Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka) Frankfurter Verlagsanstalt/ Ullstein Verlag

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Was für eine Geschichte! Nino Haratischwili hat mit „Das achte Leben“ einen hochkarätigen Roman über eine georgische Familie geschrieben, der auch gleichzeitig die Geschichte Georgiens als Teil der Sowjetunion aufzeigt. Beginnend im Jahr 1900 spannt Haratischwili einen Bogen fast bis zur Gegenwart. Sie hat auch soeben den Bertolt-Brecht-Preis und das Stipendium des Lessing-Preises 2018 gewonnen. Beinahe 1300 Seiten dick ist der Roman und es ist keine Seite, keine Zeile zuviel.

„Weil es ein Geheimrezept ist. Eine kleine Dosis meines Geheimnisses mische ich in alle unsere Schokoladenwaren, aber das Rezept ist ursprünglich für diese Heiße Schokolade erfunden worden, die du nun kosten durftest. Aber … Er hielt inne und sah seine Tochter unablässig an. – Aber sie ist gefährlich.“

Seit der Lektüre dieses beeindruckenden Romans habe ich ein Faible für Heiße Schokolade. Denn alles beginnt in einer Schokoladenfabrik in einer Kleinstadt in Georgien. Es beginnt mit dem Konditormeister, Stasias Vater und dessen Geheimrezept für Heiße Schokolade. Es beginnt mit Stasia, die im Jahr 1900 geboren wird und sich später in Simon Jaschi verliebt, einem Oberstleutnant der weißen Garde. Haratischwili teilt den opulenten Roman in 7 Kapitel auf, die jeweils vorwiegend einem Familienmitglied gewidmet sind, das 8. und letzte Kapitel heißt Brilka und es ist noch leer, denn es wird gerade erst gelebt. So entsteht dann ein beeindruckender Familienstammbaum, wie er am Ende des Buches abgedruckt ist, der hilfreich ist, um den Überblick über die Figuren zu behalten, die einem allesamt ans Herz wachsen, egal wie schrullig oder kompliziert sie auch sind.

Immer wieder ist es spannend zeitgeschichtliches statt mit dem westlichen Blick, mit dem Georgiens zu betrachten. Was beispielsweise dort geschah, nachdem Gorbatschow Staatsoberhaupt der Sowjetunion wurde, sieht von dieser Warte aus betrachtet ganz anders aus. Wirklich spannend vermischt die Autorin georgische und sowjetische Geschichte mit dem Leben der zahlreichen Familienmitglieder. Die Personen sind rundweg großartig geschildert: ob nun hoher Parteifunktionär, Spion, Popsängerin, Geisterseherin, Schauspielerin, Filmemacher, bildschöne Tante, jähzorniger Großvater, Tänzerin, alle tragen schwer an ihrer Vergangenheit, an ihrer Herkunft, immer beeinflusst von der wechselvollen Geschichte ihres Landes. Schauplätze sind außer Tbilissi, wo die Erzählerin 1973 geboren wurde, Petrograd, Leningrad, Prag, Wien, London. So gerät der/die Leser*in die Wirren der Revolution in Moskau, hört von der Straße des Lebens, die zur Versorgung Leningrads während des Krieges übers Eis führte, erlebt das Prag zur Zeit des Prager Frühlings und die Zeit des Kalten Krieges. Bis zum Ende bleibt es spannend.

Ich danke Nino Haratischwili für diesen Roman, der mir in unvergleichlicher Weise so viel über ihr Land und eine schier unglaubliche mitreißende Familiengeschichte erzählt. Ich bin gespannt auf den neuen Roman. Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Der Roman ist gebunden in der Frankfurter Verlagsanstalt und auch als Taschenbuch bei Ullstein erhältlich, wobei sich die gebundene Ausgabe aufgrund des Seitenumfangs als stabiler anbietet. Eine Leseprobe gibt es hier.

Gusel Jachina: Suleika öffnet die Augen Aufbau Verlag

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Ein Debütroman aus Kasan in Tatarstan – das klingt schon außergewöhnlich und so führt dieser Roman auch in eine mir vollkommen unbekannte Welt. Gusel Jachina, die auch Germanistik studierte, stellte ihren Debütroman im Literaturforum im Brechthaus vor und erzählte auf Deutsch über die Recherchen und auch über die persönlichen Hintergründe dazu. Es war ein eindrucksvolles Gespräch. Auch Ljudmila Ulitzkaja, die große russische Autorin drückt in ihrem Geleitwort ihr Erstaunen und ihre Freude über dieses Buch aus. Sie sagt es ist ein „Frauenbuch“. Aber sie meint es in Übereinstimmung mit der Autorin: Es ist eine starke Stimme aus weiblicher Feder, ein Blick auf ein starkes, für mich sehr fremdes Frauenleben. Und wie der Titel bereits andeutet: Suleika öffnet nicht nur symbolisch die Augen, Sie beginnt tatsächlich immer mehr zu sehen und wahrzunehmen. Es ist die Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau hin zu einer reifen Persönlichkeit.

Gusel Jachinas Roman spielt ab 1929 in der Sowjetunion, genauer in Tatarstan, zunächst in einem kleinen Dorf namens Julbasch in der Nähe der Stadt Kasan. Dort lebt die 30-jährige Suleika mit ihrem Ehemann und der unerbittlichen Schwiegermutter. Im Alter von fünfzehn Jahren hatte man sie verheiratet. Sie hat bereits vier Töchter geboren, doch jede starb kurz nach der Geburt. Sie führt ein hartes Arbeitsleben, was kein persönliches Glück vorsieht, steht dem wesentlich älteren Mann und dessen fordernder Mutter zu Diensten. Rechte hat sie keine.

„Suleika öffnet die Augen“ ist der passende Titel für diesen Roman, denn es ist eine weibliche Entwicklungsgeschichte. Mag man zunächst annehmen, dieses Schicksal könnte schlimmer nicht sein, kommt es aber doch noch härter. Im Zuge der „Entkulakisierung“, der Bauern mit Eigentum, verliert Matusa, Suleikas Ehemann, Haus und Hof und schließlich sein Leben. Suleika wird nach Sibirien verbannt, zur Mithilfe beim Aufbau einer vorbildlichen Arbeiter-Siedlung, zur Zwangsarbeit. Allein die Reise, (in den Innendeckeln des Buches kann man den Weg anhand einer Karte verfolgen) die Suleika mit anderen Kulaken und Regimefeinden antritt, dauert Monate und kostet viele Menschenleben. Auf dieser Reise bemerkt Suleika, dass sie schwanger ist.

Suleika ist Muslimin, glaubt aber ebenso an die Naturgötter, die in den Wäldern hausen. Die Verbindung zu diesen kommt ihr vermutlich in der neuen „Siedlung“ zu gute. Die kleine Gemeinschaft unter der Führung des Offiziers, der auch Suleikas Mann tötete, überlebt mit Mühe den ersten Winter. Suleikas Sohn wird geboren, mithilfe eines Arztes, der ebenfalls zu der Gruppe der Verbannten gehört. Dieser wird schließlich auch Vertrauter in Suleikas Leben. Es dauert Jahre, bis die Siedlung zum Dorf wird, in dem es sich einigermaßen gut leben lässt. Suleika arbeitet zunächst als Köchin, später entdeckt sie ihr Talent fürs Jagen. Trotz vieler Entbehrungen und harter Arbeit erlebt sie diese Zeit mehr und mehr als bereichernd, vor allem, weil ihr Sohn wächst und gedeiht und eben nicht stirbt, wie die Töchter. Zwischen ihr und  Ignatow, dem Offizier, entsteht eine gewisse Anziehung, die beide zunächst nicht akzeptieren …

 

Jachina hat ein Händchen für die Beschreibung der Charaktere in ihrer ungewöhnlichen Geschichte. Alles wird unter ihrem Blick lebendig, leuchtende, starke Bilder entstehen beim Lesen. Ich staune über die Kraft, die dieser Roman ausstrahlt. Vielleicht wird Gusel Jachina beim Schreiben auch von den Naturgöttern unterstützt …
Ich jedenfalls wünsche ihr mehr und mehr Leserinnen. Es ist ein ganz und gar bewegendes Debüt.

Der Roman „Suleika öffnet die Augen“ erschien im Aufbau Verlag in der auch von der Autorin gelobten Übersetzung von Helmut Ettinger aus dem Russischen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Moyshe Kulbak: Montag Ein kleiner Roman Edition fotoTAPETA

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Eine große Entdeckung ist dieses schmale blaue Buch aus dem Programm des vorwiegend nach Osten ausgerichteten Verlags Edition fotoTAPETA mit Sitz in Berlin. „Ein kleiner Roman“ heißt der Untertitel des Buches und er ist in der Tat kurz, aber enorm gewichtig. Ich befinde mich gerade selbst aus unerfindlichen Gründen in Lese-Richtung nach Osteuropa, Russland ehemals Sowjetunion und freue mich über dieses schöne, schöne Buch. Es erschien erstmals 1926 und erzählt anhand des jüdischen Hebräischlehrers Mordkhe Markus von der Zeit der Revolutionen in Russland 1917 und der Situation der Juden in dieser Zeit. Und er trifft mit seiner lyrischen zugleich expressionistischen Sprache einen ganz besonderen eindringlichen Ton.

So folgen beispielsweise, wie in der Lyrik oft der Fall, Attribute oder Adjektive dem Substantiv, oft doppelt, was eine merkwürdige Intensivierung entstehen lässt.

„Kleine Einheiten von Soldaten, grauen, gingen von Zeit zu Zeit mit revolutionärem Schritt vorbei, hinab zu ihren Kasernen.“

Zum anderen gibt es auffällig viele Diminuitive (wie ich sie mitunter von den großen russischen Dichtern, etwa Gogol, kenne), was aber hier in den Zusammenhängen alles andere als verniedlichend wirkt.

„Eine Granate seufzte lang und fiel ins Flüsschen. Mit einem Mal explodierte sie dort, wie eine abgefeuerte Rakete, und atmete unter Wasser mühevoll weiter.
Das hölzerne Brückchen erhob sich, und seine Einzelteile stoben über die Felder.“

Manchmal hört sich Kulbaks Sprache dabei an, als würde er einem Kind ein Märchen erzählen. So einfach, so bildreich, so säuselnd. Und steht damit stark im Kontrast zum Erzählten. In dieser Spannung zwischen Sprachgestaltung und Inhalt entfacht er eine starke Wirkung auf den Leser. Ich bin davon sehr beeindruckt. Es ist ein großer Sprachgenuss!
Dabei stellt er noch ganz nebenbei die wichtigsten Fragen der Menschheit. So gibt es dann beispielsweise ein ganzes Kapitel lang einen Monolog über philosophische Fragen über das Sein, das Existieren, die Erkenntnis und Markus alias Kulbak hat kluge Ideen dazu.

„Weil Sein heißt: Sich selbst in der Welt zu erkennen, und Erkennen heißt: sich der Realität stellen, aber Kampf ist gerade das Selbstverschließen, die Spaltung, die Aktivität von etwas gegen etwas. Und weil der Verstand ein Mittel des Menschen im Kampf ist, ist er kein Mittel für die Erkenntnis;“

Bei einem Blick auf die Biografie von Moyshe Kulbak stellt man fest, dass er selbst auch Lehrer war, dass ihm Wissensaneignung und Wissensvermittlung ausgesprochen wichtig war. Kulbak wurde in Vilnius 1896 geboren, ging als Lehrer nach Minsk und später auch für kurze Zeit nach Berlin, wo er im Romanischen Cafe auch auf Elke Lasker-Schüler traf. Zurück in Minsk widmete er sich ausschließlich dem Schreiben von Romanen und Lyrik und war in der jiddischen Literatur sehr bekannt. Bereits 1937 starb er durch die Hand des Regimes. Man warf ihm vor nicht sozialismuskonform zu schreiben.

Ähnlich wie Kulbak ist der Held Markus zerrissen zwischen der „alten“ Ordnung und der neuen Welt. Wie kann Religion einher gehen mit der kommunistischen Ideologie? Viele der neuen Ideen gefielen ihm, doch eben nicht alle. Wo blieb Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Für die vielen Juden, die zu seiner Zeit in Russland lebten gab es diese Ideale bald schon nicht mehr. Immer wieder kam es während der Revolutionen auch zu antisemitischen Progromen. Im Roman wird Markus schließlich so etwas wie ein Messias der Armenleute, die, die immer Montags durch die Viertel zogen und um Almosen baten. Ein langes Leben war ihm damit nicht beschieden …

„Die Armenleute standen unten auf dem Gässchen und weinten. Tränen eines wohligen Schmerzes ergossen sich in ihre Bärte. Es war, so zeigte es sich, wirklich Montag, der Tag der Erlösung.“

Sophie Lichtenstein, die das Werk aus dem Jiddischen übersetzte, hat dem Roman ein aufschlussreiches Nachwort angefügt, in dem sie über die Biografie des Autors schreibt und über die Entstehung seines Werkes. Die verwendeten jiddischen Wörter werden im Anhang erläutert. Das Buch erschien in der Edition fotoTAPETA zum achtzigsten Todestag des Autors. Ich kann Buch und Verlag sehr sehr empfehlen – sehr außergewöhnlich! Ein Leuchten!
Und als Lyrikerin freue ich mich sehr auf den im Herbst erscheinenden Gedichtband von Moyshe Kulbak.