Emmanuel Carrère: Der Widersacher Matthes & Seitz Verlag

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Emmanuel Carrère ist längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Der Matthes & Seitz Verlag hat sich in Deutschland seines Werkes angenommen und bringt nun eine Neuauflage des 2003 unter dem Titel „Amok“ erschienenen Romans  „L`Adversaire“, der bereits 1999 in Frankreich erschien. Für mich ist es der erste Roman Carrères. Ganz bewusst habe ich diesen gewählt, da mich die Geschichte sehr angezogen hat, begibt man sich mit ihr doch sehr tief in die Abgründe der menschlichen Seele.

Und in aller Grausamkeit ist es in der Tat eine faszinierende Geschichte: Ein Mann um die 40 tötet seine Frau, die beiden Kinder und die Eltern. Die Selbsttötung gelingt nicht, er überlebt schwer verletzt. Nach einer kurzen Einführung in den Familien- und Freundeskreis schwenkt Carrère die Kamera um und lässt aus der Sicht eines Schriftstellers erzählen. Dieser verfolgt den Fall Jean-Claude Romands und wendet sich schließlich schriftlich an den mittlerweile in Haft befindlichen Mörder.

Aus diesem Briefwechsel und der Beobachtung der Gerichtsverhandlung macht der Schriftsteller seine Geschichte zu einem Buch. In diesem tatsächlich so begangenem Verbrechen fand Carrère den Stoff für seinen Roman.

Jean-Claude Romand, angeblich wohlhabender Arzt und in hoher Stellung bei der WHO in Genf tätig, hat ein riesiges Lügengerüst erbaut. Seit seinem Studium erfindet er für sich einen Lebenslauf, der unfassbarerweise niemals hinterfragt wird. Nachdem er eine Examensprüfung ausgelassen hat, und somit nicht Arzt werden kann, beginnt er sein weiteres Leben auf Lügen aufzubauen. Es ist hanebüchen zu welchen Mitteln der Mann greift, um gesehen, geschätzt und geliebt zu werden. Er heiratet seine Studienfreundin, zeugt Kinder, veruntreut Gelder, die ihm von Verwandten  als Anlage anvertraut werden, mietet ein nobles Landhaus, fährt teure Autos, gibt Unsummen für seine Geliebte aus und …  keiner merkt etwas. Einmal in diesem Lügen-Karussell gefangen, schreibt sich die Geschichte von allein weiter. Eins folgt dem anderen, bis es scheinbar keine Möglichkeit zurück gibt.

„Eine Lüge dient normalerweise dazu, eine Wahrheit zu verbergen, etwas vielleicht Beschämendes, aber Wahres. Die seine verbarg nichts. Hinter dem falschen Doktor Romand gab es keinen echten Jean-Claude Romand.“

Der Autor versucht nicht aus der Vergangenheit heraus, womöglich aus einer unglücklichen Kindheit heraus den Täter zu entschuldigen. Er zeigt jedoch auf, wie „leicht“ es ist, in eine Spirale der Lügen zu geraten und lässt den Leser dieses unglückliche Leben spüren. Dass der Protagonist sich selbst töten wollte ist absolut nachvollziehbar, denn die Möglichkeit aufzufliegen rückte plötzlich sehr schnell näher. Wie es zu der unglaublichen mörderischen Tat kommen konnte, ist absolut unbegreiflich (Psychologen würden von erweitertem Suizid sprechen). Dafür gibt es keine Antwort, die will auch der Autor nicht finden. Dass der Täter vor Gericht und auch in der Haft sich zunehmend religiös und bußfertig zeigte, um Vergebung bittet, ist möglicherweise eine erneute Lebensflucht. Zudem ist sie wenig glaubwürdig und wirkt wie eine Farce auf die zurückgebliebenen Trauernden.

„Wenn Jesus in sein Herz einzieht, wenn die Gewissheit, trotz allem geliebt zu werden, ihm Freudentränen auf die Wangen treibt, ist es dann nicht immer noch der Widersacher, der ihn täuscht?“

Je weiter ich las, desto bekannter kam mir die Geschichte vor. Ich glaubte sie schon verfilmt gesehen zu haben und dem ist tatsächlich so. Es lief auf Arte die Verfilmung aus dem Jahr 2002 unter dem Titel L’adversaire mit Daniel Auteuil in der Hauptrolle.

Obwohl es sich letztlich nicht um einen vergleichbaren Fall handelt, wurde ich immer wieder an Åsne Seierstads „Einer von uns“ über den Osloer Massenmörder Anders Breivik erinnert. Schon da fragte ich mich, ob ein Mensch grundsätzlich böse sein kann oder ob ihm das Leben so mitspielt, dass er es wird … Eine Frage, die auch in Truman Capotes „Kaltblütig“ mitschwingt, welches für Carrère auch ein gewisses Vorbild war.

Der Roman erschien im Verlag Matthes & Seitz. Er wurde aus dem Französischen übersetzt von Claudia Hamm. Im Anhang gibt es ein höchst interessantes Gespräch zwischen Autor und Übersetzerin. Eine Leseprobe gibt es hier.

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Nadine Olonetzky: Belichtungen Kommode Verlag

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Eine ganz und gar faszinierende Idee hatte die vielseitige Schweizer Autorin Nadine Olonetzky. Sie fing die Zeit ein. Wir Bücherliebhaber wissen alle, wie das ist, wenn das Buchregal der Sonne ausgesetzt ist und die Seiten manchen Buchs am Buchschnitt vergilben, Jahr für Jahr mehr. Olonetzky hatte die Idee, dieses Zeitphänomen bewusst auszunutzen. Ich bewundere ihre Geduld: Seit 20 Jahren platziert sie gefundene kleine Gegenstände auf einem Blatt Papier und lässt Sonne und Zeit ihre Arbeit tun. Rund um die Dinge vergilbt das Papier. Zurück blieb die ursprüngliche Form, das Weiß unter den Dingen.

 

„Wir sind leicht, längst hinter allen Wolken, vielleicht auf
dem Weg zur Rückseite des Monds und immer weiter
durch ein Nichts, das trägt. Der Auslöschung
gerade noch einen Lidschlag voraus.“

In dem kostbaren Band sind nun viele dieser Motive abgebildet und eingerahmt von kleinen Texten, die hervorragend zu den Wandlungen passen. Es sind sehr persönliche Miniaturen. Sie sind ebenso wie die Bilder Zeitzeugen. Es wird hinterfragt, geschaut, gefühlt und erinnert. Wie die Belichtungen zeigen sie die Essenz unserer Existenz im Alltäglichen.

„Das Jetzt, wenn es sichtbar wird, ist immer schon
vergangen. Klappen die Lider zu, wird das, was gerade
war, ein Bild im Meer der Erinnerungen. Nur
weil sie vergehen, kann man die Augenblicke sehen.“

Der kleine Kommode Verlag hat aus dem Buch ein feines Kunstwerk gemacht: Hochwertiges Papier, fadengeheftet, der Bucheinband doppelt gelegt und von einer Lichtarbeit hinterlegt. Man spürt hier die Liebe zum Buch. Ich bin froh, trotz aller Hiobsbotschaften, was das Buchsterben betrifft, solche wunderbaren Bücher zu finden. Herzlichen Dank an den Verlag, auch für das Rezensionsexemplar. Mehr über die Autorin und den Verlag findet sich hier.

Maxim Biller: Sechs Koffer Kiepenheuer & Witsch Verlag

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Mal sehen, ob Maxim Billers hohe Ansprüche, was gute Literatur angeht, auch auf seinen eigenen Roman zutreffen, dachte ich mir, als ich „Sechs Koffer“ zu lesen begann. Leider, gleich vorweg, kann ich nichts finden, was diesen Roman als besonders anspruchsvoll auszeichnet. Weder inhaltlich noch sprachlich hat er mich in Gänze überzeugt. Zwischendurch hat er mich sogar gelangweilt und nach der Lektüre ist die Geschichte schnell vergessen. Das macht Arno Geiger besser, das kann Ralf Rothmann besser, Uwe Timm und auch Christoph Hein, die alle ähnliche Themen in ihren Romanen bearbeiten.

Die Geschichte, die sich rund um den in der Sowjetunion wegen seiner Schmugglergeschäfte hingerichteten Großvater des Erzählers (aka Autor) dreht, ist zeitweise leicht konfus. Es geht darum, wer in der Familie den Großvater verraten hat, ihn an die Obrigkeit ausgeliefert hat, wer für seinen Tod verantwortlich ist und es geht darum, wer mit wie vielen Dollarscheinen durch den eisernen Vorhang gen Westen flüchten wollte. Der Enkel versucht die ewig unter Verschluss gehaltenen Wahrheiten zu erforschen und aufzudecken. Vater und Mutter, drei Onkel und eine Tante könnten dabei die Finger im Spiel gehabt haben. Jeder Leser kann letztlich anhand der „Aussagen“ selbst entscheiden, wer der Schuldige ist. Ganz klar ist es aus der Geschichte nicht herauszulesen.

Der Roman spielt teils in der Tschechoslowakei, später in Hamburg und Zürich und wechselt dauernd die Zeiten, einmal 1965, dann 1978.  Keine der Figuren kommt mir nahe. Keine berührt mich oder bleibt im Gedächtnis haften. Auch ist nicht immer klar, aus wessen Perspektive eigentlich erzählt wird. Interessant immerhin, dass Biller versucht den 15-Jährigen eine zeitlang anhand einer Brechtlektüre (Flüchtlingsgespräche) durch seine Suche auf den Spuren der Familie zu führen.

Ich finde den Roman trotz seiner Thematik weder tragisch noch eindringlich, ab und an klingt ein wenig trockener Witz hindurch. Nichts jedoch, was einen hohen Anspruch an Literatur erfüllen könnte. Schade, ich hatte mir mehr erhofft.

Im Literarischen Quartett und auch im Feuilleton so wie bei vielen Buchbloggern ist er durchweg besser angekommen. Etwa bei „Die Buchbloggerin“.

Der Roman steht auf der Longlist, ist also nominiert für den Deutschen Buchpreis. Er erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Arno Camenisch: Der letzte Schnee Verlag Urs Engeler

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Bereits wenn ich die ersten Zeilen lese, schmilzt mir schon das Herz dahin. So wie der Schnee in den Schweizer Alpen aufgrund des Klimawandels. Arno Camenischs neues Buch ist knapp 100 Seiten dünn und bietet dennoch schönste Lesefreude. Die neue Geschichte ist wieder gespickt mit rätoromanischen Dialektworten und die machen gerade auch den Ton. Der Autor tourt mittlerweile durch die ganze Schweiz mit seinen Texten und ist damit ziemlich erfolgreich. Seine Bücher erscheinen im kleinen Schweizer Verlag von Urs Engeler, der sonst auch Lyrik verlegt. Das Buch glitzert silbrig, es sieht jedenfalls sehr nach Kälte und Schnee aus. Feines Papier und Fadenheftung machen den schmalen Band auch äußerlich fein.

„Sie sitzen auf dem Bänkli vor dem Hüttli. Im Hintergrund surrt der Skilift gleichmäßig.“

Paul und Georg sind alte Hasen, was den Skibetrieb angeht. Im Winter, der früher jedenfalls früher anfing, sind sie täglich im Einsatz an ihrem Schlepplift, der beinahe der älteste der Welt ist. Doch die Touristen bleiben aus. Tag für Tag lockt die Tafel, die Paul jeden Morgen aufstellt, während Georg im Hüttli die Billets vorsortiert und alles akribisch in sein „Schurnal“ notiert. Ob nun ein Bügel fehlt, der Notschlitten für etwaige Verletzte überprüft werden muss oder ein Test für die Funkgeräte ansteht, die beiden nehmen ihre Arbeit ernst. Währenddessen unterhalten sie sich und wir Leser erfahren die neuesten und ältesten Dorfnachrichten, politisches aus aller Welt, es wird von der Claire selbstgemachtes Apfelmus verzehrt oder Grappa probiert. Natürlich spielt das Wetter eine Hauptrolle: Freude als es schneit, nur könnte es ein wenig mehr.

„Ich habe fast weinen müssen heute Morgen, Copfertelli, ist das schön, wenn alles verschneit ist, …“

Die Geschichte zeigt Paul und Georgs Welt wie sie einmal war. Doch jetzt ist sie marode, ob die Antenne des Kofferradios fehlt oder dem Jesus an der Wand ein Arm. Den Bündner Bergen fehlt der Schnee und das nicht von ungefähr. Klimawandel, sagt der redselige Paul:

„Man müsste fast meinen, es werde immer wärmer, so wie die Wetterfrösche im Fernsehen sagen, aber der andere da aus La Merica, der Strohkopf mit den gelben Haaren, behauptet immer noch felsenfest, das sei alles nur gelogen.“

Es gibt im Dorf keine Poststelle mehr, keinen Frisör, keinen Bäcker und auch der Kiosk mit den zwei Tanksäulen wurde nach einem Einbruch nicht mehr wiedereröffnet. Still und leise stirbt alles aus. Auch den Sohn vom Paul ziehts hinaus in die Welt. Weder beruflich noch beziehungsmäßig will er sich festlegen. Und überhaupt ist es heute schwierig für die jungen Leute. Die große Auswahl erschwert auch die Entscheidungen. In den Gesprächen der beiden weitet sich der Blickwinkel vom kleinen Dorf in den Schweizer Alpen bis hinaus in die „große“ Welt. Ein Leuchten!

Wer den Autor noch nicht kennt, sollte auf jeden Fall einen Leseversuch wagen. Bereits „Die Kur“ hat mir sehr sehr gut gefallen. Eine ebenso vergnügliche wie wehmütige Geschichte.

Ich danke Urs Engeler für das Rezensionsexemplar.

Franz Hohler: Das Päckchen Luchterhand Verlag

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Franz Hohler erweist sich einmal mehr als gewitzter Erzähler. Der 1943 geborene Schweizer Autor ist zuverlässiger und regelmäßiger „Produzent“ von guter Literatur. Er hat kein bisschen seines Schwungs verloren und beweist einen feinen Humor, wie man auch auf seiner „Hausseite“ erkennen kann, auf die man unbedingt einen Blick werfen sollte.

Im neuen Roman „Das Päckchen“ geht es um eine alte Handschrift, die im Jahr 780 entstand: Der Abrogans. Er gilt als das älteste Buch in deutscher Sprache und wurde als Wörterbuch vom Lateinischen ins Deutsche von Mönchen geschrieben. Durch einen seltsamen Zufall gelangt eines der Exemplare in die Hände des Bibliothekars Ernst, der natürlich sofort erkennt, welch wertvolles Stück er in Händen hält. Doch er ist nicht der einzige, der sich dafür interessiert. Immer weiter verstrickt er sich in Lügengeschichten, auch seiner Frau gegenüber. Bis in die Schweizer Bergwelt führt Ernst seine Suche nach Hinweisen zur Herkunft der wertvollen Schrift …

Ein parallel geführter Handlungsstrang erzählt von dem Benediktinermönch Heimo, der mit schönster Schrift den Abrogans auf Anweisung seines Abts anfertigt. Der Abt schickt in dann mit der Schrift auf eine lange weite Reise nach Montecassino, mit Zwischenstops in verschiedenen Klöstern, um das Wörterbuch kopieren und weiter verbreiteten zu lassen.

Hohler hält sich an die überlieferten Fakten zum Abrogans, verknüpft dieses Wissen und macht eine spannende Geschichte daraus, indem er den Bibliothekar mit so einigen kriminellen Energien ausstattet. Gern gelesen, gut unterhalten, was dazugelernt über alte Handschriften, aber ohne größere sprachliche Höhepunkte.

„Das Päckchen“ erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Jonas Lüscher: Kraft C. H. Beck Verlag

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„So einfach ist das nicht, Kraft, nie und nichts.“

Nachdem Jonas Lüscher mit seiner vor einigen Jahren erschienen Novelle „Frühling der Barbaren“ überraschenden und zu Recht großen Erfolg hatte, ist nun sein Roman „Kraft“ erschienen. Anfangs brauchte ich etwas Zeit, um mich in Lüschers Sprache einzulesen. Doch ab dem zweiten Kapitel wurde es ein großes Vergnügen, denn Lüscher hat sprachlich echt was drauf, um es salopp auszudrücken. Wirklich gut konstruiert ist dieser Roman, der immer wieder aus Krafts Gedanken in seine Vergangenheit schwenkt. Dabei wird die Hauptsache, nämlich der Millionengewinn, den sich die Hauptfigur Kraft zu erschreiben hofft, eigentlich zu einer Randgeschichte.

Es geht um eine philosophische Frage:„Warum lässt Gott, wenn er doch vollkommen ist, das Böse auf der Welt zu?“  Oder in diesem Fall, leicht abgewandelt: „Why whatever is, is right and why we still can improve it?“ „Alles ist gut, aber wir können es noch verbessern.“ Diese Theorie soll untermauert werden, so will es ein schwerreicher Millionär aus dem Silicon Valley und er schreibt für die beste Antwort einfach mal eine Million aus. Kraft denkt sich, das kommt ja sehr passend. Er braucht Geld, da er sich monetär vollkommen übernommen hat und zudem scheint die Beantwortung dieser Frage für ihn, den angesehenen Rhetorikprofessor aus Tübingen, ein Leichtes. So fliegt er nach Kalifornien und findet Unterkunft bei seinem alten Freund aus Studentenzeiten in Berlin. Doch die Antwort auf die Frage stellt sich als schwieriger dar als gedacht. Also sitzt Kraft oft grübelnd vor leerem Blatt/Bildschirm und dabei schweifen die Gedanken zu ganz anderen Themen. Und so erfährt der Leser in recht kurzweiliger Art einiges aus dem Lebenslauf Krafts.

Allein eine Episode, ziemlich am Anfang im 3. Kapitel, als Lüscher seinen „Helden“, in den örtlichen Ruderclub schickt und ihn, der sonst nur auf dem stillen Neckar rudert, in allerhand Unwägbarkeiten mit abschließender Bruchlandung schickt, ist eine herrlich witzige, absolut skurrile Geschichte in der Geschichte.

Auch der Exkurs in die Studentenzeit Krafts, sprich in die Zeit des politischen Wechsels der achtziger Jahre, gelingt Lüscher ausgezeichnet. Wo alle Welt links, gegen Atomkraft, für Frauenrechte und für Frieden ohne Waffen war, liefen Kraft und sein Freund István gegen den Strom in Richtung Liberalismus. Witzig erzählt ist auch die Geschichte Istváns, der aus dem Ostblock in den Westen gelangte, eher durch Zufall als als politisch Verfolgter, wie er manchem immer wieder weiß machen will.

Nicht zuletzt geht es um die Frauen in Krafts Leben, die ihm irgendwie immer wieder abhanden kommen, den Kraft ist kein stiller Familienmensch, Kraft ist ein eitler Schwätzer.

„Hatten wir nicht Krafts finanzielle Situation als einen der Gründe ausgemacht, weswegen er sich so schwertut ins Schreiben zu kommen? […] Und haben wir dann nicht vollstes Verständnis dafür, dass er bei dem Gedanken, Heike nicht nur mit leeren Händen, sondern mit Schulden für ein versenktes Kohlefaserboot in der Höhe eines Monatsgehalts entgegenzutreten, von einem lähmenden Gefühl der Scham überwältigt wird, welches wenig hilfreich ist, bei seinen Bemühungen dafür zu argumentieren, weshalb alles gut sei?“

Ein schöner Kniff ist auch (siehe oben), ab und an eine kommentierende Erzählerstimme (oder ist es Krafts Gewissen?) auftauchen zu lassen, die uns, die Leser, und Kraft selbst, auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Überhaupt muss man Lüscher zu seiner weitreichenden Phantasie, zu seiner überschwenglichen Fabulierfreude gratulieren. Dabei schöpft er aus vollstem ihm zur Verfügung stehenden Wortschatz, und das ist nicht wenig.

Wie es mit Kraft und dem Millionengewinn ausgeht, wird hier nicht verraten. Lesen Sie selbst. „Kraft“ ist ein Buch mit viel Sprachwitz und auf unterhaltsame Art anspruchsvoll.
Ein Leuchten!

Das Buch erschien beim C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Lukas Bärfuss: Hagard Wallstein Verlag

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Endlich ist er da, der lange schon vom Verlag angezeigte neue Roman von Lukas Bärfuss. Zwischendurch, in der Zeit des Wartens, hat man immer mal wieder etwas von Bärfuss gehört. Der Schweizer hat sich mit diversen politsch-philosophischen Essays oder Beiträgen zu Wort gemeldet. Seine vorherigen Romane „Hundert Tage“ und vor allem „Koala“ habe ich gern gelesen. Und nun „Hagard“, ein schmaler Band, wie die beiden anderen auch unter 200 Seiten.

„Ich bin ein Zeuge jener Märztage, und als Zeuge werde ich von ihnen berichten, vollständig und ungeschönt. Manches wird mich in ein schlechtes Licht rücken, aber das ist mir einerlei.“

So sind die Worte des in den Roman einführenden Erzählers: Eine Stimme aus dem Off. Diese Stimme prägt die Geschehnisse, sie erzählt die Geschichte und auch wieder nicht: Philip, der Protagonist, ein Endvierziger, der mit Immobilien sein Geld verdient, verfolgt eines Tages aus einem Impuls heraus, statt einen geschäftlichen Termin einzuhalten, eine junge Frau durch die Stadt, die unschwer als Zürich zu erkennen ist. Über Philip erfährt der Leser nur bruchstückweise etwas. Die Verfolgung, die letztlich einer Suche nach dem eigenen Ich gleicht, dauert schließlich ganze 36 Stunden lang, obwohl der Leser und auch der Held selbst sich immer wieder fragen, welchen triftigen Grund es dafür gibt. Davon berichtet uns der Erzähler, der Schöpfer dieser Romanfigur ist. Er lässt Philip tun und hinterfragt gleichzeitig, was und warum seine Kunstfigur das tut, was sie tut. So fährt er, der Erzähler, eines Tages nach Venedig und lässt Philip einfach in einem Bahnwaggon auf einem Züricher Bahnhof schmoren bis er nach Hause zurückkehrt. Doch auch dann ist der Protagonist nicht bereit, sein seltsames Verfolgungsunterfangen aufzugeben, mit dem Ergebnis: eine sonderbare, nicht erklärbare Wandlung der Persönlichkeit zum Outsider …

„In allen Dingen muss ein Geheimnis bleiben, das uns zum Sehen bringt. Was wir verstanden haben, ist verloren.“

Bärfuss` Roman läuft auf mindestens zwei Ebenen. Das ist höchst spannend und hintersinnig erdacht. Ehrlich gesagt frage ich mich, ob es nicht sogar der Tatsache geschuldet sein könnte, dass der Autor mit seinem Schreiben im Verzug war und er den Verlauf seiner Geschichte sich deshalb so hat entwickeln lassen. Inhaltlich gibt es manche Hinweise, die man schlichtweg so deuten könnte. „Hagard“ war ja, wenn ich mich recht erinnere, bereits im letzten Frühjahr vom Verlag angekündigt (genau der Zeitpunkt, als Peter Stamms „Weit über das Land“ erschien, das ja mit einer ähnlichen Thematik aufwartet). Dann wäre ihm ein echtes Schelmenstück gelungen …

Was manchmal ein wenig gewollt wirkt, sind die kurzen häppchenweise verteilten zeitkritischen Anmerkungen wie etwa über den Ukraine-Krieg, die ausbeuterische Bekleidungsindustrie mit ihren asiatischen Arbeitern oder der unerklärliche Absturz eines malaysischen Flugzeugs. Vermutlich soll dies die Geschichte in der Zeit verankern, ist aber eigentlich für die Handlung wenig bis gar nicht nötig. Aber der Röntgenblick, den Philip alias Erzähler alias Bärfuss auf seine Leistungsgesellschafts-Mitbürger während des Wartens auf die Verfolgte, inzwischen seine Göttin, nun als nicht mehr Zugehöriger richtet, gelingt absolut. Weshalb er den Selbstmord eines japanischen Mathematikers (Yutaka Taniyama, 1927-1958) allerdings mit einflicht und den Werdegang eines kriminellen Taxifahrers ausführlich beschreibt, ist nicht ganz nachvollziehbar, passt aber zur Rätselhaftigkeit des ganzen Romans.

In der Tat erinnert auch mich Bärfuss` Werk an die Romane „Kraft“ von Jonas Lüscher und „Weit über das Land“ von Peter Stamm, wie es kürzlich im Feuilleton einer Zeitung zu lesen war. Im Vordergrund sind jeweils immer Männer, die eigentlich „voll im Leben stehen“ und doch plötzlich ausscheren und ungeahnte Wege gehen. Verläuft so die Krise des heutigen Mannes?  Und hat es eine Bedeutung, dass alle drei Autoren Schweizer sind?

Lukas Bärfuss ist mit „Hagard“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Der Roman erschien im Wallstein Verlag, wie auch seine vorherigen Bücher. Eine Leseprobe gibt es hier.