Neue Lyrik im Herbst – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Herbst 2021

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Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Herbstvorschauen 2021 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

Meine vier Favoriten:

Auf Ulrich Kochs neuen Lyrikband freue ich mich sehr. Er ist ein, wenngleich unerreichbares, Vorbild für mein eigenes Schreiben. Geniale Kostproben gibt es immer wieder auf Facebook. „Diese Gedichte sind groß, groß genug für Gegensätze und Selbstwidersprüche, und sie nehmen sich zurück, als hätten sie sich gekürzt. Sie sind das, was übrig bleibt, wenn das Ich – »Ein Niemand / Unvergessen« – gestrichen ist.“ (aus dem Vorschautext). „Dies ist nur ein Auszug aus einem viel kürzeren Text“ erscheint am 27.8.21 beim Jung und Jung Verlag.

Levin Westermann hat mich mit seinem letzten Gedichtband sehr begeistert. „Denn das Schreiben ist immer auch ein Überschreiben. Literatur ist Palimpsest. Und alles ist verbunden, im Text und in der Welt. Kein Lebewesen existiert für sich allein, und kein Text entsteht aus dem Nichts.“ (aus dem Vorschautext).  „farbe komm dunkel“ erscheint am 26.8.21 im Matthes & Seitz Verlag.

Ich bin Fan von Lutz Seilers Texten, sei es Prosa oder Lyrik. Sein neuer Band heißt  „schrift für blinde riesen“. „Mit seiner suggestiven Stimme und einer gehärteten Sprache jenseits aller Moden eröffnet Lutz Seiler einen ureigenen poetischen Raum. Vor allem ist es die Materialität der Dinge, das Sprechen nah an den Substanzen – verwandelt in Rhythmus und Klang, bilden sie den Erzählton seiner neuen Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Erscheinungstermin ist der 16.8.21, wie immer im Suhrkamp Verlag.

Der Debütband „dekarnation“ von Eva Maria Leuenberger hat mich bereits fasziniert und ich bin sehr gespannt auf  „kyung“.  Eva Maria Leuenbergers zweites Buch ist eine unerschrockene Auseinandersetzung mit Identität, Herkunft und Sprache, Ent- und Verwurzelung, sexueller Gewalt und Angst. All das macht kyung zu einem hochpolitischen und hochaktuellen Werk.“ (aus dem Vorschautext) Der Band ist bereits erschienen am 25.6.21 im Literaturverlag Droschl.

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Ron Winklers Bände stehen fast alle in meinem Buchregal. Sein neuer Band trägt den Titel „Magma in den Dingen“. „Ron Winkler untersucht in seinem neuen Band, wie die Sprache in der Bewegung ihre Fließgeschwindigkeit verändert. Unermüdlich sind Winklers Gedichte dem »strapaziösen Schönen« auf der Spur, tragen sie die überraschenden Überschüsse dessen nach, was der Fall ist.“ (aus dem Vorschautext). Der Band erscheint am 20.7.21 im Schöffling Verlag.

Birgit Kreipes neuer Lyrikband aire“ ist gerade bei Kookbooks erschienen. „Die Gedichte in aire spüren inneren und äußeren Umbrüchen nach – etwa Krankheit, Umzug, Verlust – und interessieren sich für disruptive oder allmähliche Veränderungen: für die sukzessive Integration von Sinneseindrücken, das Gären von Gefühlen, Gedanken- und Erinnerungsspuren sowie die dadurch ausgelöste spezifische Unruhe – und deren Sprünge und Transformation in neue Erfahrung.“ (aus dem Vorschautext). ET 28.6.21

Herausgegeben von beiden, von Birgit Kreipe und Ron Winkler erscheint eine Anthologie über Märchen im Gedicht: „Rote Spindel Schwarze Kreide“.  Es überrascht nicht, dass Märchen auch die Poesie inspirieren. Es überrascht eher, dass märchenhafte Lyrik bisher nicht in dieser Form zusammengekommen ist. Dabei sind sich beide Genres äußerst nah. Am Wunderbaren rühren, die eigene Zeit verwandeln oder hinterfragen, vertuschen und verblüffen, es mit dem Unergründlichen aufnehmen: Das können Märchen, können Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Ab 13.9.21 bei Edition Azur/Voland Quist.

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Die Gedichte der jungen albanischen Lyrikerin Luljeta Lleshanakus fielen mir schon in der Anthologie „Grand Tour“ positiv auf.  Nun erscheint der Band Die Stadt der Äpfel im Hanser Verlag. „Luljeta Lleshanaku gehört zu den prägendsten Stimmen der neuen Lyrik Osteuropas. In jungen Jahren erlebte sie den politischen Umbruch in Albanien, jene plötzliche Beschleunigung der Zeit, die ihrer Generation eine Welt ohne Anker und Zukunft hinterließ. Lleshanakus Gedichte sind von großer Unmittelbarkeit und Melancholie gezeichnet.“ (aus dem Vorschautext) ET 27.9.21

Ronya Othmann, die bereits beim Gertrud Kolmar-Preis den Förderpreis erhielt, bringt nun nach ihrem Debütroman auch einen Gedichtband heraus. „Widerständig und zugleich an jeder Stelle ungeschützt und intim tragen diese existenziellen Gedichte einen neuen Ton in die Gegenwart: „wir werden die detonation rückwärts lesen.““ (aus dem Vorschautext)  „Die Verbrechen“ erscheint am 25.10.21 im Hanser Verlag.

Den Hauptpreis beim Gertrud Kolmar-Preis erhielt Ulrike Draesner mit ihrem Gedichtzyklus  „doggerland“ „Oszillierend zwischen Deutsch und Englisch, zwischen gebundener und freier Rede, wirft Draesners bereits vor der Veröffentlichung preisgekröntes Gedicht einen Blick zurück: vom immer wahrscheinlicheren Ende des Holozäns zu unseren Anfängen. Eine bewegende, von jahrhundertealten, meist männlichen Vorstellungen befreite lyrische Suche nach unseren Wurzeln.“ (Vorschautext) Der Band erscheint am 4.10.21 im Penguin Verlag.

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9783945832462.jpg frau20210624_130415158214244945771143.jpgDas Kettenkarussell

Die 1982 in Syrien geborene Rasha Habbal ist bereits an dem wunderbaren Projekt „Weiterschreiben“ beteiligt. „Rasha Habbals Gedichte machen sich verletzlich. Sie sind immer intim, aber nie privat – immer alltäglich, aber nie belanglos. Szenen und Situationen projiziert Habbal auf den Hintergrund ihrer Entstehung: die syrische Revolution von 2011, den Bürgerkrieg, das Leben in Deutschland. Die Geschehnisse gewinnen aber nicht die Oberhand über das Gewöhnliche, das eine umso größere Symbolkraft entfaltet.“ (aus dem Vorschautext) „Die letzte Frau“ erscheint am 1.9.21. im Verlagshaus Berlin.

Bei Kookbooks erscheint der neue Band des Lyrikers Farhad Showghi. „Ich entwerfe ein Sprechen. Und komme zum Erzählgedicht. Was geschieht, wenn ich sage: Genaugenommen verlasse ich das Haus und die Ortschaft. Die Ort-schaft. Die Silbe schaft beschäftigt mich. Und ich will jetzt einen Zuruf suchen, mit einem mundfernen Sprechgefühl, mir indes einen Namen machen, einen Namen, der von sich aus nichts tut, keiner Anweisung folgt, eher Lautfolge bleibt.“ (O-Ton Showghi in der Vorschau)  „Anlegestellen für Helligkeiten“ erscheint im Oktober 21.

Neue Gedichte der Georgierin Bela Chekurishvili sind bereits am 13.7.21 erschienen. Der Gedichtband heißt „Das Kettenkarussell und erschien beim Wunderhorn Verlag. „Die neuen Gedichte von Bela Chekurishvili haben ihre Ankerpunkte in der Kindheit. Sie rückt umso mehr in den Blick, je länger und je weiter sich die georgische Dichterin aus ihrer Heimat entfernt hat. Die Gedichte Bela Chekurishvilis holen die Ferne heran, mit den uralten Mitteln der Poesie.“ (Text aus der Verlagsvorschau).

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Zwei interessante Lyrikbände erscheinen Mitte September im Elif Verlag. Zum einen ein weiterer Band aus Island, diesmal „Lederjackenwetter“ von Fríða Ísberg, wieder zweisprachig und übersetzt von Wolfgang Schiffer und Jon Thor Gislason. Eine Empfehlung vom Verleger selbst ist der Band „Schmutzfleck“ von Seyyidhan Kömürcü. 

Şafak Sarıçiçeks neuester Gedichtband scheint mir inhaltlich sehr spannend: „Mit Aplomb treten auch die Gedichte auf, die Im Sandmoor ein Android versammelt. Bemerkenswert ist ein Zyklus, der die Heidelberger Sammlung Prinzhorn – ein Museum für Kunstwerke aus psychiatrischen Kliniken – reflektiert und in kraftvolle Sprachbilder übersetzt. Überhaupt geht es in Sarıçiçeks Lyrik oft um Objekte, um Exponate. Kaum ein Gedicht ohne Auftritt lebender oder fossiler Pflanzen und Tiere.“ (aus dem Vorschautext)  „Im Sandmoor ein Android“erschien bereits am 14.7.21 beim Quintus Verlag.

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Titelfoto: Constanze Matthes

 

Andreas Maier: Die Städte Suhrkamp Verlag

Der achte Band des auf elf Teile angelegte Romanzyklus „Ortsumgehung“ von Andreas Maier ist erschienen! Beinahe jedes Jahr gibt es einen neuen Band, der von mir immer sehnlichst erwartet wird, denn ich bin großer Fan des Erzählstils von Maier. Es sind autobiographische Schriften, womöglich in Anlehnung an Thomas Bernhard, dessen Prosa Thema der Dissertation Maiers war. Auch Maier hat einen sehr eigenen Stil, den ich sehr amüsant finde, zudem ergibt sich bei mir oft ein Wiedererkennungseffekt, da ich im selben Jahr wie Maier geboren bin und somit ähnliche Kindheitsszenarien kenne. 

Andreas Maier wuchs in der Wetterau Nähe Frankfurt am Main auf und nimmt uns diesmal mit auf Reisen. Da sind die Kindheitsreisen mit den Eltern und den Geschwistern in den Ferien. Meist immer ans gleiche Ziel: Das eigene Ferienhaus in Brixen in Südtirol, wo immer die gleichen Abläufe vor sich gehen. Die selben Touren immer mit dem Auto, mit dem Mercedes Benz, denn der Vater ist wohlhabender Rechtsanwalt. Die täglichen Ausflüge und das Köfferchen mit den geliebten Asterixheften, die zum xten Mal gelesen werden, bereits auf der Anreise beim Autofahren.

Auch bei einer klassischen Bildungsreise der Eltern nach Griechenland ist Andreas noch dabei. Der 13-jährige Teenager sitzt dann allerdings meist an der Hotelbar und trinkt Ouzo in südländischer Langsamkeit, statt die Eltern bei den Besichtigungstouren zu begleiten. Die erste Reise allein, bzw. mit einem etwas älteren Schulfreund führt nach Frankreich, nach Biarritz und zwar per Anhalter. Schnell zeigen sich allerdings die Unterschiede zwischen den beiden Jungen. Der eine interessiert sich vor allem für Strand und Mädchen, während Andreas sich irgendwie so gar nicht zielgerichtet lieber treiben und überraschen lässt. 

Der interessanteste Teil spielt in einem piemontesischen Dorf, in dem Andreas, durch eine Freundin vermittelt, viele Wochen in einer Ferienwohnung verbringt. Mit dem Vorsatz, sich umzubringen ist er losgefahren, hadert jedoch von Tag zu Tag damit. Das Wie und Wo will bedacht sein. Das Warum erfährt die Leserin nicht, vermutet aber, dass es eine typische melancholische Stimmung einer bestimmten Altersgruppe ist, die dazu neigt. Auch die Unzufriedenheit mit dem eigenen Schreiben scheint eine Rolle zu spielen. Trotz des scheinbaren Ernsts der Situation, ist dies auch die witzigste Geschichte im Buch. Denn A. beginnt plötzlich Italienisch zu lernen und seine ersten Kenntnisse im Laden und in der Pizzeria bei der hübschen Kellnerin anzuwenden. Das ist natürlich eine Zukunftszugewandtheit in der ein Suizid keinen Platz hat.

„Besuch hatte sich angekündigt. Mein Freund Jan Plaumann und ein weiterer Bekannter würden nach Oulx kommen, in meine Wohnung. Da konnte ich mich natürlich auch wiederum nicht umbringen. Vorher wollte ich nicht, denn der Besuch würde spaßig werden, das wußte ich im voraus. Den Besuch konnte ich gerne noch mitnehmen.“

Zuletzt, Andreas ist nun bereits 32, Doktorand und hat einen Roman geschrieben, geht es nach Weimar. Es ist das Jahr 2000, ein Jahr nachdem Weimar Kulturhauptstadt Europas war. Ich erinnere mich gut daran, habe ich doch damals in Thüringen gelebt und selbst viele der Veranstaltungen besucht. Maier ist angereist zu einer Lesung anlässlich des Nietzsche-Geburtstags. Er erzählt vor allem von den vielen Nazis, die ihm dort begegnen und von den Weimarern, die er, aufgrund einer einzigen skurrilen Begegnung als sehr provinziell darstellt, was ich ein wenig unglücklich bis überheblich finde, denn an zwei Besuchen in Weimar kann man sicher keinen hinreichenden Eindruck von der Bevölkerung erlangen. Ich selbst habe die kulturellen Veranstaltungen dort mit sehr aufgeschlossenem und buntem Publikum erlebt. 

„Die Städte“ erschien im Suhrkamp Verlag. Die Besprechung zum letzten Band „Die Familie“ findet sich hier. Dort kann man auch die jeweils vorherige Besprechung der einzelnen Bände finden. 

Eine weitere Besprechung des Buches gibt es auf dem Blog BooksterHRO

 

Ben Lerner: Die Topeka Schule Suhrkamp Verlag

Foto: pixabay, gemeinfrei

Das Buch „Wohin mit meiner Wut?“ – Neue Beziehungsmuster für Frauen von Harriet Lerner (damals in der Fischer Taschenbuchreihe „Die Frau in der Gesellschaft“) kennen wahrscheinlich heute nur noch meine Altersgenossinnen. Es war bei Erscheinen 1985 eines der ersten psychologischen, feministischen „Ratgeber“, die sich kritisch mit der Rolle der Frau in Beziehungen befassten. Aufgrund der Lektüre von Ben Lerners neuem Roman habe ich es aus meinem Buchregal gezogen und die damals angestrichenen Stellen nachgelesen. Verstaubt war es aber nur äußerlich, vieles ist auch heute noch aktuell. Dass Harriet Lerner Ben Lerners Mutter ist, merkte ich erst, als sie in seinem Roman vorkam.

In „Die Topeka Schule“ wird sie als Jane gehörig angefeindet von Männern nach Erscheinen dieses damals aufsehenerregenden Werks.

„Einmal fragte ich einen anderen leitenden Analytiker, warum er männliche Postdocs mit >Doktor< und weibliche Postdocs mit dem Vornamen ansprach, und prompt bekam ich beim nächsten Mal auf der Couch wieder den Penisneid-Vortrag. Der Diagnose Penisneid zu widersprechen war ein sicheres Zeichen für Penisneid.“

Ben Lerner erzählt also teils autobiographisch einen Teil eines Erwachsenwerdens in den 90ern in Topeka im Mittleren Westen der USA. Die einzelnen Kapitel handeln von der Hauptfigur Adam, seinem Vater Jonathan und seiner Mutter Jane, beide Psychologen an der Topeka Foundation. Zumeist wird aus der Sicht der jeweiligen Person erzählt. In Zwischenkapiteln, die schräg gesetzt sind, lesen wir von Darren, in Adams Alter und Umfeld, als auch Patient von Darrens Vater.

Adam, wohlbehüteter Sohn zweier Psychologen, in der letzten Klasse der Highschool ist ein Champion im Debattieren. Er gewinnt alle Schulwettkämpfe und erhält professionelle Unterstützung für sein Training. Ansonsten ist er aber ein gewöhnlicher Junge, eher sensibel sogar, vermutet man, von Migräneanfällen geplagt. Die Mutter deutet alles was in der Familie geschieht, nach ihrem Wissen als Familientherapeutin. Die Familie ist befreundet mit einem anderen Psychologenpaar, Sima und Eric. Sima hat iranische Wurzeln, hatte es mit ihrem übermächtigen Vater schwer, ebenso wie Jane. Die beiden sind nicht nur befreundet, sondern Sima wird auch zur Analytikerin von Jane. Was dabei durchklingt, ist der Missbrauch Janes durch ihren Vater.

Jonathan sieht sich in seiner Tätigkeit nach Alternativen zur Psychoanalyse um. So beschäftigt er sich viel mit Biofeedback, Meditation und anderen alternativen Methoden der Psychotherapie. Der stärkere Part in der Beziehung scheint durchaus Jane zu sein, auch klingt durch, dass Adam sich mehr an seine Mutter bindet. Zudem gibt es noch Klaus, einen älteren deutschen Psychologen, an dem sich Adam ebenfalls orientiert. Im Verlauf der Geschichte kommt es zwischen Adams Eltern immer wieder zu Auseinandersetzungen.

Schon im Teenageralter interessiert sich Adam nicht nur für die Debattensprache, sondern auch sein Interesse für Lyrik wird geweckt. Hier scheint es für ihn Möglichkeiten zu geben, freier und eigener Sprache zum Klingen zu bringen. So wie Sprache überhaupt das Thema des Romans ist. Sprache in jeder Ausdrucksform: Dialekt, Teenagerslang, Rap, Körpersprache, Hochsprache, gesprochene, geschriebene, irgendwie artikulierte, manipulierende Sprache. Sprache, die weit ab vom Inhalt nur noch für bestimmte Zwecke missbraucht wird.

Lerners Buch ist so komplex, dass man es eigentlich mindestens ein zweites Mal lesen müsste, um die verschiedenen Ebenen und tieferen Schichten zu entschlüsseln. Sicher auch, weil es keine leicht zu lesende Lektüre ist, sondern mit speziellem Wortschatz aufwartet und vom Leser enorme Konzentration verlangt. Mir haben die psychologischen, mitunter feministischen Teile mehr gefallen, als beispielsweise die ganzen ausführlichen Sequenzen über die Debattenkultur in den USA. Als Verbindungsglied fungieren die Parts, in denen es um Darren geht, der aufgrund seiner Herkunft nicht so richtig zur Collegeclique um Adam passt, in denen letztlich auch die Gewalt eskaliert. Für mich ist dieser Roman doch sehr typisch amerikanisch.

„In der Highschool bestand das Problem für ihn darin, dass das Debattieren einen zum Nerd und die Lyrik einen zur Pussy machte – auch wenn beides dazu beitragen konnte, einen in die undeutlich imaginierte Stadt an der Ostküste zu bringen, von der aus man mit großer Ironie über seine Erfahrungen in Topeka berichten konnte.“

Und das ist es, was Ben Lerner letztendlich tut. In seiner Rückblende mischt er sich auch immer mal wieder als Schriftsteller der Heute-Zeit ein und verwischt die zeitlichen Grenzen. Das ganze letzte Kapitel widmet er seiner inzwischen in New York gegründeten Familie und der aktuellen politischen Situation und seiner Position als Autor. Aus dieser Person heraus rührt er an Themen, die er gesellschaftskritisch durchleuchtet.

„Die Topeka Schule“ erschien im Suhrkamp Verlag und wurde übersetzt von Nikolaus Stingl. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein interessantes Interview mit dem Autor:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Deniz Ohde: Streulicht Suhrkamp Verlag

„Ich war nicht schaumgeboren, sondern staubgeboren; rußgeboren, geboren aus dem Kochsalz in der Luft, das sich auf die Autodächer legte. Geboren aus dem sauren Gestank der Müllverbrennungsanlage, aus den Flusswiesen und den Bäumen zwischen den Strommasten, aus dem dunklen Wasser, das an die Wackersteine schlug, einem Film aus Stickstoff und Nitrat, nicht Gischt.“

Diese Zeilen aus Deniz Ohdes Debütroman „Streulicht“ zeigen auf, wie und wo die Hauptfigur mit den zwei Vornamen aufgewachsen ist. Es ist ein Stadtteil von Frankfurt am Main, direkt neben den großen Chemiefabriken der Firma Höchst gelegen. Der Vater arbeitet dort im Schichtsystem, die Mutter geht putzen. Es ist ein Arbeiterhaushalt, in dem es nicht selbstverständlich ist, dass die Tochter aufs Gymnasium geht, später studiert. Im Gegenteil, sie wird immer wieder auf ihren Platz verwiesen, vom eigenen Vater, aber auch von Lehrern, gar Freunden. Dass sie mit so wenig Unterstützung als schüchterne, immer stiller werdende Person zum Scheitern verurteilt ist, glaubt sie meist selbst.

„Du tauchst immer so aus dem Nichts auf“, hat Sophia oft zu mir gesagt, und ich habe gelächelt, als wäre mein Lautlosigkeit eine charmante Eigenschaft und nicht Ausdruck einer erlernten Überlebensstrategie.“

Irgendwie gelingt es dann auf Umwegen aber doch. Das Abitur, das Studium. Und das Irgendwie hat mit doppelter Anstrengung zu tun, weil allzu viele Vorurteile den Weg verzögern. Fortan heißt es, immer erklären zu müssen, warum es diese „Brüche“ gab. Dass die Hauptfigur sogar von Freunden wenig Unterstützung bekam und auch so gut wie alle Lehrer die stillen Hilferufe nicht sahen, dass es auch ein Hindernis war, einen nicht geläufigen Vornamen zu haben, der sicher von der türkischstämmigen Mutter herrührte, all das lässt das Mädchen nicht ohne Verwundungen zurück.

Wie sich gegen etwas wehren, wenn man nie vorgelebt bekommt, wie sich wehren, für sich einstehen geht? Wenn der Vater sich so in sein Schicksal fügt, keine andere Lebensweise kennt, als die, die noch von der Zeit herrührt, als „wir zweimal ausgebombt wurden“.  Ein Vater, der keinen Besuch zulässt, weil die Familie etwas geschlossenes ist. Ein Vater, der trinkt, im Chaos versinkt, weil er hortet, nichts wegwerfen kann. Die Mutter, die auszuhalten versucht und sagt „du hast Glück, immerhin schlägt er nicht.

Die Geschichte ist überwiegend chronologisch mit einigen Abweichungen und Unklarheiten von der Kindheit bis zum Studium erzählt. Es ist meist eine sehr geradlinige Sprache, mitunter von bildhaften Szenen durchzogen, vor allem dann, wenn es um Reflexion oder die Erinnerung geht. Der Roman beginnt mit der Ankunft im Heimatort, ein Besuch aufgrund der Hochzeit der Jugendfreunde und hier finden sich gleich diese Sätze, die so beispielhaft sind:

„Auch mein Gesicht verändert sich am Ortsschild, versteinert zu dem Ausdruck, den mein Vater mir beigebracht hat und mit dem er noch immer selbst durch die Straßen geht. Eine ängstliche Teilnahmslosigkeit, die bewirken soll, dass man mich übersieht.“

Deniz Ohde hat einen für alle wichtigen Roman geschrieben, der mich an meine Grenzen brachte, weil mir die Geschichte sehr nah kam, weil mir vieles darin bekannt vorkam. Deshalb ist die Besprechung diesmal auch etwas kürzer als gewohnt; es finden sich nicht mehr Worte. Was nicht heißt, dass dieses Buch nicht gelungen wäre, ganz im Gegenteil. Für manche Leser wird es inhaltliches Neuland sein; gerade jenen lege ich diese so direkt und tief erzählte Geschichte sehr ans Herz.

Sie erhielt für diesen Roman den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2020. Ich freue mich, dass er für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Streulicht erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Rezension gibt es bei Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Marion Poschmann: Nimbus Suhrkamp Verlag

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„Was ist Dunkelheit? Eine Beruhigung, daß etwas endet,
was lange zunahm, zuviel wurde, Wald wurde, Wildnis, was
weiter wucherte, bis es sich endlich lückenlos schloß,
schwarzer Waldwürfel, Wildnisklotz, eine Vitrine, vollkommen
ausgefüllt mit der Behauptung von tiefer Nacht.“

Als Marion Poschmann Ende Februar ihren neuen Gedichtband im Literarischen Colloqium Berlin vorstellte, war ich wieder einmal überrascht von der Vielseitigkeit dieser Autorin. Nach „Geliehene Landschaften“ und dem Roman „Die Kieferninseln“ begibt sie sich mit den neuen Gedichten in die Welt des Wettergeschehens, des Klimas und der Landschaften, immer im Zwiespalt zwischen Höheren Kräften und Wissenschaft. Der Autor Christoph Peters unterhielt sich mit der Lyrikerin über ihre Gedichte und brachte passend zu den „Seladon-Oden“ eigene Seladon-Keramik aus China und Korea mit.

„Seladon ist die Farbe, die Jade nachahmt,
die Farbe, die sich aus der Welt zurückzieht,
das Flüstern von einem nach innen gekehrten Meer – „

Wie es zu dem Kapitel kam, erzählte Poschmann anschaulich: Ein französischer Barockroman mit einem Schäfer namens Seladon und die farbige Glasur der Keramik in Seladon-Farben, ein changierendes Graugrün, nicht klar definierbar, manchmal ins Bläuliche gehend. Faszinierende Texte sind daraus entstanden.


Poschmann ist eine Forscherin und eine Reisende im Namen des Lyrischen Ichs. So erzählte sie von ihrer Reise mit der transsibirischen Eisenbahn zum Baikalsee (auf dem Blog Allons Enfants kann man darüber lesen) zusammen mit der französischen Autorin Celine Minard (ihren Roman „Das große Spiel“ kann ich sehr empfehlen) nach der die Kapitel „Transsib“ und „Sibirischer Tierstil“ entstanden. Im letztgenannten Kapitel geht es eisig zu. Poschmann hatte wohl von den „Top-Eis- und Schneefestivals der nördlichen Hemisphäre“ (= auch der Titel eines Gedichts) die Idee der Eisfiguren mitgebracht und überraschte mit einigen selbstgeformten Eisplastiken, die leider aufgrund der milden Temperaturen sehr schnell schmolzen (Klimawandel im Kleinen):
„ich taute Grönland auf mit meinem Blick, ich schmolz die Gletscher, während ich sie voll der Andacht überflog.“


Die Dichterin, die wenig jünger ist als ich, schreibt im Kapitel „
Wettermachen“ von häuslichen Szenen, die mich sehr an meine eigene Kindheit erinnern: „Seltsam, daß Dinge wie Haarspray mit mir zusammen auf die Welt kamen“ und bringt dabei gleich ganz subtil eine Umweltkritik unter, in dem sie weiterschreibt: 

                         „Meine Kindheit jene der Tetrapaks,
Plastiktüten und Kühltruhen. Letztens erst trieben
im Müllstrudel Tausende Überraschungseikapseln
mit Spielzeug gefüllt an den Strand von Langeoog.“

Bald danach ist vom Staubsaugen die Rede und womöglich hat noch nie jemand so gelungen eine Hausarbeit verdichtet:

„Ich führe das gierige Tier auf die Weide. Ein Schlauch
voller Anmut, gebogener Nacken, das Kabelschwänzchen
erst ängstlich zwischen die Räder geklemmt, dann
nur noch gefräßig, und lange äste es zwischen den
Teppichfransen.“

Der Buchtitel, Nimbus, aus dem Lateinischen für „dunkle Wolke“, bedeutet gleichzeitig aber auch Heiligenschein, weist auf die Symbolkraft hin, die Poschmann in jedem ihrer Bücher gerne umkreist. Diesmal geht es dann auch um Wolkenformationen – Cumolonimbus – und Wasser, fließend oder gefroren und um Farben, vielfach um die Farbe Weiß in all ihren Variationen, aber auch um Schwarz, das absolute Dunkel. Hierbei spielt sie auch dazu passend mit den verschiedenen Gedichtformen, so das es immer stimmig durchgearbeitete Verse sind.

Marion Poschmanns zeigt in diesem Band aufs Schönste, dass man Gedichte über die Natur sehr wohl mit Zeitkritischem verbinden kann und dabei nicht explizit politische Gedichte schreiben muss, um auf die relevanten Themen unserer Zeit hinzuweisen. Dass ihr das bravourös gelingt, weist auf ihr feines Gespür und ihr überragendes Können als Lyrikerin hin. Ein Leuchten!

„Nimbus“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Lutz Seiler: Stern 111 Suhrkamp Verlag

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Mit seinem zweiten Roman hat der Lyriker und Prosaautor Lutz Seiler eine Art Fortsetzung seines grandiosen Romans „Kruso““ geschrieben, für den er 2014 den Deutschen Buchpreis erhielt. Er ist womöglich sogar noch besser als dieser. War „Kruso“ ein Roman, der kurz vor der Wende überwiegend auf der kleinen Ostseeinsel Hiddensee, also in der ehemaligen DDR spielte, so ist diesmal Berlin der Hauptschauplatz und zwar ganz kurz nach der Grenzöffnung.

Der Mitte 20-jährige Carl Bischoff erhält von seinen Eltern ein Telegramm mit der Bitte sofort nach Hause zu kommen und so reist Carl von Halle nach Gera und fällt dort aus allen Wolken, als seine Eltern ihn informieren, dass sie in den „Westen“ gehen wollen. Der Vater übergibt Wohnungsschlüssel und den „heiligen“ Wagen, einen gepflegten Shiguli an den Sohn und dieser fährt die Eltern an den Grenzpunkt, von wo sie ins Erstaufnahmelager Gießen kommen.

Von diesem Punkt aus teilt Seiler seinen Roman in zwei Erzählstränge. Zum einen folgen wir Carl im Shiguli nach Berlin, zum anderen den Eltern, die im Westen sehr zielstrebig einem ganz bestimmten inneren Plan folgen, das Carl dann immer wieder das „Elterngeheimnis“ nennt.

„Meine Eltern sind verschollen, gleich nach Öffnung der Grenze, das heißt, ich bin jetzt allein und suche eine Höhle, nur für mich und mein Schreiben, für die Suche nach dem Übergang, genauer gesagt, die Passage in eine poetisches Dasein.“

Carl gelangt in Berlin durch Zufall in einen sehr speziellen Kreis, „Das Rudel“ genannt, oder die „Arbeiterguerilla“, die unter ihrem Anführer, des „Hirten“, verlassene Häuser besetzt. Carl, der ehemals Maurer gelernt hat, aber eigentlich nur Dichter werden will, engagiert sich gleich beim Ausbau des Kellers, der Versammlungsraum mit Ausschank werden soll. So gelangt er in alternative Künstlerkreise mit allerlei illustren Gestalten, skurrilen Begebenheiten und trifft schließlich auf Effi, seine angehimmelte Jugendliebe, inzwischen Kunststudentin. Auch Edgar und Kruso (aus dem Vorgängerroman) tauchen in kurzen Szenen auf. Carls Unruhe legt sich durch das Zugehörigkeitsgefühl und er schafft es immer wieder sein Ziel, ein poetisches Leben zu führen, im Fokus zu behalten. Es gibt eine erste Veröffentlichung, Anerkennung von einem Dichterkollegen namens Thomas Kunst (der keinem Lyrikleser unbekannt sein sollte), ein Verlag erbittet ein Manuskript, doch die Beziehung zu Effi ist nicht dauerhaft lebbar. Einer liebt immer mehr, in diesem Fall Carl.

Seiler erzählt hier möglicherweise aus seiner eigenen Geschichte. Die Assel, das Kellerlokal gab es damals wirklich, die besetzten Häuser im Prenzlauerberg zwischen Prenzlauer Allee und Monbijoupark gab es wirklich, die sich daraus entwickelnden Künstlerkreise gab es wirklich. Seiler erzählt von einer sich auflösenden Welt, einer Übergangswelt, von der man noch nicht weiß, wo es hingehen wird. Er erzählt von dem Versuch einer Gruppe von Menschen, die sich nicht dem Konsumkapitalismus ausliefern wollen, wie er allmählich aus dem Westen vordringt. Die Sprache, die der Autor hierfür findet ist eine enorm poetische. Es ist ein Eintauchen in die Tiefe und ein Beschwören der Worte, ein Be-schreiben der zweifelnden Innenschau eines angehenden Dichters.

„Die Vorstellung, sich dorthin zu retten, aus allem heraus in ein Jenseits der Poesie. (Um dann, irgendwann, von dort her wieder einzutreten in diese öde, armselige Welt, jedoch unangreifbar, geschützt, als hätte man in Drachenblut gebadet.“

Im zweiten Strang schafft er es, die Erlebnisse von Carls Eltern als DDR-Bürger in Westdeutschland so nah und berührend zu schildern, dass auch dieser Teil der Geschichte höchst lebendig wird. Egal ob Carls Vater als Experte Kurse für seltene Computersprachen gibt oder seine Mutter als Haushälterin und Putzfrau arbeitet, immer wird das Geld sofort gespart, immer ist das Ziel im Fokus. Carls Mutter ist diejenige, die über Briefe Kontakt zu ihm hält. Diese Briefe sind auch immer Ausgangspunkt für das Weitererzählen des „Elternstrangs“, der auch oft mit Kindheitserinnerungen Carls unterfüttert ist.

Das letzte Kapitel, das den Namen des Romans und den eines DDR-Kofferradiotyps trägt, führt Eltern und Sohn wieder zusammen und auch das Elterngeheimnis wird aufgelöst. Für Carl ist es eine Zeit des Erkenntnisgewinns, für Wachstum und Neuausrichtung.

„Sie hatten ihm das alles verschwiegen und eine Art Ersatzleben geführt. Ein gutes, passables, kein unglückliches jedenfalls, nur das erzwungene Leben. […] Auch in ihm war es verankert gewesen, das zweitbeste Leben. Es entsprach einem Grundgefühl seiner Kindheit: jemand oder etwas zu vertreten, nicht voll und ganz gemeint zu sein – nicht an sich, oder wie sollte man es sagen?“

Wie schon in Kruso gibt es auch in Stern 111 immer wieder kurze traumhafte, surreale Sequenzen, die man vergeblich zu greifen versucht und das ist auch gut so. Denn zum Beispiel die schwebende Ziege Dodo möchte ich keineswegs missen. Diese Art zu schreiben zeigt vielleicht auch, wie es sich anfühlt den Weg ins Poetendasein aufzuzeigen, denn auch in Gedichten geht es mitunter nicht mit rechten Dingen zu, bleiben Geheimnisse.

Lutz Seiler hat seine große Dichtkunst mit feiner Prosa versponnen und einen sprachlich und inhaltlich höchst gelungenen Roman geschrieben, der sehr verdient auch den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 erhalten hat. Sternenleuchten!

„Stern 111“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson Suhrkamp Verlag

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Ich erinnere mich noch gut an Valerie Fritschs Roman „Winters Garten“. Es war eines der ersten Bücher, das ich 2015 auf meinem Blog besprach. Und es ist für mich eines, was bis heute noch vollkommen lebendig in mir ist, sicher aufgrund der starken Bilder, die es erzeugte. Gebannt hatte ich sie beim Bachmannpreis 2015 lesen hören, zwei Preise hat sie damals erhalten. Sie hat sich Zeit gelassen mit einem neuen Roman, doch das Warten hat sich gelohnt. Die Autorin hat noch die gleiche Intensität der Sprache wie vor Jahren. Ich verneige mich vor solch einem sicheren Sprachgefühl, vor solch einer intensiven Stimme.

„Wann immer Alma als Kind an den Krieg dachte, stellte sie ihn sich als eine magische Maschine vor, in die auf der einen Seite die Menschen hineingingen und auf der anderen Seite verwandelt, fremd und falsch wieder herauskamen.“

Valerie Fritsch erzählt von Alma, die in einer von großer Traurigkeit und Sprachlosigkeit geprägten Familie aufwächst. Die Mutter depressiv und schlafwandelnd, der Vater, dem nicht viel entgegensetzend. Alma lebt als Kind in ihrer eigenen Welt und wundert sich über die Erwachsenen. Auch die Großeltern sind zurückhaltend, was Liebe und Wärme angeht. Der kriegsgeschädigte (schuldige?) Großvater verstummt, die Großmutter mit Begabung zum Geschichtenerzählen, dem Alkohol gewogen. Es ist die Generation Kriegskinder und -enkel, von denen Fritsch erzählt. Vom Weitergeben der Kriegstraumata bis in spätere Generationen hinein und von beschädigten Kindern, die daran zu tragen haben/hatten.

„Sie sah, wie sie die Kinder zu vorsichtigen, stillen Wesen heranzog, die nicht stören sollten in dieser Welt, kleinen Menschen, die mit großer Ernsthaftigkeit vermieden, eine Last zu sein, aber versuchten jene diffuse Traurigkeit auszugleichen, die stets in der Luft lag.“

Als Alma später Friedrich kennenlernt, haben beide schon eine Ehe hinter sich. Doch hier scheint sich nun etwas Beständiges leben zu lassen. Das Kind Emil, das dieser Liebesbeziehung entspringt, bringt für Alma zunächst eine tiefe postnatale Depression. Es dauert lange, bis sie ihren Sohn akzeptieren kann. Und dann stellt sich heraus, dass Emil eine sehr besondere „Krankheit“ hat: Er kann keine Schmerzen empfinden. Für die Eltern ist das eine besondere Herausforderung. Wie Alma damit umgeht, ist brillant erzählt.

„Emils Körper funktionierte anders als jener der übrigen, denn er verstieß gegen die grundlegendste aller Regeln, gegen das Gesetz, dass die Geschichte des Menschen eine Geschichte des Schmerzes ist. Emil empfand keinen Schmerz.“

Wer Valerie Fritschs Profil in den sozialen Medien verfolgt, wird bemerken, dass die Polaroid-Fotos, die sie von Zeit zu Zeit postet, offenbar auch von Recherchereisen stammen, denn einige Bilder lassen sich im letzten Teil des Buches wieder erkennen. Diesem Teil des Buches ist eine Reise gewidmet, die Alma nach dem Tod der Großeltern mit Friedrich und Emil von Österreich nach Osten treibt, durch verschiedene osteuropäische Länder bis in die kasachische Steppe. Monatelang sind sie im Auto unterwegs auf den Spuren von verlassenen Gebäuden, die Friedrich, der Fotograf ist, für ein Magazin ablichten soll. Aber auch auf der Suche nach Spuren, die zur Vergangenheit von Almas Großvater führen, der dort in Gefangenschaft war. Der Großvater, der nur mit den neuen Herzklappen der Firma Johnson und Johnson überhaupt so lange leben konnte …

Valerie Fritschs Sprache sucht ihresgleichen. Die vielen bewundernswert gelungenen Metaphern, die für ihre Romane stellvertretend sind, weisen eine flirrende Vielfalt und eine unverkennbare Melodie auf. Es ist, als ob man durch eine andere Zeit liefe, in der die Worte noch ein größeres Gewicht hatten. Es ist eine scheinbar sehr sanfte und doch gewaltige Kraft der Sprache, die mich mitunter in ihrer Erzählweise an Märchen erinnerte. Es ist ein Herzensbuch. Große Leseempfehlung! Helles Leuchten!

Der Roman der 1989 geborenen Österreicherin erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Andrej Platonow: Die glückliche Moskwa Suhrkamp Verlag

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Was für eine Sprache! Welch ein eigensinniger Stil!
Bereits „Die Baugrube“ hat mich von der ersten Seite an begeistert und nun ist es mit dem Roman „Die glückliche Moskwa“ ebenso. Platonow hat eine faszinierende Art vermeintlich schlicht und dennoch anspruchsvoll zu schreiben. Der vorliegende Roman zählt nur 140 Seiten. Es ist der letzte Roman Platonows. Im Anhang kann man einiges über die Entstehung erfahren und sogar vier verschiedene Anfänge lesen, die aufgrund der Notizbücher des Autors von 1932 bis 1936 überliefert sind. Herausgeberin der Moskauer Ausgabe Natalja Kornienko schreibt dazu:

„Die vorliegende Ausgabe wurde auf Grundlage des Manuskripts erstellt, das sich in Platonows persönlichem Archiv befand. Der Text wurde mit Bleistift auf graues Papier geschrieben – teils auf beidseitig beschriebene Blätter, die aus Schulheften und Kontobüchern herausgerissen waren, teils auf die Rückseite von Manuskripten seiner frühen Gedichte.“

Einprägsame Figuren wandeln durch die Geschichte, die in Moskau Mitte der 30er Jahre spielt. Allen voran die stolze Moskwa Tschestnova, die freiheitsliebende junge Frau, die sich nicht binden will, die an den „neuen Menschen“ und an die Kraft des Kommunismus glaubt. Sie wächst als Heimkind auf und trifft später auf Boshko, einen Geometer und Stadtplaner, der sie schließlich in der Schule der Luftfahrt zur Ausbildung unterbringt.

„Was lieben Sie denn am meisten?“, fragte er.
„Ich liebe den Wind in der Luft und noch so dies und das“, sagte die erschöpfte Moskwa.
„Also die Schule für Luftfahrt, etwas anderes kommt für Sie nicht in Frage“, stellte Moskwas Begleiter fest. „Ich werde mich bemühen.“

Doch da fliegt sie, nachdem sie als Fallschirmspringerin zu leichtsinnig unterwegs war, raus. Sie wird danach Angestellte in einer Behörde, arbeitet später auf der riesigen Baustelle der neuen Metro in Moskau. Da ist der Ingenieur Sartorius, der sich unsterblich in Moskwa verliebt und als die Liebe nicht auf Dauer erwidert wird, sich wieder an die Arbeit der Konstruktion neuer Waagen und der Entdeckung der menschlichen Seele macht. Da ist der Arzt und Pathologe Sambikin, der die Seele des Menschen beim Sezieren Verstorbener sucht und dabei glaubt, ein Fluidum der Lebenskraft entdeckt zu haben. Da gibt es den „Außermilitärischen“ Komjagin, der in „oblomow`scher“ Weise lebt und für den Sozialismus nicht tauglich ist. Alle, alle sind sie von Moskwa betört.

„Lange Stunden ging und fuhr sie durch die Stadt, niemand berührte sie, niemand fragte sie etwas. Das allgemeine Leben raste als derart kleinlicher Müll an Moskwa vorbei, das sie den Eindruck hatte, die Menschen seien durch nichts vereint, und Befremden stehe zwischen ihnen im Raum.“

Als Moskwa bei einem Unfall auf der Baustelle ihr rechtes Bein verletzt, landet sie durch Zufall auf dem Operationstisch von Sambikin, der ihr das Bein amputieren muss. Erneut entflammt er in Liebe und fährt mit ihr zur Genesungskur. Doch auch diesmal reicht es nicht. Moskwa verlässt ihn und heiratet ausgerechnet den kränkelnden Komjagin. Ihre Beweggründe erfährt man nicht. Es liegt eine gewisse Beliebigkeit in ihren Entscheidungen.

Der Rest des Romans erzählt von Sartorius, der aus Gram seine Identität vom studierten Ingenieur zum einfachen Arbeiter mit neuem Namen wechselt und dann eine lieblose Ehe mit starrer Routine eingeht. Eindeutig zeigt sich hier die Unfertigkeit der Geschichte und auch die Brüche zwischen den drei einzelnen Teilen. Lag am Anfang der Schwerpunkt auf der Lichtgestalt Moskwa, nach der Hauptstadt Moskau benannt, entwickelt sich die Handlung mehr und mehr zu den liebes- und lebensleidenden Männern hin, was mich etwas enttäuscht hat. Alle Männerfiguren sind im Vergleich zur Heldin eher schwach und melancholisch bis weinerlich dargestellt. Dennoch spannend zu sehen, auch anhand der beigegebenen Entstehungsgeschichte, welche inhaltliche Entwicklung der 1899 in Woronesh geborene Schriftsteller Platonow in seinem Schreiben machte. Sprachlich ohne Abstriche empfehlenswert!

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Das Cover ist, wie schon bei „Die Baugrube“ schön gestaltet mit einem stofflichen Einband und haptischer Titelprägung unter Verwendung des Gemäldes „Die Bauarbeiter“ von Alexandr Alexandrovich Dejneka. Die Übersetzung liegt der ersten deutschen Übersetzung von Renate Landa und Lola Debüser zugrunde, wurde aber überarbeitet von Jekatharina Lebedewa. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Nora Bossong: Schutzzone Suhrkamp Verlag

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Gleich vorweg: Ich bedaure sehr, dass Nora Bossongs Roman „Schutzzone“ nicht auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gewählt wurde. Ich kenne Bossong als Lyrikerin und von ihrem Roman „36,9“ über Antonio Gramsci. Und auch in diesem Roman geht sie wieder brillant mit Sprache um. Bossong hat zudem ein Thema gewählt, das höchst interessant und brisant ist. Dass darin auch eine Art Liebesgeschichte steckt, ist ohnehin nur ein Spiegel des gleichen Themas. Es geht um Mira, eine Mittdreißigerin, die für die Vereinten Nationen arbeitet und dabei ständig unterwegs ist, nie Ruhe oder einen sicheren Ort findet, keine Schutzzone, auch nicht in einem anderen Menschen.

“ …die UN riefen auf und baten und befürworteten und betonten und unterstützten und drängten und entschieden, mit der Angelegenheit befasst zu bleiben. Das tun sie eigentlich immer.“

Bossong hat offenbar intensiv recherchiert und verbindet ihr Wissen mit einer einmaligen Art, dieses in eine sehr klingende Sprache einzubetten. Dabei lässt sie viel Raum und überlässt dem Leser die Aufgabe Miras Persönlichkeit vorm inneren Auge wachsen zu lassen. Die einzelnen Kapitel sind nach den Orten in der Welt benannt, an denen Mira ihre Aufgaben als Vermittlerin zwischen zerstrittenen, kriegführenden Völkern wahr nimmt. Dass sie eine gute Zuhörerin ist und durch ihr Schweigen, alle zum Reden bringt, fördert ihre Karriere. Eine Karriere, die eigentlich nur in eine Sackgasse führen kann, wie Mira im Laufe der Zeit, von Ort zu Ort, immer bewusster wird.

„Es gab das Licht um drei Uhr morgens in den Sitzungssälen, blasser als jede Dämmerung. Das Licht der aussichtslosen Verhandlungen. Sie wurden in die Länge gezogen, weil wir so schlecht damit klarkamen, dass etwas ins Nichts lief. Weil wir lieber müde als ohnmächtig waren. Eine Situation nicht zu beherrschen, hielten nicht viele von uns aus, die meisten hielten es nicht für möglich.“

Mira pendelt über viele Jahre hinweg zwischen Berlin, New York, Genf, Ruanda, Burundi und führt Gespräche, schreibt Berichte an ihre Vorgesetzten. Immer steht sie zwischen den Fronten, sei es bei der Vermittlung zwischen der Türkei und Griechenland auf Zypern oder im fernen afrikanischen Staat Burundi, wo sie beispielsweise mit Rebellenführern zum Dinner mit Gespräch erwartet wird. Dass dabei endlos geredet wird, nach ewigen Bemühungen immer nur winzige Schritte aufeinander zu gelingen, lässt auch Mira manchmal verzweifeln. Denn es gibt sie eben nicht, die eine Wahrheit.

Bossong schafft es mit wenig Aktion, eher mit Ungesagtem eine diffuse Stimmung zu schaffen, wiederholt beschwörend manche Szenen. Ob es die ausgelassenen Parties sind, die in mit Stacheldraht gesicherten Häusern inmitten der Kriegsgebiete stattfinden oder die Gespräche mit misshandelten, vergewaltigten Frauen, die Besuche in den Flüchtlingslagern an der Grenze, die Autorin trifft den Nerv. Die Leser*in wird vom krassen Wechsel zwischen Normalität und schlimmsten Grausamkeiten hin- und hergetrieben, wobei es die Auslassungen sind, die der jeweiligen eigenen Fantasie ausgeliefert sind.

„Die Hilfskonvois fahren. Die Diktatoren diktieren. Die Sopranisten singen. Und irgendwo schneidet ein Mann, der sonst nicht weiter auffallen würde, Leichensäcke auf, um zu sehen, ob seine Tochter darin liegt.“

Mira findet ein wenig Sicherheit in den Begegnungen mit Sarah, einer jungen europäischen Ärztin. Später in Genf trifft sie auf Milan, den sie aus ihrer Kindheit kennt und der nun als Kollege von ihr, wieder Raum einnimmt. Sie beginnen eine Art Beziehung, die nicht von Dauer ist, da Milan eine Frau und ein Kind hat. Mira ist auch in ihren Partnerschaften auf verlorenem Posten, findet nicht die Nähe, die sie sucht, die ihr Halt im steten Unterwegssein geben könnte. Nachdem die von ihr vorbereiteten Zypern-Gespräche kolossal scheitern, überlegt Mira aufzugeben … Große Empfehlung!

Nora Bossongs Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Marina Zwetajewa: Unsre Zeit ist die Kürze Suhrkamp Verlag

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„Ich bin mit Lyrik geladen wie eine Handgranate: bis zum Explodieren.“

Marina Iwanowna Zwetajewa (Мари́на Ива́новна Цвета́ева) wurde am 18. Oktober 1892 in Moskau geboren. Sie ist neben Anna Achmatova die berühmteste russische Dichterin, die mich zunächst aufgrund der Namensgleichheit lockte. In einem literarischen Kalender fand ich auf einem Blatt einen schönen Text, mit dem ich mich sogleich identifizieren wollte. Es war der Auslöser, mich der Dichterin anzunähern, was nicht so leicht ist. Letztlich bin ich immer wieder und immer noch mit ihr beschäftigt.

Wie Selbstgespräche muten sie an, die Zeilen und Texte in Marina Zwetajewas bisher unveröffentlichten Schreibheften, die der Suhrkamp Verlag nun gesammelt herausgegeben hat. Es sind vier Hefte, die überwiegend im Exil in Frankreich geschrieben wurden. Gedankenspuren sind es, Traumnotizen, Lebensüberlegungen. Es sind die einzigen schriftlichen Darlegungen, die sie aus Frankreich mit in die Sowjetunion zurücknahm. Vieles ließ sie zurück, manches versteckt bei Freunden oder nur mündlich weitergegeben. Auf jeden Fall ist es ein Wunder, dass sie erhalten blieben. Die Hefte zeugen außer von großer Dichtkunst, Leidenschaft und innerem Reichtum, auch von bitterer Not und prekärer Armut und von der ewigen Suche.

„Die Begegnung mit einem Dichter (einem Buch) ist für mich eine Wohltat von ganz oben. Nicht anders lese ich.“

Es finden sich sehr zugetane Briefe?, notierte Gespräche? mit Boris Pasternak. Im regen (brieflichen) Austausch war Zwetajewa mit vielen, nicht zuletzt mit Rainer Maria Rilke und Ossip Mandelstam. Manch pathetischer leidenschaftlicher Liebesbrief ist dabei. Mit Konstantin Rodsewitsch, der auch auf einigen der Fotos im Buch zu sehen ist, verband sie eine Liebesgeschichte, die die Ehe mit Sergej Efron gefährdete. Zwetajewas Liebesgeschichten waren höchst intensiv, doch nie hinreichend und von Dauer.

„Bei der Frau ist Kreativität stets ein Normbruch. – Und beim Mann, offenkundig, der Normalfall?“

Eine kritische, hinterfragende Stimme, also auch, was das weibliche Schreiben angeht und die geringere Anerkennung von Schriftstellerinnen, zumal Zwetajewa für ihre Zeit eine absolut unabhängige Frau war.

Viele Sätze und Abschnitte in den Originalnotizheften sind nicht mehr komplett lesbar, so ist es zum Teil recht schwierig zu verstehen, was die Dichterin meint. Die Zeilen erscheinen bruchstückhaft und verrätselt. Ganze Passagen sind in Französisch geschrieben.  Oft erfolgt die Anrufung der antiken Götterwelt. Manches erscheint mir zutiefst spirituell und transzendent. Viele zeugen von einem höchst komplexen Denken, nicht nur im Kleinen, sondern auch in größeren Zusammenhängen. Man darf vor allem auch davon ausgehen, dass sich Zwetajewa unentwegt mit der politischen und gesellschaftlichen Situation in ihrem Heimatland auseinandersetzte, auch und gerade im Exil.

„… Hier (im Exil) bin ich – unbrauchbar, dort (in Russland) bin ich undenkbar.“

Aber auch der teils bissige Humor scheint durch manche Zeilen, wie etwa im Bericht über den Besuch eines Vortrag des Anthroposophen Rudolf Steiner im Jahr 1923:

(deutsch:) „Herr Doktor, sagen Sie mir ein einziges Wort – fürs ganze Leben!“
L(ange) Pause und, himmlisch lächelnd, mit Nachdruck:
(deutsch:) „Auf Wiedersehn!“

Eine wichtige Rolle spielen immer die beiden Kinder. Die Tochter Alja, die dem Vater nacheifert und sich vor allem für Politik, für die große Sache, für den neuen Menschen, wie in Stalin propagiert, interessiert, und Murr, der Sohn, der Zwetajewa am nächsten steht. Von ihren Dialogen und seinen Kindersprüchen gibt es im Buch unzählige Seiten. So erklärt sich auch, weshalb man ihn Murr, nach E.T.A. Hoffmanns Kater, nannte:

„Mama, machen Sie mich klein!“ – „Mama, machen Sie mich zu einem Kater! Zu einem lebendigen Kater, einem echten, mit Pfoten!“

Alja geht zurück nach Moskau, wo der Vater lebt, während Marina in Paris irgendwie versucht sich und den Sohn durchzubringen. Hier entstehen auch die vier Notizhefte, die vielleicht ein klein wenig als Nachlassarchiv gedacht waren, denn sie wusste nicht, was von ihren Werken in der Sowjetunion überdauern würde, für die sie schließlich 1939 auch wieder ein Einreisevisum beantragte. Marina Zwetajewa wählte schließlich 1941 in Jelabuga, wohin sie nach dem Einmarsch der Deutschen verbracht wurde, den Freitod.

„Ich schreibe stoßweise – es ist wie eine Belohnung. Gedichte sind Luxus. Mein ewiges Gefühl, dass ich darauf kein Anrecht habe.“

Weitere Lektüre zum Thema habe ich bereits hier auf dem Blog und auf fixpoetry vorgestellt. Ein Klick auf das Bild führt jeweils zum link der Besprechung. In Romanform widmen sie sich jeweils einer bestimmten Phase in Zwetajewas Leben und Arbeiten: Die Finnin Riikka Pelo nähert sich der Beziehung Marinas zu ihrer Tochter Adriana. Hier wird auch viel von und aus den Notizheften erzählt. Und der Franzose Simon-Pierre Hamelin schreibt intensiv über die Zeit in Paris, als Marina in Clamart, einem Vorort, lebte (wie später auch unter ganz anderen Voraussetzungen Peter Handke).

Zum Schluß: dieses Zitat ist eine sehr schöne, für mich sehr stimmige Idee, wie man Gedichte schreibt, welche Herangehensweise man wählt, was man als Lyriker/in ja oft gefragt wird. Zwetajewa kommt meiner eigenen Idee vom Lyrikschreiben damit ziemlich nah.

„An Gedichten braucht man nicht zu arbeiten, der Vers selbst muss an einem (in einem!) arbeiten.“

Ganz viele Infos und eine Kurzbiographie von Marina Zwetajewa gibts bei FemBio. Bei planet lyrik findet man einen sehr ausführlichen informativen Beitrag über Zwetajewas Schreiben.
„Unsre Zeit ist die Kürze“ erschien im Suhrkamp Verlag. Herausgeber und Übersetzer aus dem Russischen und Französischen ist Felix Philipp Ingold, der auch ein informatives Nachwort dazu verfasste. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.