Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur. Heute wieder etwas anders als gewohnt.

Angelika Stallhofers Lyrikband ist eine Perle, ein kleines Kunstwerk in Sprache und Bild. Ich mag ja diese Kombinationen aus Gedichten und Bild oder Collage sehr. Hier zog mich das Cover magisch an, diese blaue Tiefe betont durch die pinken Durchbrüche, aber auch der wunderschöne Titel. Die Collage/Malarbeiten, die sich ins Innen des Buches erweitern sind von Andrea Zámbori. Die Schriftstellerin und Lyrikerin Angelika Stallhofer hat ein unglaubliches Geschick in der Kürze ihrer Gedichte unglaublich viel zum Ausdruck zu bringen. Ich bewundere das. Das kürzeste zählt gerade mal 2 Zeilen und keines ist länger als eine Seite. Doch sie sprechen Bände in all ihrer Zartheit, stellenweise auch direkt und ungeschönt. Hier werden große Fragen der Herkunft verhandelt oder die eines Vogelgesangs. Im Kleinen das Große und umgekehrt. Große Empfehlung!

Stille Kometen“ erschien im Verlag Edition ch.

Carl-Christian Elze: Freudenberg edition Azur/Voland & Quist

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„Freudenberg musste an seine eigene Zunge denken, daran, dass sie ihm lästig war; schon immer. Schon als Kind hatte er instinktiv begriffen: ohne Zunge keine Sprache und ohne Sprache keine falschen Sätze und ohne falsche Sätze keine falschen Gedanken und Gefühle.“

Ich war sehr neugierig auf den Debütroman von Carl-Christian Elze, liebe ich doch seine Gedichte so sehr. Zwei seiner Bände habe ich hier bereits auf dem Blog besprochen. Doch ich muss es sagen, wie ich es empfinde: Der Roman „Freudenberg“ hat für mich nicht die Stärke und Schönheit seiner Gedichte erreicht. Anfangs war ich noch gut dabei: ein 17-Jähriger, der mit den Eltern an die polnische Ostsee in Urlaub fährt und der sich schnell von seinen Eltern abkapselt. Der Vater sehr dominant, die Mutter zurückhaltend, Freudenberg selbst sich immer fort fremd fühlend in der Welt. An einem abgelegenen Strandabschnitt stößt er auf die Leiche eines Jungen, der ihm sehr ähnelt und er entscheidet sich, dessen Identität anzunehmen, die des polnischen Marek. Das versprach spannend zu werden.

Ich habe absolut nichts gegen surreale Szenarien oder gegen magischen Realismus, aber hier fehlte mir die Einordnung. Es gibt viele symbolisch aufgeladene oder traumartige Szenen, wiederholte Zeichen, verrätseltes Schweigen: Sei es die Farbe grün für das Wasser oder rot für die Haarfarbe, die immer wieder zu großen weißen Turnschuhe oder die blauen Beeren. Die Sprache wurde dann zum Halt für mich, gerade auch weil im Inhalt des Romans so viel von fehlender Sprache die Rede ist. Aber obwohl sie schön ist, ist sie bei weitem nicht so wunderbar und verzaubernd, wie sie das in Elzes Lyrik ist.

„Das Meer sah von hier oben viel elender aus als von unten. Es hatte auch keine einheitliche Farbe mehr, wie es vom Strand aus den Anschein erweckt hatte. Bis weit vor die Küste mischte sich in das fleckige Hellblau der Sandbänke noch etwas Grünes hinein. Es war ein schmieriger Grünton, der vielleicht dem Wunsch entsprach, anders zu sein, aber nicht der Fähigkeit dazu. Nur in der äußersten Ferne gab es ein verlässliches unantastbar dunkles Blau, das Freudenberg beruhigte.“

Vielleicht habe ich einfach nicht alles verstanden, hatte zu hohe Erwartungen, kann mich nicht (mehr) in einen 17-Jährigen einfühlen, aber die Hauptfigur, Freudenberg, die sich in der Geschichte eine andere Identität aneignet, mit dieser dann aber auch nichts anfangen kann, hat an mir vorbei gelebt und mich in ihrer „Beschreibung“ nicht genug angeregt. Fragen wurden aufgeworfen: Womöglich ist der Tausch der Identität gar kein wirklicher, sondern findet nur in der Phantasie oder im Traum des Helden statt? Ist es nur ein Versuch der Flucht aus der ungeliebten Elternwelt, aus dem Falsch-sein in dieser Familie, die aus Gründen nicht funktioniert? Sind es Traumsequenzen oder Wahnvorstellungen? Ist es wieder ganz anders, vielleicht eine Nahtoderfahrung? Der Schluss, immerhin, bietet mögliche Lösungen an. Bleibt mir nur noch zu sagen: Es werden viele Zigaretten geraucht in dieser Geschichte.

Ein interessantes Gespräch zwischen Verleger Helge Pfannenschmidt und Carl-Christian Elze hänge ich an. Hier habe ich auch festgestellt, dass der Roman, vorgelesen vom Autor für mich besser funktioniert, als selbst gelesen. Und auch die Hintergründe der Entstehung erklären mir manches und einiges erscheint für mich in neuem Licht.

Der äußerlich schön gestaltete Roman erschien in der Edition Azur. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Nun freue ich mich auf den Sommer, wenn der neue Lyrikband Elzes mit dem schönen Titel „panik/paradies“ im Verlagshaus Berlin erscheint.

Damit ich aber wieder etwas Boden gut mache, lieber Carl-Christian Elze, verlinke ich hier – und empfehle leuchtend – die beiden Lyrikbände:

Carl-Christian Elze: langsames ermatten im labyrinth Verlagshaus Berlin

Carl-Christian Elze: Diese kleinen, in der Luft hängenden, bergpredigenden Gebilde Verlagshaus Berlin

Judith Zander: Johnny ohne Land DTV Verlag

Welch ein Sprachfunkeln!

Judith Zander kenne ich bereits als Lyrikerin und es ist der erste Roman, den ich von ihr lese. Ihre Sprache ist wunderbar. Es ist wieder einmal so ein Buch, bei dem für mich die Sprache vor der Geschichte selbst steht. Die Geschichte ist eine Familiengeschichte, eine Entwicklungsgeschichte, eine Coming-of-Age-Geschichte. Bei „Lesenswert“ sprechen Ijoma Mangold und Insa Wilke so ziemlich genau das aus, was ich auch über das Buch sagen bzw. schwärmen würde. Ich versuche dennoch eigene Worte zu finden. Denn um Worte geht es ja vorrangig in diesem Roman, die Sprache spielt die Hauptrolle und wird zelebriert in jeder Hinsicht.

„Die dazu notwendige Sprachbefähigung aber schien dir ins Sprechen faul und dilettantisch fehlgeleitet, ein Missverständnis, eine unzulässige Ableitung. Ein Oxidationsprozess, der jeglichen Sinn dunkel anlaufen ließ wie Silber oder die grünen Hüllen der Walnüsse, man setzte die Worte der Luft aus, sozusagen an die Luft, und schon verfielen sie. Es war eine Bewegung in die falsche Richtung, Sprache schien dir nicht für Veräußerung, Äußerungen also, und Verdünnung gemacht, sondern für Verdichtung, ein Innewerden, eine Reduktion. Was du meintest, war Denken, Nachdenken, deine Lieblingsbeschäftigung. „

Wir erleben die Heldin Joana Wolkenzin in ihrer kleinen Heimatstadt im nördlichen Ostdeutschland. Beginnend mit dem Kindergarten, noch vor dem Mauerfall, bei dem sie 10 Jahre alt ist, begleiten wir sie, ihren ein Jahr jüngeren Bruder Charlie und ihre Eltern durch die Zeit bis in ihr Erwachsenenalter. Schon als Kind verhält sich Joana nicht so, wie sich die Eltern eine Tochter vorstellten. Zum Bruder entsteht ein komplexes Verhältnis. Wenig bis gar keine Freund*innen hat sie und das zieht sich durch die Jugendzeit bis ins Erwachsenenalter. Mit der Nachbarstochter Marlen spielt sie „Disco“. Joana, die sich bald Johnny nennt, ist der Junge, Marlen das Mädchen. Später in der Schule gehört sie zu keiner Clique. Sie ist Außenseiterin und will es eigentlich auch sein, denn sie fühlt sich einfach anders, hadert aber gleichzeitig auch damit. Die anderen sind ihr oft zu banal, was sich ebenfalls durch ihr weiteres Leben zieht und sie mitunter auch überheblich wirken lässt viel wahrscheinlicher aber, ist es überspielte Unsicherheit. Als sie 17 ist, verlässt die Mutter die Familie, nur einen nichtssagenden Brief hinterlassend. Seitdem ist es noch stiller im Haus, der Vater, der Bäcker ist, ist ohnehin kaum sichtbar. Die Geschwister wachsen durch diesen Verlust stark zusammen.

„Deine Sehnsucht war groß und ziehend wie ein Zahnschmerz, aber es war doch die nach einem einzelnen Menschen, es zog dich zu der einen Bezugsperson, die dir noch nicht untergekommen war, oder nur halb, nur kurz, einseitig und ansatzweise, und das war doch ein Widerspruch in sich. Und dieses Sehnen hatte nichts mit einer anderen, einer besseren Hälfte zu tun, du wolltest keine Ergänzung, sondern eine Erweiterung. Jemanden zum Reden. Und jemanden zum Anfassen.“

Erst im Studium in Finnland findet Johnny einen Freund und Gefährten, mit dem sie dann auch ihre ersten sexuellen Erfahrungen macht. 21 ist sie da. Doch der junge Mann hatte das Männliche in ihr gesucht und verlässt sie letztlich, weil sie eine Frau ist. Tröstlich ist da der Besuch Charlies in Finnland, der ihr allerdings dann die Frau ausspannt, in die sie sich verliebt hat. Das Verhältnis der Geschwister zerbricht. Joana kehrt in die Heimat zurück und erlebt einen langweiligen, von Melancholie und der Suche nach dem Sinn und nach der eigenen Identität geprägten Sommer. Die Geschichte führt uns dann weiter mit Johnny nach Leipzig zum Studium und in eine Beziehung mit einem Mann, die eigentlich recht einseitig ist und Johnny nicht das gibt, was sie sucht. Manchmal wirkt Johnny in ihren Ansichten arrogant, wenn sie aus ihrer „Ich bin anders“-Perspektive auf die „Normalen“ herabblickt. Als sie für eine Kollegin ein Auslandsjahr in Australien antritt, ist die Trennung bereits vollzogen. Auch in Australien ist sie nicht recht glücklich, findet kaum Anschluss, wird sich aber immer stärker bewusst, dass sie für eine neue Liebesbeziehung oder Freundschaft keine Kompromisse eingehen will. Das Geschlecht ist nicht so wichtig, eher die Seelenverwandtschaft, das „Erkennen“. Johnnys Suche nach Identität und Verortung ist ein sehr langer Prozeß und womöglich auch mit der letzten Seite nicht abgeschlossen.

Die eigentlich spektakulären Dinge passieren in Zanders Roman weniger im Außen, als im Inneren der Heldin. Denn sie reflektiert und seziert fast pausenlos ihr Dasein und versucht sich ihr Alleinsein und ihr Anderssein zu erklären und zu akzeptieren. Für mich als Leserin ist das hochinteressant, denn die Sprache, die die Autorin dabei verwendet sprüht vor Wortspielereien und Metaphern (die bis auf sehr wenige Ausnahmen stimmig sind). Dabei entstehen oft extrem lange Satzschlangen, die mitunter mehrfaches Lesen nahelegen. Eine weitere Besonderheit ist die Du-Perspektive, in der das Buch geschrieben ist. Es ist, als müsste die Protagonistin sich selbst ansprechen, wenn es schon sonst keiner tut. Auch für mich als Leserin ist diese Sichtweise sehr besonders. Es intensiviert den Leseeindruck noch. Stellt sich nur noch die Frage nach dem Autobiographischen in der Geschichte …
Aber egal, dieser Roman lässt mich fasziniert über 400 Seiten staunen. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Dtv Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Jhumpa Lahiri: Wo ich mich finde Rowohlt Verlag

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„Gibt es einen Ort, an dem wir nicht auf der Durchreise sind?“

Bereits damals mit ihrem ersten Erzählband „Melancholie der Ankunft“ hat mir Jhumpa Lahiris Schreibstil gefallen. Es folgten weitere Erzählungen und die Romane „Der Namensvetter“, „Einmal im Leben“ und „Das Tiefland“. Im Jahr 2000 erhielt sie den Pulitzer-Preis. Die 1967 in London geborene Autorin mit bengalischen Wurzeln verliebte sich in die italienische Sprache, zog mit ihrer Familie nach Rom und schrieb schließlich diesen Roman in Italienisch. Bewundernswert schon deshalb. Aber vorrangig wegen des eigenwilligen Inhalts.

Waren ihre bisherigen Bücher oft geprägt von ihrer bengalischen Herkunft und der Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat, zwischen Tradition und Moderne, so geht es in „Wo ich mich finde“ um eine namenlose, in einer nicht namentlich genannten italienischen Großstadt allein lebende Frau, die sich vor einem Ortswechsel zunächst scheut. Lahiri erzählt in kurzen Kapiteln, die immer die Überschrift des Schauplatzes tragen, von den scheinbar unspektakulären alltäglichen Erlebnissen ihrer Hauptfigur. Ich möchte sie Heldin nennen, denn sie schafft es den Blick konzentriert auf die kleinen Begebenheiten zu werfen, ja, die Dinge überhaupt wahrzunehmen. Mitte 40 ist sie, ohne Familie, Single und genau dieses Alleinsein ist es auch, das den Blick der Wahrnehmung schärft. Allein bekommt man viel mehr mit, kann getrost die Anderen beobachten, Geschichten spinnen, Schwächen entlarven oder über die jeweilige Position sinnieren. Dass sie dabei nicht immer glücklich ist, sich mitunter einsam fühlt, sich danach sehnt, was andere haben, ist zutiefst menschlich und wird dann wieder relativiert durch die Tatsache, dass die anderen mit ihrem Leben auch nicht unbedingt zufriedener sind. Eine Überschrift heißt: Bei der Psychoanalytikerin.

„Bei jeder Sitzung sollte man etwas Positives erzählen. Aus meiner Kindheit kamen leider keine Anregungen dafür. Also sprach ich über den Balkon meiner Wohnung, wenn die Sonne darauf scheint, während ich frühstücke. Und ich erzählte ihr von dem Wohlgefühl, im Freien einen aufgewärmten Stift in die Hand zu nehmen und zwei Zeilen damit zu schreiben.“

Zudem hat sie etwas, was die anderen nicht haben. Etwas was womöglich nur aus einer Melancholie, aus dem Alleinsein entstehen kann. Sie kann schreiben und darin Zustände verwandeln, Umstände verändern. So lesen wir auch über die Eltern, die Schwierigkeiten und Brüche, die in deren Beziehung passierten und die Auswirkungen auf das spätere Leben der einzigen Tochter. Letztlich geht es um das Recht auf Selbstbestimmung. Auch der Buchtitel sagt genau, was zählt: die eigene Verortung.

„Es hat keinen Sinn, darauf zu beharren, denn es will ihr (Anm.: der Mutter) nicht in den Kopf, dass mir das Alleinsein auch eine gewisse Genugtuung verschafft. Trotz ihrer angeblichen Verbundenheit interessiert sie mein Standpunkt nicht, und darin liegt meine wahre Einsamkeit.“

Da ist die Liebe zum Theater in Erinnerung an den früh gestorbenen Vater. Aber auch der Zwang der selbst auferlegten Sparsamkeit, der längst nicht mehr sein müsste. Wir lesen, dass sie nie einen Ehemann hatte, aber mit diversen Ehemännern zusammen war.

„Bis eines Tages im April jemand bei mir klingelte. Ich dachte, er sei es. Doch es war eine andere Frau, die meinen Freund genauso gut kannte wie ich. Sie traf ihn an den Tagen, an denen wir uns nicht sahen. Mit dieser Frau habe ich fast fünf Jahre lang denselben Mann geteilt.“

Auf nur 160 Seiten gelingt Jhumpa Lahiri ein sprachliches Meisterwerk. Die Bilder, die aus dieser feinen sensiblen Sprache aufsteigen, lassen mich mit der Heldin durch italienische Städte und Landschaften gehen. Ich erlebe den „Ferragosto“, wenn die Stadt sich leert, weil alle Bewohner in die Sommerfrische fahren, ich schmecke den „caffè“ und das „panino“ im quirligen Leben in der italienischen Bar an der Piazza. Ich darf aber auch eine Schicht tiefer gehen. Ich spüre, was in ihr vorgeht, spüre die Seele in allem, das so überreiche Innenleben und die Traurigkeit, die Melancholie, von der auch die Stadt geprägt ist an manchen Orten. Ich bin restlos eingenommen von dieser Literatur, die mir einen verzauberten Sommer-Sonntag geschenkt hat. Ein Herzensbuch! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde von Margit Knapp aus dem Italienischen übersetzt.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Literaturreich.

Levin Westermann: Bezüglich der Schatten Matthes & Seitz Verlag

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Kürzlich wurde der 1980 geborene Lyriker Levin Westermann mit dem Heidelberger Clemens-Brentano-Preis 2020 für seinen neuesten Lyrikband „Bezüglich der Schatten“ ausgezeichnet. Ich habe mich in seine Art zu schreiben gleich verliebt. Eigen, originell und tief genug, ohne zu überkandidelt oder verkopft zu sein. So las ich gleich auch noch den vorherigen Band „3511 Zwetajewa“, den ich im nächsten Beitrag vorstelle. Lange habe ich mich nicht mehr so intensiv mit einem Lyrikband beschäftigt und lange hat mich keine Lyrik mehr so für mein eigenes Schreiben inspiriert. Ein Leuchten!

Westermann teilt seinen Band „bezüglich der schatten“ in verschiedene Zyklen ein, die um unterschiedliche Themen kreisen, aber dennoch miteinander in Verbindung bleiben. Die Natur spielt hier die Hauptrolle, auch die menschliche.

Das erste komplexe Langgedicht führt in die Natur im Winter. Idyllisch ist es da allerdings nicht in diesen Wäldern und Hütten, denn es herrscht Krieg. Die Leserin erfährt nichts konkretes über Schauplatz und Zeit. Ich würde die Geschehnisse vielleicht in Russland, Sibirien, der Ukraine verorten. Einer erzählt, kurz und knapp, was geschieht, Schüsse, Granaten, das Auflauern, das Verstecken, das Fliehen. Wladimir, der sich Kaffee kocht und nach verdächtigen Geräuschen lauscht. Und ein Fuchs. Ein sprechender Fuchs, der Hilfe und Ratschläge anbietet, ein wohlwollender Fuchs, der alles sehr schnell durchschaut. Weil er dort lebt? Oder lebt er nur in der Phantasie des Kämpfers?

„Anfangs hieß es
Störfall, später
Invasion, und als die Städte
brannten, rannten
wir davon, flohen
wie die Schatten
vor dem Licht –
Bewegung bei den Bäumen,
es folgt uns nun
seit Tagen schon
ein Fuchs.“

Welch ein Rhythmus. Welch ein Reimschema. Reimen kann wirklich schlimm sein in der Lyrik, doch hier ist es immer stimmig, oft sind es unreine Reime, die ich sehr liebe. Anfangs bin ich etwas irritiert, weil der Fuchs zeitweise Englisch spricht. Westermann schiebt generell oft englische Zeilen mit ein, was mich wundert, weil ich den Sinn darin nicht sehe. Vielleicht geht es einfach um den Rhythmus, um die sprachliche Ausdehnung. Dieser erste Zyklus wirkt auf mich auch irgendwie balladenhaft, klarstellend, mahnend.

Einen anderen Zyklus legt er wie ein antikes Theaterstück an, in dem der Philosoph Roland Barthes und die Dichterin und Klassische Philologin Anne Carson mitmischen, die erst kürzlich die Rede zur Poesie 2020 beim leider nur virtuellen Berliner Poesiefestival hielt. Einige Zeilen entnimmt er als Zitate direkt aus deren Werken. In diesem Theaterstück, das an klassische Tragödien erinnern soll, hört man Euripides Alkestis durchklingen. Der Schauplatz scheint allerdings ein Krankenhaus, (eine Nervenheilanstalt?) zu sein. Die Mutter tot, die Tochter trauernd, den Vater anklagend.

„Scapula“ handelt von einer Frau, die den Fels bezwingen will, die klettert, weit oben, übernachtet im Zelt und die keiner sieht, schon gar nicht der Tourist im Hotel am Frühstücksbuffet. Eine, die der Natur wie einer verlorenengegangenen Gewalt begegnet. Eine, die sich womöglich wie Ikarus Flügel anbringen und fliegen will.

Der letzte Zyklus, „Zerrüttung“ heißt er, spricht mich direkt an. Was hier genau geschieht, ist nicht so klar zu erkennen. Hier geht es um die Stimmung. Die rundherum, und die der einen Person, die kaum handelt, nur da ist und dieses Dasein irgendwie quälend (langsam) empfindet. Die über die Spanne eines ganzen Jahres und länger den Wandel der Jahreszeiten erlebt, aber doch nicht wirklich im Leben steht.

„alles wiederholt sich,
alles wiederholt sich
(tag für tag), fortwährend
läuft dasselbe band, ein hörbild
namens leben“

Sicher lassen sich viele weitere Bezüge zur Philosophie oder zur Poetologie finden, die mir entgangen sind, doch die Verse funktionieren meiner Meinung nach auch ohne, denn sie leben vom Einfühlen. Levin Westermann las auch in diesem Jahr beim virtuellen Bachmannwettbewerb (allerdings mit einem Text, der nicht an diese Gedichte hier heranreicht). Dennoch fand sein lyrischer Text erstaunlich guten Anklang unter den Juroren, so dass er bis auf die Shortlist gelang.

Westermanns Bücher erscheinen im Matthes & Seitz Verlag. Im Anhang erläutert der Autor seine Quellen, was manche Frage, die beim Lesen entsteht, beantwortet. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Grand Tour – Reisen durch die junge Lyrik Europas Hanser Verlag

 

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„Die Grand Tour war, vor allem im 18. Jahrhundert, die klassische Bildungsreise für junge Adelige, aber auch für Künstler und Intellektuelle, vor allem nach Italien, mitunter aber auch nach Paris und London, nach Athen, Istanbul und Amsterdam, um die dortige Architektur, Kunst und Kultur kennenzulernen, um den eigenen Horizont zu erweitern und das Erlernte und Erlesene durch sinnliche Erfahrungen vor Ort ergänzen und vervollkommnen zu können, was Monate, manchmal Jahre dauern konnte.“

Eine ganze Weile liegt die umfangreiche bereits 2019 erschienene Lyrik-Anthologie „Grand Tour“ nun schon hier und gerade zur Zeit, da Reisen selbst in Europa derzeit noch schwierig sind und es wieder Grenzkontrollen gibt, nehme ich sie immer wieder zur Hand. Tatsächlich fällt es mir derzeit auch leichter Lyrik zu lesen als Prosa. Womöglich liegt es an der schönen Abstraktheit oder an der Möglichkeit, mich als Leserin viel weiter „auszudehnen“ als im Roman.

„Vielleicht ist die uralte, bis in mythische Zeiten zurückgreifende, aber immer noch bemerkenswert lebendige Form des Gedichts nicht das schlechteste Mittel um festzustellen, an welchem Punkt des Weges hin zu jenem Ort oder Zustand, zu einem idealen Europa, wir uns befinden.“

Die Herausgeber des Bandes sind Jan Wagner, kein Unbekannter, spätestens seit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2015, und Federico Italiano, ebenfalls wie Wagner Dichter und Übersetzer. Aus einem unter Lyrikern bei einem Poesiefestival entsponnenen Vorhaben wurde ein umfangreicher Band kreiert, der wirklich einen schönen Einblick in die Lyrik unserer europäischen Nachbarn gibt. Viel Arbeit war es. Mehrere Jahre haben beide Herausgeber über Inhalte diskutiert, beraten, gestritten und entschieden. Zunächst aus der Ferne dann im Zwiegespräch. Beide erzählen darüber im aufschlussreichen Vorwort. Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung war hinlänglich am Gelingen beteiligt.

730 Stimmen und 49 Länder auf 584 Seiten. Quer durch Europa mit Gedichten, eine wundervolle Entdeckungsreise, eine Fülle an Leseanregungen. Alle Autoren sind mit ihren Büchern im Anhang zu finden (allerdings ohne biographische Daten). Jedes Gedicht wurde in deutscher Übersetzung und der Originalsprache abgedruckt. Es wurde weder irgendwie chronologisch noch alphabetisch verfahren. Die Herausgeber haben sich entschieden die Texte in sieben verschiedene Reisen/Kapitel zu unterteilen. Dabei sind all die bekannten und großen Dichternationen, aber auch kleine Länder mit vollkommen unbekannten Namen. Von Island bis Georgien, von Portugal bis Estland oder von Finnland bis Belgien. Bretonisch, irisch, samisch, rätoromaisch: Alles wurde übersetzt. Alle haben eine gleichwertige Stimme. Einzig eine Einschränkung gibt es: Es wurde entschieden, um den Begriff „junge Lyrik“ einzugrenzen, eine Altersgrenze bis zum Jahrgang 1967/68 zu setzen.

Schnell ist das Jahrhundert. Wir überleben die leichten
Erdbeben,
indem wir in den Himmel schauen statt auf die Erde.
Wir öffnen die Fenster, um Luft hereinzulassen
von den Orten, an denen wir noch nie gewesen sind.
Kriege existieren nicht, weil täglich jemand
unser Herz verletzt. Schnell ist das Jahrhundert.
Schneller als das Wort.
Wäre ich tot, würden mir alle glauben,
wenn ich schwiege.“

Nikola Madzirov – Alexander Sitzmann

Eine riesige Fülle an Dichtern und Übersetzern sind an diesem Projekt beteiligt gewesen. Ein besonders reger Austausch entstand zwischen den Nationen, der durch den Rahmen von Poesiefestivals ohnehin gegeben ist. Länder- und sprachübergreifend wurde gearbeitet. Erkennbar ist auch, wie viele der Autor*innen ohnehin in mehreren Gegenden und/oder Sprachen zuhause sind und wie kurz zum Glück die Wege durch das heutige Europa geworden sind. Die Themen sind vielseitig und vielschichtig, durchaus auch gesellschaftskritisch und politisch engagiert. Die folgend abgebildeten 3 Texte kommen von Dichter*innen, von denen ich auch bereits Bücher auf dem Blog besprochen habe (siehe link):

Wer Lust darauf hat Lyrik zu entdecken und noch nicht so recht weiß, wohin die Reise gehen soll, dem sei dieses feine Buch als Wegweiser ans Herz gelegt. Lyrik leuchtet!

Grand Tour erschien im Hanser Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier noch der Beitrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zum Buch:

 

 

George Saunders: Fuchs 8 Luchterhand Verlag

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George Saunders gewann den Man Booker Price 2017 mit seinem Roman „Lincoln im Bardo“. Der Roman hat mir so gar nicht gefallen. Deswegen hätte ich sicher auch kein Buch mehr von Saunders angerührt. Doch dann schwärmte Thea Dorn im letzten Literarischen Quartett von Fuchs 8. In der Tat habe ich mich sehr über dieses schmale Büchlein amüsiert, was aber sicher auch der gelungenen Übersetzung von Frank Heibert mit zu verdanken ist. Denn er hat die amerikanische Fux-Sprache in eine deutsche Fux-Sprache übertragen, die wirklich hinreißend ist.

Fuchs 8 hat nämlich die Menschensprache gelernt. Er hat sie sich selbst beigebracht, indem er vorm Fenster von Menschenhäusern lauschte. Da er offenbar immer abends in der Dämmerung vor Kinderzimmern lauschte, hat er vor allem aus Kindergeschichten und Märchen gelernt. Er sieht dann auch, wie die Menschin Gutenachtküsschen verteilt und denkt sich, dass es also auch viel Liebe unter den Menschen gibt.

Alles ändert sich, als im Fuchsgebiet „Elkawes“ anfahren und immer mehr Bäume bis zum Kahlschlag verschwinden. Das Fuchsgebiet ist Bauland geworden. Die Menschen bauen eine „Mool“, ein „Zenter“, wie Fuchs 8 bald erlauscht. Die Füchse leiden von nun an Hunger und Durst, werden immer schwächer. Fuchs 8, der große Tagträumer, bietet sich an, das „Zenter“ zu erkunden auf der Suche nach einem neuen Lebensraum. So landen er und sein Kumpel Fux 7 im Einkaufszentrum. Zunächst scheint alles gut zu laufen, es gibt künstliche Bäche und geschützte Stellen, sogar an Nahrung scheint es nicht zu mangeln. Doch auf dem Rückweg läuft alles aus dem Ruder und Fuchs 8 beginnt an der Liebenswürdigkeit der Menschen bitter zu zweifeln …

„Warum hat der Schöpfer so ein krosen Feler gemacht, das die Kruppe, die so vil kann, so böse is?“

Ein schmales Bändchen, mehr ist es nicht, aber dennoch ein kostbares Büchlein. Eine sprachliche Extratour mit übersetzerischer Höchstleistung. Die zarten Illustrationen sind von Chelsea Cardinal. Leseprobe hier. Aber auch die amerikanische Originalausgabe lohnt sich. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Jon Fosse: Der andere Name Rowohlt Verlag

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Welch kostbare Lektüre! Welch Leuchten!

Von Jon Fosse, dem großen norwegischen Dramatiker, Lyriker und Romanautor, ist der erste Band seines auf 7 Bände angelegten Werks erschienen. Wie immer hat Hinrich Schmidt-Henkel brillant übersetzt, was bei Fosses Sprachduktus sicher alles andere als einfach ist. Andererseits erkennt man Jon Fosses Werk anhand dieser Sprachmelodie zumindest bei seinen Romanen sofort heraus. Ich bin auch gerade wegen dieser reduzierten, meditativen Sprache große Liebhaberin seiner Bücher und Stücke.

Jon Fosses „Der andere Name“ auf einen bestimmten Inhalt festzulegen, ist schwierig. Es gibt sicher wenige Autoren, bei denen das Werk so wenig plotorientiert ist. Die Geschichte lebt von der einfachen Sprache mit einer einzigartigen Rhythmik mit vielen refrainartigen Wiederholungen, die das Geschriebene trägt. Fosse selbst nennt es „Langsame Prosa“, was es ziemlich gut trifft. Was einem nicht-Fosse-Kundigen anfangs befremdlich scheint, wird im fortgeschrittenen Lesestadium zu einem einzigen Fluß ohne Halt, zu einer Reise durch Raum und Zeit (Fosses Roman hat keine Kapitel, keinen Punkt, nur Kommas – ein einziger langer Satz! Ich liebe es!). Fosse verhandelt hier die ganz großen Themen wie Liebe und Tod in einer Weise, wie sie nur im Kleinen, in den ganz einfachen Dingen des Lebens zu finden sind.

„ja, seltsam, denn groß ist die Entfernung nicht, der Abstand zwischen den Lebenden und den Toten, obgleich diese Entfernung unüberwindlich wirken mag, ist sie es nicht,“

Es geht um einen Maler, der seit seine geliebte Frau gestorben ist, allein in seinem alten Bauernhaus lebt, recht erfolgreich ist mit seinen Bildern, die ein Galerist in Bergen (Fosse schreibt den alten Stadtnamen Bjorgvin) für ihn verkauft. Beinahe der einzige mit dem er freundschaftlichen Kontakt hat, ist sein Nachbar, ein Fischer und Landmann, der ihm oft mit Arbeiten in Haus und Hof hilft. Ihre Gespräche bestehen fast immer aus den gleichen Themen. Keiner versteht so richtig die Lebensart des anderen und doch verbinden sie diese ritualartigen Treffen auf ganz eigene Weise. Der kleine Hund Brage, der unverhofft in des Malers leben auftaucht, ist mir durch Fosses zarte Beschreibung sofort ans Herz gewachsen.

„ich bin nie besonders gern bei Leuten zu Hause gewesen, dafür war ich immer zu schüchtern, ja mir ist dann, als ob ich etwas tun würde, wozu ich kein Recht habe […] als ob ich ihr Leben stören würde oder jedenfalls selbst gestört würde von ihrem Leben, das sich mir aufdrängt, ja als ob ich vom Leben der anderen ausgefüllt würde,“

Ab und an fährt der Maler nach Bergen und bringt neue Bilder, erledigt Einkäufe oder besucht einen Freund, bei dem es sich womöglich um ein Alter Ego des Malers selbst handelt. So ganz klar wird es nie, denn die Geschichte spielt letztlich auch außerhalb einer sicheren Realität, vielleicht in einem bewusstseinserweiternden Raum oder auf einer (oder mehreren?)Meta-Ebene. Darauf weist einiges hin, denn der Maler versinkt oft in Erinnerungen, die sich recht bildhaft zeigen. Hier verwischen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie. Personen verwandeln sich oder finden sich gedoppelt.

In den Erinnerungen zeigen sich prägende Kindheitsszenen: Der Maler Asle hat schon als Junge so gut gezeichnet, dass er seine Bilder an Nachbarn verkaufen konnte. Der gute Bekannte Asle, der den gleichen Namen wie der Maler trägt, hat bereits in seiner Kindheit Tod und Missbrauch erlebt und fühlte sich schuldig, weil er die Verbote der Mutter missachtete.

Am schönsten sind die Szenen, in denen der Held von seiner Herangehensweise an das Malen seiner Bilder, ausschließlich Öl auf Leinwand, erzählt: Dazu gehört meditatives Sitzen und Eintauchen in das Bild, oft im Dunkeln, weil er im Dunkeln das Leuchten, das Licht in den Bildern erkennt. Dann sind seine Bilder gelungen, wenn sie, zumindest für ihn dieses Licht im Dunklen haben. Und das bringt er durch den Verkauf der Bilder hinaus in die Welt …

„und manchmal sorgt nur ein einziger Strich dafür, dass das Bild so sprechen kann, und das ist nicht zu begreifen, denke ich, und, denke ich, so ist es auch mit der Dichtung, die ich gern lese, nicht dass es wichtig ist, was über dies oder das gesagt wird, sondern etwas anderes, etwas das stumm in und hinter den Sätzen spricht“

Für mich ist der Roman eine Hommage an die Einfachheit, die Hingabe und ein zutiefst spirituelles, mystisches Buch. Ein Leuchten, ölbildfarbenes Leuchten!

Der Roman „Der andere Name“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich freue mich schon auf den nächsten Band, der hoffentlich bald übersetzt ist. Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Weitere Besprechungen auf dem Blog zu Jon Fosses Roman „Trilogie“ und zu dem wunderbaren Gedichtband „Diese unerklärliche Stille“:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/05/27/jon-fosse-trilogie-rowohlt-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/03/12/jon-fosse-diese-unerklaerliche-stille-verlag-kleinheinrich/

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ida Hegazi Høyer: Trost Residenz Verlag

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Was es doch immer wieder für schöne Überraschungen gibt, wenn man sich von einer Empfehlung leiten lässt (Danke Judith!). Eine reiche Auswahl an Büchern zum Messe-Gastland Norwegen ist schon bei mir eingetroffen. Und nun dies. Ida Hegazi Høyers Roman „Trost“ wäre mir nicht aufgefallen. Zumal ich mit vielen Liebes- und Beziehungsgeschichten in Romanen so meine Probleme habe. Hier aber bin ich auf eine Meisterin der menschlichen Paarbeziehungen im Roman getroffen. Die Autorin hat eine scharfe Beobachtungsgabe, sonst könnte sie nicht in dieser auch sprachlich überragenden Art darüber schreiben. Ich bin überrascht und beeindruckt.

Høyer schickt ihre namenlose Heldin in drei verschiedene europäische Städte und lässt sie auf Menschen treffen, die bereit sind ihr nahe zu kommen. Episodenhaft mit offenem Ende erzählt sie. Da ist zuerst ein Mann in Lissabon. Sie steckt ihm ihre Telefonnummer zu, er meldet sich, sie verabreden sich. Großartig, wie die Autorin dann den üblichen Verlauf einer solchen ersten Begegnung schildert. In aller Direktheit deckt sie auf, was sonst im Verborgenen abläuft, in den Köpfen der beiden sich Fremden. Die Heldin ist nicht bedürftig, sie braucht keinen Partner und so ist es zunächst mehr ein Spiel, in das sie sich jedoch, obwohl sie selbst nicht versteht warum, noch weiter hinein begibt, als ihr womöglich gut tut.

„Erschreckend selten hat sie jemanden getroffen, mit dem zusammen zu sein sie nicht ermüdete. Noch erschreckender: Es hat sich gezeigt, dass sie mit den wenigen, mit denen sie es ausgehalten hat, trotzdem nicht lange zusammen geblieben ist. Und weiter? Sie kann genauso gut hier Seite an Seite mit diesem Fremden gehen, wie sie es sein lassen kann.“

In Berlin trifft unsere Heldin auf Kimmy, eine junge farbige Frau aus Südafrika, die in einer Kleiderkammer Spenden an Geflüchtete verteilt. Hier erfahren wir, dass sie Journalistin ist und über eine Fluchtgeschichte schreiben will. Beide sind gleich voneinander fasziniert. Unsere Heldin, von Kimmy Tiger genannt, lässt sich zunächst sehr schnell auf diese Nähe ein, zieht sogar bei ihr ein, obwohl es die erste Beziehung zu einer Frau ist. Doch Kimmy sucht Intimität, Tiger ist diese suspekt. In ihrer Unruhe wendet sie sich wieder einem Mann zu …

Nächster Halt ist Brüssel. Hier lernt die Protagonistin schon am ersten Abend einen jungen Mann kennen. Tatsächlich scheint hier mit ihm am ehesten die Möglichkeit, so etwas wie Glück und Harmonie zu finden. Doch wie fragil alles ist! Eine einzige kurze Szene, eine kleine Unstimmigkeit und wieder ist da erneut die Einsamkeit. Der gesuchte Trost bleibt Illusion.

„Guten Morgen, sagt der Mann neben ihr. In einer anderen Sprache natürlich. Alle leiden unter anderen Sprachen. Dobro jutro?“

Ida Hegazi Høyer schreibt ohne Hemmungen, sehr direkt und sprachlich gekonnt über Sex, Erotik und Liebe(?) in verschiedenen Spielarten. Gleichzeitig zeigt sie die Sprachlosigkeit von Paaren auf, ihre Unverbindlichkeit und die Angst vor Intimität, das einander Fremdsein trotz körperlicher Nähe. Ihre Paare wählen die Beliebigkeit, die Austauschbarkeit, die in unserer Zeit und globalen Welt ja irgendwie angesagt zu sein scheint, einer Welt, in der Mobilität und Flexibilität auch in Paarbeziehungen ihren Tribut fordern. Ihre äußerlich starken Figuren scheinen sich selbst oft fremd, nirgends zuhause, voller unerfüllter Sehnsucht.

„Das Reisen ist ein Teil der Arbeit. Die Arbeit erfordert eine Abfolge von unverbindlichen Aufenthalten, wurzellose Häuslichkeiten, Beziehungen, aber nie Erwartungen. Vergnügen vielleicht, aber nie Verderben.“

Der Roman „Trost“ erschien im Residenz Verlag. Er wurde übersetzt von Alexander Sitzmann. Eine Leseprobe und mehr über die 1981 auf den Lofoten geborene Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe Hoffmann und Campe

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Was für ein fantastischer Erzähler! Selten habe ich so einen Erfindungsreichtum im Roman gefunden bei sprachlich so hohem Niveau. Nun „bearbeitet“ Otremba auch genau die Themen die mich brennend interessieren. Es geht hier darum, wie wirklich die Wirklichkeit ist, was die Zeit bedeutet, wie Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sich zueinander verhalten. Wie kann ich mein Bewusstsein schulen und zu außergewöhnlichem bringen? Gibt es die Möglichkeit der Unsterblichkeit? Was, wenn wir keine Sprache für all das hätten?

Wie schon vor einiger Zeit Don DeLillo in „Null K“ beschäftigt sich auch Hendrik Otremba in seinem neuen Roman mit dem Thema Kryonik. Menschen, die hoffen, den Tod dadurch überwinden zu können, dass sie sich einfrieren lassen, um später, wenn es ausreichend technische Möglichkeiten gibt, wieder erweckt zu werden, sind bisher noch relativ selten. In den USA gibt es schon mehr Möglichkeiten. Hier spielt auch überwiegend das Buch. Auch Thea Dorn hat das Thema Unsterblichkeit in ihrem Roman „Die Unglückseligen“ ausgearbeitet, aber auf ganz andere Art und Weise. In seinem Stil erinnert mich der Roman irgendwie an den letzten von Christian Kracht, aber auch an Georg Kleins Miakro, die ich ebenfalls sehr mochte.

Im einführenden Kapitel begegnen wir den Protagonisten. Doch von allen erfährt man zunächst wenig, so wie sie auch untereinander wenig miteinander kommunizieren. Es ist ein stilles Unterfangen, denn die Kunden sind schließlich tot. Kachelbad, ein älterer Mann und Rosary, eine jüngere Frau sind Angestellte von Lee Won-Hong, dem das Kryonische Institut „Exit U.S.“ gehört. Sie arbeiten meist zusammen, holen die Leichen ab und bringen sie in Eis gepackt in die mit flüssigem Stickstoff gefüllten Behälter. Warum Kachelbad gerade Rosary für diesen Job angeworben hat, erklärt sich in der Entdeckung, dass sie das gleiche Talent hat wie er. Es ist die Kunst zu verschwinden, unsichtbar zu sein. Mit Kachelbads Hilfe erlernt sie die Methode, für die nicht jeder begabt ist.

„Ich spürte, wie ich dem Verschwinden immer näherkam, spürte ein Kitzeln in meinem Körper. Wie Kachelbad gesagt hatte, ging es bei der gewählten Unsichtbarkeit um eine Geisteshaltung. Ich schien im Begriff, dieses Denken in ein Handeln umzusetzen.“

In weiteren Kapiteln werden uns die „kalten Mieter“ des Tank C 87 vorgestellt. Es sind alles skurrile Gestalten mit tragischen Lebensgeschichten. Was alle vereint, ist die unter gewissen Umständen entstandene Fähigkeit zur willentlichen Unsichtbarkeit.

„Kallmann gelang zu der Überzeugung, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seien simultane Zeitebenen, die das menschliche Gehirn jedoch nicht in ihrer Simultanität auffassen könne, was im Bewusstsein dazu führe, dass es zu einer stetigen Selbstverortung des Individuums in der Gegenwart komme …“

Im dritten Teil erfahren wir, dass Kachelbad die Firma nach dem plötzlichen Tod seines Chefs Lee Won-Hong weiterführt. Dafür ist der junge Asiate Kim an seiner Seite, ein zukünftiger kalter Mieter, der unsichtbar nach LA gelangt und von Kachelbad aufgenommen wird. Kim ist ein spezieller Fall, denn er erinnert Kachelbad an eine tiefe Liebe und an den Schmerz des Verlusts. Doch das Unternehmen droht Konkurs zu gehen. Die Finanzen werden immer knapper. Die teuren Unterhaltskosten für die Tanks mit den kalten Mietern werden bald unbezahlbar. Kachelbad nutzt seine Unsichtbarkeit notgedrungen, um illegal Geld zu beschaffen, doch ein neugieriger Reporter ist ihm auf de Spur. Eine Naturgewalt in Form eines Erdbebens enthebt Kachelbad dann von seinen Verpflichtungen. Er kann sich retten und verschwindet …

Im letzten Teil schließlich, dass aus den Tagebüchern eines jungen Mannes aus New York aus den Jahren 1979-87 erzählt, erfahren wir dann auch mehr aus Kachelbads Vergangenheit. Es ist sehr persönlich geschrieben in der Ich-Form. Der junge Mann ist drogenabhängig, beschafft sich Geld dafür als Stricher. Als er auf Kachelbad trifft, ändert sich sein Leben. Kachelbad hilft im clean zu werden. Sie werden ein Paar. Es ist die Anfangszeit von AIDS, damals noch GRID genannt, weil man glaubte, es wäre die Krankheit der Schwulen. Kachelbad lebt bei dem schrulligen Schriftsteller Krekov. Krekov, der höchst klug über Sinn und Unsinn der Sprache überhaupt philosophiert, wird der erste zukünftige kalte Mieter, den Kachelbad betreut.

„Und was heißt das eigentlich: Sprachlosigkeit? Es bedeutet doch, dass dem Menschen etwas begegnet, das er nicht in Worte fassen kann. Vor Glück, weil es seine Vorstellungskraft übersteigt, die ja durch die Worte begrenzt ist – oder weil das Erleben so unfassbar ist, dass die Sprache dafür einfach nicht mehr ausreicht.“

Gerade dieses fast letzte Kapitel, dass so viel Licht und Liebe, das Entschleunigung und Bewusstsein in die Geschichte bringt, endet, wie könnte es anders sein, mit dem Exitus.

Einen wundersamen, furiosen Erzählreigen fächert Otremba hier auf. Kachelbads Erbe ist ein vielschichtiges, eindringliches Buch. Ein Ereignis jagt das andere, teils unerklärlich, geisterhaft, obwohl es irgendwie gleichzeitig ein stiller, nachdenklicher Roman ist. Der Held Kachelbad scheint, wie auch Katze „Zettel“ mehr als sieben Leben zu haben. Otrembas Roman ist klug und genial konstruiert, hebt sich so ganz ab von manch vorhersehbaren Titeln dieses Herbstes. Dass er nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, ist enttäuschend. Ich wünsche ihm jedenfalls viele Leser und viel mehr Aufmerksamkeit. Es ist ein Buch, dass still leuchtet, aber sehr hell!

Der Roman des 1984 geborenen, in Berlin lebenden Hendrik Otremba erschien im Hoffmann & Campe Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.