Tayari Jones: An American Marriage

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Der Roman „An American Marriage“ von Tayari Jones Roman wurde bei Oprah Winfrey, der bekanntesten Literatursendung in den USA vorgestellt, der gestandene Leser Barack Obama empfiehlt ihn und schließlich wurde er mit dem Womans Prize for Fiction 2019 ausgezeichnet. Auch ins Deutsche wurde er übersetzt und erschien im Frühjahr im Arche Verlag unter dem Titel „In guten wie in schlechten Tagen“. Es ist nicht der erste Roman der 48-jährigen US-Amerikanerin, sie erhielt bereits viele Auszeichnungen und unterrichtet Creative Writing.

Ich habe diesmal zum Original gegriffen und nun also meinen ersten Roman in Englisch gelesen, um ihn auf dem Blog vorzustellen. Bisher habe ich mir schwer vorstellen können, etwas in der Originalsprache zu lesen, dazu sind meine Sprachkenntnisse in Fremdsprachen jeweils zu gering. Gerade, wenn es sich um anspruchsvolle Literatur dreht, gar um Lyrik. In der Tat bin ich aber nun mit diesem Roman erstaunlich gut zurecht gekommen und werde in Zukunft vielleicht mutiger.

Es ist eine spannende Beziehungsgeschichte die Jones hier erzählt. Tatsächlich ist es auch die Story, die mich hier am meisten interessiert. Die Sprache ist mir, es geht mir immer wieder so mit US-Autoren, oft zu beliebig, pathetisch, mit Metaphern überfrachtet – handwerklich gut – aber mit wenig Eigenart. Es geht um Roy und Celestial, zwei junge Afroamerikaner, beide geförderte Collegeabgänger mit guten Jobs, die seit einem Jahr verheiratet sind. Eines Tages wird Roy zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigt. Beide wissen, dass er es nicht getan hat, dennoch wird er verurteilt und zwar sehr hart (womöglich wegen seiner schwarzen Hautfarbe?): Zwölf Jahre Haft.

Von der Tat und der Verhandlung wird fast gar nichts erzählt, sondern vor allem von den Empfindungen der beiden vor- und nachher. Jones teilt das Buch auf, in Kapitel, die jeweils aus der Sicht von Roy oder Celestial erzählt werden. Einzelne im Lauf der Geschichte auch von Andre, der seit Kindertagen Celestials bester Freund ist. Die Handlung bezieht sich somit vor allem darauf, was aus der Beziehung der beiden wird durch diese ungewollte Trennung. Und es zeigt ein Bild der Südstaaten-Mentalität, in der vor allem Religion, Abstammung und eine extrem traditionsbehaftete Sichtweise auf die Ehe und die Geschlechterrollen vorhanden sind. Auch die Elternbeziehung und der Kinderwunsch, der hier sehr stark im Vordergrund steht, als gäbe es keine Partnerschaft, ohne Kinder zu haben, als wäre es oberste Pflicht, auch von Eltern und Schwiegereltern gefordert, Kinder zu bekommen. (Alles Sichtweisen, die mir mehr als fremd sind.)

So kommt es auch dann zu besonderen Konflikten, als sich Celestial erlaubt ihr Leben mit dem Focus auf ihre Kunst, sie stellt Puppen her, weiterzuleben, auch ohne Roy. Sie emanzipiert sich im Verlauf der Geschichte mehr und mehr und wird zur gefragten und gut bezahlten Künstlerin. So entfernt sie sich von Roy, der Kontakt bleibt immer mehr aus und es entsteht wieder große Nähe zu Andre, der an ihrer Seite bleibt. Als Roy nach fünf Jahren unerwartet frei gelassen wird, kommt es natürlich zu Turbulenzen …

Im Laufe der Geschichte werden auch die bisher schamhaft verschwiegenen Seiten in den Familien aufgedeckt. Roy ist ein adoptiertes Kind, sein biologischer Vater hatte sich noch vor seiner Geburt davon gemacht. Celestials Mutter ist die zweite Ehefrau des Vaters und hat sozusagen die Ehe mit der ersten Frau „zerstört“. Alles Ereignisse, die beiden schwer zu schaffen machen.

Ehrlich gesagt sind mir die beiden männlichen Figuren im Roman eher unsympathisch. Die Heldin Celestial hingegen ist immerhin eine reflektierende, sich entwickelnde Persönlichkeit und so ist es sicher auch von der Autorin beabsichtigt. Im weitesten Sinne könnte man diesen Roman in den Bereich der feministischen Literatur einordnen.

Fazit: Lesenswert durchaus, aber kein Lesehighlight.

Nell Zink: Virginia Rowohlt Verlag

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Obgleich Nell Zink schon mit ihrem Roman „Der Mauerläufer“, zu dem es eine schöne Entstehungsgeschichte gibt, in der auch der Autor Jonathan Franzen, der ja ein leidenschaftlicher Vogelbeobachter ist, eine Rolle spielt, hierzulande bekannt wurde, ist es der erste Roman, den ich von ihr lese. Sie ist mir gleich irgendwie sympathisch, da sie vor einiger Zeit nach Bad Belzig in Brandenburg statt nach Berlin zog, weil sie sich in der Hauptstadt die Miete einfach nicht leisten konnte. Könnte mir bald ähnlich gehen …

Dass ich nun ihren Debütroman „Virginia“ lese, der tatsächlich in Virginia, USA spielt, hat den einfachen Grund, dass ich die skurrile Idee, dass eine lesbische Studentin und ihr schwuler Literaturprofessor heiraten und Kinder bekommen, ziemlich witzig fand. Und die noch skurrilere Idee, nach der Trennung mit der kleinen Tochter die Identität einer Schwarzen anzunehmen, einfach genial fand. Hier merkt man schon gleich, dass Zink allerhand in ihren Roman packt und dabei so manche Grenze überschreitet. Dennoch ist der Roman kein bisschen überladen, sondern einfach nur witzig auf hohem Niveau. Zink weiß viel, denkt viel. Schreibt mit viel Humor, wenngleich die Sprache auf Dauer für mich schon etwas glatt nach Creative Writing klingt. Vielleicht ist es auch einfach die amerikanische Art, die Dinge auszudrücken. Wenn ich „Virginia“ mit dem Roman „Max, Mischa und die TET-Offensive“ des Norwegers Johan Harstad vergleiche (lese ich gerade parallel), der auch in den USA spielt, dann liegen Welten dazwischen.

Da ist also Peggy (später Meg), lesbische Studentin und ihr schwuler Professor, Lee Fleming. Da Meg ziemlich schnell schwanger wird, heiraten die beiden, bekommen auch noch ein zweites Kind, obwohl sie eigentlich gar nicht für ein Zusammenleben geeignet sind.

„Für eine Lesbe bedeutete Lees Haus einen kalten Entzug. Es konnten Monate vergehen, ohne dass man eine Frau zu Gesicht bekam. Aber das war auch egal, wenn man vorgehabt hatte, eine bleistiftdünne Verführerin in Schwarz zu sein, und nun im karierten Bademantel am Herd stand und Pfannkuchen buk.“

Eines Tages haut Peggy dann auch mit der Tochter ab, nachdem sie den Wagen ihres Mannes in den See gefahren hat, aus Wut über seine Untreue. Der Sohn bleibt beim wohlhabenden Vater. Im geschichtsträchtigen ländlichen Südstaaten-Virginia übernimmt Peggy/Meg mit ihrer Tochter eine neue „schwarze“ Identität, was tatsächlich nicht hinterfragt wird, denn es gibt hier viele Abstufungen des „Schwarzseins“. Sie kämpft sich mit ihrer Tochter Mireille/Karen quasi mittellos durch, schreibt nebenher Theaterstücke für die Schublade. Tatsächlich findet ihr Mann, der Detektive los schickt, um sie wegen Kindesentführung dingfest zu machen, sie deshalb nicht. Mit kleineren illegalen Drogengeschäften verdient sie ihr Geld, nach außen hin rechtschaffen. Die Tochter, die nichts von Vater und Bruder ahnt, kann studieren gehen mit ihrem schwarzen Freund Temple, beide erhalten ein Stipendium für „Minoritäten“.

„Und ihre Tochter war (…) wenn schon nicht das beliebteste aller Kinder, das Idol aller Emigranten der Vorstädte. Das geisterhafte, flachsblonde schwarze Kind war geradezu der Solz der Bürger. Die hofften, sie würde in der Gegend bleiben, einen hellhäutigen Mann mit blauen Augen heiraten und eine dieser Konversationsstück-Dynastien begründen.“

Der Sohn Byrdie, einige Jahre älter, wächst ohne Sorgen beim Vater heran, nimmt sein Studium nicht so ganz ernst und konsumiert mitunter mit Mitstudenten Drogen. Zum Showdown kommt es, als Temple und Karen auf einer Studentenfete nichts ahnend auf Byrdie treffen. Hier gibt Nell Zink Gas und schlittert mit allerhand Unglaubwürdigkeiten rasant auf ein Happy End mit einer Art Familienzusammenführung zu. Das ist schon leicht übertrieben, aber wie hätte ein anderes Ende in solch einer Geschichte enden sollen? Zinks Sprache hilft auf jeden Fall über manche allzu pathetische Passage hinweg. Mitunter salopp, derb, aber auch mit vereinzelten poetischen Einschüben ist das Buch auf jeden Fall durchweg abwechslungsreich und spannend zu lesen. Vor allem, wenn man, so wie ich, so gut wie keine Ahnung vom US-amerikanischen Süden hat, lernt man allerhand über das soziale Gefüge und gesellschaftsspezifische Besonderheiten. Denn die 1964 in Kalifornien geborene Nell Zink wuchs selbst im ländlichen Virginia auf. Alles in allem ist „Virginia“ ein Roman, denn ich flott und mit Gewinn gelesen habe.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag, dem ich für das Rezensionsexemplar danke. Übersetzt hat es Michael Kellner. (Zink schreibt in Englisch, obwohl sie sehr gut Deutsch spricht.) Eine Leseprobe gibt es hier

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.