Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir Schöffling Verlag

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„Monster wie wir“ ist der Debütroman der 1979 in Großenhain/Sachsen geborenen Ulrike Almut Sandig. Doch es gibt von ihr bereits Erzählungen und wunderbare Gedichtbände. Sandig ist bei weitem keine Debütantin, sie weiß mit Sprache umzugehen. Sie vertont viele ihrer Gedichte und ihre Lesungen sind sehr lebendig.

In ihrem Roman nun ist alles ganz anderes. Anders als die Gedichte aus „ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“. Auch anders als die Erzählungen aus „Buch gegen das Verschwinden“. Hier ist der Text zeitweise auch verrätselt, wie in manchen Gedichten, aber aus anderen Gründen. Hier gibt es zwei Familien, zwei Kinder stehen im Mittelpunkt. Schauplatz ist eine ländliche Gegend mit Braunkohleabbau. Hier wird eine ganz normale Familiengeschichte erzählt. Sie spielt in Ostdeutschland, teils als es noch DDR war, teils nach der Wende. Die Kinder heißen Ruth und Viktor. Die zwei Hauptteile des Romans sind nach ihnen benannt. Und es gibt Geheimnisse …

Erzählt wird aus der Sicht von Ruth, die kurz vor einem Konzert in Gedanken mit einen Mann namens Voitto spricht, der im Schlusskapitel wieder auftaucht.

Ruth begleiten wir von der Kindergartenzeit bis etwa ins Teenageralter. Ruth und ihr Bruder Fly spielen Instrumente: Cello und Geige. Der Vater ist Pfarrer, die Mutter Apothekenhelferin. Doch scheint die Ehe der beiden immer mehr in Schieflage zu geraten. Ruth hat auch Sorgen, sie hat aber auch einen guten Freund, nämlich Viktor, dessen Mutter aus der Ukraine kommt. Viktor erlebt in seiner Familie sexuellen Missbrauch durch direkte Familienmitglieder. So, wie es am häufigsten der Fall ist. Bei Viktor wird es uns direkt von der Erzählerin mitgeteilt. Bei Ruth gibt es Andeutungen, bleiben Fragen offen. Ruth wird mögliche Traumata mit der Geige wegspielen. Viktor will sie mit Springerstiefeln, Bomberjacke, großem Bizeps und Baseballschläger von sich fernhalten. Für beide ist Nähe schwierig. Körperliche wie emotionale.

„Bald las ich Noten verschiedener Schlüssel, als läse ich Geschichten. Ich spannte die Melodien in meinem Kopf auf und hangelte mich an ihnen entlang, entschlossen, weder die eigenen Fingerkuppen noch den Rest meines Körpers zu spüren.“

Im zweiten Teil geht es ausschließlich um Viktor. Ein wie ein Neonazi gekleideter junger Mann wird Au-Pair bei einer wohlhabenden Familie mit zwei Kindern in Südfrankreich. Trotz der anfänglichen Zweifel der Eltern lebt sich Viktor in der Familie ein. Er kocht, putzt, bügelt, begleitet die Kinder auf dem Schulweg. Seine Sprachkenntnisse verbessern sich. Die Kinder beginnen, ihn anzuerkennen. So weit, so gut.

Dass dann aber – Vorsicht Spoiler – auch noch in der französischen Familie der Sohn vom Vater sexuell missbraucht wird, ist mir eigentlich zu viel. Wahrscheinlich ist die Geschichte so angelegt, damit Viktor diesmal einschreiten kann und nicht mehr hilfloses Kind ist. Das ist mir zu konstruiert. Hier fehlen mir die in den Gedichten verwendeten experimentellen und sprachbildnerischen Ideen. Und: Ist es in unserer Welt wirklich so? Erleben das wirklich so viele Kinder? Im Kreis der Familie, unabhängig vom Milieu? Ist das so verbreitet? Welch eine Horrorvorstellung! Welch ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft! Und wie wahr dann der Titel des Buches wäre! Ich möchte das nicht glauben.

Auch im letzten Kapitel, in dem man ein klein wenig von der Beziehung Ruths zu Voitto erfährt, geht es, wenn ich es richtig deute um Gewalt. Gewalt in einer Beziehung. Doch das braucht es wirklich nicht mehr, das Thema ist ausgereizt, der Bogen für mich längst überspannt.

Dennoch ist der Roman empfehlenswert, wenngleich mich die Gedichte und auch die Erzählungen von Sandig mehr ansprechen. Schon der Sprache wegen, aber auch wegen der vielen Auslassungen, die einen dazu bringen Lücken selbst zu füllen. Trotz des Themas, gerade wegen der mitunter feinen zarten Bilder von der Traurigkeit, der Hoffnung, die aus diesen Übergriffen, aus dieser Vernachlässigung der Menschlichkeit hervorgeht, ist dieses Buch so packend.

Das Buch erschien im Schöffling Verlag.
Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs letteratura und leseschatz .

Zudem gibt es zwischen den durchweg positiven Stimmen im Feuilleton auch auf Deutschlandfunk Kultur die kritische von Sigrid Löffler, die sozusagen mit mir, einer Bloggerin im Internet(!), übereinstimmt, was die Überreizung des Themas Gewalt angeht.

Jahrbuch der Lyrik 2018 Schöffling Verlag

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Dem Schöffling Verlag ist es zu verdanken, dass das Jahrbuch der Lyrik nun einen festen Verlag hat und zudem jährlich neu erscheint. Der Schöffling Verlag ist ein unabhängiger Verlag und einer der wenigen überhaupt, die noch eine regelmäßige Anzahl an Lyrikbänden im Programm hat. Herausgeber ist seit jeher Christoph Buchwald, der sich einen Co-Herausgeber mit ins Boot holt. Das ist diesmal Nico Bleutge.

Was mir gleich als erstes auffällt: Die auf der Rückseite abgedruckten Namen der ausgewählten Lyriker/innen überschneiden sich in erstaunlich großer Anzahl mit denen des letzten Jahres. Es sind in Lyrikerkreisen bekannte Namen und wie man im Anhang mit den Namen und Biografien der abgedruckten Dichter feststellen kann, nur sehr sehr wenig unbekanntere Namen. Es scheint schwierig zu sein, ohne Buchveröffentlichung und ohne in der „Szene“ mitzumischen, ins Jahrbuch zu gelangen …

Erfreulich ist hingegen die ausgewogene Anzahl von weiblichen und männlichen Dichtern. Falls ich richtig gezählt habe, sind es sogar einige Frauen mehr.

Was ich, glaube ich, jedesmal hier schreibe, ist, dass ich es besser finde mehr Lyriker abzudrucken und nicht mehrere Gedichte von einzelnen.

Von den „alt-bekannten“ Lyrikern sind die Klassiker dabei: Elke Erb, Herta Müller, Friederike Mayröcker, Jürgen Becker und Richard Pietraß. Von den berühmteren mit einigen Preisen gesegneten sind dabei: Monika Rinck, Marcel Beyer, Marion Poschmann, Kerstin Hensel, Lutz Seiler etc. Und natürlich viele der bei Schöffling verlegten Autoren.

Oft hört man ja Kritikerstimmen, die auf Teufel komm raus immerfort etwas Neues Innovatives, aufregend Anderes, ja, eine Revolution der Lyrik verlangen. Dem kann ich mich nicht anschließen – vielleicht bin ich da sogar konservativ. Ich mag ja auch Wasserglaslesungen. Und tue mich oft schwer mit der mittlerweile permanent geforderten Performance um jeden Preis, sehe ich diese doch eher als Inszenierung des Erzeugers, als würde der Text alleine nicht mehr reichen. Ich jedenfalls habe Einiges an Gedichten gefunden, die für mich sehr wohl inhaltlich und sprachlich hinreichend Neues bieten, Lyrik, die ich nicht nur mit einem Literatur-, Philosophie- oder Germanistikstudium etc. lesen bzw. verstehen kann, sondern auch Gedichte, die mich sofort treffen und berühren, die etwas auslösen, bewegen ganz speziell bei mir. Das ist für mich, das was zählt.

Das Jahrbuch enthält deutschsprachige Gedichte. Im letzten Kapitel, wie schon im Vorjahr, gibt es einige wenige fremdsprachige Autoren, deren Gedichte von deutschen Autoren übertragen wurden. Es ist meiner Meinung nach nicht sinnvoll. Hier weiß man nicht: Sind diese Gedichte auch eingereicht worden, womöglich von den Übersetzern? So etwa Ulrike Almut Sandig, deren Zusammenarbeit mit Hinemoana Baker und Grigory Semenchuk ja bekannt ist. Aber was soll dann wiederum ein einziges übertragenes russisches Gedicht mitten zwischen den deutschsprachigen? Und was ein einziges handschriftliches fast unleserliches Stück Papier?

Egal. Kleinigkeiten. Es ist fein, dass es das Jahrbuch gibt. Es bietet einen recht guten Überblick und lädt zum Weiter- und Tieferlesen und Selbstkritisieren ein.

So, und nun kleine Kostproben meiner sehr subjektiven Auswahl an Lieblingsgedichten (interessanterweise fast ausschließlich weibliche Stimmen):

Gleich zu Beginn nenne ich hier Sylvia Geist, die mit fünf(!) Gedichten aus ihrem aktuellen Lyrikband „Fremde Felle“ vertreten ist. Diesen habe ich gerade ausführlich besprochen. Wie man da lesen kann, finde ich Geists Gedichte richtig gut. Trotzdem wären hier zwei Gedichte auch aussagekräftig gewesen und es hätten sich mehr andere Namen einfinden können.

Eine Entdeckung ist für mich Kenah Cusanit. Sie ist mir bisher nicht aufgefallen. Doch die Apfel/Fruchtgedichte sind ganz nach meinem Geschmack. Sie sind inspirierend und leicht skurril. Wenn ich es richtig verstanden habe, gehören sie zu einem Zyklus in Verbindung mit dem romantischen Dichter Percy Shelley:

„… Im Thermometer wird der Herbst
ein halbes Jahr gefangen gehalten. Wie ist er da hinein
geraten. Freiwillig, man muss es sagen. …“

Kurze Zwischenbemerkung: Mir fällt immer wieder auf, dass ich mich mit Gedichten im Blocksatz eher schwer tue. Sie sind „in“. Vielleicht deshalb.

Monika Rincks Gedichte sind eine Freude, zeitkritisch und menschlich und forsch:
aus Fossile Technokraten benebeln eingegrabene Talente:

                        „… Der Angstkomet stürzt schrill
in Richtung unserer Mutter Erde. Und knapp verfehlt.
Hier die Anleitung  zur Löschung der Kosmogonie:
Nehmen Sie Nebel! ….“

Karla Reimerts Lyrik,

„Schilder, die zum Langsamfahren aufrufen.
Vielleicht bin ich deswegen zu allem zu spät.“

aus „November 2017“

Anja Kampmanns Lyrik (besprochen habe ich hier bereits ihren wunderbaren Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“),

„Keiner spielt auf dem Grün
stehen Tankstellen
Masten Trafohäuschen du denkst
an einen Gott
in Gummistiefeln
am Bahnschwellenrand wo die Bäume
den Blick versperren
auf die weitere Fahrt
legt er zwei Finger auf die Erde
nimmt den Puls“

aus „Passagier“

und Maja-Maria Beckers Lyrik,

„… unter Liebenden
ist´s Brauch, so selten wie möglich zu blinzeln, so
verschneiden sie Augen mit Blicken, teilen die Welt
in das Entscheidende und das zur Verfügung Stehende …“

aus einem Liebesgedicht

spricht mit mir im passenden Rhythmus.

Und zum Abschluß Lutz Seilers ebenso witziges wie dichterfreundliches Gedicht über die Menschwerdung: Lyrisches Leuchten!

morgenrot & knochenaufgänge

„stunde null im habitat, der sogenannte affenmensch
sitzt in der savanne & kann
nichts sehen – das gras

ist zu hoch. dann das knacken, hörbar
in den kapseln, ein druck, ein griff
nach der geschichte: daumen und zeigefinger

kommen zusammen, die
schreibhand entsteht, zehntausend jahre
vor dem aufrechten gang“

Das Jahrbuch der Lyrik 2018 erschien im Schöffling Verlag. Hier gibt es eine Leseprobe. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.