Nell Zink: Das Hohe Lied Rowohlt Verlag

Nach „Virginia“ ist es der zweite Roman, den ich von der in Bad Belzig nahe Berlin lebenden Amerikanerin Nell Zink lese und es bestätigt sich, dass diese Autorin eine ungewöhnlich gute Erzählerin ist. Ich frage mich, warum sie so selten im Feuilleton oder auf Blogs besprochen wird. Ihre Erzählweise ist so mitreißend, kraftvoll und witzig, dass es eine Freude ist. So schafft sie es mit Themen, in denen ich mich gar nicht auskenne oder für die ich mich normalerweise nicht so brennend interessiere, dass ich trotzdem bereits nach den ersten Zeilen nicht mehr von ihrer Story los komme.

In „Das Hohe Lied“ spannt sie einen Bogen vom New York der 80er Jahre über Washington DC bis übers Jahr 2016 hinaus, als Donald Trump die Wahl zum Präsidenten gewinnt. Wir lernen Joe, Daniel und Pam kennen. In einzelnen Kapiteln werden diese Hauptprotagonisten mit ihrer Herkunft vorgestellt, bis sie in der Geschichte schließlich in New York zusammen treffen. Alle drei wollen Musik machen. Alle drei können es aber gar nicht so toll. Trotzdem planen sie mit einem von Daniel getragenen Musiclabel Joes unverblümt spontane Musik zu veröffentlichen. Daniel und Pam werden ein Paar. Pam ist früh von zuhause, sprich Washington DC abgehauen und hat als Programmiererin einen guten Job gefunden. Daniel arbeitet für Zeitarbeitsfirmen. Als Pam sehr jung schwanger wird, ist es für beide trotzdem keine Frage das Kind zu bekommen. Sie engagieren Joe als Babysitter für Flora und produzieren nebenbei Musik. Unverhofft wird ein Song von Joe tatsächlich erfolgreich, er unterschreibt einen Plattenvertrag und geniesst künftig sein hedonistisches Leben. Die raffinierte drogenabhängige Freundin, die der unbedarfte Joe aufgabelt, lässt Pam und Daniel sich um ihn sorgen …

Dennoch läuft alles ganz gut, bis am 11.9.2001 in New York zwei Flugzeuge in das World Trade Center donnern. Ab diesem Zeitpunkt verändert sich das Leben. Daniel und Pam packen die kleine Flora ins Auto und fahren zu den Großeltern. Dort kommt es schließlich zum Entschluss, Flora dort im sicheren Wohnviertel zur Schule gehen zu lassen. Die beiden Alt-Punks kehren ins in die Jahre gekommene Loft nach New York zurück.

„Die Stadt hatte ihren Billigtouch verloren. […] Die Reichen waren noch reicher, und Armut war inzwischen nicht mehr praktikabel. In ganz Manhattan stand die Mittelschicht mittleren Alters inmitten der Trümmer ihrer privaten Altersvorsorge und wartete darauf, ihre Positionen im mittleren Management zu verlieren.“

Wir begleiten sowohl die persönliche Entwicklung und Ausbildung von Flora, als auch die der politischen Entwicklung der Vereinigten Staaten. Der Bankencrash, der erste schwarze Präsident, und dann der Wahlkampf, der auf die Wahl Trumps zusteuert, in dem sich Flora nach Ende ihres Studienabschlusses in Biochemie für die Grünen engagiert. Flora steht stellvertretend für die junge Generation, die mit den Sozialen Medien aufwächst und sich in diesen sicher bewegt.

„Sie war damit groß geworden, der potenziell sofortigen weltweiten Verbreitung eines jeden von ihr geäußerten Wortes eine Kosten-Nutzen-Analyse vorauszuschicken.“

Sie steht für die Generation, die sich aufgrund des Klimawandels um ihre Zukunft sorgt, die die Welt retten und sich politisch engagieren will, die sich aber auch mit einer gewissen Desillusionierung auseinandersetzen muss.

„Der Krieg gegen öffentliche Güter und privates Auskommen hatte einen Namen: Wirtschaftswachstum, Kapitalismus, der zum Kapital – den natürlichen Ressourcen, wie etwa Flüssen voller kostenlosem Fisch – im selben Verhältnis stand wie der Islamismus zum Islam. Es war ein Fetisch, der „Güter“ produzierte, die nicht „gut“ waren.“

Mit dem Ergebnis, dass Flora mehr als einmal hinterfragt, wohin die Reise gehen soll und erst recht wozu. Auch in ihren ersten Beziehungen zeigt sich dieses Schwanken, dieses nicht genau wissen wohin. Der Professor, der an der Uni ihre Arbeit betreut, der wesentlich ältere eloquente Politik-Berater, der junge unbedarfte Praktikant, der an Joe erinnert? Manchmal erfordern dann die Ereignisse doch Entscheidungen, so auch bei Flora.

Nell Zink hat einen überzeugenden, wie unterhaltsamen Roman geschrieben, der durchaus kritisch brandaktuelle Themen unter die Lupe nimmt. Zink brachte mir dabei zum Beispiel die Funktionsweise des Wahlkampfs in den USA, die mich bisher gar nicht interessiert hat oder aber auch, wie die Musikszene und der Musikbusiness wirklich funktioniert, nah. Sie ist eine kluge Erzählerin, die nie langweilt, ganz gleich um was es geht. Sie schreibt in einer ebenso flotten, wie gründlichen Sprache mit sehr gelungenem Humor. Die hohe Qualität hält sie geschickt bis zum perfekt konstruierten Schluss durch.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt wurde es von Tobias Schnettler. Eine Leseprobe gibt es hier.

Jhumpa Lahiri: Wo ich mich finde Rowohlt Verlag

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„Gibt es einen Ort, an dem wir nicht auf der Durchreise sind?“

Bereits damals mit ihrem ersten Erzählband „Melancholie der Ankunft“ hat mir Jhumpa Lahiris Schreibstil gefallen. Es folgten weitere Erzählungen und die Romane „Der Namensvetter“, „Einmal im Leben“ und „Das Tiefland“. Im Jahr 2000 erhielt sie den Pulitzer-Preis. Die 1967 in London geborene Autorin mit bengalischen Wurzeln verliebte sich in die italienische Sprache, zog mit ihrer Familie nach Rom und schrieb schließlich diesen Roman in Italienisch. Bewundernswert schon deshalb. Aber vorrangig wegen des eigenwilligen Inhalts.

Waren ihre bisherigen Bücher oft geprägt von ihrer bengalischen Herkunft und der Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat, zwischen Tradition und Moderne, so geht es in „Wo ich mich finde“ um eine namenlose, in einer nicht namentlich genannten italienischen Großstadt allein lebende Frau, die sich vor einem Ortswechsel zunächst scheut. Lahiri erzählt in kurzen Kapiteln, die immer die Überschrift des Schauplatzes tragen, von den scheinbar unspektakulären alltäglichen Erlebnissen ihrer Hauptfigur. Ich möchte sie Heldin nennen, denn sie schafft es den Blick konzentriert auf die kleinen Begebenheiten zu werfen, ja, die Dinge überhaupt wahrzunehmen. Mitte 40 ist sie, ohne Familie, Single und genau dieses Alleinsein ist es auch, das den Blick der Wahrnehmung schärft. Allein bekommt man viel mehr mit, kann getrost die Anderen beobachten, Geschichten spinnen, Schwächen entlarven oder über die jeweilige Position sinnieren. Dass sie dabei nicht immer glücklich ist, sich mitunter einsam fühlt, sich danach sehnt, was andere haben, ist zutiefst menschlich und wird dann wieder relativiert durch die Tatsache, dass die anderen mit ihrem Leben auch nicht unbedingt zufriedener sind. Eine Überschrift heißt: Bei der Psychoanalytikerin.

„Bei jeder Sitzung sollte man etwas Positives erzählen. Aus meiner Kindheit kamen leider keine Anregungen dafür. Also sprach ich über den Balkon meiner Wohnung, wenn die Sonne darauf scheint, während ich frühstücke. Und ich erzählte ihr von dem Wohlgefühl, im Freien einen aufgewärmten Stift in die Hand zu nehmen und zwei Zeilen damit zu schreiben.“

Zudem hat sie etwas, was die anderen nicht haben. Etwas was womöglich nur aus einer Melancholie, aus dem Alleinsein entstehen kann. Sie kann schreiben und darin Zustände verwandeln, Umstände verändern. So lesen wir auch über die Eltern, die Schwierigkeiten und Brüche, die in deren Beziehung passierten und die Auswirkungen auf das spätere Leben der einzigen Tochter. Letztlich geht es um das Recht auf Selbstbestimmung. Auch der Buchtitel sagt genau, was zählt: die eigene Verortung.

„Es hat keinen Sinn, darauf zu beharren, denn es will ihr (Anm.: der Mutter) nicht in den Kopf, dass mir das Alleinsein auch eine gewisse Genugtuung verschafft. Trotz ihrer angeblichen Verbundenheit interessiert sie mein Standpunkt nicht, und darin liegt meine wahre Einsamkeit.“

Da ist die Liebe zum Theater in Erinnerung an den früh gestorbenen Vater. Aber auch der Zwang der selbst auferlegten Sparsamkeit, der längst nicht mehr sein müsste. Wir lesen, dass sie nie einen Ehemann hatte, aber mit diversen Ehemännern zusammen war.

„Bis eines Tages im April jemand bei mir klingelte. Ich dachte, er sei es. Doch es war eine andere Frau, die meinen Freund genauso gut kannte wie ich. Sie traf ihn an den Tagen, an denen wir uns nicht sahen. Mit dieser Frau habe ich fast fünf Jahre lang denselben Mann geteilt.“

Auf nur 160 Seiten gelingt Jhumpa Lahiri ein sprachliches Meisterwerk. Die Bilder, die aus dieser feinen sensiblen Sprache aufsteigen, lassen mich mit der Heldin durch italienische Städte und Landschaften gehen. Ich erlebe den „Ferragosto“, wenn die Stadt sich leert, weil alle Bewohner in die Sommerfrische fahren, ich schmecke den „caffè“ und das „panino“ im quirligen Leben in der italienischen Bar an der Piazza. Ich darf aber auch eine Schicht tiefer gehen. Ich spüre, was in ihr vorgeht, spüre die Seele in allem, das so überreiche Innenleben und die Traurigkeit, die Melancholie, von der auch die Stadt geprägt ist an manchen Orten. Ich bin restlos eingenommen von dieser Literatur, die mir einen verzauberten Sommer-Sonntag geschenkt hat. Ein Herzensbuch! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde von Margit Knapp aus dem Italienischen übersetzt.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Literaturreich.

Hans Joachim Schädlich: Die Villa Rowohlt Verlag

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Nach „Felix und Felka“ über das Künstlerpaar Nussbaum/Platek folgt nun ein Roman, der ein Haus in den Mittelpunkt stellt. In „Die Villa“ zeigt sich auch wieder die große Meisterschaft, die Hans Joachim Schädlich beherrscht: Die Kunst der Verknappung. Schmale Bände sind es mit kurzen Kapiteln. Doch immer wiegen sie mindestens doppelt so schwer. Denn das was der Autor nicht mitteilt, liest sich aus den Zusammenhängen dennoch heraus und verbindet sich zu einer komplexen Geschichte. Mehr und mehr erinnert mich diese Schreibart auch an Eric Vuilards (z.B. „Tagesordnung“) Herangehensweise.

Schädlich erzählt aus der Lebensgeschichte einer Familie im Vogtland, die durch strebsames Arbeiten und Wirtschaften zu Vermögen gekommen ist. Seine Geschichte umfasst den Zeitraum anfangs der 30er Jahre bis zu den Anfängen der DDR. Die Gründerzeitvilla mit großem Landschaftsgarten, die 1890 erbaut wurde wird in einem Prolog vorgestellt und auch das Schlußkapitel ist ihr wieder gewidmet. Zwischendrin begleiten wir die Mitglieder der Familie Kramer, die das Haus 1940 beziehen. Bereits das erste Kapitel, in dem Elisabeth Kramer „sich vorstellt“, legt den Grundstein für ein falsches Leben im Richtigen.

„Ich wollte keine Kinder“, sagte Elisabeth Kramer. „Ich wollte nicht heiraten“. Ich wollte nach der Volksschule in Oberheinsdorf was Soziales lernen und wollte in die Welt. Aber mein Vater hat nur die Jungs was lernen lassen, die gar keine Lust dazu hatten.“

Doch 1931 mit 18 Jahren „muss“ sie den Hans heiraten, kurz darauf kommt das erste Kind. Hans kommt aus einer Drogistenfamilie und steigt beim Schwiegervater in den Wollgroßhandel ein. Gleichzeitig wird er als NSDAP-Mitglied Ortsgruppenleiter der kleinen Stadt und die Familie wächst. Die Kinder, 3 Jungs und ein Mädchen, leben direkt in die von den Nazis geschaffenen Strukturen hinein, werden Pimpfe, später schickt man sie in die NAPOLA. Das Ehepaar verfolgt scheinbar nur am Rand mit, wie sich die Situation in Deutschland verändert, wie das angrenzende sudetendeutsche Gebiet übernommen wird, wie der Krieg erklärt wird, wie der einzige Jude im Ort, der Doktor, aus dem Alltagsleben verschwindet, wie einer von Elisabeths Brüdern, der psychisch krank ist, in einer Heil-und Pflegeanstalt plötzlich verstirbt. Der Garten der Villa wird neuerdings von einem französischen Zwangsarbeiter in Schuss gehalten. Die Familie lebt im Wohlstand, es gibt Auto und Dienstmädchen, scheint von der Verfolgung der Juden nichts mitzubekommen, hat auch in der Zeit während des Kriegs zunächst keinerlei Mangel. Der aufgrund einer Herzschwäche vom Wehrdienst befreite Hans fährt sogar mehrmals zur Kur quer durch Deutschland. Nur bruchstückhaft dringen die schrecklichen Geschehnisse auch in die Familie ein.

Nach Hans Tod durch Herzversagen 1943 zeigt sich Elisabeths soziale Stärke. Sie schafft es, als deutlich wird, dass der Krieg bald verloren sein wird, das Haus, ihre Eltern und die Kinder durchzubringen und später beim Einmarsch der Amerikaner sogar Unterstützung zu bekommen. Dennoch entscheidet sich sie nach deren Abzug die Heimat nicht aufzugeben, obwohl nun das Gebiet nach der Aufteilung der Alliierten an die Russen fällt …

Alles liest sich vollkommen natürlich, würde man diese Geschichte nicht mit dem heutigen Wissen lesen. Schädlich konstruiert das sehr geschickt. Er lässt den Krieg und die Gräueltaten der Nazis nur in ganz geringen Dosen in die im Kleinen heile Familienwelt einfließen, setzt bewusste Akzente. Erklärt nicht viel, lässt die Leser in der eigenen Vorstellung dieses Familienlebens treiben. Einzig der liebenswerte kleine Sohn Paul kommt einem hier als Persönlichkeit näher und steht vielleicht auch stellvertretend für die erschreckende Naivität der Bewohner dieser „normalen“ Familie im ländlichen Vogtland. Große Empfehlung!

„Die Villa“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Menschheitsdämmerung ~ Symphonie jüngster Dichtung Hrsg. Kurt Pinthus Rowohlt Verlag

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Schon seit meiner Buchhändlerausbildung steht dieses Buch in meinem Regal. Eines von denen, die ich nie aussortieren würde. Nun hat der Rowohlt Verlag zum 100-jährigen Jubiläum diese wunderbare Anthologie expressionistischer Gedichte in einer neuen gebundenen Ausgabe herausgebracht, mit einem Nachwort von Florian Illies. Es lohnt sich, sich spätestens jetzt dieses Buch zuzulegen, denn es enthält Lyrik, die zur Zeit als sie geschrieben wurde, bahnbrechend war.

Die Gedichte im Buch sind nicht nach Autoren oder chronologisch sortiert, sondern nach bestimmten Motiven, die diese Zeit abbilden. So lauten einzelne Kapitel „Sturz und Schrei“, „Erweckung des Herzens“, „Aufruf und Empörung“ und „Liebe den Menschen“. Das Buch hatte großen Erfolg: „Es erlebte in zwei Jahren vier Drucke mit 20 000 Exemplaren“, schreibt Kurt Pinthus in seinem Vorwort der Neuauflage über die erste Ausgabe von 1919. Davon kann ein heutiger Lyrik-Verleger nur träumen.

1959 ergänzte Pinthus dann die Neuauflage mit biografischen Daten der Dichter. Dazu kommt manches gezeichnete Porträt eines Dichters. Man muss auch wissen, dass zu diesem Zeitpunkt, manche der Autoren, in der NS-Zeit geächtet, vertrieben oder getötet, vollkommen verschwunden waren aus dem Literaturkanon.

Etwas ganz neues brach damals in der Zeit des Expressionismus an. In der Lyrik ist diese Epoche verkörpert von Autoren wie Georg Trakl, Gottfried Benn, Elke Lasker-Schüler, u. v. a. Wohl jedem bekannt ist hier natürlich auch das berühmte Gedicht von Jakob van Hoddis „Weltende“:

„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“

Auch der Dichter Georg Heym, der mir kürzlich durch den großartigen Roman „Der Gott der Stadt“ von Christiane Neudecker, wieder ins Bewusstsein gerufen wurde, ist mit seinen Gedichten dabei. Er starb noch jung, als er im Winter 1919 auf dem Wannsee ins Eis einbrach. Darüber hinaus erfährt man einiges in oben genannten aktuellen Roman.

«Mein Gott, ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthusiasmus in dieser banalen Zeit», so schrieb der Dichter Georg Heym am 15. September 1911 in sein Tagebuch. Seine Verse und die seiner Generationsgenossen sind also auch immer Versuche, endlich wieder frei atmen zu können.“

Bemerkenswert ist allerdings auch, dass es nur eine einzige Dichterin, nämlich Elke Lasker-Schüler, in diese Sammlung geschafft hat. Sie ist glücklicherweise mit vielen Gedichten vertreten und toppt dabei so manche der enthaltenen männlichen Autoren.

Alles in allem finde ich diese Sammlung sehr gut, um sich einen Überblick über diese prägnante „neue“ Lyrik zu verschaffen. Womöglich kommt einem aus Schullektüren einiges bekannt vor; so ging es mir jedenfalls. Die Themen sind zeitlos, vieles berührt heute noch genauso wie damals. Und vieles, was damals an Schrecken und Grauen benannt wurde, ist auch heute noch nicht Vergangenheit.

„Genau in dieser Versöhnung der vermeintlichen Gegensätze durch die Kraft der Sprache, in diesem Aufbrechen der Hierarchien liegt der Befreiungsakt der Lyrik des Expressionismus – und deshalb wirkt er nach jedem seiner Untergänge so unzerstörbar weiter.“

Das Buch erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe und weitere Infos über den Jubiläumsband gibt es hier.

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive Rowohlt Verlag

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1241 Seiten: Max. Mischa. Owen. Theater. Apokalypse Now. Beckett. Vietnam-Krieg. Ionescos „Die Nashörner“. 09/11. Klavier. New York. Jazz. Stavanger. Freundschaft. Liebe. Kunst. Und eine schwer greifbare Melancholie.

Das sind die Stichworte, auf die ich Johan Harstads großen Roman reduzieren könnte, wenn ich es wollte. Ziemlich schnell sah ich Verwandtschaften zu zwei anderen gewichtigen Büchern. Ich finde nach wie vor, dass dieser Roman eine Art Mischung ist aus den von mir geliebten Romanen „4321“ des US-Amerikaners Paul Auster und „Magnet“ des Norwegers Lars Saabye Christensen. Ganz ähnliche Themen werden hier verhandelt. Und wie diese beiden, ist es ein gewaltiger Roman, pure Erzählkunst, wie sie nur über so viele Seiten geschehen kann. Nur auf diese Weise kann ich in eine Geschichte total versinken. Dabei sein. Mit leben. Spüren, was die Figuren fühlen. Selten sah eines meiner Bücher nach Beendigung der Lektüre so zerlesen aus. Es musste überall mit hin … und es war danach schwer, etwas gleichwertiges zum Lesen zu finden.

Tatsächlich spielt die Handlung dann auch zum Teil in Norwegen und in den USA und sie beginnt 1988 und endet 2011. Max lebt in Stavanger, seine Eltern sind kommunistische Aktivisten. Als 11-jähriger Junge spielt Max mit seinen Freunden allzu gerne Krieg. Der Film „Apokalypse Now“ wird später zum Highlight des beschaulichen Lebens in der Kleinstadt in Norwegen. Als seine Eltern mehr als überraschend beschließen, in die USA nach New York auszuwandern, bricht für den inzwischen 14-Jährigen eine Welt zusammen.

„… ich höre selbst, wie meine Sprache an Steinchen erinnert, die zwischen den Zähnen knirschen. Und so soll es auch sein. Die Kiesel sind das Resultat einer Sprache, die Jahrtausende überdauert hat, sie wurde aus dem Altnordischen herausgeschliffen, von Gletschern aus Felswänden geschürft, mit den Sedimenten aus dem Fjord gewaschen, vom Wind fortgeweht, …“

Der Vater wird Pilot bei American Airlines und glänzt durch Abwesenheit, was Max und seine Mutter näher zusammen bringt. Als er in der neuen Schule Mordecai kennenlernt, beginnt eine enge Freundschaft, die für die Entwicklung beider wichtig ist. Die beiden beginnen zunächst mit gemeinsamem Sport, wechseln schließlich zum Theaterworkshop der Schule und werden in diesem Metier richtig gut. In einem Sommer auf der New Yorker Insel Fire Island, lernt Max durch Mordecai Mischa kennen. Max ist 16, Mischa ist 23, kommt aus Montreal und ist bereits im Begriff als Künstlerin bekannt zu werden. Beide beginnen trotz mancher Widrigkeiten eine Liebesbeziehung. Max und Mordecai studieren an Schauspielschulen, Max wechselt ins Fach Regie und wird damit später recht erfolgreich. Mordecai hat es als Schauspieler schwerer und lebt oft am Limit. Ihre Freundschaft wird die Jahre überdauern, sie verlieren sich nicht aus den Augen.

Weiterhin kommt Owen ins Spiel. Er heißt eigentlich Ove und ist Max`von den Eltern tot geschwiegener Onkel. Ove verließ als junger Mann sein Heimatland, um in den USA Pianist zu werden. Doch der Erfolg ließ auf sich warten. Um die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erhalten, meldete er sich freiwillig für den Vietnam-Krieg, der damals, wie jeder glaubte, bald zu Ende sein würde. Diese Zeit prägt Ove/Owen nach seiner Rückkehr stark. Nach einigen guten Jahren mit seiner großen Liebe, kommt es zur Trennung. Erschüttert beginnt er in New York ein weiteres Mal ganz neu. Er findet Arbeit in einer Klavierfabrik, beginnt langsam wieder mit dem Klavierspiel und landet schließlich durch unvorhersehbare Umstände in einer riesigen Wohnung im damals architektonisch ungewöhnlichen Wohnhaus, genannt Apthorp, in Manhattan.

Max fasziniert der fremde Onkel und als beide sich kennenlernen, verstehen sie sich wunderbar. Max und Mischa ziehen schließlich bei Owen ein. Es folgen glückliche, spannende, bewegte Jahre, die einen großen Teil der Geschichte ausmachen. Doch so wie das Gebäude immer maroder wird, bröckelt auch Mischas Liebe zu Max, wird Owens Körper durch eine Krankheit immer fragiler. In dieser Zeit lebt auch Mordecai, mangels Geld und Arbeit eine Weile mit im Apthorp. Mischa trennt sich von Max und geht zunächst nach Kalifornien, dann nach Montreal zurück. Ihre Bilder werden auf dem Kunstmarkt hoch gehandelt.

„Kunst von einer Künstlerin war schwieriger zu verkaufen. Sie musste, das wurde nie gesagt, aber immer gedacht, doppelt so gut, doppelt so kontrovers, aggressiv und sexy sein, um auf dem Markt dieselben Preise zu erzielen wie die Werke der männlichen Kollegen. Zusätzlich geplagt von der Furcht, man könnte es womöglich auch noch mit feministischer Kunst zu tun haben, …“

All das wird in Rückblenden erzählt. Max fährt mit dem Auto, um unabhängiger zu sein, von Auftrittsort zu Auftrittsort quer durch die USA. Sein neuestes Stück ist so erfolgreich, dass sich diese Tournee durch große Schauspielhäuser ergeben hat. Auf dieser Reise gerät auch Max an seine Grenzen, stellt sich die Frage, ob er mit dem Theater weiter machen will. Ein unerwartetes Wiedersehen mit Mischa bei einem sehr traurigen Anlass,

„… denn wenn es Temperaturen von Einsamkeit gibt, sind diese letzten Minuten die kältesten, weit unter dem Nullpunkt, ein Ort, zu dem Telefone oder Stimmen und Freunde und Familie nicht mehr durchdringen und in dem sich alle Moleküle zu einer unerschütterlichen Ruhe ordnen, …“

scheint dann aber neue Möglichkeiten zu eröffnen …

Und Wahnsinn: Was für ein Schluss! Welch große Erzählkunst! Harstad lässt seinen Helden Max in einem furiosen Showdown seinen ganz eigenen „Apokalypse Now“-Augenblick erleben. Welch ein Finale! Ein beglückendes Leseabenteuer, wie es selten zu finden ist, durfte ich hier erleben. Johan Harstad hat einen nahezu perfekten Roman konstruiert, dessen Sprache und Erzählweise mit dem Inhalt, den verhandelten Themen, um die Wette glänzen. Allem liegt eine tiefe Melancholie zugrunde, eine Dringlichkeit und Intensität, wie ich sie mag. Müsste man aus der großen Menge der diesjährigen Neuerscheinungen zum Buchmesse-Gastland Norwegen nur einen Roman wählen, dann bitte diesen. Ein nordlichtes Leuchten!

„Max, Mischa & die Tet-Offensive“ erschien im Rowohlt Verlag und wurde von Ursel Allenstein brillant aus dem Norwegischen übersetzt. Hier gibt es ein schönes Interview mit der Übersetzerin und hier eines mit dem Autor Johan Harstad. Zudem ist das Buch auch noch äußerlich interessant gestaltet. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere ebenso begeisterte Besprechungen gibt es bei Klappentexterin, Masuko13 und Buzzaldrins.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nell Zink: Virginia Rowohlt Verlag

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Obgleich Nell Zink schon mit ihrem Roman „Der Mauerläufer“, zu dem es eine schöne Entstehungsgeschichte gibt, in der auch der Autor Jonathan Franzen, der ja ein leidenschaftlicher Vogelbeobachter ist, eine Rolle spielt, hierzulande bekannt wurde, ist es der erste Roman, den ich von ihr lese. Sie ist mir gleich irgendwie sympathisch, da sie vor einiger Zeit nach Bad Belzig in Brandenburg statt nach Berlin zog, weil sie sich in der Hauptstadt die Miete einfach nicht leisten konnte. Könnte mir bald ähnlich gehen …

Dass ich nun ihren Debütroman „Virginia“ lese, der tatsächlich in Virginia, USA spielt, hat den einfachen Grund, dass ich die skurrile Idee, dass eine lesbische Studentin und ihr schwuler Literaturprofessor heiraten und Kinder bekommen, ziemlich witzig fand. Und die noch skurrilere Idee, nach der Trennung mit der kleinen Tochter die Identität einer Schwarzen anzunehmen, einfach genial fand. Hier merkt man schon gleich, dass Zink allerhand in ihren Roman packt und dabei so manche Grenze überschreitet. Dennoch ist der Roman kein bisschen überladen, sondern einfach nur witzig auf hohem Niveau. Zink weiß viel, denkt viel. Schreibt mit viel Humor, wenngleich die Sprache auf Dauer für mich schon etwas glatt nach Creative Writing klingt. Vielleicht ist es auch einfach die amerikanische Art, die Dinge auszudrücken. Wenn ich „Virginia“ mit dem Roman „Max, Mischa und die TET-Offensive“ des Norwegers Johan Harstad vergleiche (lese ich gerade parallel), der auch in den USA spielt, dann liegen Welten dazwischen.

Da ist also Peggy (später Meg), lesbische Studentin und ihr schwuler Professor, Lee Fleming. Da Meg ziemlich schnell schwanger wird, heiraten die beiden, bekommen auch noch ein zweites Kind, obwohl sie eigentlich gar nicht für ein Zusammenleben geeignet sind.

„Für eine Lesbe bedeutete Lees Haus einen kalten Entzug. Es konnten Monate vergehen, ohne dass man eine Frau zu Gesicht bekam. Aber das war auch egal, wenn man vorgehabt hatte, eine bleistiftdünne Verführerin in Schwarz zu sein, und nun im karierten Bademantel am Herd stand und Pfannkuchen buk.“

Eines Tages haut Peggy dann auch mit der Tochter ab, nachdem sie den Wagen ihres Mannes in den See gefahren hat, aus Wut über seine Untreue. Der Sohn bleibt beim wohlhabenden Vater. Im geschichtsträchtigen ländlichen Südstaaten-Virginia übernimmt Peggy/Meg mit ihrer Tochter eine neue „schwarze“ Identität, was tatsächlich nicht hinterfragt wird, denn es gibt hier viele Abstufungen des „Schwarzseins“. Sie kämpft sich mit ihrer Tochter Mireille/Karen quasi mittellos durch, schreibt nebenher Theaterstücke für die Schublade. Tatsächlich findet ihr Mann, der Detektive los schickt, um sie wegen Kindesentführung dingfest zu machen, sie deshalb nicht. Mit kleineren illegalen Drogengeschäften verdient sie ihr Geld, nach außen hin rechtschaffen. Die Tochter, die nichts von Vater und Bruder ahnt, kann studieren gehen mit ihrem schwarzen Freund Temple, beide erhalten ein Stipendium für „Minoritäten“.

„Und ihre Tochter war (…) wenn schon nicht das beliebteste aller Kinder, das Idol aller Emigranten der Vorstädte. Das geisterhafte, flachsblonde schwarze Kind war geradezu der Solz der Bürger. Die hofften, sie würde in der Gegend bleiben, einen hellhäutigen Mann mit blauen Augen heiraten und eine dieser Konversationsstück-Dynastien begründen.“

Der Sohn Byrdie, einige Jahre älter, wächst ohne Sorgen beim Vater heran, nimmt sein Studium nicht so ganz ernst und konsumiert mitunter mit Mitstudenten Drogen. Zum Showdown kommt es, als Temple und Karen auf einer Studentenfete nichts ahnend auf Byrdie treffen. Hier gibt Nell Zink Gas und schlittert mit allerhand Unglaubwürdigkeiten rasant auf ein Happy End mit einer Art Familienzusammenführung zu. Das ist schon leicht übertrieben, aber wie hätte ein anderes Ende in solch einer Geschichte enden sollen? Zinks Sprache hilft auf jeden Fall über manche allzu pathetische Passage hinweg. Mitunter salopp, derb, aber auch mit vereinzelten poetischen Einschüben ist das Buch auf jeden Fall durchweg abwechslungsreich und spannend zu lesen. Vor allem, wenn man, so wie ich, so gut wie keine Ahnung vom US-amerikanischen Süden hat, lernt man allerhand über das soziale Gefüge und gesellschaftsspezifische Besonderheiten. Denn die 1964 in Kalifornien geborene Nell Zink wuchs selbst im ländlichen Virginia auf. Alles in allem ist „Virginia“ ein Roman, denn ich flott und mit Gewinn gelesen habe.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag, dem ich für das Rezensionsexemplar danke. Übersetzt hat es Michael Kellner. (Zink schreibt in Englisch, obwohl sie sehr gut Deutsch spricht.) Eine Leseprobe gibt es hier

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Siri Hustvedt: Damals Rowohlt Verlag

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„Sagen Sie mir, wo die Erinnerung endet und die Erfindung beginnt? Sagen Sie mir, warum ich Sie als Reisegefährtin brauche, als meine jeweils liebe und launische Andere, meine Partnerin für die Dauer dieses Buchs? Wie kommt es, dass ich Ihren Schritt neben mir fühle, während ich schreibe?“

Siri Hustvedts neuer Roman beginnt schon auf den ersten Seiten zu leuchten. Ihr Thema ist nach vielen Essays und dem Roman „Der Sommer ohne Männer“ Biografisches. Die Autorin gleitet zurück in die Zeit, in der sie als junge Frau ihre erste eigene winzige Wohnung in New York bezog. Aus Tagebucheinträgen der 21-jährigen, einem ersten Romanmanuskript und aus der Perspektive der 61-jährigen, setzt sich ihr Buch zusammen. Zeit scheint dabei nicht wichtig. Das Damals mit dem Heute momentweise zu verschmelzen. Sich Erinnerungen auszusetzen, einzelne Stücke zu einem plausiblen Ganzen zusammen zu setzen.

„In der Erinnerung“, sagte sie, „gibt es kein wirkliches Voraus oder Hinterher, nicht wahr? Die Erinnerung wallt im Jetzt auf, in der vertikalen Zeit. Und erinnerte Zeit ist, wie Sie wissen, mit Imagination durchsetzt. Wer bin ich eigentlich?“

S.H., genannt Minnesota, hat sich nach dem Schulabschluss ein Jahr Frist gesetzt, um einen Roman zu schreiben, bevor sie ihr Studium antritt. Ziel ist die Stadt New York. In einer heruntergekommenen Wohnung liest sie, schreibt und lauscht der seltsamen Nachbarin Lucy, die abends und nachts eine Suada von Tönen und imaginären Gesprächen los lässt. S. H. lernt ihre beste Freundin Whitney kennen und sie ziehen durchs Viertel. Intellektuelle Parties und alternative Lesungen werden besucht. Liebesaffären ausgelebt. Anhand eines wiederentdeckten Tagebuchs rekonstruiert die heutige Siri Hustvedt ihr damaliges Leben. Zwischendurch lesen wir Abschnitte aus dem Romanmanuskript, dass eine Detektivgeschichte werden soll. Erlebnisse aus dem Alltag fließen hinein.

Die Erinnerung an den Vater, der Arzt war, den sie manchmal als Kind begleiten durfte zu seinen Hausbesuchen. Der, als sie stolz ihre Anatomiekenntnisse vorführte, nur meinte, sie würde bestimmt eine gute Krankenschwester – „Ich werde mich weit über dich hinauslesen, Vater.“ Die Entscheidung über den Vater hinauszuwachsen. Zu lesen und nochmal zu lesen, um zu wissen. Und dann im Jetzt, die Telefonate der heutigen Siri mit der alten Mutter, die immer mehr vergisst, wiederholt nach ihrem Schreiben fragt, vielleicht stolz auf die Tochter ist.

Das Erinnern und Reflektieren der Fünferbande, des damaligen engen Freundeskreises von S.H. Wie sich alle eine eigene Geschichte zu S.H.`s sonderbarer Nachbarin Lucy zusammenspinnen. Die Entdeckung der DADA-Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, Freundin von Marcel Duchamp, dessen berühmt gewordenes Werk „Fountain“ eigentlich ihre Idee war, die mit der Schriftstellerin Djuna Barnes befreundet war.

Sie beschreibt außerdem genau das, was in einem Essay in Rebecca Solnits Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ dargestellt wird. Ganz klar. Männer überall tun das immer und immer wieder und auch die junge Siri hat damit zu kämpfen. Einmal erfährt sie Gewalt und entgeht dabei nur knapp einer Vergewaltigung, weil die Nachbarin mit ihren Freundinnen zur Stelle ist. Die Siri aus dem Jetzt hinterfragt diese Szene und hadert noch immer mit sich selbst, zu „brav“ gewesen zu sein.

Von Lucy erfährt S. H. dann auch deren traurige Familiengeschichte. Bei einer Dinnerparty, zu dem S.H. von Lucys esoterisch spirituellen Freundinnen eingeladen ist, geschieht schließlich so etwas wie eine, man könnte sagen „Initiation“. Der zunächst kluge, sympathische Philosophieprofessor, entpuppt sich als seine Ehefrau unterdrückender und überheblicher, Frauen die Welt erklärender Macho. Wie Hustvedt die Geschehnisse dieses Dinners schildert, diese Verwandlung, diese Erkenntnis, auch im inneren S. H.`s, deren Widerstand endlich auflebt und als hoch intelligente Suada zu Tage treten darf,  ist grandios. Das ist Erzählkunst par Excellence!

„Aber ich zitierte Wittgenstein, dem ich mich so viele Stunden gewidmet hatte, und um Sarahs Mann, den ich, wie ich merkte, angefangen hatte zu hassen, noch weiter zu verletzen, zitierte ich hochtrabend auf Deutsch …“

Dass S. H. schließlich offenbart wird, sie sei in einen Hexenzirkel geraten – „Wir sind entschieden gegen alle patriachalen Religionen. (…) Wir sind gegen den Hass des Patriarchats auf den Körper und die Sinnlichkeit, die Natur und die Frauen. Wir glauben an die alte Ökologie, an Harmonie und Heilen.“  – beschäftigt diese noch lange. Und wer weiß, vielleicht hat dieses Erlebnis die Frau und Autorin Siri Hustvedt ja doch auch geprägt in ihrer feministischen Entwicklung?

„Wenden Sie sich nicht von Ihren Gaben ab. Entschuldigen Sie sich nicht dafür. Fürchten Sie auch nicht Ihre Wut. Die kann nützlich sein. Und merken Sie sich: Die Welt liebt starke Männer und hasst starke Frauen. Ich weiß das. Die Welt wird sie strafen, aber Sie müssen daran festhalten.“

Später trägt S.H. immer ein Springmesser bei sich, dass ihr eine Freundin nach dem Angriff zur Selbstverteidigung schenkte. Sie nennt es liebevoll „Baroness“. Und mit der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven schließt sich der Kreis: Frauen im Schatten der Männer … so gern ich Paul Austers Bücher lese, Siri Hustvedt sollte nie im Schatten ihres Ehemanns stehen. Ihr Werk ist klug und reif und zeugt von unglaublicher sprachlicher und erzählerischer Stärke! Ein strahlendes Leuchten!

„Damals“ erschien im Rowohlt Verlag. Die Übersetzung kommt von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Es gibt zudem einige karikaturhafte Illustrationen von der Autorin selbst. Ebenso empfehlenswert: die gleichzeitig erschienenen Essays zum Thema Kunst, Geschlecht und Geist unter dem Titel: „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“. Und natürlich, wer ihn noch nicht kennt, der 2003 erschienene bekannteste Roman „Was ich liebte“, den ich noch aus Buchhändlerzeiten im Regel stehen habe.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar von „Damals“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Margarete Stokowski: Untenrum frei Rowohlt Verlag / Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären btb

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„Frauen unterschätzen sich und werden unterschätzt, immer noch. Sogar Stürme mit Frauennamen werden unterschätzt. Hurrikane mit Frauennamen töten mehr Menschen als solche mit Männernamen, weil Leute sich vor ihnen seltener in Sicherheit bringen.“

Zwei Sachbücher, die ich lange schon lesen wollte und es nun endlich, trotz der vielen noch zu lesenden Romane, getan habe. Es schien die passende Zeit. Dennoch haben beide mich nicht überzeugt und ich wende mich in Zukunft lieber wieder Romanen mit diesen Themen zu, die in meinen Augen, oft tiefer wirken.

Margarete Stokowski ist derzeit eine stete Stimme. Sie hat soeben ihr zweites Buch zum Thema Feminismus veröffentlicht und schreibt für diverse Zeitungen. Stokowski lebt in Berlin und ist Jahrgang 1986.
Die Autorin versucht aufzudröseln, was alles schief läuft, was alles von Anfang an anders laufen könnte. Das schafft sie, wie ich meine, ganz gut. „Untenrum frei“ scheint mir allerdings für eine andere Generation als meine geschrieben zu sein. Ich bin nicht mit sozialen Medien aufgewachsen und darüber wirklich froh. Zwar habe ich allerhand wiedererkannt und doch ist es mir oft fremd, was Stokowski schreibt. Tatsächlich wundert es mich, dass es immer noch Jugendzeitschriften wie „Bravo“ und „Mädchen“ gibt, die ich, zugegeben, als Teenager schon zu meiner Zeit las. Erschütternd finde ich, was diverse „Frauenzeitschriften“ (die ich seit 100 Jahren nicht mehr lese), für ein Frauenbild aufzeigen, als sind Frauen erst dann Frauen, wenn sie deren Mode-, Kosmetik-, Sex- und Beziehungstipps berücksichtigen. Stokowski führt einige Beispiele an, bei denen mir schlecht wird.

„Hätte es wirklich eine sexuelle Revolution gegeben, dann wäre die Palette breiter und das Bild der sexuell attraktiven Frau wäre nicht auf eine reine, junge, glatte und „unverbrauchte“ Version beschränkt.“

Dass Stokowski anhand ihrer eigenen Erlebnissse in Kindheit, Jugend, usw. spiegelt, was alles schief läuft, ist verständlich. Sicher braucht es etwas, auf das man sich beziehen kann. Dennoch wird mir manches zu persönlich. Andererseits finde ich ihren Stil passend für unsere Zeit. Sie sagt nie, so muss es sein, gibt aber Anregungen, wie es sein könnte, stellt Fragen. Was mich verwundert, ist die teils derbe Sprache. Und auch wenn sie von sich erzählt, sie habe „früher haufenweise sexistische Witze und Sprüche gemacht, weil es ankam“, dann ist das für mich unverständlich und wenig achtsam und mindert für mich auch ein wenig die Glaubwürdigkeit der Autorin (die z.B. ein Kapitel „Die Poesie des Fuck you“ nennt).

Das Buch ist flugs gelesen und stellenweise auch recht unterhaltsam, mitunter nachdenklich stimmend. Nachhaltig wirkt es allerdings bei mir nicht. In vielem teile ich nicht ihre Meinung. Ein autobiografisches Buch, das ich kürzlich las, wirkte da viel tiefer und zeigte ganz ähnliche Themen in jedoch anderer Art und Weise auf: „Die Jahre“ von Annie Ernaux habe ich auch bereits hier auf dem Blog besprochen.

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Rebecca Solnit ist US-Amerikanerin und Jahrgang 1961. Ihr Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“, obgleich es schon typisch amerikanisch geprägt ist, zeigt auf ein Thema, was wirklich extrem auffällig ist und tief verankert in westlichen Kulturen. Leider behandelt nur einer der Essays, aus denen das Buch zusammengesetzt ist, genau diese Situation.

„Männer erklären mir die Welt, mir und anderen Frauen, ob sie nun wissen, wovon sie reden, oder nicht. Manche Männer jedenfalls.
Jede Frau weiß, wovon ich spreche.“

In weiteren Kapiteln schreibt Solnit über das Thema Vergewaltigung und berichtet vor allem über die Massenvergewaltigungen in Indien. Zum Thema Vergewaltigung las ich kürzlich Bettina Wilperts Roman „Nichts, was uns passiert“, welches ich sehr viel dichter und interessanter fand. Die Besprechung gibt es hier.

Weitere Kapitel handeln von dem in den USA in die Schlagzeilen geratenen Strauss-Kahn. Nach und nach kommt hier die ganze Dimension seiner sexuellen Übergriffe an die Öffentlichkeit. Alles deutet schon in Richtung #metoo-Debatte. Wenn die Autorin sich allerdings mit Susan Sonntag trifft, um über Virginia Woolfs Thema der „Dunkelheit“ in ihrem Werk spricht, ist mir das zu theoretisch und nicht nah genug an der heutigen Wirklichkeit. 

Genauer betrachtet hat mir auch dieses Sachbuch nicht wirklich relevante Neuigkeiten überbracht. Mein Ausflug in die Welt der Sachliteratur zum Thema Feminismus ist damit wohl erst mal beendet.

Matthias Nawrat: Der traurige Gast Rowohlt Verlag

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Ein Berlinroman, dachte ich. Wieder ein Berlinroman. Ich lebe in Berlin. Muss ich wirklich noch etwas über Berlin lesen, fragte ich mich. Zum Glück wurde Matthias Nawrat mit seinem neuen Roman „Der traurige Gast“ dann für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Das war Anreiz, zumindest hineinzulesen. Und: Was soll ich sagen? Ein Glück! Dieser Roman ist so ganz weit weg von all diesen Szene-und Mode-Berlin-Romanen, dass es ein großes Leseglück ist. „Der traurige Gast“ ist ein stiller Roman, der nichts Großes will, der aber gerade im Kleinen das Große findet. Beim Lesen denke ich dauernd, genau so ist es geschehen, genauso „recherchiert“ Nawrat für seine Bücher. Ich kenne das ja selbst: Wenn man schreibt, ist alles was man tut Vorbereitung und Recherche. Das Leben selbst schreibt in uns und wir Schreibende aus ihm heraus.

„Es war schon dunkel, und die Laternenlichter vervielfältigten die Dunkelheit des Abends in Dutzende Dunkelheiten – zwischen den geparkten Autos, unter den Simsen über den Hauseingängen, unter den Kapuzen oder Mützen der mir entgegenkommenden oder meinen Weg kreuzenden Viertelbewohner.“

Es geht hier ums Ganze. Um den Sinn. Um die Ver-rücktheit des Daseins in dieser Welt. Und um die Erkenntnis der Sinnlosigkeit allen Tuns. Die Schicksalhaftigkeit. Die Kleinheit eines Menschenlebens. Nawrat beschwört das alles herbei, indem er über das Alltägliche schreibt. Über die Begegnung mit Menschen, die unendliche Tiefe, die in jedem steckt.

„Die Zeit, so dachte ich in diesem Augenblick, ist zirkulär, faltet sich, wenn ich will, über sich selbst, sodass mein jetziges Leben in Berührung kommt mit dem schon vergangenen und gleichzeitig die Unendlichkeit in Berührung kommt mit ihrer eigenen Unmöglichkeit, während wir auf diesem Planeten, in dieser Stadt, in diesem Weltjetzt durchs Weltall fliegen.“

Der Held des Romans, ein Schriftsteller polnischer Abstammung, der mit seiner Frau in einem Berliner Kiez lebt und auf der Suche nach neuem Stoff für seine Bücher durch die Stadt wandelt, könnte ein Alter Ego des Autors sein. Alle seine Begegnungen sind in einer Weise unspektakulär, so dass sie ihm gerade recht kommen. Die ältere polnische Architektin, die nie ihren Kiez verlässt und anhand von Fotos die Wohnung des Protagonisten renovieren will. Was wirklich bei diesen Treffen passiert, ist das Öffnen einer wildfremden Person gegenüber. Sie erzählt ihm unverblümt aus ihrem Leben. Wobei sich zeitweise komische Augenblicke, trotz des Eindrucks größter Traurigkeit ergeben. Etwa wenn unser Held ihren selbstgebackenen Kuchen beschreibt.

„Wir aßen ein Stück Kuchen. Er schmeckte nach wie vor neutral, aber auch so, dass er mich nun aufmerksam machte auf sich selbst und auf etwas, das jenseits der Kategorie Geschmack zu liegen schien.“

Genau so der ehemalige Studienfreund, der beim Feierabendbier sein Leben vor ihm ausbreitet, sein polnischer Kollege an der Tankstelle, ein ehemaliger Chirurg, der trinkt, weil er den Tod seines Sohnes nicht überwindet, obwohl er damals bei der Flucht in den Westen Frau und Kind zurückließ, der Junge im Hinterhof, der einsam zu sein scheint, der selbstbewusste Schauspieler, der eine dramatische Geschichte erzählt mit sich in der Hauptrolle.

Der Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin, mit dem so prominent auf dem Bucheinband geworben wird, nimmt nur einen winzigen Teil des Buches ein und ist einer der unwichtigsten. Davon sollte man sich also nicht abschrecken lassen. So besteht das Buch komplett aus Sequenzen, die blitzlichtartig Momente aus Menschenleben beleuchten, dabei aber nur wenig über den Hauptprotagonisten verraten. Ihm scheinen sich alle anvertrauen zu wollen, er scheint ein guter Zuhörer für Redebedürftige. Wohl ist ihm dabei nicht immer, dennoch harrt er aus.

Matthias Nawrats Roman hat philosophische Tiefe, schaut mitunter in Richtung Religion und Spiritualität. Seine Sprache hat Reife und liest sich mit Genuß. Und ja, er erinnnert tatsächlich, wie kürzlich schon auf dem Blog „letteratura“ zu lesen war (hier gehts zur Besprechung), in seiner Erzählperspektive den Romanen von Rachel Cusk. Und es ist ein ganz wunderbar trauriger Roman, so wie ich Romane liebe. Ein Leuchten!

„Der traurige Gast“ erschien im Rowohlt Verlag. Der Roman steht auf der SWR-Bestenliste und wurde für den Leipziger Buchpreis 2019 nominiert. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Stewart O`Nan: Stadt der Geheimnisse Rowohlt

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Der neue Roman des US-Amerikaners Stewart O`Nan spielt in Jerusalem. Es ist die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, 1947, die Staatsgründung Israels nicht mehr fern. In der Stadt geht es drunter und drüber. Zionistische Untergrundgruppierungen wie Irgun und Hagana ziehen die Fäden. Oberflächlich ist Jerusalem die heilige Stadt der drei Religionen, Touristen kommen und gehen, Kibbuz werden ringsum gegründet. Überlebende des Holocaust und des Krieges, Geflohene, versuchen Fuß zu fassen und alle Schrecknisse hinter sich zu lassen. So auch Jossi, dessen gesamte Familie, lettische Juden, die Vernichtungaktionen der Deutschen nicht überlebt hat. Er arbeitet als Taxifahrer, zumindest offiziell. Doch in Wirklichkeit hat er sich einer Zelle angeschlossen, die gegen die britische Mandatsregierung agiert und dabei auch Anschläge und Morde nicht scheut. Er, der das Lager nur überlebt hat, weil er Mechaniker ist, lernt nun auch Sprengkörper zu bauen. Zu verlieren hat er ohnehin nichts, seine Lagererfahrung hat ihn zu einem gebrochenen Menschen gemacht und so macht er mit, vielleicht auch, um sich nicht ganz so einsam zu fühlen. Die Gruppe scheint zunächst Halt zu geben.

Seine Mitstreiterin in Sachen Untergrund, die in die Jahre gekommene Schauspielerin Eva, die zeitweise als Prostituierte (und Spionin) arbeitet, wird seine Geliebte. Im Taxi chauffiert er sie ins King David Hotel zu ihren „Terminen“. Beide wissen, dass es eher eine „Ersatzbeziehung“ ist, das die verstorbenen Ehepartner beider, nicht zu ersetzen sind. In seinen Träumen taucht wiederholt seine Frau Katja auf, die im heimischen Krähenwald mit dem Rest der Familie erschossen in einem Massengrab endete.

Nach verschiedenen gelungenen Einsätzen wird Jossi stolz auf sein Tun, doch näher eingeweiht, wie etwa Eva, wird er in die Planungen nicht. Und Eva verschweigt viel. Nicht immer läuft alles nach Plan. Jossi hadert oft mit der brutalen Gewalt, wird mehrmals auf eine Bewährungsprobe gestellt, sogar einmal kurz verhaftet. Warum er wieder freikommt, weiß er nicht. Die Männer seiner Zelle sind undurchschaubar in ihrer Geheimhaltung. Als eines Tages ein großer Coup gelandet werden soll, wird Jossi absichtlich nicht eingeweiht: In dieses Fall übernimmt Eva einen wichtigen, jedoch gefährlichen Part …

O`Nans Sprache ist leicht und flüssig. Er ist ein gekonnter Erzähler, das Buch unterhaltsam. Doch es ist ganz sicher nicht einer seiner besten Romane. Die beiden vorhergehenden „Die Chance“ und „Westlich des Sunset“ kann ich sehr empfehlen. Als Schauplatz des Romans macht sich Jerusalem allerdings sehr gut, die Handlung ist nah an tatsächliche Ereignisse angelehnt. Kurz war ich an Amos Oz erinnert, doch sind Oz`Romane bedeutender. „Stadt der Geheimnisse“ erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt hat Thomas Gunkel. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.