Tamar Tandaschwili: Löwenzahnwirbelsturm in Orange

Kürzlich ist der neue Roman „Als Medea Rache übte und die Liebe fand“ von Tamar Tandaschwili in der deutschen Übersetzung erschienen (Besprechung folgt). Das Thema ist ganz ähnlich dem seines Vorgängers „Löwenzahnwirbelsturm in Orange“, den ich als Gastautorin für den Blog Read Ost besprochen hatte; dieser ist auch soeben als Taschenbuch bei btb erschienen.

„Rexa sprach mich zum Beispiel mit meinem Namen an: „Frau Eka, helfen Sie mir. Stellen Sie sich vor, ich wäre einer Ihrer Patienten. Mein Leben ist nicht weniger dramatisch.“

So spricht der angefahrene Hund zu Eka, einer Psychotherapeutin, die sich in ihrer Freizeit um die Rettung ausgesetzter oder verletzter Hunde kümmert. Sie bringt sie zum Tierarzt, versucht neue Besitzer zu finden oder päppelt sie selbst wieder auf. Eka ist offenbar eine typische „Helferin“. In ihrer Praxis hat sie es mit unzähligen schwierigen Fällen, vielmehr Menschen zu tun. Die Fülle und Härte der Traumata, die sie zu behandeln hat, scheint auch etwas mit der Lage im Land, in dem Eka lebt, zu tun zu haben. Eka lebt in Georgien, in der Hauptstadt Tbilissi. Dort ticken die Uhren noch anders, dort sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau noch größer als im westlichen Europa. Dort lebt es sich vor allem auch für LGBTQ-Menschen, für sexuelle Minderheiten gefährlich. Was Eka in ihren Sprechstunden hört, teilt sie oft mit ihrer Freundin, die ebenfalls als Traumatherapeutin arbeitet. In einer Bar sitzend geschieht so etwas wie gegenseitige Supervision, nicht selten fließen Tränen.

„Die Opfer der Misshandlungen sind bei uns meistens Frauen, Homosexuelle oder heterosexuelle Männer, die von angeblichen Demokratieverfechtern in den Gefängnissen bis zum Gehtnichtmehr vergewaltigt wurden.“

Wenn eine bekannte Persönlichkeit, seine Angebetete von Kumpanen vergewaltigen lässt, weil sie eben Frauen liebt und mit ihm ganz sicher nichts zu tun haben will, ist das entsetzlich. Wenn toughe, vor Männlichkeit strotzende, korrupte Typen sich vor Angst in den Schoß der nächsten Kirche flüchten, damit sie nicht belangt werden können, ist das haarsträubend. Wenn eine Frau, die mit ihrer Geliebten Kinder haben möchte, dies nur auf dem Umweg Heirat mit einem Mann, Schwangerschaft und sofortige Trennung/Scheidung schafft, dann ist das traurig. All diese Beispiele zeugen von einem Staat, in dem das Patriarchat noch immer das Sagen hat  und Homophobie das Normalste der Welt ist, in dem die Kirche offenbar noch viel mitmischt und in dem die Demokratie eher schwankt. Dass der Roman in Georgien ziemliches Aufsehen erregt hat, wundert mich nicht.

„Frag wen du willst, wenn du eine Frau mit Gewalt nimmst, wird sie es nie vergessen und sich letztendlich in dich verlieben.“

Tamar Tandaschwili arbeitet selbst als Psychologin und kennt sich also mit dem aus, worüber sie schreibt. In sprunghafter Erzählweise schreibt sie kurze Sequenzen über Alltag, Beruf, Freizeit und Beziehung. Vieles bleibt offen, vieles muss die Leserin sich selbst erarbeiten, muss sie zwischen den Zeilen lesen. Trotz der offensichtlichen Schwere des Themas gelingt es der Autorin Humor zu bewahren, der jedoch mitunter bis zum bitteren Sarkasmus reicht, aber auch von unglaublicher Stärke der Frauen in ihrem Land zeugt.

Schwierig war es, die vielen Namen auseinanderzuhalten, schwierig auch die gekonnten Andeutungen auf tatsächliche Persönlichkeiten aus der neueren georgischen Geschichte und Politik zu erkennen, wenn man selbst nicht dort gelebt hat. Um wirklich alles zu verstehen, müsste man recht viel recherchieren. Doch selbst wenn man nicht alle Zusammenhänge erkennt, ist der Roman verständlich, merkt man, dass manches im Argen liegt/lag.

Am Schluss des Romans spielt Tandaschwili mit fantastischen Elementen. Sie schickt ihre Heldin kurzzeitig ins Jenseits und hier klärt sich auch die Frage nach dem seltsamen Titel des Romans, der mit den Worten endet:

„Das Leben ist eine Form von Humor, strenger als Ironie, aber weicher als Sarkasmus.“

„Löwenzahnwirbelsturm in Orange” ist im Residenz Verlag  und als Taschenbuch bei btb erschienen. Im Anhang findet man ein Glossar für die georgischen Begriffe. Aus dem Georgischen übersetzt hat das Buch Natia Mikeladse-Bachsoliani.

Die dunkle Nacht der Seele – Psychische Erkrankungen in Roman und Lyrik

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Wenn ich so meine Besprechungen der letzten 5 Jahre überblicke, finde ich immer wieder das Thema Psyche: Depressionen/Psychische Erkrankungen/Psychiatrie. Mich interessieren diese Themen brennend. Vor allem dann, wenn es Autor*innen gelingt, aus oft autobiographischem Inhalt wirklich gute Literatur zu machen. Deshalb heute, nach „Kunst im Buch“, ein Beitrag über die Psyche. Sowohl in Prosa als auch in der Lyrik habe ich Hervorragendes gelesen. Durch Klick auf das jeweilige Foto gehts zur Besprechung.

Depression

Allen voran der große amerikanische Autor David Foster Wallace, der in seinem frühen Text über seine beginnenden Depressionen als „die üble Sache“ schreibt. David Vann, der in seinem neuesten Roman sehr anschaulich über die Depression seines Vaters schreibt. Connie Palmen, die aus der Sicht Ted Hughes auf Depression und Suizid Sylvia Plaths blickt. Die Sprachzauberin Merethe Lindstrøm, die über Depressionen in Familienkonstellationen schreibt und zuletzt gelesen und aktuell ganz neu: Benjamin Maacks sehr persönliches Buch über die eigenen Depressionen.

andere psychische Erkrankungen

Nancy Hünger schreibt sich mit ihren Gedichten ausdrucksstark in den Selbstverlust einer Frau ein. Die Amerikanerin Julia Cohen schreibt in poetischer Form außergewöhnlich über die eigene (oder die des lyrischen Ichs) Psychotherapie. Akwaeke Emezi erzählt den abgründigen Weg einer seit der Kindheit traumatisierten jungen Frau. Der Lyriker und Romanautor John Burnside schreibt umfassend über eine ganz und gar labile Persönlichkeit. Und der Finne Juha Hurme lässt sich mit seinem „ver-rückten“ Romanhelden durch die Abteilungen einer psychiatrischen Klinik treiben.

Psychiatrie und Psychoanalyse, wie sie einmal war und zum Glück nicht mehr ist

Hier begleiten wir die wohl erste investigative Journalistin der USA, Nelly Bly, die sich 1887 für ihre Recherche freiwillig für 10 Tage ins „Irrenhaus“ einweisen ließ. Die großartige Lyrikerin Christine Lavant lebte nach einem Suizidversuch für 6 Wochen in der „Landes-Irrenanstalt“ Klagenfurt und schrieb 1946, 11 Jahre später, über diese Zeit als 20-jährige. Auf der finnischen Schäreninsel Själö befand sich eine Nervenheilanstalt. Johanna Holmström erzählt aus dem Leben zweier Frauen, die dort 1891 und 1931 eingeliefert wurden. Katharina Adler schreibt in ihrem Roman über ihre Urgroßmutter, die auf der Couch Sigmund Freuds lag und unter dem Namen „Dora“ als Hysterie-Patientin bekannt wurde. Und die Norwegerin Amalie Skram erzählt von einer Malerin, die unter der Doppelbelastung Familie/Künstlerin einen Zusammenbruch erleidet und 1894 von ihrem Mann in die Psychiatrie eingeliefert wird.

Alle diese Bücher sind auch ohne den speziellen Fokus Psyche uneingeschränkt zu empfehlen. Über weitere Tipps zum Thema würde ich mich freuen.

 

 

Julia Cohen: Ich wurde nicht geboren Literaturverlag Droschl

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Ein recht ungewöhnlicher Band kommt aus einem meiner Lieblingsverlage, dem Droschl Verlag aus Graz. Dass sich das Buch auf einem Foto, so oft ich es auch versuchte, vollkommen unscharf zeigt, ja luftig verschwommen, fast unwirklich, passt wiederum irgendwie auch zum Inhalt, deshalb lasse ich es so stehen.

„Es ist okay, wenn du sagst, dass du ein Gefühl fühlst, bis du es nicht mehr fühlst. Ein Buch ist ein Schleusenzustand. Glaube auf dem Antlitz der Nacht, auf den blutigen Konstellationen von Sprache.“

Die in Chicago lebende Amerikanerin Julia Cohen hat eine Mischung aus poetischer Selbstbetrachtung und psychotherapeutischem Tagebuch geschrieben. Dass es um reine Selbsterforschung geht, die Literatur hervorbringt, gefällt mir über die Maßen gut. Cohen spiegelt sich im Leser, spiegelt ihre komplizierte Beziehungsgeschichte, wie es womöglich noch niemand vor ihr getan hat. Das ist nicht immer einfach, keine freundliche Lektüre sondern Herausforderung an Leser, die tiefer gehen wollen und keine Angst vor dem haben, was womöglich ziemlich nahe kommt. Doch es ist keine autobiographische Selbstentblößung á la Knausgard, sondern der Unterschied liegt in der Reflexion und der poetischen Sprache, die eben nicht beliebig ist, aber auch nicht unanstrengend.

„Eine Ampel, drei Kreuzungen, der beißend blumige Geruch eines Waschsalons. Ich renne die sechs Blocks nach Hause und finde N. zusammengesackt auf dem Sofa liegen. Die Schlinge im Rucksack, den Kopf voller Selbstmord.“

Der Text entzieht sich jeder Zuordnung, ist weder Gedicht noch Roman, noch Essay oder reines Tagebuch. Der einzige inhaltliche Aspekt, an dem man sich festhalten kann, das einzige, was sicher ist, ist der Selbstmordversuch des Lebenspartners, N. genannt, der Protagonistin. Drumherum versucht diese sich damit auseinanderzusetzen, einen Weg zu suchen, damit umzugehen. Dass sich herauskristallisiert, dass eine Trennung nötig wird, ein Lösen aus einer destruktiven Beziehung, macht das Buch nicht leichter, gibt aber der Suche nach Halt durch die Sprache einen noch höheren Wert, ja vielleicht ist sogar sie es, die diese Erkenntnis überhaupt hervorbringt.

„Ich habe dein Gesicht erkannt, aber du hast es mich nicht lesen lassen. Oder es konnte nicht gelesen werden.“

Neben der Therapie, von der Cohen uns recht viel erzählt – manche Stunde könnte eins zu eins übernommen sein – zeigt sie uns viel von ihrem Inneren, in aller Schönheit und in aller Dunkelheit. Jede/r, der/die einmal eine Liebe verloren hat (und wer hat das nicht?), erkennt sich darin wieder.

„kreativität ist überleben, ich versuche,
mir nicht mehr zu fehlen.“

Wie die Autorin das sprachlich ausarbeitet, macht das Besondere aus und ist keineswegs nur bloße Selbsthilfe. Es ist literaturgewordenes Suchen, Zweifeln, Anlehnen, Durchdrehen, aber auch ein Erden durch den so vielseitigen Ausdruck durch Sprache. Dabei wird der Text, gerade im Gedichtzyklus „der schmerz der schmerz“, wunderbar vom Rhythmus weitergetragen.

„Steckt irgendwer Salz in den Briefkasten? Kurzlebiger Flieder. Besucht irgendwer den falschen Fluss, sein verzaubertes Kind? Eine zu Wüste verwitwete Küste. Früher Feind? Nimm das Geschmeichel aus der Antwort, um ein Antlitz ist ein Antlitz zu fegen. Absteigende Sterne oder Marzipangefühle.“

Für mich ist es ein Buch, dass weitab aller derzeitigen Veröffentlichungen steht. Ich bin sehr dafür, dass es solche konsequent herausfordernden Texte in Buchform gibt und denen sehr dankbar, die sich in dieser heutigen allzu schnellen Zeit trauen, solch „zeitraubende“ und gleichzeitig so viel mehr gewinnbringende Literatur zu verlegen.
Ein Leuchten!

„ich wurde nicht geboren“ erschien im Literaturverlag Droschl und wurde hervorragend übersetzt von Maria Hummitzsch. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.