Indiebookday 26. März – Meine Entdeckungen aus unabhängigen Verlagen

Alle Jahre wieder: Heute ist Indiebookday!

Ich habe ein Faible für die unabhängigen Verlage, weil sie große Arbeit leisten und häufig zu ungeahnten Entdeckungen und feiner Lesefreude führen! Am besten ist es, solche Schätze auch in unabhängigen Buchläden zu kaufen … dazu gibt es den Indiebookday!
Hier sind meine diesjährigen Empfehlungen: Dabei sind: Romane, Gedichtbände, Künstlerbücher, eine Graphic Novel, ein Krimi. Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Durch klicken auf die Bilder findet sich der Link zu meiner jeweiligen Besprechung. Viel Spaß beim Stöbern!

Weitere Indiebuch-Tipps aus den letzten Jahren gibt es hier:

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Meine Liebsten im Jahr 2021 – Teil 1: Roman, Debüt, Erzählung, Buchkunst, Hörbuch

Mein literarischer Jahresrückblick: Es war ein gutes Lesejahr, immerhin …
Mit Überraschungen, wie beispielsweise gleich drei starken Debüts aus dem hohen Norden. Mit wunderbaren Hörbuchstimmen. Und zauberhafter Lyrik. Mit faszinierenden Romanen aus aller Welt und einer deutschen Buchpreisträgerin. Aus unabhängigen und Publikumsverlagen. Von Autoren und Autorinnen, wobei in diesem Jahr die weiblichen Stimmen stark überwiegen, ohne dass ich es bewusst so gewählt hätte.
Ein Überblick über meine diesjährigen Highlights in der Literatur: Mit Klick auf das Bild kommt man zum Blogbeitrag. Teil 2 mit liebsten Lyrikbänden folgt. Viel Freude beim Entdecken!

Romane:

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Romandebüts:

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Erzählungen & Buchkunst:

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Das Haus im Roman – Geschichten, in denen Gebäude eine tragende Rolle spielen

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Ich las gerade den neuen Roman „Das Gartenzimmer“ von Andreas Schäfer, in dem es um einen jungen Architekten geht, der gleich anfangs seiner Laufbahn, Anfang des 20. Jahrhunderts, ein ungewöhnliches privates Hausprojekt in Berlin verwirklicht. Ganz überzeugt hat er mich nicht. Beim Lesen wurde mir jedoch klar, dass ich so einige gelungene Romane kenne, in denen ein Haus eine ganz bedeutende Rolle spielt. Als ich recherchierte, waren es dann so viele, dass dieser Blogbeitrag entstand. Denn faszinierend ist es schon, zu erleben, wie ein Gebäude einwirkt auf die Menschen, die es bewohnen, wie es sich im Laufe der Zeitgeschichte entwickelt, was es durch die Jahrzehnte alles er- oder überlebt. Häuser könnten Geschichten erzählen. Gut, dass manche Autoren das als Anlass nehmen, sie als Hauptprotagonisten auszuwählen. Viel Freude beim Stöbern!


Hans Pleschinskis Roman „Wiesenstein“ erzählt von Gerhart Hauptmanns Wohnsitz in Agnetendorf, Schlesien, wohin er sich gegen Ende des zweiten Weltkriegs mit seiner Frau nach der Flucht aus dem zerbombten Dresden zurückzog. In für Kriegszeiten großem Luxus lebte und schrieb der über 80-jährige hier. Bevor er es nach Kriegsende verlassen musste, starb er dort am 6. Juni 1946.

Hans Joachim Schädlichs Roman  „Die Villa“ erzählt in gewohnt dichter Art die Geschichte einer Villa im Vogtland, anhand einer aufstrebenden Kaufmannsfamilie, in der Zeit des erwachenden Nationalsozialismus bis in die Anfangszeit der DDR.

Andreas Schäfer erzählt in „Das Gartenzimmer“ die Geschichte eines architektonisch ungewöhnlichen Hauses in einer Berliner Villengegend, von einem jungen Architekten erbaut und dessen „Werdegang“ im Laufe der Zeit von der Planung 1908 bis ins Jahr 2013.

Christophe Boltanskis Buch „Das Versteck“ erzählt von einem Haus in Paris in der Rue de Grenelle, in dem sich die Wohnung der Familie Boltanski befindet, eine Wohnung unterteilt in viele Räume, verteilt auf zwei Stockwerke; in einem Raum das Versteck. Boltanski gliedert diese autobiografische Geschichte nicht chronologisch, sondern in Kapitel, die jeweils nach einem Zimmer des Hauses benannt sind. Es ist die Geschichte des Überlebens in Zeiten des zweiten Weltkrieg, in Zeiten der deutschen Besatzung von Frankreich.

In Andreas Maiers autobiographischem Romanzyklus „Ortsumgehung“ spielt in einem Band namens „Das Haus“ das Grundstück der Eltern und das darauf gebaute Haus eine große Rolle. Es sind die 70er und 80er Jahre in der hessischen Provinz, in der Wetterau.

In Juliana Kálnays Debütroman „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ lesen wir von einem ungewöhnlichen Mietshaus mit seinen teils sehr skurrilen Bewohnern. Hier geht es nicht immer mit rechten Dingen zu, doch letztendlich halten die Nachbarn zusammen.

Der Roman des Norwegers Johan Harstad „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ ist ein unglaublich faszinierendes Buch. Auf über 1000 Seiten geht es nicht nur, aber auch um ein sehr spezielles Mietshaus in New York, dass real existiert: Das damals mondäne 1908 im Renaissance-Stil erbaute Apthorpe Building auf der Upper West Side von Manhattan wird für die Freunde Max, Mischa, Mordecai und Onkel Owen für lange Zeit ein Zuhause, bis die Wohnungen verkauft werden und die Mieten ins Endlose steigen.

In Alain Sulzers letzten Roman steht ein alteingesessenes renommiertes Kaufhaus in einer Schweizer Stadt im Mittelpunkt. „Unhaltbare Zustände“ treten für den langjährigen Schaufensterdekorateur ein, der sich als Künstler versteht und der sich nicht mit den Veränderungen und Modernisierungen der Zeit abfinden kann. Als ein neuer, junger Mann als Gestalter eingestellt wird, fürchtet er um seine Stelle und kämpft mit ungewöhnlichen Mitteln bis es zum Showdown im Schaufenster kommt.

Holger Siemanns Roman „Das Weiszheithaus“ geht es um ein Mietshaus in Berlin in der Kopenhagener Straße im Prenzlauer Berg. Der Erbe des Hauses entdeckt auf dem Dachboden Dokumente, die die Geschichte des Hauses wiederspiegeln. Anhand der Besitzer und Mieter wird in Rückblenden erzählt, es beginnt im 19. Jahrhundert und endet im Jahr 2011. Es ist ein höchst interessantes zeitgeschichtliches Dokument, gerade auch über die DDR-Zeit. Eine genaue Besprechung dazu gibt es bei meiner Bloggerkollegin vom Blog Zeichen & Zeiten, denn ich habe es immer noch nicht geschafft, die über 700 Seiten  zu lesen.

Erwähnt werden sollen noch zwei sehr spezielle hochkomplexe Romane zum Thema:

Mark Z. Danielewski mit seinem Roman „Das Haus“. Ein vielschichtiges Werk mit an die 800 Seiten und jede Menge Fußnoten. Ein neu bezogenes Haus erweist sich als unzuverlässig. In seinen Tiefen scheinen sich unendlich viele Räume und Gänge zu befinden, aus denen man kaum zurückfindet. Ein Irrgarten – auch für die Leser.

Und natürlich als Klassiker George Perecs monumentaler Roman „Das Leben. Gebrauchsanweisung“. Dieses knapp 900 Seiten umfassende Werk ist in 99 Kapitel aufgeteilt, in denen die Räume eines Hauses in Paris und seine Bewohner mit Teilen ihrer Lebensgeschichte beschrieben werden. Es ist einer der vielen Klassiker, die bei mir im Regal stehen und noch aufs Gelesenwerden warten. Meine längst vergriffene Ausgabe ist noch von Zweitausendeins. Lieferbar ist der Roman beim Diaphanes Verlag, der alle Titel des Surrealisten und Oulipo-Künstlers verlegt.

Vermutlich habe ich noch sehr viele Romane übersehen – mir fällt gerade noch Thomas Manns „Zauberberg“ ein. Vielleicht habt ihr noch Ergänzungen?

 

 

Die dunkle Nacht der Seele – Psychische Erkrankungen in Roman und Lyrik

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Wenn ich so meine Besprechungen der letzten 5 Jahre überblicke, finde ich immer wieder das Thema Psyche: Depressionen/Psychische Erkrankungen/Psychiatrie. Mich interessieren diese Themen brennend. Vor allem dann, wenn es Autor*innen gelingt, aus oft autobiographischem Inhalt wirklich gute Literatur zu machen. Deshalb heute, nach „Kunst im Buch“, ein Beitrag über die Psyche. Sowohl in Prosa als auch in der Lyrik habe ich Hervorragendes gelesen. Durch Klick auf das jeweilige Foto gehts zur Besprechung.

Depression

Allen voran der große amerikanische Autor David Foster Wallace, der in seinem frühen Text über seine beginnenden Depressionen als „die üble Sache“ schreibt. David Vann, der in seinem neuesten Roman sehr anschaulich über die Depression seines Vaters schreibt. Connie Palmen, die aus der Sicht Ted Hughes auf Depression und Suizid Sylvia Plaths blickt. Die Sprachzauberin Merethe Lindstrøm, die über Depressionen in Familienkonstellationen schreibt und zuletzt gelesen und aktuell ganz neu: Benjamin Maacks sehr persönliches Buch über die eigenen Depressionen.

andere psychische Erkrankungen

Nancy Hünger schreibt sich mit ihren Gedichten ausdrucksstark in den Selbstverlust einer Frau ein. Die Amerikanerin Julia Cohen schreibt in poetischer Form außergewöhnlich über die eigene (oder die des lyrischen Ichs) Psychotherapie. Akwaeke Emezi erzählt den abgründigen Weg einer seit der Kindheit traumatisierten jungen Frau. Der Lyriker und Romanautor John Burnside schreibt umfassend über eine ganz und gar labile Persönlichkeit. Und der Finne Juha Hurme lässt sich mit seinem „ver-rückten“ Romanhelden durch die Abteilungen einer psychiatrischen Klinik treiben.

Psychiatrie und Psychoanalyse, wie sie einmal war und zum Glück nicht mehr ist

Hier begleiten wir die wohl erste investigative Journalistin der USA, Nelly Bly, die sich 1887 für ihre Recherche freiwillig für 10 Tage ins „Irrenhaus“ einweisen ließ. Die großartige Lyrikerin Christine Lavant lebte nach einem Suizidversuch für 6 Wochen in der „Landes-Irrenanstalt“ Klagenfurt und schrieb 1946, 11 Jahre später, über diese Zeit als 20-jährige. Auf der finnischen Schäreninsel Själö befand sich eine Nervenheilanstalt. Johanna Holmström erzählt aus dem Leben zweier Frauen, die dort 1891 und 1931 eingeliefert wurden. Katharina Adler schreibt in ihrem Roman über ihre Urgroßmutter, die auf der Couch Sigmund Freuds lag und unter dem Namen „Dora“ als Hysterie-Patientin bekannt wurde. Und die Norwegerin Amalie Skram erzählt von einer Malerin, die unter der Doppelbelastung Familie/Künstlerin einen Zusammenbruch erleidet und 1894 von ihrem Mann in die Psychiatrie eingeliefert wird.

Alle diese Bücher sind auch ohne den speziellen Fokus Psyche uneingeschränkt zu empfehlen. Über weitere Tipps zum Thema würde ich mich freuen.

 

 

2019: Meine 10 liebsten Romane, meine 5 liebsten Lyrikbände und 1 hervorragendes Buchkunstwerk

Meine liebsten 10 Romane sind diesmal schwer norwegenlastig. Das hat sicher mit dem Buchmessegastland zu tun, aber auch mit meiner schon eine ganze Weile andauernden Bewunderung der norwegischen Literatur. Da ist in diesem Jahr ganz vorne Johan Harstad mit seinem 1000-Seiter, Jan Kjærstad  und Hanne Ørstavik. Und Jon Fosse, meine große Liebe, sowieso. Da ist aber auch Siri Hustvedt (auch mit norwegischen Wurzeln) mit einem autobiografischen Roman und ein wundervolles, sprachspielerisches Debüt von Ana Marwan. Da sind Laura Freundenthaler und Hendrik Otremba mit ungewöhnlichen, einzigartigen Stimmen. Da ist Christiane Neudecker, die mich mit ihrem neuen Roman überrascht und nicht losgelassen hat. Und Radka Denemarkova, die einen wirklich feministischen, sprachlich großartigen Roman geschrieben hat. Alle 10 empfehle ich uneingeschränkt. Sie leuchten!

Der Link zu meiner ausführlichen Besprechung findet sich beim Anklicken des Fotos.

Und nun zu den Lyrikbänden: Sie kommen allesamt aus unabhängigen, höchst engagierten Verlagen, die sich ausgiebig für Lyrik einsetzen. Etwas, das die großen Verlage kaum mehr tun, was ich ziemlich bedauerlich finde.
Meine Lieblinge kommen aus Island aus dem Elif Verlag, aus Georgien aus der Edition Monhardt, aus Norwegen aus der Edition Rugerup. Ein fein gestalteter Band mit Venediggedichten kommt aus dem Verlagshaus Berlin und ein erstaunliches Debüt aus dem Literaturverlag Droschl.

Das hervorragende Buchkunstwerk kommt aus dem Kleinheinrich Verlag. Ein Verlag, der mich immer wieder lockt mit seinen Lyrikbänden und/oder nordischen Autoren.

Das Buch „Kindheitsszenen“ habe ich mir zu Weihnachten geschenkt, nachdem ich bereits die Gedichte von Jon Fosse „Diese unerklärliche Stille“ ebenfalls aus dem Kleinheinrich Verlag in ähnlich schöner Aufmachung mein eigen nenne. Der Band wurde übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel und mit Holzschnitten von Olav Christopher Jenssen bereichert. Ein Traum! Eine ausführliche Besprechung folgt.

Viel Vergnügen mit meinen Besten aus 2019!

Der Traum in uns – Norwegen als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 #1


Norwegen als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 ist mir eine besondere Freude. Deshalb gibt es einen dreiteiligen Beitrag hier auf dem Blog. Seit ich vor vielen Jahren durch Norwegens Berge, an seiner Küste, seinen Fjorden und über seine Wasser fuhr und mich an diesen so satten Farben, dieser so unglaublich schönen Landschaft nährte, ist es für mich ein Sehnsuchtsland geblieben. Eine echte Reise ist zur Zeit nicht möglich, aber in und mit Literatur reisen ist ja fast genau so schön.

Viel später, etwa zu der Zeit, als ich mit meinem Blog begann, fielen mir Gedichte zu, Gedichte, die mich innigst berührten. Es waren Gedichte von Olaf H. Hauge. Gleichzeitig lernte ich damals den Übersetzer seiner Gedichte ins Deutsche kennen, Klaus Anders, der noch einiges mehr an norwegischer Lyrik mit seinem – er ist selbst Lyriker – Gespür für Sprache übertrug. Mein Beitrag zu Hauges beiden Büchern aus der Edition Rugerup erschien deshalb auch schon 2015 und umso überraschender war es nun, dass eine Zeile eines seiner Gedichte „Der Traum in uns“ als Leitwort für die Buchmesse 2019 ausgewählt wurde.

Det er den draumen

Det er den draumen me ber på
at noko vedunderleg skal skje,
at det må skje —
at tidi skal opna seg
at hjarta skal opna seg
at dører skal opna seg
at berget skal opna seg
at kjeldor skal springa —
at draumen skal opna seg,
at me ei morgonstund skal glida inn
på ein våg me ikkje har visst um.

(Olav H. Hauge, Dropar i austavind, Noregs boklag 1966)

Das ist der Traum

Das ist der Traum, den wir tragen,
daß etwas Wunderbares geschieht,
geschehen muß —
daß die Zeit sich öffnet,
daß das Herz sich öffnet,
daß Türen sich öffnen,
daß der Berg sich öffnet,
daß Quellen springen —
daß der Traum sich öffnet,
daß wir in einer Morgenstunde gleiten
in eine Bucht, um die wir nicht
wußten.

(Olav H. Hauge, Gesammelte Gedichte,
Edition Rugerup 2012)
Übersetzung des Gedichts ins Deutsche von
Klaus Anders.

Schon lange zuvor, noch in meinen Zeiten als Buchhändlerin waren mir Autoren wie Per Petterson, Lars Saabye Christensen, Erik Fosnes Hansen, Ketil Bjørnstad und Jon Fosse bekannt. An kaum einem ihrer Romane kam ich vorbei. Inzwischen sind wunderbare neue Namen dazu gekommen, allen voran Tomas Espedal, einer meiner Herzensautoren. Keines seiner von Hinrich Schmidt-Henkels ins Deutsche übertragenen Bücher konnte ich auslassen. Seine Sprache, so wunderbar vom genialen Schmidt-Henkels übertragen, ist mir zum Bedürfnis geworden. Dazu kamen desweiteren Merethe Lindstrøm, Hanne Ørstavik, Jan Kjaerstad und zu Zeiten auch Karl-Ove Knausgårds autobiografische monumentale Reihe „Min Kamp“.

Ich werde einige dieser Bücher, die ich teilweise hier auch bereits schon ausführlich besprochen habe, in meinen nächsten beiden Beiträgen vorstellen und zum besseren Überblick trenne ich hier Lyrik und Prosa.

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Ganz am Anfang stand aber, vor Jahrzehnten gelesen und vielleicht schon fast ein Klassiker, Jostein Gaarders „Sophies Welt“, der einem jungen Menschen wirklich Philosophie nahe bringen kann.
Ein echter Klassiker, der mich mit seiner Geschichte um einen mittellosen, hungernden Schriftsteller, die eindringlich ans Existenzielle geht, faszinierte, ist Knut Hamsuns „Hunger“. Dieses Buch ist aktuell auch als Graphic Novel im Avant Verlag erschienen und glänzt mit seinen ausdrucksstarken Illustrationen von Martin Ernstsen. Aus dem Norwegischen übersetzte Ina Kronenberger. Mehr über das Buch hier und in einem der nächsten Beiträge.

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Interessant scheint mir diese neue Anthologie mit so namhaften Autoren wie Tomas Espedal, Dag Solstad, Siri Hustvedt, Karl Ove Knausgård, Helga Flatland und mit Übersetzungen von Hinrich Schmidt-Henkels, Gabriele Haefs, Elke Ranzinger u.v.m. Der Band mit Erzählungen über Norwegen als Heimat wurde herausgegeben von der Kronprinzessin Mette-Marit. Sicher ein guter Einstieg in die Landesliteratur. Mehr über das Buch hier und in einem meiner nächsten Beiträge.

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Außerdem gibt es eine Seltenheit auf meinem Blog, denn ich bespreche nur wenige Sachbücher. Doch der Band „Einer von uns“ von Åsne Seierstad, der über die ganz Norwegen traumatisierenden Ereignisse des Terroranschlag vom 22.7.2011 von Anders Breivik berichtet, war mir wichtig. Die Lektüre war nicht immer leicht. Doch die Journalistin Seierstad hat wirklich genauestens recherchiert und ein sehr starkes Buch daraus gemacht. Meine ausführliche Besprechung gibt es hier.

Weitere Sachbücher aus Norwegen findet man auf dem Blog „Elementares Lesen“.

Viel Freude bei der Entdeckung der norwegischen Literatur!

Saša Stanišić: Herkunft Der Hörverlag

Dass ich Saša Stanišićs neues Buch „Herkunft“ als Hörbuch auswählte war klar. Denn seine Texte sind von ihm selbst gelesen einfach ein großer Genuss und eine Freude,.

„Dreißig Jahre später, im März 2008, musste ich zum Erlangen der deutschen Staatsbürgerschaft unter anderem einen handgeschriebenen Lebenslauf bei der Ausländerbehörde einreichen. Riesenstreß! Beim ersten Versuch brachte ich nichts
zu Papier, außer dass ich am 7. März 1978 geboren worden war. Es kam mir vor, als sei danach nichts mehr gekommen, als sei meine Biografie von der Drina weggespült worden.“

Er beginnt seine Erzählung mit der Großmutter, die in ihrem Heimatort auf der Straße nach sich selbst ruft, nach dem Mädchen, dass sie einmal war. Die Großmutter wird dement, vergisst viel, vergisst aber nicht, ihren Enkel beim Besuch oder am Telefon wie früher liebevoll „Esel“ zu nennen. Immer wieder kehrt die Geschichte an den Ort der Großmutter zurück, in das Dorf Oskoruša, in dem noch traditionelle mythische Überlieferungen erzählt werden, wie etwa die vom Drachen. Damit löste sich auch meine Frage, weshalb auf dem Cover ein eher chinesisch anmutender Drache abgebildet ist.

Die Familie lebt dann in Višegrad, einer Stadt an der Drina. Vater und Mutter haben eine gute Arbeit. Die Mutter hatte sogar studiert. Doch sie trägt einen Namen, der nach Muslima klingt und als es zu ersten Verfolgungen und Kriegshandlungen im zerfallenden Jugoslawien kommt, flieht sie mit dem Sohn nach Deutschland. Die Familie folgt später nach.

Wenn Stanišić über die Erfahrungen seiner Zeit als Flüchtlingskind erzählt, zunächst allein mit der Mutter in Heidelberg, dann mit der ganzen Familie in einer Flüchtlingssiedlung auf engstem Raum mit vielen anderen Nationen, wird sehr deutlich, was es heißt, fremd zu sein. Dass er das alles auf seine verschmitzte, heitere Art erzählt, verbirgt nicht die Traurigkeit, die auch darunter lag und auch die Scham. Scham, ein „Jugo“ zu sein, über die prekären Verhältnisse, in denen die Familie lebt, da die Eltern nicht in ihren ursprünglichen Berufen, sondern als Hilfskräfte ihr Geld verdienen müssen. Für ihn wird es einfacher, er lernt schneller Deutsch, er wird schneller integriert. Die Schulklasse, die vorrangig aus nichtdeutschen Kindern besteht, prägt diese Zeit positiv.

aus Kapitel: Die Häkchen im Namen

„Allerdings kommt man auch bei der 20. Wohnungsbesichtigung nicht auf die Shortlist, dann wird aus Saša schon mal Sascha mit sch. Es klappt dann zwar auch nicht, aber jetzt liegt es wenigstens am Beruf.“

Stanišić springt in der Zeit hin und her, es ist nicht seine Art chronologisch zu erzählen. Mir scheint es dadurch als eine sehr persönliche, zugewandte Art zu erzählen. Beinah wie ein Zwiegespräch …
Sehr besonders, dass er zwei im Text vorkommende Lieder des Vereins der Jugoslawien-Freunde vorsingt (das hat man im Buch nicht!), Lieder, die er aus der Kindheit kennt, und die heute wieder vermehrt Anklang finden bei all jenen, die sich in die Tito-Zeit zurück sehnen und die vermeintlich besseren Zeiten wieder herauf beschwören und den Nationalstolz feiern.

Wenn Stanišić von seiner Großmutter erzählt, die erst langsam, dann sehr schnell in die Demenz gleitet, ist es berührend zuzuhören …

„Welcher Tag ist heute, Oma?“, frage ich und meine Großmutter sagt, „Alle Tage.“

… oder witzig, wenn er von seinem ersten Verliebtsein in der Schulzeit erzählt, das sich, ob der zunächst geringen Sprachkenntnisse nicht ganz so einfach gestaltet. Und sogar der Bericht über ein Fussballspiel von Roter Stern Belgrad, dessen Fans er und sein Vater waren, fesselt mich in seiner Art, obwohl ich eigentlich Fussball nichts abgewinnen kann. Stanišić ist ein magischer Geschichtenerzähler!

Ob lesen oder hören, „Herkunft“ lohnt sich. Das Hörbuch erschien bei Der Hörverlag. Es liest der Autor selbst. Die Hörfassung ist leicht gekürzt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine Hörprobe gibt es hier: https://www.youtube.com/watch?v=rJegzFqo76A

Eine feine, sehr tiefgehende Besprechung des Buches findet man auf dem Blog LiteraturReich.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Leipziger Buchmesse 2019: Gastland Tschechien

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Die Leipziger Buchmesse wendet sich bei der Suche nach einem Gastland häufig nach Osteuropa, was mir sehr gefällt. Ich finde es ganz wunderbar als Anregung ein Land literarisch zu bereisen. Nach Rumänien ist es nun Tschechien, das mit überraschenden Autor/innen und deren Übersetzungen aufwartet. Es gibt einiges zu entdecken.

Recht bekannt ist der Autor Jaroslav Rudiš, der in diesem Frühjahr seinen neuen Roman „Winterbergs letzte Reise“ veröffentlicht hat. Es ist das erste Buch, dass der 1972 in Turnov geborene Autor in Deutsch verfasst hat und ist der letzten „Überfahrt“ gewidmet, ist eine besondere Art Roadmovie. Er ist damit nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Eine ausführliche Besprechung dazu folgt.


Große Entdeckungen sind für mich die beiden Autorinnen Radka Denemarková, die in ihrem neuen Roman das Thema Vergewaltigung in intensiver, ungewöhnlicher Weise beleuchtet, und Tereza Semotamová, deren Roman im Schrank spielt, den die Hauptfigur sich als neuen Wohnsitz auserkoren hat. In Bälde werde ich die beiden neuen Romane „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ aus dem Hoffmann & Campe Verlag und „Im Schrank“, erschienen bei Voland & Quist, noch ausführlich auf dem Blog vorstellen.
Ebenfalls beachtenswert ist die Literatur von Kateřina Tučková, deren neuer Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“  (Klak Verlag) in die deutsch-tschechische Geschichte eintaucht (weitere Titel siehe Foto unten) und Marek Šindelkas psychedelisch-experimenteller Roman „Der Fehler“, erschienen im Residenz Verlag.


In der Lyrik fiel mir vor allem Jan Skácel mit seinem im Wallstein Verlag erschienenen Sammelband „Für alle die im Herzen barfuß sind“ auf und im kleinen Verlag Edition Korrespondenzen Ivan Blatnys starke Gedichte, die meist in einer psychiatrischen Klinik  in England geschrieben wurden und die es zu entdecken gilt. „Alte Wohnsitze“ und „Hilfsschule Bixley“ heißen die beiden lieferbaren Bände.


Die in Prag geborene, in Aachen lebende Lyrikerin Klara Hurkova schreibt und malt. Ihre Gedichte weiß ich zu schätzen. Eines davon, „Atlantis heute“, durfte ich für fixpoetry  für den poetryletter illustrieren. Klara schreibt auf Tschechisch und Deutsch, übersetzt, und ist Herausgeberin zweier tschechisch/deutscher Lyrikanthologien.

In der Edition Azur erscheint der Gedichtband „Irgendwohin nach Haus“ von Petr Hruška. Und im Klak-Verlag erscheint mit „Die Weltuhr“  Lyrik von Sylva Fischerová. Und auch im Wunderhorn Verlag gibt es wieder aus der Reihe VERSschmuggel eine Anthologie in lyrischer deutsch/tschechischer Zusammenarbeit.           

Weiterhin hat der kleine Lyrikverlag hochroth neue Bändchen von jungen tschechischen Lyriker/innen herausgegeben: „Geheimes Leben“ von Milan Děžinský, „Astronauten“ von Jan Těsnohlídek, „Porträts“ von Olga Stehlíková und „Ohne Option“ von Natálie Paterová. (siehe auch hochroth Verlag edition OstroVers).

Einen sehr umfassenden Überblick über die Neuerscheinungen bietet die offizielle Seite Leipzig 2019 Tschechien Ahoj: http://ahojleipzig2019.de/de

Meine 10 liebsten Romane 2018 und 2 lyrische Dreingaben

Meine 10 liebsten Romane …


Tatsächlich habe ich einen der besten Romane dieses Jahres erst vor einigen Tagen gelesen, aufgrund der Empfehlung von Alexander Weidel vom Secession Verlag für Literatur. „Kanada“ ist ein immens gutes Buch, ein Einklang von Sprache und Handlung, wie es sie selten mehr gibt. Ausführlich besprechen werde ich es im neuen Jahr.
Ebenso wie den Lyrikband „Elegische Momente“ von Muriel Pic. Auch hier bin ich von Idee und Sprache enorm begeistert. Eine Empfehlung vom Wallstein Verlag. Von beiden Verlagen haben es außerdem je 2 Titel auf meine Bestenliste geschafft.

Und 2 lyrische Dreingaben:

 

Ich stelle fest, dass ich, ohne es zu beabsichtigen, überwiegend Autorinnen mit ihren Romanen und Lyrikbänden favorisiere und ein Großteil aus Indie-Verlagen kommt. Außerdem lese ich mich kreuz und quer durch die Welt. Eine schöne Bilanz!

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Obige Bilder sind verlinkt, so dass man zur Buchbesprechung kommt.  Alle leuchten. Viel Vergnügen beim Lichtfang!

 

 

Stadt Land Buch 2018 Literatur aus den nordischen Ländern

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Vom 11.11. bis 16.11.18 sind die Nordischen Länder zu Gast bei StadtLandBuch in Berlin und Brandenburg. Hier gehts zum Programm: http://www.stadtlandbuch.de

Und hier einige meiner nordischen Favoriten: