Steinunn Sigurðardóttir: Nachtdämmern Dörlemann Verlag

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„Man vergaß, dass eis nicht aus eis besteht
sondern aus wasser“

Immer wieder ist es Lyrik aus Island, die mich besonders berührt. Diesmal ist es „Nachtdämmern“ von Steinunn Sigurðardóttir. Die Autorin ist im „Schatten“ des Gletschers Vatnajökull unter dem ein Vulkan liegt, aufgewachsen und fand ihn in seiner Konstante immer beruhigend. Bis er zu schmelzen begann …

Das erste Kapitel namens „Es kommt ans Licht“, welches mir auch am besten gefällt, taucht ein in die Biografie der Autorin, immer in Bezug gesetzt zum Berg: Beginnend mit der Geburt, über die Kindheit, die Jugend und das Erwachsensein. Da ist die liebevolle Großmutter gleichen Namens, der Großvater, das Aufwachsen in und mit der Natur. Das Hüten der Kühe auf den Weiden unterm Gletscher. Das Lesenlernen. Das erste Tanzengehen, später das Studium im Ausland und immer auch wieder die Besuche zuhause. Der Blick auf den sich mit den Jahren verändernden Gletschervulkan.

„Und die mooslavagipfel in immer neuen
formen: menschengesicht,
kleiner vogel und trollfrau. Immer wieder
neue, zu der zeit der kinder auf dem
hof, auch derer, die ihr ganzes leben dort
blieben.“

Es gibt ein Kapitel, dass nur mit den Stimmen von Menschen gefüllt ist, die den Vatnajöküll besuchten oder sahen. Die Einheimischen Stimmen sind zu hören, aber auch Touristen, Besucher und Reiseführer. Ganz unterschiedlich sind die Meinungen zum Gletscher. Von Respekt über Angst bis große Freude und Glück beim Anblick.

„Über die schönheit des gletschers zu reden
war nicht in mode.“

Die weiteren Kapitel stehen ganz im Zeichen des Gletschers, bzw. des durch ihn erkennbaren Klimawandels. Die steigenden Temperaturen, die Schneeschmelze, die sich nun nicht nur im Frühjahr zeigt. Der Gletscher, der sein strahlendes Weiß verliert, das je nach Tages- und Jahreszeit in verschiedenen Farben changiert. Der Gletscher, der bald nur noch Berg ist, dunkel und kleiner ist.

Sigurðardóttirs Gedichte werden zeitweise zu Klage- und Trauerliedern oder sogar zur Anklage. Zur Anklage der Menschheit, die schuld ist am Untergang der Erde. Sie thematisiert dabei dann auch das Sterben der Arten, die Erderwärmung, das Mikroplastik im Meer, in den Meerestieren. Sie zählt die Orte am Meer auf, die bald überschwemmt sein werden. Sie geht sogar soweit zu sagen, dass ihre Heimatinsel dann nicht mehr dieselbe ist, nicht mehr Is (Ice)-land ist, nennt es Land von Feuer und Nichts. Bis sie zum Schluss wieder das kleine Mädchen wird, dass das Glück hatte, den Gletscher unversehrt zu erleben.

„aber er ist noch da auf halbmast
über dem massiv des Lómagnúpur.

ich schließe die augen und sehe

früheren glanz, blauleuchtende gewölbe
hier und da ein wolkenknäuel
oder auch ganz wolkenlos“

Sie verdichtet in sehr detailreichen Bildern. Es ist eine Poesie, die durchdringend direkt ist, die manchmal erschreckt, aber eben auch wunderschön ist. Es ist der Versuch eines Weckrufs, bevor es zu spät ist. Im Gegensatz zu den Gedichten am Anfang, als alles noch heil schien, werden die späteren Gedichte inhaltlich immer pessimistischer, ja auch wütender, getragen von einer Liebe zur Natur und von der Angst diese auf Dauer zu verlieren. Meine persönlichen Gedanken dazu sind dabei, dass es die Natur, die Erde ohne uns recht schnell schafft, am Leben zu bleiben. Die Menschheit ist es, die nicht dauerhaft überleben wird …

„Und sternenlos werden die steinreichen
vernichter in ihren unterirdischen bunkern
sein.“

Die Gedichte der in Reykjavik geborenen Autorin, die für ihre Bücher oft schon ausgezeichnet wurde, sind gerade auch wegen des brandaktuellen Themas gut als Erkundung von zeitgenössischer Lyrik geeignet und ich empfehle sie gerne.

Der Band erschien im Dörlemann Verlag. Übersetzt hat es Kristof Magnusson, selbst Autor mit isländischen Wurzeln. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der Dörlemann Verlag hat zum Erscheinen des Buches unter dem Hashtag #klimaistkeinefiction zum Selbstdichten rund um das Thema Klimawandel aufgerufen. Da ich das ja ohnehin mache, gibt es von mir diesen kleinen handschriftlichen Text aus der Reihe Notizen, Selbstgespräche:

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