Lutz Seiler: Stern 111 Suhrkamp Verlag

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Mit seinem zweiten Roman hat der Lyriker und Prosaautor Lutz Seiler eine Art Fortsetzung seines grandiosen Romans „Kruso““ geschrieben, für den er 2014 den Deutschen Buchpreis erhielt. Er ist womöglich sogar noch besser als dieser. War „Kruso“ ein Roman, der kurz vor der Wende überwiegend auf der kleinen Ostseeinsel Hiddensee, also in der ehemaligen DDR spielte, so ist diesmal Berlin der Hauptschauplatz und zwar ganz kurz nach der Grenzöffnung.

Der Mitte 20-jährige Carl Bischoff erhält von seinen Eltern ein Telegramm mit der Bitte sofort nach Hause zu kommen und so reist Carl von Halle nach Gera und fällt dort aus allen Wolken, als seine Eltern ihn informieren, dass sie in den „Westen“ gehen wollen. Der Vater übergibt Wohnungsschlüssel und den „heiligen“ Wagen, einen gepflegten Shiguli an den Sohn und dieser fährt die Eltern an den Grenzpunkt, von wo sie ins Erstaufnahmelager Gießen kommen.

Von diesem Punkt aus teilt Seiler seinen Roman in zwei Erzählstränge. Zum einen folgen wir Carl im Shiguli nach Berlin, zum anderen den Eltern, die im Westen sehr zielstrebig einem ganz bestimmten inneren Plan folgen, das Carl dann immer wieder das „Elterngeheimnis“ nennt.

„Meine Eltern sind verschollen, gleich nach Öffnung der Grenze, das heißt, ich bin jetzt allein und suche eine Höhle, nur für mich und mein Schreiben, für die Suche nach dem Übergang, genauer gesagt, die Passage in eine poetisches Dasein.“

Carl gelangt in Berlin durch Zufall in einen sehr speziellen Kreis, „Das Rudel“ genannt, oder die „Arbeiterguerilla“, die unter ihrem Anführer, des „Hirten“, verlassene Häuser besetzt. Carl, der ehemals Maurer gelernt hat, aber eigentlich nur Dichter werden will, engagiert sich gleich beim Ausbau des Kellers, der Versammlungsraum mit Ausschank werden soll. So gelangt er in alternative Künstlerkreise mit allerlei illustren Gestalten, skurrilen Begebenheiten und trifft schließlich auf Effi, seine angehimmelte Jugendliebe, inzwischen Kunststudentin. Auch Edgar und Kruso (aus dem Vorgängerroman) tauchen in kurzen Szenen auf. Carls Unruhe legt sich durch das Zugehörigkeitsgefühl und er schafft es immer wieder sein Ziel, ein poetisches Leben zu führen, im Fokus zu behalten. Es gibt eine erste Veröffentlichung, Anerkennung von einem Dichterkollegen namens Thomas Kunst (der keinem Lyrikleser unbekannt sein sollte), ein Verlag erbittet ein Manuskript, doch die Beziehung zu Effi ist nicht dauerhaft lebbar. Einer liebt immer mehr, in diesem Fall Carl.

Seiler erzählt hier möglicherweise aus seiner eigenen Geschichte. Die Assel, das Kellerlokal gab es damals wirklich, die besetzten Häuser im Prenzlauerberg zwischen Prenzlauer Allee und Monbijoupark gab es wirklich, die sich daraus entwickelnden Künstlerkreise gab es wirklich. Seiler erzählt von einer sich auflösenden Welt, einer Übergangswelt, von der man noch nicht weiß, wo es hingehen wird. Er erzählt von dem Versuch einer Gruppe von Menschen, die sich nicht dem Konsumkapitalismus ausliefern wollen, wie er allmählich aus dem Westen vordringt. Die Sprache, die der Autor hierfür findet ist eine enorm poetische. Es ist ein Eintauchen in die Tiefe und ein Beschwören der Worte, ein Be-schreiben der zweifelnden Innenschau eines angehenden Dichters.

„Die Vorstellung, sich dorthin zu retten, aus allem heraus in ein Jenseits der Poesie. (Um dann, irgendwann, von dort her wieder einzutreten in diese öde, armselige Welt, jedoch unangreifbar, geschützt, als hätte man in Drachenblut gebadet.“

Im zweiten Strang schafft er es, die Erlebnisse von Carls Eltern als DDR-Bürger in Westdeutschland so nah und berührend zu schildern, dass auch dieser Teil der Geschichte höchst lebendig wird. Egal ob Carls Vater als Experte Kurse für seltene Computersprachen gibt oder seine Mutter als Haushälterin und Putzfrau arbeitet, immer wird das Geld sofort gespart, immer ist das Ziel im Fokus. Carls Mutter ist diejenige, die über Briefe Kontakt zu ihm hält. Diese Briefe sind auch immer Ausgangspunkt für das Weitererzählen des „Elternstrangs“, der auch oft mit Kindheitserinnerungen Carls unterfüttert ist.

Das letzte Kapitel, das den Namen des Romans und den eines DDR-Kofferradiotyps trägt, führt Eltern und Sohn wieder zusammen und auch das Elterngeheimnis wird aufgelöst. Für Carl ist es eine Zeit des Erkenntnisgewinns, für Wachstum und Neuausrichtung.

„Sie hatten ihm das alles verschwiegen und eine Art Ersatzleben geführt. Ein gutes, passables, kein unglückliches jedenfalls, nur das erzwungene Leben. […] Auch in ihm war es verankert gewesen, das zweitbeste Leben. Es entsprach einem Grundgefühl seiner Kindheit: jemand oder etwas zu vertreten, nicht voll und ganz gemeint zu sein – nicht an sich, oder wie sollte man es sagen?“

Wie schon in Kruso gibt es auch in Stern 111 immer wieder kurze traumhafte, surreale Sequenzen, die man vergeblich zu greifen versucht und das ist auch gut so. Denn zum Beispiel die schwebende Ziege Dodo möchte ich keineswegs missen. Diese Art zu schreiben zeigt vielleicht auch, wie es sich anfühlt den Weg ins Poetendasein aufzuzeigen, denn auch in Gedichten geht es mitunter nicht mit rechten Dingen zu, bleiben Geheimnisse.

Lutz Seiler hat seine große Dichtkunst mit feiner Prosa versponnen und einen sprachlich und inhaltlich höchst gelungenen Roman geschrieben, der sehr verdient auch den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 erhalten hat. Sternenleuchten!

„Stern 111“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson Suhrkamp Verlag

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Ich erinnere mich noch gut an Valerie Fritschs Roman „Winters Garten“. Es war eines der ersten Bücher, das ich 2015 auf meinem Blog besprach. Und es ist für mich eines, was bis heute noch vollkommen lebendig in mir ist, sicher aufgrund der starken Bilder, die es erzeugte. Gebannt hatte ich sie beim Bachmannpreis 2015 lesen hören, zwei Preise hat sie damals erhalten. Sie hat sich Zeit gelassen mit einem neuen Roman, doch das Warten hat sich gelohnt. Die Autorin hat noch die gleiche Intensität der Sprache wie vor Jahren. Ich verneige mich vor solch einem sicheren Sprachgefühl, vor solch einer intensiven Stimme.

„Wann immer Alma als Kind an den Krieg dachte, stellte sie ihn sich als eine magische Maschine vor, in die auf der einen Seite die Menschen hineingingen und auf der anderen Seite verwandelt, fremd und falsch wieder herauskamen.“

Valerie Fritsch erzählt von Alma, die in einer von großer Traurigkeit und Sprachlosigkeit geprägten Familie aufwächst. Die Mutter depressiv und schlafwandelnd, der Vater, dem nicht viel entgegensetzend. Alma lebt als Kind in ihrer eigenen Welt und wundert sich über die Erwachsenen. Auch die Großeltern sind zurückhaltend, was Liebe und Wärme angeht. Der kriegsgeschädigte (schuldige?) Großvater verstummt, die Großmutter mit Begabung zum Geschichtenerzählen, dem Alkohol gewogen. Es ist die Generation Kriegskinder und -enkel, von denen Fritsch erzählt. Vom Weitergeben der Kriegstraumata bis in spätere Generationen hinein und von beschädigten Kindern, die daran zu tragen haben/hatten.

„Sie sah, wie sie die Kinder zu vorsichtigen, stillen Wesen heranzog, die nicht stören sollten in dieser Welt, kleinen Menschen, die mit großer Ernsthaftigkeit vermieden, eine Last zu sein, aber versuchten jene diffuse Traurigkeit auszugleichen, die stets in der Luft lag.“

Als Alma später Friedrich kennenlernt, haben beide schon eine Ehe hinter sich. Doch hier scheint sich nun etwas Beständiges leben zu lassen. Das Kind Emil, das dieser Liebesbeziehung entspringt, bringt für Alma zunächst eine tiefe postnatale Depression. Es dauert lange, bis sie ihren Sohn akzeptieren kann. Und dann stellt sich heraus, dass Emil eine sehr besondere „Krankheit“ hat: Er kann keine Schmerzen empfinden. Für die Eltern ist das eine besondere Herausforderung. Wie Alma damit umgeht, ist brillant erzählt.

„Emils Körper funktionierte anders als jener der übrigen, denn er verstieß gegen die grundlegendste aller Regeln, gegen das Gesetz, dass die Geschichte des Menschen eine Geschichte des Schmerzes ist. Emil empfand keinen Schmerz.“

Wer Valerie Fritschs Profil in den sozialen Medien verfolgt, wird bemerken, dass die Polaroid-Fotos, die sie von Zeit zu Zeit postet, offenbar auch von Recherchereisen stammen, denn einige Bilder lassen sich im letzten Teil des Buches wieder erkennen. Diesem Teil des Buches ist eine Reise gewidmet, die Alma nach dem Tod der Großeltern mit Friedrich und Emil von Österreich nach Osten treibt, durch verschiedene osteuropäische Länder bis in die kasachische Steppe. Monatelang sind sie im Auto unterwegs auf den Spuren von verlassenen Gebäuden, die Friedrich, der Fotograf ist, für ein Magazin ablichten soll. Aber auch auf der Suche nach Spuren, die zur Vergangenheit von Almas Großvater führen, der dort in Gefangenschaft war. Der Großvater, der nur mit den neuen Herzklappen der Firma Johnson und Johnson überhaupt so lange leben konnte …

Valerie Fritschs Sprache sucht ihresgleichen. Die vielen bewundernswert gelungenen Metaphern, die für ihre Romane stellvertretend sind, weisen eine flirrende Vielfalt und eine unverkennbare Melodie auf. Es ist, als ob man durch eine andere Zeit liefe, in der die Worte noch ein größeres Gewicht hatten. Es ist eine scheinbar sehr sanfte und doch gewaltige Kraft der Sprache, die mich mitunter in ihrer Erzählweise an Märchen erinnerte. Es ist ein Herzensbuch. Große Leseempfehlung! Helles Leuchten!

Der Roman der 1989 geborenen Österreicherin erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Andrej Platonow: Die glückliche Moskwa Suhrkamp Verlag

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Was für eine Sprache! Welch ein eigensinniger Stil!
Bereits „Die Baugrube“ hat mich von der ersten Seite an begeistert und nun ist es mit dem Roman „Die glückliche Moskwa“ ebenso. Platonow hat eine faszinierende Art vermeintlich schlicht und dennoch anspruchsvoll zu schreiben. Der vorliegende Roman zählt nur 140 Seiten. Es ist der letzte Roman Platonows. Im Anhang kann man einiges über die Entstehung erfahren und sogar vier verschiedene Anfänge lesen, die aufgrund der Notizbücher des Autors von 1932 bis 1936 überliefert sind. Herausgeberin der Moskauer Ausgabe Natalja Kornienko schreibt dazu:

„Die vorliegende Ausgabe wurde auf Grundlage des Manuskripts erstellt, das sich in Platonows persönlichem Archiv befand. Der Text wurde mit Bleistift auf graues Papier geschrieben – teils auf beidseitig beschriebene Blätter, die aus Schulheften und Kontobüchern herausgerissen waren, teils auf die Rückseite von Manuskripten seiner frühen Gedichte.“

Einprägsame Figuren wandeln durch die Geschichte, die in Moskau Mitte der 30er Jahre spielt. Allen voran die stolze Moskwa Tschestnova, die freiheitsliebende junge Frau, die sich nicht binden will, die an den „neuen Menschen“ und an die Kraft des Kommunismus glaubt. Sie wächst als Heimkind auf und trifft später auf Boshko, einen Geometer und Stadtplaner, der sie schließlich in der Schule der Luftfahrt zur Ausbildung unterbringt.

„Was lieben Sie denn am meisten?“, fragte er.
„Ich liebe den Wind in der Luft und noch so dies und das“, sagte die erschöpfte Moskwa.
„Also die Schule für Luftfahrt, etwas anderes kommt für Sie nicht in Frage“, stellte Moskwas Begleiter fest. „Ich werde mich bemühen.“

Doch da fliegt sie, nachdem sie als Fallschirmspringerin zu leichtsinnig unterwegs war, raus. Sie wird danach Angestellte in einer Behörde, arbeitet später auf der riesigen Baustelle der neuen Metro in Moskau. Da ist der Ingenieur Sartorius, der sich unsterblich in Moskwa verliebt und als die Liebe nicht auf Dauer erwidert wird, sich wieder an die Arbeit der Konstruktion neuer Waagen und der Entdeckung der menschlichen Seele macht. Da ist der Arzt und Pathologe Sambikin, der die Seele des Menschen beim Sezieren Verstorbener sucht und dabei glaubt, ein Fluidum der Lebenskraft entdeckt zu haben. Da gibt es den „Außermilitärischen“ Komjagin, der in „oblomow`scher“ Weise lebt und für den Sozialismus nicht tauglich ist. Alle, alle sind sie von Moskwa betört.

„Lange Stunden ging und fuhr sie durch die Stadt, niemand berührte sie, niemand fragte sie etwas. Das allgemeine Leben raste als derart kleinlicher Müll an Moskwa vorbei, das sie den Eindruck hatte, die Menschen seien durch nichts vereint, und Befremden stehe zwischen ihnen im Raum.“

Als Moskwa bei einem Unfall auf der Baustelle ihr rechtes Bein verletzt, landet sie durch Zufall auf dem Operationstisch von Sambikin, der ihr das Bein amputieren muss. Erneut entflammt er in Liebe und fährt mit ihr zur Genesungskur. Doch auch diesmal reicht es nicht. Moskwa verlässt ihn und heiratet ausgerechnet den kränkelnden Komjagin. Ihre Beweggründe erfährt man nicht. Es liegt eine gewisse Beliebigkeit in ihren Entscheidungen.

Der Rest des Romans erzählt von Sartorius, der aus Gram seine Identität vom studierten Ingenieur zum einfachen Arbeiter mit neuem Namen wechselt und dann eine lieblose Ehe mit starrer Routine eingeht. Eindeutig zeigt sich hier die Unfertigkeit der Geschichte und auch die Brüche zwischen den drei einzelnen Teilen. Lag am Anfang der Schwerpunkt auf der Lichtgestalt Moskwa, nach der Hauptstadt Moskau benannt, entwickelt sich die Handlung mehr und mehr zu den liebes- und lebensleidenden Männern hin, was mich etwas enttäuscht hat. Alle Männerfiguren sind im Vergleich zur Heldin eher schwach und melancholisch bis weinerlich dargestellt. Dennoch spannend zu sehen, auch anhand der beigegebenen Entstehungsgeschichte, welche inhaltliche Entwicklung der 1899 in Woronesh geborene Schriftsteller Platonow in seinem Schreiben machte. Sprachlich ohne Abstriche empfehlenswert!

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Das Cover ist, wie schon bei „Die Baugrube“ schön gestaltet mit einem stofflichen Einband und haptischer Titelprägung unter Verwendung des Gemäldes „Die Bauarbeiter“ von Alexandr Alexandrovich Dejneka. Die Übersetzung liegt der ersten deutschen Übersetzung von Renate Landa und Lola Debüser zugrunde, wurde aber überarbeitet von Jekatharina Lebedewa. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Nora Bossong: Schutzzone Suhrkamp Verlag

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Gleich vorweg: Ich bedaure sehr, dass Nora Bossongs Roman „Schutzzone“ nicht auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gewählt wurde. Ich kenne Bossong als Lyrikerin und von ihrem Roman „36,9“ über Antonio Gramsci. Und auch in diesem Roman geht sie wieder brillant mit Sprache um. Bossong hat zudem ein Thema gewählt, das höchst interessant und brisant ist. Dass darin auch eine Art Liebesgeschichte steckt, ist ohnehin nur ein Spiegel des gleichen Themas. Es geht um Mira, eine Mittdreißigerin, die für die Vereinten Nationen arbeitet und dabei ständig unterwegs ist, nie Ruhe oder einen sicheren Ort findet, keine Schutzzone, auch nicht in einem anderen Menschen.

“ …die UN riefen auf und baten und befürworteten und betonten und unterstützten und drängten und entschieden, mit der Angelegenheit befasst zu bleiben. Das tun sie eigentlich immer.“

Bossong hat offenbar intensiv recherchiert und verbindet ihr Wissen mit einer einmaligen Art, dieses in eine sehr klingende Sprache einzubetten. Dabei lässt sie viel Raum und überlässt dem Leser die Aufgabe Miras Persönlichkeit vorm inneren Auge wachsen zu lassen. Die einzelnen Kapitel sind nach den Orten in der Welt benannt, an denen Mira ihre Aufgaben als Vermittlerin zwischen zerstrittenen, kriegführenden Völkern wahr nimmt. Dass sie eine gute Zuhörerin ist und durch ihr Schweigen, alle zum Reden bringt, fördert ihre Karriere. Eine Karriere, die eigentlich nur in eine Sackgasse führen kann, wie Mira im Laufe der Zeit, von Ort zu Ort, immer bewusster wird.

„Es gab das Licht um drei Uhr morgens in den Sitzungssälen, blasser als jede Dämmerung. Das Licht der aussichtslosen Verhandlungen. Sie wurden in die Länge gezogen, weil wir so schlecht damit klarkamen, dass etwas ins Nichts lief. Weil wir lieber müde als ohnmächtig waren. Eine Situation nicht zu beherrschen, hielten nicht viele von uns aus, die meisten hielten es nicht für möglich.“

Mira pendelt über viele Jahre hinweg zwischen Berlin, New York, Genf, Ruanda, Burundi und führt Gespräche, schreibt Berichte an ihre Vorgesetzten. Immer steht sie zwischen den Fronten, sei es bei der Vermittlung zwischen der Türkei und Griechenland auf Zypern oder im fernen afrikanischen Staat Burundi, wo sie beispielsweise mit Rebellenführern zum Dinner mit Gespräch erwartet wird. Dass dabei endlos geredet wird, nach ewigen Bemühungen immer nur winzige Schritte aufeinander zu gelingen, lässt auch Mira manchmal verzweifeln. Denn es gibt sie eben nicht, die eine Wahrheit.

Bossong schafft es mit wenig Aktion, eher mit Ungesagtem eine diffuse Stimmung zu schaffen, wiederholt beschwörend manche Szenen. Ob es die ausgelassenen Parties sind, die in mit Stacheldraht gesicherten Häusern inmitten der Kriegsgebiete stattfinden oder die Gespräche mit misshandelten, vergewaltigten Frauen, die Besuche in den Flüchtlingslagern an der Grenze, die Autorin trifft den Nerv. Die Leser*in wird vom krassen Wechsel zwischen Normalität und schlimmsten Grausamkeiten hin- und hergetrieben, wobei es die Auslassungen sind, die der jeweiligen eigenen Fantasie ausgeliefert sind.

„Die Hilfskonvois fahren. Die Diktatoren diktieren. Die Sopranisten singen. Und irgendwo schneidet ein Mann, der sonst nicht weiter auffallen würde, Leichensäcke auf, um zu sehen, ob seine Tochter darin liegt.“

Mira findet ein wenig Sicherheit in den Begegnungen mit Sarah, einer jungen europäischen Ärztin. Später in Genf trifft sie auf Milan, den sie aus ihrer Kindheit kennt und der nun als Kollege von ihr, wieder Raum einnimmt. Sie beginnen eine Art Beziehung, die nicht von Dauer ist, da Milan eine Frau und ein Kind hat. Mira ist auch in ihren Partnerschaften auf verlorenem Posten, findet nicht die Nähe, die sie sucht, die ihr Halt im steten Unterwegssein geben könnte. Nachdem die von ihr vorbereiteten Zypern-Gespräche kolossal scheitern, überlegt Mira aufzugeben … Große Empfehlung!

Nora Bossongs Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Marina Zwetajewa: Unsre Zeit ist die Kürze Suhrkamp Verlag

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„Ich bin mit Lyrik geladen wie eine Handgranate: bis zum Explodieren.“

Marina Iwanowna Zwetajewa (Мари́на Ива́новна Цвета́ева) wurde am 18. Oktober 1892 in Moskau geboren. Sie ist neben Anna Achmatova die berühmteste russische Dichterin, die mich zunächst aufgrund der Namensgleichheit lockte. In einem literarischen Kalender fand ich auf einem Blatt einen schönen Text, mit dem ich mich sogleich identifizieren wollte. Es war der Auslöser, mich der Dichterin anzunähern, was nicht so leicht ist. Letztlich bin ich immer wieder und immer noch mit ihr beschäftigt.

Wie Selbstgespräche muten sie an, die Zeilen und Texte in Marina Zwetajewas bisher unveröffentlichten Schreibheften, die der Suhrkamp Verlag nun gesammelt herausgegeben hat. Es sind vier Hefte, die überwiegend im Exil in Frankreich geschrieben wurden. Gedankenspuren sind es, Traumnotizen, Lebensüberlegungen. Es sind die einzigen schriftlichen Darlegungen, die sie aus Frankreich mit in die Sowjetunion zurücknahm. Vieles ließ sie zurück, manches versteckt bei Freunden oder nur mündlich weitergegeben. Auf jeden Fall ist es ein Wunder, dass sie erhalten blieben. Die Hefte zeugen außer von großer Dichtkunst, Leidenschaft und innerem Reichtum, auch von bitterer Not und prekärer Armut und von der ewigen Suche.

„Die Begegnung mit einem Dichter (einem Buch) ist für mich eine Wohltat von ganz oben. Nicht anders lese ich.“

Es finden sich sehr zugetane Briefe?, notierte Gespräche? mit Boris Pasternak. Im regen (brieflichen) Austausch war Zwetajewa mit vielen, nicht zuletzt mit Rainer Maria Rilke und Ossip Mandelstam. Manch pathetischer leidenschaftlicher Liebesbrief ist dabei. Mit Konstantin Rodsewitsch, der auch auf einigen der Fotos im Buch zu sehen ist, verband sie eine Liebesgeschichte, die die Ehe mit Sergej Efron gefährdete. Zwetajewas Liebesgeschichten waren höchst intensiv, doch nie hinreichend und von Dauer.

„Bei der Frau ist Kreativität stets ein Normbruch. – Und beim Mann, offenkundig, der Normalfall?“

Eine kritische, hinterfragende Stimme, also auch, was das weibliche Schreiben angeht und die geringere Anerkennung von Schriftstellerinnen, zumal Zwetajewa für ihre Zeit eine absolut unabhängige Frau war.

Viele Sätze und Abschnitte in den Originalnotizheften sind nicht mehr komplett lesbar, so ist es zum Teil recht schwierig zu verstehen, was die Dichterin meint. Die Zeilen erscheinen bruchstückhaft und verrätselt. Ganze Passagen sind in Französisch geschrieben.  Oft erfolgt die Anrufung der antiken Götterwelt. Manches erscheint mir zutiefst spirituell und transzendent. Viele zeugen von einem höchst komplexen Denken, nicht nur im Kleinen, sondern auch in größeren Zusammenhängen. Man darf vor allem auch davon ausgehen, dass sich Zwetajewa unentwegt mit der politischen und gesellschaftlichen Situation in ihrem Heimatland auseinandersetzte, auch und gerade im Exil.

„… Hier (im Exil) bin ich – unbrauchbar, dort (in Russland) bin ich undenkbar.“

Aber auch der teils bissige Humor scheint durch manche Zeilen, wie etwa im Bericht über den Besuch eines Vortrag des Anthroposophen Rudolf Steiner im Jahr 1923:

(deutsch:) „Herr Doktor, sagen Sie mir ein einziges Wort – fürs ganze Leben!“
L(ange) Pause und, himmlisch lächelnd, mit Nachdruck:
(deutsch:) „Auf Wiedersehn!“

Eine wichtige Rolle spielen immer die beiden Kinder. Die Tochter Alja, die dem Vater nacheifert und sich vor allem für Politik, für die große Sache, für den neuen Menschen, wie in Stalin propagiert, interessiert, und Murr, der Sohn, der Zwetajewa am nächsten steht. Von ihren Dialogen und seinen Kindersprüchen gibt es im Buch unzählige Seiten. So erklärt sich auch, weshalb man ihn Murr, nach E.T.A. Hoffmanns Kater, nannte:

„Mama, machen Sie mich klein!“ – „Mama, machen Sie mich zu einem Kater! Zu einem lebendigen Kater, einem echten, mit Pfoten!“

Alja geht zurück nach Moskau, wo der Vater lebt, während Marina in Paris irgendwie versucht sich und den Sohn durchzubringen. Hier entstehen auch die vier Notizhefte, die vielleicht ein klein wenig als Nachlassarchiv gedacht waren, denn sie wusste nicht, was von ihren Werken in der Sowjetunion überdauern würde, für die sie schließlich 1939 auch wieder ein Einreisevisum beantragte. Marina Zwetajewa wählte schließlich 1941 in Jelabuga, wohin sie nach dem Einmarsch der Deutschen verbracht wurde, den Freitod.

„Ich schreibe stoßweise – es ist wie eine Belohnung. Gedichte sind Luxus. Mein ewiges Gefühl, dass ich darauf kein Anrecht habe.“

Weitere Lektüre zum Thema habe ich bereits hier auf dem Blog und auf fixpoetry vorgestellt. Ein Klick auf das Bild führt jeweils zum link der Besprechung. In Romanform widmen sie sich jeweils einer bestimmten Phase in Zwetajewas Leben und Arbeiten: Die Finnin Riikka Pelo nähert sich der Beziehung Marinas zu ihrer Tochter Adriana. Hier wird auch viel von und aus den Notizheften erzählt. Und der Franzose Simon-Pierre Hamelin schreibt intensiv über die Zeit in Paris, als Marina in Clamart, einem Vorort, lebte (wie später auch unter ganz anderen Voraussetzungen Peter Handke).

Zum Schluß: dieses Zitat ist eine sehr schöne, für mich sehr stimmige Idee, wie man Gedichte schreibt, welche Herangehensweise man wählt, was man als Lyriker/in ja oft gefragt wird. Zwetajewa kommt meiner eigenen Idee vom Lyrikschreiben damit ziemlich nah.

„An Gedichten braucht man nicht zu arbeiten, der Vers selbst muss an einem (in einem!) arbeiten.“

Ganz viele Infos und eine Kurzbiographie von Marina Zwetajewa gibts bei FemBio. Bei planet lyrik findet man einen sehr ausführlichen informativen Beitrag über Zwetajewas Schreiben.
„Unsre Zeit ist die Kürze“ erschien im Suhrkamp Verlag. Herausgeber und Übersetzer aus dem Russischen und Französischen ist Felix Philipp Ingold, der auch ein informatives Nachwort dazu verfasste. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Andreas Maier: Die Familie Suhrkamp Verlag

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Ein neuer Band der autobiografischen, auf 11 Bände angelegten Romanserie „Ortsumgehung“ des 1967 in Bad Nauheim geborenen Andreas Maier wird von mir immer freudig erwartet. Hier kann ich sicher sein, dass ich mich auf hohem Niveau amüsiere. Thomas Bernhard lässt grüßen – Maier schrieb seine Dissertation zu Bernhard. Zu meinen Besprechungen bereits gelesener Bände gelangt man durch Klick auf die Buchcover unten.

Nach sechs Bänden, in denen er das möglicherweise schwierigste „Kapitel“ nur umkreist, schlägt Maier diesmal, im siebten, zu: Es geht um die eigene Familie. Und in der Tat schlägt dieses Buch einen raueren Ton an. Es geht um die Verschwiegenheit der Nachkriegseltern, um den vermeintlichen inneren Zusammenhalt einer recht wohlhabenden Familie, um die Leichen im Keller, die wohl jede Familie hat und von denen Maier nun zum ersten Mal genauer erzählt. Seinem Erzählton meine ich anzumerken, dass dieses Buch auch eine Art Abrechnung mit den Eltern ist, zumindest zeigt er schonungslos die einzelnen Beziehungen der Mitglieder zueinander auf. Das klingt mitunter recht bissig. Sogar die Sprache erscheint mir weniger ausgefeilt als sonst. Vielleicht, weil das Thema dem Autor doch auch sehr nahe geht.

„Ich hatte als Kind das Bild: Immer wenn jemand eine Person von außen kennenlernt, beginnt die Entfremdung (wie bei den funktionalen Miterziehern). Alles, was von außen kommt, ist schädlich und gefährlich.“

Maier erzählt zunächst von einzelnen Familienmitgliedern, von Onkeln, von Geschwistern, den Eltern. Wichtig ist, wie immer in seinen Geschichten die Verortung. Maiers Familie lebt in der hessischen Wetterau, in der kleinen Stadt Friedberg. Die Eltern besitzen ein riesiges Grundstück, auf dem das neue Haus gebaut wurde, auf dem aber auch noch Reste der alten Firma der Großeltern, einem Steinmetzbetrieb, stehen, unter anderem eine zerfallende Wassermühle.

Die unter Denkmal stehende alte Mühle spielt dann auch die Hauptrolle in einem sich über Jahre hinziehenden Gerichtsprozess, der die Familie in den Ruin bringen könnte. Hier erlebt der Erzähler zum ersten Mal den Vater als unaufrichtige, janusköpfige Person, die er im Verlauf Avatar nennt. Von nun an, beginnt er die Entscheidungen und Aussagen der Eltern stärker zu hinterfragen. Wir kennen das alle: Als Kind scheint einem alles richtig, was Eltern einem erzählen – später wird man klüger.

„Als Kinder transzendierten wir den Horizont der Familie zunächst nicht, sondern wuchsen mit ihren Positionen auf.“

Das Familienoberhaupt ist Jurist mit einer guten Position und sehr konservativ. Als der ältere Bruder des Erzählers zusehends in linke Kreise gerät, hängt bald der Haussegen schief. Der Bruder lässt sich nicht beirren und macht so bald als möglich den Abgang nach Berlin. Die Schwester ist ebenfalls ein Sorgenkind. Sie heiratet einen Amerikaner, zieht mit ihm in die USA, bekommt Kinder, kehrt zurück, geht wieder weg, kehrt zurück, etc. pp. Und alles auf Kosten der Eltern.

Wie wir wissen, im letzten Roman „Die Universität“ wird ausführlich darüber erzählt, beginnt unser Held ein Studium in Frankfurt am Main und ist somit ebenfalls aus der Schusslinie der elterlichen Instanz.

Im zweiten Teil des Buches wird es nun wirklich brenzlig. Hier erfährt der Protagonist von der örtlichen Buchhändlerstochter (und Ex-Freundin) aus alten, wieder gefundenen Tage- und Meldebüchern, dass das Grundstück nicht schon ewig lange der Familie gehörte, wie es immer in den Erzählungen der Eltern hieß. Vielmehr ist es naheliegend, dass das Land enteignet wurde und die jüdische Besitzerin die Zeit des Nationalsozialismus nicht überlebte …

„Die Frage nach Parteimitgliedschaft mußte aus irgendwelchen düsteren Gründen bei meiner Mutter einen solchen Adrenalinausstoß verursachen, daß sich eine alles vernebelnde Wolke in ihrem Gehirn ausbreitete und sie nicht einmal merkte, daß sie mir das schon zehnmal erzählt hatte und ihr Wortlaut dabei immer exakt ein und derselbe war.“

Ziemlich erschüttert über dieses Nichtwissen, dieses Verschweigen der Eltern und Großeltern, fragt sich der Autor, was er hier eigentlich schreibt, wie naiv er tatsächlich bisher über die Geschichte, den Ort, die Geschehnisse in der Familie schrieb. Wie kann es nun weitergehen? Wie mit der plötzlich „neuen“ Vergangenheit schriftlich umgehen?

Im Zuge der Lektüre wurde mir klar, dass ich den Band „Das Haus“ auch noch einmal lesen wollte, da es hier genau um das Grundstück, den Hausbau und Einzug ging und um das Problemkind Andreas, dem es am besten ging, wenn er allein zuhause war. Zu wenig erinnerte ich noch von dem bereits vor Jahren Gelesenen. Das war in der Tat sinnvoll und ergänzte die Gedächtnislücken. Die Stimmung in diesem Band ließ mich sehr oft an meine eigene Kinderzeit denken (Ich wurde im selben Jahr geboren wie Maier). So sind alle Bände des Zyklus separat mit Gewinn lesbar, ergeben aber schließlich ein stimmiges Bild durch die komplette Lektüre. Da die einzelnen Bände sehr schmal sind, ist nichts einfacher als das. Mehr- und unbändiges Leuchten!

Alle Bände erschienen im Suhrkamp Verlag. Eine 10-Seiten-Lesung des Autors gibt es hier:

Eine weitere begeisterte Besprechung (von allen Bänden) gibt es beim Blog BooksterHRO.

Leseprojekt Jahrestage – Aus dem Leben von Gesine Cresspahl von Uwe Johnson Suhrkamp Verlag

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Letztes Jahr am 20. August hat es begonnen: Jeden Tag einen Jahrestag. In dieser Dosis jeden Morgen gelesen, fand ich die Jahrestage geradezu ideal als Einstieg in meinen eigenen Tag. Angefangen hat das Vorhaben mit den Aktivitäten des Suhrkamp Verlags zum 50-jährigen Jubiläum mit einer vierbändigen Ausgabe im Schuber. Den ganzen Schuber traute ich mich nicht zu kaufen, da ich mir nicht sicher war, ob ich mit Johnsons sehr eigener Sprache klar kommen würde. Doch es war ein Ereignis und anhand der Lektüre spürte ich die Zeit vergehen, spürte die davon rasenden Tage, merkte wie schnell ein Jahr vergeht.

Zahlreiche Beiträge haben mich neugierig gemacht auf diese Chronik, die genau ein Jahr umfasst, und eigentlich im Jahr 1967/68 in New York spielt. Eigentlich, weil Johnson seine Hauptprotagonistin Gesine Cresspahl in wiederkehrenden Erinnerungsschleifen an ihre deutsche/mecklenburgische Kriegs/Nachkriegsbiografie denken lässt, animiert von der neugierigen, und oft auch altklugen 10 später 11-jährigen Tochter Marie, die natürlich vor allem die Ereignisse um den Tod ihres Vaters Jakob interessieren.

„Sie ist jetzt vierunddreißig Jahre. Ihr Kind ist fast zehn Jahre alt. Sie lebt seit sechs Jahren in New York. In dieser Bank arbeitet sie seit 1964.“

Die beiden leben nahe des Hudson am Riverside Drive. Gesine arbeitet in einer Bank, steigt sogar auf von einem Übersetzerinnenjob bis in die Chefetage und das obwohl sie eine Frau ist. Marie geht in eine katholische Mädchenschule und hinterfragt Dinge, die mich wundern lassen, ob sie wirklich erst 10/11 Jahre alt ist. Meiner Ansicht nach übertreibt Johnson da ein wenig, was die Klugheit und Reflektiertheit von Marie angeht.

Die „Tante“ New York Times spielt in Gesine und Marie Cresspahls Leben eine wichtige Rolle. Sehr schön zu lesen, wie wichtig damals noch Tageszeitungen waren, um an Informationen zu gelangen. Es ist zudem die Zeit des Vietnam-Kriegs, von dem die Times regelmäßig berichtet und von anderen gesellschaftlichen und politischen Ereignissen in der Welt. Es ist die Zeit des Kalten Krieges in Europa.

Der Leser verfolgt mit Marie und Gesine („Dschisaini“) das Attentat auf und den Trauermarsch für J.F. Kennedy und das Attentat auf Martin Luther King und die anschließenden Unruhen in der schwarzen Bevölkerung. Ich schrecke immer ein wenig auf, wenn ich lese, wie unbedenklich Uwe Johnson das Wort Neger benutzt. Das war damals üblich in den USA und es gab auch die bestimmten Viertel, in die Marie eigentlich nicht gehen sollte. Dennoch hat Marie besten Kontakt zum schwarzen Portier und sie schafft es nach einiger Zeit näheren Kontakt mit der einen einzigen farbigen Klassenkameradin (die „Quotennegerin“) aufzunehmen.

„1968, zu Anfang unseres achten Jahres in der Stadt, höre ich zwei negerhäutige Herren vor mir reden an der Bushaltestelle 97. Straße, ohne sie belauschen zu wollen.“

Marie erklärt den Samstag zum „Tag der South Ferry“, er wird immer Ausflugstag bleiben, eh sei denn D.E. ist zu Besuch und hat andere Vorschläge. D. E. ist der potentielle Ehepartner und bester Freund von Gesine und Marie und stammt ebenfalls aus dem Mecklenburgischen. Er arbeitet für eine finnische Firma und ist ständig auf Reisen.

Die Rückblicke in die Kinder- und Jugendzeit von Gesine sind spannend und aufschlussreich. So wird von Gesines tragischer Kindheit erzählt: Die Mutter kommt zu Tode im Feuer, man munkelt von Selbsttötung. Tatsächlich war die sehr religiöse Frau extrem streng und geizig ihrer Tochter gegenüber und litt an Depressionen.

Die Leserin erfährt, wie die Vor- und Nachkriegszeit sich in einem Dorf in Mecklenburg anfühlte. Wie Menschen mit der Besatzung der „Ostzone“ klar kommen mussten, wie ehemalige Nazis plötzlich zu glühenden Kommunisten wurden. Gesines Vater, der im Krieg für die Engländer spionierte, wird Bürgermeister unter den Sowjets, kurz darauf in den Karzer geworfen und für viele Jahre weggesperrt und kommt gebrochen wieder heraus. Gesine wächst bei Bekannten heran und verliebt sich schon als Mädchen in Jakob. Doch der hat dafür zunächst kein Auge.

Mit dem nahenden Ende der Geschichte, kommt wieder ein Sprung zurück in Gesines Schulzeit in der DDR bis zum Abitur. Vom Blauhemd über Pioniertuch bis zur Freundschaft mit Anita, die auch später mit Gesine in Kontakt bleibt und zur vorgetäuschten Liebschaft mit Pius, der später in der neugegründeten Volksarmee Lorbeeren sammeln wird. Es dauert lange, bis Johnson von der Beziehung zwischen Gesine und Jakob erzählt. Und bis schließlich Marie geboren wird.

Gleichzeitig geschieht im aktuellen Leben ein bedeutender Schicksalsschlag, D. E. betreffend, der nicht so leicht zu verkraften sein wird, der aber seltsamerweise von Johnson sehr knapp abgehandelt wird (ebenso wie Jakobs Ableben).

„Marie hat sich verkuckt in die Chinesen von San Francisco, an die einverstandene Art, mit der das Auge des Durchreisenden die gelben, schwarzen und rosanen Leute mit einander umgehen sieht auf den Bürgersteigen, in den Seilstraßenbahnen, wo sie dem Fremden Platz einräumen nach der Gebrechlichkeit, dem Alter, in einer Kameradschaft.“

Johnsons Sprache durchziehen immer wieder Sequenzen, die im Mecklenburgischen Dialekt verfasst sind. Dann wird es schwieriger für den Leser. Den Zusammenhang versteht man aber dennoch. Auch mit Zeitsprüngen zwischen damals und heute muss man permanent rechnen. Doch auch daran gewöhnt man sich.  Für Johnsons Sprache braucht man generell ein wenig Ausdauer. Aber man hat ja 1700 Seiten Zeit. Mich hat die Lektüre sehr bereichert.

Zum Abschluß hin beginnt Johnson so etwas wie einen sehr kurzen Rückblick, indem er einzelne Ereignisse aus den Jahren der Verweildauer in New York herausgreift (So etwas, wie ein Abspann im Film oder der Film, der sich angeblich im Augenblick vor dem Tod abspult). Er beendet den Roman mit der Abreise der Cresspahls nach Prag, wo sie auf Wunsch von Gesines Chef im Namen der Bank dort eine neue Arbeit beginnen werden.

Alle Werke Johnsons, so auch die „Jahrestage“ sind im Suhrkamp Verlag erschienen. Einen schönen Einblick ins Werk erlangt man hier. Sehr ausführlich kann man sich auf der Seite der Uwe-Johnson-Gesellschaft über den Autor informieren: https://www.uwe-johnson-gesellschaft.de/

 

Christoph Hein: Verwirrnis Suhrkamp Verlag

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Mit schöner Regelmäßigkeit schreibt Christoph Hein fast jährlich einen Roman. Diesmal heißt er „Verwirrnis“ und ist (nach dem etwas schwächeren „Trutz“) wieder einmal richtig gut gelungen. Es ist für mich eine sehr emotionale Lektüre gewesen. Immer wieder kam ich beim Lesen in Rage: Was für ein fürchterlicher Vater! Was für grässliches Verhalten unter dem Deckmäntelchen der katholischen Religion! Welch schlimm konservatives Denken, welche Verbohrtheit in den 50er Jahren!

Wir befinden uns im Eichsfeld der 50er Jahre. Es ist die katholischste Region vermutlich ganz Deutschlands, zumindest aber der ganzen Ost-Zone. Im kommunistischen Teil Deutschlands ein Ausnahmefall. Hier wachsen Friedeward und Wolfgang auf. Der Sohn eines strenggläubigen katholischen Lehrers und der Sohn eines Kantors begegnen sich mit 15 zum ersten Mal in der Schule und werden die dicksten Freunde. Sie sondern sich ab von anderen, lesen und diskutieren und stellen sich eine Zukunft als Künstler vor. Als sie gemeinsam Urlaub an der Ostsee machen, entwickelt sich aus der Freundschaft ein gegenseitiges körperliches Begehren, was die beiden nur noch enger zusammenschweißt. Natürlich darf keiner davon erfahren, schon gar nicht Friedewards Vater, der seinen Sohn auch im fortgeschrittenen Jugendlichen-Alter zur Strafe noch mit einer Art Peitsche züchtigt. Dies hat die Geschwister Friedewalds bereits aus dem Haus getrieben.

Es kommt, wie es kommen muss: Pius Ringeling, Friedewards Vater erwischt die beiden auf frischer Tat. Er schafft es, dass Wolfgang die Schule verlassen muss und verdrischt den 17-jährigen Sohn.

„Die frommen Lehren bedrückten Friedeward, bescherten ihm schlaflose Nächte. Die Verdammnis wurde zu einem allnächtlichen Schreckgespenst, er hatte Albträume, er sah die Hölle, die Teufel, das Fegefeuer vor sich und fuhr im Halbschlaf laut schreiend in seinem Bett hoch.“

Dennoch schaffen beide es, wieder zusammen zu kommen. Beide studieren in Leipzig, Wolfgang Musik und Friedeward Germanistik, führen dort ihre Beziehung, wenngleich immer noch heimlich, weiter. Die Freundschaft zur Theaterstudentin Jacqueline und deren Professorin Herlinde, die ebenfalls heimlich ein Paar sind, verschafft ihnen ungeahnte Möglichkeiten: Friedeward und Jacqueline geben sich als Paar aus und sind damit gefeit vorm Entdecktwerden. Eine Hochzeit wird geplant.

Wolfgang jedoch entfernt sich. Er beendet sein Studium in Westberlin, nimmt die westdeutsche Staatsangehörigkeit an und darf fortan nicht mehr in den Osten einreisen. Er bricht alle Beziehungen zu Freunden aus dem Osten ab, auch die zu Friedeward, für den die Trennung ein schwerer Schlag ist.

Beide machen Karriere, sind Könner ihres Metiers, Musik und Literatur, und es scheint sich der Künstlertraum der Jugendlichen zu erfüllen, nur eben nicht gemeinsam.

Ein wenig seltsam mutet es an, dass Friedeward so gelassen zuhört, als im Radio vom Bau der Berliner Mauer berichtet wird. Einzig wegen Wolfgang vergisst er einige Tränen, die Idee eines eingemauerten Berlins scheint ihn kalt zu lassen, vielleicht weil sie so unvorstellbar ist oder in der Überzeugung, dieser Staat sei der Richtige. An der Universität in Leipzig herrscht ein freies, vom Regime wenig beeinträchtigtes Klima. Bis dem Leitenden Professor, genannt Goethe-höchstselbst, eine Ausreise zu einem Kongress in Wien verweigert wird. Bei nächster Gelegenheit bleibt er im Westen. Nun ändern sich die Verhältnisse. Wer nicht linientreu ist/wird, hat keine Chance auf einen höheren Posten. So auch Friedeward, doch er behält zumindest seine Dozentur, weil er zum Zeitpunkt der „Säuberungen“ bei der Beerdigung seines Vater im Eichsfeld ist. Offensichtlich wird auch er längst bespitzelt und steht trotz der „Schein“-Heirat mit Jacqueline, unter Beobachtung. Seine Sexualität lebt er weiterhin nur im Geheimen, obwohl Homosexualität kein Strafdelikt mehr ist.

Für Friedeward vergehen die Jahre bis zur politischen Wende in der DDR dennoch friedlich. Erst die Wiedervereinigung mit der damit verbundenen Abwicklung, mit Stellenabbau auch an der Universität Leipzig, stellt ihn vor eine schwerwiegende Entscheidung …

Heins Sprache ist wie immer unspektakulär, seine Stärke liegt im fließenden Erzählrhythmus, was er mit diesem Roman einmal mehr beweist.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Weitere begeisterte Besprechungen findet man bei Zeichen & Zeiten, bei Ruth liest und Peter liest.

Rachel Cusk: Kudos Suhrkamp Verlag

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Die kanadische, in England lebende Autorin Rachel Cusk lässt den dritten Band ihrer Trilogie fast gleich beginnen wie den ersten. Zufall oder Kalkül? Interessant auf jeden Fall, denn das Gespräch, das genau wie im ersten Band fast ausschließlich vom Nachbarsitz im Flugzeug geführt wird, ist ein ganz anderes. Und doch ist es letztlich das gleiche Thema, um dass es bereits in den ersten beiden Bänden „Outline“ und „Transit“ ging. Großartig, wie Cusk ihren bewundernswerten Stil beibehält.

Beziehungen und deren Ungleichgewichte zwischen Mann und Frau, Kindern und Eltern, berufliche und private, durchleuchtet Cusk auf ihre ganz unvergleichliche Art. Wie bereits in den Bänden zuvor, schickt sie ihre Hauptfigur Faye, in Begegnungen, meist recht kurze, die auf Gesprächen basieren. Die Gespräche verlaufen allerdings sehr einseitig. Das Gegenüber erzählt, oft uferlos, und die Schriftstellerin Faye hört zu, geht mitunter, doch sehr selten, auf Fragen ein oder sagt ihre Sicht auf die Dinge. Diese aber sehr konkret und mit großer Wichtigkeit.

Diesmal ist Faye auf dem Weg zu einem Literaturfestival auf dem „Kontinent“. Im Flugzeug hört sie sich die Geschichte eines erfolgreichen Geschäftsmann an, der für die Karriere immer unterwegs, sich nun endlich seiner Familie widmen will, diese jedoch gar nicht mehr zu erkennen scheint. Das eingespielte Team brauchte offenbar nur den Versorger. Eine wichtige Rolle spielt allerdings der Familienhund …

„Ich hatte den Eindruck, dass er seine Geschichte oft und gern zum Besten gab und es ermächtigend und befriedigend fand, die Ereignisse noch einmal zu durchleben, nur eben ohne den Schmerz. Offenbar bestand der Trick darin, sich der vermeintlichen Wahrheit so weit wie möglich anzunähern, ohne die von der Wahrheit ausgelösten Gefühle die Oberhand gewinnen zu lassen.“

Im Gespräch mit dem Moderator einer Lesung und einer Schriftstellerkollegin geht es dann um den Nutzen des Buches an sich. Es wird eingetaucht in den Literaturbetrieb. Auch hier wird er totgeredet. Dann hören wir die Familiengeschichte der anderen Autorin. Auch ein Gespräch mit einer Journalistin endet nach kürzester Zeit im Monolog der selbigen. Fast glaubt man Faye würde etwas über die Journalistin schreiben wollen und sicher schöpft sie eben aus all diesen Begegnungen, den Stoff für ihre Literatur.

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Wir erleben zwei weitere Interviews, in denen ausschließlich die Journalisten reden. Sehr selbstbewusst, ohne zu merken, was sie da tun, breiten sie Theorien und biografische Daten aus, drängen Faye ins Aus. Es sind häufig Gender-Themen, die hier seziert werden. Seltsame Figuren sind unter den Gästen dieses Literaturfestivals. Schriftsteller, die eigenartiger nicht sein könnten. Jeder hat eine andere Macke. Es ergeben sich seltsame Querverbindungen, Flirt- und Fluchtversuche. Schwierig zu deuten, ob „echte“ Autoren dabei sind und in welchem Land/Stadt (Lissabon?) das Buch spielt.

“ …, gleichzeitig habe sie das Gefühl, aus einem privaten Zeitvertreib wie Lesen und Schreiben ein öffentliches Anliegen zu machen, bringe eine ganz eigene Art von Literatur hervor. Viele der eingeladenen Autoren überträfen sich bei ihren Auftritten selbst, während man ihre Bücher bestenfalls durchschnittlich nennen könne.“

Nur Faye bleibt „normal“ und im Hintergrund. Gegen Ende der Story, merke ich, wie mich die fortdauernden Monologe ermüden. Vielleicht hat Cusk diesmal doch ein wenig übertrieben, wäre doch besser ein wenig näher an ihre Hauptfigur gerückt, so wie sie es im zweiten Teil „Transit“ gemacht hat, der mir auch am Besten gefiel. Nur zweimal wird Cusk konkreter: Zwei Anrufe ihrer Söhne deuten an, dass in Fayes eigenem Leben noch immer keine Ruhe eingekehrt ist.
Für ein Faye-Interview bin ich jedoch sehr dankbar, erwähnt die Journalistin doch eine bildende Künstlerin, die ich noch nicht kannte und die eine inspirierende Entdeckung ist. Es ist die schottische Malerin Joan Eardley, deren Namen und Ideen sie, wie auch Louise Bourgeois in das Gespräch einfließen lässt.

Generell mag ich Cusks Sprache sehr. Auch davon lebt der Roman. Ich bin gespannt auf weitere Übersetzungen der Autorin und empfehle die Lektüre in der Reihenfolge des Erscheinens. Ein Leuchten!

Kudos (laut wikipedia: Ruhm, Ehre, ein vor allem im englischsprachigen Raum verbreiteter Ausruf der Anerkennung) und beide vorherigen Bände erschienen bei Suhrkamp. Übersetzt aus dem Englischen hat sie Eva Bonné. Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine weitere Blogbesprechung gibt es auf letteratura.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers Suhrkamp Verlag

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Sehr zuverlässig schreibt Ralf Rothmann jedes Jahr einen Roman. Auffällig ist, dass sie immer etwas außerhalb des Frühjahrs- oder Herbstprogramms erscheinen. Man munkelt, weil Rothmann keine Lust auf einen der zwei Messe-Preise hat. Ich kanns verstehen, denn er hat keinen der Preise nötig. Und wer einmal einen Roman von ihm gelesen hat, bleibt vermutlich treuer Leser. Im Spiegel fand ich am 4.5. ein Interview, in dem mir Rothmann auch wieder sehr sympathisch ist. Der Auszug unten spricht mir aus dem Herzen und ich würde ihn sowohl auf Roman, als auch auf Lyrik beziehen.

„Der Gott jenes Sommers“ könnte eine Art Ergänzung des letzten Romans sein, denn die Hauptfigur „Karl“ aus „Im Frühling sterben“ taucht wieder kurz auf. Leider hat dieser neue Roman nicht die Dringlichkeit des vorigen. Die Geschichte wirkt nicht vollständig, nicht rund. Sie liest sich flüssig, doch hat sie keinen klaren Fixpunkt, um den sich alles bewegt. Und doch ist es eben ein „Rothmann“, den man als Fan gerne liest.

Dass Rothmann eine Parallelgeschichte zur eigentlichen erzählt, wirkt auf mich seltsam und bereichert den Roman auch nicht. Es geht um den 30-jährigen Krieg, der aufgrund eines Jubiläums offenbar gerade „in“ ist. Womöglich soll sie Spannung auf das nächste Kapitel erzeugen. Ich bin eher in Versuchung gewesen diese Episoden zu überblättern und war traurig, dass so viel weniger von der eigentlichen Story blieb, die durchaus etwas mehr Raum gebraucht hätte. Allerdings ist es wohl auch dieser Geschichte zu verdanken, dass die Story Gott im Titel führt. Auch die eigentliche Geschichte handelt zu winzigen Teilen in einem Kloster, dass in ein Lazarett verwandelt wurde. Auch die letzte Szene, kurz nach Kriegsende, spielt im Kloster. Eine Nonne antwortet auf Hauptprotagonistin Luisas Wunsch, auch Nonne zu werden: „…iss erst mal einen Teller Suppe!“

Das Ende klingt zwar versöhnlich, aber es ist vorher auch allerhand geschehen, was unzählige Risse in Luisas 12-jähriges Leben verursachte: „Ich hab alles erlebt“, antwortete Luisa“. Der geliebte Vater, der sich scheinbar urplötzlich das Leben nahm, die ältere Schwester die verschwand, der angehimmelte Karl, aus dem Krieg zurück und doch sich gleich wieder von ihr entfernend. Die vielen Geheimnisse, wie das Lager in der Nähe des Gutshofs, in dem ihre Familie Unterschlupf fand, von dem sie immer ferngehalten wurde, streng bewacht. Oder die Perückenmacherin, die immer echtes Menschenhaar parat hat. Und vor allem die schlimme Erfahrung sexueller Gewalt, durch eine Person aus der eigenen Familie, und nicht wie immer prophezeit wurde, von den Russen, die womöglich schon bald anrücken und den Gutshof beschlagnahmen würden. Die sonst so starke Luisa bricht daraufhin fiebrig und krank zusammen und erlebt das Ende des Kriegs nur im Fieberwahn.

Luisa ist eine Leseratte, verschlingt die Bücher aus der Klosterbibliothek. So ganz anders ist die ältere Schwester Billie, die trotz Krieg und Armut vor allem auf ihr Äußeres bedacht ist, um die Männer zu betören. Die Mutter, die das unterstützt. Der trinkende Vater, der in Kiel zurück blieb und das Offizierskasino leitet und nur ein seltener Gast auf dem Gut ist. Und der Melker Karl, in den Luisa sich verguckt, ohne genau zu wissen, was da geschieht. Mit ihm verbringt sie Zeit im Stall mit den Tieren, doch wird er dann kurz vor Kriegsende noch eingezogen und an die Front geschickt. Die bodenständige linientreue Stiefschwester, die mit einem SS-Offizier verheiratet ist, hat der Familie die Bleibe auf dem Gutshof ermöglicht. Ihm wird auch das Anwesen zugesprochen, nachdem es ja keine Erben, „zumindest nicht im Reich“, mehr gibt.

Rothmann lässt manches im Dunklen, macht nur Andeutungen und doch kann man sich als Leser*in natürlich vieles zusammen reimen. Anderes wiederum bleibt offen und immer ein Rätsel, so wie es in der Geschichte ja tatsächlich auch geschieht. Und wer weiß, vielleicht schreibt Rothmann ja schon an einer weiteren Ergänzung dieser Geschichte, die ganz offensichtlich auch, wie schon beim Vorgänger, aus autobiographischen Material entstand.

„Der Gott jenes Sommers“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine weitere Besprechung gibt es auf LiteraturReich. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.