Reinhard Kaiser-Mühlecker: Wilderer S. Fischer Verlag

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Ich bin großer Fan von  Reinhard Kaiser-Mühleckers Büchern. (Und nach dem letzten etwas schwächeren auch wieder sehr beeindruckt) Sie sind so wunderbar un-zeitgeistig und nicht-mainstream, die Sprache eher altmodisch, dabei aber keineswegs altbacken. Gerade für Stadtmenschen, Home-Office-Arbeitende und Intellektuelle bieten sie einen ungeschönten Einblick in bäuerliche, dörfliche Strukturen und die harte Arbeit in der Landwirtschaft. Einen wichtigen Blick über den Tellerrand hinaus.

Mich hat Kaiser-Mühlecker wieder in eine Zeit versetzt, in der ich selbst auf dem Land lebte und einige der traditionellen dörflichen Strukturen, die beispielsweise auch auf dem Bauernhof von Jakob, der Hauptfigur, herrschen, miterlebt habe. Tatsächlich scheint der Roman fast direkt an seinen Roman „Dunkle Seele, tiefer Wald“ (Link dazu unten) anzuschließen. Wir begegnen dem gleichen Personal. Jakob führt den Bauernhof der Eltern schon seit er 15 ist, der Vater ein Träumer und Tunichtgut, der Bruder inzwischen verheiratet in Wien lebend und die Schwester Luisa, die ihr Leben auch nicht so recht auf die Reihe bekommt, zumindest aus Jakobs Sicht. Der Roman „Wilderer“ beginnt gleich auf der ersten Seite mit einer Russisch Roulette-Szene …

Inzwischen in den Zwanzigern ist Jakob immer noch ein Einzelgänger, der wenig Kontakt im Dorf hat und wenn dann nur aus beruflichen Gründen. Bisher mit einigen Projekten gescheitert, scheint sich die Freilandhühnerhaltung nun endlich auszuzahlen. Gleich eingangs kommt es zu einer Unbehagen verursachenden Szene, in der Jakob seinen eigenen Hund vergiftet, weil dieser wildert und nicht mehr auf seine Befehle hört (was auch den Buchtitel erklärt).

„Tat er jemals nichts? […] Doch da im Radio redeten sie ja nicht davon, sondern von irgendwas mit Kreativität und so Zeug, das er – Leute wie er, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienten, für die die Gesellschaft seit jeher nur Spott und seit einer Weile auch noch Kritik übrig hatte, weil sie angeblich die Natur zerstörten oder das Klima oder was – sich nicht leisten konnte.“

Als er durch eine Nebentätigkeit in der Dorfschule die Künstlerin Katja kennenlernt, die ein Aufenthaltsstipendium im Ort hat, ist sie ehrlich interessiert an ihm und seiner Arbeit in der Landwirtschaft. Als er ihr schließlich den Hof zeigt, beschließen beide, dass sie ein Praktikum von vierzehn Tagen bei ihm machen kann. Die Arbeit scheint ihr wider Jakobs Erwarten gut zu gefallen und auch gut zu gelingen. Sie verlängern die Zeit und Katja bringt sofort eigene Vorschläge und Ideen zur Verbesserung mit ein. Sie gibt ihre künstlerische Tätigkeit ganz auf und zieht auf den Hof. Aus beiden wird schließlich ein Paar. Die treibende Kraft geht in fast allem von Katja aus. So auch die Idee, die Landwirtschaft vollkommen auf biologischen Anbau und Tierhaltung umzustellen. Jakob bleibt in allem, zumindest in meinem Gefühl als Leserin, sehr distanziert, mitunter kühl. Gefühle, Emotionen scheinen im äußerst fremd zu sein, Gespräche führen außerhalb des Kontexts der Arbeit kaum möglich. Selbst wenn gute Dinge passieren – ein gutes Ernteergebnis, ein schöner Abend mit Katja oder sogar die Geburt des Sohnes – scheint er es einfach als gegeben hinzunehmen.

Der Hof entwickelt sich sehr gut, Katja bleibt nach der Geburt des Kindes weiter gut eingebunden, kann sich später sogar über ein Kunst-Aufenthalts-Stipendium freuen. Der Leser vermutet richtig, wenn er darin erkennt, dass Katja durchaus weiter als Künstlerin arbeiten will, sozusagen einen Plan B im Hinterkopf hat.  So, als würde sie sich Jakobs nie sicher sein. Was letztlich auch stimmt …

Katja bereitet ein großes Fest vor, weil der Hof aufgrund seiner Innovationen geehrt werden soll, viele Gäste sind da, das regionale Fernsehen berichtet. Alles könnte gut sein. Doch als der neue Hund, der lange in der Familie von Jakobs Bruder gelebt hat, wie der Vorgänger zu wildern beginnt, scheint in Jakob etwas ausgelöst zu werden, etwas Böses, Ungehaltenes, vielleicht lange Angestautes, durch Kleinigkeiten (die wir Leser durchaus wahrnehmen) Geschürtes, das sich nun Bahn bricht … Klingt in meinen Worten pathetischer als es ist, dazu schreibt und konstruiert Kaiser-Mühlecker viel zu gut.

„Vor langer Zeit, am Ende der Kindheit, mit zwölf oder dreizehn, war etwas über ihn gekommen, das ihn nie mehr verlassen hatte seither, das Gefühl, aus dem Dasein verbannt worden zu sein, aber nicht ins Jenseits oder ins Nichts, sondern wie in ein Abseits, in dem er aber nicht wirklich weiterleben durfte. Am Fenster des Daseins: Dort saß er und wartete. So hatte er sich da auf einmal gefühlt, ausgestoßen … Ein Schatten hatte sich damals über ihn gelegt, von dem er nach bald zehn Jahren längst nicht mehr annahm, er werde je wieder weichen.“

Generell liegt über dem Roman eine verschwimmende Düsternis, so als wäre die Hauptfigur nicht fähig, das Licht zu sehen. Melancholisch bis todessehnsüchtig (bedenkt man die erste Szene), aber auch auf eine Weise gleichgültig ob aller möglichen bewegenden Geschehnisse. Ein irgendwie geheimnisvoller, aber eben auch un(be)greifbarer Held. Für diesen neuen Roman: Ein Leuchten!

Der Roman erschien im S. Fischer Verlag und stand im Monat Mai auf Platz 1 der SWR-Bestenliste. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Weitere Besprechungen zu Büchern von Reinhard Kaiser-Mühlecker hier auf dem Blog:

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald S.Fischer Verlag

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Zeichnungen S. Fischer Verlag

Julia Franck: Welten Auseinander S. Fischer Verlag

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„Die einzige verlässliche Beziehung, die ich in meiner Kindheit entwickelte, war die zu meinem Tagebuch.“

Julia Francks Romane „Die Mittagsfrau“ und „Rücken an Rücken“ mochte ich sehr. In ihrem neuen Roman schreibt sie nun offen autobiographisch. Soweit ich mich erinnere ging es auch bereits in „Rücken an Rücken“ um Familienmitglieder (ich vermute Mutter und deren Bruder). Und angesichts dieses und vieler weiterer Romane, die ich in letzter Zeit las, bin ich immer wieder fasziniert, ja beinahe neidisch, aus welchen hochinteressanten, kreativen und künstlerischen oder zumindest aus der Rolle fallenden Familien die Autor*innen stammen und welche Tagebücher oder alte Briefe sie auf Dachböden oder im Nachlass finden.

Julia Francks Roman-Großmutter war eine in DDR-Künstlerkreisen bekannte Bildhauerin. Sie war eine Frau voller Energie, trotz ihrer Holocaust-Erfahrung. Sie wollte sich nach dem Krieg in den neuen Staat DDR einbringen. Sie versammelte zeitlebens berühmte Gestalten um sich, wie Wolf Biermann oder Nina Hagen u.v.m. Für Kinder hatte sie wenig übrig, dennoch verbrachte Julia mit ihrer Zwillingsschwester viele Sommer in deren Rahnsdorfer Haus, nahe Berlin. Auch Julias Mutter, eine Schauspielerin, hat so ihre Probleme mit Kindern, was mich während des Lesens immer wieder zu der Frage bringt: Warum zeugen und bekommen Menschen Kinder, wenn sie sie eigentlich nicht wirklich wollen und womöglich sogar weggeben? Julias Mutter hat immerhin drei Kinder, als sie ihren Ausreiseantrag aus der DDR stellt. Einer nach dem anderen wird abgelehnt. Die Zwillinge lebten teilweise in Heimen oder bei Pflegefamilien. Bis es nach Jahren endlich klappt mit der Ausreise in den Westen. Doch die lange Zeit im Aufnahmelager Marienfelde in großer Enge bringt für die Familie zunächst nicht die erhoffte Freiheit. Was vorab geflohenen Freunden gelang, schafft Julias Mutter nicht. Sie ist als Schauspielerin nicht mehr gefragt und lebt mit ihren nun vier Kindern in einem alten Bauernhaus im Norden Deutschlands von Sozialhilfe.

Wie die Hauptprotagonistin Julia dies schildert, zeigt den großen Mangel auf, der vor allem die Kinder trifft, die oft auf sich selbst gestellt sind. Die Mutter schafft es nicht, ihren Kindern Sicherheit und Liebe zu geben und die Kindheit ist von Armut geprägt, oft herrschen Chaos und Vernachlässigung. Julia flüchtet sich zunächst ins Bratschespielen, dann ins Lesen und bald ins Tagebuchschreiben. Sie muss früh selbständig werden und zieht bereits mit 13 von zuhause aus, was sie als ihre Rettung ansieht. In Berlin lebt sie bei Bekannten und kommt bald selbst für ihren Lebensunterhalt auf. Alles neben Schule und Studium. Wenn die Autorin aus Julias Tagebuch erzählt, geschieht das in der dritten Person, während die Geschichte sonst in der Ich-Form erzählt wird. Vielleicht um einen Gewissen Abstand zu wahren.

„Das Bratscheüben lehrte mich, dass auch Erwachsene irrten. Man kann alles lernen, wenn man es nur wirklich will, ist ein leeres Versprechen. Ein Irrtum. Zwischen Üben, Mühe, Anstrengung, Geduld einerseits und Erfolg besteht schlicht keine Korrelation. Die Musik war ein erstes Beispiel.“

Bald in einer linksbunten WG in Berlin lebend, überlegt sie auch zum ersten Mal ihren Vater kennenzulernen, der von Julias Mutter verlassen wurde. Sie treffen sich unregelmäßig, bis die tödliche Erkrankung des Vaters dem ein Ende setzt. Das hinterlassene Tagebuch gibt Julia Aufschluss über die komplizierte kurze Beziehung ihrer Eltern.

Als sie Stephan in der Schule kennenlernt, der aus einer wohlhabenden Familie stammt, entwickelt sich ganz langsam eine ernsthafte Beziehung. Sehr langsam beginnt Julia einem Menschen zu vertrauen. Wenn Stephan von sich erzählt, sieht Julia wie sie beide eigentlich Welten Auseinander lebten und leben. Und dennoch ziehen sie einander an. Nicht immer verstehen sie einander, aber das steht ihrer Verbindung nicht im Weg. Die Geschichte mit Stephan umklammert den Roman mit seinen Rückblenden und Erinnerungen und schimmert immer wieder funkelnd durch die Dunkelheiten.  Sprachlich ist die Geschichte durch mitunter kurze Sätze, die Gedankenfetzen ähneln, geprägt. Sie folgt auch keiner Chronologie. Eher folgt sie einem Bewusstseinsstrom, was ich für autobiographisches Schreiben und speziell in diesem Fall sehr stimmig finde.

Julia Francks Roman „Welten Auseinander“ erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau S. Fischer Verlag

Eingangs ein Zitat der Dichterin Inger Christensen. Schön. Und gleich auf den ersten Seiten weiß ich, das ist ein Buch für mich. Ein Roman mit einer Geschichte, die mich schon anfangs sprachlich einfängt und in ihrer Art eigen erscheint. Antja Rávik Strubel hat einen besonderen Sprachstil. Autor*innen wie sie sind imstande für mich echte gute Literatur zu machen. Sie, wie auch Hari Kunzru (dessen neuen Roman ich in Kürze hier auch vorstelle), schaffen es aktuelle Themen, Politisches wie Gesellschaftskritisches so zu verarbeiten, dass es nicht plakativ oder künstlich aufgeblasen wirkt, sondern so als wären diese Themen in der Literatur naturgemäß zuhause. Das merkt man auch an der besonderen Tiefe der Texte. Solche Bücher liebe ich.

In der Geschichte ist neben der Heldin Adina auch die Blaue Frau unterwegs. Sie ist auch für mich eine besondere Begleiterin, denn sie bleibt rätselhaft. Sie bleibt verschwommen, mitunter widerspenstig, sie spricht in Rätseln, aber voller Poesie und vielleicht gibt es sie ja nur in der Phantasie, vielleicht ist sie ein Wassergeist? Vielleicht ist sie aber auch die Muse der Autorin selbst?

„Die blaue Frau bleibt, bis die Sonne untergegangen ist. Mit der Dämmerung wird es kalt. Das Wasser nimmt die Farbe von Asphalt an. Bevor sie geht, wendet sie sich noch einmal um.

Sie zögert.

Sie hält es für denkbar, dass Menschen ihre Energie manchmal auf etwas Ersehntes hin so ausrichten, dass es in Erscheinung tritt.“

Der Roman beginnt in Finnland. Wir begegnen einer jungen Frau (Adina, Nina, Sala) in einer kleinen Wohnung in einem Plattenbauwohngebiet von Helsinki. Sie scheint verwirrt und angeschlagen, sie versucht, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Sie driftet von Vergangenheit zu Gegenwart, versucht ihre Gedanken zu sammeln. Immer wieder schieben sich erlebte Szenen, vergangene Gespräche in den Text. Warum, erfahren wir nach und nach in Rückblenden; zwischen den Kapiteln kommt meist die Blaue Frau zu Wort.

Adina ist im tschechischen Riesengebirge aufgewachsen. Sie ist der einzige Teenager ihres Ortes. So wie der „Letzte Mohikaner“. Und so fühlt sie sich bereits als Mädchen oft verloren. Im Fantasiegebilde „Rio“, wo sie ihre Internet-Chatroom-Freundschaften knüpft, fühlt sie sich aufgehoben. Dort ist es egal, wer sie ist. Durch Arbeit im Skigebiet verdient sie sich das Geld, um nach dem Schulabschluss nach Berlin zu gehen. Sie will dort Deutsch lernen.

2006, Merkel ist gerade Kanzlerin geworden: In Berlin angekommen lebt Adina im Hostel, lebt sparsam und lernt. Als sie Rickie begegnet, ist sie fasziniert von der rebellischen Frau, die sie unbedingt porträtieren will. Adina verbringt viele Stunden in Rickies Fotoatelier, das gleichzeitig ihre Wohnung und Eventroom ist. Rickie scheint auf einem ihrer Porträtfotos auch den „Letzten Mohikaner“ eingefangen zu haben. Das beeindruckt Adina. Von Rickie, die für Adina (aber auch für mich als Leserin) nicht so ganz greifbar ist, weder in ihrem Tun noch ihrem Sein, erhält Adina eine Adresse, wo sie sich Geld fürs geplante Studium verdienen kann und ihr Deutsch weiter praktizieren kann. Es handelt sich um eine Kultureinrichtung im Oderbruch, nahe der polnischen Grenze.

Das Kulturprojekt ist noch im Entstehen; es werden Sponsoren gesucht. Adina wird schnell zur zweiten Hand des Chefs, dem gegenüber ein Luxusresort am See gehört. Er nennt sie Nina, weil für ihn alles im Ostblock offenbar Russland bedeutet. Immer wieder werden Festessen ausgerichtet im neu renovierten Teil des alten Hauses, um wichtige Leute für das Projekt zu gewinnen. Zu den Gelagen werden auch junge Frauen aus Polen angeheuert, damit die Verhandlungen nicht allzu trocken verlaufen, fließt reichlich Alkohol. Adina muss eines Tages dort Schreckliches erleben und flieht zu Fuß mit gepacktem Rucksack. Wohin weiß sie nicht. Sie lässt sich treiben, um zu vergessen.

Über verschiedene Umwege, ziellos, landet sie schließlich mit dem Zug in Helsinki. Sie findet einen Job in einem Hotel an der Bar. Dort lernt sie Leonides kennen, der aus Estland kommt und als Abgeordneter für die EU arbeitet. Die beiden lernen sich näher kennen; sicher spielt auch beider Herkunft aus Osteuropa eine Rolle, dass sie sich irgendwie verbunden fühlen. Schließlich zieht Sala, wie er Adina nennt, zu ihm in den Abgeordnetenbungalow. Hier beginnt Adina, sich wieder wohler und sicherer zu fühlen, obwohl beide sehr vorsichtig in ihrer Beziehung sind. Als Leser erfahren wir hier auch sehr viel über die Arbeit der EU, vor allem was Menschenrechtsverletzungen angeht, vor allem über die noch immer bestehende Kluft zwischen West- und Osteuropa. In diesen Kapiteln, die in Finnland spielen, wirkt der Roman auf mich am Stärksten. Hier zeigt sich die große Verletzbarkeit von Individuen und das, was die große Politik daraus macht.

Als Sala/Adina Leonides eines Abends auf eine Abgeordnetenparty begleitet geschieht etwas, was alle verdrängten traumatischen Ereignisse wieder hervorruft, von denen sie Leonides natürlich nie etwas erzählt hatte. Sie muss von ihm weg. Und so schließt sich der Kreis. Adina landet in der Wohnung im Plattenbau …

„Die Wahrheit einmal auszusprechen ist dabei nicht von Belang. Zwischen ihr und der Welt liegt ein gewaltiger Abstand. Ödes, baumloses Land. Was immer sie sagen wird in einem holzgetäfelten Saal, vor einer Richterin in einer schwarzen Robe; an dieser Ödnis werden ihre Worte nichts ändern.“

Die Autorin hat ein großes Geschick darin, durch Auslassungen Geschehnisse umso intensiver aufzuzeigen. Mit wenigen Worten ist oft klar, was nicht direkt gesagt wird, ja, vielleicht nicht gesagt werden kann. Es ist die Atmosphäre, die Dichtheit, die eindringliche Stimmung, die jedes Kapitel neu und anders prägt. Sie lässt uns sehr überzeugend die übergroße Last ihrer Heldin spüren, deren Innenwelt sich immer wieder im Außen spiegelt. Die Spannung ergibt sich durch die Form des Erzählens: immer mehr wird aus der Lebenswelt der Protagonistin bekannt, je weiter die Geschichte fortschreitet. Ein Puzzleteil fügt sich ans nächste. Langsam erkennt man Hintergründe. Und der Schluss, der ebenfalls mehr Andeutungen als Klarheit bringt, bietet uns immerhin Möglichkeiten des Fortdenkens der Geschichte an, in der Hoffnung, es möge der Heldin Gerechtigkeit widerfahren.

Antje Rávik Strubels Roman hat mich sehr beeindruckt. Die brillante Sprache in dieser Geschichte, die sich so vielschichtig zeigt ist ein absoluter Genuss, das Thema ein gesellschaftlich relevantes. Und absichtlich habe ich versucht in diesem Beitrag nicht so viel zu verraten, denn man sollte die Geheimnisse des Buches selbst entdecken. Unbedingte Leseempfehlung! Helles Leuchten!

„Blaue Frau“ steht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis, was mich riesig freut. Der Roman erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Eine weitere begeisterte Stimme gibt es auf dem Blog Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Arundhati Roy: Das Ministerium des äussersten Glücks S. Fischer Verlag

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Ein höchst komplexes Buch hat Arundhati Roy da geschrieben. Nach ihrem großen Romanerfolg mit „Der Gott der kleinen Dinge“ vor vielen vielen Jahren, an dessen Lektüre ich mich noch sehr gut und gern erinnere, hat die Autorin jetzt ihren neuen Roman vorgelegt. In der Zwischenzeit war Roy nicht untätig, sondern hat sich um die Politik ihres Landes bemüht, auch im Hinblick auf die Rolle der Frau.

„Ich würde gern eine dieser kultivierten Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultiviert, was hier passiert. Es gibt zuviel Blut für gute Literatur.

F1: Warum ist es nicht kultiviert?
F2: Wie groß ist die hinnehmbare Menge Blut für gute Literatur?“

Der neue Roman bietet, wie ich finde, einen Überblick über das Land und konfrontiert den Leser mit dessen Politik, die sich geschichtlich herleiten lässt und die nicht immer einfach zu verstehen ist. Was allerdings von vorn herein klar wird, ist, dass auch hier wie fast überall auf der Welt, die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Ganz ähnliches erzählt auch Shumona Sinha über ihr Heimatland.
Was Roy nicht verlernt hat, ist die Poesie ihrer Sprache. Sie ist es auch, die mich durch das Buch trägt und mich dabei bleiben lässt, auch wenn es manchmal verwirrend wird.

„Gottes Halsschlagader platzte auf der neuen Grenze zwischen Indien und Pakistan, und eine Millionen Menschen starben an Hass. Nachbarn gingen aufeinander los, als hätten sie sich nicht gekannt, sich nie gegenseitig zu Hochzeiten eingeladen und nie die Lieder der anderen gesungen.“

Es geht um die Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslims, die offenbar nicht mehr friedlich nebeneinander leben wollen und zusätzlich geht es um die vielen Bevölkerungsgruppen/schichten und politischen Parteien, die untereinander aus ähnlichen oder anderen Gründen zerstritten sind. Dazu rechne man dann noch die Kolonialvergangenheit … Roy öffnet diesen Raum für westliche Augen, gibt Einblicke. So, im Roman, lässt sich für mich die Geschichte eines Landes besser verstehen und bei Roy darf man auf fundiertes Wissen vertrauen.

„Die Bangladeshi, die wir befreit haben, verfolgen die Hindus. Die guten alten Kommunisten nennen Stalins Gulag einen „unumgänglichen Bestandteil der Revolution“. Die Amerikaner halten den Vietnamesen derzeit  Vorträge über Menschenrechte. Wir haben es mit einem Problem der Spezies Mensch zu tun. Niemand von uns ist ausgenommen.“

Haarsträubende Geschichten von Gewalt und Unrecht sind es, die Roy erzählt. Wenn ich so etwas lese, verstehe ich die Welt nicht mehr. Dieses Buch strotzt vor Korruption und Folter, Tod und Sterben, Mord und Massaker. Was ist ein Menschenleben wert? Mir fiel es auch schwer einem roten Faden darin zu folgen. Den Inhalt des Romans hier zu erläutern ist ebenso schwierig; ich habe das Gefühl, alles wiederholt sich ständig:

In zwei Erzählstränge teilt Roy ihre Geschichte auf. Zum einen geht um Aftab, der/die eine Hijra ist, also ein Wesen mit beiden Geschlechtsmerkmalen. Sie entscheidet sich für das Weibliche und nennt sich fortan Anjum und geht früh von zuhause fort. Im Verlauf gründet sie ein Gästehaus für Verlorene und Ausgestoßene mit Bestattungsunternehmen auf einem Friedhof in Delhi.

Zum zweiten geht es um vier Studenten, drei Männer und eine Frau, die sich anfreunden, deren Wege sich aber trennen und die sich in alle Winde zerstreuen. Mitunter kreuzen sich wieder die Bahnen und es kommt schließlich auch zu einem Zusammentreffen der beiden Stränge … Für mich sind jeweils die Frauen die Hauptpersonen.

Roy macht es dem Leser nicht leicht, der Geschichte zu folgen: so viele Namen, so viele Personen, gewaltige Zeitsprünge, wechselnde Perspektiven. Gegen Ende des Romans war ich mehr und mehr erschöpft und habe nur aufgrund von Roys sprachlichem Können zu Ende gelesen. Die hohe Qualität der Lektüre ist unbestreitbar, am Inhalt jedoch trägt man schwer …

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ von Arundhati Roy in einer Übersetzung aus dem Englischen von Anette Grube erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit S. Fischer Verlag

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„Als die Flotte Beijing an einem eiskalten, wolkenlosen Tag Ende November erreichte, glitzerten die entlaubten Bäume am Weg von der mit goldgelbem Brokat ausgelegten Mole ins Innere der größten Stadt der Welt unter Reifpelzen.“

Der englische Uhrmachermeister Cox wird von Qiánlóng, dem Kaiser von China nach Beijing gerufen. Der Auftrag: Er soll eine ganz besondere einzigartige Uhr für ihn erschaffen. Eine Art Perpetuum mobile …

Nach langer Fahrt mit dem Schiff von England nach China erhalten Cox und seine drei Gehilfen den Auftrag die Zeit einzufangen. Zur riesigen Uhrensammlung des Kaisers soll sich nun die Außergewöhnlichste hinzugesellen. Für Cox, der zuhause bereits mit dem Gedanken spielte, Pläne zeichnete, um ein Perpetuum mobile zu bauen, dem aber immer Zeit oder die Mittel fehlten, kommt diese Aufgabe wie gerufen. Er, der seine geliebte 5-jährige Tochter Abigail verlor, und damit auch seine junge Frau Faye, die seitdem nicht mehr sprach, stürzt sich auch aus Kummer und Trauer tief in die Arbeit. Zudem hat er die Vision, mit dem Bau der Uhr der Unendlichkeit seiner toten Tochter näher zu kommen und womöglich seine Frau wieder zum Sprechen zu bewegen …

„Denn anders als die Geburt eines Menschen war die Verwirklichung einer mechanischen Idee in ihrer gesamten Vielfalt begreifbar, kontrollierbar und kein Rätsel, kein Wunder wie ein Kind, das in Wahrheit doch bereits mit seinem ersten Atemzug wieder zu sterben begann.“

Der Autor schafft es beeindruckend den Größenwahn des Herrschers über das chinesische Reich zu verdeutlichen, die unbeschreibliche Grausamkeit und die Eitelkeit eines gottgleichen, ja Gott übertrumpfenden Wesens und in manchen Momenten aber auch dessen Verletzlichkeit und Gewöhnlichkeit zu zeigen. Ja, er wirft die Frage im Namen des Kaisers auf, wie unterschiedlich die Wahrnehmung von Zeit sein kann, je nachdem in welcher Situation man sich befindet und wie man diese individuelle Zeit messen könnte.

Ransmayr erschafft seine Romancharaktere aus tatsächlich existierenden Menschen: Der Engländer Cox (1723 – 1800), der in London ungewöhnlich schöne, ausgesprochen wertvolle Uhren erschuf. Und Qiánlóng, der Kaiser von China (1711 – 1799), der in der verbotenen Stadt gottgleich sein Volk regierte. Nur begegnet sind sie sich in Wirklichkeit nie. Doch gelingt es dem Autoren eine Geschichte zu erfinden, die durchaus Geschichte hätte schreiben können.

Aus der Zeit gefallen, märchenhaft und traumwandlerisch liest sich dieses Abenteuer dreier Engländer im Reich der Mitte, immer wieder unterbrochen, durch die grausamen Zeichen der Macht ihres Auftraggebers, des Kaisers. Ransmayrs Sprache gebührt großes Lob. Sie ist es, die diesen Roman trägt und hervorragend macht. In verschachtelten, nach allen Seiten wortreich wuchernden Sätzen trifft er genau die überbordende Art, die in Palästen und Pavillons des Kaisers vorherrscht. Eine Sprache, die den Leser zum Teil der Geschehnisse macht. Jedes Ticken der Uhren, das Vergehen der Zeit wird spürbar. So klar und genau, so unglaublich dicht und poetisch, dass es eine Freude ist. Ein Leuchten!

Der Roman ist mit einem wunderschönen glitzernden mit geprägten chinesischen Schriftzeichen versehenen Umschlag ausgestattet. Er erschien im S. Fischer Verlag.
Weiter Besprechungen finden sich bei Zeichen & Zeitenaus.gelesen und KulturErnten.