Hanne Ørstavik: So wahr wie ich wirklich bin Karl Rauch Verlag

 

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Einen Roman der Norwegerin Hanne Ørstavik habe ich bereits gelesen. Er trägt den schlichten, aber bedeutungsschwangeren Titel „Liebe“. Es ist ein kurzer Roman, aber unglaublich stark im Ausdruck. Genauso kurz ist auch der neu auf Deutsch erschienene Band und ebenso dicht und bemerkenswert. Hanne Ørstavik ist in ihrer Heimat vielgelesen und ich hoffe, dass sie spätestens im Zuge von Norwegen als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2019 auch hierzulande bekannter wird.

Der Roman beginnt mit einer ungewöhnlichen Szene: Eine junge Frau wacht auf, will ihr Zimmer verlassen und merkt, dass sie eingesperrt ist und niemand ihr Rufen hört. Die Mutter, mit der sie noch zusammenwohnt, scheint nicht anwesend zu sein. Es ist ein spürbar unheilverheißendes Szenario, das mich zunächst fern an Kafkas „Die Verwandlung“ erinnerte.

Johanne studiert Psychologie und ist strenggläubige Christin. Als sie sich in Ivar einen unkonventionellen Musiker verliebt, stellt sie ihre strikte, strenge und sparsame  Zukunftsplanung in Frage. Die Mutter erweist sich im Laufe des Romans als besitzergreifende egoistische Frau, die Johanne nicht loslassen kann. Sie beeinflusst deren Leben und Tun so stark, macht ihr jede Männerbekanntschaft madig, so dass diese auch immer wieder an Ivars Zuneigung zweifelt. Sie wiederum ist dermaßen fixiert auf die Mutter („Ich habe keine Ahnung, was ich ohne Mama tun würde.“) und trotz des Psychologiestudiums offenbar nicht imstande sich abzugrenzen und durchzusetzen, geschweige denn ihre Verdrängungsmechanismen zu erkennen. So erfahren Leser_innen von Johannes Phantasien über Sex und Gewalt, die auch in der Erzählung wie unkontrolliert durch die Zeilen brechen. Sogleich lösen sie Schuldgefühle aus. Johanne versucht ihre „Sünden“ dann mit Beten und Kirchgängen wieder gut zu machen.

„Vorhin hat ein Mann angerufen, sagte sie, ist noch nicht lange her. Sie sah mich an, durch die Brillengläser wirkten ihre Augen riesig, besorgt. Er hat gesagt, sein Name sei Ivar. Sie sprach langsam, als würde sie etwas Gefährliches erzählen und als sei es wichtig, dass ich alles richtig verstand. Angst stieg in mir hoch.“

Während ihrer „Gefangenschaft“ im eigenen Zimmer beginnt Johanne nachzudenken. Hier mischen sich Ereignisse aus Gegenwart und Vergangenheit mit Träumereien und Zukunftsplänen. Auch Johannes psychologisches Wissen fließt mit ein, ihre Klugheit in diesem Bereich wird der Weltfremdheit und Naivität in Alltagsdingen und ihren Selbstzweifeln gegenübergestellt.

„Wenn ich mit Ivar zusammen war, schien es, als hätte ich ganz neue Gedanken. Gedanken, von denen ich nicht wusste, dass ich sie hatte. Als würden wir zusammen durch eine bekannte Straße gehen, die sich mit einem Mal öffnete und leuchtete und lockte, und die herrlich war.“

Als Ivar sie einlädt mit ihm in die USA zu reisen und dort einige Wochen zusammenzuleben, ist Johanne zwiegespalten. Einerseits wünscht sie sich nichts sehnlicher, andererseits ist sie ihrer Mutter gegenüber voller Schuldgefühle. Als sie schließlich ihre Entscheidung trifft, wird diese von der Mutter raffiniert ausgehebelt.

Hanne Ørstaviks Romane sind spektakulär in ihrer Tiefe, die sie jedoch allein durch ihre Sprache und Konstruktion erreicht. Jedes Wort zählt, jede Wendung ist wichtig für die Stimmung der Geschichte. Als Leserin spüre ich selbst die Verunsicherungen, die von dieser Geschichte ausgehen, vermutlich auch, weil die Autorin die Ich-Erzählperspektive wählt. Nicht immer ist klar, ob es sich um Phantasie oder Wahrheit handelt. Imgrunde geht es darum, an sich zu glauben, etwas zu wagen. Religion engt ein, aber Psychologie hat auch nicht immer recht …

Der Roman erschien im Karl Rauch Verlag (ja, genau der, der auch „Der kleine Prinz“ verlegt), dessen kleines feines literarisches Programm durchaus mehr Beachtung finden dürfte. Es ist besonders ausgestattet mit haptischem Einband und farbiger Fadenheftung. Übersetzt wurde er von Irina Hron. Eine Leseprobe gibt es hier.

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