Steffen Mensching: Schermanns Augen Wallstein Verlag

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Vom Silberlöffel zum grob geschnitzten Holzlöffel: Schon das Buchcover weist auf den Abstieg hin, den der Protagonist Rafael Schermann erleben musste. Die Geschichte Schermanns erzählt Steffen Mensching in Rückblenden. Entstanden ist ein faszinierendes Monumentalwerk von 820 Seiten.

Der 1958 in Berlin (Ost) geborene Autor hat an diesem Roman zwölf Jahre lang geschrieben. Er muss Unmengen recherchiert haben, ob der Genauigkeit mit der er über Rafael Schermann, einen Graphologen und Hellseher erzählt, den es wirklich gab. Der Roman spielt 1941 in Russland in einem Lager des Gulag. Über ein ganzes Jahr lässt er seine beiden Hauptprotagonisten den polnischen Juden Schermann und den jungen Deutschen Otto Haferkorn zusammen unter widrigsten Umständen verbringen.

„Vor dem Tod kriegt man immer schlecht Luft. Die Russen besaßen für die ungemütlichsten Augenblicke trostreiche Sprichwörter“

Dieses Zitat gibt gleich auf den ersten Seiten den Ton vor, der im Roman in den Lagerszenen herrscht. Mensching lässt seine Figuren ohne explizit gekennzeichnete Dialoge sprechen, was anfangs viel Konzentration beim Leser erfordert. Auf einem beiliegenden Lesezeichen sind die wichtigsten Protagonisten des Romans aufgeführt, ein Überblick, der anfangs durchaus hilfreich ist beim Zuordnen der russischen Namen. Auch sonst trifft eine riesige Menge Personal aufeinander. Es sind die, die wichtige Rollen spielen/spielten, die, auf die die beiden Helden im Laufe ihrer Geschichte trafen.

Wenn Schermann beginnt aus seinem reichhaltigen Leben zu erzählen, fallen unzählige auch der Leserin bekannte Namen. Schermann, der in Wien lebte begegnete unzähligen Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik der Zwischenkriegszeit, wie etwa Karl Kraus, Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Rainer Maria Rilke, Yvan und Claire Goll, Georg Trakl etc.  Viele waren „Kunden“, denn Schermann überzeugte sie alle, selbst die kritischsten, nüchternsten mit seiner hellseherischen Begabung.

Erst ab der zweiten Hälfte wird klar, dass Schermanns Hellseherei nicht nur auf eigener Intuition und Können – er besitzt ein fotografisches Gedächtnis basiert – sondern dass durchaus Methode dahinter steckt. So erzählt er Otto von seinen bisherigen Assistenten, deren Aufgabe es war, vorab über Kunden zu recherchieren und Privates, gar Intimes herauszufinden. Im Lager dolmetscht Otto bei den kein Ende findenden Befragungen, da Schermann angeblich kein Russisch versteht. Otto ist einerseits froh, so lange von der harten Arbeit im Wald beim Holzschlagen befreit zu sein, andererseits ist ihm nicht wohl bei seiner Übersetzer- und Spitzeltätigkeit. Manchmal hält er den alten Polen für einen Spinner, einen ausgebufften Betrüger, manchmal für ein Genie.

„Wo waren Sie? Im Badehaus. Ich erhielt dort etwas, das sich frische Unterwäsche nennt. Für ein Land, das sich auf seine Säuberungen so viel einbildet, sind diese Lumpen keine Empfehlung.“

Im Lager wechselt die Leitung. Als Schermann „abgeholt“ wird, beginnt für Otto ein neues Lagerleben, denn Schermann und er werden in die gefürchtete Baracke der „Urki“, einer Gruppe von gewalttätigen Dieben, Räubern und Mördern, verlegt. Und auch hier zeigt der findige Graphologe wieder Geschick: Beide bleiben verschont von Gewalt und leben für Lagerverhältnisse einigermaßen gut. Doch auch diese vermeintliche Sicherheit bleibt nicht bestehen. Vom Angriff Hitlers auf die Sowjetunion, vom Bruch des Nichtangriffpakts erfahren die Lagerinsassen erst sehr spät. Otto und Schermann werden aufgrund dessen jedoch getrennt …

Auch aus Ottos Erinnerungen und Erlebnissen ergibt sich eine hochinteressante Geschichte. Er, der Deutsche, der als Setzer bei einer deutschen kommunistischen Zeitung in Moskau arbeitete, hatte eine kurze Liebelei mit der glühenden Kommunistin und Journalistin Maria Osten (die es auch tatsächlich gab). Aus den Gesprächen mit ihr ergibt sich ein umfangreiches Bild der damaligen historischen Lage in der sowjetischen Hauptstadt.

„Wir können von Glück reden, sagte Maria, dass wir hier sind, in der Sowjetunion leben wir in Frieden und Sicherheit. Aber was wird mit unseren Freunden im Westen?“

Oft genug googlete ich Personen, Ereignisse und Zusammenhänge, doch ist dieses Buch ob der Vielfalt gerade sehr reichhaltig. Gegen Ende hin erzählt Schermann Otto von seiner Begegnung im Jahr 1915 mit dem Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift „Fackel“, Karl Kraus, der sich unglücklich in Sidonie Nádherná von Borutín verliebte und mit ihr regen Briefwechsel hatte. Schermann sollte auf Betreiben von Adolf Loos, dem bekannten Architekten, ihre Briefe graphologisch beurteilen. Dies schien für ihn der Durchbruch zu sein.

„Ich lebte in Wien. Dort brauchte ich, um den Ritterschlag gesellschaftlicher Anerkennung zu erhalten, den Kraus. Er machte Leute berühmt, indem er sie feierte oder, was häufiger vorkam, vernichtete.“

Der opulente Roman stellt Verbindungen her zu anderen Romanen deutscher und russischer Geschichte, die ich bereits kenne und liest sich spannender als ein Geschichtsbuch. Solche Romane finde ich bereichernd. Und wenn sie dann auch noch sprachlich so anspruchsvoll sind wie dieser und fesselnd bis zur letzten Seite, bin ich glücklich. Eine der wichtigsten Herbstneuerscheinungen! Ein Leuchten!

Steffen Menschings Roman erschien im Wallstein Verlag. Eine Leseprobe findet sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Alexander Münninghoff: Der Stammhalter C. H. Beck Verlag

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Roman einer Familie ist der Untertitel des Buches des Niederländers Alexander Münninghoff. Und wie so viele Familiengeschichten, die zu Romanen werden, ist auch diese zwar extrem interessant, vielschichtig und turbulent, aber auch schlichtweg verwirrend. Man verliert sehr leicht den Überblick, vor allem, wenn man nicht an einem Stück liest. So viele Figuren an so vielen Orten Europas mit unfassbar vielen Ereignissen. Gleichzeitig erlaubt der Autor hier einen Blick auf europäische Geschichte, die sich vom Baltikum über Polen, Belgien und die Niederlande zieht. Handlungszeitraum von vor dem zweiten Weltkrieg fast bis heute, mit kurzen Ausflügen in die Vorgeschichte einzelner Personen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein übermächtiges Familienoberhaupt, Joan, der Großvater des Erzählers Alexander. Dieser, ursprünglich Niederländer, baut im Baltisch-Deutschen ein großes Unternehmen auf, dass sich vielfältig über Teile Europas verteilt.  Schon bevor sich der zweite Weltkrieg ankündigt, beginnt der „Alte Herr“, wie er im Buch genannt wird, die Fühler wieder in Richtung Niederlande auszustrecken, obwohl er Zuhause Hab und Gut zurücklassen muss, ist es die richtige Entscheidung, denn das Land wird bald Spielball der zwei Großmächte Deutschland und Russland.

Der älteste Sohn Frans, schwarzes Schaf der Familie, der in diversen katholischen Internaten der Niederlande widerwillig die Schulbank drückte, tanzt aus der Reihe und meldet sich als Baltischdeutscher zur Waffen-SS, um für Deutschland zu kämpfen. Doch zuvor heiratet er noch die schöne Wera, die von ihm schwanger wird und Sohn Alexander, genannt Bully zur Welt bringt.

Der alte Herr, der sich inzwischen in den Niederlanden ein neues Imperium aufgebaut hat (mit allerlei undurchsichtigen Methoden, teils auf illegalem Wegen, von denen es überhaupt in diesem Roman wimmelt), holt Wera und den Enkel, den „Stammhalter“ zu sich ins Haus in Voorburg. Doch als Frans aus dem Krieg zurückkehrt, gibt es die Liebe zu seiner Frau nicht mehr. Frans verschwindet wieder. Als er schließlich doch in den Niederlanden vor Gericht steht, wegen seiner SS-Vergangenheit, weiß auch hier der Alte Herr ihn, vermutlich durch Bestechung, heraus zu pauken. Im „eine Hand wäscht die andere“-Verfahren arbeitet er mit Geheimdiensten, katholischen Kirchenvertretern zusammen und hat immer wieder den nötigen Handlanger parat. Sympathisch ist diese Hauptfigur nicht.

„So hatte ich schon früh Geheimnisse. Ich sprach nicht über meinen Vater und das, was er im Krieg getan hatte, nicht über meine Mutter, die in Deutschland mit meinem unehelichen Schwesterchen in ärmlichen Verhältnissen wohnte, nicht über meinen erzkatholischen Großvater und seine zwielichtigen Aktivitäten, von denen ich im Laufe der Zeit etwas deutlichere Vorstellungen bekam, nicht über meine Entführung, …“

Der 7-jährige Bully/Alexander muss schließlich bei seinem Vater und dessen neuer Frau in Den Haag leben. Es gibt Vormundschaftsstreitigkeiten. Da die Mutter mit ihm nach Deutschland flieht, lässt der „Alte Herr“ ihn abenteuerlicherweise zurück entführen. Als der Patriarch an Krebs stirbt, beginnt die Schlacht ums Erbe. Dass Alexanders Vater kein Geschäftsmann wie der Vater ist, zeigt sich recht schnell. Doch hat er für ähnliche Tricks Geschick. Das letzte Kapitel ist schließlich den Geschehnissen um Alexanders Eltern gewidmet und da gibt es durchaus noch Überraschungen …

Sprachlich macht der Autor keine Experimente. Braucht er auch nicht, denn hier zählt die Story. Das Buch liest sich in der Tat als ausgefallene biografische Geschichte leicht und kurzweilig. Unglaublich wie viele außergewöhnliche Ereignisse es in einer einzigen Familie gibt. Dagegen wirkt das eigene Leben gleich blass. Ein Anhang oder Stammbaum zu den vielen Figuren wäre allerdings hilfreich gewesen.

„Der Stammhalter“ erschien bei C. H. Beck. Es wurde aus dem Niederländischen übersetzt von Andreas Ecke. Mehr über den Autor und eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Weitere Besprechungen finden sich bei LiteraturReich und bei MonerlS-bunte-Welt .

Serhij Zhadan: Internat Suhrkamp Verlag

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Kürzlich haben Susanne Stöhr und Juri Durkot für die Übertragung des Romans „Internat“ von Serhij Zhadan vom Ukrainischen ins Deutsche den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse 2018 erhalten. Mich hat das angeregt mich diesem interessanten Autor lesend anzunähern. Der 1974 geborene Zhadan hat bereits einige Romane, auch Lyrikbände geschrieben, die sich immer mit seiner Herkunft, seinem zerrissenen Heimatland auseinander setzen und ist in seiner Heimatstadt recht umtriebig. Sein Band „Warum ich nicht im Netz bin“ bietet lyrische sehr aufrüttelnde Einblicke in eine ganz dunkle Welt des Kriegsgeschehens.

„Sie unterrichten nicht zufällig Geschichte?“ Dabei sieht er Pascha durchdringend an.
„Nein“, antwortet Pascha, „nicht Geschichte“.

Pascha, die Hauptfigur, ist Lehrer. Das ist auch die Auskunft, die er jedem gibt und gleichzeitig die Entschuldigung, dass er sich für nichts, was Politik betrifft, interessiert. Sein Lehrerdasein zusammen mit seiner behinderten Hand haben ihn davor bewahrt, für sein Land kämpfen zu müssen. Dabei weiß eigentlich keiner, wessen Land das eigentlich ist, so oft wechselten die, die etwas zu sagen hatten oder haben wollten. Ein Hin und Her auch der Sprachen – Russisch, Ukrainisch etc. Pascha weiß selbst nicht mehr, was er eigentlich lehren soll. Das große Desinteresse, die Desillusionierung zieht sich durch Paschas bisheriges Leben. Seine Freundin Marina hat ihn bereits deshalb verlassen. Mit seiner Schwester und seinem Vater, mit dem er zusammen wohnt, gibt es oft Streit. Als die Schwester ihn bittet, während seiner Ferien seinen Neffen abzuholen, der in die nächstgrößere Stadt in ein Internat abgeschoben wurde, beginnt für den anfangs noch naiven Pascha die größte Herausforderung und ein ungewollter Leidensweg. Denn rundherum tobt der Krieg, keiner weiß genau wo, warum und wie lang.

„Erst da spürt Pascha, dass er Angst hat. Ein Gefühl klebriger, kalter Angst. Als wäre jemand zu ihm gekommen, hätte seinen Tod aus einem Sack genommen, ihn ihm gezeigt und dann wieder zurückgelegt, in den Sack. Er hat ihn aber schon gesehen.“

Es ist ein unglaublich düsteres Buch. Keine Szene vergeht, ohne dass es neblig, feucht, kalt und schrecklich ist. Noch nie habe ich einen Roman gelesen, der ein Kriegsszenario so drastisch und dennoch wie beiläufig schildert. Die Geschichte handelt von der Gegenwart eines kriegsgebeutelten Landes, das keine Ruhe findet, dessen Bewohner unablässig mit Gefahr, Unsicherheit und Leiden konfrontiert sind. Zhadan schafft es eine Stimmung einzufangen, wie ich sie nicht kenne und hoffentlich nie erleben werde. Der Autor hat nichts anderes als die Sprache gegen diesen Krieg und er weiß sie einzusetzen. Dem Leser wird nichts erspart. Dabei fliesst gar nicht so viel Blut, werden kaum grausame Szenen geschildert. Es ist allein der Alltag der Menschen, der alle Schrecknisse beinhaltet. Mit wenig bis gar keinen Habseligkeiten, kaum mehr Nahrung, ziehen die Bewohner ziellos von einem Ort zum anderen, nirgends gibt es Sicherheit, kein Heim mehr. Keiner weiß, wie die Frontlinie sich verschiebt, wann die eine Seite wieder die Macht übernimmt, die Flagge austauscht.

Pascha als Sprachlehrer. Zhadan, der seine Protagonisten immer wieder in anderen Dialekten sprechen lässt, je nachdem welche militärische Einheit gerade Oberhand gewinnt.

„Er spricht Surshyk, einen Mischmasch aus Ukrainisch und Russisch, wechselt alle zwei Worte in die andere Sprache.“

Generell geht es in diesem Roman viel um Sprache. Sprache als Form der Zugehörigkeit, des Erkennens – Muttersprache. Ukrainisch, das immer wieder verboten war. Aber auch die Sprache, die aufgedrückte, die notgedrungen übernommene aus der Zeit als die Ukraine Teil der Sowjetunion war. Russisch, wohl teilweise auch polnisch. Alles basierend auf einer höchst komplexen und wechselvollen Geschichte dieser Nation (die ich selbst erst recherchieren musste). Bis heute kommt das Land nicht zur Ruhe. Das Buch ist brandaktuell. Es ist schrecklich und hart zu lesen, aber es macht bewusst für das Glück, das wir hier haben, nicht in einem Kriegsgebiet leben zu müssen.

Zhadan findet eine starke Metapher für das was Pascha erlebt und die er mehrfach verwendet, als würde einmal nicht reichen für dieses Gefühl. Seine innere Anspannung, die Angst, die Nerven bis zum Zerreißen gedehnt, als wäre es eine (Sprung-)Feder in seinem Herzen. Pascha schafft diese Reise mit seinem Neffen und sowohl er, als auch der 13-jährige Junge wachsen daran. Schön zeigt Zhadan diese Entwicklung, wenn er auf den letzten Seiten von Paschas Erzählperspektive in die des Jungen wechselt.

„Internat“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka) Frankfurter Verlagsanstalt/ Ullstein Verlag

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Was für eine Geschichte! Nino Haratischwili hat mit „Das achte Leben“ einen hochkarätigen Roman über eine georgische Familie geschrieben, der auch gleichzeitig die Geschichte Georgiens als Teil der Sowjetunion aufzeigt. Beginnend im Jahr 1900 spannt Haratischwili einen Bogen fast bis zur Gegenwart. Sie hat auch soeben den Bertolt-Brecht-Preis und das Stipendium des Lessing-Preises 2018 gewonnen. Beinahe 1300 Seiten dick ist der Roman und es ist keine Seite, keine Zeile zuviel.

„Weil es ein Geheimrezept ist. Eine kleine Dosis meines Geheimnisses mische ich in alle unsere Schokoladenwaren, aber das Rezept ist ursprünglich für diese Heiße Schokolade erfunden worden, die du nun kosten durftest. Aber … Er hielt inne und sah seine Tochter unablässig an. – Aber sie ist gefährlich.“

Seit der Lektüre dieses beeindruckenden Romans habe ich ein Faible für Heiße Schokolade. Denn alles beginnt in einer Schokoladenfabrik in einer Kleinstadt in Georgien. Es beginnt mit dem Konditormeister, Stasias Vater und dessen Geheimrezept für Heiße Schokolade. Es beginnt mit Stasia, die im Jahr 1900 geboren wird und sich später in Simon Jaschi verliebt, einem Oberstleutnant der weißen Garde. Haratischwili teilt den opulenten Roman in 7 Kapitel auf, die jeweils vorwiegend einem Familienmitglied gewidmet sind, das 8. und letzte Kapitel heißt Brilka und es ist noch leer, denn es wird gerade erst gelebt. So entsteht dann ein beeindruckender Familienstammbaum, wie er am Ende des Buches abgedruckt ist, der hilfreich ist, um den Überblick über die Figuren zu behalten, die einem allesamt ans Herz wachsen, egal wie schrullig oder kompliziert sie auch sind.

Immer wieder ist es spannend zeitgeschichtliches statt mit dem westlichen Blick, mit dem Georgiens zu betrachten. Was beispielsweise dort geschah, nachdem Gorbatschow Staatsoberhaupt der Sowjetunion wurde, sieht von dieser Warte aus betrachtet ganz anders aus. Wirklich spannend vermischt die Autorin georgische und sowjetische Geschichte mit dem Leben der zahlreichen Familienmitglieder. Die Personen sind rundweg großartig geschildert: ob nun hoher Parteifunktionär, Spion, Popsängerin, Geisterseherin, Schauspielerin, Filmemacher, bildschöne Tante, jähzorniger Großvater, Tänzerin, alle tragen schwer an ihrer Vergangenheit, an ihrer Herkunft, immer beeinflusst von der wechselvollen Geschichte ihres Landes. Schauplätze sind außer Tbilissi, wo die Erzählerin 1973 geboren wurde, Petrograd, Leningrad, Prag, Wien, London. So gerät der/die Leser*in die Wirren der Revolution in Moskau, hört von der Straße des Lebens, die zur Versorgung Leningrads während des Krieges übers Eis führte, erlebt das Prag zur Zeit des Prager Frühlings und die Zeit des Kalten Krieges. Bis zum Ende bleibt es spannend.

Ich danke Nino Haratischwili für diesen Roman, der mir in unvergleichlicher Weise so viel über ihr Land und eine schier unglaubliche mitreißende Familiengeschichte erzählt. Ich bin gespannt auf den neuen Roman. Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Der Roman ist gebunden in der Frankfurter Verlagsanstalt und auch als Taschenbuch bei Ullstein erhältlich, wobei sich die gebundene Ausgabe aufgrund des Seitenumfangs als stabiler anbietet. Eine Leseprobe gibt es hier.

Moische Kulbak: Die Selmenianer Die andere Bibliothek

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„Selmenianer sind schwarzhaarig und knochig gebaut. Sie haben eine breite, niedrige Stirn, fleischige Nasen und Grübchen in den Wangen. Im Allgemeinen sind sie ruhig und schweigsam und sehen jeden von der Seite an, es gibt aber, vor allem in der jüngeren Generation, auch solche, die kühn oder sogar frech reden können.

„Die Selmenianer“ ist ein Band aus der kunstvoll gestalteten Reihe „Die andere Bibliothek“. Bereits in „Montag“  hat mich Moische Kulbaks fabelhafte Sprache begeistert. Auch der Gedichtband „Childe Harold aus Disna“ aus der Edition Fototapeta ist ein Kleinod. Der Wagenbach Verlag wird in diesem Frühjahr ebenfalls einen Roman herausgeben. Schön, dass Kulbak wieder aufgelegt und gelesen wird. Er ist ein glänzender Geschichtenerzähler. Bereits auf der zweiten Seite begann ich besonders gelungene Passagen anzustreichen. Kulbak hat einen Humor, der seinesgleichen sucht. Eher naiv muten seine Texte anfangs oft an, bis die Sprache sich vollends verzweigt, ausdehnt und zum großen Lesegenuss wird.  Hellstes selmenianisches Leuchten!

Die Selmenianer sind eine jüdische Sippe, deren Urvater Reb Selmele aus dem tiefsten Russland stammt. Mit Bobe Basche gründet er eine weit verzweigte Großfamilie, die auf dem Rebsehof bei Minsk zusammen lebt und sich doch nicht immer ganz koscher ist. Einige Hauptprotagonisten zeichnen sich beim fortschreitenden Lesen ab, wobei man mit den Namen sehr aufpassen muss, um sich zurechtzufinden: Die Brüder Itsche, Sische, Juhde und der Außenseiter Folje (der als Kind gekränkt wurde), deren Frauen Gite und Malke, deren Söhne, der schlaue Falke und der lebensmüde Zalke und die Töchter Tonke, Chaje und Sonja etc.

„Ihr zufolge hat Bobe Basche die Welt nicht auf natürliche Weise verlassen, sondern ist von einem Tisch gefallen, was bei einem so alten Menschen einem Sturz aus dem zehnten Stock gleichkommt.“

Wir erleben Familienzwist und Unstimmigkeiten, wenn beispielsweise Tochter Sonja heimlich einen Goj heiratet oder Falke nicht nur die Elektrizität auf den Hof bringt, sondern auch noch das Radio. Überhaupt sind die Jungen – Kulbak nennt sie Taugenichtse –, die, die sich fürs Moderne begeistern, die, die sich gegen die alten (religiösen) Traditionen auflehnen z.B. nach der Geburt eines Sohnes gegen das Beschneiden oder gar das Feiern des Pessach-Festes.

„– Sag mal Mottele, wann müssen wir sterben? –, fragte Lipe, das Kindergartenkind.
– Das dauert noch–, antwortete Mottele, – vorher müssen wir noch heiraten, danach in den Krieg ziehen und dann den Ernteertrag erhöhen.“

Alle in der Familie haben ihre Eigenheiten, so etwa einer der oft seufzt, dass es wie ein Wiehern klingt, der andere, der in Ohnmacht fällt, wenn er nicht mehr weiter weiß und wieder einer, der sich von Zeit zu Zeit umbringen will, dem es aber nie gelingt. Einer verlässt den Rebsehof und wird „fast ein Kolchosearbeiter, mit dem typischen Heuduft, aber noch grün hinter der Schläfenlocke und mit langem Kaftan.“

Es ist ein sehr sinnliches Buch. Die Selmenianer duften nach Heu, ein Apfel erfüllt die Küche mit seinem Geruch nach Wein. Der Schnee liegt rosa, die Nacht unendlich tintenschwarz. Durch Wiederholungen intensiviert Kulbak oft bestimmte, wichtige oder skurrile Passagen. Und dennoch ist er ein unzuverlässiger Erzähler, ganz wie die Selmenianer selbst, deren Gerüchteküche unentwegt brodelt. Er wechselt die Jahreszeiten unverblümt wie er es braucht, es ist erschreckend oft Winter, und auch Totgeglaubte stehen mitunter wieder auf. Der Erzähler selbst warnt auch immer wieder, man möge das Erzählte lieber überprüfen.

„In Österreich, einer Art Deutschland, war Onkel Folje als Kriegsgefangener.“

Und es ist vor allem auch ein witziges Buch. Ein Buch dessen Tiefe sich zunächst versteckt und erlesen werden will. Es ist auch ein kritisches Buch. Revolutionskritisch, sowjetkritisch, doch eben nicht auf den ersten Blick. Kulbak, der anfangs noch an die revolutionäre Idee glaubte, unterteilt seinen Roman in zwei Bücher. Während es im ersten Teil zumeist um die innerselmenianischen Belange geht, dringt in Teil zwei die äußere Welt, die moderne, die politische, in die kleine Selmenianerwelt ein. Als dann schließlich Zalkes erneuter Suizid klappt, ist das auch gleichzeitig ein Symbol des Endes des Rebsehofes und damit der Selmenianer. Der Hof wird zur Fabrik umgebaut.

In der Sowjetunion erschien Kulbaks Roman erstmals 1971, allerdings zensiert. Mehr über den 1896 geborenen Autor, der 1937 in einem Schauprozeß zum Tode verurteilt wurde, kann man im aufschlussreichen Nachwort von Susanne Klingenstein und auf der Verlagsseite lesen. Übersetzt aus dem jiddischen wurde der Roman von Niki Graça und Esther Alexander-Ihme.

„Die Selmenianer“ ist natürlich auch äußerlich wieder ein kleines Kunstwerk. Das nachtblaue Vorsatzblatt, das feine Papier, fadengeheftet und die kleinen Zeichnungen am Anfang und Ende des Buches, welches der Berliner Illustrator Christian Gralingen gestaltet hat, sind Augenschmaus.

Mit Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Simon-Pierre Hamelin: 101, rue de Condorcet Clamart Osburg Verlag

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In „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ wundert sich Peter Handke über Marina Zwetajewas Klagen, es gäbe keinen Wald hier. Mit hier ist die Pariser Vorstadt Clamart gemeint, in der Handke viel später auch einige Zeit gelebt hat. Marina Zwetajewa, die große russische Dichterin verbrachte dort in den 30er Jahren lange Zeit im Exil. Doch angekommen ist sie dort nie. Vermutlich waren die Wälder der russischen Heimat mit denen der französischen Vorstadt nicht vergleichbar.

„Hier bin ich ohne Leser, in Russland ohne Bücher.“

Der 1973 in Paris geborene Simon-Pierre Hamelin wirft einen Blick in Marina Zwetajewas Leben in der winzig kleinen Unterkunft, in der Rue Condorcet, in der es sich kaum leben, geschweige denn schreiben lässt. Nur Notizheft um Notizheft füllt sich tagebuchähnlich mit Sehnsucht. Und mit Sorge um die Familie: um die Kinder Alja und Mur und den Ehemann Sergej Efron.

„Wie kann man auf Ihre großen blauen Notizhefte eifersüchtig sein, auf Ihre stockende Feder, diesen winzigen Tisch, an dem Sie so ganz und gar selbstvergessen sitzen … „

Ein Brief trifft ein mit der Ankündigung des Gerichtsvollziehers. Der siebenjährige Mur muss Kohle vom Nachbarn erbetteln. Der Ehemann Sergej ist immer unterwegs um Arbeit zu finden und die Tochter Alja folgt diesem auf Schritt und tritt. Mur ist eifersüchtig auf Marinas Schreiben, man hänselt ihn in der Schule als „Russkoff“. Efron und Alja sehnen sich hingegen nach Russland, dem neuen Menschen, der Sowjetunion.
Jedes Familienmitglied erhält eine Stimme, gleich ein Kapitel, in diesem schmalen Bändchen. Und zuletzt auch der eingetroffene Gerichtsvollzieher, dessen Besuch dank der Phantasie Efrons und einer Flasche Wodka besser ausgeht, als befürchtet … und für Marinas blaue Notizhefte interessierte er sich sowieso nicht. Doch das weitere Schicksal der Familie steht unter weniger guten Sternen …

„Ich weiß alles, was war, und alles was kommt,
Ich kenne das Geheimnis, taub und stumm,
Das in der stammelnden, dunklen
Sprache der Menschen – Leben heißt.“

Auszug aus dem Gedicht „Die Nächte ohne den Geliebten – und die Nächte“

Simon-Pierre Hamelins knapper, zugleich sehr dichter Roman ist eine Hommage an Marina Zwetajewa. Der Autor lebte in seiner Kindheit an beinah der gleichen Adresse wie die russische Dichterin in der Rue Condorcet 80 Jahre zuvor.
Das Buch erschien im Osburg Verlag. Die Übersetzung stammt von Regina Keil-Sagawe. Das aufschlussreiche Nachwort schrieb Marie-Luise Bott. Eine Leseprobe gibt es hier.

Die bisher unveröffentlichten Notizhefte, zu denen auch die aus Paris gehören, wurden nun auch in einem Buch gesammelt und unter dem Titel „Unsre Zeit ist die Kürze“ vom Suhrkamp Verlag herausgegeben. Eine Besprechung dazu folgt.

Ein sehr ausführlicher Roman über die Beziehung zwischen Marina und ihrer Tochter Alja ist „Unser tägliches Leben“ von Riikka Pelo. Meine Besprechung dazu auf fixpoetry.

Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter Hanser Verlag

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In ihrem neuen Roman blickt die große russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja auf ihre eigene Familiengeschichte zurück. Hauptperson darin ist Nora, eine unkonventionelle Frau, die als Bühnenbildnerin arbeitet, einen Sohn alleine aufzieht und mit einem verheirateten Regisseur liiert ist. In Kapiteln die von der Heute-Zeit bis weit in die Vergangenheit zurückreichen erzählt sie aus wechselnder Perspektive, beginnend mit dem Tod der Großmutter Maria und dem Auffinden alter Briefe.

„Das war wohl das Schicksal seiner Familie, seines Volkes – in einer großen Grube in Kiew, in Babi Jar lagen sein jüngster Bruder, vier Cousinen, insgesamt neunundzwanzig Blutsverwandte – ermordet. Und über ganz Europa verstreut noch viele Millionen Menschen, mit denen er nicht verwandt war. Der Teufel trug nur verschiedene Schnauzbärte.“

Einer der Stränge besteht aus Auszügen eines Tagebuchs und Briefen, die die Autorin tatsächlich im Nachlass ihrer Familie fand. Die verschiedenen Briefwechsel gestalten sich nach meinem Empfinden zeitweise ein wenig langatmig, lesen sich weniger flüssig als die durcherzählte Geschichte. Das mag daran liegen, dass bei den Briefen viele offene Fragen bleiben, aber auch an Jakows und Marias langen, sich ständig wiederholenden Liebesschwüren. Der Briefwechsel war einzig möglicher Kontakt über lange Phasen dieser Beziehung, weil das Paar immer wieder getrennt wurde: Zuerst war Jakow beim Militär, dann im Krieg und schließlich mehrmals in der Verbannung, ohne Schuld, was bei ihm immerhin kein Straflager bedeutete. Er konnte recht frei einer vorgegebenen Arbeit nachgehen, nur eben an anderen Orten. Letztlich zerbrach die Ehe daran. Dieser Strang zieht sich über einen Zeitraum von 1905 bis 1955 und wird wechselweise zu Noras Geschichte – 1974 bis 2011 – erzählt.

Die Hauptgeschichte ist spannender, sie reicht von Russland bis in die USA. Nora ist Bühnenbildnerin und arbeitet oft mit Tengis, einem georgischen Regisseur zusammen. Obgleich die beiden sehr lange getrennte Zeiten verbringen, bleiben sie stets ein Liebespaar. Ihre Arbeit speist sich auch aus den Eigenheiten der beiden und ihrem starken Freiheitsdenken. So sind ihre Stücke durchaus manchmal unbequem und werden mitunter abgesetzt. Nora ist die Enkelin der beiden briefeschreibenden Liebenden und hat einen Sohn, Jurik, der als junger Mann zu seinem in die USA ausgewanderten Vater zieht. Vitja ist ein Mathematikgenie und hat seinem Sohn einiges davon vererbt. Jurik allerdings zieht es eher zur Musik, wobei er scheinbar seinem Urgroßvater Jakow nachkommt. Während Vitja sich jedoch erfolgreich integriert, wird Sohn Jurik drogenabhängig. Doch Nora holt ihren Sohn zurück nach Russland …

„Sie, Nora, schwamm in einem Fluss, und hinter ihr schwammen fächerartig drei Generationen von Menschen, die auf den Fotografien festgehalten waren und deren Namen sie kannte. Dahinter in der Ferne eine endlose Reihe namenloser Vorfahren, Männer und Frauen, die einander aus Liebe, aus Leidenschaft, aus Berechnung, auf elterliches Geheiß gewählt, Nachkommen gezeugt und aufgezogen hatten.“

Ich mag Ulitzkajas Art zu schreiben sehr. Die Geschichte ihrer Familie ist überaus interessant, scheint es doch sehr ungewöhnliche und vielseitige Persönlichkeiten zu geben. Künstlerisch begabte, wie Maria, die sich als junge Frau erfolgreich dem Ausdruckstanz zuwendet und auf der Bühne steht, Jakow, der die Musik liebt, sie aber für ein Studium der Wirtschaft aufgibt und wissenschaftlich Begabte, wie Vitja, der Mathematiker und Jurik, bei dem sich die Musik mit der Wissenschaft verbindet. Oft frage ich mich, was davon Fiktion ist …

„Jakobsleiter“ erschien im Hanser Verlag. Die Übersetzung aus dem Russischen kommt von Ganna-Maria Braungardt. Auf dem Vorsatz- und Nachsatzblatt findet sich der Stammbaum der Familie. Das ist hilfreich zum Nachvollziehen der verwandtschaftlichen Verbindungen. Außerdem finden sich am Schluß Anmerkungen der Übersetzerin. Eine Leseprobe und ein Interview gibt es hier.

Gusel Jachina: Suleika öffnet die Augen Aufbau Verlag

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Ein Debütroman aus Kasan in Tatarstan – das klingt schon außergewöhnlich und so führt dieser Roman auch in eine mir vollkommen unbekannte Welt. Gusel Jachina, die auch Germanistik studierte, stellte ihren Debütroman im Literaturforum im Brechthaus vor und erzählte auf Deutsch über die Recherchen und auch über die persönlichen Hintergründe dazu. Es war ein eindrucksvolles Gespräch. Auch Ljudmila Ulitzkaja, die große russische Autorin drückt in ihrem Geleitwort ihr Erstaunen und ihre Freude über dieses Buch aus. Sie sagt es ist ein „Frauenbuch“. Aber sie meint es in Übereinstimmung mit der Autorin: Es ist eine starke Stimme aus weiblicher Feder, ein Blick auf ein starkes, für mich sehr fremdes Frauenleben. Und wie der Titel bereits andeutet: Suleika öffnet nicht nur symbolisch die Augen, Sie beginnt tatsächlich immer mehr zu sehen und wahrzunehmen. Es ist die Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau hin zu einer reifen Persönlichkeit.

Gusel Jachinas Roman spielt ab 1929 in der Sowjetunion, genauer in Tatarstan, zunächst in einem kleinen Dorf namens Julbasch in der Nähe der Stadt Kasan. Dort lebt die 30-jährige Suleika mit ihrem Ehemann und der unerbittlichen Schwiegermutter. Im Alter von fünfzehn Jahren hatte man sie verheiratet. Sie hat bereits vier Töchter geboren, doch jede starb kurz nach der Geburt. Sie führt ein hartes Arbeitsleben, was kein persönliches Glück vorsieht, steht dem wesentlich älteren Mann und dessen fordernder Mutter zu Diensten. Rechte hat sie keine.

„Suleika öffnet die Augen“ ist der passende Titel für diesen Roman, denn es ist eine weibliche Entwicklungsgeschichte. Mag man zunächst annehmen, dieses Schicksal könnte schlimmer nicht sein, kommt es aber doch noch härter. Im Zuge der „Entkulakisierung“, der Bauern mit Eigentum, verliert Matusa, Suleikas Ehemann, Haus und Hof und schließlich sein Leben. Suleika wird nach Sibirien verbannt, zur Mithilfe beim Aufbau einer vorbildlichen Arbeiter-Siedlung, zur Zwangsarbeit. Allein die Reise, (in den Innendeckeln des Buches kann man den Weg anhand einer Karte verfolgen) die Suleika mit anderen Kulaken und Regimefeinden antritt, dauert Monate und kostet viele Menschenleben. Auf dieser Reise bemerkt Suleika, dass sie schwanger ist.

Suleika ist Muslimin, glaubt aber ebenso an die Naturgötter, die in den Wäldern hausen. Die Verbindung zu diesen kommt ihr vermutlich in der neuen „Siedlung“ zu gute. Die kleine Gemeinschaft unter der Führung des Offiziers, der auch Suleikas Mann tötete, überlebt mit Mühe den ersten Winter. Suleikas Sohn wird geboren, mithilfe eines Arztes, der ebenfalls zu der Gruppe der Verbannten gehört. Dieser wird schließlich auch Vertrauter in Suleikas Leben. Es dauert Jahre, bis die Siedlung zum Dorf wird, in dem es sich einigermaßen gut leben lässt. Suleika arbeitet zunächst als Köchin, später entdeckt sie ihr Talent fürs Jagen. Trotz vieler Entbehrungen und harter Arbeit erlebt sie diese Zeit mehr und mehr als bereichernd, vor allem, weil ihr Sohn wächst und gedeiht und eben nicht stirbt, wie die Töchter. Zwischen ihr und  Ignatow, dem Offizier, entsteht eine gewisse Anziehung, die beide zunächst nicht akzeptieren …

 

Jachina hat ein Händchen für die Beschreibung der Charaktere in ihrer ungewöhnlichen Geschichte. Alles wird unter ihrem Blick lebendig, leuchtende, starke Bilder entstehen beim Lesen. Ich staune über die Kraft, die dieser Roman ausstrahlt. Vielleicht wird Gusel Jachina beim Schreiben auch von den Naturgöttern unterstützt …
Ich jedenfalls wünsche ihr mehr und mehr Leserinnen. Es ist ein ganz und gar bewegendes Debüt.

Der Roman „Suleika öffnet die Augen“ erschien im Aufbau Verlag in der auch von der Autorin gelobten Übersetzung von Helmut Ettinger aus dem Russischen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen Dörlemann Verlag

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Weiter mit Lektüre aus Russland …
Jetzt also Lydia Tschukowskajas Roman „Untertauchen“. Bereits vor ein paar Jahren ist es neu aufgelegt worden in einer Übersetzung der genialen Swetlana Geier. Lydia Tschukowskaja war eine Zeitgenossin der großen russischen Dichterinnen Anna Achmatova und Marina Zwetajewa. Und auch sie geriet aufgrund ihrer Direktheit, wie die beiden anderen im Stalinregime immer wieder ins Visier der Oberen. „Untertauchen“ erschien erst 1988, obwohl es bereits 1947 geschrieben wurde. Als es 1972 in den USA veröffentlicht wurde, schloss man die Autorin kurz darauf aus dem Schriftstellerverband aus. Die Rede, die sie aus diesem Anlass schrieb, findet man im Anhang des Buches und man staunt über Mut und Offenheit der Dichterin.

„Das machen sie plötzlich. Unterwegs. Genickschuss.“
Während er sprach drückte er mit dem Hinterkopf das Kissen zurecht. Wahrscheinlich spürte er jetzt seinen Nacken, so wie ich. Die Ufer des Kissens traten auseinander, und sein Gesicht lag jetzt tief auf dem Grund.

Dass ihr Mann auf diese Weise von den Schergen des Stalinregimes getötet wurde, erfährt die Schriftstellerin Nina Sergejewna erst 12 Jahre später. Bis dahin gab es für sie noch Hoffnung, erklärte man ihr doch, dass ihr Mann 10 Jahre Lagerhaft mit Schreibverbot vor sich habe. Dass das nur eine Geheimformel für den sofortigen Tod ist, wissen die wenigsten.
Einer, der es weiß, weil er selbst 5 Jahre Lagerhaft mit Zwangsarbeit hinter sich hat, ist der Schriftsteller Bilibin. Ihn lernt die Hauptfigur Nina in einem Sanatorium, eine Stunde von Moskau entfernt auf dem Land, kennen. Zunächst zögerlich erzählen sich die beiden auf ihren Spaziergängen durch die verschneiten Wälder schließlich aus ihrem Leben. Bald schon kommen sie sich näher, werden Vertraute. Während Nina an einer Übersetzung arbeitet, beendet Bilibin seinen Roman. Nina geniest das „Untertauchen“, weitab der beengten Wohnverhältnisse in Moskau. Sie findet endlich Zeit und Ruhe für das eigene Schreiben.

„All das wird mir wieder genommen werden. All das werde ich wieder hergeben müssen. Niemand Bestimmter wird es zurückverlangen, nur etwas Ungreifbares wird dann vorübergegangen sein, jenes etwas, was wir >Zeit< nennen.“

Im Sanatorium lebt zur gleichen Zeit auch der jüdische Lyriker Weksler, dem Nina mit ihrem Gespür für gute Lyrik weiterhilft. Doch dieser wird eines Nachts abgeholt und verschwindet, was Nina enorm erschüttert. Die vier Wochen Erholungskur gehen schneller vorbei als gewünscht. Gegen Ende des Aufenthalts gibt Bilibin Nina seinen Roman zu lesen. Sie ist erschüttert, hatte sie doch gerade ihn nicht für einen Mitläufer gehalten: Der Roman erhält eine geschönte und für regimetreue Augen geschriebene Variante der furchtbaren Geschichte, die Bilibin ihr aus seiner Zeit im Lager berichtete. Nina bricht sofort den Kontakt zu ihm ab. Doch wie kann sie ihn verurteilen, da sie nie das erlebt hat, was verbannte Verurteilte durchmachen mussten, die letztlich auch immer wieder in der Gefahr einer wiederholten Inhaftierung lebten? Dennoch verabschieden sich beide kühl am Bahnhof von Moskau und jeder kehrt zurück in seine eigene Welt.

Ich bin sehr angetan: „Untertauchen“ von Lydia Tschukowskaja überzeugt sowohl sprachlich als auch inhaltlich.
Der Roman erschien bereits 2015 im Dörlemann Verlag in schönem Leineneinband mit einem Nachwort von Hans Jürgen Balmes. Die Übersetzung stammt von Übersetzer-Koryphäe Swetlana Geier. Eine Leseprobe gibt es hier.

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol Rowohlt Verlag

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Natascha Wodin hat mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Natascha Wodin kann schreiben. Ich weiß es aus dem Roman „Nachtgeschwister“, in dem sie über die schwierige Beziehung zu dem großen Schriftsteller Wolfgang Hilbig schreibt. Durch die Lektüre von Wolfgang Hilbig (in „Das Provisorium“ erfährt man einiges über ihre Beziehung) habe ich überhaupt erst von ihr erfahren. Nun also der Buchpreis …

„Dass ich den Namen meiner Mutter in die Suchmaschine des russischen Internets eintippte, war nicht viel mehr als eine Spielerei.“

„Sie kam aus Mariupol“ ist ein sehr persönliches Buch, eines, was zu schreiben, sicher nicht leicht gefallen ist. Man merkt es immer wieder durch das Buch schimmern, wie stark das Thema Wodin berührt: Schwierig daraus Literatur zu machen …  Vielleicht hätte es eines längeren Abstands bedurft zwischen Recherche und fertigem Buch. Jedenfalls fehlt mir in diesem Buch durchgängig Wodins starke Sprache.

Das Buch ist in vier Abschnitte unterteilt:
Zuerst berichtet Natascha Wodin von ihrer Suche nach den Wurzeln der Mutter, die sich umgebracht hat, als sie selbst noch ein Kind war. Tatsächlich wird sie übers Internet fündig: viele Erinnerungen erweisen sich als wahr, doch noch viel komplexer, als gedacht. Hier erzählt Wodin wie in einem Erlebnisbericht über ihre Recherche und ich als Leserin verheddere mich immer stärker in den immer neuen russischen Namen der gefundenen Verwandten.

„Mein Leben lang hatte ich mich benachteiligt gefühlt, weil ich keine Familie hatte, aber das war nur deshalb so gewesen, weil ich nicht gewusst hatte, dass ich ein glücklicher Mensch war ohne diesen ganzen Ballast.“

Im zweiten Teil erzählt Wodin aus den Tagebüchern und Memoiren ihrer Tante Lidia. Die Hefte wurden in der Wohnung eines neu entdeckten Verwandten aus Sibirien gefunden und ihr zugeschickt. Aus diesen geht hervor in welch schreckliche trostlose Zeit Wodins Mutter 1920 in Mariupol hineingeboren wurde. Anhand von Lidias Lebenslauf gewinnt sie einen kleinen Eindruck vom Leben ihrer Mutter, obgleich diese neun Jahre jünger war als Lidia.

„Wie hat sie ausgesehen mit ihren zwei, drei Jahren? Wie die Kinder in heutigen Hungerländern, kleine Skelette mit geblähten Bäuchen und großen leeren Augen?“

Wodin versucht im dritten Teil das Leben ihrer Mutter von der Flucht (oder Zwangsdeportation?) mit ihrem russischen Mann aus der Ukraine nach Deutschland zu er-schreiben. Sie und ihr Mann arbeiten als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie in Leipzig, wo für die sogenannten Ostarbeiter die schlechtesten Bedingungen herrschen.
Das meiste in diesem Teil ist aus wenigen persönlichen Anhaltspunkten und anhand geschichtlicher Dokumentationen rekonstruiert.

Zuletzt erzählt Wodin von der Zeit, die sie ab ihrer Geburt 1945 selbst mit erlebt hat: das Heranwachsen in Lagern für Displaced Persons, später in einer Kleinstadt in Oberfranken in einem Viertel der „Ausgegrenzten“. Sie erlebt die Ängste der Mutter, versteht sie aber nicht. Die kleine Schwester wird geboren. Die Beziehung zwischen den Eltern ist alles andere als liebevoll. Bei kleinsten Vergehen setzt es Hiebe. Die Mutter verfällt in immer tiefere Depressionen. Der Vater kümmert sich nicht. Die beiden Mädchen verwahrlosen …  Schließlich kommt es dazu: Die Mutter tut das, was sie so oft schon ankündigte. Sie „geht ins Wasser“.

„Immer muss man bei uns alles suchen, obwohl wir eigentlich dauernd aufräumen, aber wir finden einfach keinen festen Platz für die Dinge, wir wissen nicht, welche Ordnung wir dem Chaos entgegensetzen sollen.“

Und auf diesen letzten Seiten blitzt auch endlich etwas durch, was an die Ausdrucks- und Sprachkraft aus Wodins vorherigen Büchern erinnert.

Dieses Buch ist ein Erinnerungsbuch. Vermutlich war es für Natascha Wodin notwendig und befreiend die Geschichte ihrer Familie nieder zu schreiben. Es ist auch eine erschütternde Dokumentation, ein zeitgeschichtlicher Einblick. Große Literatur, wage ich zu behaupten, ist es nicht. Ein gutes Beispiel einer ganz ähnlichen Recherche, die mir jedoch sprachlich und literarisch gelungener erscheint, ist Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“.

„Sie kam aus Mariupol“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Zwei sehr begeisterte Besprechungen findet man bei LiteraturReich und Masuko13