Arno Camenisch: Herr Anselm Engeler Verlag

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Jedes Buch von Arno Camenisch ist ein Vergnügen! Der Schweizer, der mit seinen Texten durch die Lande tourt, erzählt in seinen kurzen, oft nur 100 Seiten zählenden Romanen aus seiner Heimat und wie diese sich immer stärker wandelt. Camenisch wurde 1978 in Graubünden geboren und man merkt es den Büchern an, denn er schreibt zwar auf Deutsch, verwendet aber konsequent diverse Dialekt-Ausdrücke, setzt sich auch sonst für die spezielle Sprache seiner Herkunft ein, das Rätoromanische, genauer das „Sursilvan“, das bündnerromanisch aus seiner Region Surselva. Inzwischen lebt er in Biel.

Nach „Die Kur“ und „Der letzte Schnee“ ist es nun „Herr Anselm“, der mich mit seiner liebenswerten Eigenart und kluger Einfachheit fasziniert. Herr Anselm ist die Hauptfigur im neuen Roman, der eigentlich ein Monolog ist. Wir befinden uns auf dem Friedhof eines Bündner Dorfes in den Bergen und begleiten Herrn Anselms Tun rund ums Grab seiner Frau. Er kommt täglich und spricht mit ihr.

„Ich habe es dann aufgeschrieben, nachdem du gestorben warst und ich nicht wusste, wohin mit all der Traurigkeit, da haben mir die Marina und der Guiseppe gesagt, ich soll schreiben, was denn schreiben, habe ich gefragt, einfach aufschreiben, hat sie gesagt, aber ich müsse das von Hand machen, damit die Traurigkeit langsam in die Hände übergeht.“

So erfahren wir Leser am Anfang des Schuljahres die „novitads catastrofalas“, dass die kleine Schule – er ist „Abwart“, also Hausmeister – geschlossen werden soll, zeitgleich mit seiner Frau. Doch wehren wollen sie sich, so leicht nicht klein begeben dem Gemeinderat gegenüber.

Dann kommen Erinnerungen und die mischen sich mit Alltäglichem und auch Gesellschaftskritisches löst sich aus Anselms Gedanken. So erzählt er, dass er für die Schule eine Tischtennisplatte mit den Kollegen selbst gezimmert habe, dass er sich erinnert, wie er mit ihr – „mia cara“ –  über den Pass nach Ancona gefahren war und ihr erstes Polaroidfoto entstanden ist, dass er immer in der Brusttasche des Hemds bei sich trägt oder dass die geringe Regenmenge, die diesen Sommer gefallen war, den Wasserstand der Stauseen erheblich gesenkt habe. Die kleinen Geräte findet er wundersam, die ein jeder in der Hosentasche trägt und damit immer erreichbar ist und erinnert sich, an das erste Fernsehgerät, bei dem die Antenne auf dem Dach noch auf der Suche nach Sendern per Hand gedreht wurde. Oder dass die Suche nach dem einen Herzensmenschen nun auch per „Bestellung über die Maschine“ gehen soll, erfährt er, dabei kommt doch die Liebe so ganz anders ins Leben.

Und manchmal steht er dann sogar schon mal vor einer Klasse und vertritt einen Lehrer bei Krankheit. Und zwar mit Erfolg. Die Schüler mögen ihn, seine ehrliche direkte Art. So kann er den Schülern auch nicht verheimlichen, wie es um die Zukunft der Schule steht.

„Wenn eines der Kinder also farruct ist, weil es diese schmalen Linien im Heft nicht trifft mit den Buchstaben, oder wenn einer den Zitteri hat vor einem Test in Matematica, dann schicke ich sie für ein Viertelstündli runter zum Pingpong-Tisch, damit sie etwas Kopf und Hand lösen können, und danach sind sie ganz tranquilo im Herzen und machen das tiptop.“

Und so erleben wir wie Herr Anselm sein Leben weiterhin teilt mit seiner Frau und irgendwie eine Zufriedenheit findet, ja vielleicht sogar Glück, aber „das braucht ein bisschen Courage im Herzen“. 

Arno Camenischs schmales Buch beinhaltet so viel. Erinnerung erschließt sich aus Gegenwärtigem. Er zeichnet seine Figur so echt und lebensnah, mit so viel Liebe, dass ich mich immer direkt gemeint fühle, so als stehe ich selbst neben ihm, neben dem Grab oder neben der Tischtennisplatte, und höre ihm zu, wie einem guten Freund. Mehr Nähe geht nicht. Ein Leuchten!

Alle Bücher von Arno Camenisch sind im Engeler Verlag erschienen. Ich danke Urs Engeler für das Rezensionsexemplar.

Hier ein kleiner Einblick in die Sprache und Art Arno Camenischs:

Arno Camenisch: Der letzte Schnee Verlag Urs Engeler

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Bereits wenn ich die ersten Zeilen lese, schmilzt mir schon das Herz dahin. So wie der Schnee in den Schweizer Alpen aufgrund des Klimawandels. Arno Camenischs neues Buch ist knapp 100 Seiten dünn und bietet dennoch schönste Lesefreude. Die neue Geschichte ist wieder gespickt mit rätoromanischen Dialektworten und die machen gerade auch den Ton. Der Autor tourt mittlerweile durch die ganze Schweiz mit seinen Texten und ist damit ziemlich erfolgreich. Seine Bücher erscheinen im kleinen Schweizer Verlag von Urs Engeler, der sonst auch Lyrik verlegt. Das Buch glitzert silbrig, es sieht jedenfalls sehr nach Kälte und Schnee aus. Feines Papier und Fadenheftung machen den schmalen Band auch äußerlich fein.

„Sie sitzen auf dem Bänkli vor dem Hüttli. Im Hintergrund surrt der Skilift gleichmäßig.“

Paul und Georg sind alte Hasen, was den Skibetrieb angeht. Im Winter, der früher jedenfalls früher anfing, sind sie täglich im Einsatz an ihrem Schlepplift, der beinahe der älteste der Welt ist. Doch die Touristen bleiben aus. Tag für Tag lockt die Tafel, die Paul jeden Morgen aufstellt, während Georg im Hüttli die Billets vorsortiert und alles akribisch in sein „Schurnal“ notiert. Ob nun ein Bügel fehlt, der Notschlitten für etwaige Verletzte überprüft werden muss oder ein Test für die Funkgeräte ansteht, die beiden nehmen ihre Arbeit ernst. Währenddessen unterhalten sie sich und wir Leser erfahren die neuesten und ältesten Dorfnachrichten, politisches aus aller Welt, es wird von der Claire selbstgemachtes Apfelmus verzehrt oder Grappa probiert. Natürlich spielt das Wetter eine Hauptrolle: Freude als es schneit, nur könnte es ein wenig mehr.

„Ich habe fast weinen müssen heute Morgen, Copfertelli, ist das schön, wenn alles verschneit ist, …“

Die Geschichte zeigt Paul und Georgs Welt wie sie einmal war. Doch jetzt ist sie marode, ob die Antenne des Kofferradios fehlt oder dem Jesus an der Wand ein Arm. Den Bündner Bergen fehlt der Schnee und das nicht von ungefähr. Klimawandel, sagt der redselige Paul:

„Man müsste fast meinen, es werde immer wärmer, so wie die Wetterfrösche im Fernsehen sagen, aber der andere da aus La Merica, der Strohkopf mit den gelben Haaren, behauptet immer noch felsenfest, das sei alles nur gelogen.“

Es gibt im Dorf keine Poststelle mehr, keinen Frisör, keinen Bäcker und auch der Kiosk mit den zwei Tanksäulen wurde nach einem Einbruch nicht mehr wiedereröffnet. Still und leise stirbt alles aus. Auch den Sohn vom Paul ziehts hinaus in die Welt. Weder beruflich noch beziehungsmäßig will er sich festlegen. Und überhaupt ist es heute schwierig für die jungen Leute. Die große Auswahl erschwert auch die Entscheidungen. In den Gesprächen der beiden weitet sich der Blickwinkel vom kleinen Dorf in den Schweizer Alpen bis hinaus in die „große“ Welt. Ein Leuchten!

Wer den Autor noch nicht kennt, sollte auf jeden Fall einen Leseversuch wagen. Bereits „Die Kur“ hat mir sehr sehr gut gefallen. Eine ebenso vergnügliche wie wehmütige Geschichte.

Ich danke Urs Engeler für das Rezensionsexemplar.