Sofia Yablonska: Der Charme von Marokko Kupido Verlag

„Die Macht der Eindrücke, Reize und Entdeckungen, diese Fülle und Kraft der Farben und Formen, viel lieber würde ich, statt Wort für Wort zu Papier zu bringen, alles fotografieren und Ihnen die Aufnahmen schicken.“

Die Ukrainerin Sofia Yablonska (1907-1971) war zunächst keine literarische Schriftstellerin. Sie war Fotografin und Dokumentarin. Dieses Buch hätte es womöglich gar nicht gegeben, wenn Yablonska damals schon die Möglichkeiten des WorldWideWeb gehabt hätte. Sie hätte einfach ihre Aufnahmen auf Instagram geteilt. Sofia Yablonska wurde aber 1907 geboren und ihr Buch über ihre Marokkoreise von 1929 erschien 1932. Es ist eine Art Reisetagebuch, dem man die große Begeisterung der Autorin anmerkt. Sehr subjektiv sind die Eindrücke und oft gerade deshalb auch berührend. In dieser Zeit als Frau alleine auf Reisen zu sein, war durchaus ungewöhnlich und das merkte Yablonska auch immer wieder in ihren Begegnungen. Mit großer Offenheit und Neugier lässt sie sich auf mitunter abenteuerliche Aktionen ein und erzählt lebhaft davon.

Die Reise beginnt mit dem ersten Ziel Marseille und von dort aus geht es mit dem Schiff nach Marokko. Von der Überfahrt erzählt sie uns nichts. Doch wie Yablonska selbst, werden wir Leser in die Flut der ersten Eindrücke von Marrakesch geschickt. Offenbar hat sie ein Zimmer gemietet und sich zur Erholung auf dem Dach des Hauses im Schatten eines Strohdachs einen Liegeplatz gebaut. Von dort aus wird sie die Blicke schweifen lassen und ihre Erlebnisse notieren.

So erfahren wir von den Farben, den Gerüchen, Geräuschen und dem besonderen Licht. Yablonska schwärmt von den Menschen auf den Märkten, den Feuerschluckern, den Märchenerzählern, den Heilern, den Schlangenbändigern und den Tänzern.

In einem sehr ausführlichen Kapitel berichtet sie von ihrer Begegnung mit einem reichen einheimischen Mann, dem Kaid. Er will nicht glauben, dass sie eine Frau ist, weil sie im Kaffeehaus mit einem französischen Bekannten Schach spielt. Für ihn ist so etwas für Frauen undenkbar. Als sie ihn dann beim Schach sogar besiegt, erhalten die beiden eine Einladung in den Palast. In der Figur des Bekannten Manrier zeigen sich stark die Ressentiments der Kolonialherren gegenüber den Einheimischen. Doch der Kaid wird zum Bewunderer Yablonkas, spricht perfekt Französisch und zeigt ihr sogar seinen Harem, zu dem normalerweise nie jemand Zutritt erhält. Und er diskutiert mit ihr sogar über Politik und über beider Heimatländer.

Ein weiteres spannendes Kapitel führt Yablonska durch die Wüste über Taroudant bis ans Meer nach Agadir und in die unbesetzten Gebiete der Berber in der Wüste. Ein bekannter Chauffeur nimmt sie im Auto mit, zusammen mit einem Araber und seinen zwei Frauen. Yablonska ist hier ihre Abenteuerlust stark anzumerken.

„War das womöglich mein letzter Tag in Freiheit? In Gegenden, in denen die Franzosen ihre Trikolore noch nicht gehisst haben, in die sie mit ihren Truppen noch nicht einmarschiert sind, verüben die freien Araber Racheakte an glücklosen Abenteurern, die ihnen, getrieben von Neugier oder Leichtsinn, in die Hände fallen.“

Und tatsächlich gibt es dann auch brenzlige Situationen, da beide die Hitze und Sonne stark unterschätzen. Es drohen Wassermangel und Hitzschlag, doch Yablonska übernimmt das Steuer selbst und schafft es aus der Wüste in die rettende Oase. Später erfahren beide, wieder erholt, die legendäre Gastfreundschaft der Bevölkerung und gewinnen Freunde.

Ein besonderer Blick liegt auch immer auf den Frauen. Die Reisende erzählt begeistert von der Schönheit der Frauen, die jedoch zumeist verschleiert sind. Sie bemerkt jedoch auch, welches Schicksal die Frauen überwiegend tragen, wenn sie etwa wie eine „Frau“ des Kaid bereits mit 12 Jahren verheiratet werden und fortan dem Mann dienen müssen. Einzig die Berberfrauen erkennt sie als stolzer und freier.

In ihrem Nachwort erfahren wir von Olena Haleta mehr über Sofia Yablonska und ihr Leben. Sie wurde 1907 in der Nähe von Lwiw geboren. Die Familie wurde mehrmals vertrieben und Sofia entging diesem Schicksal später, in dem sie von selbst mal hier mal dorthin reiste. Sie war in einer galizischen Frauenbewegung engagiert und veröffentlichte Reisereportagen in Frauenzeitschriften. Um Geld für ihre Reisen zu verdienen, leitete sie zwei Kinos, betrieb später eine Pension. Sie lebte und studierte einige Zeit in Paris. Ihre Reisen führten sie auch überwiegend in französischsprachige Räume. Ihre Unabhängigkeit ist stellvertretend für ein neues Frauenbild. Auch die Liebe und die Zweierbeziehung stellte sie dafür zunächst zurück. Später lebte sie mit ihrer Familie in Frankreich. Sie starb 1971 bei einem Autounfall.

Auf ihren Reisen blieb sie nie oberflächliche Touristin, sondern wollte tatsächlich den Menschen und ihrer Lebensweise begegnen und die Eigenheiten des Landes kennenlernen. Als Hilfe dient ihr dazu auch ihre Kamera und ihr echtes tiefes Interesse. Yablonska reist später noch viel im asiatischen Raum, in China verbringt sie gar 15 Jahre. Hier entstehen zwei Reisetagebücher, veröffentlicht 1936 und 1939, die im Anschluss an dieses Buch zur Veröffentlichung in deutscher Sprache im neuen Kupido Verlag in Vorbereitung sind.

Die Übersetzerin Claudia Dathe übertrug das Buch aus dem Ukrainischen. Herausgegeben hat es Roksolana Sviato. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson Suhrkamp Verlag

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Ich erinnere mich noch gut an Valerie Fritschs Roman „Winters Garten“. Es war eines der ersten Bücher, das ich 2015 auf meinem Blog besprach. Und es ist für mich eines, was bis heute noch vollkommen lebendig in mir ist, sicher aufgrund der starken Bilder, die es erzeugte. Gebannt hatte ich sie beim Bachmannpreis 2015 lesen hören, zwei Preise hat sie damals erhalten. Sie hat sich Zeit gelassen mit einem neuen Roman, doch das Warten hat sich gelohnt. Die Autorin hat noch die gleiche Intensität der Sprache wie vor Jahren. Ich verneige mich vor solch einem sicheren Sprachgefühl, vor solch einer intensiven Stimme.

„Wann immer Alma als Kind an den Krieg dachte, stellte sie ihn sich als eine magische Maschine vor, in die auf der einen Seite die Menschen hineingingen und auf der anderen Seite verwandelt, fremd und falsch wieder herauskamen.“

Valerie Fritsch erzählt von Alma, die in einer von großer Traurigkeit und Sprachlosigkeit geprägten Familie aufwächst. Die Mutter depressiv und schlafwandelnd, der Vater, dem nicht viel entgegensetzend. Alma lebt als Kind in ihrer eigenen Welt und wundert sich über die Erwachsenen. Auch die Großeltern sind zurückhaltend, was Liebe und Wärme angeht. Der kriegsgeschädigte (schuldige?) Großvater verstummt, die Großmutter mit Begabung zum Geschichtenerzählen, dem Alkohol gewogen. Es ist die Generation Kriegskinder und -enkel, von denen Fritsch erzählt. Vom Weitergeben der Kriegstraumata bis in spätere Generationen hinein und von beschädigten Kindern, die daran zu tragen haben/hatten.

„Sie sah, wie sie die Kinder zu vorsichtigen, stillen Wesen heranzog, die nicht stören sollten in dieser Welt, kleinen Menschen, die mit großer Ernsthaftigkeit vermieden, eine Last zu sein, aber versuchten jene diffuse Traurigkeit auszugleichen, die stets in der Luft lag.“

Als Alma später Friedrich kennenlernt, haben beide schon eine Ehe hinter sich. Doch hier scheint sich nun etwas Beständiges leben zu lassen. Das Kind Emil, das dieser Liebesbeziehung entspringt, bringt für Alma zunächst eine tiefe postnatale Depression. Es dauert lange, bis sie ihren Sohn akzeptieren kann. Und dann stellt sich heraus, dass Emil eine sehr besondere „Krankheit“ hat: Er kann keine Schmerzen empfinden. Für die Eltern ist das eine besondere Herausforderung. Wie Alma damit umgeht, ist brillant erzählt.

„Emils Körper funktionierte anders als jener der übrigen, denn er verstieß gegen die grundlegendste aller Regeln, gegen das Gesetz, dass die Geschichte des Menschen eine Geschichte des Schmerzes ist. Emil empfand keinen Schmerz.“

Wer Valerie Fritschs Profil in den sozialen Medien verfolgt, wird bemerken, dass die Polaroid-Fotos, die sie von Zeit zu Zeit postet, offenbar auch von Recherchereisen stammen, denn einige Bilder lassen sich im letzten Teil des Buches wieder erkennen. Diesem Teil des Buches ist eine Reise gewidmet, die Alma nach dem Tod der Großeltern mit Friedrich und Emil von Österreich nach Osten treibt, durch verschiedene osteuropäische Länder bis in die kasachische Steppe. Monatelang sind sie im Auto unterwegs auf den Spuren von verlassenen Gebäuden, die Friedrich, der Fotograf ist, für ein Magazin ablichten soll. Aber auch auf der Suche nach Spuren, die zur Vergangenheit von Almas Großvater führen, der dort in Gefangenschaft war. Der Großvater, der nur mit den neuen Herzklappen der Firma Johnson und Johnson überhaupt so lange leben konnte …

Valerie Fritschs Sprache sucht ihresgleichen. Die vielen bewundernswert gelungenen Metaphern, die für ihre Romane stellvertretend sind, weisen eine flirrende Vielfalt und eine unverkennbare Melodie auf. Es ist, als ob man durch eine andere Zeit liefe, in der die Worte noch ein größeres Gewicht hatten. Es ist eine scheinbar sehr sanfte und doch gewaltige Kraft der Sprache, die mich mitunter in ihrer Erzählweise an Märchen erinnerte. Es ist ein Herzensbuch. Große Leseempfehlung! Helles Leuchten!

Der Roman der 1989 geborenen Österreicherin erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Esther Kinsky: Hain Suhrkamp Verlag

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Esther Kinsky kenne ich bisher vor allem von ihren Übersetzungen aus dem Polnischen, Russischen und Englischen, obgleich sie schon einige Romane und auch Lyrik veröffentlicht hat. Zum Beispiel hat sie John Clares „Reise aus Essex“ übersetzt. Dass sie sich mit dem sogenannten „Nature Writing“ beschäftigt, merkt man auch im neuen Roman „Hain“. Kinskys „Geländeroman“ besteht in der Tat vor allem aus Beobachtungen und Beschreibungen im „Gelände“. Es sind Momente der Achtsamkeit und der Hingabe. Die Autorin zeichnet, trägt Farben auf, sie entdeckt die Bildhaftigkeit der Sprache und wandelt alles in Ausdruck.

„Wörter rollten in der Hand wie Murmeln, versehrte Glasmurmeln mit stumpfer, zerkratzter Oberfläche und winzigen Scharten, gescheuert an Sand, Erde, Beton, am Glas anderer Murmeln. Ein kleines Klicken, wenn sie aneinander stießen, ein Geräusch, in das der ganze Körper angespannt horchte, ob es zu einem Bild wurde.“

Jedenfalls ist es ein Trauer-Tagebuch. Die Protagonistin ist in einer Situation der Trauer um M. Das spürt man als Leser in den ganz kleinen erzählten, eigentlich fast aufgezählten Dingen. Die Protagonistin lebt in die Dinge hinein. Sie lässt sich treiben und ist gleichzeitig enorm aufnahmefähig für Atmosphärisches, erblickt in Alltäglichem Geheimes und erzählt uns davon. Die genauen Beschreibungen mögen manchem/r Leser*in zu viel werden. Mir nicht. Ich genieße diesen Blick, denn es ist ein Blick des wahrnehmenden Innehaltens. Des Durchatmens, der Langsamkeit, der Zeitlosigkeit. Anfangs in dem kleinen italienischen Ort Olevano, nahe Rom. Genau gegenüber der Unterkunft, auf der anderen Talseite liegt der kleine Friedhof, der zentraler Punkt ihres Blickes wird. Ein Ort, an dem sie mit ihrer Trauer richtig ist.

„Ich stand Stunden am Fenster wie in einer Glocke, die sich über mich gestülpt hatte und mich in die Kindheit versetzte, als ich mich nachmittags und abends oft unfähig fühlte, etwas anderes zu tun, als aus dem Fenster zu sehen.“

Kinsky erzählt weiter und wechselt die Richtung. Zwar bleiben wir in Italien, aber nun werden Kindheitserinnerungen aufgerollt, die Familienreisen, nach Chiavenna, nach Rom und zu den Grabstätten der Etrusker, in denen der Vater eine dominante Rolle spielt. Hier kommt Kinsky ab vom Beschreibenden, hier kommt erinnertes Erzählen. Hier sind wir dichter am Leben. Der Vater ist italophil, interessiert sich rege für die Kunst und die Sprache.

„Dieses langsame Buchstabieren an der Stadt Rom fiel in den Abschnitt des Heranwachsens, in dem ich – wie jedes Kind irgendwann – fast unvermittelt, von einem Zufall angestoßen, die Welt ohne mich erkannte.“

Von seinem Tod wird hier ebenfalls berichtet, von dem Verlust eines Vaters, der gegen Ende des Lebens so ganz anders war, als bei den Familienausflügen. Es ist ein seltsamer Nähe/Distanzwechsel zwischen Tochter und Vater, der nicht aufgelöst wird. Dennoch oder gerade darum führen die nächsten Reisen nach Ferrara und in die ehemaligen Salinen am Meer nach Comacchio, wo die eintönige Landschaft des Po-Deltas zahlreiche Vogelarten beheimatet und schließlich nach Ravenna, wo die Mosaiken an die kulturgeschichtlichen Ausführungen des Vaters erinnern.

„Manchmal ging er auch aus, aber nur kurz, zu seinen nachtlangen Abwesenheiten fehlte ihm in Rom wohl der Mut, oder er spürte die Kleinheit, die er sich an den Sehenswürdigkeiten zugezogen hatte.“

Kinsky ist auf den Spuren des Zerfalls und findet in Italien weitab der Touristenströme außerhalb der Saison im Herbst und Winter einen Raum, ihre ganz eigene Trauerlandschaft und ich mag diese Art an den Tod geliebter Menschen heranzugehen. Es ist vielleicht die beste Art mit den Toten zu kommunizieren, bis das Neue, das Alte ablöst.

„Todesnachrichten sind Scheren oder scharfe Messer, die den Film der Welt durchtrennen. Messer oder Schere – was schneidet glatter? Eine müßige Frage, die sich ohnehin erst Jahre nach dem Ereignis stellt, etwa bei nachträglichen Flickversuchen an dem durchtrennten Band.“

Ich habe diesen Roman in mein Herz geschlossen, vor Genuss sehr langsam gelesen. Es begann eigentlich schon mit dem Titel und der Covergestaltung. Und dann bin ich in Kinskys Sprache gefallen und habe mich aufgehoben gefühlt. Zudem haben mich diese Streifzüge durch italienische Landschaften an eigene unzählige Italienreisen erinnert. Sogar die Besuche auf Friedhöfen mit den vielen Plastikblumen, aber auch die der Etruskergräber sind mir geläufig. Ich freue mich sehr über einen Roman, der mit seinem Inhalt sicher nicht jeden Leser erreichen wird, manche ab- oder verschrecken lässt aufgrund der melancholischen Grundstimmung. Ich fühle mich in diesem Roman sehr wohl. Ein Wunder und ein Glück, dass der Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ein sehr ausführliches aktuelles Interview mit Esther Kinsky gibt es beim Deutschlandfunk .
Sie steht außerdem auf der SWR-Bestenliste im März auf Platz 1.
Eine weitere Besprechung findet sich auf Blog letteratura.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Nachtrag: 
Seltsam eigentlich, dass mich Kinskys Roman an den thematisch grundlegend anderen Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ von Anja Kampmann erinnert, den ich kurz zuvor las. Doch bei genauerer Betrachtung haben beide Geschichten eine Hauptperson, die sich treiben lässt, verloren, irritiert und in Trauer. Und nicht zuletzt haben beide jeweils eine phantastische Sprache dafür gefunden.