Stephan Roiss: Triceratops Kremayr & Scheriau Verlag

Mit seinem Debütroman „Triceratops“ wurde der Österreicher Stephan Roiss gleich für die Longlist des Deutschen Buchpreis nominiert. Das Buch ist schon äußerlich eine dunkle Schönheit. Das Cover mit diesem seltsamen Tier ist aufgeraut und sieht aus wie glänzender dunkelgrauer Stahl mit fliederfarbener Schrift. Mit Fliederfarben geht es auch innen auf dem Vorsatzblatt weiter, auf dem man die Hautstruktur des Triceratops, einer Dinosaurierart erkennt. Auch durch die Seiten schleicht sich das Tier.

Die Hauptfigur, ein namenloser Junge, der von sich selbst als „wir“ spricht, hat mich zutiefst berührt. Dieses „wir“, über das ich immer wieder erschrecke, als ich mir klar mache, dass der Junge allein ist, das mir immer wieder neu suggeriert, dass es vielleicht als eine Art Stärkung fungiert, eine Art „ich bin nicht allein“. Vielleicht eine Nachahmung der Schwarmbildung der kleinen Fische, die er im Naturkundemuseum sah, ein Versuch nicht gefressen zu werden? Auch der Triceratops, die Dinosaurierspielfigur wird eine Art Verstärker der Abwehr.

„Wir spielten am liebsten mit dem Dinosaurier mit dem Nackenschild und den Hörnern. Er aß nur Pflanzen, aber war unbesiegbar. Er war kompakt, schwer gepanzert, ein guter Krieger. Niemand konnte ihn in den Hals beißen, nichts konnte ihn um werfen. Er stand fest auf der Erde.“

Dem kleinen Schuljungen wird eine Bürde auferlegt, der er niemals gerecht werden kann, auch wenn er sich noch so anstrengt. Er soll auf seine Mutter achten, sie stabilisieren, sie nicht aus den Augen lassen, sie trösten. Und weil ein kleines Kind auf die Liebe seiner Mutter angewiesen ist, tut er sein möglichstes und verliert dabei seine Kindheit. Die Mutter leidet unter schweren Depressionen, muss immer wieder in die Klinik für längere Aufenthalte. Bei ihrem Sohn zeigt sich die psychische Anspannung schnell: er bleibt lange Zeit Bettnässer, er kratzt sich die Arme blutig, kaut die Nägel bis ins Fleisch ab. Der Vater übernimmt keinerlei Verantwortung, schützt den Sohn nicht, die ältere Schwester ist ebenfalls seltsam abwesend. Die guten Tage sind für ihn die, an denen er zu seiner Großmutter darf. Sie nimmt ihn wie er ist und fordert nichts von ihm. Doch die guten Tage sind selten.

„Bitte mach, dass es ihr besser geht“, flüsterten wir vor uns hin, während wir über den vereisten Schotterweg nach Hause trotteten.“

Im zweiten Teil des Buches ist der Junge älter geworden. Pubertät, Teenageralter. In den Ferien bei der Großmutter, beginnt er seinen dicklichen Körper zu trainieren, rasiert sich die Haare ab. Dann stirbt die Großmutter. Er versucht auf den Spuren des Großvaters dessen Geheimnis zu erkunden. Besetzt dessen Hütte im Wald. Bald schließt er sich einem Punkmädchen und dessen Bruder an. Doch auch da ist der Halt nicht von Dauer. Die ältere Schwester zieht zu ihrem Freund, wird schwanger und immer labiler. Monate nach der Geburt tötet sie ihr Kind. Auch sie landet in der Psychiatrie: „Es wird nicht mehr schön.“ Die Mutter gibt sich für alles die Schuld.

Unser Held lässt sich treiben. In der Schule häufen sich Fehltage, schlechte Zensuren. Das „wir“ bleibt. Die Suche. Die Fragen. Die Möglichkeiten sich aus der Familie zu lösen. Einen Halt in sich selbst zu finden.

Ein sehr kurzer dritter Teil schließt sich an. Ein sehr schöner, weil vollkommen offener Schluss. Nicht mehr aus der Ich- bzw. Wir-Perspektive erzählt. Unsere Hauptfigur ist einfach nur „der Junge“.

Roiss erzählt nie direkt, was ich sehr gelungen finde. Ich setze Bauteilchen zusammen und erkenne die Zusammenhänge. Ich habe die Geschichte quasi mitzutragen, ich muss mitgehen, sonst lese ich zwar eine Geschichte, aber nicht das zwischen den Zeilen. Der Wahnsinn, der in dieser so brüchigen Familie herrscht, wird niemals so beschrieben, dass es mir zu viel wird (wie es kürzlich beim Debütroman von Ulrike Almut Sandig mit dem Thema Gewalt war). Die traurigsten und furchtbarsten Passagen wechseln mit alltäglichen Szenen ab. Überwiegend sind es einfache Satzkonstruktionen, teilweise sind die Seiten nur halb gefüllt. Und doch ist da etwas an der Art der Anordnung, das aus dieser einfachen Sprache Literatur macht. Vollkommen zurecht nominiert. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Kremayr & Scheriau Verlag in feiner Ausstattung. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Die dunkle Nacht der Seele – Psychische Erkrankungen in Roman und Lyrik

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Wenn ich so meine Besprechungen der letzten 5 Jahre überblicke, finde ich immer wieder das Thema Psyche: Depressionen/Psychische Erkrankungen/Psychiatrie. Mich interessieren diese Themen brennend. Vor allem dann, wenn es Autor*innen gelingt, aus oft autobiographischem Inhalt wirklich gute Literatur zu machen. Deshalb heute, nach „Kunst im Buch“, ein Beitrag über die Psyche. Sowohl in Prosa als auch in der Lyrik habe ich Hervorragendes gelesen. Durch Klick auf das jeweilige Foto gehts zur Besprechung.

Depression

Allen voran der große amerikanische Autor David Foster Wallace, der in seinem frühen Text über seine beginnenden Depressionen als „die üble Sache“ schreibt. David Vann, der in seinem neuesten Roman sehr anschaulich über die Depression seines Vaters schreibt. Connie Palmen, die aus der Sicht Ted Hughes auf Depression und Suizid Sylvia Plaths blickt. Die Sprachzauberin Merethe Lindstrøm, die über Depressionen in Familienkonstellationen schreibt und zuletzt gelesen und aktuell ganz neu: Benjamin Maacks sehr persönliches Buch über die eigenen Depressionen.

andere psychische Erkrankungen

Nancy Hünger schreibt sich mit ihren Gedichten ausdrucksstark in den Selbstverlust einer Frau ein. Die Amerikanerin Julia Cohen schreibt in poetischer Form außergewöhnlich über die eigene (oder die des lyrischen Ichs) Psychotherapie. Akwaeke Emezi erzählt den abgründigen Weg einer seit der Kindheit traumatisierten jungen Frau. Der Lyriker und Romanautor John Burnside schreibt umfassend über eine ganz und gar labile Persönlichkeit. Und der Finne Juha Hurme lässt sich mit seinem „ver-rückten“ Romanhelden durch die Abteilungen einer psychiatrischen Klinik treiben.

Psychiatrie und Psychoanalyse, wie sie einmal war und zum Glück nicht mehr ist

Hier begleiten wir die wohl erste investigative Journalistin der USA, Nelly Bly, die sich 1887 für ihre Recherche freiwillig für 10 Tage ins „Irrenhaus“ einweisen ließ. Die großartige Lyrikerin Christine Lavant lebte nach einem Suizidversuch für 6 Wochen in der „Landes-Irrenanstalt“ Klagenfurt und schrieb 1946, 11 Jahre später, über diese Zeit als 20-jährige. Auf der finnischen Schäreninsel Själö befand sich eine Nervenheilanstalt. Johanna Holmström erzählt aus dem Leben zweier Frauen, die dort 1891 und 1931 eingeliefert wurden. Katharina Adler schreibt in ihrem Roman über ihre Urgroßmutter, die auf der Couch Sigmund Freuds lag und unter dem Namen „Dora“ als Hysterie-Patientin bekannt wurde. Und die Norwegerin Amalie Skram erzählt von einer Malerin, die unter der Doppelbelastung Familie/Künstlerin einen Zusammenbruch erleidet und 1894 von ihrem Mann in die Psychiatrie eingeliefert wird.

Alle diese Bücher sind auch ohne den speziellen Fokus Psyche uneingeschränkt zu empfehlen. Über weitere Tipps zum Thema würde ich mich freuen.

 

 

Nancy Hünger: 4 Uhr kommt der Hund Edition Azur

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Den Hund kennt man bereits. Der „schwarze Hund“ ist zum Symbol für die Krankheit Depression geworden. Bereits Winston Churchill sprach über seine Depressionen als Schwarzer Hund. Und außer einem kleinen Bilderbüchlein für Erwachsene, welches ich nicht wirklich gelungen finde, hat auch der an Depressionen erkrankte australische Lyriker Les Murray über den „Schwarzen Hund“ geschrieben. Nancy Hünger spricht nur vom Hund, der ihre Heldin regelmäßig in der Nacht um 4 Uhr besuchen kommt.

                                                                    „… bei aller
anstrengung war das anziehen urplötzlich unmöglich
und ich fand nicht mehr hinaus aus dieser nacht die
dem tag glich der der nacht glich und immer so fort
und so weiter urplötzlich unmöglich“

Hünger hat einen sprachlich herausragenden poetischen Band geschrieben. Die Thematik ist keine einfache. Aber die Herangehensweise, damit umzugehen oder zumindest im Nachhinein darüber zu reflektieren ist möglicherweise eine ideale. Die kurzen Sequenzen bilden letztlich eine Einheit und sind aber jede für sich Sprachkonstrukte von besonderer Art. Die Worte reihen sich aneinander, sind im Fluß ohne Punkt und Komma. Die Gedanken sprudeln unaufhörlich, vermeintlich wirr, doch bei wiederholtem Lesen entstehen Zusammenhänge von ganz allein.

                                                           „… jenseits der grenze sind
wir nun ein seltsam fremdes aus seltsam fremden tieren die
einsam immer kleinere runden drehen in den immer
kleineren zimmern die schnüren uns noch die luft schnüren
die uns ab bei lebendigem bewusstsein schnüren wir über
den hof wie kleine halbverhungerte rauchende tiere im zoo
ist man frei denken wir oft dass wir einmal menschen
gewesen sein müssen irgendwie frei bis auf das hemd das
uns trug als wir noch menschen waren die vor einer grenze
standen“

Es geht um eine Frau, die in eine geschlossene Abteilung der Psychiatrie kommt. Der Eindruck, der beim Lesen entsteht, lässt einen psychischen Zusammenbruch vermuten. Es scheint um eine zerbrochene Beziehung zu gehen. Eine, die glücklich begann, aber unglücklich für die Protagonistin endete. Man könnte aus dem Gelesenen schlussfolgern, dass es sich um eine toxische Beziehung handelte, in der auch Gewalt vorkam, physisch, psychisch und/oder emotional …

Es klingt an, dass die Frau sich vollkommen verloren hat in dieser Verbindung und sinnbildlich nur noch ganz klein ist. Das manifestiert sich aber auch im Körper, der offenbar immer mehr Gewicht verliert. Zumindest stellt das die „Wiegerin“ fest, die täglich nachprüft, ob es denn mehr geworden ist. Denn wenn es nicht mehr wird, gibt es keine Aussicht auf Ausgang, keine Aussicht auf Freiheit. Und dann kommt eben nachts um 4 Uhr der Hund. Und Albträume und der Wunsch nach dem Nicht-mehr-Dasein.

                                                  „ha ha sagen die Kittel c‘ est la vie
oder positiv denken positiv verrecken ha ha
gruppentherapie das leben hat auch schattenseiten carpe
mortem genieße auch die kleinen leiden lerne dich selbst zu
hassen sorge dich nicht sterbe einfach schuldig an dir
selbst“

Es ist so beeindruckend wie die Dichterin diese Erlebnisse sprachlich behandelt. Wie die Worte wirken, wenn sie aus einem gebrochenen Körper, einer verletzten Seele kommen. „Ein unglückliches Sprechen“ heißt es auch im Untertitel. Da kommen Wörter vor wie „Schelf“ oder die „katabatischen Winde“, die ich nicht kannte. Schelf ist ein Begriff aus der Geologie und der Ozeanografie. Katabatische Winde sind z. B. der Mistral oder die Bora, also recht kalte Winde. Und die innerlichen Zustände als Wetter- oder Naturphänomene zu benennen ist da so abwegig nicht.

Ergänzt wird der durchweg kleingeschriebene Text mit Zeichnungen von Tommy Reinhardt, die ebenso überraschen, wie die Worte. Mit Bleistift oder Graphit skizzierte Dinge oder Personen befinden sich jeweils an einigen Stellen in Auflösung, was eine unheimliche Stimmung auslöst, die durchaus zum Geschriebenen passt.

Nancy Hüngers Lyrikband erschien im Verlag Edition Azur. Mehr über die Autorin und ihre bisherigen Bücher gibt es auf der Verlagsseite. Meine Besprechung zum vorherigen Lyrikband „Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett“ gibt es auf fixpoetry.

Juha Hurme: dEr VerRückTe Kommode Verlag

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Es gibt immer etwas zu entdecken im Schweizer Kommode Verlag. Da gab es den künstlerisch gestalteten Band „Belichtungen“ von Nadine Olonetzky und den hervorragenden Roman „Kind aus Glas“ von Maarja Kangro und nun also „Der Verrückte“. Schon auf den ersten Seiten, weiß ich, dass ich mich in diesem Roman zuhause fühle, geht es doch um diejenigen, die einmal oder immer mal wieder aus dem System herausfallen, ungewollt, einfach weil sie und ihr Bewusstsein manchmal etwas anders ticken, eine Pause brauchen von dieser schnellen Welt und weil der Held dieser Geschichte bald seine Rettung in der Literatur sieht.

„Das erste Mal starb ich Anfang der Achtziger in Schweden, mit knapp über zwanzig.“

Das ist der erste Satz dieses Romans. Juha Hurme hält sich aber weder mit dem ersten noch dem zweiten Sterben lange auf, sondern erzählt uns die Geschichte des dritten Sterbens, welches im Jahr 2009 zur Adventszeit in Helsinki stattfindet. Es erwischt den Helden dieses Romans eiskalt.

„Ich spürte, dass Es kam. Dieses Buch erzählt Davon. Von Dem, was keinen Namen hat. Ich lag mit offenen Augen auf dem Bett und schätzte, wie weit Es weg war. Es war eindeutig näher als je zuvor, um die Ecke, würde ich sagen.“

Das „Es“ bringt in schließlich nach einer schrecklichen Nacht soweit, sich im gelben Haus einzufinden, sich selbst einzuweisen. Der Ich-Erzähler wird von Wahnvorstellungen geplagt, er glaubt, er sei tot. Kein klarer Gedanke scheint mehr zu fassen zu sein. Vollkommen außer Rand und Band kommt er in eine psychiatrische Abteilung, wo es doch recht schnell zu einer Randale kommt, zu einem Zweikampf mit einer „Handlangerin“ und später mit einem „Schlägertrupp“. Nach durch Beruhigungsmittel aus dem „Chemielabor“ verschlafenen, verlorenen(?) Tagen folgt die Verlegung in die geschlossene Abteilung. Hier kommt es zu den interessantesten Begegnungen mit Mitpatienten, wie „Einsdreiundsechzigeinhalb“, die jeden zur Begrüßung nach der Größe fragt oder mit Puupponen, der die Musikszene der 68er neu aufmischt. Auch kommt es zu Flashbacks in die Kindheit. Auch die war schon von kleineren Verrücktheiten, zumindest aber von enormer Fantasie und Kreativität durchzogen. Und nun sieht er seine Mutter, seinen Vater, die sich schließlich als Mitpatienten erweisen und wird nachts von hanebüchenen Träumen verfolgt. Da hilft nur die Literatur. Manchmal ist es dann auch die Bibel, die auf Stichhaltigkeit überprüft wird, schließlich ist bald Weihnachten.

„Bei Matthäus gibt es keinen Stall, sondern Maria gebärt ganz gewöhnlich zu Hause, in der Stadt, in der sie mit Josef wohnt. Der Stern führt die Weisen zu ihrem kleinen Eigenheim. Hier bedarf es auch keiner Engel oder anderer himmlischer Divisionen.“

Im Gepäck dabei ist auch der finnische Dichter und Dramaturg J.J. Wecksell (der selbst in der Psychiatrie landete, unter anderem zeitweise in Köln), dessen Werk unseren Helden anregt, ein Stück über dessen Wirken zu schreiben. Ein Stück, dass ihm hilft, wieder mehr zu sich zu kommen: Schreiben tut gut. An Silvester soll es aufgeführt werden. Als Schauspieler fungieren die Leidensgenossen und die schmeißen sich so richtig ins Zeug, obwohl manch einer dann doch abspringt oder reißaus nimmt.

„Verworrenheit ist ein Zeichen der Zeit,
Verworrenheit ist die einzige
Lösung für das Rätsel des Lebens.“

Das wilde Stück findet komplett Eingang ins Buch und ich lerne J.J. Wecksell (1838 – 1907) kennen, wenn auch aus sehr schräger Perspektive, aber was ich nicht verstehe, kann ich ergooglen. So erweitert dieses herrlich außergewöhnliche, in aller Tragik enorm witzige Buch meinen Horizont und womöglich auch mein Bewusstsein. Für alle, die es „gegen den Strich“ und skurril mögen ein Glücksfall!

Der 1959 geborene finnische Autor Juha Hurme inszeniert auch Theaterstücke und schreibt Romane. Mit beidem ist er in Finnland sehr erfolgreich. Er setzt sich außerdem für die schwedische Sprache in Finnland ein. Übersetzt wurde das Buch von Maximilian Murmann. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Johanna Holmström: Die Frauen von Själö Ullstein Verlag

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Als die Autorin Johanna Holmström, die einer schwedischsprachigen Minderheit in Finnland angehört, 2015 in einem Archiv auf Patientenakten einer Heilanstalt auf der winzigen finnischen Schäreninsel Själö stieß, fing sie an weiter zu recherchieren. Entstanden ist ein aufschlußreicher Roman über die Zustände in einer Nervenheilanstalt Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf Själö wurden sogenannte geisteskranke Frauen weggesperrt, wobei die meisten von ihnen niemals mehr die Insel verließen. Von Heilen konnte keine Rede sein. In ihrem Vorwort weist die Autorin auf eine der zahllosen schrecklichen „Heilmethoden“ damals hin.

Holmström schildert den Aufenthalt zweier Frauen in der Anstalt auf Själö und verbindet beide mit der Pflegerin Sigrid, die ihr ganzes Arbeitsleben auf Själö verbringt. Da ist zunächst Kristina. Sie kommt im Jahr 1899 auf die Insel, weil sie ihre beiden kleinen Kinder ertränkt hat. Der Pfarrer schützt sie vor dem Gefängnis und fortan lebt sie auf Själö als Geisteskranke. Nach und nach erzählt uns die Autorin dann die Hintergründe, die zur Ermordung der beiden Kinder führten. Kristina wurde mit 16 vergewaltigt, bekam eine Tochter und galt fortan als leichtes Mädchen. Als sie mit 24 Einari kennenlernt, fühlt sie zum ersten Mal Liebe. Die beiden lösen sich von ihren wohlhabenden Elternhäusern und leben arm und unverheiratet zusammen. Ein Sohn wird geboren. Doch als ihr Mann sich entschließt fortan zur See zu fahren, um schnell Geld zu verdienen für ein besseres Leben, bleibt Kristina eine Ausgestoßene. Ihr wächst die Arbeit und die Betreuung der Kinder über den Kopf. Völlig erschöpft, wünscht sie sich nur noch Ruhe. In diesem Zustand lässt sie die schlafenden Kinder aus dem fahrenden Boot ins Wasser gleiten. Auf Själö lebt sie sich nach einer Weile ein und darf sogar extern den Haushalt des neuen Pfarrers übernehmen. Als dessen Ehefrau mit Kindern im gleichen Alter ihrer verstorbenen Kinder auf die Insel und ins Pfarrhaus einzieht, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Als die 16-jährige Elli 1934 auf die Insel kommt, lebt Kristina wieder und immer noch dort. Elli ist von zuhause heimlich mit ihrem Liebhaber getürmt. Als die Polizei sie verfolgt, da sie angeblich Raubüberfälle verübt hatten, gelingt es Maurice zu fliehen. Elli wird jedoch gefasst, kommt zunächst ins Gefängnis, wegen ihres auffälligen Verhaltens und wegen der Intervention der Eltern dann aber auf die Insel. Dass Elli zuhause von der kühlen Mutter vernachlässigt und vom Vater kaum wahrgenommen wurde und sie als Teenager in eine tiefe Depression glitt, die mit einem Selbstmordversuch einherging, erfahren wir zwischendurch in Rückblicken.

„Sie hatte schon vor ein paar Jahren angefangen, sich im Herbst zu grämen, weil er leise und schläfrig das Licht hinter sich herschleifte und mitnahm und es immer schwerer wurde, die Dunkelheit zu ertragen.“

In den 30/40er Jahren ist außerdem sogar in Finnland eine bestimmte „Rassentheorie“ angekommen. Elli wird als Gemischtrassige ostbaltischen Typs eingestuft. Auch hier wird, was mir nicht klar war, die Sterilisation bei Frauen, die nicht der rein-schwedischen Rasse entsprachen (und dann noch als geisteskrank galten), angewandt.

Holmström wirft einen genauen Blick auf die Frauen, über die sie schreibt. Und sie hat große Empathie für sie. Es gelingt ihr sehr spannend und stimmig Kristinas Geschichte zu erzählen, während sich Ellis Geschichte schon sehr in die Länge zieht. Sigrid, die Pflegerin, bleibt, obgleich sie am Ende noch ein kürzeres eigenes Kapitel erhält, für mich eher wenig greifbar. Vielleicht wäre die Beschränkung auf eine Frauenfigur oder eine dichtere Struktur hier sinnvoller gewesen.

Auch sprachlich scheint mir der erste Teil weit besser gelungen. Teils poetische Sequenzen wechseln sich hier mit realistischen, traurig-trüben Beschreibungen des Anstalt-Alltags ab. Dennoch gibt das Buch einen guten Einblick in die Zeit als die Psychiatrie noch Irrenhaus genannt wurde und die meisten Patientinnen aus heutiger Sicht, wohl eher dort erst „irre“ wurden. Hier zeigt sich auch wieder die Aburteilung der Frau als hysterisches Wesen durch einen männlichen Arzt.

„“Mit der weiblichen Natur verhält es sich so, dass sie zyklisch ist. Das gilt auch für den weiblichen Wahnsinn. Der Zusammenhang zwischen diesen Wahnsinnszyklen und der Menstruation ist in den meisten Fällen offensichtlich, und sobald die Menstruation aufhört, hört sehr oft auch der Wahnsinn auf. Deswegen hatten schon viele das Glück, zu diesem Zeitpunkt entlassen zu werden“, erklärt er.“

„Die Frauen von Själö“ erschien im Ullstein Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ich habe außerdem drei weitere sehr empfehlenswerte Romane, die sich mit dem Thema befassen, auf dem Blog besprochen:
Christine Lavant: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus
Amalie Skram: Professor Hieronimus
Nelly Bly: 10 Tage im Irrenhaus

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Merethe Lindstrøm: Aus den Winterarchiven Matthes & Seitz Verlag

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“  … über ihm die Decke, unten der Boden, darauf hat er vertraut, darauf muss er vertrauen, er ist gerade eingeschlafen, er schläft, oder vielleicht liegt er denkend da, und dann lässt ihn das alles im Stich, mit einem Mal ist ein offenes Loch unter ihm, die Erde und das Zimmer verschwinden in der Tiefe, alles, was er hatte.

So fühlt es sich an. Merethe Lindstrøm muss es kennen. Sie kennt Depression, Manie und Schizophrenie.  Und wenn nicht aus eigener Erfahrung doch aus nächster Nähe. Jemand der so schreibt, muss das Wesen der Krankheit durchdrungen haben. In ihrem Buch „Aus den Winterarchiven“ schreibt sie über ihr Leben mit ihrem depressiven Mann. Sie kennt psychische Krankheiten auch von ihrem Vater und ihrer Schwiegermutter. Es sind Zeitmomente die sie sammelt, Erinnerungen, die eigene Geschichte, aus der das aktuelle Dasein resultiert. Es ist die Geschichte einer Partnerschaft, einer Familie mit drei Kindern. Einer Familie, die zeitweise in Armut lebt, Möbel verkaufen muss, ja sogar manch Spielzeug der Kinder, um zu überleben.

Später wird es finanziell etwas besser. Die Familie ist aufs Land gezogen, 3 Hunde kommen dazu. Die Frau arbeitet als Schriftstellerin, der Mann ist Künstler, Maler, wenn er es denn schafft. Denn ihn ereilen immer wieder depressive Schübe. Dann ist er kaum erreichbar, dann braucht er Drogen und Medikamente zum Dämpfen, zum Durchhalten. Er leidet noch immer unter der Willkür der schizophrenen Mutter und dem alkoholsüchtigen wenig ansprechbaren Vater in der Kindheit. Für die Frau ist das schwer auszuhalten und dennoch bleibt sie, versucht zu stützen, muss sich zeitweise abgrenzen. Und gerade das ist wichtig für den Mann. Auch die Frau hatte eine unsichere Kindheit, die Mutter alleinerziehend und überfordert, die kleine Tochter viel zu früh zur Selbständigkeit gezwungen. Wir hören von langen heilsamen Spaziergängen in der Natur, von durchwachten Nächten und der Abgrenzung der eigenen Kinder. Wir erfahren über den Alltag, über den Kampf, den ja gerade Künstler mit sich und der Welt auszutragen haben, vor allem wenn davon der Lebensunterhalt abhängt. Kreativität ist eben nicht immer sofort abrufbar.

„Mit Rausch oder ohne, in der Nacht geschriebene Notizen sind am Morgen immer fremd. Die Nacht befördert etwas hoch, zeigt es, wie es ist, das Vergessene, ist denn die Sprache nachts nicht eine andere, die Nachtsprache, ist sie nicht wahrer, ich glaube schon.“

Merethe Lindstrøms Aufzeichnungen sind in feinster Sprache verfasst und verdichtet. Jedes Wort sitzt. Sie hat ein Talent, ein schwieriges Leben aus der Schönheit ihrer Sprache heraus in etwas besseres zu verwandeln. Nie geht sie so weit, ihre Biografie vollkommen aufzublättern, sich zu entblößen. Und das macht gerade Biografisches zu gelungener Literatur. Und so finden sich unendlich viele hochpoetische Sätze:

„Als stünde ein Minuszeichen davor. Vor deinen Tagen, vor diesen Orten, deinen Sätzen, als würdest du auslöschen, sie löschen.“

oder

„…man möchte am liebsten den Blick und nicht nur die Augen schließen, …“

Was hier zu erlesen ist: Gute Literatur hat immer mit faszinierender Sprachkunst zu tun, auch wenn das Thema ein schweres ist. Ein Buch, dass mich entfernt an die Notizbücher ihres Landsmanns Tomas Espedal erinnert.

Die Autorin und gleichzeitig Heldin dieses Buches wurde 1963 in Bergen in Norwegen geboren. Die deutsche Übersetzung kommt von Elke Ranzinger. Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem wunderbaren Blog Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nellie Bly: 10 Tage im Irrenhaus AvivA Verlag

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Eine schöne Idee: Verlagebesuchen scheint mir in Berlin ganz besonders ergiebig. In diesem Jahr war ich beim AvivA Verlag in Moabit. Die Verlegerin Britta Jürgs hatte ihr Büro in einen gemütlichen Empfangsraum für Gäste verwandelt und erzählte aus der nunmehr fast 20jährigen Verlagsgeschichte. Britta Jürgs hat seitdem nichts von ihrem Elan und ihrer Buchleidenschaft verloren. Mit bewundernswertem Engagement widmet sie sich vorrangig Entdeckungen aus den 20er Jahren, aber nicht nur. Da ist viel Offenheit für Neues. So wird demnächst eine georgische Autorin im Programm dabei sein.

Eines der Highlights aus dem Verlagssortiment scheint mir Nelly Blys Buch „10 Tage im Irrenhaus“ zu sein. Es ist bereits 2011 in deutscher Sprache erschienen und erregte damals nach Ersterscheinung in New York 1887 enormes Aufsehen. Doch auch heute ist diese Geschichte noch spannend, denn leider werden immer noch Menschen aufgrund einer psychischen Erkrankung stigmatisiert und weggesperrt.

Der erste Auftrag bei der New Yorker Zeitung „New York World“ führte die forsche, erst 23-jährige Journalistin Nellie Bly in die psychiatrische Anstalt Blackwell´s Island, damals berühmt und berüchtigt. Sie sollte sich undercover einschleichen und über die misslichen Zustände der Insassen direkt vor Ort recherchieren.

„Ich war von vier Fachärzten für geisteskrank erklärt worden un war nun hinter den unbarmherzigen Stäben und Gittern eines Irrenhauses eingesperrt! Hier gefangen zu sein und Tag und Nacht als Gefährtin von besinnungslosen, plappernden Irren zu verbringen, mit ihnen zu schlafen, mit ihnen zu essen und als eine von ihnen betrachtet zu werden, das war eine unbehagliche Situation.“

Was Nellie Bly dort erlebt, ist unvorstellbar. Nahezu 1600 Frauen lebten in dieser Anstalt unter unsäglichen Bedingungen. Das Essen war nicht Essen zu nennen, die Behandlung nicht menschenwürdig. Nicht die Angestellten erledigten alle Arbeiten, sondern die Patientinnen. Es war keine Heilanstalt sondern eine „Aufbewahrungsanstalt“. Die eigentlich Hilfsbedürftigen erhalten bei Widerworten und Widerstand Schläge, jedoch keinerlei Medikamente. Die Ärzte scheinen sich nicht zu kümmern. Die Frauen werden in dieser Hölle aller Wahrscheinlichkeit nach erst in den Wahnsinn getrieben, zu Verrückten gemacht. Alle Frauen, mit denen Nellie Bly vor Ort sprach, zeigten keinerlei Anzeichen von Wahnsinn …
Obwohl Nellie mit ihrer Aktion erreichen wollte, dass sich die Bedingungen für die Patientinnen verbesserten, ist dies von öffentlicher Hand wohl nur kurzfristig und nicht hinreichend geschehen.


Von Nellie Bly gibt es außerdem ein Buch über ihre Weltreise von 1890, die sie ebenfalls für die Zeitung machte, und zwar schneller als Jules Verne es sich ausdachte, nämlich in 72 Tagen, sechs Stunden, elf Minuten und 14 Sekunden und das alleine als Frau. Das Buch ist ebenfalls im AvivA Verlag erschienen. Leseproben beider Bücher hier.
„Zehn Tage im Irrenhaus“ enthält ein informatives Nachwort von Martin Wagner, der auch übersetzt hat.

Es gibt zwei weitere Bücher zu diesem Thema hier auf dem Blog:
Zum einen ist es der Roman „Professor Hieronimus“ von Amalie Skram, der erstmals 1895 erschien und im vergangenen Jahr beim Guggolz Verlag in deutscher Sprache aufgelegt wurde.
Zum zweiten das Buch „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ von Christine Lavant, die im Jahr 1935 einige Monate in der Psychiatrie verbrachte, erschienen im Wallstein Verlag.