Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele CD Der Audio Verlag

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»Ihr, die ihr Leid über den einfachen Mann brachtet,
ihr, die ihr über sein Leid lachtet, fühlt euch nicht sicher.
Der Dichter erinnert sich.«
Czesław Miłosz

Mit einem Zitat des großen polnischen Dichters Czeslaw Milosz beginnt der 1974 geborene französische Journalist Olivier Guez seinen Roman und auch dem Hörbuch wird dieses gut gewählte Zitat vorangestellt. Die ungekürzte Lesung des Romans „Das Verschwinden des Josef Mengele“, extrem gut interpretiert von Burghart Klaussner, erzählt nicht, wie ich zuerst dachte nur die Geschichte Mengeles nach Ende des zweiten Weltkriegs, sondern führt viel weiter. Sie zeigt auf, welch ein neues Netz aus alten Nazis und Sympathisanten im fernen Südamerika, ja vor allem in Argentinien unter Perron entstehen konnte. Sehr spannend wird hier ein Teil deutscher Nachkriegsgeschichte erzählt, der gleichzeitig erschreckend darstellt, wie viele Nazi-Größen unverfolgt mit dem Leben, sogar einem ausgesprochen guten, davon kamen.

Im ersten Teil „Der Pascha“ wird von Mengeles Flucht berichtet. Von den Menschen, die ihn unterstützten, von der Reise über die Schweiz nach Deutschland, nach Günzburg, als noch kein Verfolger in Sicht war, um den Vater zu besuchen und seine verwitwete Schwägerin kennenzulernen. Sie wird im später folgen und ihn heiraten. Auf das zunächst geschützte, freie Leben in Buenos Aires folgt nach der Entführung Eichmanns durch den Mossad, die richtige Flucht, das unstete Leben.

„Die Bundesrepublik begnügt sich damit, auf den Verbrecher gegen die Menschheit ein Kopfgeld auszusetzen.“

Dank Simon Wiesenthals und Fritz Bauers unermüdlichen Bemühungen wurden doch immer wieder Verhaftungen erreicht.

Im zweiten Teil „Die Ratte“ ändert sich die Stimmung zunächst total. Es geht um die Erinnerung an die Taten. Guez hat aus allen verfügbaren Quellen recherchiert. Es geht nun um die unfassbar hohe Zahl der Menschen, die durch Mengele starben. Es geht um die grausamen Menschenversuche, die Mengele unter dem Thema „wichtig für die deutsche Medizinforschung“ durchführte. Eiskalt und fanatisch durchführte.
Dann geht es weiter mit der Flucht aus Argentinien zunächst nach Paraguay und weiter nach Brasilien mit mehrmaligen Umzügen, mittlerweile in den 1960er Jahren, immer noch mit Alt-Nazi-Hilfe und Geld aus dem Erbe des verstorbenen Vaters.

Der Hörbuchfassung liegt natürlich auch die Buchübersetzung aus dem Französischen von Nicola Denis zugrunde. Die Lesung erschien im Deutschen Audioverlag in Kooperation mit dem Kulturradio rbb.

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Yishai Sarid: Monster Kein & Aber Verlag

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„Was arbeitest du, Papa?“ fragte er. […] „Es gab mal ein Monster, das Menschen getötet hat“, antwortete ich. „Und du bekämpfst es?“, fragte Ido begeistert. „Es ist schon tot“, versuchte ich ihm zu erklären, „es ist ein Monster der Erinnerung.“

Der israelische Autor Yishai Sarid hat einen Roman geschrieben, bei dem man sich gut vorstellen kann, dass er in seinem Heimatland Aufsehen erregte. Den Titel „Monster“ finde ich trotz des obigen Schlüssel-Zitats nicht ganz so gut gewählt. Im Original lautet der Titel des dort bereits 2017 erschienenen Buches sicher treffender.

Die ganze Geschichte besteht aus einem langen Brief an den Direktor von Yad Vashem, Leiter der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Geschrieben wird er von einem jungen israelischen Familienvater aus Tel Aviv, der lange Zeit als Guide für Yad Vashem für die KZ-Gedenkstätten in Polen tätig war. Eigentlich wollte er sich mit diesem Nebenjob nur etwas dazuverdienen, denn Frau und Sohn müssen versorgt werden, doch verbringt er immer mehr Zeit in Polen. Seine Doktorarbeit mit dem Thema „Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsmethoden deutscher Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg“ macht ihn zu einem gefragten Experten. Zunächst läuft alles gut, obwohl er durch die Arbeit immer länger von seine Familie in Israel getrennt ist, vor allem der kleine Sohn ihn vermisst. Doch seine Tätigkeit bleibt nicht ohne Folgen. Der Mann, der Schulklassen, Soldaten und Touristen durch die Lager führt, tagein tagaus kaum etwas anderes sieht und hört, als die grausame Vergangenheit, kommt an seine Grenzen.

„Sie waren in die Staatsflagge gehüllt, trugen Kippas und liefen zwischen den Baracken umher, voller Hass – nicht auf die Mörder, sondern auf die Opfer. Es war schwer zu fassen, diese Jungs schwiegen bei den abendlichen Gesprächen, und doch verstand ich sie völlig, ganz und gar, bis zum Ende.“

Er, der anfangs souverän und sachlich an die Arbeit ging, reagiert immer empfindlicher, er hat Aussetzer, hört Stimmen, sieht die ermordeten Lagerinsassen, versucht in seinen Touren Tiefe zu vermitteln. Denn er erfährt, dass die furchtbaren Taten, die Erinnerungsgeschichte, heutzutage sogar mit möglichst großen Effekten aufbereitet und vermarktet werden. Sei es das Computerspiel, vielmehr „die Simulation für rein pädagogische Zwecke“, an dem er mitwirken und sein detailliertes Wissen einbringen soll, sei es eine Gedenkveranstaltung zum 75-jährigen Jahrestag der Wannseekonferenz, die vom Militär mithilfe seiner Kenntnisse zu einer groß inszenierten „Show“ in einem der polnischen Lager vorbereitet wird.

„Das wird ein Computerspiel, sagte ich zu meinem Mann, der für die Lager zuständig war, und als ich beharrte, erklärte er „Wenn Sie unbedingt wollen, kann man es so nennen. Die Leute mögen grausame Spiele.“

Er hält durch, macht mit. Bis die aufgestauten Gefühle, die Trauer, die Wut, sich nicht mehr kontrollieren lassen und sich in einem Akt der Gewalt ihren Raum nehmen …

Der Held ist eine nicht immer sympathische Romanfigur, was es nicht leicht macht, ihm in seinen Gedankengängen gern zu folgen. Trotzdem muss man zugeben, dass er doch immer wieder kluge Fragen stellt. Fragen, die allerdings den Besuchern unangenehm werden, mit denen er vor allem auch die Schulklassen überfordert und mit denen er nicht zuletzt bei seinem Arbeitgeber aneckt. Er schafft es, zu provozieren. Traut sich in solch einem sensiblen Rahmen, die Frage nach der (Mit-)Schuld und der Opferrolle zu stellen. Vor Jugendlichen, vor Soldaten. Ich denke, dass hier die Lesart dieses Romans eine komplett andere ist, als die der Leser in Sarids Heimatland. Es ist ein schwer lastendes, dennoch irgendwie stilles, wenngleich beeindruckendes Buch.

Der Roman „Monster“ des 1965 geborenen israelischen Rechtsanwalt und Autor erschien im Kein & Aber Verlag. Übertragen aus dem Hebräischen wurde er von der verdienten Übersetzerin Ruth Achlama. Im Anhang findet sich ein kleines Glossar. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis CD Der Hörverlag

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Am heutigen 14. Mai wurde vor 70 Jahren der Staat Israel gegründet. Aus diesen Zeiten erzählt auch Amos Oz, (eigentlich Klausner) der große israelische Schriftsteller in „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“. Es ist die Geschichte des kleinen Jungen, der er war, ausgehend von der Geschichte seiner Familie, die aus Osteuropa kommt und im Nahen Osten ein neues Zuhause fand. In Jerusalem leben sie, in der Stadt, in der beide Eltern studierten und sich kennen lernten, in der er zur Welt kam. Ungetrübt bleibt weder die Liebe von Vater Arie und Mutter Fanja, noch die Freude über die Gründung des eigenen Staates, in dem die Juden endlich ihre rechtmäßige Heimat finden wollten.

Oz`Mutter, deren Depression alias Migräne er einfühlsam und ausführlich schildert, nimmt sich das Leben. Und der neue Staat wird bereits kurz nach der Gründung vom arabischen „Feind“ angegriffen, der das Land keineswegs teilen wollte. Wie schrecklich, dass die Juden, gerade geflohen und überlebt, sogleich in eine neue Zeit des Krieges und der Unsicherheit gerieten. So einen genauen geschichtlichen Überblick über die Vorkommnisse bei der israelischen Staatsgründung hatte ich bisher nicht. In Verbindung mit einer so persönlichen Geschichte in Form eines Romans finde ich mich am besten ein in ein fremdes Land. Oz ist das wunderbar und überzeugend gelungen.

„Der Rest der Welt hieß bei uns gewöhnlich »die ganze Welt«, […] Die Ganzewelt
war fern, anziehend, wunderbar, aber sehr gefährlich und uns feindlich gesinnt: Sie mochte die Juden nicht, weil sie klug, scharfsinnig und erfolgreich waren, aber auch lärmend und vorwitzig. „

„Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ – stimmiger könnte der Titel dieses Romans gar nicht sein. Wechselweise erzählt Oz von der Geschichte Israels und der Geschichte seiner Familie und es ist schwer zu sagen, welcher Teil erschütternder ist. Dennoch schafft es der Autor auch humorvoll zu erzählen, vor allem wenn er die Sicht des kleinen Jungen einnimmt. Über die Krankheit und den Suizid seiner Mutter reden bzw. schreiben konnte Oz erst viele Jahre später, umso eindringlicher geschah es in diesem Buch.

Ulrich Matthes bringt Oz` wunderschöne Sprache zum Leuchten. Matthes liest eindringlich und mit sehr viel Leidenschaft, so dass die 6 Cd´s, es ist eine gekürzte Fassung, im Nu angehört sind, aufhören kann man dabei nicht. Das Hörbuch erschien bereits 2005 bei Der Hörverlag. Auf der Verlagsseite gibt es eine Hörprobe.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Er wurde auch verfilmt von Natalie Portman. Der Film hat mich allerdings nicht überzeugen können.