrochene Beziehung zu gehen. Eine, die glücklich begann, aber unglücklich für die Protagonistin endete. Man könnte aus dem Gelesenen schlussfolgern, dass es sich um eine toxische Beziehung handelte, in der auch Gewalt vorkam, physisch, psychisch und/oder emotional …

Es klingt an, dass die Frau sich vollkommen verloren hat in dieser Verbindung und sinnbildlich nur noch ganz klein ist. Das manifestiert sich aber auch im Körper, der offenbar immer mehr Gewicht verliert. Zumindest stellt das die „Wiegerin“ fest, die täglich nachprüft, ob es denn mehr geworden ist. Denn wenn es nicht mehr wird, gibt es keine Aussicht auf Ausgang, keine Aussicht auf Freiheit. Und dann kommt eben nachts um 4 Uhr der Hund. Und Albträume und der Wunsch nach dem Nicht-mehr-Dasein.

                                                  „ha ha sagen die Kittel c‘ est la vie
oder positiv denken positiv verrecken ha ha
gruppentherapie das leben hat auch schattenseiten carpe
mortem genieße auch die kleinen leiden lerne dich selbst zu
hassen sorge dich nicht sterbe einfach schuldig an dir
selbst“

Es ist so beeindruckend wie die Dichterin diese Erlebnisse sprachlich behandelt. Wie die Worte wirken, wenn sie aus einem gebrochenen Körper, einer verletzten Seele kommen. „Ein unglückliches Sprechen“ heißt es auch im Untertitel. Da kommen Wörter vor wie „Schelf“ oder die „katabatischen Winde“, die ich nicht kannte. Schelf ist ein Begriff aus der Geologie und der Ozeanografie. Katabatische Winde sind z. B. der Mistral oder die Bora, also recht kalte Winde. Und die innerlichen Zustände als Wetter- oder Naturphänomene zu benennen ist da so abwegig nicht.

Ergänzt wird der durchweg kleingeschriebene Text mit Zeichnungen von Tommy Reinhardt, die ebenso überraschen, wie die Worte. Mit Bleistift oder Graphit skizzierte Dinge oder Personen befinden sich jeweils an einigen Stellen in Auflösung, was eine unheimliche Stimmung auslöst, die durchaus zum Geschriebenen passt.

Nancy Hüngers Lyrikband erschien im Verlag Edition Azur. Mehr über die Autorin und ihre bisherigen Bücher gibt es auf der Verlagsseite. Meine Besprechung zum vorherigen Lyrikband „Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett“ gibt es auf fixpoetry.

Juha Hurme: dEr VerRückTe Kommode Verlag

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Es gibt immer etwas zu entdecken im Schweizer Kommode Verlag. Da gab es den künstlerisch gestalteten Band „Belichtungen“ von Nadine Olonetzky und den hervorragenden Roman „Kind aus Glas“ von Maarja Kangro und nun also „Der Verrückte“. Schon auf den ersten Seiten, weiß ich, dass ich mich in diesem Roman zuhause fühle, geht es doch um diejenigen, die einmal oder immer mal wieder aus dem System herausfallen, ungewollt, einfach weil sie und ihr Bewusstsein manchmal etwas anders ticken, eine Pause brauchen von dieser schnellen Welt und weil der Held dieser Geschichte bald seine Rettung in der Literatur sieht.

„Das erste Mal starb ich Anfang der Achtziger in Schweden, mit knapp über zwanzig.“

Das ist der erste Satz dieses Romans. Juha Hurme hält sich aber weder mit dem ersten noch dem zweiten Sterben lange auf, sondern erzählt uns die Geschichte des dritten Sterbens, welches im Jahr 2009 zur Adventszeit in Helsinki stattfindet. Es erwischt den Helden dieses Romans eiskalt.

„Ich spürte, dass Es kam. Dieses Buch erzählt Davon. Von Dem, was keinen Namen hat. Ich lag mit offenen Augen auf dem Bett und schätzte, wie weit Es weg war. Es war eindeutig näher als je zuvor, um die Ecke, würde ich sagen.“

Das „Es“ bringt in schließlich nach einer schrecklichen Nacht soweit, sich im gelben Haus einzufinden, sich selbst einzuweisen. Der Ich-Erzähler wird von Wahnvorstellungen geplagt, er glaubt, er sei tot. Kein klarer Gedanke scheint mehr zu fassen zu sein. Vollkommen außer Rand und Band kommt er in eine psychiatrische Abteilung, wo es doch recht schnell zu einer Randale kommt, zu einem Zweikampf mit einer „Handlangerin“ und später mit einem „Schlägertrupp“. Nach durch Beruhigungsmittel aus dem „Chemielabor“ verschlafenen, verlorenen(?) Tagen folgt die Verlegung in die geschlossene Abteilung. Hier kommt es zu den interessantesten Begegnungen mit Mitpatienten, wie „Einsdreiundsechzigeinhalb“, die jeden zur Begrüßung nach der Größe fragt oder mit Puupponen, der die Musikszene der 68er neu aufmischt. Auch kommt es zu Flashbacks in die Kindheit. Auch die war schon von kleineren Verrücktheiten, zumindest aber von enormer Fantasie und Kreativität durchzogen. Und nun sieht er seine Mutter, seinen Vater, die sich schließlich als Mitpatienten erweisen und wird nachts von hanebüchenen Träumen verfolgt. Da hilft nur die Literatur. Manchmal ist es dann auch die Bibel, die auf Stichhaltigkeit überprüft wird, schließlich ist bald Weihnachten.

„Bei Matthäus gibt es keinen Stall, sondern Maria gebärt ganz gewöhnlich zu Hause, in der Stadt, in der sie mit Josef wohnt. Der Stern führt die Weisen zu ihrem kleinen Eigenheim. Hier bedarf es auch keiner Engel oder anderer himmlischer Divisionen.“

Im Gepäck dabei ist auch der finnische Dichter und Dramaturg J.J. Wecksell (der selbst in der Psychiatrie landete, unter anderem zeitweise in Köln), dessen Werk unseren Helden anregt, ein Stück über dessen Wirken zu schreiben. Ein Stück, dass ihm hilft, wieder mehr zu sich zu kommen: Schreiben tut gut. An Silvester soll es aufgeführt werden. Als Schauspieler fungieren die Leidensgenossen und die schmeißen sich so richtig ins Zeug, obwohl manch einer dann doch abspringt oder reißaus nimmt.

„Verworrenheit ist ein Zeichen der Zeit,
Verworrenheit ist die einzige
Lösung für das Rätsel des Lebens.“

Das wilde Stück findet komplett Eingang ins Buch und ich lerne J.J. Wecksell (1838 – 1907) kennen, wenn auch aus sehr schräger Perspektive, aber was ich nicht verstehe, kann ich ergooglen. So erweitert dieses herrlich außergewöhnliche, in aller Tragik enorm witzige Buch meinen Horizont und womöglich auch mein Bewusstsein. Für alle, die es „gegen den Strich“ und skurril mögen ein Glücksfall!

Der 1959 geborene finnische Autor Juha Hurme inszeniert auch Theaterstücke und schreibt Romane. Mit beidem ist er in Finnland sehr erfolgreich. Er setzt sich außerdem für die schwedische Sprache in Finnland ein. Übersetzt wurde das Buch von Maximilian Murmann. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Johanna Holmström: Die Frauen von Själö Ullstein Verlag

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Als die Autorin Johanna Holmström, die einer schwedischsprachigen Minderheit in Finnland angehört, 2015 in einem Archiv auf Patientenakten einer Heilanstalt auf der winzigen finnischen Schäreninsel Själö stieß, fing sie an weiter zu recherchieren. Entstanden ist ein aufschlußreicher Roman über die Zustände in einer Nervenheilanstalt Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf Själö wurden sogenannte geisteskranke Frauen weggesperrt, wobei die meisten von ihnen niemals mehr die Insel verließen. Von Heilen konnte keine Rede sein. In ihrem Vorwort weist die Autorin auf eine der zahllosen schrecklichen „Heilmethoden“ damals hin.

Holmström schildert den Aufenthalt zweier Frauen in der Anstalt auf Själö und verbindet beide mit der Pflegerin Sigrid, die ihr ganzes Arbeitsleben auf Själö verbringt. Da ist zunächst Kristina. Sie kommt im Jahr 1899 auf die Insel, weil sie ihre beiden kleinen Kinder ertränkt hat. Der Pfarrer schützt sie vor dem Gefängnis und fortan lebt sie auf Själö als Geisteskranke. Nach und nach erzählt uns die Autorin dann die Hintergründe, die zur Ermordung der beiden Kinder führten. Kristina wurde mit 16 vergewaltigt, bekam eine Tochter und galt fortan als leichtes Mädchen. Als sie mit 24 Einari kennenlernt, fühlt sie zum ersten Mal Liebe. Die beiden lösen sich von ihren wohlhabenden Elternhäusern und leben arm und unverheiratet zusammen. Ein Sohn wird geboren. Doch als ihr Mann sich entschließt fortan zur See zu fahren, um schnell Geld zu verdienen für ein besseres Leben, bleibt Kristina eine Ausgestoßene. Ihr wächst die Arbeit und die Betreuung der Kinder über den Kopf. Völlig erschöpft, wünscht sie sich nur noch Ruhe. In diesem Zustand lässt sie die schlafenden Kinder aus dem fahrenden Boot ins Wasser gleiten. Auf Själö lebt sie sich nach einer Weile ein und darf sogar extern den Haushalt des neuen Pfarrers übernehmen. Als dessen Ehefrau mit Kindern im gleichen Alter ihrer verstorbenen Kinder auf die Insel und ins Pfarrhaus einzieht, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Als die 16-jährige Elli 1934 auf die Insel kommt, lebt Kristina wieder und immer noch dort. Elli ist von zuhause heimlich mit ihrem Liebhaber getürmt. Als die Polizei sie verfolgt, da sie angeblich Raubüberfälle verübt hatten, gelingt es Maurice zu fliehen. Elli wird jedoch gefasst, kommt zunächst ins Gefängnis, wegen ihres auffälligen Verhaltens und wegen der Intervention der Eltern dann aber auf die Insel. Dass Elli zuhause von der kühlen Mutter vernachlässigt und vom Vater kaum wahrgenommen wurde und sie als Teenager in eine tiefe Depression glitt, die mit einem Selbstmordversuch einherging, erfahren wir zwischendurch in Rückblicken.

„Sie hatte schon vor ein paar Jahren angefangen, sich im Herbst zu grämen, weil er leise und schläfrig das Licht hinter sich herschleifte und mitnahm und es immer schwerer wurde, die Dunkelheit zu ertragen.“

In den 30/40er Jahren ist außerdem sogar in Finnland eine bestimmte „Rassentheorie“ angekommen. Elli wird als Gemischtrassige ostbaltischen Typs eingestuft. Auch hier wird, was mir nicht klar war, die Sterilisation bei Frauen, die nicht der rein-schwedischen Rasse entsprachen (und dann noch als geisteskrank galten), angewandt.

Holmström wirft einen genauen Blick auf die Frauen, über die sie schreibt. Und sie hat große Empathie für sie. Es gelingt ihr sehr spannend und stimmig Kristinas Geschichte zu erzählen, während sich Ellis Geschichte schon sehr in die Länge zieht. Sigrid, die Pflegerin, bleibt, obgleich sie am Ende noch ein kürzeres eigenes Kapitel erhält, für mich eher wenig greifbar. Vielleicht wäre die Beschränkung auf eine Frauenfigur oder eine dichtere Struktur hier sinnvoller gewesen.

Auch sprachlich scheint mir der erste Teil weit besser gelungen. Teils poetische Sequenzen wechseln sich hier mit realistischen, traurig-trüben Beschreibungen des Anstalt-Alltags ab. Dennoch gibt das Buch einen guten Einblick in die Zeit als die Psychiatrie noch Irrenhaus genannt wurde und die meisten Patientinnen aus heutiger Sicht, wohl eher dort erst „irre“ wurden. Hier zeigt sich auch wieder die Aburteilung der Frau als hysterisches Wesen durch einen männlichen Arzt.

„“Mit der weiblichen Natur verhält es sich so, dass sie zyklisch ist. Das gilt auch für den weiblichen Wahnsinn. Der Zusammenhang zwischen diesen Wahnsinnszyklen und der Menstruation ist in den meisten Fällen offensichtlich, und sobald die Menstruation aufhört, hört sehr oft auch der Wahnsinn auf. Deswegen hatten schon viele das Glück, zu diesem Zeitpunkt entlassen zu werden“, erklärt er.“

„Die Frauen von Själö“ erschien im Ullstein Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ich habe außerdem drei weitere sehr empfehlenswerte Romane, die sich mit dem Thema befassen, auf dem Blog besprochen:
Christine Lavant: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus
Amalie Skram: Professor Hieronimus
Nelly Bly: 10 Tage im Irrenhaus

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Merethe Lindstrøm: Aus den Winterarchiven Matthes & Seitz Verlag

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“  … über ihm die Decke, unten der Boden, darauf hat er vertraut, darauf muss er vertrauen, er ist gerade eingeschlafen, er schläft, oder vielleicht liegt er denkend da, und dann lässt ihn das alles im Stich, mit einem Mal ist ein offenes Loch unter ihm, die Erde und das Zimmer verschwinden in der Tiefe, alles, was er hatte.

So fühlt es sich an. Merethe Lindstrøm muss es kennen. Sie kennt Depression, Manie und Schizophrenie.  Und wenn nicht aus eigener Erfahrung doch aus nächster Nähe. Jemand der so schreibt, muss das Wesen der Krankheit durchdrungen haben. In ihrem Buch „Aus den Winterarchiven“ schreibt sie über ihr Leben mit ihrem depressiven Mann. Sie kennt psychische Krankheiten auch von ihrem Vater und ihrer Schwiegermutter. Es sind Zeitmomente die sie sammelt, Erinnerungen, die eigene Geschichte, aus der das aktuelle Dasein resultiert. Es ist die Geschichte einer Partnerschaft, einer Familie mit drei Kindern. Einer Familie, die zeitweise in Armut lebt, Möbel verkaufen muss, ja sogar manch Spielzeug der Kinder, um zu überleben.

Später wird es finanziell etwas besser. Die Familie ist aufs Land gezogen, 3 Hunde kommen dazu. Die Frau arbeitet als Schriftstellerin, der Mann ist Künstler, Maler, wenn er es denn schafft. Denn ihn ereilen immer wieder depressive Schübe. Dann ist er kaum erreichbar, dann braucht er Drogen und Medikamente zum Dämpfen, zum Durchhalten. Er leidet noch immer unter der Willkür der schizophrenen Mutter und dem alkoholsüchtigen wenig ansprechbaren Vater in der Kindheit. Für die Frau ist das schwer auszuhalten und dennoch bleibt sie, versucht zu stützen, muss sich zeitweise abgrenzen. Und gerade das ist wichtig für den Mann. Auch die Frau hatte eine unsichere Kindheit, die Mutter alleinerziehend und überfordert, die kleine Tochter viel zu früh zur Selbständigkeit gezwungen. Wir hören von langen heilsamen Spaziergängen in der Natur, von durchwachten Nächten und der Abgrenzung der eigenen Kinder. Wir erfahren über den Alltag, über den Kampf, den ja gerade Künstler mit sich und der Welt auszutragen haben, vor allem wenn davon der Lebensunterhalt abhängt. Kreativität ist eben nicht immer sofort abrufbar.

„Mit Rausch oder ohne, in der Nacht geschriebene Notizen sind am Morgen immer fremd. Die Nacht befördert etwas hoch, zeigt es, wie es ist, das Vergessene, ist denn die Sprache nachts nicht eine andere, die Nachtsprache, ist sie nicht wahrer, ich glaube schon.“

Merethe Lindstrøms Aufzeichnungen sind in feinster Sprache verfasst und verdichtet. Jedes Wort sitzt. Sie hat ein Talent, ein schwieriges Leben aus der Schönheit ihrer Sprache heraus in etwas besseres zu verwandeln. Nie geht sie so weit, ihre Biografie vollkommen aufzublättern, sich zu entblößen. Und das macht gerade Biografisches zu gelungener Literatur. Und so finden sich unendlich viele hochpoetische Sätze:

„Als stünde ein Minuszeichen davor. Vor deinen Tagen, vor diesen Orten, deinen Sätzen, als würdest du auslöschen, sie löschen.“

oder

„…man möchte am liebsten den Blick und nicht nur die Augen schließen, …“

Was hier zu erlesen ist: Gute Literatur hat immer mit faszinierender Sprachkunst zu tun, auch wenn das Thema ein schweres ist. Ein Buch, dass mich entfernt an die Notizbücher ihres Landsmanns Tomas Espedal erinnert.

Die Autorin und gleichzeitig Heldin dieses Buches wurde 1963 in Bergen in Norwegen geboren. Die deutsche Übersetzung kommt von Elke Ranzinger. Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem wunderbaren Blog Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.