Steffen Mensching: Schermanns Augen Wallstein Verlag

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Vom Silberlöffel zum grob geschnitzten Holzlöffel: Schon das Buchcover weist auf den Abstieg hin, den der Protagonist Rafael Schermann erleben musste. Die Geschichte Schermanns erzählt Steffen Mensching in Rückblenden. Entstanden ist ein faszinierendes Monumentalwerk von 820 Seiten.

Der 1958 in Berlin (Ost) geborene Autor hat an diesem Roman zwölf Jahre lang geschrieben. Er muss Unmengen recherchiert haben, ob der Genauigkeit mit der er über Rafael Schermann, einen Graphologen und Hellseher erzählt, den es wirklich gab. Der Roman spielt 1941 in Russland in einem Lager des Gulag. Über ein ganzes Jahr lässt er seine beiden Hauptprotagonisten den polnischen Juden Schermann und den jungen Deutschen Otto Haferkorn zusammen unter widrigsten Umständen verbringen.

„Vor dem Tod kriegt man immer schlecht Luft. Die Russen besaßen für die ungemütlichsten Augenblicke trostreiche Sprichwörter“

Dieses Zitat gibt gleich auf den ersten Seiten den Ton vor, der im Roman in den Lagerszenen herrscht. Mensching lässt seine Figuren ohne explizit gekennzeichnete Dialoge sprechen, was anfangs viel Konzentration beim Leser erfordert. Auf einem beiliegenden Lesezeichen sind die wichtigsten Protagonisten des Romans aufgeführt, ein Überblick, der anfangs durchaus hilfreich ist beim Zuordnen der russischen Namen. Auch sonst trifft eine riesige Menge Personal aufeinander. Es sind die, die wichtige Rollen spielen/spielten, die, auf die die beiden Helden im Laufe ihrer Geschichte trafen.

Wenn Schermann beginnt aus seinem reichhaltigen Leben zu erzählen, fallen unzählige auch der Leserin bekannte Namen. Schermann, der in Wien lebte begegnete unzähligen Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik der Zwischenkriegszeit, wie etwa Karl Kraus, Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Rainer Maria Rilke, Yvan und Claire Goll, Georg Trakl etc.  Viele waren „Kunden“, denn Schermann überzeugte sie alle, selbst die kritischsten, nüchternsten mit seiner hellseherischen Begabung.

Erst ab der zweiten Hälfte wird klar, dass Schermanns Hellseherei nicht nur auf eigener Intuition und Können – er besitzt ein fotografisches Gedächtnis basiert – sondern dass durchaus Methode dahinter steckt. So erzählt er Otto von seinen bisherigen Assistenten, deren Aufgabe es war, vorab über Kunden zu recherchieren und Privates, gar Intimes herauszufinden. Im Lager dolmetscht Otto bei den kein Ende findenden Befragungen, da Schermann angeblich kein Russisch versteht. Otto ist einerseits froh, so lange von der harten Arbeit im Wald beim Holzschlagen befreit zu sein, andererseits ist ihm nicht wohl bei seiner Übersetzer- und Spitzeltätigkeit. Manchmal hält er den alten Polen für einen Spinner, einen ausgebufften Betrüger, manchmal für ein Genie.

„Wo waren Sie? Im Badehaus. Ich erhielt dort etwas, das sich frische Unterwäsche nennt. Für ein Land, das sich auf seine Säuberungen so viel einbildet, sind diese Lumpen keine Empfehlung.“

Im Lager wechselt die Leitung. Als Schermann „abgeholt“ wird, beginnt für Otto ein neues Lagerleben, denn Schermann und er werden in die gefürchtete Baracke der „Urki“, einer Gruppe von gewalttätigen Dieben, Räubern und Mördern, verlegt. Und auch hier zeigt der findige Graphologe wieder Geschick: Beide bleiben verschont von Gewalt und leben für Lagerverhältnisse einigermaßen gut. Doch auch diese vermeintliche Sicherheit bleibt nicht bestehen. Vom Angriff Hitlers auf die Sowjetunion, vom Bruch des Nichtangriffpakts erfahren die Lagerinsassen erst sehr spät. Otto und Schermann werden aufgrund dessen jedoch getrennt …

Auch aus Ottos Erinnerungen und Erlebnissen ergibt sich eine hochinteressante Geschichte. Er, der Deutsche, der als Setzer bei einer deutschen kommunistischen Zeitung in Moskau arbeitete, hatte eine kurze Liebelei mit der glühenden Kommunistin und Journalistin Maria Osten (die es auch tatsächlich gab). Aus den Gesprächen mit ihr ergibt sich ein umfangreiches Bild der damaligen historischen Lage in der sowjetischen Hauptstadt.

„Wir können von Glück reden, sagte Maria, dass wir hier sind, in der Sowjetunion leben wir in Frieden und Sicherheit. Aber was wird mit unseren Freunden im Westen?“

Oft genug googlete ich Personen, Ereignisse und Zusammenhänge, doch ist dieses Buch ob der Vielfalt gerade sehr reichhaltig. Gegen Ende hin erzählt Schermann Otto von seiner Begegnung im Jahr 1915 mit dem Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift „Fackel“, Karl Kraus, der sich unglücklich in Sidonie Nádherná von Borutín verliebte und mit ihr regen Briefwechsel hatte. Schermann sollte auf Betreiben von Adolf Loos, dem bekannten Architekten, ihre Briefe graphologisch beurteilen. Dies schien für ihn der Durchbruch zu sein.

„Ich lebte in Wien. Dort brauchte ich, um den Ritterschlag gesellschaftlicher Anerkennung zu erhalten, den Kraus. Er machte Leute berühmt, indem er sie feierte oder, was häufiger vorkam, vernichtete.“

Der opulente Roman stellt Verbindungen her zu anderen Romanen deutscher und russischer Geschichte, die ich bereits kenne und liest sich spannender als ein Geschichtsbuch. Solche Romane finde ich bereichernd. Und wenn sie dann auch noch sprachlich so anspruchsvoll sind wie dieser und fesselnd bis zur letzten Seite, bin ich glücklich. Eine der wichtigsten Herbstneuerscheinungen! Ein Leuchten!

Steffen Menschings Roman erschien im Wallstein Verlag. Eine Leseprobe findet sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Moyshe Kulbak: Childe Harold aus Disna Edition Fototapeta

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Nach dem fabelhaften kleinen Roman „Montag“ hat die Edition Fototapeta nun auch Gedichte von Moyshe Kulbak verlegt. Es ist Lyrik, die in der Zeit reifte, als Kulbak von 1920 bis 1923 in Berlin lebte, die er aber erst in Minsk 1928 schrieb. Und es sind mit die besten Berlin-Gedichte die ich bisher gelesen habe, und das, obwohl ich bei durchgängig Gereimtem eher Abstand halte. Es ist ein Zyklus aus 62 Gedichten, der sich am expressionistischen Stil orientiert und Berlin lyrisch beleuchtet.

„O, Land! Wo die Elektrik fließt
in Drähten, und in den Adern – Champagner,
wo jeder Arbeiter ist ein Marxist,
und jeder Krämer ein Kantianer.“

Der Buchtitel entspringt den verschiedenen Lektüren, die Kulbak verinnerlicht hatte: da ist George Byrons „Childe Harolds Pilgrimage“ und Heinrich Heines „Childe Harold“. Kulbak kam nach Berlin, um europäische Literatenluft zu schnuppern, aber auch um möglicherweise die jiddische Literatur im Europäischen zu verankern.

„Und plötzlich sitzt er im Abteil, er fährt zum Studieren
nach Europa. Ein jeder nach seinem Fach: Ein Vogel singt,
ein Bolschewik macht Revolutionen, und Pfeifenmann muss
unbedingt
studieren. Der Tag vergeht. Stählerne Farben zirkulieren.“

Kulbaks Protagonist, sein Alter Ego, der „Pfeifenmann“ im Gedichtzyklus, kommt eigentlich nach Berlin, um zu studieren. Doch daraus wird nichts. So muss er sich mit wenig Geld durchschlagen, kleine Posten annehmen um Geld zu verdienen und lernt dadurch gleich die Arbeiterschicht und die Stadt und was sie bewegt sehr genau kennen.

„Die halbe Nacht im Kabarett
mit Jazzband und Präservativen,
die andere Hälfte – unter dem Joch von AEG
und Borsigs finsteren Lokomotiven.“

Genau wie in seinen Romanen sind Kulbaks Gedichte durchzogen von feinstem Humor. Er schreckt dabei weder vor Selbstironie, vor politischer oder Gesellschaftskritik, noch vor den unangenehmen eher dunklen Seiten der Großstadt zurück. Kulbak war sehr belesen und in jegliche philosophische Richtung interessiert: „ein bisschen Blok, ein bisschen Schopenhauer, Kabbala, Spinoza und Perez“

Er erlebt die Weimarer Republik und gleichzeitig das Aufkeimen des Nationalsozialismus, derer in brauner Kluft.

„Im Staat reift heran eine junge Macht,
die einen Riss bewirken wird in seiner Form …“

In vielen Szenen erinnert er mich an das kürzlich gelesene Buch „Land im Zwielicht“ von Leo Lania, der im gleichen Jahr 1896 in der Ukraine geboren wurde und der ebenfalls in dieser Zeit über Berlin schrieb.

„Childe Harold aus Disna“ erschien in der Edition Fototapeta. Die Übersetzerin Sophie Lichtenstein hat die Gedichte vom Jiddischen ins Deutsche übertragen. Ebenso empfehlenswert ist natürlich „Montag“ und der in der anderen Bibliothek erschienene Roman „Die Selmenianer“ (Besprechung folgt).
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter Hanser Verlag

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In ihrem neuen Roman blickt die große russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja auf ihre eigene Familiengeschichte zurück. Hauptperson darin ist Nora, eine unkonventionelle Frau, die als Bühnenbildnerin arbeitet, einen Sohn alleine aufzieht und mit einem verheirateten Regisseur liiert ist. In Kapiteln die von der Heute-Zeit bis weit in die Vergangenheit zurückreichen erzählt sie aus wechselnder Perspektive, beginnend mit dem Tod der Großmutter Maria und dem Auffinden alter Briefe.

„Das war wohl das Schicksal seiner Familie, seines Volkes – in einer großen Grube in Kiew, in Babi Jar lagen sein jüngster Bruder, vier Cousinen, insgesamt neunundzwanzig Blutsverwandte – ermordet. Und über ganz Europa verstreut noch viele Millionen Menschen, mit denen er nicht verwandt war. Der Teufel trug nur verschiedene Schnauzbärte.“

Einer der Stränge besteht aus Auszügen eines Tagebuchs und Briefen, die die Autorin tatsächlich im Nachlass ihrer Familie fand. Die verschiedenen Briefwechsel gestalten sich nach meinem Empfinden zeitweise ein wenig langatmig, lesen sich weniger flüssig als die durcherzählte Geschichte. Das mag daran liegen, dass bei den Briefen viele offene Fragen bleiben, aber auch an Jakows und Marias langen, sich ständig wiederholenden Liebesschwüren. Der Briefwechsel war einzig möglicher Kontakt über lange Phasen dieser Beziehung, weil das Paar immer wieder getrennt wurde: Zuerst war Jakow beim Militär, dann im Krieg und schließlich mehrmals in der Verbannung, ohne Schuld, was bei ihm immerhin kein Straflager bedeutete. Er konnte recht frei einer vorgegebenen Arbeit nachgehen, nur eben an anderen Orten. Letztlich zerbrach die Ehe daran. Dieser Strang zieht sich über einen Zeitraum von 1905 bis 1955 und wird wechselweise zu Noras Geschichte – 1974 bis 2011 – erzählt.

Die Hauptgeschichte ist spannender, sie reicht von Russland bis in die USA. Nora ist Bühnenbildnerin und arbeitet oft mit Tengis, einem georgischen Regisseur zusammen. Obgleich die beiden sehr lange getrennte Zeiten verbringen, bleiben sie stets ein Liebespaar. Ihre Arbeit speist sich auch aus den Eigenheiten der beiden und ihrem starken Freiheitsdenken. So sind ihre Stücke durchaus manchmal unbequem und werden mitunter abgesetzt. Nora ist die Enkelin der beiden briefeschreibenden Liebenden und hat einen Sohn, Jurik, der als junger Mann zu seinem in die USA ausgewanderten Vater zieht. Vitja ist ein Mathematikgenie und hat seinem Sohn einiges davon vererbt. Jurik allerdings zieht es eher zur Musik, wobei er scheinbar seinem Urgroßvater Jakow nachkommt. Während Vitja sich jedoch erfolgreich integriert, wird Sohn Jurik drogenabhängig. Doch Nora holt ihren Sohn zurück nach Russland …

„Sie, Nora, schwamm in einem Fluss, und hinter ihr schwammen fächerartig drei Generationen von Menschen, die auf den Fotografien festgehalten waren und deren Namen sie kannte. Dahinter in der Ferne eine endlose Reihe namenloser Vorfahren, Männer und Frauen, die einander aus Liebe, aus Leidenschaft, aus Berechnung, auf elterliches Geheiß gewählt, Nachkommen gezeugt und aufgezogen hatten.“

Ich mag Ulitzkajas Art zu schreiben sehr. Die Geschichte ihrer Familie ist überaus interessant, scheint es doch sehr ungewöhnliche und vielseitige Persönlichkeiten zu geben. Künstlerisch begabte, wie Maria, die sich als junge Frau erfolgreich dem Ausdruckstanz zuwendet und auf der Bühne steht, Jakow, der die Musik liebt, sie aber für ein Studium der Wirtschaft aufgibt und wissenschaftlich Begabte, wie Vitja, der Mathematiker und Jurik, bei dem sich die Musik mit der Wissenschaft verbindet. Oft frage ich mich, was davon Fiktion ist …

„Jakobsleiter“ erschien im Hanser Verlag. Die Übersetzung aus dem Russischen kommt von Ganna-Maria Braungardt. Auf dem Vorsatz- und Nachsatzblatt findet sich der Stammbaum der Familie. Das ist hilfreich zum Nachvollziehen der verwandtschaftlichen Verbindungen. Außerdem finden sich am Schluß Anmerkungen der Übersetzerin. Eine Leseprobe und ein Interview gibt es hier.

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen Dörlemann Verlag

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Weiter mit Lektüre aus Russland …
Jetzt also Lydia Tschukowskajas Roman „Untertauchen“. Bereits vor ein paar Jahren ist es neu aufgelegt worden in einer Übersetzung der genialen Swetlana Geier. Lydia Tschukowskaja war eine Zeitgenossin der großen russischen Dichterinnen Anna Achmatova und Marina Zwetajewa. Und auch sie geriet aufgrund ihrer Direktheit, wie die beiden anderen im Stalinregime immer wieder ins Visier der Oberen. „Untertauchen“ erschien erst 1988, obwohl es bereits 1947 geschrieben wurde. Als es 1972 in den USA veröffentlicht wurde, schloss man die Autorin kurz darauf aus dem Schriftstellerverband aus. Die Rede, die sie aus diesem Anlass schrieb, findet man im Anhang des Buches und man staunt über Mut und Offenheit der Dichterin.

„Das machen sie plötzlich. Unterwegs. Genickschuss.“
Während er sprach drückte er mit dem Hinterkopf das Kissen zurecht. Wahrscheinlich spürte er jetzt seinen Nacken, so wie ich. Die Ufer des Kissens traten auseinander, und sein Gesicht lag jetzt tief auf dem Grund.

Dass ihr Mann auf diese Weise von den Schergen des Stalinregimes getötet wurde, erfährt die Schriftstellerin Nina Sergejewna erst 12 Jahre später. Bis dahin gab es für sie noch Hoffnung, erklärte man ihr doch, dass ihr Mann 10 Jahre Lagerhaft mit Schreibverbot vor sich habe. Dass das nur eine Geheimformel für den sofortigen Tod ist, wissen die wenigsten.
Einer, der es weiß, weil er selbst 5 Jahre Lagerhaft mit Zwangsarbeit hinter sich hat, ist der Schriftsteller Bilibin. Ihn lernt die Hauptfigur Nina in einem Sanatorium, eine Stunde von Moskau entfernt auf dem Land, kennen. Zunächst zögerlich erzählen sich die beiden auf ihren Spaziergängen durch die verschneiten Wälder schließlich aus ihrem Leben. Bald schon kommen sie sich näher, werden Vertraute. Während Nina an einer Übersetzung arbeitet, beendet Bilibin seinen Roman. Nina geniest das „Untertauchen“, weitab der beengten Wohnverhältnisse in Moskau. Sie findet endlich Zeit und Ruhe für das eigene Schreiben.

„All das wird mir wieder genommen werden. All das werde ich wieder hergeben müssen. Niemand Bestimmter wird es zurückverlangen, nur etwas Ungreifbares wird dann vorübergegangen sein, jenes etwas, was wir >Zeit< nennen.“

Im Sanatorium lebt zur gleichen Zeit auch der jüdische Lyriker Weksler, dem Nina mit ihrem Gespür für gute Lyrik weiterhilft. Doch dieser wird eines Nachts abgeholt und verschwindet, was Nina enorm erschüttert. Die vier Wochen Erholungskur gehen schneller vorbei als gewünscht. Gegen Ende des Aufenthalts gibt Bilibin Nina seinen Roman zu lesen. Sie ist erschüttert, hatte sie doch gerade ihn nicht für einen Mitläufer gehalten: Der Roman erhält eine geschönte und für regimetreue Augen geschriebene Variante der furchtbaren Geschichte, die Bilibin ihr aus seiner Zeit im Lager berichtete. Nina bricht sofort den Kontakt zu ihm ab. Doch wie kann sie ihn verurteilen, da sie nie das erlebt hat, was verbannte Verurteilte durchmachen mussten, die letztlich auch immer wieder in der Gefahr einer wiederholten Inhaftierung lebten? Dennoch verabschieden sich beide kühl am Bahnhof von Moskau und jeder kehrt zurück in seine eigene Welt.

Ich bin sehr angetan: „Untertauchen“ von Lydia Tschukowskaja überzeugt sowohl sprachlich als auch inhaltlich.
Der Roman erschien bereits 2015 im Dörlemann Verlag in schönem Leineneinband mit einem Nachwort von Hans Jürgen Balmes. Die Übersetzung stammt von Übersetzer-Koryphäe Swetlana Geier. Eine Leseprobe gibt es hier.

Christoph Hein: Trutz Suhrkamp Verlag

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Gerade ein Jahr ist seit „Glückskind mit Vater“ vergangen und schon liegt ein neuer Roman von Christoph Hein vor. Was er in Interviews darüber erzählte, klang bereits verlockend. Die Mnemotechnik, von der ich noch nie zuvor etwas gehört hatte, spielt eine besondere Rolle in „Trutz“. Es handelt sich um eine Form von Gedächtnistraining bzw. um ein System sich einfacher Dinge merken zu können, sich genauer erinnern zu können. Das menschliche Gedächtnis soll dabei voll ausgeschöpft werden. Man kann dies mit bestimmten Methoden erlernen. Außerdem ist es ein Roman, der tief in die russisch/sowjetische Geschichte eintaucht, die anhand zweier Hauptprotagonisten geschildert wird.

Zum einen: Rainer Trutz zieht als junger Mann vom Land nach Berlin. Zunächst versucht er vergeblich Arbeit zu finden. Doch durch einen Zufall lernt er die Russin Lilja kennen, die ihm Arbeit bei einer Zeitung verschafft. Er schreibt zwei Romane, die nicht überragend erfolgreich sind, vor allem einer wird ihm jedoch zum Verhängnis: Die Nazis ergreifen die Macht und Trutz ist kein hinlänglich deutschtümelnder Autor. Nach einem Überfall versucht er 1933 mit seiner Freundin Gudrun ins Ausland zu emigrieren, doch als einziges Land bleibt die Sowjetunion, da Lilja hier bei der Einreise helfen kann. Dort findet Trutz jedoch nur Arbeit als Bauarbeiter und das Stalin-Regime wird immer strikter. Jahre später wird er aufgrund eines alten, angeblich stalinfeindlichen Zeitungsartikels aus Berliner Zeiten zu 5 Jahren Zwangsarbeit in einem Lager verurteilt. Gudrun und sein Sohn Maykl bleiben zunächst in Moskau, erfahren jedoch nie mehr etwas von Rainer und werden später aufgrund des Kriegsbeginns durch Hitler, als Deutschstämmige in die Verbannung in ein Arbeitslager geschickt.

„Ein zivilisiertes Volk wie die Deutschen könne sich einmal irren und einen Fehler machen, aber die Deutschen seien durch ihre wechselvolle Geschichte, durch ihre hohe Bildung, durch ihre weltweit bewunderte Kultur gottlob davor gefeit, einen Fehler zu wiederholen. In ein paar Monaten werde auch Berlin den braunen Spuk wie eine schwere Infektion überstanden haben und wieder lebenswert und liebenswert sein.“

Zum zweiten geht es um den Moskauer Neurolinguistik-Professor Waldemar Gejm, der über Mnemotechnik forschte und der in der Zeit der großen „Säuberungen“ Stalins zunächst von der Universität entfernt und später mit seiner Frau und den Kindern Geta und Rem ebenfalls in die Verbannung geschickt wird. So treffen sich beide Familien wieder, die sich in Moskau durch Lilja kennengelernt hatten und die gleichaltrigen befreundeten Jungen, die bereits in Moskau vom Vater im Gedächtnistraining geschult wurden, erhalten weiter Unterricht.

„Gejm erläuterte die Gedächtnistheorie der Antike, wonach sich der Mensch all jenes gut einprägen kann, was sich durch die Sinne mitteilt. Das Gedächtnis setzten sie einem inneren Schreiben gleich. So wie der Schüler, der das Alphabet lerne, alles aufschreibe, was man ihm diktiere, und alles lesen könne, was geschrieben ist, würde derjenige, der die Mnemonik erlerne, alles Erlebte und Erfahrene und Gehörte in seinem Gedächtnis festschreiben und es jederzeit wieder lesen, also erinnern können.“

Maykl legt man später nach dem Krieg und nach dem Tod seiner Eltern nahe, wieder nach Deutschland zurückzukehren und so beginnt er ein Studium in der DDR, in der er letztlich ein beinahe ähnliches Schicksal erlebt, wie sein Vater. Ihm gelangt sein geschultes Gedächtnis nicht zum Vorteil. Rem hingegen, dessen Vater später vollkommen rehabilitiert wurde, macht in Moskau Karriere beim Militär.
Rem und Maykl sehen sich erst nach der politischen Wende 1989 wieder …

Christoph Heins Roman ist eine beachtlich genau recherchierte Geschichte, die jedoch nicht das Potenzial eines großen Romans hat. Nicht, dass ich nicht mit Erwartungsfreude gelesen hätte. Aber irgendetwas fehlt; es fällt schwer, das genau zu benennen: Es könnte vielleicht einfach mangelnde Sympathie des Autors für seine Romanfiguren und deren schicksalhafte Lebensläufe sein. Oft wird einfach, beinah wie in einer Aufzählung, alles hintereinander weg erzählt. Der Text wirkt wenig gestaltet und ergibt nach meinem Empfinden keine runde stimmige Geschichte. Große Zeitsprünge werden gemacht, gerade im letzten Teil fehlt eine ausführlichere Darstellung der Ereignisse bis zum Treffen. Andererseits werden Erklärungen häufig wiederholt, obgleich der Leser sie längst kennt. Zudem hätte man mit der Idee der Mnemotechnik eine spannendere Story entwickeln können.
Was Hein sehr eindrücklich und überzeugend aufzeigt, sind die politischen Verhältnisse in Zeiten des Stalinregimes, die totale Überhöhung Stalins, die Sprunghaftigkeit der Oberen, die Unsicherheit, nie zu wissen, wer am nächsten Tag verhaftet, denunziert oder verbannt wird und die Zustände in den Lagern und unter der Zwangsarbeit.

Alles in allem habe ich Heins neuen Roman gern gelesen, aber gänzlich überzeugt hat er mich nicht. An „Glückskind mit Vater“ kommt er nicht heran und einen Jahrhundertroman, wie er im Klappentext bezeichnet wird, würde ich ihn nicht nennen, erinnert er doch oft eher an ein durchaus lesenswertes biografisches Sachbuch.

Christoph Heins „Trutz“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Peter liest.

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit Kiepenheuer & Witsch

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„Er wusste nur eins: Dies war die schlimmste Zeit.

Er stand schon seit drei Stunden am Aufzug. Er rauchte seine fünfte Zigarette und seine Gedanken zuckten hierhin und dorthin.“

Kunst in Zeiten der Diktatur:
Komponieren und agieren nach Vorgaben des Diktators oder Verweigerung und Untergang? Marionette der Macht sein aber innerlich versuchen frei zu bleiben? Die Achtung vor sich selbst verlieren, wenn man statt eigener neuer Musik Volksmusik komponieren muss?

Julian Barnes hat einen kurzen Roman über den russischen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906 – 1975) geschrieben, der nach frühen großen Erfolgen, immer wieder unter Beobachtung des Regimes stand. Stalin persönlich, die Stimme der Macht, hatte 1936 seiner Oper „Lady MacBeth von Mzensk“ beigewohnt, allerdings nur bis zur Pause und hinterher „Chaos statt Musik“ genannt und dies in einem Beitrag in der Prawda seinem Volke kund getan. Seitdem stand Schostakowitsch unter Beobachtung, seitdem stand er oft nächtelang im Treppenhaus seiner Leningrader Wohnung mit seinem Köfferchen in banger Erwartung von Stalins Handlangern abgeholt zu werden.

Nach einer Weile komponiert er weiter, mehr nach den Vorgaben von oben, wird zwölf Jahre danach sogar zu einem musikalischen Kongreß in die Vereinigten Staaten beordert, muss dort aber Reden halten, die ihm vorgeschrieben wurden, keine freien Antworten möglich, da überall Spitzel lauern könnten.
Sogar große Auszeichnungen erhält er nun: Stalinpreis, Leninorden. Stalin stirbt und wird von Chruschtschow abgelöst. Das sogenannte „Tauwetter“ beginnt. Er schreibt seine verbotene Oper „Lady MacBeth von Mzensk“ um und reicht sie beim neuen Komitee ein, doch sie wird erneut abgelehnt. Seine Frau Nita stirbt und lässt in mit den beiden Kindern zurück. Bisher bewusst nie in die Partei eingetreten, wird ihm nun ein hoher Posten als Vorsitzender des Komponistenverbandes „angeboten“, eine große Auszeichnung, die allerdings nur mit der Parteizugehörigkeit einhergeht …

„Sein Körper war so nervös wie früher, vielleicht noch nervöser. Aber die Gedanken liefen ihm nicht mehr davon; heute schleppten sie sich vorsichtig von einer Angst zur anderen.“

Julian Barnes führt uns vor allem in die Gedankenwelt Schostakowitschs. Die inneren Vorgänge, das was im Kopf des Komponisten vor geht, das Abwägen und die Verunsicherungen, die stete Angst, die Einschränkungen, die Selbstzweifel – all das macht diesen Roman eher zum Seelenporträt als zur reinen Biografie. Der Autor setzt sie aus diversen Episoden und Szenerien aus dessen Leben zusammen und verbindet sie geschickt. Barnes ist ein versierter Erzähler und ihm gelingt es die Zerrissenheit des Komponisten sehr stimmig und mit einem zeitweise ironischen Unterton zu beschreiben, der vielleicht auch aus Not in Schostakowitschs Lebenslauf und seinen Werken eine große Rolle spielte.

„Wenn man der Ironie den Rücken zukehrte, erstarrte sie zu Sarkasmus. Und wozu war sie dann nütze? Sarkasmus war Ironie, die ihre Seele verloren hatte.“

Interessanterweise habe ich kurz vor dieser Lektüre Platonows Baugrube gelesen, in dem es um Stalins Anfangszeit geht und das in etwa zur gleichen Zeit spielt. Als nächstes auf der Leseliste steht außerdem auch ein gerade erschienener Roman über die Dichterin Marina Zwetajewa von Rikka Pelo „Unser tägliches Leben“, die ja Zeit- und Leidensgenossin Anna Achmatowas war, die wiederum auch kurz in Barnes´ Roman erwähnt wird. Und so schließt sich der Kreis …

„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes erschien soeben im Kiepenheuer & Witsch Verlag in der Übersetzung von Gertraude Krueger. Eine Leseprobe gibt es hier.
Außerdem ist dieses Buch auch auf Platz 1 der SWR-Bestenliste im März.

Andrej Platonow: Die Baugrube Suhrkamp Verlag

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„Am dreißigsten Jahrestag seines persönlichen Lebens gab man Woschtschew die Abrechnung von der kleinen Maschinenfabrik, wo er die Mittel für seine Existenz beschaffte. Im Entlassungsdokument schrieb man ihm, er werde von der Produktion entfernt infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit.“

Mit diesen fantastischen ersten Sätzen führt Andrej Platonow uns in seine Geschichte „Die Baugrube“ ein und fasst gleich alles zusammen, was man über die Persönlichkeit seines Helden Woschtschew wissen muss und wohin uns Platonows Sprache in diesem Werk führt.

Der Roman „Die Baugrube“ des 1899 in Woronesh geborenen Schriftstellers entstand im Jahr 1930. Er war einer der Autoren, der zu Lebzeiten der politischen Zensur unterlag und nicht gedruckt werden durfte. Erst sehr viel später wurde den Werken Platonows wieder Beachtung geschenkt. Zum Glück! Nun liegt eine Neuübersetzung von Gabriele Leupold vor, die auch Belyjs und Schalamows Werke vom Russischen ins Deutsche übertrug.

Es ist ein kurzer Roman mit wenig Handlung, in dem es vor Symbolhaftigkeit nur so wimmelt: Der „Held“ Woschtschew verliert seinen Arbeitsplatz, weil er nicht effektiv genug arbeitet; stattdessen denkt er nach. Er ist nicht schnell genug, er kann dem Tempo der anderen nicht folgen und verliert dadurch seinen Platz nicht nur im Betrieb, sondern auch im sozialistischen Gefüge. Bald darauf schließt er sich in einer Kleinstadt einem Artel (einer Art Kollektiv) von Bauarbeitern an, die eine Grube ausheben, um ein proletarisches Gemeinschaftshaus zu errichten.
Platonows Hauptfigur Woschtschew ist ein Melancholiker, ein Sinnsucher, sowie sich überhaupt eine stete Schwermut durch die gesamte Geschichte zieht. Er ist einer, der nach der Wahrheit fragt und nach dem Sinn sucht; eigentlich ist er ein Individualist. Er ist ein Sachensammler, hortet Dinge, die er irgendwo findet, als Beweismittel des Daseins.

„Woschtschew fühlte noch immer nicht die Wahrheit des Lebens, aber fand sich ab aus Erschöpfung von dem schweren Grund – und sammelte nur an den freien Tagen allerlei Unglückskroppzeug der Natur, als Dokumente der planlosen Erschaffung der Welt, als Fakten der Melancholie eines jeden lebendigen Atems.“

Später führt uns Platonows Geschichte aufs Land, in die Dörfer, wo die „Vergesellschaftung“ in vollem Gange ist. Doch die meisten Bauern sind eher bereit ihr Eigentum zu vernichten, als in Kolchosen einzutreten. Das Mädchen Nastja, eine Waise, die plötzlich in der Kolchose auftaucht, soll wohl stellvertretend für die neue sozialistische Zeit stehen. Doch sie ruft immer wieder nach der verstorbenen Mutter einer burshujka (einer Bürgerlichen) und wird schließlich immer schwächer, bis sie stirbt …
Wie wenig flüssig alle möglichen Projekte im Namen des Klassenkampfes funktionieren, wird mit konsequenter Ernsthaftigkeit geschildert, die allerdings für den heutigen Leser oft ins Komische, beinahe Karikaturistische, bisweilen Surreale abdriftet.

„Aber warum, Nikita, liegt das Feld so trübsinnig da? Ist wirklich Schwermut in der ganzen Welt, und nur allein in uns der Fünfjahrplan?“

Es ist die Zeit nach der Kulturrevolution. Stalin will die totale Kollektivierung, die schnellstmögliche Industrialisierung und es kommt der erste Fünfjahresplan. Durch Lautsprecher wurde selbst auf den Dörfern das Volk informiert und indoktriniert. Die Alphabetisierung der Bauern wurde voran getrieben und ging natürlich mit Propaganda einher. Stalins Ziel ist dabei „die Vernichtung der Klassen auf dem Weg des Klassenkampfs des Proletariats“. Die Kulaken, also die Großgrundbesitzer werden getötet, umgesiedelt oder vertrieben, Kirchen geschlossen.

„Wird die Sowjetina umkommen wie Nastja oder heranwachsen zu einem heilen Menschen, zu einer neuen historischen Gesellschaft? Dieses unruhige Gefühl bildete auch das Thema des Werkes, als der Autor daran schrieb.“

Mit obiger Aussage beendet Platonow seine Geschichte. Er ist ein Kind der Moderne, obgleich selbst proletarischer Herkunft, zweifelte er mehr und mehr am Sinn dieser Vorhaben. Er arbeitete bereits mit 15 Jahren, war später ein sehr belesener Student, wurde Mitglied der kommunistischen Partei und zum politischen Autor. All dies kommt in der „Baugrube“ deutlich zum Ausdruck. Seine Sprache enthält typische Begrifflichkeiten dieser Epoche; damals aktuell, mutet sie heute mitunter befremdlich an. Durch mehrfaches Kürzen des Ursprungsmanuskripts gelang Platonow eine zeitweise poetisch anmutende und gleichsam auf das Wesentliche zielende Verdichtung.

Man darf davon ausgehen, dass der Übersetzerin Gabriele Leupold hier eine Meisterleistung gelungen ist: Die vieldeutige und kraftvolle Sprache überzeugt.
Im Anhang der Neuauflage findet man ergänzend umfangreiche Kommentare und Anmerkungen zum Verständnis des Textes (die für mich auch unbedingt notwendig waren), eine editorische Notiz zur Übertragung vom Russischen ins Deutsche und ein aufschlussreiches Nachwort von Gabriele Leupold.

Vor mir liegt ein sehr schön gestaltetes Buch: Ein Leineneinband ohne Schutzumschlag mit dem Titel als Prägedruck. Das Covermotiv ist gestaltet nach dem Gemälde „Köpfe (menschliche Wesen in der Stadt)“ von Pawel Nikolajewitsch Filonow von 1926.
„Die Baugrube“ erschien beim Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe und weitere umfangreiche Informationen gibt es hier.
Eine weitere Besprechung gibt es bei meiner Bloggerkollegin von Zeichen & Zeiten.
Das Buch steht auf der SWR-Bestenliste Februar auf Rang 6.