Lydia Sandgren: Gesammelte Werke mare Verlag

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Welch ein starkes Debüt! 
Stark in jeder Hinsicht, denn das Buch zählt etwa 850 Seiten und die 1987 geborene Schwedin Lydia Sandgren arbeitete 10 Jahre lang an „Gesammelte Werke“. Es hat sich richtig gelohnt. Der Roman ist ein echter Schmöker und dabei so gekonnt geschrieben, wie die ihrer nordischen Kollegen Johan Harstad und Lars Saabye Christensen. Auch in eine Reihe mit Franzen oder Auster möchte man ihn stellen. Sandgren ist meiner Ansicht nach ein großes Talent. Ihr gelingt damit das, was einem ihrer Hauptprotagonisten nicht gelingt …

Das Schöne an solch gewaltigen Romanen ist ja, dass man einfach eintaucht, über längere Zeit von den Geschehnissen fasziniert ist und auch in Lesepausen die Figuren präsent sind. Man lebt mit den Helden und gewinnt sie lieb. Ein gutes Zeichen ist es immer, wenn ich das Buch trotz seiner Schwere überall mit hin schleppe und ich dafür auf das schmale Zweitbuch für unterwegs verzichte. Ja, welches Buch kann man im Anschluss an so ein Wunderbuch lesen?!

Die Geschichte spielt in Göteborg, beginnt in der Jetzt-Zeit und und spannt dabei auch Bögen zurück bis in die 80er/90er Jahre. Wir treffen den Verleger Martin Berg in seiner Wohnung in Göteborg. Es ist kurz vor seinem 50. Geburtstag und er steckt in einer Lebenskrise. Er hat Kisten mit alten Papieren um sich herum drapiert. Dabei sind vor allem begonnene Manuskripte, denn Martin wollte schon längst einen Roman geschrieben haben. Schon seit er Student war. Stattdessen hat er einen Verlag gegründet, der recht anspruchsvolle Bücher herausgibt.

„Was hatte der Verleger Martin Berg der Welt zu geben? […] Wer liest denn heutzutage noch hochwertige Belletristik und Sachbücher? Die neuen literarischen Schwergewichte sind Influencer, die sich hundertfünfzigtausend Wörter aus den Fingern saugen, idealerweise zum Thema Liebe, oder wie die jungen Leute jene innere Leere nennen, die sie nachts um den Schlaf bringt.“

Martin denkt zurück, wie alles begann …

Schon in der Schule lernen sich Martin und Gustav kennen und werden unzertrennlich. Martin kommt aus einer Arbeiterfamilie, Gustav aus wohlhabendem Elternhaus. Gustav beginnt ein Kunststudium, Martin studiert Philosophie. Zusammen sind sie unterwegs auf Studentenpartys, Martin interessiert sich für Mädchen, Gustav ist mehr dem Alkohol zugeneigt. Martin lernt Cecilia kennen und beide werden ein Paar. Zusammen gehen sie durch dick und dünn und nach dem Studium für ein Auslandsjahr mit einem weiteren Freund nach Paris. Cecilia bleibt zurück und widmet sich ihrem Studium der Ideengeschichte. Während Gustav sich in Museen weiterbildet und sein Skizzenbuch füllt, versucht Martin seinen Roman zu schreiben. Sehr oft weichen die guten Vorsätze und beide finden sich auf der nächsten Party wieder. Im Sommer verbringen die beiden zusammen mit Cecilia einen Monat am Meer in Antibes. Dort wird Cecilia Model für Gustav und mit dem Antibes-Zyklus gibt es später eine erste Ausstellung von Gustav. Martin indes schafft im ganzen Jahr in Paris nur immer neue Ansätze für sein Romanprojekt.

„Doch unabhängig davon, ob Gustav zufrieden war oder nicht, tendierte er doch immer wieder zurück zum Zweifel. Unvermeidlich. Der Zweifel schien seine Grundausstellung zu sein. Ganz egal, was sie dagegen sagten. Es spielte auch keine Rolle, dass er sich selbst immer wieder das Gegenteil bewies. Früher oder später landete er wieder da. Er konnte akzeptieren, dass er talentiert war (etwas anderes wäre auch die reinste Wahnvorstellung gewesen), aber, fragte er, was spielte das schon für eine Rolle.“

Zurück in Göteborg verliert sich der Kontakt zu Gustav mal mehr mal weniger. Seinen zunehmenden Erfolg als Maler, trotz seiner Zweifel, verfolgen wir Leser am Rande mit. Martin und Cecilia leben zusammen und Cecilia wird schwanger. Die beiden heiraten und Tochter Rakel wird geboren. Rakel spielt auch die Hauptrolle im zweiten Strang des Romans. Abwechselnd wird aus ihrer Sicht als um die 20-jährige erzählt. Hier ist der Schwerpunkt der Verlust der Mutter, als sie 10 war, der jüngere Bruder Elis im Kleinkindalter. Wie es zum Verschwinden der Mutter kam, ist die eigentliche Frage des Romans. Urplötzlich von einem Tag auf den anderen verließ Cecilia ihre Familie. Nach Jahren des Wartens richtete sich die restliche Familie irgendwie damit ein. Gustav ist in dieser Zeit eine große Hilfe für die drei. Martin geht vollkommen in der Verlagsarbeit auf. Er geht keine Beziehung mehr ein.

Als Rakel, die Deutsch kann, eines Tages ein Manuskript eines deutschen Autors für Martins Verlag lesen soll, glaubt sie in der Geschichte ihre Mutter als Protagonistin zu erkennen. Nun beginnt eine spannende Reise durch die Vergangenheit, in der auch Gustav wieder eine tragende Rolle spielt, dessen Bilder bald in einer großen Retrospektive in seiner Heimatstadt zu sehen sein werden und die beiden Geschwister sich ein gutes Stück weiter entwickeln und vom Vater emanzipieren. Auch das Ende ist der Autorin perfekt gelungen. Nicht offen, nicht geschlossen, so wie ich es mag.

Lydia Sandgren hat eine Familiengeschichte geschrieben. Nichts Neues, meint man. Aber hat man die ersten Seiten gelesen, gibt es kein zurück mehr. Der oft überstrapazierte Begriff Sog tritt ein und es ist schon immer wieder ein kleines Wunder, wie aus einer „eigentlich alles schon dagewesen“-Geschichte ein unglaublich brillantes, auch über die vielen Seiten anhaltendes Lesevergnügen wird. Was sicher in meinem Fall auch damit zu tun hat, dass das Buch einen Maler porträtiert, einen Verleger, der einen Roman schreiben will enthält, es um Philosophie geht, es Querverweise in die Weltliteratur gibt und das Buch letztlich eine große Hommage an die Freundschaft ist.

Formal ist das Buch in drei große Teile und viele Kapitel unterteilt, umrahmt von einem Interview, welches Martin einer Literaturzeitschrift (?) gibt. Die Charaktere sind bestechend skizziert und gekonnt abgebildet, hier merkt man, dass die Autorin auch Psychologin ist. Ich halte dieses Debüt für eines der besten, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ein Leuchten!

„Gesammelte Werke“ erschien im Mare Verlag. Übersetzt aus dem Schwedischen haben Stefan Pluschkat und Karl-Ludwig Wetzig. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Karin Smirnoff: Mein Bruder Hanser Berlin Verlag

Dass Karin Smirnoffs Roman ein Debüt ist (das sie erst mit 54 Jahren schrieb), merkt man ihm in keinster Weise an. Sowohl in ihrem individuellen Sprachstil, als auch mit der Geschichte selbst, ist ihr ein wirklich beeindruckendes Buch gelungen. Die 1964 geborene Schwedin siedelt ihre Geschichte im nördlich ländlichen Schweden an, in dem sich die Bewohner des Ortes alle kennen. Sie taucht damit tief ein in eine Lebensform, über die etwa Großstädter, die nie auf dem Land gelebt haben, nur staunen können. Hier scheinen noch archaische Grundstrukturen von Zusammenhalt und Zugehörigkeit zu herrschen, die man nur vom Dorf noch kennt. Doch was auch schön sein könnte, ist es eben bei den Hauptprotagonisten gerade nicht. Und geredet wird selten direkt, nur hinter vorgehaltener Hand.

„Dann fingen wir an zu reden. Wir redeten über alles außer das was uns kaputtmachte.“

Jana Kippo, um die 35, besucht nach langer Zeit ihren Zwillingsbruder Bror, der noch auf dem elterlichen Hof lebt. Eigentlich soll es nur über die Osterfeiertage sein, doch dann begegnet sie gleich bei der Ankunft im wenig frühlingshaften Schneesturm einem Mann, der sie fasziniert und alle Vorsätze ins Wanken bringt. Der Bruder, alkoholabhängig, die ungeliebte Mutter im Pflegeheim – eigentlich ein Grund gleich wieder in das Leben in der Stadt zurückzukehren. Doch Jana bleibt, nimmt einen Job bei einem mobilen Pflegedienst an und wird durch die Begegnungen mit den Pflegebedürftigen, die sie fast durchweg von früher kennt, immer mehr in die Kindheit und Jugend zurückgestoßen.

„All diese Namen. Mit den Alten war es genau dasselbe. Unendliche Erzählungen über Menschen. Lebende und Tote Bekannte und Unbekannte die irgendwas gesagt oder getan oder an irgendwas gestorben waren. Das weckte in mir sofort die Sehnsucht nach der Stadt.“

Nach und nach erfahren wir, warum alle Jana und ihren Bruder im Dorf so bekannt sind. Alle wissen von den Ereignissen auf dem Kippo-Hof, vom grausigen Tod des Vaters. Dass sich die Geschwister gegen den gewalttätigen, trinkenden Vater in solcher Form wehrten, scheint unglaublich. Doch immer mehr Abgründe tun sich auf, immer mehr Risse zeigen die Geschichten, die die Erinnerung beschwört. Immer mehr Lügen werden aufgedeckt. Niemandem ist zu trauen, nicht einmal dem eigenen Liebhaber.

„Ich konnte mir niemanden aus meiner Familie verliebt vorstellen. Wir waren keine liebende Familie. Wir waren einfach nur Erbgutträger die Nachfahren in die Welt setzten und taten was getan werden musste. Oft auf die denkbar schlechteste Weise und mit erbärmlichem Ergebnis.“

Smirnoff tut das in grundlegend anderer Weise, wie sonst solche Familiengeschichten aufgebaut sind. Schon in ihrer Sprache wird deutlich, dass hier ein anderer Ton vorherrscht. Die direkte Rede erfolgt ohne sie durch Satzzeichen kenntlich zu machen. Kurze Sätze ohne Kommas. Knallhart, unverschnörkelt. Und dabei doch mit einem eigenen unterschwelligen Humor, der der Geschichte die allzu große Schwere nimmt. Die Übersetzerin hat hier sicher Großes geleistet, da das Original offenbar auch mit Dialekt-Begriffen der Gegend um Västerbotten durchzogen ist.

Eine verlorene Tochter taucht auf und eine neue Schwester, die aber schon tot ist. Viele Menschen sterben in diesem Buch, aufgrund des Alters, der Einsamkeit, an schweren Erkrankungen. Und trotzdem gelingt es der Autorin, ihre Protagonistin immer wieder den Blick nach vorne zu werfen zu lassen. Jana Kippo ist, wie man im Laufe des Romans merkt eine Überlebenskünstlerin, die sich mit immenser Kraft, die sie auch aus der eigenen Kreativität schöpft, durch die alten seelischen Verletzungen und die immer wieder neu auftauchenden Widrigkeiten kämpft. Sie packt an. Den Bruder schickt sie in den Entzug, für die Pflegebedürftigen wird sie bald unentbehrlich, den Respekt der Männer im Dorf holt sie sich durch die Teilnahme an der Jagd, für die sie allerdings ihre eigenen Regeln aufstellt und ihren Liebhaber, der großflächige Bilder mit Motiven aus ihrer Kindheit malt, bringt sie dazu, sich für eine Ausstellung zu öffnen.

„Mein Bruder“ ist ein durchaus erschütterndes, familienpsychologisch jedoch hochinteressantes Buch, welches in mir gleich Resonanz erzeugte, zudem spannend wie ein skandinavischer Krimi. Ich hoffe sehr, dass die beiden weiteren, in Schweden bereits erschienenen Bände auch noch ins Deutsche übertragen werden. Dunkles Leuchten!

Der Roman erschien im Hanser Verlag Berlin. Übersetzt hat ihn Ursel Allenstein. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Stadt Land Buch 2018 Literatur aus den nordischen Ländern

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Vom 11.11. bis 16.11.18 sind die Nordischen Länder zu Gast bei StadtLandBuch in Berlin und Brandenburg. Hier gehts zum Programm: http://www.stadtlandbuch.de

Und hier einige meiner nordischen Favoriten:

Karl Ove Knausgård: Kämpfen Luchterhand Verlag

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Nun ist er also da, der sechste und zugleich letzte Band der Romane Karl Ove Knausgårds mit dem Übertitel „Min Kamp“. Knausgård hat das 1200-Seiten-Buch in drei Sequenzen geteilt. Trotzdem wechseln die Zeiten ständig, einmal vor, einmal nach Erscheinen der Bücher, das macht konfus.

Im ersten Teil erzählt er über sein Schreiben dieser Roman-Reihe und über die Kämpfe, die er deshalb bereits vor der Veröffentlichung des ersten Bandes mit einem Teil seiner Herkunftsfamilie in Kauf nehmen musste. Sein Onkel, der Bruder seines Vater beschwert sich zunächst beim Verlag, droht mit dem Gericht, wegen der Offenlegung allerlei Familieninterna und wirft ihm Verlogenheit und Geldgier vor. So müssen Namen im Manuskript geändert werden, Passagen ganz entfernt werden.

Im zweiten Teil berichtet Knausgård über die Zeit, als das Buch dann tatsächlich erscheint, über Interviews, die er voller Angst und Hadern über sich ergehen lässt und über die Zeit zwischen den Büchern, übers Weiter-Schreiben und vor allem auch den Alltag mit Linda und den Kindern. Der Leser erfährt von den Differenzen zwischen den beiden, dem Leben in Malmö und schließlich auf dem Land. In diesem letzten Teil des Buches erfahren wir auch alles über die bipolare Störung von Linda, eine ziemlich erschütternde Sequenz. Knausgårds Buch endet im Jahr 2011, als der vorliegende Band in Norwegen erscheint und gleichzeitig ein Buch von Linda (gerade ist zum ersten Mal ein Roman von ihr auf Deutsch erschienen mit dem Titel „Willkommen in Amerika“).

In beiden Teilen, die an die Art der ersten fünf Bände anknüpfen, geht es dann auch wieder akribisch genau weiter mit der Beschreibung seines Familienlebens: Hier scheut er sich nicht, das genaue Bedienen einer Kaffeemaschine zu beschreiben oder gar den Gang zu Toilette. Es geht um das alltägliche Familienleben mit Ehefrau Linda und den drei Kindern, Vanja, Heidi und John. Seien es Urlaubsreisen oder Besuch von Freunden oder Interviews mit Journalisten, wir erleben mit. Aber auch die eigene Innenwelt wird wie bisher offen gelegt.

Ein sehr großer Teil dazwischen ist das Kapitel mit dem Titel „Der Name und die Zahl“ Hier schweift Knausgård immer wieder aus dem Jetzt in philosophische Überlegungen ab. Intensiv kommentiert er hier diverse Werke von Schriftstellern wie Joyce, Shakespeare, Kafka, Proust, Homer oder Philosophen wie Hegel, Nietzsche und Heidegger. Ein Gedicht Celans wird über viele Seiten hinweg interpretiert. Auch vor Hitlers „Mein Kampf“ schreckt Knausgård nicht zurück. Die Auseinandersetzung speziell mit Hitlers Werdegang gestaltet sich ausufernd und befremdet. Ich habe viele Seiten überblättert. Es gibt keinen Zusammenhang zum Rest des Buches.
Stellenweise ist das interessant, denn man erhält doch allerhand Informationen über Knausgårds Denkart und philosophische Theorien. Nur erwartet man so etwas nicht in diesem Band und es passt auch nicht wirklich dazu.

Das Neue in Band sechs ist vielleicht, dass fast jede reale Situation mit Nachdenken und Hinterfragen durchbrochen wird. Hier reflektiert der Autor über sein eigenes Sein und den Sinn des Ganzen, über die persönliche Freiheit, über die Ehe mit Linda und thematisiert seine Selbstzweifel. Soviel Reflexion war bisher in keinem Band, offenbar hat Entwicklung stattgefunden. Es ist vielleicht das „reifste“ Buch aus dem Zyklus. Dennoch hätten ein paar Kürzungen nicht geschadet, hätte das Buch auch durchaus nur aus Teil 1 und 2 bestehen können.

Alles in allem: Wer mit Knausgårds „Min Kamp“ beginnen will, sollte wirklich mit „Sterben“ anfangen. „Leben“ und „Träumen“ habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen. Wer ihn nicht lesen will, dem sei sein ehemaliger Lehrer Jon Fosse empfohlen, sein Freund Tomas Espedal oder die Gedichte seines Onkels Kjartan Hatløy.

„Kämpfen“ erschien im Luchterhand Verlag in einer Übersetzung von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. Eine Leseprobe gibt es hier.