Jon Fosse: Ich ist ein anderer Rowohlt Verlag

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„Je est un autre.“ Arthur Rimbaud

Der zweite Band „Ich ist ein anderer“ (nach obigem Zitat von Rimbaud) von Jon Fosses Heptalogie schließt nahtlos an Der andere Name an, genau wie die Coverbilder (siehe oben). Als großer Fosse-Fan habe ich schon darauf gewartet und wurde natürlich nicht enttäuscht. Fosses unverwechselbare Sprache klingt für mich immer wie Poesie und führt mich in eine ganz andere Welt.

Das Buch beginnt mit genau den gleichen Zeilen, wie der erste Band und endet auch wie dieser: mit einem Gebet. Überhaupt spielt die Religiosität, der Glaube an Gott, wieder eine große, vielleicht sogar eine noch größere Rolle als in Band I. Es gibt fast keine Satzzeichen. Die Geschichte liest sich wie ein einziger großer Bewusstseinsstrom und wird geprägt von den in einander übergehenden fließenden Zeitsprüngen. 
Wir begegnen wieder Asle, dem Maler, der in einem alten Bauernhaus auf dem Land mit Blick auf einen Fjord lebt. An diesem Wintertag schläft er besonders lang, denn er hat einen anstrengenden Tag in der Stadt Bergen verbracht (Fosse nennt sie Bjorgvin nach dem alten Namen). Auch sein kleiner Hund Brage schläft lang und beide wollen nicht in die winterkalte Küche, um Kaffee zu kochen. 

Bis der Nachbar in der Tür steht, mit dem er ein freundschaftliches Verhältnis hat. Es ist die Adventszeit und er will wie üblich ein Gemälde als Geschenk für seine Schwester aussuchen. Asle steht auf und er entschließt sich noch am selben Tag erneut nach Bjorgvin zu fahren, um seine fertigen Bilder in die Galerie Beyer zu bringen für die jährlich vor Weihnachten stattfindende Ausstellung. Während der langen Fahrt auf der schneeglatten Straße beginnt Asle sich zu erinnern. Er denkt an den Jungen, der er einmal war, der mit seiner Mutter nicht zurechtkam. An die Teenagerzeit, als er sich von seinem naturgetreuen Zeichnen trennt und Bilder malt, die keiner versteht, die eben nicht „schön“ sind. Es sind innere Bilder, die sich ihm aufdrängen und gemalt werden müssen, denn sonst wird der Kopf immer voller und wirrer. Oft spielt Erlebtes eine Rolle, wie etwa der tragische frühe Tod der kleinen Schwester.

“ …und jetzt, denkt er, will er keine Bilder nach Fotos malen, von Haus und Hof, ja jetzt will er die Bilder wegmalen, die in seinem Kopf sind, aber er will sie nicht so malen, wie er sie sieht in seinem Kopf drin, denn etwas wie ein Leiden, wie ein Schmerz knüpft sich an jedes einzelne Bild, denkt er, aber auch eine Art Frieden, ja auch das, …“

Er wechselt auf das Gymnasium im nächstgrößeren Ort, um später die Kunsthochschule besuchen zu können. Vorher stellt er seine Bilder im örtlichen Jugendklub aus und hat großes Glück, dass ihn sein späterer Galerist dort auf der Durchreise entdeckt und ihm einige Bilder abkauft. Asle ist sehr froh darüber, so früh von zu Hause ausziehen zu können. Doch der Unterricht ist nichts für ihn. Ängste verfolgen ihn. Durch einen befreundeten Maler (Asle, sein Alter Ego) erfährt er von der Möglichkeit als besonders Begabter sofort auf der Kunstschule aufgenommen zu werden. Tatsächlich gelingt es ihm. Als er sich in Bjorgvin ein Zimmer ansehen will, trifft er in einem Café auf Ales, die ihn in ihren Blick bannt, ihn schließlich selbstbewusst anspricht und beide stellen fest, dass sie wohl gemeinsam zur Kunsthochschule gehen werden …

Ales kennen wir bereits aus dem ersten Band. Sie ist Asles Frau, die gestorben ist und um die er immer noch trauert, wenngleich er noch immer eine ganz besondere Verbindung zu ihr hat. Oft scheint sie neben ihm im Sessel zu sitzen, wenn er an seinem angestammten Platz über den Fjord schaut oder den Rosenkranz nimmt, um zu beten. Die Nähe zu Gott und das Beten hat sie ihm nahe gebracht. Er, der lange Zeit dem Alkohol verfallen war, hat durch sie und den Glauben geschafft davon los zu kommen.

“ … und ein Bild muss geschehen, es muss von selber kommen, wie ein Geschehnis, wie ein Geschenk, ja ein gutes Bild ist ein Geschenk, oder eine Art Gebet, es ist sowohl Geschenk als auch ein Dankgebet, denke ich und ich hätte nie willentlich ein gutes Bild zustande bringen können, denn Kunst geschieht, Kunst ereignet sich, so ist es einfach, …“

Was neu ist, sind die Gedanken, die immer wieder aufkommen: Asle mag nicht mehr malen. Es scheint, als hätte er alles aus sich herausgemalt, was zu malen war. Noch sind diese Gedanken selten, nehmen jedoch immer mehr Raum ein. Vielleicht hat er das Alter erreicht, um damit aufzuhören? Doch was kommt dann?

Und immer wieder die besondere Sprache, dieser typische Fosse-Sound. Die ewigen Wiederholungen, litaneihaft, besonders in den wenigen Gesprächen die der Held führt. Wiederholen und bestätigen gegen die Wortkargheit. Gespräche fallen ihm schwer. Dafür erleben wir die reichen inneren Selbstgespräche, die Gedankenwelt, die Art an Dinge, etwa an das Malen, heran zu gehen, die vielleicht auch von der abgeschiedenen Lebensart herrühren, die der Held jedoch um keinen Preis aufgeben würde. Und ich kann ihn gut verstehen …
Fosses Buch zeugt wieder von einer tiefen Spiritualität und von der Hingabe an die Kunst, die vielleicht nur auf diese Weise entstehen kann: der Maler (oder die Künstlerin, Autorin) als Medium. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde wieder vom großen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel aus dem Norwegischen übertragen. Eine Leseprobe gibt es hier. Das Buch ist auch unabhängig vom ersten Teil gut lesbar. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein interessantes Interview mit dem Autor gibt es in de FAZ.

Weitere Bücher von Jon Fosse, die ich hier auf dem Blog besprochen habe:

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Stewart O`Nan: Ocean State Rowohlt Verlag

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Stewart O`Nans neuer Roman Ocean State fügt sich nahtlos in die Reihe seiner vorigen Romane ein. Er ist einer der großen US-amerikanischen Erzähler. Immer lesenwert, dabei unspektakulär, wechselnde Themen, fein konstruiert und kurzweilig erzählt. Ich habe in den letzten Jahren einige seiner Romane gelesen, zwei auch bereits auf dem Blog besprochen. Siehe unten.

Wir befinden uns in der Stadt Westerly, Rhode Island, USA. Die Geschichte dreht sich um einen Mord, der von einer 18jährigen Highschool-Schülerin begangen wird. O`Nan beginnt mit dem Treffen des jungen Liebespaares Birdy und Myles, die eigentlich beide mit einem anderen Partner zusammen sind. Was für Myles wohl nur ein Abenteuer ist, fühlt sich für Birdy wie die große Liebe an. Birdy, eigentlich Beatrix lebt bescheiden mit ihrer alleinerziehenden Mutter, von Myles erfährt man nur, dass er aus einem reicheren Elternhaus kommt. Seine Freundin Angel lebt mit ihrer Mutter Carol und ihrer 13jährigen Schwester Marie, aus deren Perspektive auch die meiste Zeit erzählt wird in einer schlechten Wohngegend. Der eintönige Alltag besteht aus Schule, Arbeit, fernsehen, durchbrochen von wenigen feierlichen Anlässen wie Halloween oder Weihnachten. Die Mutter, die regelmäßig trinkt, bringt immer wieder neue Männer mit, auch Angel ist viel unterwegs. Marie fühlt sich alleingelassen und nicht gesehen. Immer wieder wird sie zur Großmutter abgeschoben. Denn sie ist in der Familie die brave Tochter. Im Gegensatz zu Angel, die wohl öfter über die Stränge schlägt. Aus Frust isst sie zu viel, fühlt sich dabei minderwertig gegenüber ihrer hübschen Schwester Angel.

„Wir fürchteten Dramen, waren aber auch süchtig danach. Weil wir jung waren, hielten wir uns für stark. Wir dachten, wir wären abgehärtet. Wir wollten, dass das Schlimme schnell passierte, damit die schmerzlichen Augenblicke vorüber waren und wir unser normales, langweiliges Leben fortsetzen konnten.“

Der Autor schafft es über mehr als die Hälfte des Buches die Spannung zu steigern, bevor die Tat wirklich begangen wird. Geschickt geht er dabei vor und schildert gekonnt die einzelnen Charaktere, die Abhängigkeiten und die Unsicherheiten der Paare im Collegealter, aber auch die deren Eltern. Man erinnert sich dabei selbst an die eigene Zeit der ersten bedeutungsvollen Liebe und des furchtbaren Liebeskummers. Beim Lesen dachte ich dann oft, wie abgeklärt man die Geschichte jetzt im fortgeschrittenen Alter liest und sich wundert, wie ernst und tragisch das alles damals war, als die Gefühle Achterbahn fuhren.

O`Nan lässt uns Leser nicht erfahren, was und wie genau der Totschlag passiert, erzählt auch wenig über die Phase der Inhaftierung, außer, dass die Tat im Strandhaus von Myles Eltern geschah, welches auch der Treffpunkt der beiden Liebenden war. Die Täterin scheint nach Außen hin kühlen Kopf zu bewahren, so als wäre sie vollkommen unbeteiligt.

„Egal, ob es ein Unfall war oder nicht, sie weiß, dass sie Reue empfinden sollte, doch wenn sie ehrlich ist, muss sie zugeben, dass sie irgendwie wollte, dass das kleine Miststück tot ist. Irgendwas stimmt nicht mit ihr. In ihren schwächsten Momenten schließt sie ihre Tür ab, kniet sich wie ein Kind vors Bett und erfleht die Barmherzigkeit Gottes.“

Tatsächlich blieb mir aus meiner Sicht unerklärlich, wie man eine solche Tat, die in diesem Fall ja im Ansatz geplant war und dann aus dem Ruder lief, begehen kann. Aus beleidigtem Stolz? Aus Nervenkitzel? Was muss passieren, damit man soweit geht? Es erschließt sich mir nicht. Und das sagt auch Marie, die im abschließenden Kapitel rückblickend von den weiteren Geschehnissen und der Zukunft der Protagonisten erzählt. Sie ist die einzige, die weiter im Ort lebt, und als Lehrerin noch lange mit der Geschichte von Außen konfrontiert wird.  Einen Krimi sollte man nicht erwarten, aber eine spannend beleuchtete Milieustudie.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt hat wie immer Thomas Gunkel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Letteratura. Ein schönes Interview mit dem Autor gibt es hier.

Zwei weitere Romane des Autors habe ich hier besprochen. Auch „Die Chance“ empfehle ich sehr.

Stewart O`Nan: Stadt der Geheimnisse Rowohlt

Jonathan Franzen: Crossroads Rowohlt Verlag

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Jonathan Franzen hat mit seinem neuen Roman Crossroads wieder einen 800-Seiter geschrieben. Und ich muss sagen, ich mag solch dicke Bücher immer mehr. Denn hier ist tagelanges Eintauchen und Hineinversetzen möglich, hier ist Weltflucht möglich. Und da der Roman in den 70er Jahren spielt, ist der Inhalt weitab von unserer täglichen Realität, was mir sehr zupass kam. Auch gefallen hat mir, dass sich der komplette Inhalt um Religion, Familienstrukturen, um „Gut und Böse“ und moralisches Handeln, ums Menschlichsein dreht. Aus verschiedenen Richtungen und in all seinen Facetten beleuchtet er dieses Thema und bleibt dennoch sehr unterhaltsam. Das ganze ist auf drei Teile angelegt. Ich hätte am liebsten direkt weitergelesen. Franzen ist und bleibt einfach ein sehr guter Erzähler.

Fast der gesamte Roman spielt am Tag vor Heiligabend (1971) und dann in einem Sprung weiter an Ostern. Stimmig ist diese Anlage ausgerichtet auf kirchliche Feiertage durchaus, ist einer der Hauptprotagonisten doch Pfarrer. Wir begegnen den einzelnen Familienmitgliedern nach und nach in einzelnen Kapiteln, die sich dann teils ineinander verschlingen. Fast alle Protagonisten tragen sehr viele Selbstzweifel und Schuldgefühle in sich und können, zumindest anfangs, nicht aus ihrer Haut.

Da ist zunächst Russ Hildebrandt, Pfarrer der kleinen Vorstadtgemeinde New Prospect, Familienvater von vier Kindern und Ehemann von Marion. Er ist in einer Midlife-Crisis, seit längerem mit seiner Ehe und irgendwie auch mit seinem Beruf unzufrieden, vor allem seitdem ihm der jüngere Rick Ambrose als Leiter der Jugendgruppe „Crossroads“ den Rang abgelaufen hat. Er hat sich in die verwitwete, gerade zugezogene jüngere Frances Cottrell, verliebt, die nun an diesem Tag mit ihm als Gemeindehelferin Weihnachtsgeschenke an die ärmeren in einem vorwiegend schwarzen Stadtviertel, verteilen will. An diesem Tag ist ein Schneesturm angesagt und tatsächlich läuft alles anders als geplant, auch mit Frances.

Wir begegnen Perry, dem hochbegabten aber wenig gesellschaftsfähigen 15-Jährigen, den seine Familie anödet und der in allem unterfordert ist. Er ist derjenige, der sich am meisten im Denken und im Philosophieren bis an seine Grenzen verrennt.

„Also meine Frage ist wohl“, sagte er, „ob gute Werke wirklich um ihrer selbst willen getan werden können oder ob sie bewusst oder unbewusst, immer einem persönlichen Zweck dienen.“
Pfarrer Walsh und der Rabbi tauschten Blicke, in denen Perry freudige Überraschung ausmachte. Es verschaffte ihm Genugtuung, ihre Erwartungen an einen Fünfzehnjährigen auf den Kopf zu stellen.“

Er verstrickt sich schon als Teenager in kleine Drogengeschäfte, was in der Familie aber zunächst unentdeckt bleibt, weil vor allem jeder mit sich selbst zu tun hat. Um seine Schuldgefühle und seinen Groll gegen den Vater in den Griff zu kriegen und ein besserer Mensch zu werden, landet er bei den gruppentherapeutischen Abenden von Ambrose.

„Als Becky zu Crossroads kam beherrschte er das Spiel bereits. Das Ziel war, dem Kern der Gruppe näherzukommen, einer aus dem inneren Kreis zu werden, indem man die Regeln befolgte, die Ambrose und die anderen Betreuer vorlebten. Es waren Regeln, die ein der Intuition zuwiderlaufendes Verhalten einforderten. Anstatt einen Freund mit Flunkereien zu trösten, sagte man ihm die unliebsame Wahrheit. Anstatt die Verklemmten, hoffnungslos Uncoolen zu meiden, ging man zu ihnen und ließ sich auf sie ein …“

Bei einem der Treffen wird ihm in einer Übung als Partnerin seine 17-jährige Schwester Becky zugelost, was fatal ist, da sie ihm gehörig den Kopf wäscht. Ehrlichkeit und Gefühle zeigen ist in dieser Gruppe oberstes Gebot. Becky ihrerseits ist eigentlich nur bei Crossroads dabei, weil sie sich in den begehrten Rockmusiker Tanner verliebt hat und er eine der tragenden Säulen der Gruppe ist. Sie ist beliebt und gutaussehend, aber eben ohne Ecken und Kanten. Gerade diese faszinieren sie an Tanner. Becky ist im Zwiespalt, denn sie hat Geld geerbt von ihrer verstorbenen Lieblingstante; die Eltern verlangen von ihr dies mit den Geschwistern zu teilen, wozu sich sich aber nicht wirklich entschließen kann. Sie wird später mit ihrer Familie brechen.

Clem, der Älteste, studiert bereits und hat eine Freundin. Clem möchte seinem Vater eins auswischen, in dem er sein Studium abbricht und sich freiwillig zur Army für einen Einsatz im Vietnam-Krieg meldet, auch weil er es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, dass er studiert, während andere für das Land kämpfen. Den Brief schickt er nach langem Zögern ab, kurz vor der Abfahrt nach Hause. Doch der Besuch zuhause erweist sich auf mehreren Ebenen als Reinfall und Clems Wege führen letztlich ganz woanders hin …

Besonders viel Raum, und in meinem Empfinden zu recht, erhält Marion, die Frau von Russ. Hausfrau und Mutter, Pfarrersfrau, die fast alle Sonntagspredigten für ihren Mann schreibt. Sie leidet unter ihrem Übergewicht und darunter, dass Russ sich nicht mehr für sie interessiert. Deshalb geht sie zur Therapie. Auch an diesem Tag vor Heiligabend und in einer sehr langen Sitzung, die einen Durchbruch bringt, erfahren wir Marions ganze Lebensgeschichte, die ich wirklich für großartig auserzählt halte. Marion ist für mich auch die interessanteste Figur in diesem Roman. Marion hat einige Krisen hinter sich, als sie Russ begegnet und denkt, nun beginne endlich das gute Leben. Sie hat eine Abtreibung hinter sich, eine unheilvolle Beziehung mit einem verheirateten Mann und einen Psychiatrieaufenthalt. Danach wendet sie sich Gott zu. Von ihrer Vergangenheit hat sie ihrem Mann und den Kindern nie etwas erzählt. Sie macht auch im Verlauf des Romans die größte Entwicklung durch.

Ostern: Die Crossroads-Gruppe unter Ambros plant eine Reise in ein Navajo-Reservat, wo Russ bereits seit vielen Jahren den Indigenen beim Ausbau ihrer Dörfer hilft. Diesmal fährt Perry mit und Russ konnte auch Francis Cottrell, deren Sohn ebenfalls teilnimmt, überzeugen mitzufahren. Russ will Frances nun zeigen, was er kann und wie toll er in seiner Arbeit bei und mit den Indigenen aufgeht. Dass diese Arbeit seitens der Einwohner gar nicht mehr gewünscht ist, verdrängt er, bis es eben zu unschönen Auseinandersetzungen kommt. Wegen Francis verletzt er mehrfach seine Aufsichtspflicht. Und Sohn Perry ist weit von seinem Entschluss entfernt, ein besserer Mensch zu werden und er löst letztendlich auch das komplette Chaos aus und damit das Ende der Reise.

„Und so vergrößerten sich die Wellenkreise, die der Schaden zog. Fortan würde Judson ein Junge mit einem psychische kranken Bruder sein.“

Wer im Roman fast immer fehlt, ist der jüngste Sohn Judson. Er spielt eine sehr kleine Rolle, was sich hoffentlich mit der Fortsetzung ändert.

Viele Kritiken hielten Franzens Roman bzw. seine Erzählweise für altmodisch. Es fällt mir schwer, das zu beurteilen, aber wenn es so ist, hat es dem Roman, wie ich finde gut getan. Es ist für mich ein Buch, in dem Handlung wie Sprache stimmig korrespondieren und wer weiß, ob sich der Ton in den nächsten beiden Bänden nicht verändert und sich dem Verlauf der Zeit anpasst. Ich bin gespannt.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt hat ihn Bettina Abarbanell. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere, weitaus tiefer blickende Besprechung gibt es auf dem empfehlenswerten Blog „Kommunikatives Lesen“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nell Zink: Das Hohe Lied Rowohlt Verlag

Nach „Virginia“ ist es der zweite Roman, den ich von der in Bad Belzig nahe Berlin lebenden Amerikanerin Nell Zink lese und es bestätigt sich, dass diese Autorin eine ungewöhnlich gute Erzählerin ist. Ich frage mich, warum sie so selten im Feuilleton oder auf Blogs besprochen wird. Ihre Erzählweise ist so mitreißend, kraftvoll und witzig, dass es eine Freude ist. So schafft sie es mit Themen, in denen ich mich gar nicht auskenne oder für die ich mich normalerweise nicht so brennend interessiere, dass ich trotzdem bereits nach den ersten Zeilen nicht mehr von ihrer Story los komme.

In „Das Hohe Lied“ spannt sie einen Bogen vom New York der 80er Jahre über Washington DC bis übers Jahr 2016 hinaus, als Donald Trump die Wahl zum Präsidenten gewinnt. Wir lernen Joe, Daniel und Pam kennen. In einzelnen Kapiteln werden diese Hauptprotagonisten mit ihrer Herkunft vorgestellt, bis sie in der Geschichte schließlich in New York zusammen treffen. Alle drei wollen Musik machen. Alle drei können es aber gar nicht so toll. Trotzdem planen sie mit einem von Daniel getragenen Musiclabel Joes unverblümt spontane Musik zu veröffentlichen. Daniel und Pam werden ein Paar. Pam ist früh von zuhause, sprich Washington DC abgehauen und hat als Programmiererin einen guten Job gefunden. Daniel arbeitet für Zeitarbeitsfirmen. Als Pam sehr jung schwanger wird, ist es für beide trotzdem keine Frage das Kind zu bekommen. Sie engagieren Joe als Babysitter für Flora und produzieren nebenbei Musik. Unverhofft wird ein Song von Joe tatsächlich erfolgreich, er unterschreibt einen Plattenvertrag und geniesst künftig sein hedonistisches Leben. Die raffinierte drogenabhängige Freundin, die der unbedarfte Joe aufgabelt, lässt Pam und Daniel sich um ihn sorgen …

Dennoch läuft alles ganz gut, bis am 11.9.2001 in New York zwei Flugzeuge in das World Trade Center donnern. Ab diesem Zeitpunkt verändert sich das Leben. Daniel und Pam packen die kleine Flora ins Auto und fahren zu den Großeltern. Dort kommt es schließlich zum Entschluss, Flora dort im sicheren Wohnviertel zur Schule gehen zu lassen. Die beiden Alt-Punks kehren ins in die Jahre gekommene Loft nach New York zurück.

„Die Stadt hatte ihren Billigtouch verloren. […] Die Reichen waren noch reicher, und Armut war inzwischen nicht mehr praktikabel. In ganz Manhattan stand die Mittelschicht mittleren Alters inmitten der Trümmer ihrer privaten Altersvorsorge und wartete darauf, ihre Positionen im mittleren Management zu verlieren.“

Wir begleiten sowohl die persönliche Entwicklung und Ausbildung von Flora, als auch die der politischen Entwicklung der Vereinigten Staaten. Der Bankencrash, der erste schwarze Präsident, und dann der Wahlkampf, der auf die Wahl Trumps zusteuert, in dem sich Flora nach Ende ihres Studienabschlusses in Biochemie für die Grünen engagiert. Flora steht stellvertretend für die junge Generation, die mit den Sozialen Medien aufwächst und sich in diesen sicher bewegt.

„Sie war damit groß geworden, der potenziell sofortigen weltweiten Verbreitung eines jeden von ihr geäußerten Wortes eine Kosten-Nutzen-Analyse vorauszuschicken.“

Sie steht für die Generation, die sich aufgrund des Klimawandels um ihre Zukunft sorgt, die die Welt retten und sich politisch engagieren will, die sich aber auch mit einer gewissen Desillusionierung auseinandersetzen muss.

„Der Krieg gegen öffentliche Güter und privates Auskommen hatte einen Namen: Wirtschaftswachstum, Kapitalismus, der zum Kapital – den natürlichen Ressourcen, wie etwa Flüssen voller kostenlosem Fisch – im selben Verhältnis stand wie der Islamismus zum Islam. Es war ein Fetisch, der „Güter“ produzierte, die nicht „gut“ waren.“

Mit dem Ergebnis, dass Flora mehr als einmal hinterfragt, wohin die Reise gehen soll und erst recht wozu. Auch in ihren ersten Beziehungen zeigt sich dieses Schwanken, dieses nicht genau wissen wohin. Der Professor, der an der Uni ihre Arbeit betreut, der wesentlich ältere eloquente Politik-Berater, der junge unbedarfte Praktikant, der an Joe erinnert? Manchmal erfordern dann die Ereignisse doch Entscheidungen, so auch bei Flora.

Nell Zink hat einen überzeugenden, wie unterhaltsamen Roman geschrieben, der durchaus kritisch brandaktuelle Themen unter die Lupe nimmt. Zink brachte mir dabei zum Beispiel die Funktionsweise des Wahlkampfs in den USA, die mich bisher gar nicht interessiert hat oder aber auch, wie die Musikszene und der Musikbusiness wirklich funktioniert, nah. Sie ist eine kluge Erzählerin, die nie langweilt, ganz gleich um was es geht. Sie schreibt in einer ebenso flotten, wie gründlichen Sprache mit sehr gelungenem Humor. Die hohe Qualität hält sie geschickt bis zum perfekt konstruierten Schluss durch.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt wurde es von Tobias Schnettler. Eine Leseprobe gibt es hier.

Jhumpa Lahiri: Wo ich mich finde Rowohlt Verlag

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„Gibt es einen Ort, an dem wir nicht auf der Durchreise sind?“

Bereits damals mit ihrem ersten Erzählband „Melancholie der Ankunft“ hat mir Jhumpa Lahiris Schreibstil gefallen. Es folgten weitere Erzählungen und die Romane „Der Namensvetter“, „Einmal im Leben“ und „Das Tiefland“. Im Jahr 2000 erhielt sie den Pulitzer-Preis. Die 1967 in London geborene Autorin mit bengalischen Wurzeln verliebte sich in die italienische Sprache, zog mit ihrer Familie nach Rom und schrieb schließlich diesen Roman in Italienisch. Bewundernswert schon deshalb. Aber vorrangig wegen des eigenwilligen Inhalts.

Waren ihre bisherigen Bücher oft geprägt von ihrer bengalischen Herkunft und der Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat, zwischen Tradition und Moderne, so geht es in „Wo ich mich finde“ um eine namenlose, in einer nicht namentlich genannten italienischen Großstadt allein lebende Frau, die sich vor einem Ortswechsel zunächst scheut. Lahiri erzählt in kurzen Kapiteln, die immer die Überschrift des Schauplatzes tragen, von den scheinbar unspektakulären alltäglichen Erlebnissen ihrer Hauptfigur. Ich möchte sie Heldin nennen, denn sie schafft es den Blick konzentriert auf die kleinen Begebenheiten zu werfen, ja, die Dinge überhaupt wahrzunehmen. Mitte 40 ist sie, ohne Familie, Single und genau dieses Alleinsein ist es auch, das den Blick der Wahrnehmung schärft. Allein bekommt man viel mehr mit, kann getrost die Anderen beobachten, Geschichten spinnen, Schwächen entlarven oder über die jeweilige Position sinnieren. Dass sie dabei nicht immer glücklich ist, sich mitunter einsam fühlt, sich danach sehnt, was andere haben, ist zutiefst menschlich und wird dann wieder relativiert durch die Tatsache, dass die anderen mit ihrem Leben auch nicht unbedingt zufriedener sind. Eine Überschrift heißt: Bei der Psychoanalytikerin.

„Bei jeder Sitzung sollte man etwas Positives erzählen. Aus meiner Kindheit kamen leider keine Anregungen dafür. Also sprach ich über den Balkon meiner Wohnung, wenn die Sonne darauf scheint, während ich frühstücke. Und ich erzählte ihr von dem Wohlgefühl, im Freien einen aufgewärmten Stift in die Hand zu nehmen und zwei Zeilen damit zu schreiben.“

Zudem hat sie etwas, was die anderen nicht haben. Etwas was womöglich nur aus einer Melancholie, aus dem Alleinsein entstehen kann. Sie kann schreiben und darin Zustände verwandeln, Umstände verändern. So lesen wir auch über die Eltern, die Schwierigkeiten und Brüche, die in deren Beziehung passierten und die Auswirkungen auf das spätere Leben der einzigen Tochter. Letztlich geht es um das Recht auf Selbstbestimmung. Auch der Buchtitel sagt genau, was zählt: die eigene Verortung.

„Es hat keinen Sinn, darauf zu beharren, denn es will ihr (Anm.: der Mutter) nicht in den Kopf, dass mir das Alleinsein auch eine gewisse Genugtuung verschafft. Trotz ihrer angeblichen Verbundenheit interessiert sie mein Standpunkt nicht, und darin liegt meine wahre Einsamkeit.“

Da ist die Liebe zum Theater in Erinnerung an den früh gestorbenen Vater. Aber auch der Zwang der selbst auferlegten Sparsamkeit, der längst nicht mehr sein müsste. Wir lesen, dass sie nie einen Ehemann hatte, aber mit diversen Ehemännern zusammen war.

„Bis eines Tages im April jemand bei mir klingelte. Ich dachte, er sei es. Doch es war eine andere Frau, die meinen Freund genauso gut kannte wie ich. Sie traf ihn an den Tagen, an denen wir uns nicht sahen. Mit dieser Frau habe ich fast fünf Jahre lang denselben Mann geteilt.“

Auf nur 160 Seiten gelingt Jhumpa Lahiri ein sprachliches Meisterwerk. Die Bilder, die aus dieser feinen sensiblen Sprache aufsteigen, lassen mich mit der Heldin durch italienische Städte und Landschaften gehen. Ich erlebe den „Ferragosto“, wenn die Stadt sich leert, weil alle Bewohner in die Sommerfrische fahren, ich schmecke den „caffè“ und das „panino“ im quirligen Leben in der italienischen Bar an der Piazza. Ich darf aber auch eine Schicht tiefer gehen. Ich spüre, was in ihr vorgeht, spüre die Seele in allem, das so überreiche Innenleben und die Traurigkeit, die Melancholie, von der auch die Stadt geprägt ist an manchen Orten. Ich bin restlos eingenommen von dieser Literatur, die mir einen verzauberten Sommer-Sonntag geschenkt hat. Ein Herzensbuch! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde von Margit Knapp aus dem Italienischen übersetzt.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Literaturreich.

Hans Joachim Schädlich: Die Villa Rowohlt Verlag

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Nach „Felix und Felka“ über das Künstlerpaar Nussbaum/Platek folgt nun ein Roman, der ein Haus in den Mittelpunkt stellt. In „Die Villa“ zeigt sich auch wieder die große Meisterschaft, die Hans Joachim Schädlich beherrscht: Die Kunst der Verknappung. Schmale Bände sind es mit kurzen Kapiteln. Doch immer wiegen sie mindestens doppelt so schwer. Denn das was der Autor nicht mitteilt, liest sich aus den Zusammenhängen dennoch heraus und verbindet sich zu einer komplexen Geschichte. Mehr und mehr erinnert mich diese Schreibart auch an Eric Vuilards (z.B. „Tagesordnung“) Herangehensweise.

Schädlich erzählt aus der Lebensgeschichte einer Familie im Vogtland, die durch strebsames Arbeiten und Wirtschaften zu Vermögen gekommen ist. Seine Geschichte umfasst den Zeitraum anfangs der 30er Jahre bis zu den Anfängen der DDR. Die Gründerzeitvilla mit großem Landschaftsgarten, die 1890 erbaut wurde wird in einem Prolog vorgestellt und auch das Schlußkapitel ist ihr wieder gewidmet. Zwischendrin begleiten wir die Mitglieder der Familie Kramer, die das Haus 1940 beziehen. Bereits das erste Kapitel, in dem Elisabeth Kramer „sich vorstellt“, legt den Grundstein für ein falsches Leben im Richtigen.

„Ich wollte keine Kinder“, sagte Elisabeth Kramer. „Ich wollte nicht heiraten“. Ich wollte nach der Volksschule in Oberheinsdorf was Soziales lernen und wollte in die Welt. Aber mein Vater hat nur die Jungs was lernen lassen, die gar keine Lust dazu hatten.“

Doch 1931 mit 18 Jahren „muss“ sie den Hans heiraten, kurz darauf kommt das erste Kind. Hans kommt aus einer Drogistenfamilie und steigt beim Schwiegervater in den Wollgroßhandel ein. Gleichzeitig wird er als NSDAP-Mitglied Ortsgruppenleiter der kleinen Stadt und die Familie wächst. Die Kinder, 3 Jungs und ein Mädchen, leben direkt in die von den Nazis geschaffenen Strukturen hinein, werden Pimpfe, später schickt man sie in die NAPOLA. Das Ehepaar verfolgt scheinbar nur am Rand mit, wie sich die Situation in Deutschland verändert, wie das angrenzende sudetendeutsche Gebiet übernommen wird, wie der Krieg erklärt wird, wie der einzige Jude im Ort, der Doktor, aus dem Alltagsleben verschwindet, wie einer von Elisabeths Brüdern, der psychisch krank ist, in einer Heil-und Pflegeanstalt plötzlich verstirbt. Der Garten der Villa wird neuerdings von einem französischen Zwangsarbeiter in Schuss gehalten. Die Familie lebt im Wohlstand, es gibt Auto und Dienstmädchen, scheint von der Verfolgung der Juden nichts mitzubekommen, hat auch in der Zeit während des Kriegs zunächst keinerlei Mangel. Der aufgrund einer Herzschwäche vom Wehrdienst befreite Hans fährt sogar mehrmals zur Kur quer durch Deutschland. Nur bruchstückhaft dringen die schrecklichen Geschehnisse auch in die Familie ein.

Nach Hans Tod durch Herzversagen 1943 zeigt sich Elisabeths soziale Stärke. Sie schafft es, als deutlich wird, dass der Krieg bald verloren sein wird, das Haus, ihre Eltern und die Kinder durchzubringen und später beim Einmarsch der Amerikaner sogar Unterstützung zu bekommen. Dennoch entscheidet sich sie nach deren Abzug die Heimat nicht aufzugeben, obwohl nun das Gebiet nach der Aufteilung der Alliierten an die Russen fällt …

Alles liest sich vollkommen natürlich, würde man diese Geschichte nicht mit dem heutigen Wissen lesen. Schädlich konstruiert das sehr geschickt. Er lässt den Krieg und die Gräueltaten der Nazis nur in ganz geringen Dosen in die im Kleinen heile Familienwelt einfließen, setzt bewusste Akzente. Erklärt nicht viel, lässt die Leser in der eigenen Vorstellung dieses Familienlebens treiben. Einzig der liebenswerte kleine Sohn Paul kommt einem hier als Persönlichkeit näher und steht vielleicht auch stellvertretend für die erschreckende Naivität der Bewohner dieser „normalen“ Familie im ländlichen Vogtland. Große Empfehlung!

„Die Villa“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Menschheitsdämmerung ~ Symphonie jüngster Dichtung Hrsg. Kurt Pinthus Rowohlt Verlag

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Schon seit meiner Buchhändlerausbildung steht dieses Buch in meinem Regal. Eines von denen, die ich nie aussortieren würde. Nun hat der Rowohlt Verlag zum 100-jährigen Jubiläum diese wunderbare Anthologie expressionistischer Gedichte in einer neuen gebundenen Ausgabe herausgebracht, mit einem Nachwort von Florian Illies. Es lohnt sich, sich spätestens jetzt dieses Buch zuzulegen, denn es enthält Lyrik, die zur Zeit als sie geschrieben wurde, bahnbrechend war.

Die Gedichte im Buch sind nicht nach Autoren oder chronologisch sortiert, sondern nach bestimmten Motiven, die diese Zeit abbilden. So lauten einzelne Kapitel „Sturz und Schrei“, „Erweckung des Herzens“, „Aufruf und Empörung“ und „Liebe den Menschen“. Das Buch hatte großen Erfolg: „Es erlebte in zwei Jahren vier Drucke mit 20 000 Exemplaren“, schreibt Kurt Pinthus in seinem Vorwort der Neuauflage über die erste Ausgabe von 1919. Davon kann ein heutiger Lyrik-Verleger nur träumen.

1959 ergänzte Pinthus dann die Neuauflage mit biografischen Daten der Dichter. Dazu kommt manches gezeichnete Porträt eines Dichters. Man muss auch wissen, dass zu diesem Zeitpunkt, manche der Autoren, in der NS-Zeit geächtet, vertrieben oder getötet, vollkommen verschwunden waren aus dem Literaturkanon.

Etwas ganz neues brach damals in der Zeit des Expressionismus an. In der Lyrik ist diese Epoche verkörpert von Autoren wie Georg Trakl, Gottfried Benn, Elke Lasker-Schüler, u. v. a. Wohl jedem bekannt ist hier natürlich auch das berühmte Gedicht von Jakob van Hoddis „Weltende“:

„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“

Auch der Dichter Georg Heym, der mir kürzlich durch den großartigen Roman „Der Gott der Stadt“ von Christiane Neudecker, wieder ins Bewusstsein gerufen wurde, ist mit seinen Gedichten dabei. Er starb noch jung, als er im Winter 1919 auf dem Wannsee ins Eis einbrach. Darüber hinaus erfährt man einiges in oben genannten aktuellen Roman.

«Mein Gott, ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthusiasmus in dieser banalen Zeit», so schrieb der Dichter Georg Heym am 15. September 1911 in sein Tagebuch. Seine Verse und die seiner Generationsgenossen sind also auch immer Versuche, endlich wieder frei atmen zu können.“

Bemerkenswert ist allerdings auch, dass es nur eine einzige Dichterin, nämlich Elke Lasker-Schüler, in diese Sammlung geschafft hat. Sie ist glücklicherweise mit vielen Gedichten vertreten und toppt dabei so manche der enthaltenen männlichen Autoren.

Alles in allem finde ich diese Sammlung sehr gut, um sich einen Überblick über diese prägnante „neue“ Lyrik zu verschaffen. Womöglich kommt einem aus Schullektüren einiges bekannt vor; so ging es mir jedenfalls. Die Themen sind zeitlos, vieles berührt heute noch genauso wie damals. Und vieles, was damals an Schrecken und Grauen benannt wurde, ist auch heute noch nicht Vergangenheit.

„Genau in dieser Versöhnung der vermeintlichen Gegensätze durch die Kraft der Sprache, in diesem Aufbrechen der Hierarchien liegt der Befreiungsakt der Lyrik des Expressionismus – und deshalb wirkt er nach jedem seiner Untergänge so unzerstörbar weiter.“

Das Buch erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe und weitere Infos über den Jubiläumsband gibt es hier.

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive Rowohlt Verlag

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1241 Seiten: Max. Mischa. Owen. Theater. Apokalypse Now. Beckett. Vietnam-Krieg. Ionescos „Die Nashörner“. 09/11. Klavier. New York. Jazz. Stavanger. Freundschaft. Liebe. Kunst. Und eine schwer greifbare Melancholie.

Das sind die Stichworte, auf die ich Johan Harstads großen Roman reduzieren könnte, wenn ich es wollte. Ziemlich schnell sah ich Verwandtschaften zu zwei anderen gewichtigen Büchern. Ich finde nach wie vor, dass dieser Roman eine Art Mischung ist aus den von mir geliebten Romanen „4321“ des US-Amerikaners Paul Auster und „Magnet“ des Norwegers Lars Saabye Christensen. Ganz ähnliche Themen werden hier verhandelt. Und wie diese beiden, ist es ein gewaltiger Roman, pure Erzählkunst, wie sie nur über so viele Seiten geschehen kann. Nur auf diese Weise kann ich in eine Geschichte total versinken. Dabei sein. Mit leben. Spüren, was die Figuren fühlen. Selten sah eines meiner Bücher nach Beendigung der Lektüre so zerlesen aus. Es musste überall mit hin … und es war danach schwer, etwas gleichwertiges zum Lesen zu finden.

Tatsächlich spielt die Handlung dann auch zum Teil in Norwegen und in den USA und sie beginnt 1988 und endet 2011. Max lebt in Stavanger, seine Eltern sind kommunistische Aktivisten. Als 11-jähriger Junge spielt Max mit seinen Freunden allzu gerne Krieg. Der Film „Apokalypse Now“ wird später zum Highlight des beschaulichen Lebens in der Kleinstadt in Norwegen. Als seine Eltern mehr als überraschend beschließen, in die USA nach New York auszuwandern, bricht für den inzwischen 14-Jährigen eine Welt zusammen.

„… ich höre selbst, wie meine Sprache an Steinchen erinnert, die zwischen den Zähnen knirschen. Und so soll es auch sein. Die Kiesel sind das Resultat einer Sprache, die Jahrtausende überdauert hat, sie wurde aus dem Altnordischen herausgeschliffen, von Gletschern aus Felswänden geschürft, mit den Sedimenten aus dem Fjord gewaschen, vom Wind fortgeweht, …“

Der Vater wird Pilot bei American Airlines und glänzt durch Abwesenheit, was Max und seine Mutter näher zusammen bringt. Als er in der neuen Schule Mordecai kennenlernt, beginnt eine enge Freundschaft, die für die Entwicklung beider wichtig ist. Die beiden beginnen zunächst mit gemeinsamem Sport, wechseln schließlich zum Theaterworkshop der Schule und werden in diesem Metier richtig gut. In einem Sommer auf der New Yorker Insel Fire Island, lernt Max durch Mordecai Mischa kennen. Max ist 16, Mischa ist 23, kommt aus Montreal und ist bereits im Begriff als Künstlerin bekannt zu werden. Beide beginnen trotz mancher Widrigkeiten eine Liebesbeziehung. Max und Mordecai studieren an Schauspielschulen, Max wechselt ins Fach Regie und wird damit später recht erfolgreich. Mordecai hat es als Schauspieler schwerer und lebt oft am Limit. Ihre Freundschaft wird die Jahre überdauern, sie verlieren sich nicht aus den Augen.

Weiterhin kommt Owen ins Spiel. Er heißt eigentlich Ove und ist Max`von den Eltern tot geschwiegener Onkel. Ove verließ als junger Mann sein Heimatland, um in den USA Pianist zu werden. Doch der Erfolg ließ auf sich warten. Um die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erhalten, meldete er sich freiwillig für den Vietnam-Krieg, der damals, wie jeder glaubte, bald zu Ende sein würde. Diese Zeit prägt Ove/Owen nach seiner Rückkehr stark. Nach einigen guten Jahren mit seiner großen Liebe, kommt es zur Trennung. Erschüttert beginnt er in New York ein weiteres Mal ganz neu. Er findet Arbeit in einer Klavierfabrik, beginnt langsam wieder mit dem Klavierspiel und landet schließlich durch unvorhersehbare Umstände in einer riesigen Wohnung im damals architektonisch ungewöhnlichen Wohnhaus, genannt Apthorp, in Manhattan.

Max fasziniert der fremde Onkel und als beide sich kennenlernen, verstehen sie sich wunderbar. Max und Mischa ziehen schließlich bei Owen ein. Es folgen glückliche, spannende, bewegte Jahre, die einen großen Teil der Geschichte ausmachen. Doch so wie das Gebäude immer maroder wird, bröckelt auch Mischas Liebe zu Max, wird Owens Körper durch eine Krankheit immer fragiler. In dieser Zeit lebt auch Mordecai, mangels Geld und Arbeit eine Weile mit im Apthorp. Mischa trennt sich von Max und geht zunächst nach Kalifornien, dann nach Montreal zurück. Ihre Bilder werden auf dem Kunstmarkt hoch gehandelt.

„Kunst von einer Künstlerin war schwieriger zu verkaufen. Sie musste, das wurde nie gesagt, aber immer gedacht, doppelt so gut, doppelt so kontrovers, aggressiv und sexy sein, um auf dem Markt dieselben Preise zu erzielen wie die Werke der männlichen Kollegen. Zusätzlich geplagt von der Furcht, man könnte es womöglich auch noch mit feministischer Kunst zu tun haben, …“

All das wird in Rückblenden erzählt. Max fährt mit dem Auto, um unabhängiger zu sein, von Auftrittsort zu Auftrittsort quer durch die USA. Sein neuestes Stück ist so erfolgreich, dass sich diese Tournee durch große Schauspielhäuser ergeben hat. Auf dieser Reise gerät auch Max an seine Grenzen, stellt sich die Frage, ob er mit dem Theater weiter machen will. Ein unerwartetes Wiedersehen mit Mischa bei einem sehr traurigen Anlass,

„… denn wenn es Temperaturen von Einsamkeit gibt, sind diese letzten Minuten die kältesten, weit unter dem Nullpunkt, ein Ort, zu dem Telefone oder Stimmen und Freunde und Familie nicht mehr durchdringen und in dem sich alle Moleküle zu einer unerschütterlichen Ruhe ordnen, …“

scheint dann aber neue Möglichkeiten zu eröffnen …

Und Wahnsinn: Was für ein Schluss! Welch große Erzählkunst! Harstad lässt seinen Helden Max in einem furiosen Showdown seinen ganz eigenen „Apokalypse Now“-Augenblick erleben. Welch ein Finale! Ein beglückendes Leseabenteuer, wie es selten zu finden ist, durfte ich hier erleben. Johan Harstad hat einen nahezu perfekten Roman konstruiert, dessen Sprache und Erzählweise mit dem Inhalt, den verhandelten Themen, um die Wette glänzen. Allem liegt eine tiefe Melancholie zugrunde, eine Dringlichkeit und Intensität, wie ich sie mag. Müsste man aus der großen Menge der diesjährigen Neuerscheinungen zum Buchmesse-Gastland Norwegen nur einen Roman wählen, dann bitte diesen. Ein nordlichtes Leuchten!

„Max, Mischa & die Tet-Offensive“ erschien im Rowohlt Verlag und wurde von Ursel Allenstein brillant aus dem Norwegischen übersetzt. Hier gibt es ein schönes Interview mit der Übersetzerin und hier eines mit dem Autor Johan Harstad. Zudem ist das Buch auch noch äußerlich interessant gestaltet. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere ebenso begeisterte Besprechungen gibt es bei Klappentexterin, Masuko13 und Buzzaldrins.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nell Zink: Virginia Rowohlt Verlag

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Obgleich Nell Zink schon mit ihrem Roman „Der Mauerläufer“, zu dem es eine schöne Entstehungsgeschichte gibt, in der auch der Autor Jonathan Franzen, der ja ein leidenschaftlicher Vogelbeobachter ist, eine Rolle spielt, hierzulande bekannt wurde, ist es der erste Roman, den ich von ihr lese. Sie ist mir gleich irgendwie sympathisch, da sie vor einiger Zeit nach Bad Belzig in Brandenburg statt nach Berlin zog, weil sie sich in der Hauptstadt die Miete einfach nicht leisten konnte. Könnte mir bald ähnlich gehen …

Dass ich nun ihren Debütroman „Virginia“ lese, der tatsächlich in Virginia, USA spielt, hat den einfachen Grund, dass ich die skurrile Idee, dass eine lesbische Studentin und ihr schwuler Literaturprofessor heiraten und Kinder bekommen, ziemlich witzig fand. Und die noch skurrilere Idee, nach der Trennung mit der kleinen Tochter die Identität einer Schwarzen anzunehmen, einfach genial fand. Hier merkt man schon gleich, dass Zink allerhand in ihren Roman packt und dabei so manche Grenze überschreitet. Dennoch ist der Roman kein bisschen überladen, sondern einfach nur witzig auf hohem Niveau. Zink weiß viel, denkt viel. Schreibt mit viel Humor, wenngleich die Sprache auf Dauer für mich schon etwas glatt nach Creative Writing klingt. Vielleicht ist es auch einfach die amerikanische Art, die Dinge auszudrücken. Wenn ich „Virginia“ mit dem Roman „Max, Mischa und die TET-Offensive“ des Norwegers Johan Harstad vergleiche (lese ich gerade parallel), der auch in den USA spielt, dann liegen Welten dazwischen.

Da ist also Peggy (später Meg), lesbische Studentin und ihr schwuler Professor, Lee Fleming. Da Meg ziemlich schnell schwanger wird, heiraten die beiden, bekommen auch noch ein zweites Kind, obwohl sie eigentlich gar nicht für ein Zusammenleben geeignet sind.

„Für eine Lesbe bedeutete Lees Haus einen kalten Entzug. Es konnten Monate vergehen, ohne dass man eine Frau zu Gesicht bekam. Aber das war auch egal, wenn man vorgehabt hatte, eine bleistiftdünne Verführerin in Schwarz zu sein, und nun im karierten Bademantel am Herd stand und Pfannkuchen buk.“

Eines Tages haut Peggy dann auch mit der Tochter ab, nachdem sie den Wagen ihres Mannes in den See gefahren hat, aus Wut über seine Untreue. Der Sohn bleibt beim wohlhabenden Vater. Im geschichtsträchtigen ländlichen Südstaaten-Virginia übernimmt Peggy/Meg mit ihrer Tochter eine neue „schwarze“ Identität, was tatsächlich nicht hinterfragt wird, denn es gibt hier viele Abstufungen des „Schwarzseins“. Sie kämpft sich mit ihrer Tochter Mireille/Karen quasi mittellos durch, schreibt nebenher Theaterstücke für die Schublade. Tatsächlich findet ihr Mann, der Detektive los schickt, um sie wegen Kindesentführung dingfest zu machen, sie deshalb nicht. Mit kleineren illegalen Drogengeschäften verdient sie ihr Geld, nach außen hin rechtschaffen. Die Tochter, die nichts von Vater und Bruder ahnt, kann studieren gehen mit ihrem schwarzen Freund Temple, beide erhalten ein Stipendium für „Minoritäten“.

„Und ihre Tochter war (…) wenn schon nicht das beliebteste aller Kinder, das Idol aller Emigranten der Vorstädte. Das geisterhafte, flachsblonde schwarze Kind war geradezu der Solz der Bürger. Die hofften, sie würde in der Gegend bleiben, einen hellhäutigen Mann mit blauen Augen heiraten und eine dieser Konversationsstück-Dynastien begründen.“

Der Sohn Byrdie, einige Jahre älter, wächst ohne Sorgen beim Vater heran, nimmt sein Studium nicht so ganz ernst und konsumiert mitunter mit Mitstudenten Drogen. Zum Showdown kommt es, als Temple und Karen auf einer Studentenfete nichts ahnend auf Byrdie treffen. Hier gibt Nell Zink Gas und schlittert mit allerhand Unglaubwürdigkeiten rasant auf ein Happy End mit einer Art Familienzusammenführung zu. Das ist schon leicht übertrieben, aber wie hätte ein anderes Ende in solch einer Geschichte enden sollen? Zinks Sprache hilft auf jeden Fall über manche allzu pathetische Passage hinweg. Mitunter salopp, derb, aber auch mit vereinzelten poetischen Einschüben ist das Buch auf jeden Fall durchweg abwechslungsreich und spannend zu lesen. Vor allem, wenn man, so wie ich, so gut wie keine Ahnung vom US-amerikanischen Süden hat, lernt man allerhand über das soziale Gefüge und gesellschaftsspezifische Besonderheiten. Denn die 1964 in Kalifornien geborene Nell Zink wuchs selbst im ländlichen Virginia auf. Alles in allem ist „Virginia“ ein Roman, denn ich flott und mit Gewinn gelesen habe.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag, dem ich für das Rezensionsexemplar danke. Übersetzt hat es Michael Kellner. (Zink schreibt in Englisch, obwohl sie sehr gut Deutsch spricht.) Eine Leseprobe gibt es hier

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Siri Hustvedt: Damals Rowohlt Verlag

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„Sagen Sie mir, wo die Erinnerung endet und die Erfindung beginnt? Sagen Sie mir, warum ich Sie als Reisegefährtin brauche, als meine jeweils liebe und launische Andere, meine Partnerin für die Dauer dieses Buchs? Wie kommt es, dass ich Ihren Schritt neben mir fühle, während ich schreibe?“

Siri Hustvedts neuer Roman beginnt schon auf den ersten Seiten zu leuchten. Ihr Thema ist nach vielen Essays und dem Roman „Der Sommer ohne Männer“ Biografisches. Die Autorin gleitet zurück in die Zeit, in der sie als junge Frau ihre erste eigene winzige Wohnung in New York bezog. Aus Tagebucheinträgen der 21-jährigen, einem ersten Romanmanuskript und aus der Perspektive der 61-jährigen, setzt sich ihr Buch zusammen. Zeit scheint dabei nicht wichtig. Das Damals mit dem Heute momentweise zu verschmelzen. Sich Erinnerungen auszusetzen, einzelne Stücke zu einem plausiblen Ganzen zusammen zu setzen.

„In der Erinnerung“, sagte sie, „gibt es kein wirkliches Voraus oder Hinterher, nicht wahr? Die Erinnerung wallt im Jetzt auf, in der vertikalen Zeit. Und erinnerte Zeit ist, wie Sie wissen, mit Imagination durchsetzt. Wer bin ich eigentlich?“

S.H., genannt Minnesota, hat sich nach dem Schulabschluss ein Jahr Frist gesetzt, um einen Roman zu schreiben, bevor sie ihr Studium antritt. Ziel ist die Stadt New York. In einer heruntergekommenen Wohnung liest sie, schreibt und lauscht der seltsamen Nachbarin Lucy, die abends und nachts eine Suada von Tönen und imaginären Gesprächen los lässt. S. H. lernt ihre beste Freundin Whitney kennen und sie ziehen durchs Viertel. Intellektuelle Parties und alternative Lesungen werden besucht. Liebesaffären ausgelebt. Anhand eines wiederentdeckten Tagebuchs rekonstruiert die heutige Siri Hustvedt ihr damaliges Leben. Zwischendurch lesen wir Abschnitte aus dem Romanmanuskript, dass eine Detektivgeschichte werden soll. Erlebnisse aus dem Alltag fließen hinein.

Die Erinnerung an den Vater, der Arzt war, den sie manchmal als Kind begleiten durfte zu seinen Hausbesuchen. Der, als sie stolz ihre Anatomiekenntnisse vorführte, nur meinte, sie würde bestimmt eine gute Krankenschwester – „Ich werde mich weit über dich hinauslesen, Vater.“ Die Entscheidung über den Vater hinauszuwachsen. Zu lesen und nochmal zu lesen, um zu wissen. Und dann im Jetzt, die Telefonate der heutigen Siri mit der alten Mutter, die immer mehr vergisst, wiederholt nach ihrem Schreiben fragt, vielleicht stolz auf die Tochter ist.

Das Erinnern und Reflektieren der Fünferbande, des damaligen engen Freundeskreises von S.H. Wie sich alle eine eigene Geschichte zu S.H.`s sonderbarer Nachbarin Lucy zusammenspinnen. Die Entdeckung der DADA-Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, Freundin von Marcel Duchamp, dessen berühmt gewordenes Werk „Fountain“ eigentlich ihre Idee war, die mit der Schriftstellerin Djuna Barnes befreundet war.

Sie beschreibt außerdem genau das, was in einem Essay in Rebecca Solnits Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ dargestellt wird. Ganz klar. Männer überall tun das immer und immer wieder und auch die junge Siri hat damit zu kämpfen. Einmal erfährt sie Gewalt und entgeht dabei nur knapp einer Vergewaltigung, weil die Nachbarin mit ihren Freundinnen zur Stelle ist. Die Siri aus dem Jetzt hinterfragt diese Szene und hadert noch immer mit sich selbst, zu „brav“ gewesen zu sein.

Von Lucy erfährt S. H. dann auch deren traurige Familiengeschichte. Bei einer Dinnerparty, zu dem S.H. von Lucys esoterisch spirituellen Freundinnen eingeladen ist, geschieht schließlich so etwas wie eine, man könnte sagen „Initiation“. Der zunächst kluge, sympathische Philosophieprofessor, entpuppt sich als seine Ehefrau unterdrückender und überheblicher, Frauen die Welt erklärender Macho. Wie Hustvedt die Geschehnisse dieses Dinners schildert, diese Verwandlung, diese Erkenntnis, auch im inneren S. H.`s, deren Widerstand endlich auflebt und als hoch intelligente Suada zu Tage treten darf,  ist grandios. Das ist Erzählkunst par Excellence!

„Aber ich zitierte Wittgenstein, dem ich mich so viele Stunden gewidmet hatte, und um Sarahs Mann, den ich, wie ich merkte, angefangen hatte zu hassen, noch weiter zu verletzen, zitierte ich hochtrabend auf Deutsch …“

Dass S. H. schließlich offenbart wird, sie sei in einen Hexenzirkel geraten – „Wir sind entschieden gegen alle patriachalen Religionen. (…) Wir sind gegen den Hass des Patriarchats auf den Körper und die Sinnlichkeit, die Natur und die Frauen. Wir glauben an die alte Ökologie, an Harmonie und Heilen.“  – beschäftigt diese noch lange. Und wer weiß, vielleicht hat dieses Erlebnis die Frau und Autorin Siri Hustvedt ja doch auch geprägt in ihrer feministischen Entwicklung?

„Wenden Sie sich nicht von Ihren Gaben ab. Entschuldigen Sie sich nicht dafür. Fürchten Sie auch nicht Ihre Wut. Die kann nützlich sein. Und merken Sie sich: Die Welt liebt starke Männer und hasst starke Frauen. Ich weiß das. Die Welt wird sie strafen, aber Sie müssen daran festhalten.“

Später trägt S.H. immer ein Springmesser bei sich, dass ihr eine Freundin nach dem Angriff zur Selbstverteidigung schenkte. Sie nennt es liebevoll „Baroness“. Und mit der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven schließt sich der Kreis: Frauen im Schatten der Männer … so gern ich Paul Austers Bücher lese, Siri Hustvedt sollte nie im Schatten ihres Ehemanns stehen. Ihr Werk ist klug und reif und zeugt von unglaublicher sprachlicher und erzählerischer Stärke! Ein strahlendes Leuchten!

„Damals“ erschien im Rowohlt Verlag. Die Übersetzung kommt von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Es gibt zudem einige karikaturhafte Illustrationen von der Autorin selbst. Ebenso empfehlenswert: die gleichzeitig erschienenen Essays zum Thema Kunst, Geschlecht und Geist unter dem Titel: „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“. Und natürlich, wer ihn noch nicht kennt, der 2003 erschienene bekannteste Roman „Was ich liebte“, den ich noch aus Buchhändlerzeiten im Regel stehen habe.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar von „Damals“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.