Neue Lyrik im Herbst – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Herbst 2021

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Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Herbstvorschauen 2021 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

Meine vier Favoriten:

Auf Ulrich Kochs neuen Lyrikband freue ich mich sehr. Er ist ein, wenngleich unerreichbares, Vorbild für mein eigenes Schreiben. Geniale Kostproben gibt es immer wieder auf Facebook. „Diese Gedichte sind groß, groß genug für Gegensätze und Selbstwidersprüche, und sie nehmen sich zurück, als hätten sie sich gekürzt. Sie sind das, was übrig bleibt, wenn das Ich – »Ein Niemand / Unvergessen« – gestrichen ist.“ (aus dem Vorschautext). „Dies ist nur ein Auszug aus einem viel kürzeren Text“ erscheint am 27.8.21 beim Jung und Jung Verlag.

Levin Westermann hat mich mit seinem letzten Gedichtband sehr begeistert. „Denn das Schreiben ist immer auch ein Überschreiben. Literatur ist Palimpsest. Und alles ist verbunden, im Text und in der Welt. Kein Lebewesen existiert für sich allein, und kein Text entsteht aus dem Nichts.“ (aus dem Vorschautext).  „farbe komm dunkel“ erscheint am 26.8.21 im Matthes & Seitz Verlag.

Ich bin Fan von Lutz Seilers Texten, sei es Prosa oder Lyrik. Sein neuer Band heißt  „schrift für blinde riesen“. „Mit seiner suggestiven Stimme und einer gehärteten Sprache jenseits aller Moden eröffnet Lutz Seiler einen ureigenen poetischen Raum. Vor allem ist es die Materialität der Dinge, das Sprechen nah an den Substanzen – verwandelt in Rhythmus und Klang, bilden sie den Erzählton seiner neuen Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Erscheinungstermin ist der 16.8.21, wie immer im Suhrkamp Verlag.

Der Debütband „dekarnation“ von Eva Maria Leuenberger hat mich bereits fasziniert und ich bin sehr gespannt auf  „kyung“.  Eva Maria Leuenbergers zweites Buch ist eine unerschrockene Auseinandersetzung mit Identität, Herkunft und Sprache, Ent- und Verwurzelung, sexueller Gewalt und Angst. All das macht kyung zu einem hochpolitischen und hochaktuellen Werk.“ (aus dem Vorschautext) Der Band ist bereits erschienen am 25.6.21 im Literaturverlag Droschl.

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Ron Winklers Bände stehen fast alle in meinem Buchregal. Sein neuer Band trägt den Titel „Magma in den Dingen“. „Ron Winkler untersucht in seinem neuen Band, wie die Sprache in der Bewegung ihre Fließgeschwindigkeit verändert. Unermüdlich sind Winklers Gedichte dem »strapaziösen Schönen« auf der Spur, tragen sie die überraschenden Überschüsse dessen nach, was der Fall ist.“ (aus dem Vorschautext). Der Band erscheint am 20.7.21 im Schöffling Verlag.

Birgit Kreipes neuer Lyrikband aire“ ist gerade bei Kookbooks erschienen. „Die Gedichte in aire spüren inneren und äußeren Umbrüchen nach – etwa Krankheit, Umzug, Verlust – und interessieren sich für disruptive oder allmähliche Veränderungen: für die sukzessive Integration von Sinneseindrücken, das Gären von Gefühlen, Gedanken- und Erinnerungsspuren sowie die dadurch ausgelöste spezifische Unruhe – und deren Sprünge und Transformation in neue Erfahrung.“ (aus dem Vorschautext). ET 28.6.21

Herausgegeben von beiden, von Birgit Kreipe und Ron Winkler erscheint eine Anthologie über Märchen im Gedicht: „Rote Spindel Schwarze Kreide“.  Es überrascht nicht, dass Märchen auch die Poesie inspirieren. Es überrascht eher, dass märchenhafte Lyrik bisher nicht in dieser Form zusammengekommen ist. Dabei sind sich beide Genres äußerst nah. Am Wunderbaren rühren, die eigene Zeit verwandeln oder hinterfragen, vertuschen und verblüffen, es mit dem Unergründlichen aufnehmen: Das können Märchen, können Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Ab 13.9.21 bei Edition Azur/Voland Quist.

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Die Gedichte der jungen albanischen Lyrikerin Luljeta Lleshanakus fielen mir schon in der Anthologie „Grand Tour“ positiv auf.  Nun erscheint der Band Die Stadt der Äpfel im Hanser Verlag. „Luljeta Lleshanaku gehört zu den prägendsten Stimmen der neuen Lyrik Osteuropas. In jungen Jahren erlebte sie den politischen Umbruch in Albanien, jene plötzliche Beschleunigung der Zeit, die ihrer Generation eine Welt ohne Anker und Zukunft hinterließ. Lleshanakus Gedichte sind von großer Unmittelbarkeit und Melancholie gezeichnet.“ (aus dem Vorschautext) ET 27.9.21

Ronya Othmann, die bereits beim Gertrud Kolmar-Preis den Förderpreis erhielt, bringt nun nach ihrem Debütroman auch einen Gedichtband heraus. „Widerständig und zugleich an jeder Stelle ungeschützt und intim tragen diese existenziellen Gedichte einen neuen Ton in die Gegenwart: „wir werden die detonation rückwärts lesen.““ (aus dem Vorschautext)  „Die Verbrechen“ erscheint am 25.10.21 im Hanser Verlag.

Den Hauptpreis beim Gertrud Kolmar-Preis erhielt Ulrike Draesner mit ihrem Gedichtzyklus  „doggerland“ „Oszillierend zwischen Deutsch und Englisch, zwischen gebundener und freier Rede, wirft Draesners bereits vor der Veröffentlichung preisgekröntes Gedicht einen Blick zurück: vom immer wahrscheinlicheren Ende des Holozäns zu unseren Anfängen. Eine bewegende, von jahrhundertealten, meist männlichen Vorstellungen befreite lyrische Suche nach unseren Wurzeln.“ (Vorschautext) Der Band erscheint am 4.10.21 im Penguin Verlag.

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9783945832462.jpg frau20210624_130415158214244945771143.jpgDas Kettenkarussell

Die 1982 in Syrien geborene Rasha Habbal ist bereits an dem wunderbaren Projekt „Weiterschreiben“ beteiligt. „Rasha Habbals Gedichte machen sich verletzlich. Sie sind immer intim, aber nie privat – immer alltäglich, aber nie belanglos. Szenen und Situationen projiziert Habbal auf den Hintergrund ihrer Entstehung: die syrische Revolution von 2011, den Bürgerkrieg, das Leben in Deutschland. Die Geschehnisse gewinnen aber nicht die Oberhand über das Gewöhnliche, das eine umso größere Symbolkraft entfaltet.“ (aus dem Vorschautext) „Die letzte Frau“ erscheint am 1.9.21. im Verlagshaus Berlin.

Bei Kookbooks erscheint der neue Band des Lyrikers Farhad Showghi. „Ich entwerfe ein Sprechen. Und komme zum Erzählgedicht. Was geschieht, wenn ich sage: Genaugenommen verlasse ich das Haus und die Ortschaft. Die Ort-schaft. Die Silbe schaft beschäftigt mich. Und ich will jetzt einen Zuruf suchen, mit einem mundfernen Sprechgefühl, mir indes einen Namen machen, einen Namen, der von sich aus nichts tut, keiner Anweisung folgt, eher Lautfolge bleibt.“ (O-Ton Showghi in der Vorschau)  „Anlegestellen für Helligkeiten“ erscheint im Oktober 21.

Neue Gedichte der Georgierin Bela Chekurishvili sind bereits am 13.7.21 erschienen. Der Gedichtband heißt „Das Kettenkarussell und erschien beim Wunderhorn Verlag. „Die neuen Gedichte von Bela Chekurishvili haben ihre Ankerpunkte in der Kindheit. Sie rückt umso mehr in den Blick, je länger und je weiter sich die georgische Dichterin aus ihrer Heimat entfernt hat. Die Gedichte Bela Chekurishvilis holen die Ferne heran, mit den uralten Mitteln der Poesie.“ (Text aus der Verlagsvorschau).

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Zwei interessante Lyrikbände erscheinen Mitte September im Elif Verlag. Zum einen ein weiterer Band aus Island, diesmal „Lederjackenwetter“ von Fríða Ísberg, wieder zweisprachig und übersetzt von Wolfgang Schiffer und Jon Thor Gislason. Eine Empfehlung vom Verleger selbst ist der Band „Schmutzfleck“ von Seyyidhan Kömürcü. 

Şafak Sarıçiçeks neuester Gedichtband scheint mir inhaltlich sehr spannend: „Mit Aplomb treten auch die Gedichte auf, die Im Sandmoor ein Android versammelt. Bemerkenswert ist ein Zyklus, der die Heidelberger Sammlung Prinzhorn – ein Museum für Kunstwerke aus psychiatrischen Kliniken – reflektiert und in kraftvolle Sprachbilder übersetzt. Überhaupt geht es in Sarıçiçeks Lyrik oft um Objekte, um Exponate. Kaum ein Gedicht ohne Auftritt lebender oder fossiler Pflanzen und Tiere.“ (aus dem Vorschautext)  „Im Sandmoor ein Android“erschien bereits am 14.7.21 beim Quintus Verlag.

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Titelfoto: Constanze Matthes

 

Damiano Femfert: Rivenports Freund Schöffling Verlag

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Der Debütroman Damiano Femferts sprach mich gleich an. Die Thematik erinnerte mich an Olivier Guezs Roman „Das Verschwinden des Josef Mengele“. Nur leider, gleich vorweg, erreicht dieser Roman nicht die gleiche Qualität. Handwerklich gut geschrieben, aber leider doch ziemlich vorhersehbar gearbeitet und mit mir teils allzu salopper Sprache. Hätte ich nicht immer wissen wollen, ob die Geschichte doch noch eine spannende Wendung nimmt, hätte ich womöglich nicht zu Ende gelesen.

Die Geschichte spielt 1952 im Norden Argentiniens. In der Nähe einer Kleinstadt nahe der Grenze zu Chile wird ein verletzter Mann gefunden, der keine Papiere bei sich trägt und bei dem sich nach den ersten Untersuchungen herausstellt, dass er offenbar das Gedächtnis und die Sprache verloren hat. Chefarzt Rodrigo Rivenport betreut den Mann, obwohl er sich lieber mit seiner Schmetterlingssammlung beschäftigen würde (was überflüssigerweise anfangs auch dauernd im Text betont wird), er ist leidenschaftlicher Hobby-Entomologe. Als sich der Patient von den körperlichen Verletzungen erholt, zeigt sich, dass der große blonde Mann mit blauen Augen durch die Amnesie mit einem kindlich fröhlichem, neugierigen Gemüt versehen ist. Irgendwann nennt er den Namen Kurt. Irgendwann stellt sich heraus, dass er perfekt Orgel und Klavier spielen kann. Irgendwann stellt sich heraus, dass er ein Deutscher ist.

Schon hier kann man sich aufgrund des Settings leicht vorstellen, wer Kurt wirklich ist. Doch Rivenport, der sich allmählich aus seiner langweiligen Lebensroutine befreit, sich mit dem „Blondschopf“ anfreundet und vieles gemeinsam erlebt, braucht noch viele Seiten für seine Recherche von biografischen Daten nach der Herkunft und Identität des Mannes. Als er sie schließlich erhält, bleibt die Gewissensfrage.

„Und doch wusste er, Kurt war schuldig. Er war einer jener Täter, für die der Nationalsozialismus und der mit ihm verbundene Horror stand. Kurt erinnerte sich vielleicht nicht mehr, aber er war es doch, der anderen Menschen das Leben zur Hölle gemacht hatte, nicht andersherum, wie Rivenport nach seiner Chile-Reise angenommen hatte.“

Kurt, der zunächst die Identität eines im KZ ermordeten Juden annahm, nach Südamerika floh und dort auf der Flucht mit dem unter wieder anderem Namen gekauften Auto, einen Unfall hatte, bei dem er das Gedächtnis verlor und fortan ein selbstvergessenes vollkommen im Jetzt verankertes Leben weiterführt. „Darf das sein?“, fragt sich Rivenport und denkt dabei an die Metamorphose der Lepidopterae, von der Raupe, zum Kokon, zum wunderschönen Schmetterling. Kann aus einem SS-Mann ein gütiger Mensch werden?

Der Roman des 1985 geborenen Autor erschien im Schöffling Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Grace Paley: Manchmal kommen und manchmal gehen Schöffling Verlag

Schon das erste Gedicht der amerikanischen Dichterin haut mich um:

„Eine Frau erfand das Feuer und nannte es
das Rad
War das so weil die Sonne rund ist
Ich sah die runde Sonne den Himmel färben
Und das Feuer rollt übers Feld
von Wald zu Wipfel
Es springt wie ein Fahrrad mit einem wilden Jungen darauf … „

Grace Paley, 1922 in New York geboren und 2007 verstorben, stammt von russisch-jüdischen Einwanderern ab. Ein Hintergrund, der auch ihr Werk mitbestimmt. Paley schrieb Gedichte und Stories. Von Philip Roth und dem New Yorker hoch gelobt wurde sie mit ihrem Werk schließlich bekannter. Außerdem engagierte sie sich politisch in der Friedensbewegung und für Rassen-, Geschlechter- und Klassenfragen. Ein schönes Panorama über Paley und ihr Gesamtwerk bei Schöffling gibt es hier.

Paleys Gedichte sind Perlen. Und es gibt ganze Perlenketten in diesem Buch. Gleich das zweite Gedicht möchte ich hier im Ganzen zitieren, weil es eine Zeitreise ist, eine Reise in eine bereits vergangene Zukunft, eine bildhafte Mahnung:

„Das Lied von den bekümmerten Kindern

Dieses Haus ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Papiere
Auf den Stühlen liegen Bücher herum
und guck Laub bedeckt den Boden
unter den umherziehenden Juden

Dein Gesicht ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Du hast das ganze Gesicht voller Falten
einen Hals wie neugierige Schildkröten
Wieso hast du dich so gehen lassen?
Wohin gehst du denn ohne uns?

Diese Welt ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Bomben
Es gibt kein Wasser jedes Feld ist vergiftet
Wieso hast du uns alles so hinterlassen
Wohin sollen wir sagten die Kinder
was sagen wir unseren Kindern?“

Diese Lyrik lebt vom Rhythmus. Jedes Gedicht schwingt wie ein Lied, kein Abgesang, ein Neuanfang, immer wieder, kraftvoll, manchmal lauter, manchmal wispernd. Die Dichterin hinterlässt eine feine Idee von Energie, von Achtsamkeit. Ich habe ein klares Bild beim Lesen dieser wunderbaren Gedichte: Paley wacht auf, schreibt ein Gedicht, Paley geht durch ihren Alltag und schreibt ein Gedicht, Paley liebt und streitet und lacht und weint und schreibt ein Gedicht. Diese Verse stehen in ihrer Einfachheit überdeutlich und rufen danach gelesen zu werden. Gleichzeitig verbirgt manches Gedicht etwas. Man spürt es und wenn man es schafft, zu erfühlen, was es ist, ist es womöglich der Geheimniszustand, von dem die große Lyrikerin Inger Christensen und bereits lang zuvor Novalis schrieb.

Paley thematisiert so manches Mal ihre jüdische Herkunft und die damit verbundene Geschichte der Emigration ihrer Familie, sie scheut nicht vor Gesellschaftskritik, vor den Themen Alter

„Glauben Sie alte Leute sollten weggeschlossen werden
das eine rote feuchte Auge die Pupille die zurück- und zurückweicht
die Hände sind schuppig
glauben Sie all das sollte man verstecken“

oder Tod und Sterben zurück.

„Ich habe mit meiner schwester gesprochen sie
weiß wohl nicht dass sie seit jetzt zwei jahren
staub und asche ist ich spreche mit ihr
fast jeden tag“

Sie wirft Blicke auf Kriege, große wie alltägliche und weiß doch die große Tragik sprachlich in eine mögliche Zukunft zu verwandeln. Einige wunderschöne Gedichte widmet sie dem betagten Vater, ihre Liebe spürt man durch jede Zeile.

„Mein Vater mit 89

Sein verflachendes Denken
bekümmerte alle aber er
fragte uns Kinder
wisst ihr noch mein Hund Mars
der auf der Straße auf mich wartete
als ich daherkam einsam
und sang auf dem Heimweg
vom Gefängnis des Zaren“

Dieser Gedichtband von Grace Paley ist eine Offenbarung. Selten haben mich Gedichte, jedes einzelne, so tief getroffen, auf einer Ebene, die weitaus tiefer als Sprache liegt, die in jede Körperzelle reicht und fast auf direktem Weg ins Herz. Ich bin sehr dankbar über diese Wiederentdeckung. Strahlendes lyrisches Leuchten!

Der Lyrikband erschien im Schöffling Verlag. Er wurde übersetzt von Mirco Bonné. Von ihm gibt es auch aufschlussreiche Anmerkungen im Anhang. Erwähnenswert, weil stimmig passend sind auch die Coverbilder des Malers Christian Brandl.
Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.

Anselm Oelze: Wallace Schöffling Verlag

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Der Debütroman von Anselm Oelze führt uns zunächst ins Jahr 1858 in eine Zeit der Entdecker, Forscher und Wissenschaftler. Die Titelfigur „Wallace“ ist zugleich Held des Romans und durchaus eine interessante Persönlichkeit. Alfred Russel Wallace gab es tatsächlich. Er wurde 1823 in England geboren und hat nur nicht die Berühmtheit von Charles Darwin erlangt, obgleich er die natürliche Selektion und die Entwicklung der Arten womöglich schon ein klein wenig früher als dieser entschlüsselte. Wallace war so freimütig, Darwin seine Ergebnisse aus der Ferne per Brief nach England zu senden und ihn um Weiterleitung und seine Meinung dazu zu bitten. Das Ergebnis war, wie wir alle heute wissen, dass Darwin das Buch „Über die Entstehung der Arten“ schrieb und unter anderem damit weltberühmt wurde.

Anselm Oelze erzählt von Wallace über einen kleinen Zeitraum hinweg, den er auf den Molukken und auf der Insel Lombok zur Forschung und Artensammlung verbringt. Dieser Teil ist recht interessant, teilweise witzig erzählt und macht neugierig auf die Figur und die Zusammenhänge. Da Oelze allerdings einen zweiten Handlungsstrang einflicht, der in der Heute-Zeit spielt und vom Nachtwächter eines naturkundlichen Museums erzählt, wird der Erzählfluß immer wieder durchbrochen. Das Springen zwischen den Zeiten, was normalerweise Spannung erzeugt, funktioniert, wie ich finde, hier nicht so ganz.

Denn die Geschichte des Nachtwächters Albrecht Bromberg, Mitte/Ende fünfzig, der eines nachts beim Bücher einsammeln in der Bibliothek auf ein Buch mit Foto von Wallace stößt und der sich dann plötzlich brennend für diese Figur und die Evolutionstheorie interessiert, wirkt auf mich nicht ganz stimmig. Dass Wallace das vollkommen in Routine eingefahrene Leben Brombergs so durcheinanderbringt, dass dieser sich so maßlos über die Ungerechtigkeit, die Wallace wiederfuhr empört, mag gerade noch angehen. Dass dieser aber dann seinen Job aufs Spiel setzt und mithilfe einer Museumsbibliothekarin, eines Antiquars und einiger Stammtischfreunde die Geschichte umschreibt, wirkt doch allzu konstruiert. Und als würde der Autor das selber merken, versieht er die Geschichte mit einem auf Wallace Insel spielenden letztem Kapitel mit offenen Ende, in dem sich der/die Leser/in dann selbst für eine Variante entscheiden muss.

Froh war ich wirklich, dass der Autor trotz der deutlichen Vorzeichen nicht auch noch ein HappyEnd mit Liebesgeschichte zwischen der jungen(!) Bibliothekarin und dem älteren(!) Nachtwächter ausgearbeitet hat.

Sprachlich bin ich hin- und hergerissen. Manche Szenen sind ganz wunderbar altmodisch erzählt mit Charme und Esprit und manche wieder total austauschbar ohne eigenen Ton. In der Story werden manche Spuren gelegt, die der Autor dann nicht weiter verfolgt, wie etwa die Erfindung des Tonicwater, die spiritistischen Aktionen einer Nebenfigur, und der Besuch bei Studienfreund Juha. Zudem ist es seit langem der einzige Roman, bei dem ich kein Zitat finde, dass ich hier dazustellen möchte. Fazit: Für naturwissenschaftlich Interessierte nett zu lesen. Ich bin gespannt, wie der zweite Roman des Autors gelingen wird.

Der erste Roman des 1986 geborenen Anselm Oelze erschien im Schöffling Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Hier ist ein informativer Beitrag zum Thema Wallace – Darwin:

 

Eine weitere sehr wohlwollende Besprechung gibt es auf dem Blog „Buch-Haltung“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Lyrik in Farbe: Dinçer Güçyeter: Aus Glut geschnitzt Elif Verlag/ Ron Winkler: Karten aus Gebieten Schöffling Verlag

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Kürzlich fiel mir auf, wie gut doch zwei meiner noch nicht vorgestellten Lyrikbände farblich harmonieren. Als ob es darauf ankäme! Dann hatte ich aber meinen Spaß daran, beide parallel zu lesen und stellte fest, wie unterschiedlich die Gedichte gearbeitet sind, wie stark die Stimmen sich voneinander unterscheiden und wie spannend also Lyrik sein kann, selbst wenn sie durchaus von ähnlichen Themen handelt. Eigentlich weist schon die zwar farblich ähnliche, ansonsten aber sehr unterschiedliche Gestaltung des Covers darauf hin. Zwei sehr eigene Schreibarten und dazu meine eigene Lesart. Und nun sollen beide zusammen hier ihren Platz finden. Mal sehen, ob das geht:

 


Dinçer Güçyeters neuer Gedichtband ist ein Schmuckstück, innen wie außen. Das Cover und die Bilder, ich nehme an, es sind bearbeitete Fotos, sind ornamental und organisch, oft collagenhaft. Dazwischen finden sich alte Fotos, Kinderzeichnungen, Handschriften etc., also Gegenständliches. Der Band enthält Dichtung, die durch das Leben geprägt ist, ein Leben mit Brüchen, wie ich vermute ein sehr intensives Leben. Es sind starke, archaische, oft auch sehr gefühlvolle Gedichte, nicht selten überraschend in ihrer direkten Wortwahl, ungeschönt, wie das Leben selbst. Man merkt dass der Dichter auch mit dem Schauspiel vertraut ist; es sind starke Inszenierungen dabei, kostümierte Szenen. Es wäre falsch, nicht zu erwähnen, dass als Hauptthema die Herkunft, die Familie, die kulturelle Prägung eine große Rolle spielt, ohne darauf reduziert zu sein. Es sind Erinnerungsgedichte, die gleichzeitig auch in die Zukunft blicken. Wenn ich ein Stichwort nennen sollte, würde ich „Leidenschaft“ oder auch „Hingabe“ sagen.

“ sei Schnitt, sei Schlitz, sei Wunde
heile dich mit eigenen Liedern
in der Röte des Morgenlichts
… mehr darf ich dir …
mehr will ich dir nicht sagen!
auf diesem vielschneidigen Weg ist vieles möglich
und falls du eines Tages nach mir suchen solltest
– was ich nicht hoffe –
der verlorene Dichter
geht immer noch auf den gleichen Strich … „

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Ganz anders bei Ron Winkler: Hier fällt mir sofort als Stichwort „kühle Tiefe“ ein. Das Coverbild ist eine abstrakte Malerei, die für mich wie eine kristallene Spiegelwelt im Bergwerk oder ein Diamantenschimmern erscheint. Innen gibt es nur eine kleine witzige Zeichnung mit „Grundstück für ein Gedicht“ betitelt, die es mir sehr angetan hat. Ich mag das, diese Annahme, dass ein Gedicht durchaus bodenständig und beheimatet ist und in eine Form gebracht werden mag. Passend dazu der Titel „Karten aus Gebieten“. Damit sind sicher Landkarten aber auch Ansichtskarten gemeint, die aus dem Werweisswo eintrudeln und Bericht erstatten – Gedichte aus der Ferne, aus Ländern, in denen man womöglich Landkarten braucht. Fremdes Terrain? Neue Einblicke? Der längste Gedichtzyklus bezieht sich auf den Titel und erforscht tatsächlich fremde Gegenden. Meist südliche. Viele schöne Einzeiler findet Winkler für den irischen Regen (siehe oben). Auch dabei: die Entdeckungen und Erkundungen in einer Beziehung, die aufzeigen, dass die Wege in der Welt dann so ganz anders aussehen und gegangen werden (können).

„Gleich nach der Ankunft gingen wir an Bord
des Besonderen.
Machten uns selbst zum Bereisten.
Die Lebenslinien haben wir
noch einmal lasern lassen.
Der Klang der Stimmen,
wenn man mit uns spricht, ist jetzt ein anderer.
Nicht mehr wie zu Kindern.“

Ich wage nun einfach zu behaupten, dass Winklers Gedichte zunächst über den Verstand aufgenommen werden und dann weiter ins Innere dringen, während Güçyeters Lyrik sogleich mit großer Wucht einschlägt ins Innere und dann erst sortiert wird. So zumindest erlebe ich es und mich erreichen beide, auf ihre Art. In ihrer Andersheit treffen beide offenbar an einem lyrischen Ort aufeinander. Wo, kann jeder selbst für sich beim lesen herausfinden …

„Aus Glut geschnitzt“ erschien im Elif Verlag. Dinçer Güçyeter ist Dichter, Schauspieler, Verleger und Herausgeber diverser Anthologien. Cover und Ausstattung von Ümit Kuzoluk und Fotos von Yavuz Arslan.
„Karten aus Gebieten“ erschien im Schöffling Verlag . Ron Winkler ist Lyriker und ebenfalls Herausgeber diverser Anthologien. Das Coverbild ist von Ivonne Dippmann.