Georg Klein: Miakro Rowohlt Verlag

DSCN2745

Georg Klein hat eine blühende Phantasie. Das hat er schon immer bewiesen in seinen Romanen, aber hier übertrifft er sich selbst. In der Tat könnte man seinen neuen Roman mit Science-Fiktion untertiteln. Was ihn von diesem Genre allerdings trennt, ist die Sprache. Kleins Sprachinvasionen, Worterfindungen, Satzschlingen sind teilweise hanebüchen, aber wunderbar stimmig für diese herrlich abstruse Geschichte. Mit diesem Roman war er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Klein führt uns in eine Szenerie, in der ein Weltkörper (die Erde?) unberechenbar agiert. Es gibt die Innenwelt mit den Büroarbeitern des Mittleren Büros, mit Arbeitsplätzen an Glastischen, die erst wachsen mit dem Antritt eines Büromenschen. Es gibt Stollen, die sich plötzlich auftun. Meist vom Glastisch, der als eine Art bildgebender Computer fungiert, darüber in Kenntnis gesetzt, macht sich das Büropersonal auf, zur Materialübernahme, die ein Schacht „ausgewandet“ hat oder zum Nährstollen, wo das Wasser aus den Wänden gezapft werden kann und das Essen jedesmal eine Überraschung ist. So plötzlich wie ein neuer Nährstollen auftaucht, ist die Nahrungsquelle auch wieder versiegt. Dann heißt es Dicksprossenkeime aus der Wand zu pulen und das zähe Zeug zu kauen. Klein macht sich zudem ein Vergnügen daraus, dass seine Büromenschen nur noch mit Bildmaterial klar kommen, mit Buchstaben, Worten oder gar ganzen Sätzen haben sie es nicht so.

„Jede Materialschachtübernahme, die in der Bildtiefe ihrer Tische Wirklichkeit wurde, musste den armen Kerl, gleichgültig ob sie mit oder ohne Streit vonstatten ging, an seinen letzten Außeneinsatz, an ihren fatal verunglückten Vorstoß an den Rand der wilden Welt und damit an das Verschwinden des kleinen Wehler erinnern.“

Ihre Schlafstellen sind Nischen in der Wand, in der eine Art faserige Hängematte als Schlafplatz dient. Mitarbeiter, die nicht mehr gebraucht werden, werden „eingewandet“, sprich, die Schlafnische verschließt sich einfach. Jegliche Substanz rundum scheint irgendwie organisch zu sein und ein Eigenleben zu führen.

Dann gibt es die Wandler, die sowohl defekte Glasplatten reparieren, als auch nach erkrankten Büroangestellten sehen. Sie pendeln zwischen Innen- und Außenwelt. Draußen in der „wilden Welt“ lebt das Volk. Dorthin verschlägt es Nettler, den Büroleiter mit drei seiner Kollegen, nachdem seine Zeit als Chef abgelaufen ist. Nur ausgestattet mit Trinkflaschen, einer Gabel und einem „Schockstock“ ziehen sie durch die Gänge. Einer, Guler, kommt aus dem Hohen Büro, wo es jedenfalls zivilisierter zu ging, wo es echtes Wetter gab und gutes Essen. Und er scheint einen Auftrag zu haben.

Etwa in der Mitte des Romans wechselt die Perspektive: Wir Leser betrachten die Geschehnisse jetzt von außen. Fachleutnant und Naturkontrollagentin Xazy, die Frau aus dem mobilen Hauptquartier, soll herausfinden was mit den zum Forschungsgang ausgesetzten Personen passiert ist. Die Hundertschaften, bewaffnete Einheiten leben in einzelnen „Rayons“ und sind offenbar höher gestellt als das Volk. Hier heißen die Wandler Wunderer. Wird ein alter Mensch ausgemustert, wird er zum „Volksgang“ geschickt. Die Rekruten müssen eine „Fünfhundert-wichtige-Worte-Prüfung“ machen. Bücher scheinen etwas kostbares zu sein. Aus den wenigen noch vorhandenen wird vorgelesen:

„Er schlug ihn mittig auf und erwischte eine Doppelseite, auf der die Zahl der schmalen, ausnahmslos schwarzweiß gehaltenen Bildchen die Anzahl der fetten, leuchtend bunten Wörter deutlich übertraf. Eine solche Kombination war grundsätzlich leichter vorzutragen, da das Erraten eines unbekannten Worts eher gelang, wenn dessen Silben von Bildern flankiert wurden.“

Die Erde, so sie es ist, scheint durch nicht genannte Vorgänge vollkommen verändert, teils verwüstet und mit seltsamen mutierten Pflanzen und Pilzen bewachsen.

Dann verbinden sich die beiden Erzählperspektiven und alles gerät durcheinander. Zeit und Raum unterscheiden sich nicht mehr, sind wir womöglich in Parallelwelten unterwegs? Sehr langsam dröselt sich die Geschichte scheinbar auf. Ein allwissender Erzähler spricht von „uns“ und „wir“ und feuert gegen Ende des Romans gar seine Protagonisten an. Verstanden habe ich am Schluss nicht wirklich alles, aber Klein weiß von Anfang an so spannend zu erzählen, dass es sich auch mit einem verwirrenden Ende leben lässt. Dafür, dass ich kein Science-Fiktion-Fan bin, fand ich das Buch richtig gut, was sicher auch Kleins witziger Sprache geschuldet ist.

Georg Kleins Roman ist im Rowohlt Verlag erschienen. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Advertisements

Hans Joachim Schädlich: Felix und Felka Rowohlt Verlag

DSCN2613

Hans Joachim Schädlich ist ein Meister der kurzen Form. Vielfach wendet er sich historischen Themen zu („Sire, ich eile“ – Voltaire bei Friedrich II), fokussiert aber immer einen kleinen Ausschnitt und setzt ihn ins Bild. Im neuen Roman geht es um den jüdischen Maler Felix Nussbaum und seine Gefährtin Felka Platek.

Felix und Felka befinden sich 1933 in Rom. Felix hat ein Aufenthaltsstipendium der Villa Massimo. Zur gleichen Zeit arbeitet auch Arno Breker, der zukünftige Haus- und Hofbildhauer und Architekt Hitlers in einem der Ateliers. Zum Eklat und zur unerwartet frühen Abreise des Malerpaares kommt es, als ein Stipendiat, der sich eindeutig auf seinen Antisemitismus beruft, Felix tätlich angreift. Diese Situation steht symbolhaft gleich zu Beginn und weist auf das was künftig geschieht.

Von da an ist das paar ständig unterwegs. Nach Deutschland zurückzugehen wäre inzwischen zu riskant. So pendeln sie als Emigranten zwischen der italienischen Riviera, der Schweiz, Ostende, wo sie auch James Ensor treffen, und Brüssel, wo sie schließlich eine kleine Wohnung beziehen und 1937 heiraten.

Hier verfolgt der Leser zunächst vor allem den Briefwechsel zwischen Felix Nussbaum und der Familie Klein in den USA, die für Felix Bilder verkauft. Doch die Klientel will nur freundliche heitere Bilder, eine Herausforderung für den Maler, für den die Zeit alles andere als rosig ist. Und so hält sich das Paar zusätzlich mit Porzellanmalerei über Wasser. Die schlechten Vorzeichen häufen sich. Deutschland im Krieg gegen Polen: Felka sorgt sich um die Eltern in Warschau. Deutschland besetzt Belgien. Wohin nun?

„Jetzt sind wir in Bruxelles, wo morgen? Aber das ist ja nicht wichtig, zu neugierig darf man nicht sein. Aber ich glaube, dass wir hierbleiben. Das Wanderns Lust ist ja die des Müllers. Ein Nussbaum hat ruhig auf einem Fleck zu stehen.Hoffentlich trägt sein Baum mal Früchte.“

Eines Tages wird Felix abgeholt und in ein Internierungslager in Südfrankreich gebracht. Erst bei einer Verlegung gelingt Felix und einem Bekannten die Flucht. Sie schlagen sich durch zurück nach Brüssel. Freunde bieten eine winzige Wohnung an, bieten im Verlauf an bei ihnen zu wohnen. Doch sie werden gefunden. Man bringt sie nach Mechelen, von wo aus die Deportationen in den Osten geplant werden. Felix Nussbaum und Felka Platek werden 1944 in Auschwitz ermordet. Belgische Bekannte versteckten Gemälde, die somit erhalten blieben und teilweise heute im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück zu sehen sind.

Schädlich gelingt trotz oder vielleicht wegen aller Verknappung ein intensives Porträt der beiden Künstler. Vor allem auch, weil er sich ins Private vorwagt, etwa die Konkurrenz zwischen beiden andeutet und Felkas Probleme mit der Schwiegermutter aufzeigt, der sie nicht genügt, weil sie eine „Ost-Jüdin“ ist.

Der kurze Roman macht neugierig, mehr über die beiden zu erfahren. Dazu bietet sich das Buch „Orgelmann“ von Mark Schaevers an, erschienen bei Galiani, dass ich aufgrund seiner Informations- und Bilderfülle sehr empfehle.

„Felix und Felka“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe und mehr über den Autor gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind Rowohlt Verlag

DSCN1894

Die große amerikanische Schriftstellerin Toni Morrison, immerhin 86 Jahre alt und bereits im Jahr 1993 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, hat wieder einen neuen Roman geschrieben. Ich erinnere mich an Romane wie „Menschenkind“, „Blaue Augen“, „Sula“, die ich damals vor Jahrzehnten noch in der Rowohlt-Taschenbuchreihe „Neue Frau“ gelesen habe. Eine Autorin, die sich schon immer stark einsetzte für die Rechte der farbigen Bevölkerung und die der Frauen.

Toni Morrison hat in „Gott, hilf dem Kind“ eine tolle Romanfigur geschaffen. Bride, eine junge Schwarze hat sich aus den denkbar schlechtesten Verhältnissen hochgearbeitet und ist mit Anfang zwanzig bereits Leiterin einer Kosmetikfirma. Sie hat sich ein nicht zu übersehendes Outfit zugelegt. Nur weiße Kleidung, kein Make-up, kein Schmuck. Und das Konzept geht auf. Sie ist erfolgreich, gutaussehend und wird umschwärmt. Endlich ist sie wer. War doch ihre Mutter, die sehr hellhäutig ist wie auch der Vater, entsetzt über dieses tiefdunkle Kind und vollkommen überfordert. Bride erfuhr von ihr erst Wertschätzung, als sie vor Gericht eine wichtige Aussage als Zeugin gegen eine Lehrerin, die wegen Kindesmissbrauch angeklagt war, machte.

„Ich verkaufe meine schwarze Eleganz an all die Plagegeister meiner Kindheit, und sie bezahlen mich teuer. Und ich muss zugeben, dass es mehr als eine Entschädigung ist, all jene, die mich gequält haben – die echten und die, die ihnen gleich sind – heute vor Neid sabbern zu sehen, wenn sie mir begegnen. Es ist ein Triumph.“

Die Geschichte setzt ein, als Bride gerade von ihrem Freund Booker verlassen wurde und jene Lehrerin aus dem Gefängnis entlassen wird. Bride hat sich in den Kopf gesetzt, sie müsse eine Schuld abtragen und dieser Frau materiell weiterhelfen. Als sie ihr gegenübersteht und sagt, wer sie ist, schlägt die andere sofort zu. Bride kommt ins Krankenhaus. Obwohl sie körperlich schnell wieder gesund wird, scheint sie innerlich angeschlagener als sie zulassen will. Beide Geschehnisse leiten einen Wandel in Brides Leben ein.

Sie merkt plötzlich, wie sich ihr Körper langsam in den eines Kindes zurückverwandelt – ein toller Griff in die Trickkiste des magischen Realismus: Morrison ermahnt hier ihre Protagonistin achtsamer zu werden, mehr nach innen zu schauen, da ihr Leben aus dem Ruder zu laufen scheint. Letztlich beginnt damit ein Prozess, der von der reinen Oberfläche wegführt zu mehr Bewusstsein. Hierin liegt eventuell sogar die Chance zur Heilung der traumatisierten Kinderseele … Dann der Unfall auf dem Weg zu Booker und die Familie, die sie so uneigennützig aufnimmt und pflegt …

Bis hierhin hat mir das Buch extrem gut gefallen. Die Erzählperspektive aller Figuren einzunehmen und aus deren Blickwinkel zu berichten war stimmig. So erfährt der/die Leser/in hier auch einiges aus Bookers Lebensgeschichte, die ebenso viele traumatische Erfahrungen aufweist wie Brides`.

Vorsicht Spoiler:
Irgendwann zwischen dem dritten und vierten Teil wird mir die Geschichte dann doch etwas zu übertrieben dramatisch und auch noch mit vorhersehbarem Happy End. Bride erfährt Bookers neue Adresse, steigt ins Auto und fährt zu ihm nach Kalifornien. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Bookers Tante, die sofort zur Vertrauten Brides wird, stirbt fast bei einem Feuer, wird aber von beiden gerade noch aus ihrem brennenden Wohnwagen gerettet. Durch die gemeinsame Pflege der Tante nähern sie sich einander wieder an. Plötzlich stirbt die Tante dann doch und beide überlegen, ob sie jetzt wieder richtig zusammenkommen. Und dann ist Bride auch noch schwanger und Booker sagt: „unser“ Kind. Und ihre tolle Stelle als Chefin der Kosmetikfirma ist ihr auch plötzlich ganz egal …

Das ist mir etwas zuviel schnelle Verwandlung von „Schatten“ in „Licht“, von Oberfläche zu Innenschau. Das wirkt auf mich doch sehr wirklichkeitsfern. Was so stark begann überzeugt mich zum Ende hin nicht und klingt an wie im Hollywoodfilm.
Dennoch: Ein wichtiges Buch mit leider nie endenwollender Aktualität und Brisanz ist es jedenfalls, als hätte sich in all den Jahren, die Toni Morrison schon dagegen anschreibt, kaum etwas geändert …

Toni Morrisons Roman erschien bei Rowohlt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Weitere Blogbesprechungen gibt es unter anderem bei Sätze & Schätze und  Leckere Kekse.

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol Rowohlt Verlag

DSCN1829

Natascha Wodin hat mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Natascha Wodin kann schreiben. Ich weiß es aus dem Roman „Nachtgeschwister“, in dem sie über die schwierige Beziehung zu dem großen Schriftsteller Wolfgang Hilbig schreibt. Durch die Lektüre von Wolfgang Hilbig (in „Das Provisorium“ erfährt man einiges über ihre Beziehung) habe ich überhaupt erst von ihr erfahren. Nun also der Buchpreis …

„Dass ich den Namen meiner Mutter in die Suchmaschine des russischen Internets eintippte, war nicht viel mehr als eine Spielerei.“

„Sie kam aus Mariupol“ ist ein sehr persönliches Buch, eines, was zu schreiben, sicher nicht leicht gefallen ist. Man merkt es immer wieder durch das Buch schimmern, wie stark das Thema Wodin berührt: Schwierig daraus Literatur zu machen …  Vielleicht hätte es eines längeren Abstands bedurft zwischen Recherche und fertigem Buch. Jedenfalls fehlt mir in diesem Buch durchgängig Wodins starke Sprache.

Das Buch ist in vier Abschnitte unterteilt:
Zuerst berichtet Natascha Wodin von ihrer Suche nach den Wurzeln der Mutter, die sich umgebracht hat, als sie selbst noch ein Kind war. Tatsächlich wird sie übers Internet fündig: viele Erinnerungen erweisen sich als wahr, doch noch viel komplexer, als gedacht. Hier erzählt Wodin wie in einem Erlebnisbericht über ihre Recherche und ich als Leserin verheddere mich immer stärker in den immer neuen russischen Namen der gefundenen Verwandten.

„Mein Leben lang hatte ich mich benachteiligt gefühlt, weil ich keine Familie hatte, aber das war nur deshalb so gewesen, weil ich nicht gewusst hatte, dass ich ein glücklicher Mensch war ohne diesen ganzen Ballast.“

Im zweiten Teil erzählt Wodin aus den Tagebüchern und Memoiren ihrer Tante Lidia. Die Hefte wurden in der Wohnung eines neu entdeckten Verwandten aus Sibirien gefunden und ihr zugeschickt. Aus diesen geht hervor in welch schreckliche trostlose Zeit Wodins Mutter 1920 in Mariupol hineingeboren wurde. Anhand von Lidias Lebenslauf gewinnt sie einen kleinen Eindruck vom Leben ihrer Mutter, obgleich diese neun Jahre jünger war als Lidia.

„Wie hat sie ausgesehen mit ihren zwei, drei Jahren? Wie die Kinder in heutigen Hungerländern, kleine Skelette mit geblähten Bäuchen und großen leeren Augen?“

Wodin versucht im dritten Teil das Leben ihrer Mutter von der Flucht (oder Zwangsdeportation?) mit ihrem russischen Mann aus der Ukraine nach Deutschland zu er-schreiben. Sie und ihr Mann arbeiten als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie in Leipzig, wo für die sogenannten Ostarbeiter die schlechtesten Bedingungen herrschen.
Das meiste in diesem Teil ist aus wenigen persönlichen Anhaltspunkten und anhand geschichtlicher Dokumentationen rekonstruiert.

Zuletzt erzählt Wodin von der Zeit, die sie ab ihrer Geburt 1945 selbst mit erlebt hat: das Heranwachsen in Lagern für Displaced Persons, später in einer Kleinstadt in Oberfranken in einem Viertel der „Ausgegrenzten“. Sie erlebt die Ängste der Mutter, versteht sie aber nicht. Die kleine Schwester wird geboren. Die Beziehung zwischen den Eltern ist alles andere als liebevoll. Bei kleinsten Vergehen setzt es Hiebe. Die Mutter verfällt in immer tiefere Depressionen. Der Vater kümmert sich nicht. Die beiden Mädchen verwahrlosen …  Schließlich kommt es dazu: Die Mutter tut das, was sie so oft schon ankündigte. Sie „geht ins Wasser“.

„Immer muss man bei uns alles suchen, obwohl wir eigentlich dauernd aufräumen, aber wir finden einfach keinen festen Platz für die Dinge, wir wissen nicht, welche Ordnung wir dem Chaos entgegensetzen sollen.“

Und auf diesen letzten Seiten blitzt auch endlich etwas durch, was an die Ausdrucks- und Sprachkraft aus Wodins vorherigen Büchern erinnert.

Dieses Buch ist ein Erinnerungsbuch. Vermutlich war es für Natascha Wodin notwendig und befreiend die Geschichte ihrer Familie nieder zu schreiben. Es ist auch eine erschütternde Dokumentation, ein zeitgeschichtlicher Einblick. Große Literatur, wage ich zu behaupten, ist es nicht. Ein gutes Beispiel einer ganz ähnlichen Recherche, die mir jedoch sprachlich und literarisch gelungener erscheint, ist Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“.

„Sie kam aus Mariupol“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Zwei sehr begeisterte Besprechungen findet man bei LiteraturReich und Masuko13

Paul Auster: 4321 Rowohlt Verlag

dscn1670

Paul Austers neuer Roman ist eine einzige große Hommage an das Erzählen. Was er hier über mehr als 1200 Seiten lang zelebriert, ist die Hingabe an das Erfinden von Geschichten, an die Fantasie und deren magische Möglichkeit, Leben, ja die ganze Welt zu verändern.

4321 – Ausgangspunkt dieses Romans: Auster lässt seinen Helden Archibald Ferguson quasi von Geburt an in vier Varianten und somit in vier Erzählsträngen ins Leben starten, beginnend mit der Ankunft der osteuropäischen, jüdischen Herkunftsfamilie in der neuen Welt: USA, New York, Ellis Island in den 50er Jahren. Wechselweise erzählt er aus der jeweiligen Perspektive, wie ein Leben mit zunächst gleichen Voraussetzungen, zumindest gleichen Erbmaterials, doch immer anders verlaufen kann. Eine wunderbare Idee, die für mich gleich Anlass war, selbst einmal über ein „Was wäre gewesen, wenn …“ zu sinnieren.

Mich erinnerte diese Anordnung auch an ein Stück von Max Frisch: Biografie: Ein Spiel, in dem Frisch eine Person mehrmals mit gleichen Voraussetzungen ins Leben schickt. Im Stück endet es so, dass der Protagonist doch immer wieder am selben Punkt seines Lebens endet. Auster erforscht, wie und ob der Zufall oder gar Schicksal Archie Ferguson beeinflusst. So lässt er ihn als Einzelkind in einer Kleinstadt in New Jersey, aber in Reichweite von New York aufwachsen, einmal mit getrennten Eltern, einmal mit Stiefvater, einmal in wohlhabender Familie, einmal in weniger begüterten Verhältnissen etc. Was immer gleich bleibt, ist die Sportbegeisterung, besonders für jegliche Ballsportarten und die, jedoch immer anders entstehende, Liebe zur Literatur, zum Film, die früher oder später seine Wege lenkt. Ein beständiges, sehr prägendes Element ist das Mädchen Amy, das unterschiedliche Rollen an Archies Seite einnimmt. Der Leser begleitet Archie vier mal (mit Abstrichen) durch Kindheit, Teenagerzeit, Adoleszenz bis zum Erwachsenenalter.

“ Bücher, überall Bücher, auf Regalen an allen Wänden der drei Zimmer, auf Tischen und Stühlen, auf dem Fußboden, oben auf den Schränken, und nicht nur fand Ferguson dieses phantastische Chaos bezaubernd, vielmehr schien im die bloße Tatsache der Existenz einer solchen Wohnung darauf hinzuweisen, dass man auf dieser Welt auch ganz anders leben konnte als so, wie er es bisher kannte, dass das Leben seiner Eltern nicht das einzig mögliche Leben war.“

Solch lange, und sogar noch längere wunderbare Sätze schlängeln sich durch alle 1200 Seiten und bieten größten Lesegenuss.
Ich habe bewundernd an den jeweiligen Lebensentwürfen Anteil genommen. Was ich weniger spannend fand, (ich gebe es zu, ich habe irgendwann überblättert) sind die teilweise langen Sequenzen, in denen Archie sich dem Baseball- oder Basketballspiel widmet. Solche Szenen sind fast so häufig, wie die Passagen über Archies sich entwickelndes Interesse an der Sexualität und den gegebenen Möglichkeiten sie auszuleben. Gleichzeitig bietet 4321 aber auch einen guten Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA in der Zeit vor und während des Vietnamkriegs. Es ist die Zeit der Ermordung Kennedys und Martin Luther Kings und die der Studentenrevolten, die Zeit der Rassenkonflikte, der Straßenkämpfe zwischen schwarz und weiß.

Paul Auster hat letztlich einen großen autobiographischen Roman geschrieben: viele Hinweise finden sich in den jeweiligen Archie-Biografien, die mit seinem eigenen Leben überein stimmen. Manches gab es schon zu lesen in den biografischen Büchern „Winterjournal“ und  „Bericht aus dem Inneren“. Gegen Ende hin ist es das von Archie geführte „scharlachrote Notizbuch“, dass es ja wirklich als Buch gibt: Das rote Notizbuch. Auster schreibt tatsächlich Gedanken für spätere Bücher in Notizbücher und tippt dann mit der Schreibmaschine ab. Auch die Übersetzung von französischer Lyrik ist etwas, was aus Austers Leben gegriffen ist. Auster hat ebenso an der Columbia-Universität in New York studiert und hat nach dem Studium einige Zeit in Frankreich verbracht. Auster kommt aus Newark in New Jersey, wie sein Held Archie und auch er war eine Sportskanone, an allen Arten von Ballspielen interessiert.

4321 erschien im Rowohlt Verlag. Die Übersetzungsaufgabe teilten sich mehrere Übersetzer, da Eile geboten war: Auster wollte, dass sein Roman in Deutschland gleichzeitig mit der amerikanischen Ausgabe erscheint: Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl haben das gut gemeistert.
Mehr über das Buch, ein Interview und eine Leseprobe gibt es hier.