Norbert Gstrein: Der zweite Jakob Hanser Verlag

Gerade zur Zeit ist sie wieder häufiger in den Medien: die Grenze zwischen den USA und Mexiko. Der Grenzzaun, der unter Trump zur Mauer werden sollte, hält mexikanische Bürger ab, in die Staaten abzuwandern auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Norbert Gstreins neuer Roman spielt zumindest in Teilen in der texanischen Grenzstadt El Paso, die direkt ins mexikanische Juarez übergeht. Wäre da nicht die Grenzkontrolle. Hauptprotagonist ist Jakob, der aus einer wohlhabenden Tiroler Skilift- und Hotelbesitzerfamilie stammt. Recht schnell hat er sich abgegrenzt und ist weggegangen aus dem Heimatort, aus dieser einengenden Dorfwelt. Ein halbwegs bekannter Schauspieler ist aus ihm geworden, der sich mithilfe des Erbes der Großmutter schadlos hält. Er ist der „zweite Jakob“ in der Familie, der etwas „anders“ ist.

In der Wüste rund um El Paso dreht er einen Film, in dem er einen Grenzpolizisten spielt, der je eine Geliebte auf beiden Seiten des Zaunes hat. Sein Part ist es am Schluss die mexikanische Geliebte umzubringen. Als Film-Mörder hat er schon Erfahrungen und dennoch macht ihm die Szene mehr zu schaffen als die Male zuvor. Weshalb erfahren wir aus einem Gespräch mit der Tochter Luzie 15 Jahre nach dem Vorfall.

Luzie, die mit 12 ins englische Internat abgeschoben wurde und nun mit 20 den bereits drei mal geschiedenen Vater vor einer geplanten gemeinsamen Reise in die USA fragt, was das Schlimmste war, dass er in seinem Leben getan hat. Eine interessante Frage, die von einer jungen Frau gestellt wird, die ebenfalls als „etwas anders“ beschrieben wird. Im Grunde erscheint sie mir als hochsensibler Mensch auf der Suche nach Halt und Stabilität, die sie nie von den Eltern bekommen hat. Nach einigen Ausflüchten erzählt Jakob von dem unheilvollen Geschehnis in der texanischen Wüste. Mit einer exaltierten betrunkenen Schauspielerkollegin war er im Auto mitgefahren und in der Dunkelheit überfuhren sie auf einer abgelegenen Straße eine Frau und begingen Fahrerflucht. Als Luzie das hört, ist sie entsetzt und distanziert sich von ihrem Vater. Die gemeinsame Reise fällt ins Wasser. Auch meine Reaktion als Leserin ist Entsetzen über diese Fahrerflucht. Wie schafft man es eine solche Schuld über 15 Jahre hinweg für sich zu behalten und damit zu leben?

In Vor- und Rückblenden, einmal Texas, einmal Innsbruck, wo Jakob und Luzie wohnen, taucht die Leserin tief in die Geschichte ein. In den Beschreibungen der Grenzregion mit ihren großen Problemen erfahren wir auch wie besonders hart es einmal mehr die Frauen trifft, die teilweise als halbe Kinder täglich in den Fabriken arbeiten und sich zusätzlich oft als Prostituierte verdingen, weil das Geld nicht reicht. Geschickt packt Gstrein diese Themen mit in die Story, indem er einen Journalisten in die Geschichte einführt, der in El Paso über unzählige Frauenmorde recherchiert. Jakob hat ihn in Verdacht, womöglich etwas über die Fahrerflucht heraus gefunden zu haben.

Auch das Vater-Tochter-Verhältnis erhält eine wichtige Rolle im Roman. Luzie als Hinterfragende und Jakob, der seine eigene Tochter im Prinzip gar nicht kennt. Und obwohl beide sich recht ähnlich sind, kommen sie dennoch selten gut miteinander aus. Luzies Freund behagt dem Vater nicht und seinem Biographen, einem windigen Typ, scheint sie mehr zu erzählen, als ihm lieb ist. Am Ende verbessert sich die Beziehung aber doch und Luzie begleitet den Vater sogar zu den Geburtstagsfeierlichkeiten in die Heimat, von der Jakob sie immer fern gehalten hatte.

Vor dem letzten Kapitel fügt Gstrein noch zwei kurze Kapitel ein, die meiner Meinung nach vollkommen überflüssig sind und keinerlei Mehrwert bringen, in dem der am Altern leidende, bald 60 werdende Jakob von einer möglicherweise tödlichen Krankheit erfährt und in dem er die obligatorische Affäre mit einer 30 Jahre jüngeren Frau hat. Sorry, das ist mir zu einfallslos und altmännerhaft. Hier wird manches in Frage gestellt, was es vorher an inhaltlicher Tiefe und Sprachgewandtheit gibt. Und auch weil der Roman nicht in Allem stimmig konstruiert ist, finde ich, dass es nicht der beste von Gstreins Romanen ist.

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Besprechungen zu Die kommenden Jahre und Als ich jung war von Gstrein, die mir auch besser gefielen, gibt es schon auf meinem Blog.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.