Christoph Hein: Verwirrnis Suhrkamp Verlag

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Mit schöner Regelmäßigkeit schreibt Christoph Hein fast jährlich einen Roman. Diesmal heißt er „Verwirrnis“ und ist (nach dem etwas schwächeren „Trutz“) wieder einmal richtig gut gelungen. Es ist für mich eine sehr emotionale Lektüre gewesen. Immer wieder kam ich beim Lesen in Rage: Was für ein fürchterlicher Vater! Was für grässliches Verhalten unter dem Deckmäntelchen der katholischen Religion! Welch schlimm konservatives Denken, welche Verbohrtheit in den 50er Jahren!

Wir befinden uns im Eichsfeld der 50er Jahre. Es ist die katholischste Region vermutlich ganz Deutschlands, zumindest aber der ganzen Ost-Zone. Im kommunistischen Teil Deutschlands ein Ausnahmefall. Hier wachsen Friedeward und Wolfgang auf. Der Sohn eines strenggläubigen katholischen Lehrers und der Sohn eines Kantors begegnen sich mit 15 zum ersten Mal in der Schule und werden die dicksten Freunde. Sie sondern sich ab von anderen, lesen und diskutieren und stellen sich eine Zukunft als Künstler vor. Als sie gemeinsam Urlaub an der Ostsee machen, entwickelt sich aus der Freundschaft ein gegenseitiges körperliches Begehren, was die beiden nur noch enger zusammenschweißt. Natürlich darf keiner davon erfahren, schon gar nicht Friedewards Vater, der seinen Sohn auch im fortgeschrittenen Jugendlichen-Alter zur Strafe noch mit einer Art Peitsche züchtigt. Dies hat die Geschwister Friedewalds bereits aus dem Haus getrieben.

Es kommt, wie es kommen muss: Pius Ringeling, Friedewards Vater erwischt die beiden auf frischer Tat. Er schafft es, dass Wolfgang die Schule verlassen muss und verdrischt den 17-jährigen Sohn.

„Die frommen Lehren bedrückten Friedeward, bescherten ihm schlaflose Nächte. Die Verdammnis wurde zu einem allnächtlichen Schreckgespenst, er hatte Albträume, er sah die Hölle, die Teufel, das Fegefeuer vor sich und fuhr im Halbschlaf laut schreiend in seinem Bett hoch.“

Dennoch schaffen beide es, wieder zusammen zu kommen. Beide studieren in Leipzig, Wolfgang Musik und Friedeward Germanistik, führen dort ihre Beziehung, wenngleich immer noch heimlich, weiter. Die Freundschaft zur Theaterstudentin Jacqueline und deren Professorin Herlinde, die ebenfalls heimlich ein Paar sind, verschafft ihnen ungeahnte Möglichkeiten: Friedeward und Jacqueline geben sich als Paar aus und sind damit gefeit vorm Entdecktwerden. Eine Hochzeit wird geplant.

Wolfgang jedoch entfernt sich. Er beendet sein Studium in Westberlin, nimmt die westdeutsche Staatsangehörigkeit an und darf fortan nicht mehr in den Osten einreisen. Er bricht alle Beziehungen zu Freunden aus dem Osten ab, auch die zu Friedeward, für den die Trennung ein schwerer Schlag ist.

Beide machen Karriere, sind Könner ihres Metiers, Musik und Literatur, und es scheint sich der Künstlertraum der Jugendlichen zu erfüllen, nur eben nicht gemeinsam.

Ein wenig seltsam mutet es an, dass Friedeward so gelassen zuhört, als im Radio vom Bau der Berliner Mauer berichtet wird. Einzig wegen Wolfgang vergisst er einige Tränen, die Idee eines eingemauerten Berlins scheint ihn kalt zu lassen, vielleicht weil sie so unvorstellbar ist oder in der Überzeugung, dieser Staat sei der Richtige. An der Universität in Leipzig herrscht ein freies, vom Regime wenig beeinträchtigtes Klima. Bis dem Leitenden Professor, genannt Goethe-höchstselbst, eine Ausreise zu einem Kongress in Wien verweigert wird. Bei nächster Gelegenheit bleibt er im Westen. Nun ändern sich die Verhältnisse. Wer nicht linientreu ist/wird, hat keine Chance auf einen höheren Posten. So auch Friedeward, doch er behält zumindest seine Dozentur, weil er zum Zeitpunkt der „Säuberungen“ bei der Beerdigung seines Vater im Eichsfeld ist. Offensichtlich wird auch er längst bespitzelt und steht trotz der „Schein“-Heirat mit Jacqueline, unter Beobachtung. Seine Sexualität lebt er weiterhin nur im Geheimen, obwohl Homosexualität kein Strafdelikt mehr ist.

Für Friedeward vergehen die Jahre bis zur politischen Wende in der DDR dennoch friedlich. Erst die Wiedervereinigung mit der damit verbundenen Abwicklung, mit Stellenabbau auch an der Universität Leipzig, stellt ihn vor eine schwerwiegende Entscheidung …

Heins Sprache ist wie immer unspektakulär, seine Stärke liegt im fließenden Erzählrhythmus, was er mit diesem Roman einmal mehr beweist.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Weitere begeisterte Besprechungen findet man bei Zeichen & Zeiten, bei Ruth liest und Peter liest.

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Rachel Cusk: Kudos Suhrkamp Verlag

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Die kanadische, in England lebende Autorin Rachel Cusk lässt den dritten Band ihrer Trilogie fast gleich beginnen wie den ersten. Zufall oder Kalkül? Interessant auf jeden Fall, denn das Gespräch, das genau wie im ersten Band fast ausschließlich vom Nachbarsitz im Flugzeug geführt wird, ist ein ganz anderes. Und doch ist es letztlich das gleiche Thema, um dass es bereits in den ersten beiden Bänden „Outline“ und „Transit“ ging. Großartig, wie Cusk ihren bewundernswerten Stil beibehält.

Beziehungen und deren Ungleichgewichte zwischen Mann und Frau, Kindern und Eltern, berufliche und private, durchleuchtet Cusk auf ihre ganz unvergleichliche Art. Wie bereits in den Bänden zuvor, schickt sie ihre Hauptfigur Faye, in Begegnungen, meist recht kurze, die auf Gesprächen basieren. Die Gespräche verlaufen allerdings sehr einseitig. Das Gegenüber erzählt, oft uferlos, und die Schriftstellerin Faye hört zu, geht mitunter, doch sehr selten, auf Fragen ein oder sagt ihre Sicht auf die Dinge. Diese aber sehr konkret und mit großer Wichtigkeit.

Diesmal ist Faye auf dem Weg zu einem Literaturfestival auf dem „Kontinent“. Im Flugzeug hört sie sich die Geschichte eines erfolgreichen Geschäftsmann an, der für die Karriere immer unterwegs, sich nun endlich seiner Familie widmen will, diese jedoch gar nicht mehr zu erkennen scheint. Das eingespielte Team brauchte offenbar nur den Versorger. Eine wichtige Rolle spielt allerdings der Familienhund …

„Ich hatte den Eindruck, dass er seine Geschichte oft und gern zum Besten gab und es ermächtigend und befriedigend fand, die Ereignisse noch einmal zu durchleben, nur eben ohne den Schmerz. Offenbar bestand der Trick darin, sich der vermeintlichen Wahrheit so weit wie möglich anzunähern, ohne die von der Wahrheit ausgelösten Gefühle die Oberhand gewinnen zu lassen.“

Im Gespräch mit dem Moderator einer Lesung und einer Schriftstellerkollegin geht es dann um den Nutzen des Buches an sich. Es wird eingetaucht in den Literaturbetrieb. Auch hier wird er totgeredet. Dann hören wir die Familiengeschichte der anderen Autorin. Auch ein Gespräch mit einer Journalistin endet nach kürzester Zeit im Monolog der selbigen. Fast glaubt man Faye würde etwas über die Journalistin schreiben wollen und sicher schöpft sie eben aus all diesen Begegnungen, den Stoff für ihre Literatur.

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Wir erleben zwei weitere Interviews, in denen ausschließlich die Journalisten reden. Sehr selbstbewusst, ohne zu merken, was sie da tun, breiten sie Theorien und biografische Daten aus, drängen Faye ins Aus. Es sind häufig Gender-Themen, die hier seziert werden. Seltsame Figuren sind unter den Gästen dieses Literaturfestivals. Schriftsteller, die eigenartiger nicht sein könnten. Jeder hat eine andere Macke. Es ergeben sich seltsame Querverbindungen, Flirt- und Fluchtversuche. Schwierig zu deuten, ob „echte“ Autoren dabei sind und in welchem Land/Stadt (Lissabon?) das Buch spielt.

“ …, gleichzeitig habe sie das Gefühl, aus einem privaten Zeitvertreib wie Lesen und Schreiben ein öffentliches Anliegen zu machen, bringe eine ganz eigene Art von Literatur hervor. Viele der eingeladenen Autoren überträfen sich bei ihren Auftritten selbst, während man ihre Bücher bestenfalls durchschnittlich nennen könne.“

Nur Faye bleibt „normal“ und im Hintergrund. Gegen Ende der Story, merke ich, wie mich die fortdauernden Monologe ermüden. Vielleicht hat Cusk diesmal doch ein wenig übertrieben, wäre doch besser ein wenig näher an ihre Hauptfigur gerückt, so wie sie es im zweiten Teil „Transit“ gemacht hat, der mir auch am Besten gefiel. Nur zweimal wird Cusk konkreter: Zwei Anrufe ihrer Söhne deuten an, dass in Fayes eigenem Leben noch immer keine Ruhe eingekehrt ist.
Für ein Faye-Interview bin ich jedoch sehr dankbar, erwähnt die Journalistin doch eine bildende Künstlerin, die ich noch nicht kannte und die eine inspirierende Entdeckung ist. Es ist die schottische Malerin Joan Eardley, deren Namen und Ideen sie, wie auch Louise Bourgeois in das Gespräch einfließen lässt.

Generell mag ich Cusks Sprache sehr. Auch davon lebt der Roman. Ich bin gespannt auf weitere Übersetzungen der Autorin und empfehle die Lektüre in der Reihenfolge des Erscheinens. Ein Leuchten!

Kudos (laut wikipedia: Ruhm, Ehre, ein vor allem im englischsprachigen Raum verbreiteter Ausruf der Anerkennung) und beide vorherigen Bände erschienen bei Suhrkamp. Übersetzt aus dem Englischen hat sie Eva Bonné. Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine weitere Blogbesprechung gibt es auf letteratura.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers Suhrkamp Verlag

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Sehr zuverlässig schreibt Ralf Rothmann jedes Jahr einen Roman. Auffällig ist, dass sie immer etwas außerhalb des Frühjahrs- oder Herbstprogramms erscheinen. Man munkelt, weil Rothmann keine Lust auf einen der zwei Messe-Preise hat. Ich kanns verstehen, denn er hat keinen der Preise nötig. Und wer einmal einen Roman von ihm gelesen hat, bleibt vermutlich treuer Leser. Im Spiegel fand ich am 4.5. ein Interview, in dem mir Rothmann auch wieder sehr sympathisch ist. Der Auszug unten spricht mir aus dem Herzen und ich würde ihn sowohl auf Roman, als auch auf Lyrik beziehen.

„Der Gott jenes Sommers“ könnte eine Art Ergänzung des letzten Romans sein, denn die Hauptfigur „Karl“ aus „Im Frühling sterben“ taucht wieder kurz auf. Leider hat dieser neue Roman nicht die Dringlichkeit des vorigen. Die Geschichte wirkt nicht vollständig, nicht rund. Sie liest sich flüssig, doch hat sie keinen klaren Fixpunkt, um den sich alles bewegt. Und doch ist es eben ein „Rothmann“, den man als Fan gerne liest.

Dass Rothmann eine Parallelgeschichte zur eigentlichen erzählt, wirkt auf mich seltsam und bereichert den Roman auch nicht. Es geht um den 30-jährigen Krieg, der aufgrund eines Jubiläums offenbar gerade „in“ ist. Womöglich soll sie Spannung auf das nächste Kapitel erzeugen. Ich bin eher in Versuchung gewesen diese Episoden zu überblättern und war traurig, dass so viel weniger von der eigentlichen Story blieb, die durchaus etwas mehr Raum gebraucht hätte. Allerdings ist es wohl auch dieser Geschichte zu verdanken, dass die Story Gott im Titel führt. Auch die eigentliche Geschichte handelt zu winzigen Teilen in einem Kloster, dass in ein Lazarett verwandelt wurde. Auch die letzte Szene, kurz nach Kriegsende, spielt im Kloster. Eine Nonne antwortet auf Hauptprotagonistin Luisas Wunsch, auch Nonne zu werden: „…iss erst mal einen Teller Suppe!“

Das Ende klingt zwar versöhnlich, aber es ist vorher auch allerhand geschehen, was unzählige Risse in Luisas 12-jähriges Leben verursachte: „Ich hab alles erlebt“, antwortete Luisa“. Der geliebte Vater, der sich scheinbar urplötzlich das Leben nahm, die ältere Schwester die verschwand, der angehimmelte Karl, aus dem Krieg zurück und doch sich gleich wieder von ihr entfernend. Die vielen Geheimnisse, wie das Lager in der Nähe des Gutshofs, in dem ihre Familie Unterschlupf fand, von dem sie immer ferngehalten wurde, streng bewacht. Oder die Perückenmacherin, die immer echtes Menschenhaar parat hat. Und vor allem die schlimme Erfahrung sexueller Gewalt, durch eine Person aus der eigenen Familie, und nicht wie immer prophezeit wurde, von den Russen, die womöglich schon bald anrücken und den Gutshof beschlagnahmen würden. Die sonst so starke Luisa bricht daraufhin fiebrig und krank zusammen und erlebt das Ende des Kriegs nur im Fieberwahn.

Luisa ist eine Leseratte, verschlingt die Bücher aus der Klosterbibliothek. So ganz anders ist die ältere Schwester Billie, die trotz Krieg und Armut vor allem auf ihr Äußeres bedacht ist, um die Männer zu betören. Die Mutter, die das unterstützt. Der trinkende Vater, der in Kiel zurück blieb und das Offizierskasino leitet und nur ein seltener Gast auf dem Gut ist. Und der Melker Karl, in den Luisa sich verguckt, ohne genau zu wissen, was da geschieht. Mit ihm verbringt sie Zeit im Stall mit den Tieren, doch wird er dann kurz vor Kriegsende noch eingezogen und an die Front geschickt. Die bodenständige linientreue Stiefschwester, die mit einem SS-Offizier verheiratet ist, hat der Familie die Bleibe auf dem Gutshof ermöglicht. Ihm wird auch das Anwesen zugesprochen, nachdem es ja keine Erben, „zumindest nicht im Reich“, mehr gibt.

Rothmann lässt manches im Dunklen, macht nur Andeutungen und doch kann man sich als Leser*in natürlich vieles zusammen reimen. Anderes wiederum bleibt offen und immer ein Rätsel, so wie es in der Geschichte ja tatsächlich auch geschieht. Und wer weiß, vielleicht schreibt Rothmann ja schon an einer weiteren Ergänzung dieser Geschichte, die ganz offensichtlich auch, wie schon beim Vorgänger, aus autobiographischen Material entstand.

„Der Gott jenes Sommers“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine weitere Besprechung gibt es auf LiteraturReich. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Film – Kunst – Film: Die Geträumten DVD Film von Ruth Beckermann 2017 filmedition suhrkamp

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

„Führ mich an die Seine, wir wollen so lange hinein schauen, bis wir kleine Fische geworden sind“

Ingeborg Bachmann, 1948

Der Film „Die Geträumten“ wurde 2016 auf der Berlinale vorgestellt und ist nun auch als DVD erhältlich. Es ist ein gewagtes Experiment. Die bekannte Regisseurin Ruth Beckermann lässt hier den Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan von zwei Schauspielern interpretieren, ohne eine eigene Spielfilmhandlung einzusetzen. Die braucht es allerdings auch gar nicht, ja, sie wäre sicher vollkommen verkehrt, denn die Texte wirken von allein sehr stark. Vom Film, gleich vorweg, bin ich etwas enttäuscht.

„Manchmal glaube ich, alles ist ein verworrener Traum und es gibt dich gar nicht und Paris nicht und nur die mich zermalmende, schreckliche hundertköpfige Hydra Armut, die mich nicht loslassen will.“

Ingeborg Bachmann, 1950

Wir hören von zwei höchst sensiblen, leicht zerbrechlichen Menschen, die sich lieben und doch Angst voreinander haben. Beide haben Beziehungen zu anderen Menschen, und so selten die Kraft, einander zu sehen, zu begegnen.

Was mir auffällt: Ich schließe oft die Augen und höre den Briefdialog. Vielleicht ist das Bildhafte bei so starken Zeilen gar nicht notwendig. Die Stimmen der beiden Schauspieler, Anna Plaschg und Laurence Rupp sind gut geeignet für diese Texte und doch muss ich sie nicht unbedingt sprechen sehen, denn ich sehe ja schon Bachmann und Celan im Inneren.

Im Film sieht man dann die beiden in den Drehpausen miteinander: Sie nutzen sie zum Rauchen oder Reden, albern herum, doch kommen sie mir dadurch nicht näher. Im Gegenteil, diese Episoden wirken eher befremdlich, fallen sie doch ganz aus dem Bachmann-Celan´schen Kosmos heraus. Ein Versuch, der hätte glücken können, doch für mich ist, bedauerlicherweise, dieses Filmporträt gescheitert.

Ich empfehle auf jeden Fall aber das Buch, das auch im Suhrkamp Verlag erschien.

Mehr über Film und Schauspieler auf der offiziellen Film-Website:
http://www.diegetraeumten.at/home.php

Der Film kommt aus der filmedition des Suhrkamp Verlags:
http://www.suhrkamp.de/buecher/die_getraeumten-ruth_beckermann_13541.html
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Serhij Zhadan: Internat Suhrkamp Verlag

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Kürzlich haben Susanne Stöhr und Juri Durkot für die Übertragung des Romans „Internat“ von Serhij Zhadan vom Ukrainischen ins Deutsche den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse 2018 erhalten. Mich hat das angeregt mich diesem interessanten Autor lesend anzunähern. Der 1974 geborene Zhadan hat bereits einige Romane, auch Lyrikbände geschrieben, die sich immer mit seiner Herkunft, seinem zerrissenen Heimatland auseinander setzen und ist in seiner Heimatstadt recht umtriebig. Sein Band „Warum ich nicht im Netz bin“ bietet lyrische sehr aufrüttelnde Einblicke in eine ganz dunkle Welt des Kriegsgeschehens.

„Sie unterrichten nicht zufällig Geschichte?“ Dabei sieht er Pascha durchdringend an.
„Nein“, antwortet Pascha, „nicht Geschichte“.

Pascha, die Hauptfigur, ist Lehrer. Das ist auch die Auskunft, die er jedem gibt und gleichzeitig die Entschuldigung, dass er sich für nichts, was Politik betrifft, interessiert. Sein Lehrerdasein zusammen mit seiner behinderten Hand haben ihn davor bewahrt, für sein Land kämpfen zu müssen. Dabei weiß eigentlich keiner, wessen Land das eigentlich ist, so oft wechselten die, die etwas zu sagen hatten oder haben wollten. Ein Hin und Her auch der Sprachen – Russisch, Ukrainisch etc. Pascha weiß selbst nicht mehr, was er eigentlich lehren soll. Das große Desinteresse, die Desillusionierung zieht sich durch Paschas bisheriges Leben. Seine Freundin Marina hat ihn bereits deshalb verlassen. Mit seiner Schwester und seinem Vater, mit dem er zusammen wohnt, gibt es oft Streit. Als die Schwester ihn bittet, während seiner Ferien seinen Neffen abzuholen, der in die nächstgrößere Stadt in ein Internat abgeschoben wurde, beginnt für den anfangs noch naiven Pascha die größte Herausforderung und ein ungewollter Leidensweg. Denn rundherum tobt der Krieg, keiner weiß genau wo, warum und wie lang.

„Erst da spürt Pascha, dass er Angst hat. Ein Gefühl klebriger, kalter Angst. Als wäre jemand zu ihm gekommen, hätte seinen Tod aus einem Sack genommen, ihn ihm gezeigt und dann wieder zurückgelegt, in den Sack. Er hat ihn aber schon gesehen.“

Es ist ein unglaublich düsteres Buch. Keine Szene vergeht, ohne dass es neblig, feucht, kalt und schrecklich ist. Noch nie habe ich einen Roman gelesen, der ein Kriegsszenario so drastisch und dennoch wie beiläufig schildert. Die Geschichte handelt von der Gegenwart eines kriegsgebeutelten Landes, das keine Ruhe findet, dessen Bewohner unablässig mit Gefahr, Unsicherheit und Leiden konfrontiert sind. Zhadan schafft es eine Stimmung einzufangen, wie ich sie nicht kenne und hoffentlich nie erleben werde. Der Autor hat nichts anderes als die Sprache gegen diesen Krieg und er weiß sie einzusetzen. Dem Leser wird nichts erspart. Dabei fliesst gar nicht so viel Blut, werden kaum grausame Szenen geschildert. Es ist allein der Alltag der Menschen, der alle Schrecknisse beinhaltet. Mit wenig bis gar keinen Habseligkeiten, kaum mehr Nahrung, ziehen die Bewohner ziellos von einem Ort zum anderen, nirgends gibt es Sicherheit, kein Heim mehr. Keiner weiß, wie die Frontlinie sich verschiebt, wann die eine Seite wieder die Macht übernimmt, die Flagge austauscht.

Pascha als Sprachlehrer. Zhadan, der seine Protagonisten immer wieder in anderen Dialekten sprechen lässt, je nachdem welche militärische Einheit gerade Oberhand gewinnt.

„Er spricht Surshyk, einen Mischmasch aus Ukrainisch und Russisch, wechselt alle zwei Worte in die andere Sprache.“

Generell geht es in diesem Roman viel um Sprache. Sprache als Form der Zugehörigkeit, des Erkennens – Muttersprache. Ukrainisch, das immer wieder verboten war. Aber auch die Sprache, die aufgedrückte, die notgedrungen übernommene aus der Zeit als die Ukraine Teil der Sowjetunion war. Russisch, wohl teilweise auch polnisch. Alles basierend auf einer höchst komplexen und wechselvollen Geschichte dieser Nation (die ich selbst erst recherchieren musste). Bis heute kommt das Land nicht zur Ruhe. Das Buch ist brandaktuell. Es ist schrecklich und hart zu lesen, aber es macht bewusst für das Glück, das wir hier haben, nicht in einem Kriegsgebiet leben zu müssen.

Zhadan findet eine starke Metapher für das was Pascha erlebt und die er mehrfach verwendet, als würde einmal nicht reichen für dieses Gefühl. Seine innere Anspannung, die Angst, die Nerven bis zum Zerreißen gedehnt, als wäre es eine (Sprung-)Feder in seinem Herzen. Pascha schafft diese Reise mit seinem Neffen und sowohl er, als auch der 13-jährige Junge wachsen daran. Schön zeigt Zhadan diese Entwicklung, wenn er auf den letzten Seiten von Paschas Erzählperspektive in die des Jungen wechselt.

„Internat“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Esther Kinsky: Hain Suhrkamp Verlag

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Esther Kinsky kenne ich bisher vor allem von ihren Übersetzungen aus dem Polnischen, Russischen und Englischen, obgleich sie schon einige Romane und auch Lyrik veröffentlicht hat. Zum Beispiel hat sie John Clares „Reise aus Essex“ übersetzt. Dass sie sich mit dem sogenannten „Nature Writing“ beschäftigt, merkt man auch im neuen Roman „Hain“. Kinskys „Geländeroman“ besteht in der Tat vor allem aus Beobachtungen und Beschreibungen im „Gelände“. Es sind Momente der Achtsamkeit und der Hingabe. Die Autorin zeichnet, trägt Farben auf, sie entdeckt die Bildhaftigkeit der Sprache und wandelt alles in Ausdruck.

„Wörter rollten in der Hand wie Murmeln, versehrte Glasmurmeln mit stumpfer, zerkratzter Oberfläche und winzigen Scharten, gescheuert an Sand, Erde, Beton, am Glas anderer Murmeln. Ein kleines Klicken, wenn sie aneinander stießen, ein Geräusch, in das der ganze Körper angespannt horchte, ob es zu einem Bild wurde.“

Jedenfalls ist es ein Trauer-Tagebuch. Die Protagonistin ist in einer Situation der Trauer um M. Das spürt man als Leser in den ganz kleinen erzählten, eigentlich fast aufgezählten Dingen. Die Protagonistin lebt in die Dinge hinein. Sie lässt sich treiben und ist gleichzeitig enorm aufnahmefähig für Atmosphärisches, erblickt in Alltäglichem Geheimes und erzählt uns davon. Die genauen Beschreibungen mögen manchem/r Leser*in zu viel werden. Mir nicht. Ich genieße diesen Blick, denn es ist ein Blick des wahrnehmenden Innehaltens. Des Durchatmens, der Langsamkeit, der Zeitlosigkeit. Anfangs in dem kleinen italienischen Ort Olevano, nahe Rom. Genau gegenüber der Unterkunft, auf der anderen Talseite liegt der kleine Friedhof, der zentraler Punkt ihres Blickes wird. Ein Ort, an dem sie mit ihrer Trauer richtig ist.

„Ich stand Stunden am Fenster wie in einer Glocke, die sich über mich gestülpt hatte und mich in die Kindheit versetzte, als ich mich nachmittags und abends oft unfähig fühlte, etwas anderes zu tun, als aus dem Fenster zu sehen.“

Kinsky erzählt weiter und wechselt die Richtung. Zwar bleiben wir in Italien, aber nun werden Kindheitserinnerungen aufgerollt, die Familienreisen, nach Chiavenna, nach Rom und zu den Grabstätten der Etrusker, in denen der Vater eine dominante Rolle spielt. Hier kommt Kinsky ab vom Beschreibenden, hier kommt erinnertes Erzählen. Hier sind wir dichter am Leben. Der Vater ist italophil, interessiert sich rege für die Kunst und die Sprache.

„Dieses langsame Buchstabieren an der Stadt Rom fiel in den Abschnitt des Heranwachsens, in dem ich – wie jedes Kind irgendwann – fast unvermittelt, von einem Zufall angestoßen, die Welt ohne mich erkannte.“

Von seinem Tod wird hier ebenfalls berichtet, von dem Verlust eines Vaters, der gegen Ende des Lebens so ganz anders war, als bei den Familienausflügen. Es ist ein seltsamer Nähe/Distanzwechsel zwischen Tochter und Vater, der nicht aufgelöst wird. Dennoch oder gerade darum führen die nächsten Reisen nach Ferrara und in die ehemaligen Salinen am Meer nach Comacchio, wo die eintönige Landschaft des Po-Deltas zahlreiche Vogelarten beheimatet und schließlich nach Ravenna, wo die Mosaiken an die kulturgeschichtlichen Ausführungen des Vaters erinnern.

„Manchmal ging er auch aus, aber nur kurz, zu seinen nachtlangen Abwesenheiten fehlte ihm in Rom wohl der Mut, oder er spürte die Kleinheit, die er sich an den Sehenswürdigkeiten zugezogen hatte.“

Kinsky ist auf den Spuren des Zerfalls und findet in Italien weitab der Touristenströme außerhalb der Saison im Herbst und Winter einen Raum, ihre ganz eigene Trauerlandschaft und ich mag diese Art an den Tod geliebter Menschen heranzugehen. Es ist vielleicht die beste Art mit den Toten zu kommunizieren, bis das Neue, das Alte ablöst.

„Todesnachrichten sind Scheren oder scharfe Messer, die den Film der Welt durchtrennen. Messer oder Schere – was schneidet glatter? Eine müßige Frage, die sich ohnehin erst Jahre nach dem Ereignis stellt, etwa bei nachträglichen Flickversuchen an dem durchtrennten Band.“

Ich habe diesen Roman in mein Herz geschlossen, vor Genuss sehr langsam gelesen. Es begann eigentlich schon mit dem Titel und der Covergestaltung. Und dann bin ich in Kinskys Sprache gefallen und habe mich aufgehoben gefühlt. Zudem haben mich diese Streifzüge durch italienische Landschaften an eigene unzählige Italienreisen erinnert. Sogar die Besuche auf Friedhöfen mit den vielen Plastikblumen, aber auch die der Etruskergräber sind mir geläufig. Ich freue mich sehr über einen Roman, der mit seinem Inhalt sicher nicht jeden Leser erreichen wird, manche ab- oder verschrecken lässt aufgrund der melancholischen Grundstimmung. Ich fühle mich in diesem Roman sehr wohl. Ein Wunder und ein Glück, dass der Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ein sehr ausführliches aktuelles Interview mit Esther Kinsky gibt es beim Deutschlandfunk .
Sie steht außerdem auf der SWR-Bestenliste im März auf Platz 1.
Eine weitere Besprechung findet sich auf Blog letteratura.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Nachtrag: 
Seltsam eigentlich, dass mich Kinskys Roman an den thematisch grundlegend anderen Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ von Anja Kampmann erinnert, den ich kurz zuvor las. Doch bei genauerer Betrachtung haben beide Geschichten eine Hauptperson, die sich treiben lässt, verloren, irritiert und in Trauer. Und nicht zuletzt haben beide jeweils eine phantastische Sprache dafür gefunden.

Andreas Maier: Die Universität Suhrkamp Verlag

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Es geht nun weiter mit Andreas Maiers „Ortsumgehung“, einem autobiographischen Romanwerk, welches bereits aus fünf Bänden besteht und mich gerade diesmal zu Beginn sofort an Thomas Bernhards biographische Romane erinnert. Maier gelingt etwas, was auch Peter Kurzek und in gewisser Weise auch J. J. Voskuil gelungen ist, allerdings mit wesentlich weniger Worten, doch nicht minder intensiv. Maiers Bände, zwölf sollen es werden,  haben meist nur um die 150 Seiten und bieten dennoch nachhaltige Einblicke in das Leben, ja die Seele des Protagonisten aka Andreas Maier.

Wir wissen längst, dass der Held eine Obsession für die Buchhändlerstochter seines Heimatorts in der Wetterau hat. Und auch hier geht es eingangs wieder um die Bindernagelsche Buchhandlung, diesmal nicht die in Friedberg, sondern die kleinere Filiale in Butzbach. Hier landet der Held zu Beginn der Semesterferien, obgleich er eigentlich in einen Zug Richtung Südtirol steigen wollte.

“ Ich bin jetzt eine weitere Meta-Ebene, die Meta-Ebene zu ihm, ich bin das Bewusstsein des Bewusstseins, das er von den anderen hat, die dritte Stufe von Bewusstsein. Bin jetzt für ihn selbst umwölkt und unsichtbar.“

Maiers Buch ist diesmal sehr meta-ebenen-lastig. Kein Wunder, denn er studiert ja auch gerade Philosophie. Wie er sich von außen betrachtet, wie mit einem abgespalteten zweiten Ich, ist einleuchtend. Wie er im Seminar bei dem dozierenden Professor statt zuzuhören, die Kommilitonen betrachtet und aufschlüsselt, ja beinahe denkend seziert, hat etwas komisches. Am absurdesten sind die zig Seiten, die Maier darauf verwendet, über ein gefundenes Erotikmagazin zu fantasieren, bloß weil eine der Abgebildeten seinem Jugendschwarm namens Katja Melchior ähnelt.

Von wiederkehrenden Träumen erzählt Maier, die sich oft mit dem tatsächlichen Sein vermischen und über die er in seiner ersten Studentenbude philosophiert. Vom Besuch beim Internisten, der während der Sprechstunde einschläft. Das Autobahnkapitel halte ich persönlich für überflüssig, vielleicht habe ich die Wichtigkeit nicht verstanden oder aber vielleicht muss das einfach dabei sein bei einer Ortsumgehung. Hingegen finde ich die Begegnung mit der Witwe Theodor Adornos, die nur aufgrund seines Studentenjobs bei einem Alten-Pflegedienst stattfindet, berührend.

„Ich schrieb zu der Zeit eine Hausarbeit über Identität, bei der ich oft an Frau Adorno denken mußte und die vielleicht sogar von ihr und ihrem seltsam atomisierten Wesen inspiriert war.“

Und endlich im letzten Kapitel, am Schluß, lässt Maier die seit über vier Jahren vermisste und doch erwartete Buchhändlerstochter auftreten und seinem Helden begegnen.

Wie immer kann ich Maiers neuestem Band des 12-bändigen Projekts einiges abgewinnen. Und schön, dass ich nun bereits die Titel der neuen Bände kenne, denn Maier hat bereits vor Beginn des Schreibens alle Titel festgelegt. Als nächstes „Die Familie“.

Andreas Maiers Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Die beiden vorigen Bände Der Ort und Der Kreis habe ich bereits hier besprochen.

Besprechungen der ersten drei Bände gibt es bei Bookster HRO.

Peter Handke: Die Obstdiebin Suhrkamp Verlag

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“ … noch und noch Erlebnisse, Ereignisse, Entdeckungen, Tag um Tag, wenn nicht stündlich, Augenblick um Augenblick – und eine Stunde danach, einen Augenblick danach, wie nie gewesen? Hauptmerkmal der jetzigen Zeit, der Gegenwart: schwache und immer schwächere Nachwirkungen, und zuletzt: überhaupt keine?“

Bei Handke-Texten habe ich mehr und mehr das Gefühl, dass es letztendlich Selbstgespräche sind, innere Monologe, die aber aufgeschrieben werden müssen, um wirksam zu sein. Vielleicht sogar zur Selbstvergewisserung. Wenn es so ist, ist es ein großes Glück, sie lesen zu können. Seit sich im Sommer die „Niemandsbucht“ als große Spätentdeckung und Inspiration für mein eigenes Schreiben zeigte, freue ich mich, noch so viel Feines von Handke vor mir zu haben. Viele meinen, Handke würde immer das gleiche Buch schreiben. Dem kann man vielleicht sogar zustimmen – aber das macht gar nichts. Ich kann es vollkommen nachvollziehen, dass man sein Leben lang um eine Frage kreist, auf Antwortsuche geht. Daher auch die vielen Fragesätze, die dann sofort selbst beantwortet werden.

„Von einem dritten Nachbarn kam mir dann zu, der andere habe sich beklagt über mich: er fühle sich belästigt, wenn nicht bedroht von der Stille, die ihm entgegen komme aus meinem Haus und Garten, eine Art Stillebelästigung, Stilletortur.“

Peter Handke hat neben dem Haus in der Niemandsbucht inzwischen wohl auch eines in der Picardie. Sein Erzähler ist in „Die Obstdiebin“ aus der Pariser Vorstadt hinaus in die Picardie unterwegs. Wie immer mit dem Zug. Auch die „Obstdiebin“, eine junge Frau namens Alexia (Handkes ältere Tochter heißt Amina. Ist sie es? Oder eine Mischung aus Leocadie, der jüngeren und der älteren?), die viel auf Reisen ist, scheint ebenfalls diese Richtung eingeschlagen zu haben. Die Obstdiebin geht zu Fuß, lässt sich durch die Natur treiben. Beobachtet und durchblickt und ihre Sinne weiten sich.

„Sie wusste, schon vor dem Aufbruch, es wäre sogar ihre erste wirkliche Reise, von welcher irgendwo geschrieben stand, man erfahre daran,  >>was der eigene Stil sei<<.“

Einmal wohnt sie bei völlig Fremden einer Totenwache bei. Dann wandert Alexia einen Tag lang an der Seite eines unbekannten jungen Mannes. Sie begegnen einer verletzten Katze, einer menschenscheuen Dorflehrerin, die Krimis schreibt, einem alten Mann, der beim Nussknacken, in aller Genauigkeit von der Haselnussernte berichtet, Der Erzähler schenkt ihm über vier Seiten, und weiht uns ein in das Geheimnis der Noissettes.  Schließlich kommen sie am Abend vor dem Gewitter beim Herbergsvater unter. Sie bleiben miteinander bis zum „Akt“, einer göttlichen, keineswegs banalen fleischlichen Vereinigung. (Traum der Obstdiebin?)  Am anderen Morgen ist er verschwunden und wir hören dann den Wirt minutenlang über das Zuknöpfen seines Sonntagshemds lamentieren. Die Obstdiebin jedoch zieht weiter in Richtung des nahe zu findenden Bruders, nicht ohne wie bei ihr üblich, Abschied zu nehmen, in dem sie einige Schritte rückwärts geht. Ein Kampf mit sich selbst folgt und dann die Begegnung mit dem Bruder. In aller Eile kommt der Erzähler dann mit einem Familientreffen, einem Fest, das nicht näher erläutert wird, zum Ende: Beide Elternteile halten eine wirre Rede, die durch Zwischenrufe befeuert wird (Wer ruft?). Seltsam. Ewig seltsam

Der Erzähler scheint unbedingt ein großer Anhänger, ja Verehrer der Obstdiebin zu sein. Eigentlich alles was sie tut, ist gut und geschieht aus ihrer Besonderheit heraus. Keiner kommt an sie heran. So könnte natürlich ein Vater von seiner geliebten Tochter schwärmen. Vielleicht ist es der Erzähler/der Autor ja auch. Sie, die innerlich Zerrissene, die in ihrer Heillosigkeit Hilfe sucht, erhält sie vom Erzähler. Man merkt, wie er sie durch seine Worte beschützen will, Unheil von ihr abwenden will („Schert euch weg aus der Geschichte, Bibelbilder …“).

Es gibt wunderbare Sequenzen, die den Beobachter Handke zeigen:

„Auf der Brüstung der eine dort nachts abgelegte Apfel, mit dem Stengel nach oben, die Stengelmulde gefüllt bis obenhin mit Regenwasser.“ […] „Der Morgenglanz, sonntäglich, auf dem Apfelrund …“

Für solche Wortbilder liebe ich ihn. Als Handke-Treue mag ich das neue Buch. Aber es ist nicht überwältigend. Ich habe Trefflicheres von ihm gelesen …

Wie fast alle Handke-Bücher erschien „Die Obstdiebin“ im Suhrkamp Verlag, der auch eine schöne Sonder-Seite zu Handkes 75. Gebeurtstag gestaltet hat. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Melinda Nadj Abonji: Schildkrötensoldat Suhrkamp Verlag

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Zoltán Kertész, genannt Zoli ist ein Sonderling. Er lebt in armen Verhältnissen mit seinen Eltern in einem Dorf in Serbien. Zwischen hochsensibel und authistisch, würde ich sagen und vielleicht ein wenig verwirrt im Kopf von den Schlägen und „Unfällen“, die ihm zuteilwurden. Seine Leidenschaft ist das Lösen von Kreuzworträtseln, mit denen er auf seine Art in Sprache eintaucht. Eine Bäckerlehre soll er machen, doch der Meister hält ihn für unfähig und es rutscht ihm schon mal die Hand aus. „Zigeunerbastard! elender Lumpensammler! Hundesohn eines Analphabeten!“ Er schickt in als Hilfsarbeiter zum Mehlsackschleppen.
Als eines Tages der Jugoslawienkrieg ausbricht, schicken ihn die lieblosen Eltern zum Militär, froh ihn los zu werden.

„aber es ist doch Krieg, habe ich – ich habe es gesagt – ach was, du kommst in die Kaserne, die trainieren dich fit! und du wirst ein richtiger Mann, sagte meine Mutter mit flötender Stimme, ein richtiger Mann und ein Held, wie ihn die Lieder besingen, ja!“

Das so Einer“ aber beim Militär keineswegs gut aufgehoben ist, ahnt man und liest es dann auch.

„Nach den Schießübungen, nach den schlaflosen Nächten waren meine Zähne Stricknadeln, aber nicht die Stricknadeln meiner Großmutter, ich habe geklappert und nichts gestrickt, …“

Zoli findet einen Freund in der Kaserne, Jenð, der übergewichtig und deshalb auch Außenseiter ist. Als Jenð bei einem Gewaltmarsch, der sie auf den Einsatz an der Front vorbereiten soll, zusammenbricht und in Folge stirbt, kann auch Zoli nicht mehr weiter: Er tritt in Hungerstreik. Immer häufiger an epileptischen Anfällen leidend, wird er schließlich in ein Krankenhaus gebracht, dann als untauglich nach Hause geschickt.

Der Roman von Abonji ist am einfachsten über die Buchzitate aufzuzeigen. Sie stehen für die Art von Sprache, in der fast der ganze Text gehalten ist. Oft klingt hier Galgenhumor durch, wenn Zoli spricht, der auch eine sehr bildhafte beinahe kindliche Ausdrucksweise hat. Abwechselnd mit seiner Stimme, erzählt Hanna/Anna, die Cousine von Zoli, die ihm nah war, aber nun in Zürich lebt. Anna, die selbst psychisch nicht sehr stabil ist, begibt sich nach Zolis plötzlichem Tod auf seinen Spuren nach Serbien …

Auch „Tauben fliegen auf“, den Roman von Melinda Nadj Abonji, für den sie 2010 den Deutschen Buchpreis gewann, habe ich gern gelesen. Die Autorin wurde in Serbien geboren und lebt in Zürich. Das aktuelle Buch erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe und eine 10-Seiten-Lesung der Autorin gibt es hier.

Peter Handke: „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ oder Die Verwandlung – eine Herzenssache

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Wie gut, dass Wim Wenders Peter Handkes „Die schönen Tage von Aranjuez“ verfilmt hat. Und wie gut, dass Corinna Belz einen Film mit und über Peter Handke gedreht hat. Und wie gut, dass Peter Handke Skizzen und Zeichnungen aus seinen Notizbüchern in einer Galerie in Berlin ausgestellt hat.

Alles wirkte zusammen und beeindruckte und infizierte mich so (Ergriffenheit? Entrückung?), dass ich endlich mir das dicke gebundene Buch „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ zulegte, (von welchem auch Tomas Espedal in seinen Büchern schwärmte) antiquarisch gekauft (wie ich dann sah, aus dem Fundus der (offenbar aufgelösten) Bibliothek von Radio Bremen). Für mich ist dieses Buch eine Offenbarung und es löst nun nach so langer Zeit Fernando Pessoas „Buch der Unruhe“ als meine Bibel ab. Es wurde Zeit für eine Verwandlung, wie sie Handke in diesem sehr besonderen Buch von sich gleich am Anfang beschreibt.

„Einmal in meinem Leben habe ich bis jetzt die Verwandlung erfahren. Diese war mir davor ein bloßes Wort gewesen, und als sie damals anfing, nicht gemächlich, sondern mit einem Schlag, hielt ich sie zunächst für mein Ende.“

So beginnt das Buch und so geschah es auch von der ersten Seite an, dass ich von Handkes Langsätzen und Worterfindungen (sehr treffend meine Freud´sche Verschreibung: Wortempfindungen) inspiriert wurde und selbst zum Bleistift griff. Als Ritual jeden Morgen, noch vor allem anderen, die Welt noch außen vor, Handke zum Grüntee und das eigene Notizbuch mit dem weichen Bleistift daneben. So entstand im Laufe des Sommers ein Gedichtzyklus, der weiter bearbeitet wird.

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Nie hat jemand so herrlich über den Lärm der Nachbarschaft geschrieben, seitenlang, ironisch, böse und witzig. Seit ich über die Spatzenschlafplätze in Handkes französischen Vorstadtplatanen las, gehe ich noch lauschender und beobachtender durch meinen Stadtteil. Trefflich schildert der Autor/der Protagonist auch seine Freundschaften im Künstlermilieu, hadert mit sich selbst, als sich eine Schreibflaute einstellt, obwohl der Schreibort extra so abseitig gewählt wurde, damit keinerlei Ablenkungen stören.
Es ist mir nicht möglich und auch nicht notwendig, weiter den Inhalt dieses Buches darzulegen, denn ich denke, das ist für jeden Leser ein ganz anderer: Kaum ein Buch, das mehr zu Selbstreflexion anregt, gerade auch aufgrund der Fragen, die Handke immer wieder mitten in den Text stellt. Die Essenz, herauszulesen, die ureigene, das ist die Kunst dieser Lektüre, die für mich auch spirituelle Dimensionen hat.
Malte Herwig schreibt in seiner Handke-Biografie etwas, was es ziemlich genau trifft:

„Durch genaue Anschauung gewinnt er der Welt neue Eindrücke ab und faßt sie in eine Sprache, die nicht abgegriffen und matt ist, sondern lebendig und wach.“

Beim „Jahr in der Niemandsbucht“ ist es nicht geblieben. Nach und nach sammle ich antiquarisch weitere Handkeleien ein. Für einen kürzeren Einstieg empfehle ich „Versuch über den geglückten Tag“. Es liegt ein großer Trost in diesem Buch. Sagt einem doch endlich einmal einer, dass der geglückte Tag, keineswegs perfekt sein muss und auch nicht unbedingt mit einem glücklichen zu tun hat.

„Also war dein Tag der Idee, einen Versuch über den geglückten Tag zu schreiben, selber dieser glückliche Tag?“

Vom „Versuch über die Müdigkeit“, dem ein Ticket zu einer Ballettaufführung an Neujahr 1990 in Düsseldorf beilag (das ist das Überraschende an antiquarisch erworbenen Büchern) zu „Der Große Fall“: Hier wird ein Schauspieler, der am Abend einen großen Preis erhalten soll, durch den Tag begleitet. Was ihm beim Gehen widerfährt, wem er begegnet (sich selbst?) und wie der Tag endet, ähnelt anderen Geschichten Handkes. Das ist aber egal, denn das Umkreisen ein und desselben Motivs bietet ja nie ein Auflösung, darf es gar nicht, sonst gäbe es ja nichts mehr zu erzählen …

Gegen Ende dieses Sommers, dann ein Ausflug nach Südfrankreich auf den Spuren von Cèzanne und in den Herbst unterwegs im Hausboot mit „Die morawische Nacht“. Das Ziel, auf das ich mich sehr freue, ist der neue Roman „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere“, der im November erscheinen soll. Wie fast alles von Handke im Suhrkamp Verlag.