Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit Limmat Verlag

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Ich bespreche sehr selten Krimis auf meinem Blog. Ich glaube, dies ist das dritte mal und es ist schon eine ungewöhnliche Idee, die die Schweizerin Ursula Hasler da hatte. Sie hat aber viel Erfolg damit, denn ihr Buch stand wiederholt auf der Krimibestenliste des Deutschlandfunk Kultur. Vollkommen zurecht. Ich habe mich von Anfang bis Ende köstlich amüsiert. Das ist bei Krimis sicher eher unüblich, aber es ist eben auch kein Thriller, es gibt kein Blut, keine Gewalt, keine speziellen Fallanalytiker etc. Denn in „Die schiere Wahrheit“ treffen sich die klassischen Krimiautoren Georges Simenon und Friedrich Glauser zufällig in einem französischen Seebad und beginnen gemeinsam eine Kriminalgeschichte zu spinnen …

Wir befinden uns in Frankreich im Badeort Saint-Jean-de-Monts, es ist das Jahr 1937. Simenon hat gerade aufgehört Maigret-Krimis zu schreiben und will sich nun ernsthafter Literatur zuwenden. Der Gutbetuchte ist auf Urlaub, während der Schweizer Krimischreiber Friedrich Glauser einem bekannten Arzt hinterher gereist ist, um ein Rezept für Morphin zu erhalten. Er lebt zu dieser Zeit in Frankreich in prekären Verhältnissen und benötigt die Droge, um endlich seine begonnenen Wachtmeister Studer-Romane zu Ende schreiben zu können, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Vom Arzt erhält er dort zwar kein Rezept, aber er stellt ihm Simenon vor, dessen Schreiben er bewundert. Hasler erzählt von der Begegnung und von den Gesprächen über das Schreiben. Und sie lässt die beiden während des Spazierens am Meer einen gemeinsamen Krimi ausdenken.

In abwechselnden Kapiteln erleben wir nun die Begegnung der Autoren und die Geschichte, die sie erfinden. Die zwei Erzählstränge sind jeweils auch andersfarbig unterlegt. Es ist ein Vergnügen den beiden zu folgen, denn beide sind sich fast einig darüber, wie man einen guten Krimi schreibt und trotz beider großen Unterschiede in der Herangehensweise und ihren Eigenheiten folgt man der erfundenen Geschichte gespannt und vermischt in Gedanken mitunter sogar Wirklichkeit mit Erfindung. Da der Roman 1937 spielt, gibt es noch sehr altmodisch anmutende Polizeiarbeit, eben echte handwerkliche Ermittlerarbeit.

„Monsieur Simenon, für mich stellt sich nicht die Frage, muss man selbst erlebt haben, worüber man schreibt, sondern vielmehr: Genügt es, etwas erlebt zu haben, um darüber zu schreiben?
Dadurch, dass man einiges erlebt hat, vielleicht Schweres, wird man noch kein Hamsun. Das Schwierigste bleibt noch zu tun: das Erlebte gestalten. Das Erlebte darf nicht einfach abgeschildert werden, es muss geformt werden.“

Wachtmeister Studer wird beauftragt einem jungen französischen Kollegen zu helfen den Tod eines hochgestellten Amerika-Schweizers in jenem Strandbad aufzuklären, bei dem man noch nicht weiß, ob es Mord war. Studer reist mit Frau Hedy in den Badeort. Dort agiert bereits Inspektor Laurent Picot, dessen Tante Amelie zufällig vor Ort Urlaub macht und sich kräftig in die Aufklärung einmischt, da sie selbst dem Toten am Abend zuvor begegnet war und als Krankenschwester einiges an Wissen hinzutragen kann. Durch Befragungen und Achten auf die Zwischentöne und das Verhalten der Beteiligten mit einer trefflichen Kombinationsgabe lösen am Ende Amelie und Studer zusammen den Fall, bei dem es, wie so oft schwierig ist Recht und Gerechtigkeit zu unterscheiden. Ein Fall, der anfangs ganz anders aussah und am Ende weit in der Vergangenheit seine Ursache fand.

„Glauser winkt ab, dass Recht und Gerechtigkeit zwei verschiedene Schuhe sind, die kein Paar ergeben, wisse er. Ihn beschäftigt vielmehr, ob der Kommissar in einem Kriminalroman immer das Recht anwenden muss, mit den Zähnen knirschend und über seinen Schatten springend, auch wenn er es ungerecht findet? Dürfte er beispielsweise der Gerechtigkeit helfen und nicht dem Recht?“

Hasler schreibt diese klassische Kriminalgeschichte in urigem der Zeit gemäßen Ton und ich habe mich besonders an den speziellen Schweizer/Berner Begriffen erfreut; da gibt es Worte wie „Gopfridstutz“ und „Töff“. Dass Wachtmeister Studer ohne seine Brissago Zigarillos aufgeschmissen ist und Amelie sich mit Studers Frau am Strand beim Stricken gegenseitig über die eigentlich jeweils geheimen Informationen zum Fall austauschen, macht die Protagonisten schon sehr sympathisch.

Hasler schildert den Badeort, den es tatsächlich gibt, sehr bildhaft und bunt. Sie hat zu diesem Ort viel recherchiert, um auch die Wege der Handlung und die Atmosphäre, in der die Sommergäste verweilen, gut nachvollziehbar zu machen und auch sprachlich trifft sie den Ton dieser Zeit. Der Ort war zeitweise auch Künstlerkolonie und von einem dieser Maler, René Levrel, stammt auch das einladende Gemälde auf dem Buchumschlag. Simenon und Glauser hätten sich in dieser Zeit dort treffen können, tatsächlich sind sie sich aber nie begegnet.

Ich habe von Glauser „Matto regiert“ gelesen, der genau im Jahr 1937 entstanden ist und der Glausers persönliche Erlebnisse in einer psychiatrischen Anstalt mit in einen Mordfall einbezieht. Das Buch kann ich sehr empfehlen. „Die grünen Fensterläden“ von Simenon ist kein Maigret-Fall, aber hochinteressante Literatur, in dem ein sehr bekannter Schauspieler aufgrund einer Krankheit über sein Leben nachsinnt.

Das Buch enthält ein kurzes Nachwort, indem auch auf die jeweiligen Biographien eingegangen wird, die besonders bei Glauser sehr unruhig war. „Die schiere Wahrheit“ ist ein richtiges Sommerbuch, dass im Winter besonders gut tut. Es erschien im Limmat Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Meine beiden weiteren Krimibesprechungen auf dem Blog:

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Adelheid Duvanel: Fern von hier Limmat Verlag

Adelheid Duvanels „Fern von hier“ kann man eigentlich nur auf dem Silbertablett servieren. Die gesammelten Erzählungen der Schweizerin sind Literatur vom Feinsten. Dieses Buch begleitet mich seit Sommertagen und wird jedenfalls in die Sammlung meiner besten 10 in diesem Jahr aufgenommen. Aufmerksam geworden durch die tolle Besprechung von Michael Krüger in der ZEIT, las ich die Leseprobe und wusste sofort: Das passt zu mir. Das trifft mich. Das trägt mich. Das ist wie für mich geschrieben. Ein Leuchten!

Duvanel stellt die Verlorenen, die Verlierer, die Verschrobenen, die Schrulligen, die Skurrilen, die Verwahrlosten, die Verdrehten und Verlassenen in den Mittelpunkt ihrer Erzählungen. Ich weiß, Erzählungen sind bei vielen Lesern ja nicht so beliebt, aber hier ist es exakt DIE Form, die zum Inhalt passt. Ich konnte das Buch nicht auf einmal durchlesen, das lag zum einen daran, das die Protagonisten in den Geschichten mir so viel zu denken (und zu fühlen) gegeben haben, zum anderen mag man das Buch einfach nicht so schnell beenden, denn man weiß, das ist alles was Duvanel je geschrieben hat.

Gleich in der ersten Geschichte, die „Der Dichter“ heißt, bin ich für diese Schriftstellerin eingenommen:

„Ich versuchte als Kind, mit Hilfe von kleinen Gesten, von andeutenden Worten mit Menschen in Kontakt zu treten, doch sie liebten das Laute, das Deutliche, das ich verabscheute. Sie konnten mich nicht verstehen.“ […] Seit jenem Augenblick frage ich mich, ob nicht Worte über der großen Leere, über den Abgrund, in den mein Leben gefallen ist, eine neue Welt schaffen können.“

Die Helden, ja, es sind alles Helden des (Über-)Lebens, in den Erzählungen fallen aus dem Rahmen. Sie sind ja so unspektakulär, aber faszinierend, sie sind so alltäglich und glitzern schillernd. Adelheid Duvanel muss mit wachem Blick und steter Aufmerksamkeit durch die Welt gegangen sein, dass ihr diese Menschen auffielen. Eigentlich sind sie überall, doch gesehen werden sie kaum. Es sind nicht die Macher, die Lauten, die überall vorne dabei sind. Es sind die Stillen, nach innen Gekehrten. Oft sind es Kinder, die sich ihre eigene Welt erschaffen, weil die reale so unerträglich ist. Es sind Menschen, die nicht immer sympathisch oder schön sind und doch kann man sich mit ihnen identifizieren, denn sie tragen etwas in sich, was manch einer auch kennt: Traurigkeit, Melancholie, Unzufriedenheit, Dunkelheit und das Festhalten am Leben, sei es auch noch so schwer oder prekär.

Es sind oft einzelne Sätze in den nur 1-2, höchstens 3 Seiten langen Geschichten, die so stark sind, dass man sie notieren möchte. Diese einzelnen Sätze tragen oft die Essenz der ganzen Erzählung in sich:

„Hinter der baufälligen Kirche, in der Annas matte Kindersonntage gefangen gehalten wurden, …“

Es ist, als gingen wir durch die Straßen und schauten in die Fenster und sähen eine Momentaufnahme fremden Lebens. Mir kommen sehr viele Bilder daraus entgegen, meist sind es schwarz/weiß-Bilder. Bunt ist es meistens nicht in der Handlung, aber die Erzählerin versteckt einen schönen feinen Humor zwischen den Dunkelheiten.

„Er springt aus dem Bett, wo er ein Nachmittagsschläfchen gehalten hat, und bemüht sich, in Gedanken seine Füße zu begleiten, die auf eine ungewöhnliche Weise vielleicht schwebend in den Korridor gelangen.“

Aus unerfindlichen Gründen erinnert mich der Schreibstil an Texte von Christine Lavant. Vielleicht weil sie manchmal an Gebete erinnern, an Übersinnliches, an Naturereignisse. Teilweise klingen sie wie Märchen, im Stil mitunter altmodisch, immer geheimnisvoll. Jede Geschichte könnte mit „Es war einmal … “ beginnen. Auch Träume spielen häufig eine Rolle und der Versuch sie zu deuten.

Duvanel gelingt jede Erzählperspektive. Sie schafft es sich in jede ihrer Figuren sensibel und feinfühlig hineinzuversetzen. Kinder als Protagonisten wirken aufgrund ihrer Erlebnisse oft schon wie Erwachsene. Ihre skurrilen Held*innen durchwandern eine oft surreale Szenerie. Menschen haben „haferfarbene Augen“, Häuser haben Gesichter, ein Mann hat „ein Faultiergesicht“, eine Frau hat „gasflammenblaue Augen“:

„Er wartet im Schneidersitz auf dem Boden und lässt den Blick seiner schönen, sozusagen in Leid eingelegten Augen über die farbigen Zeichnungen an den Wänden schweifen.“

Nach jeder Geschichte denke ich, viel schräger kann es gar nicht kommen; kommt es aber doch. Noch über Wochen hinweg tauchen Bilder oder Gestalten aus den Geschichten auf. Kaum eine, die mir nicht gefallen oder mich getroffen hat.

„Ein heftiger Wind stieß Sabel vorwärts; anscheinend lag ihm daran, sie zur Schule zu führen, doch plötzlich erlahmte er und fuhr wie ein alter Herr leise und vornehm im Rollstuhl davon.“

Das Buch ist in acht Kapitel mit Erzählungen eingeteilt, die chronologisch angeordnet sind. Der Bogen spannt sich über den Zeitraum von 1980 bis 1997. Dabei sind auch Erzählungen, die bisher nur in Zeitungen veröffentlicht wurden in der Zeit von 1960 bis 1979. Adelheid Duvanel wurde 1936 in der Schweiz geboren. Bereits als Kind schrieb und malte sie. Nach einem Umzug der Familie musste sie 1953 eine zeit lang in einer psychiatrischen Klinik verbringen. Gleichzeitig beginnt aber auch ihre künstlerischen Tätigkeit. Sie veröffentlichte regelmäßig in Zeitungen. In der Ehe mit einem Maler gab sie das eigene Malen auf. Eine Tochter kommt zur Welt. 1980 erscheint ihr erster Erzählband im Luchterhand Verlag. 1981 liest sie in Klagenfurt beim Bachmann-Preis und es folgt die Scheidung. Sie erlangt einige Preise. Es gibt wiederholte Aufenthalte in der Psychiatrie. 1996 stirbt sie in Bern.

„Fern von hier“ ist der treffliche Titel dieses faszinierenden, über 700 Seiten zählenden Buchs, das außerdem auch noch schön gestaltet ist, leinengebunden, gedruckt auf feinem Papier mit Lesebändchen. Es errang den 2. Platz auf der diesjährigen Hotlist der unabhängigen Verlage. Erschienen ist es im Schweizer Limmat Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Michel Layaz: Louis Soutter, sehr wahrscheinlich Verlag Die Brotsuppe

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Aus dem kleinen feinen Verlag mit dem ungewöhnlichen Namen „Die Brotsuppe“ habe ich bereits vor einiger Zeit ein sehr besonderes Buchkunstwerk vorgestellt: „Willkommen im Tal der Tränen“ von Noëmi Lerch. Nun habe ich wieder eine Entdeckung gemacht. Da ich selbst male und mich sehr für Künstlerbiographien interessiere, passt dieses Buch über Louis Soutter, einen Musiker und Maler, den man zu den Art Brut Künstlern zählt, obgleich er Kunst studiert hatte. Der Schweizer Autor Michel Layaz erzählt mit fiktiven Anteilen aus dem Leben dieses vermutlich hochsensiblen, wie nicht für die Welt gemachten Künstlers.

Louis Soutter, 1871 in Morges in der Schweiz geboren, eigentlich unter den besten Voraussetzungen in einer wohlhabenen, angesehenen Familie, bricht aus den für ihn vorgesehenen Laufbahnen aus. Nach abgebrochenem Architekturstudium folgt ein Musikstudium an einem berühmten Konservatorium in Brüssel. Doch auch hier bricht er ab, um an eine Schule für Zeichnung und Malerei zu wechseln. Danach folgt die Heirat mit einer amerikanischen Violinistin. Beide gehen 1897 in die USA. Soutter erhält die Leitung eines Kunstinstituts. Die Ehe zerbricht. Er kehrt zurück in die Schweiz.

Hier beginnen nun die Probleme. Soutter spielt als erster Geiger in großen Orchestern, doch immer öfter hat er Aussetzer, hört mitten im Konzert einfach auf zu spielen, versinkt in Tagträumereien. Er lebt über seine Verhältnisse, kauft sich teure Kleidung, die Schulden häufen sich. Der Bruder, ein Apotheker, muss immer öfter für sein Auskommen aufkommen. Seine Stellen verliert er, spielt nur noch in Hotels oder in Kinos, lebt in einer engen Mansarde. Sein Freiheitsdrang lässt ihn immer wieder tageweise verschwinden. Dann wandert er vagabundierend im Anzug durch Schweizer Landschaften und übernachtet schon mal im Heuschober. Die Familie entscheidet sich für einen Vormund. 1923 lässt man ihn mit 52(!) Jahren dauerhaft in ein Altersheim in Ballaigues im Schweizer Jura einweisen. Für ihn ist das schwer erträglich. Er beginnt zu malen. Exzessiv.

Das Malen löst die Musik ab. Soutter zeichnet täglich mehrere Bilder, wie in einem Rausch. Was ihn antreibt, sind die eigenen inneren Gespenster, aber auch die unglaublich starke Verbindung zur Natur. Was mit ihm geschieht, wenn er sich dem Bilderstrom hingibt, würde man heute vermutlich „Flow“ nennen. Ich bin sicher, er ist dabei mit etwas Höherem verbunden.

„Wie das Licht, die Rundung der Hügel und Täler es wollten, ließ Louis sich von der Landschaft einsaugen, er wollte nicht neben der Natur sein oder über ihr, sondern in ihr, in Bewegung ganz in ihrem Innern.“

In den nächsten 19 Jahren bis zu seinem Tod entkommt er dem Heim nicht. Trotz kurzer Hoffnungsschimmer bleibt er dort allein zurück, strengen christlichen Regeln ausgeliefert, lebt immer asketischer. Sein Cousin, der Architekt „Le Corbusier“ besucht ihn einmal, ist begeistert von seinen Bildern, gibt ihm kurz öffentliche Aufmerksamkeit, wendet sich später aber ab. Jean Giono, der südfranzösische Schriftsteller und Cousin einer Pflegerin besucht ihn, kauft schließlich sogar einige Bilder ab. Auch der Schweizer Nationaldichter Ramuz verspricht ihm eine Zusammenarbeit. Und eine reiche entfernte Cousine lässt ihn in ihrem noblen Landhaus ab und an „Urlaub vom Heim“ machen. Doch niemand hilft ihm von dort dauerhaft wegzukommen. Seine eigenen Einsprüche wirken nicht. Ab 1937 malt er nicht mehr mit Feder oder Bleistift sondern mit den Fingern. Schwarz wird immer die vorherrschende Farbe bleiben. Am 20. Februar 1942 stirbt er allein in seinem Bett im Altersheim von Ballaigues.

Layaz schildert das alles in einem der Zeit angemessenen Ton. Er pickt Lebensjahre heraus und erzählt die wichtigsten Ereignisse, lässt auch Kleinigkeiten, die mir höchst wichtig erscheinen mit einfließen. Er haucht Soutter wirklich Leben ein, macht ihn (be)greifbar und zeichnet ihn zutiefst menschlich mit einem reichen Innenleben. Durch seine mitunter poetische Sprache zeigen sich mir sofort Bilder, kann ich mir Soutters Lebenswege bildhaft vorstellen. Es ist schwer abzuwägen, was hier tatsächlich biographisch ist und was fiktiv, doch der Autor zeigt immer offen, wenn er Vermutungen anstellt, wenn er sich der tatsächlichen Details nicht sicher ist. Ihm gelingt ein fesselndes Porträt eines Ausnahmekünstlers, dem man sich genau so hingeben muss, wie man das mit Soutters Bilderwelt tun sollte. Einfach erschließt sich weder eine solch unruhige Lebensgeschichte, noch solch komplexe Werke.

„Man hatte ihn manchmal gefragt, was er für Wünsche, Pläne hätte, doch seiner Miene nach wurde rasch klar, dass es ihm zuwider war, von sich zu sprechen. Manche hatten bemerkt, dass er sehr gebildet war, dass er sehr gut verstand, was man sagte, dass er sehr empfindsam war, eine Senisbilität, die er wie ein Makel mit sich herumschleppte, ein Gewicht, das er vergeblich irgendwo abzulegen versuchte.“

Soutter war meiner Meinung nach ein großes Talent, ein einzigartiger Künstler, ein Eigenbrötler im besten Sinne, freiheitsliebend und unkonventionell, sich nicht den Zwängen seiner Zeit unterwerfen wollend, und hatte das Pech, wie so viele Genies, vollkommen verkannt zu werden. Er war sicher kein einfacher Mensch, aber möglicherweise einer, der seiner Zeit voraus war. Nach der Lektüre begleitet er mich noch fast täglich in meinen Gedanken. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Verlag Die Brotsuppe. Übersetzt aus dem Französischen hat es Yla M. von Dach. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Noëmi Lerch: Willkommen im Tal der Tränen Verlag Die Brotsuppe

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„Alpaufzug. Zoppo, der Tuinar und der Lombard sitzen im Jeep. Die Kühe sind im Lastwagen. Nach dem Tunnel sagt Zoppo, willkommen im Tal der Tränen.“

Ich freu mich! Ich freue mich so sehr über dieses Buch. Dass es so etwas noch gibt in der Literaturlandschaft, in der Bücherwelt, die auch immer mehr auf Schnelligkeit und Konsum setzt. Ich bin dankbar, dass es solche Verlage gibt, solche Autor*innen, solche Künstler*innen. Noëmi Lerch hat einen Text geschrieben, der auf Langsamkeit und Hingabe besteht, der, von der Sprache einer bald vergessenen Zeit lebt. Sie erzählt, wie es kaum jemand mehr tut. Aber ich schwärme noch weiter, denn das Buch ist eine Perle der Gestaltung, ein feinstes Kunstwerk. Dass es ausgezeichnet wurde mit dem Schweizer Literaturpreis 2020 ist vollkommen nachvollziehbar.

Das Buch ist eingeteilt in 4 Kapitel: Leben, Natur, Arbeit, Sterben. Jede Seite ist mit einer feinen Illustration immer weiß auf schwarzem Papier gearbeitet. Auf der gegenüberliegenden hellgrauen Seite steht der Text. Oft ist es nur ein Satz. Immer nicht mehr als eine halbe Seite. In dieser Reduzierung steckt auch die Besonderheit dieser Geschichte.

„Der Nachtfalter trägt einen pastellfarbenen Mantel und eine rote Lockenperücke. Er schläft an der Mauer hinter dem Radio, seit drei Tagen schon. Heute ist er heruntergekommen, um in der Kaffeetasse vom Tuinar zu ertrinken.“

Es ist auch keine Geschichte im üblichen Sinn, sondern lässt einfach Bilder aus dem Alltag der drei Bauern auf einer Alm in einem abgelegenen Tal im Tessin aufscheinen. Doch aus dieser Knappheit wächst auch die Schönheit. Denn es entstehen auch berührende Bilder aus dem Inneren der Männer. Die harte Arbeit prägt sie, doch sie leben auch aus ihrem ganz unterschiedlichen Inneren heraus und sie leben mit der Natur. Viel steht zwischen den Zeilen, eröffnet sich im Hingeben an die wenigen Worte, im Lauschen auf das eigene Innere oder in der Versenkung in die Abbildungen. Es ist ein meditatives Buch, dass dennoch hinweist auf die zunehmenden Veränderungen dieser archaischen Strukturen. Immer mehr Touristen kommen, die Natur nimmt Schaden, die Landwirtschaft muss subventioniert werden.

Drei Männer und ein lächelnder Hund. Der Tuinar, der vom Land am Meer kommt, dem das Sprechen schwerfällt und der nur der „Zusenn“ ist, dem nichts selbst gehört. Der singende Lombard mit dem lächelnden Hund und Zoppo, der dem Tuinar zeigt, wie man die Harfe durch den Käsebruch ziehen muss und wie still die weite Ebene ist.

„Der Tuinar weiss nicht mehr was sagen. Fallen ihm an einem Tag zwei Sätze ein, die er sagen könnte, spart er einen davon auf. Für den nächsten Tag.“

Noëmi Lerch schreibt so geheimnisvoll, so wissend und spürend, aber auch so poetisch und zart, wie man es sich für diese Arbeit gar nicht vorstellen kann, aber genau so ist es vielleicht, wenn etwas mit Hingabe und aus Liebe getan wird, egal, ob Schreiben oder Käse machen. Ein Leuchten!

Das Buch haben Alexandra Kaufmann und Hanin Lerch (Künstlerinnen-Duo Walter Wolff) bebildert. Sie haben dabei ihre ganz eigenen Gedanken als Bilder auf den Text gelegt, Bilder die die eigenen entstehenden nicht stören, vielmehr anregen. Außen in naturfarbenes grobes Leinen gebunden mit schwarzer Titelprägung geht es auch innen schwarz und und naturgrau auf schwerem Papier weiter. Beim Blättern riecht man noch die Druckfarbe. Das weiße Garn der Fadenheftung blitzt auf. Ein Lesebändchen reicht eigentlich nicht, um die vielen Seiten zu markieren, die besonders bemerkenswert sind.

Das Buch erschien im Schweizer Verlag Die Brotsuppe. Es ist bereits das dritte Buch der 1987 geborenen Autorin, die in Aquila im Tessin lebt, als Hirtin und Schriftstellerin. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Und hier ein Interview mit den beiden Gestalterinnen des Buches und eine kleine Lesung der Autorin:

 

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Arno Camenisch: Herr Anselm Engeler Verlag

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Jedes Buch von Arno Camenisch ist ein Vergnügen! Der Schweizer, der mit seinen Texten durch die Lande tourt, erzählt in seinen kurzen, oft nur 100 Seiten zählenden Romanen aus seiner Heimat und wie diese sich immer stärker wandelt. Camenisch wurde 1978 in Graubünden geboren und man merkt es den Büchern an, denn er schreibt zwar auf Deutsch, verwendet aber konsequent diverse Dialekt-Ausdrücke, setzt sich auch sonst für die spezielle Sprache seiner Herkunft ein, das Rätoromanische, genauer das „Sursilvan“, das bündnerromanisch aus seiner Region Surselva. Inzwischen lebt er in Biel.

Nach „Die Kur“ und „Der letzte Schnee“ ist es nun „Herr Anselm“, der mich mit seiner liebenswerten Eigenart und kluger Einfachheit fasziniert. Herr Anselm ist die Hauptfigur im neuen Roman, der eigentlich ein Monolog ist. Wir befinden uns auf dem Friedhof eines Bündner Dorfes in den Bergen und begleiten Herrn Anselms Tun rund ums Grab seiner Frau. Er kommt täglich und spricht mit ihr.

„Ich habe es dann aufgeschrieben, nachdem du gestorben warst und ich nicht wusste, wohin mit all der Traurigkeit, da haben mir die Marina und der Guiseppe gesagt, ich soll schreiben, was denn schreiben, habe ich gefragt, einfach aufschreiben, hat sie gesagt, aber ich müsse das von Hand machen, damit die Traurigkeit langsam in die Hände übergeht.“

So erfahren wir Leser am Anfang des Schuljahres die „novitads catastrofalas“, dass die kleine Schule – er ist „Abwart“, also Hausmeister – geschlossen werden soll, zeitgleich mit seiner Frau. Doch wehren wollen sie sich, so leicht nicht klein begeben dem Gemeinderat gegenüber.

Dann kommen Erinnerungen und die mischen sich mit Alltäglichem und auch Gesellschaftskritisches löst sich aus Anselms Gedanken. So erzählt er, dass er für die Schule eine Tischtennisplatte mit den Kollegen selbst gezimmert habe, dass er sich erinnert, wie er mit ihr – „mia cara“ –  über den Pass nach Ancona gefahren war und ihr erstes Polaroidfoto entstanden ist, dass er immer in der Brusttasche des Hemds bei sich trägt oder dass die geringe Regenmenge, die diesen Sommer gefallen war, den Wasserstand der Stauseen erheblich gesenkt habe. Die kleinen Geräte findet er wundersam, die ein jeder in der Hosentasche trägt und damit immer erreichbar ist und erinnert sich, an das erste Fernsehgerät, bei dem die Antenne auf dem Dach noch auf der Suche nach Sendern per Hand gedreht wurde. Oder dass die Suche nach dem einen Herzensmenschen nun auch per „Bestellung über die Maschine“ gehen soll, erfährt er, dabei kommt doch die Liebe so ganz anders ins Leben.

Und manchmal steht er dann sogar schon mal vor einer Klasse und vertritt einen Lehrer bei Krankheit. Und zwar mit Erfolg. Die Schüler mögen ihn, seine ehrliche direkte Art. So kann er den Schülern auch nicht verheimlichen, wie es um die Zukunft der Schule steht.

„Wenn eines der Kinder also farruct ist, weil es diese schmalen Linien im Heft nicht trifft mit den Buchstaben, oder wenn einer den Zitteri hat vor einem Test in Matematica, dann schicke ich sie für ein Viertelstündli runter zum Pingpong-Tisch, damit sie etwas Kopf und Hand lösen können, und danach sind sie ganz tranquilo im Herzen und machen das tiptop.“

Und so erleben wir wie Herr Anselm sein Leben weiterhin teilt mit seiner Frau und irgendwie eine Zufriedenheit findet, ja vielleicht sogar Glück, aber „das braucht ein bisschen Courage im Herzen“. 

Arno Camenischs schmales Buch beinhaltet so viel. Erinnerung erschließt sich aus Gegenwärtigem. Er zeichnet seine Figur so echt und lebensnah, mit so viel Liebe, dass ich mich immer direkt gemeint fühle, so als stehe ich selbst neben ihm, neben dem Grab oder neben der Tischtennisplatte, und höre ihm zu, wie einem guten Freund. Mehr Nähe geht nicht. Ein Leuchten!

Alle Bücher von Arno Camenisch sind im Engeler Verlag erschienen. Ich danke Urs Engeler für das Rezensionsexemplar.

Hier ein kleiner Einblick in die Sprache und Art Arno Camenischs:

Alain Claude Sulzer: Unhaltbare Zustände Galiani Verlag

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Alain Claude Sulzer ist ein Autor, dessen Romane ich beinahe so regelmäßig lese, wie er sie schreibt. Der 1953 geborene Schweizer hat diesmal eine Geschichte erzählt, bei der ich sehr schnell glaubte, sie wäre vorhersehbar und würde mit einer glücklichen Liebesgeschichte enden. Doch weit gefehlt! Und das ist ein Glück, denn ich mag keine Happy Ends in Romanen und es hätte diesem Roman auch nicht zum Vorteil gereicht.

Sulzer erzählt zwei parallel laufende Lebensgeschichten, die sich an einem Punkt berühren. Seine Geschichte spielt Ende der sechziger Jahre. Die Nachkriegszeit mit ihrem wirtschaftlichen Boom geht vorbei und die Revolten der Studenten beginnen. Selbst in der neutralen kleinen Schweiz zeigen sich die Veränderungen.

In einem Erzählstrang begegnen wir Robert Stettler. Er lebt in einer Stadt in der Schweiz und arbeitet seit langem als Schaufensterdekorateur in einem renommierten Kaufhaus, eines der ersten in der Stadt überhaupt. Stettler geht in dieser Tätigkeit vollkommen auf. Er lebt seit dem Tod seiner Mutter allein und lebt vor allem für seine Arbeit, mit der er sehr erfolgreich ist. Als Stettler sechzig ist, stellt sein Chef einen neuen jungen Dekorateur ein, der von nun an die wichtigsten Arbeiten macht. Alles soll neu und modern werden. Stettler ist abgeschrieben. Seine heile konservative kleine Welt zerbricht. Er wird vollkommen aus der Bahn geworfen. So sehr, dass er Rachegelüste gegen den jungen Kollegen hegt. Bis er schließlich etwas Außergewöhnliches tut …

Im anderen Erzählstrang geht es um die deutsche Pianistin Lotte Zerbst, die ähnlich wie Stettler ausschließlich für ihre Arbeit lebt und ansonsten recht einsam ist. Sie war als sehr junge Frau Meisterschülerin eines berühmten russischen Pianisten. Sie hat viel gelernt bei ihm, dafür aber auch einen hohen Preis dafür bezahlt. Tatsächlich macht sie Karriere als Pianistin, was zu dieser Zeit für eine Frau nicht selbstverständlich ist. Eines ihrer seltenen Konzerte führt sie schließlich auch in den Wohnort Stettlers.

Ein kurzer Briefwechsel verbindet ihre beiden Geschichten: Stettler schreibt Zerbst einen Brief, weil er von ihrer Musik so angetan ist, Zerbst antwortet, weil er so angenehm schreibt. Hier könnte man als Leserin glauben, man wüsste, wie das alles endet. Tut es aber zum Glück nicht, denn am Ende kommt es zu einem überraschenden Showdown, der eigentlich das Beste am ganzen Roman ist.

Sulzers Roman ist unterhaltsam, teilweise ein wenig unglaubwürdig konstruiert und sprachlich ohne Besonderheiten, aber das tut dem Lesegenuß keinen Abbruch. Ich empfehle ebenfalls „Postscriptum“, was ich bereits hier auf dem Blog besprochen habe und „Aus den Fugen“ und „Zur falschen Zeit“. „Unhaltbare Zustände“ erschien im Galiani Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Eine weitere Besprechung findet sich bei letteratura Blog.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Anita Hansemann: Widerschein Edition Bücherlese

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„Wir sind Jenische“, antwortet sie endlich und stellt eine Tasse vor Mia hin. „Das Wort Zigeuner ist abwertend, obwohl du das sicher nicht so meinst.“ Ihr Blick ruht auf Mia. „So etwas wie ein Volk der Zigeuner gibt es gar nicht.“, sagt sie. „Man nannte früher Heimatlose so, die ihren Lebensunterhalt mit Umherziehen verdienen mussten.“

Mit diesem Buch begebe ich mich in die Schweizer Bergwelt. Faszinierende, unberührte Natur, Berggeister, hochgelegene Almen, beinah urtümliche Täler. Hier vergeht die Zeit noch langsamer, hier sind die Menschen noch mehr Teil der Natur, aber womöglich auch abergläubischer und verstockter. Gut, dass es im Anhang des Buches ein Glossar gibt, denn viele Dialektwörter kenne ich nicht.

Mia und Viid verbindet eine Kinderfreundschaft. Viid, der Jenische, wird in der Schule von den anderen ausgeschlossen. Nur Mia hält zu ihm. Die strenge Mutter jedoch versucht die beiden immer wieder zu trennen. Als Mädchen wird sie in den Sommerferien zum Arbeiten auf die Almen geschickt, denn wer hart arbeitet hat keine Zeit für Unsinn. Von Viids Mutter Franziska, die sie mag, hat Mia etwas über die Jenischen erfahren, die wie Sinti und Roma oft als Reisende leben, eine eigene Sprache haben und auch, dass es überall Menschen gibt, die sie wie Aussätzige behandeln, wie Verbrecher.

Aus der Kinderfreundschaft wird über die Jahre mehr, doch richtig zusammen kommen die beiden nie. Als Viid im Winter während eines Lawinenabgangs verschüttet und in letzter Minute von Mia gerettet wird, scheint sie das zunächst erst recht zu verbinden. Aber dann taucht Viid nach einem Absturz am Berg unter. Man munkelt, die geheimnisvolle weiße Gämse, sei daran schuld. Doch was ich als Leserin schon lange ahne und weshalb Viid und Mia dann eben nicht zusammen kommen, wird erst gegen Ende des Romans aufgeklärt.

Viele Jahre später: Immer wieder kommen Szenen mit Viid im Berg auf der Jagd nach der geheimnisvollen weißen Gämse, Begegnungen mit dem „Äbifräuli“, einer Geistererscheinung. Immer wieder ist Viid müde und erschöpft und schläft mitten im Berg ein und träumt seltsame Dinge. Mia dagegen kümmert sich, ganz gegenwärtig und darunter leidend, um die sieche Mutter und den zurückgebliebenen Bruder und geht nicht weg, obwohl sie alles schon lange satt hat und lässt sich auch nicht auf Claas ein, obwohl sie weiß, dass es gut für sie wäre. Also irgendwie ein wenig viel bergauf und bergab.

Auch in den Zeiten springt die Autorin hin und her. Was mich dranbleiben ließ, war vor allem das Bergpanorama, die fremde Lebenswelt, die eindrücklichen Naturbeschreibungen, die Naturgewalten in den Schweizer Bergen. Die Handlung ist verortet im Walsertal St. Antönien im Prättigau, Kanton Graubünden. „Widerschein“ war für mich vor allem unter diesen Aspekten eine interessante Lektüre, doch weder sprachlich noch inhaltlich tut er sich besonders hervor. Dass der Schluss des Romans überraschend sehr stimmig und besonders gestaltet wurde, hat das Buch für mich dann doch noch zu einer besonderen Lektüre gemacht.

Der Roman der 1962 auf einem Bauernhof im Prättigau geborenen und in Zürich lebenden Anita Hansemann erschien im Schweizer Verlag edition bücherlese. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Emmanuel Carrère: Der Widersacher Matthes & Seitz Verlag

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Emmanuel Carrère ist längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Der Matthes & Seitz Verlag hat sich in Deutschland seines Werkes angenommen und bringt nun eine Neuauflage des 2003 unter dem Titel „Amok“ erschienenen Romans  „L`Adversaire“, der bereits 1999 in Frankreich erschien. Für mich ist es der erste Roman Carrères. Ganz bewusst habe ich diesen gewählt, da mich die Geschichte sehr angezogen hat, begibt man sich mit ihr doch sehr tief in die Abgründe der menschlichen Seele.

Und in aller Grausamkeit ist es in der Tat eine faszinierende Geschichte: Ein Mann um die 40 tötet seine Frau, die beiden Kinder und die Eltern. Die Selbsttötung gelingt nicht, er überlebt schwer verletzt. Nach einer kurzen Einführung in den Familien- und Freundeskreis schwenkt Carrère die Kamera um und lässt aus der Sicht eines Schriftstellers erzählen. Dieser verfolgt den Fall Jean-Claude Romands und wendet sich schließlich schriftlich an den mittlerweile in Haft befindlichen Mörder.

Aus diesem Briefwechsel und der Beobachtung der Gerichtsverhandlung macht der Schriftsteller seine Geschichte zu einem Buch. In diesem tatsächlich so begangenem Verbrechen fand Carrère den Stoff für seinen Roman.

Jean-Claude Romand, angeblich wohlhabender Arzt und in hoher Stellung bei der WHO in Genf tätig, hat ein riesiges Lügengerüst erbaut. Seit seinem Studium erfindet er für sich einen Lebenslauf, der unfassbarerweise niemals hinterfragt wird. Nachdem er eine Examensprüfung ausgelassen hat, und somit nicht Arzt werden kann, beginnt er sein weiteres Leben auf Lügen aufzubauen. Es ist hanebüchen zu welchen Mitteln der Mann greift, um gesehen, geschätzt und geliebt zu werden. Er heiratet seine Studienfreundin, zeugt Kinder, veruntreut Gelder, die ihm von Verwandten  als Anlage anvertraut werden, mietet ein nobles Landhaus, fährt teure Autos, gibt Unsummen für seine Geliebte aus und …  keiner merkt etwas. Einmal in diesem Lügen-Karussell gefangen, schreibt sich die Geschichte von allein weiter. Eins folgt dem anderen, bis es scheinbar keine Möglichkeit zurück gibt.

„Eine Lüge dient normalerweise dazu, eine Wahrheit zu verbergen, etwas vielleicht Beschämendes, aber Wahres. Die seine verbarg nichts. Hinter dem falschen Doktor Romand gab es keinen echten Jean-Claude Romand.“

Der Autor versucht nicht aus der Vergangenheit heraus, womöglich aus einer unglücklichen Kindheit heraus den Täter zu entschuldigen. Er zeigt jedoch auf, wie „leicht“ es ist, in eine Spirale der Lügen zu geraten und lässt den Leser dieses unglückliche Leben spüren. Dass der Protagonist sich selbst töten wollte ist absolut nachvollziehbar, denn die Möglichkeit aufzufliegen rückte plötzlich sehr schnell näher. Wie es zu der unglaublichen mörderischen Tat kommen konnte, ist absolut unbegreiflich (Psychologen würden von erweitertem Suizid sprechen). Dafür gibt es keine Antwort, die will auch der Autor nicht finden. Dass der Täter vor Gericht und auch in der Haft sich zunehmend religiös und bußfertig zeigte, um Vergebung bittet, ist möglicherweise eine erneute Lebensflucht. Zudem ist sie wenig glaubwürdig und wirkt wie eine Farce auf die zurückgebliebenen Trauernden.

„Wenn Jesus in sein Herz einzieht, wenn die Gewissheit, trotz allem geliebt zu werden, ihm Freudentränen auf die Wangen treibt, ist es dann nicht immer noch der Widersacher, der ihn täuscht?“

Je weiter ich las, desto bekannter kam mir die Geschichte vor. Ich glaubte sie schon verfilmt gesehen zu haben und dem ist tatsächlich so. Es lief auf Arte die Verfilmung aus dem Jahr 2002 unter dem Titel L’adversaire mit Daniel Auteuil in der Hauptrolle.

Obwohl es sich letztlich nicht um einen vergleichbaren Fall handelt, wurde ich immer wieder an Åsne Seierstads „Einer von uns“ über den Osloer Massenmörder Anders Breivik erinnert. Schon da fragte ich mich, ob ein Mensch grundsätzlich böse sein kann oder ob ihm das Leben so mitspielt, dass er es wird … Eine Frage, die auch in Truman Capotes „Kaltblütig“ mitschwingt, welches für Carrère auch ein gewisses Vorbild war.

Der Roman erschien im Verlag Matthes & Seitz. Er wurde aus dem Französischen übersetzt von Claudia Hamm. Im Anhang gibt es ein höchst interessantes Gespräch zwischen Autor und Übersetzerin. Eine Leseprobe gibt es hier.

Nadine Olonetzky: Belichtungen Kommode Verlag

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Eine ganz und gar faszinierende Idee hatte die vielseitige Schweizer Autorin Nadine Olonetzky. Sie fing die Zeit ein. Wir Bücherliebhaber wissen alle, wie das ist, wenn das Buchregal der Sonne ausgesetzt ist und die Seiten manchen Buchs am Buchschnitt vergilben, Jahr für Jahr mehr. Olonetzky hatte die Idee, dieses Zeitphänomen bewusst auszunutzen. Ich bewundere ihre Geduld: Seit 20 Jahren platziert sie gefundene kleine Gegenstände auf einem Blatt Papier und lässt Sonne und Zeit ihre Arbeit tun. Rund um die Dinge vergilbt das Papier. Zurück blieb die ursprüngliche Form, das Weiß unter den Dingen.

 

„Wir sind leicht, längst hinter allen Wolken, vielleicht auf
dem Weg zur Rückseite des Monds und immer weiter
durch ein Nichts, das trägt. Der Auslöschung
gerade noch einen Lidschlag voraus.“

In dem kostbaren Band sind nun viele dieser Motive abgebildet und eingerahmt von kleinen Texten, die hervorragend zu den Wandlungen passen. Es sind sehr persönliche Miniaturen. Sie sind ebenso wie die Bilder Zeitzeugen. Es wird hinterfragt, geschaut, gefühlt und erinnert. Wie die Belichtungen zeigen sie die Essenz unserer Existenz im Alltäglichen.

„Das Jetzt, wenn es sichtbar wird, ist immer schon
vergangen. Klappen die Lider zu, wird das, was gerade
war, ein Bild im Meer der Erinnerungen. Nur
weil sie vergehen, kann man die Augenblicke sehen.“

Der kleine Kommode Verlag hat aus dem Buch ein feines Kunstwerk gemacht: Hochwertiges Papier, fadengeheftet, der Bucheinband doppelt gelegt und von einer Lichtarbeit hinterlegt. Man spürt hier die Liebe zum Buch. Ich bin froh, trotz aller Hiobsbotschaften, was das Buchsterben betrifft, solche wunderbaren Bücher zu finden. Herzlichen Dank an den Verlag, auch für das Rezensionsexemplar. Mehr über die Autorin und den Verlag findet sich hier.

Maxim Biller: Sechs Koffer Kiepenheuer & Witsch Verlag

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Mal sehen, ob Maxim Billers hohe Ansprüche, was gute Literatur angeht, auch auf seinen eigenen Roman zutreffen, dachte ich mir, als ich „Sechs Koffer“ zu lesen begann. Leider, gleich vorweg, kann ich nichts finden, was diesen Roman als besonders anspruchsvoll auszeichnet. Weder inhaltlich noch sprachlich hat er mich in Gänze überzeugt. Zwischendurch hat er mich sogar gelangweilt und nach der Lektüre ist die Geschichte schnell vergessen. Das macht Arno Geiger besser, das kann Ralf Rothmann besser, Uwe Timm und auch Christoph Hein, die alle ähnliche Themen in ihren Romanen bearbeiten.

Die Geschichte, die sich rund um den in der Sowjetunion wegen seiner Schmugglergeschäfte hingerichteten Großvater des Erzählers (aka Autor) dreht, ist zeitweise leicht konfus. Es geht darum, wer in der Familie den Großvater verraten hat, ihn an die Obrigkeit ausgeliefert hat, wer für seinen Tod verantwortlich ist und es geht darum, wer mit wie vielen Dollarscheinen durch den eisernen Vorhang gen Westen flüchten wollte. Der Enkel versucht die ewig unter Verschluss gehaltenen Wahrheiten zu erforschen und aufzudecken. Vater und Mutter, drei Onkel und eine Tante könnten dabei die Finger im Spiel gehabt haben. Jeder Leser kann letztlich anhand der „Aussagen“ selbst entscheiden, wer der Schuldige ist. Ganz klar ist es aus der Geschichte nicht herauszulesen.

Der Roman spielt teils in der Tschechoslowakei, später in Hamburg und Zürich und wechselt dauernd die Zeiten, einmal 1965, dann 1978.  Keine der Figuren kommt mir nahe. Keine berührt mich oder bleibt im Gedächtnis haften. Auch ist nicht immer klar, aus wessen Perspektive eigentlich erzählt wird. Interessant immerhin, dass Biller versucht den 15-Jährigen eine zeitlang anhand einer Brechtlektüre (Flüchtlingsgespräche) durch seine Suche auf den Spuren der Familie zu führen.

Ich finde den Roman trotz seiner Thematik weder tragisch noch eindringlich, ab und an klingt ein wenig trockener Witz hindurch. Nichts jedoch, was einen hohen Anspruch an Literatur erfüllen könnte. Schade, ich hatte mir mehr erhofft.

Im Literarischen Quartett und auch im Feuilleton so wie bei vielen Buchbloggern ist er durchweg besser angekommen. Etwa bei „Die Buchbloggerin“.

Der Roman steht auf der Longlist, ist also nominiert für den Deutschen Buchpreis. Er erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.