Jan Kjærstad: Berge Septime Verlag

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Auch der neue in Deutsch erschienene Roman des Norwegers Jan Kjærstad lässt nichts zu wünschen übrig. Zwar ist die Handlung eine gänzlich andere wie im großartigen „Das Norman-Areal“, bei dem die Liebe zur Literatur im Vordergrund steht, aber eine ebenso intelligente, spannende, aktuelle, bei gleichbleibend hohem Sprachniveau.

Jan Kjærstad gibt uns einen tiefen Einblick in die heutige europäische Gesellschaft. Seine Geschichte gilt nicht nur für Norwegen, dass der Autor im Roman mitunter „unsere kleine Kolonie“ nennt, sondern wohl für ganz Europa. Das, was wir mittlerweile viel zu oft erleben müssen und was daraus folgt. Wie gehen wir mit Terror, mit Bedrohungen unserer Sicherheit um? Es geht um einen 5-fachen Mord. ein hoher Parteifunktionär, Arve Storefjeld, und seine Angehörigen, darunter ein kleines Mädchen werden brutal ermordet. An einem Wochenende, dass sie gemütlich in ihrer Hütte in der Nordmarka nahe Oslo verbringen wollten, wird allen nachts im Schlaf die Kehle durchtrennt.

Der Aufschrei ist groß. Medien stürzen sich auf die Ereignisse. Sofort besteht Terrorverdacht. Eine ganze Stadt, ja die ganze Nation, die sich in Sicherheit wähnte, wirkt wie gelähmt, verängstigt ob dieses Angriffs auf ihr friedliches Land und ruft nach Aufklärung, ja nach Vergeltung. Der Politiker war beliebt, ein politisches Motiv wird vermutet, ein islamistischer Anschlag nicht ausgeschlossen. Doch niemand bekennt sich zur Tat.

„Selten haben die Medien bessere Tage erlebt, die Nachrichtensendungen werden von noch mehr Zuschauern verfolgt, die Auflagen der Zeitungen schießen in die Höhe, die Leute klicken sich durch die Onlineausgaben wie nie zuvor.“

Anhand von drei beteiligten Personen spielt der Autor die jeweils eigene Sichtweise auf die Geschehnisse durch. Großartig, wie er seine Charaktere ausarbeitet, als Leserin hat man ein genauestes Bild der Protagonisten, lernt ihre Sichtweise kennen und fühlt mit.

Da ist zunächst die Journalistin Ine Wang, die in einer Lebenskrise steckt, aber durch die schreckliche Tat paradoxerweise wieder Aufwind in ihrem Beruf bekommt, da sie kurz zuvor ein Buch über den ermordeten Politiker schrieb. Sie profitiert letztlich von seinem Tod, sie steht wieder in der Öffentlichkeit, ist gefragter denn je. Hier gibt der Autor einen interessanten Einblick in heutiges journalistisches Arbeiten.

„Kein Journalist in diesem Land weiß mehr über Arve Storefjeld als ich.“

Dann gibt es den Richter Peter Malm, der ein Buch über Gerechtigkeit schreiben will, ein zurückgezogen lebender, distinguierter Herr. Als er mit dem Vorsitz im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder betraut wird, ahnt er bereits, dass diese Aufgabe ihn und sein beschauliches Leben in ihren Grundfesten erschüttern wird. Das Schweigen des Angeklagten fordert in heraus, sich mehr als üblich mit diesem zu beschäftigen.

„Ich gebe zu, dass Berge mir zu denken gab. Es gelang mir nicht, die gehörten Aussagen mit der resignierten, aber immer weniger dämonisch wirkenden Gestalt, die verschlossen neben dem Verteidiger saß, in Einklang zu bringen. Berge wirkte unlesbar.“

Und schließlich lesen wir von Nicolai Berge, der für alle überraschend des Mordes Angeklagte. Er war mit der Tochter des Politikers längere Zeit liiert, war selbst in der Partei engagiert, erfolglos, und mit wenig Erfolg auch später als Schriftsteller. Er kam durch einen anonymen Hinweis in den Focus der ermittelnden Beamten. Berge macht zu den Anschuldigungen keine Aussagen. Er schweigt den ganzen Prozess über hartnäckig. Was in ihm vorgeht, seine Variante der Geschehnisse, erfahren wir Leser exclusiv.

„Ironischerweise besteht jetzt ein reges Interesse an meinen beiden Erzählbänden. Und nicht nur das: Der Verlag hat bei mir angefragt, ob sie das Manuskript mit dem Arbeitstitel Missglückte Berichte, das in meinem Safe gefunden wurde, veröffentlichen dürfen.“

Seine Verhaftung und die folgende Gerichtsverhandlung schweißt die Bevölkerung zusammen, sie wünscht sich einen Schuldigen, eine Verurteilung, eine möglichst harte Strafe für dieses „Monster“.  Tatsächlich bleibt aber die Frage der Schuld ungeklärt. Kjærstad lässt uns erahnen, wie es hätte sein können, er schürt Zweifel, er zeigt auf, dass alles mehr als nur eine Seite hat. Gleichzeitig hält er uns allen einen Spiegel vor.

Sein Roman spielt im Jahr 2009, also vor dem Anschlag von Anders Breivik in Oslo und auf der Insel Utøya, wurde aber nach dem Anschlag geschrieben. Doch selbst wenn Kjærstad die Tat zum Anlass genommen hat, dieses Buch zu schreiben, steht es vollkommen selbständig und ist ein eindrucksvoller Text, der im Prinzip von Tag zu Tag nur aktueller wird, schaut man auf das, was in der Welt ständig passiert. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Septime Verlag und wurde von Bernhard Strobel übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.

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Jan Kjærstad: Das Norman-Areal Septime Verlag

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„Ich hatte von Schreibblockaden gehört, aber noch nie von einer Leseblockade. Es war schon fast lustig. Ich, John Richard Norman, bekannt als einer der besten Verlagslektoren Norwegens, hing jedesmal über der Kloschüssel, wenn ich in einem Manuskript blätterte, übermannt von dem Zwang mich zu übergeben.“

Jan Kjærstad ist einer der bekanntesten Autoren Norwegens. Aufgrund eines Hinweises meiner Bloggerkollegin (Danke, Constanze!) von Zeichen & Zeiten bin ich glücklicherweise auf diesen Roman aufmerksam geworden: Es gehe um Bücher und ums Lesen, meinte sie. Was gibt es Schöneres? Bereits die Leseprobe zeigte die Ausdruckskraft des Autors.

Um zu gesunden, sprich von seiner merkwürdigen Übelkeit beim Lesen von Manuskripten befreit zu werden, fährt die Hauptfigur Norman, 50, ein bekannter Lektor in einem großen Osloer Verlagshaus, auf eine einsame Schäreninsel im Norden Norwegens und bezieht dort ein Haus am Wasser. Wie der Autor hier gleich zu Beginn die Natur beschreibt und das achtsame Leben, dass Norman hier führt, weckt Sehnsucht. Nichts muss getan werden, es ist ein Sich-treiben-lassen, ein Durchatmen. Hier weiß Kjærstad klare Bilder zu erzeugen.

Als jedoch eine geheimnisvolle Frau auftaucht, die „Fotografin mit den schwarzen Haaren“, ist es um seine Ruhe geschehen. Zwischen ihm und Ingrid beginnt eine intensive Liebesgeschichte, wie sie beide scheinbar noch nicht erlebt haben. Der Autor erzählt über die entstehende Liebe, aber gleichzeitig auch in Rückblenden aus Normans Vergangenheit: wie er zum Lesen kam, seiner großen Passion, wie er zu Geld kam, zu dem Job im Verlag und zu seiner Ex-Ehefrau. In einem dritten Erzählstrang wird in kurzen Einschüben von einem Neurowissenschaftler erzählt, der Norman nach einem Unfall betreute und bei ihm nach vielen Untersuchungen auf sehr spezielle Gehirnstrukturen stieß: Das sogenannte Norman-Areal.

„Von außen betrachtet, mit den Augen einer anderen Person, führte ich womöglich ein monotones Leben. Doch solange ich ein Buch öffnen konnte, würde ich mich nie langweilen.“

Irgendwann lässt die Anziehungskraft zu Ingrid nach und die liegen gelassenen Manuskripte locken Norman erneut. Sie sind so gut, dass keinerlei Übelkeit ihn am Lesen hindert, im Gegenteil, sind sie fesselnder denn je. Dass Bücher für Ingrid Konkurrenten werden, kommt bei ihr nicht gut an und verändert die Stimmung zwischen beiden gänzlich. Liebe oder Literatur? Das ist hier die Frage.

„Was ich damit sagen wollte, war, dass Literatur das Wichtigste im Leben ist. Weil sie eine Grenzzone aufdeckt, uns für etwas Unbekanntes öffnet, in dem wir uns weiterbewegen können.“

Kjærstad verunsichert den Leser mitunter, indem er sich auf unterschiedlichsten Ebenen bewegt und doppelte Böden einzieht. Das ist meisterhaft gemacht, perfekt konstruiert. Dieser Roman ist eine einzige Hommage ans Lesen und an große Literatur, die mehr ist als bloße Geschichten, Bücher die bis ins Herz strahlen und den Blick auf die Welt verändern, ja gar eigene Parallelwelten erschließen. Es ist ein sehr besonderes Buch, das die Heilkraft von Literatur aufzeigt, ein sprachlich feines, psychologisch spannendes, mitunter spirituelles, geheimnisvolles Buch, das zudem noch mit erlesenen Literaturhinweisen gespickt ist. Möge er viele Leser finden. Mögen viele ihr eigenes Norman-Areal entwickeln (ich bin ziemlich sicher, dass ich es schon habe) … Ein doppeltes Leuchten!

Dass Jan Kjærstads Romane wieder in Deutsch erscheinen, darf man dem kleinen aber feinen österreichischen Septime Verlag zuschreiben. Auf der Verlagsseite gibt es mehr über den Autor und eine Leseprobe. Übersetzer ist hier Bernhard Strobel.