David Vann: Momentum Hanser Berlin Verlag

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Liest man David Vanns neuen Roman „Momentum“ und kennt seine vorigen Romane, spürt man, dass alles was zuvor geschrieben wurde auf dieses Buch hinausläuft. Man weiß dann auch, dass einige autobiographisch sind und imgrunde alle auf ein Thema zulaufen: den Suizid des Vaters des Autors.

„Kennt man Vanns Romane, sei es „Die Unermesslichkeit“, „Dreck“ oder „Im Schatten des Vaters“ erscheint „Aquarium“ zunächst um einiges zivilisierter. Alle Romane jedoch basieren auf dem genauen schonungslosen Blick auf menschliche Beziehungen mit all ihren Abgründen. Vater – Sohn, Ehefrau – Ehemann, Mutter – Sohn, immer geht es um Familienbande, die bedingungslos aneinanderketten, obgleich jegliche Liebe erzwungen zu sein scheint und es dann zur Eskalation kommen muss. Fast immer mit Gewalt.“

So schrieb ich in meiner Besprechung zu „Aquarium“. In Momentum geht es nun um eben jenen Moment, der zwischen jeder Zeit liegt und der vielleicht der eine ist/war, der das Leben hätte total verändern oder zum Positiven wenden können. Jedenfalls wünscht sich Hauptfigur Jim immer wieder an diesen Punkt, der für ihn jedoch nie einzutreten scheint. Jim ist depressiv. Leicht manische Phasen wechseln mit absoluten Tiefs. Der 39-jährige Vater von zwei Kindern, von deren Mutter er längst getrennt ist, kommt auf Anraten von Ärzten aus Alaska zu seiner Familie nach Kalifornien zurück. Jim hat sich als gut verdienender Zahnarzt Steuerschulden angehäuft und auch die zweite Ehe mit Rhoda zerbricht an seiner Untreue. Die Familie soll nun Hilfe leisten, rettend eingreifen, weil Jim suizidal ist. Wie das in den USA so ist, hat Jim, wie scheinbar jeder andere, eine Waffe. Und in Gedanken benutzt er diese nicht nur, um sich selbst umzubringen, sondern auch um die eigene Familie auszulöschen.

„Worauf es jetzt ankommt, ist herauszufinden, wie er nur zum Selbstmörder werden kann und nicht zum Massenmörder. Das ist das hohe Ziel, das Jim anstreben kann, der Ertrag eines Lebens voller harter Arbeit. Herzlichen Glückwunsch.“

Vann erzählt direkt und ohne Zurückhaltung von den Rache- und Gewaltphantasien, von der Maßlosigkeit eines Mannes, der nicht mehr ganz bei sich ist. Er erzählt aber auch von den inneren Nöten, von der familiären Prägung, der immer verschwiegenen indigenen Herkunft und von der Unsicherheit eines Mannes, der nirgends mehr Halt findet. Und er erzählt von den fantasiereichen Geschichten, die der Vater seinen Kindern auftischt, etwa die vom fliegenden Heilbutt auf dem Mond (engl. Originaltitel: Halibut on the moon). Der 13-jährige David (=Autor David Vann) und die 8-jährige Tracy himmeln ihren fast immer abwesenden Vater an und folgen gebannt, mitunter verstört seinen Geschichten und seinen sprunghaften Launen.

„Die Wahrheit ist, dass er gerade keinerlei Kontrolle über sich hat. Verschiedene Gefühle überwältigen ihn Tag und Nacht, immer ohne Warnung, ohne eine Ahnung, was als nächstes kommt. Keine Kontrolle zu haben ist erschreckend, ganz besonders vor seinen Kindern. Er will nicht, dass sie das mitbekommen.“

Die Besuche bei Eltern und Bruder, Exfrau und Kindern wirken auf Jim jedoch alles andere als stabilisierend, obwohl alle nach ihrem Empfinden das Beste geben. Das vom Arzt verordnete Medikament wirkt nicht schnell genug. Jims Aufenthalt gleicht einem Wettlauf mit sich selbst, einem ziel- und ruhelosem Treiben durch den Heimatort, einer Reise in die Vergangenheit. Einzig der Vater öffnet sich überraschenderweise kurzzeitig und lässt Nähe erkennen: er gesteht ihm, dass er selbst schon immer ein falsches Leben lebt, dass es schmerzt die eigene Abstammung von einem Cherokee-Vater fortwährend verheimlicht zu haben. Doch wie eine Depression eben ist, kann Jim die Worte nicht wirklich annehmen. Nach nur zwei durchwachten schmerzvollen Nächten kehrt er nach Fairbanks, Alaska zurück und nimmt die Waffe zur Hand …

David Vann gelingt es brillant, Erscheinungsformen der Krankheit Depression darzustellen. Mit großer sprachlicher Klarheit durchdringt er die ewige Sinnsuche und die Ratlosigkeit seines Helden angesichts dieser großen existentiellen Frage.

David Vanns neuer Roman erschien zum ersten Mal im Hanser Verlag und wurde von Cornelius Reiber übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Bov Bjerg: Serpentinen Claassen Verlag

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Selten ist es mir so schwer gefallen eine Besprechung über ein Buch zu schreiben wie hier mit „Serpentinen“, obwohl ich es sehr mag. Vielleicht fange ich mit der Frage an, die sehr häufig im Text selbst gestellt wird: „Um was geht es?“ Immer wenn ich beim Lesen dachte, ich verstehe nicht, weshalb dauernd diese Frage gestellt wird, kam sie immer so lange nicht mehr, bis ich sie vergessen hatte. Dann plötzlich war sie wieder da. Um was geht es in diesem Roman?

Im weitesten Sinne wahrscheinlich um das, was wir aus unserer Herkunftsfamilie, aus unserer Kindheit ins Erwachsenenleben mit hineinschleppen, was wir erben oder erfahren, was uns nicht gut tut oder traumatisiert. Und darum, dass das die Generation der Kriegskinder/enkel noch immer Unaufgearbeitetes mit herum trägt. Ich bin wenig jünger als Bov Bjerg, der 1965 geboren wurde, und erkenne vieles was er schreibt wieder. Sein Held hat ein schweres Familienschicksal zu tragen, dass sich über Jahrzehnte hinweg fortschrieb.

Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Pioniere zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Ich war noch am Leben. Der Junge war noch am Leben.
So weit waren wir gekommen.“

Ein namenlsoer Vater ist in den Ferien mit seinem namenlosen Sohn unterwegs in der alten Heimat. Was genau das Ziel dieser Reise ist, erahnt man im Laufe des Lesens. Sehr schnell wird klar, dass es keine Vergnügungsfahrt wird. Vater und Sohn haben ein unsicheres Bindungsverhältnis. Dem Vater fällt es schwer, mit dem Sohn umzugehen. Auf dieser Reise, die auch eine in die Vergangenheit ist, kann das Verhältnis jeden Moment kippen, das drohende Unglück ist jeden Moment spürbar. Wenn der Vater während der Autofahrt seinen Sohn bittet ihm ein neues Bier zu reichen oder der Vater in der Pension mit dem Kopfkissen in Händen neben dem schlafenden Jungen sitzt, wird mir ganz anders. Wenn der Vater jedoch seinerseits als Sohn vom eigenen Trinker-Vater (oder der Mutter?) verprügelt wird und in einer engen katholischen konservativen Kleinstadtwelt aufwächst, verändert sich der Blickwinkel.

„Ich wurde losgeschickt von der Mutter, ich traute mich nicht, der Bruder kam mit.
Losgeschickt, den Vater aus der Wirtschaft zu holen: Die Bücher, in denen davon die Rede war, füllten eine Bibliothek. Die Bibliothek der Säuferväterbücher. Die Bibliothek der Hohen Losgeschickt-den-Vater-aus-der-Wirtschaft-zu-holen-Literatur.“

Es scheint aber auch Hoffnung in einer solchen Kindheit und Jugend zu geben. Die Entdeckung von etwas grundlegend Neuem:

„Kunst war für Bonzen und Schwuchteln. Lange hatte ich in das Gelächter der Alten eingestimmt. Ich war ein verständiger Junge. […] Jetzt ahnte ich, dass das falsch war.
Und ich ahnte, dass der Gott der Erwachsenen erfunden war und ihr Beten gelogen.
Kunst bedeutete: Es gab noch etwas anderes.
Kunst war das, von dem die Herkunft keine Ahnung hatte.

Und diesen letzten Satz aus dem Zitat kann ich unterstreichen.

Bereits seine Lesung beim Bachmannpreis-Wettlesen 2018, die Auszug aus diesem Roman war, gefiel mir sehr. Obwohl es eine dunkle Geschichte ist, trifft Bjerg einen Ton, der nicht nur düster ist in einer Sprache, die sehr gelungen ist. Seltsam fand ich jedoch, dass das Buch bei mir nicht lange nachgewirkt hat. Bereits wenige Tage nach der Lektüre, hatte ich es schon vergessen. Ein ungewöhnliches Phänomen, was ich bei so intensivem Inhalt nicht kenne. Womöglich hat es mit meiner eigenen Biographie zu tun …

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs Gute Literatur und Ruth liest

Der Roman erschien im Claassen Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Yael Inokai: Mahlstrom Edition Blau im Rotpunkt Verlag

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„Sie hat sich getötet.
Erst ein paar Tage nach der Beerdigung wurde es mir bewusst. Langsam verschob sich das Bild in der Dauerschleife;“

Barbara beging Suizid. Das wird Nora, Barbaras Freundin nun klar, die wechselweise mit Barbaras Bruder Adam und Yann als Erzähler fungiert. Es war kein Unfall. Die 22-jährige Barbara hat sich den schweren Wollmantel ihres Bruder Adams übergezogen und ist in den Fluß gegangen, der für seine gefährlichen Strudel bekannt war. In dem kleinen Schweizer Dorf, will sich keiner etwas anmerken lassen. Erstaunlich schnell gehen selbst die Eltern wieder in die Alltagsroutine über.

Aus drei verschiedenen Blickwinkeln erfahren wir etwas über Barbara. So setzt sich ein Bild zusammen. So erfahren wir aber noch viel mehr. Die Erinnerung reicht zurück in die Kindheit. Alle gingen in die Dorfschule, doch als Yann dazu kam, änderte sich etwas. Yann, dessen Eltern aus der Stadt hinzuzogen, wird ausgegrenzt und wie sich langsam herauskristallisiert zur Zielscheibe ihrer Gewalt. Eine Gewalt, die bereits aus den Familien kommt, und die Gefühle oder ein Anderssein schlichtweg nicht zulässt …

Wie Inokai diese Geschichte erzählt, ist gekonnt und spannend und sprachlich überzeugend. Das Thema ist nicht neu und doch trifft es und fesselt. Das liegt sicher daran, dass die Autorin zeitweise sehr nah an ihre Protagonisten herantritt, dem Leser sozusagen Eintritt gewährt in das soziale Gefüge dieser dörflich eingeschworenen Lebensgemeinschaft und ihn gleichzeitig über Einzelheiten im Unklaren lässt.

„Der Papa hat manchmal gesagt, die Barbara ist ohne Filter zur Welt gekommen. Vielleicht trifft es das ganz gut.“

Der Titel „Mahlstrom“ ist passend gewählt, denn nicht nur der Fluß erweist sich als solcher, auch die Dorfgemeinschaft kann einen Menschen, der kein dickes Fell hat oder eben etwas anders ist, so wie Barbara, tief hinunterziehen, bis es keinen Ausweg mehr gibt: Fliehen oder Untergehen … Bis endlich einer beginnt die Wahrheit zu sagen: „Ich will jetzt endlich mal etwas klarstellen“. So endet der Roman und so kann vielleicht eine Öffnung stattfinden.

Der Roman erschien im Rotpunkt Verlag. Es ist Yael Inokais zweiter Roman. Mehr über die Autorin und eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Juli Zeh: Leere Herzen Luchterhand Verlag

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„Anderswo kämpfen die Menschen um ihr Leben, und du sitzt hier und leidest.“
„Du kapierst es nicht.“ Julietta nippt an ihrem Tee. „Nicht ich leide. Wir alle. Das ist das Problem. In einer Welt, in der sich die, denen es am besten geht, am beschissensten fühlen, ist etwas grundverkehrt.“

Kein Wunder, dass Juli Zeh mit diesem Buch auf der Bestsellerliste gelandet ist. Der Roman bedient genau die Wünsche, die die Mehrheit an ein Buch hat. Es ist leicht zu lesen, sprachlich nicht anspruchsvoll, so spannend, das man (angeblich) nicht aufhören kann und spricht über eine erfundene Zukunft, die wir scheinbar bald haben. Darüber kann man prima reden, mitreden und sich abarbeiten. Ich halte es dennoch nicht für ein gutes Buch. Habe ich an „Unterleuten“ noch Gefallen finden können, bei dem die Charaktere gekonnt ausgearbeitet waren, so geht mir diese Story, die inhaltlich leicht an das Vorgängerbuch anknüpfen könnte, doch gegen den Strich. Irgendwie bleibt hier alles flach und konturlos … bieder ist es, ja, das ist der richtige Ausdruck.

Die Hauptprotagonistin Britta lebt in einem Braunschweig der Zukunft, in der Sarah Wagenknecht Innenministerin ist, manche „Menschen das Bedingungslose Grundeinkommen nutzen, um auf Parkbänken zu sitzen“ und die Besorgte-Bürger-Bewegung überall ihre Finger mit im Spiel hat. Britta hat Mann und Kind und eine seltsame Art ihr Geld zu verdienen, das allerdings erfolgreich: Mithilfe eines Computersystems namens Lassie ermitteln Britta und Babak, ihr Geschäftspartner, Menschen die nicht mehr leben wollen, sich den Freitod wünschen. Diesen verhilft „Die Brücke“, falls unabbringbar, zu einem „stimmigen“ Suizid, der auch anderen noch etwas nützt:

„Ihr vermittelt mich an eine Organisation, die meinen Tod gebrauchen kann.“

Dass Britta und Babak dabei ein Stufenprogramm durchführen, um den Willen der Auserwählten zu prüfen und dabei die fürchterliche Foltermethode Waterboarding Teil dieser Prüfung ist, macht die Sache nicht besser. Als sie Konkurrenz von den „Empty Hearts“ bekommen, bricht die Braunschweig-Idylle zusammen …

Ich erinnere mich an ältere Bücher von Juli Zeh, die viel komplexer und eigener waren, Geschichten, die ungewöhnlich und viel raffinierter konstruiert waren, wie Schilf, Corpus Delicti oder Nullzeit. Wie im oben genannten Zitat zu erkennen, geht es Zeh um Gesellschaftskritik, wie fast immer, das ist das Thema, dass sie immer wieder aufgreift, bloß wird mir dabei langweilig. Vor allem wenn dann solche Sätze kommen, die die unsympathische Hauptfigur mit Sauberkeitszwang ausstößt, weil das Hammer-Beruhigungsmittel Tavor nicht mehr wirkt:

„Die Fledermäuse stürzen durch die Dunkelheit, und falls ihr Flug eine Botschaft besitzt, so lautet diese: Hab keine Angst.“

oder

„Sie hatte vergessen, dass es einen Zustand jenseits des Schmerzes gibt. Man nennt ihn Paradies.“

Offenbar neigt sich meine Juli-Zeh-Lesezeit dem Ende zu. Das ist auch nicht weiter schlimm, liegen doch bereits zwei, inhaltlich wie sprachlich, gewichtigere Bücher hier bei mir …

„Leere Herzen“ erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln Suhrkamp Verlag

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Ein neues Buch von Marion Poschmann ist da! Es ist diesmal kein Lyrikband, es ist ein Roman, wenn auch ein sehr kurzer, jedoch gehaltvoller. Zuletzt erschien von ihr „Geliehene Landschaften“. Zahlreiche Gedichte darin sind auch in Japan entstanden und ergänzen den neuen Roman stimmig.

Hauptdarsteller in dieser Geschichte ist Gilbert Silvester, ein ziemlich unsympathischer Zeitgenosse, wie sich schnell herausstellt. Gilbert träumt eines Nachts, seine Frau würde ihn betrügen. Mathilda bestreitet dies vehement. Gilbert weiß nicht mehr was er tut und fliegt mit dem nächsten Jet nach Japan. Während des Langstreckenflugs erfährt der Leser von Gilberts Arbeits- und Forschungsthema:

„>Bartmode und Gottesbild< lautete sein Themenschwerpunkt, den er je nach Tagesform als enorm ergiebig, ja elektrisierend, oder aber als vollkommen absurd und zutiefst deprimierend empfand.“

Auf einem Bahnsteig in Tokyo begegnet er Yosa Tamagotchi, der immerhin ein Ziegenbärtchen trägt, der allerdings gerade vorhat sich umzubringen. Gilbert hält in davon ab und fortan reisen die beiden zusammen weiter. Gilbert plant anhand eines Buches auf den Spuren des Dichters Bashõ zu pilgern, um zu Einkehr und meditativer Ruhe zu finden. Zunächst versucht er noch mit Mathilda zu telefonieren, doch dann schreibt er nur noch Briefe und mancherorts ein Haiku. Yosa plant zunächst sein Vorhaben an anderer Stelle durch zu führen, anhand eines Suizid-Ratgebers findet er einige beliebte Orte, doch alles kommt anders. Yosa kommt Gilbert schließlich abhanden …

„Das Ganze, so konnte man von Bashõ lernen, mußte auf einem anderen Niveau stattfinden. Konsequente Fußmärsche. Einfachste Quartiere. Verzicht auf technische Hilfsmittel, allem voran Mobiltelefone. Erst dann erreichte man eine Haltung, die es erlauben würde, zu jenem gestrengen Über-Ich auf Distanz zu gehen, das jeden von ihnen im Alltag unter Kontrolle zu halten suchte.“

Wie immer ist auch dieses Buch sorgfältig und ergiebig recherchiert, so dass der Leser sowohl über Bärte, als auch über die japanische Suizidkultur mit besserem Wissen aus der Lektüre heraustritt. Den typischen skurrilen Blick und den feinen Humor Poschmanns kennen die Leser*innen möglicherweise schon aus vorigen Romanen, wie „Die Sonnenposition“, „Hundenovelle“ und „Schwarzweißroman“ (dich alle sehr empfehlen kann).

„Die Kieferninseln“ geht jedoch noch tiefer, ist ein Roman voller Bedeutsamkeiten, die sich erst auf den zweiten Blick zu erkennen geben. Es ist ein Roman über Natursensationen und darin ein sehr farbintensives Buch. Es schafft Platz für innere Räume und Wege in die „innere Landschaft des menschlichen Bewusstseins“. Es ist ein geheimnisvolles, zugleich witziges Buch, das zum Mitdenken einlädt. Womöglich ist Poschmanns Buch selbst ein Koan, der Leser somit ein ZEN-Schüler, der sich anschickt, das Rätsel zu lösen … Ein Leuchten!

„Fern von zu Hause
Kiefern, so alt wie der Fels –
ziehende Wolken“

Haiku von Gilbert Silvester

„Die Kieferninseln“ steht auf der SWR-Bestenliste in diesem Monat auf Platz 1 und auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2017 (ich drücke die Daumen) und erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe und mehr über die Autorin und ihr Werk findet man hier.
Ein schönen Blick auf die Kieferninseln findet man auch bei Herr Hund

Nathalie Chaix: Liegender Akt in Blau Kunstanstifter Verlag

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Geahnt habe ich es ja schon, als wir im letzten Sommer im Büro von Kirchner Kommunikation einen kleinen Einblick in Christina Röckls Arbeit bekamen. Und hält man es in der Hand, ist es klar: „Liegender Akt in Blau“ ist in mehrfacher Hinsicht ein Kunstwerk.

„An René, am 20. Juli 1953

Jeanne kam auf uns zu, in ihrem überwältigenden
Ebenmaß, wir sind immer noch ganz hingerissen. Was
für eine Frau, die die Welt zum Erbeben betört,
was für ein Wohlklang im Gefüge der Dinge.“

… so schreibt der Maler Nicolas de Staël an seinen Freund, den Dichter René Char. Auf einer Italienreise mit Familie und Freunden ist auch Jeanne dabei. Sogleich entsteht eine starke Anziehung zwischen Nicolas und Jeanne.

Nicolas hat sich auf Empfehlung seines Freundes René mit seiner Familie aus Paris in die Sommerfrische eines kleinen Ortes in Südfrankreich zum Malen zurückgezogen. Die ebenfalls verheiratete Jeanne lebt mit ihrer Familie dort. Beide verlieben sich heftig in einander, sie treffen sich heimlich. Nicolas schickt seine Familie nach Paris zurück, die schwangere Françoise und die Kinder, behauptet er müsse arbeiten, dabei allein sein. Nun trifft er sich regelmäßig mit Jeanne. Sie sitzt ihm Modell. Es folgen Bilder: stehender Akt, liegender Akt …

Nicolas ist besessen von ihr. Sie zweifelt, denkt an ihre Familie und rückt von ihm ab. Er kauft ein Haus in ihrer Nähe. Sie treffen sich erneut. Die Freundschaft zu René droht wegen ihr zu zerbrechen. Er malt exzessiv ein Bild nach dem anderen, beginnt mehrere gleichzeitig. Mit seinen Bildern hat er Erfolg, sogar bis in die USA. Aus dem Gedächtnis malt er Jeanne wieder und wieder.

Sie kehrt zurück. Eine wilde körperliche Liaison, eine extreme Leidenschaft. Doch Nicolas will Jeanne gegen ihren Wunsch ganz vereinnahmen, sie soll alleine ihm gehören. Seine Familie, den neu geborenen Sohn, hat de Staël innerlich längst verlassen. Ein hin und her. Ein Gehen, ein bleiben. Ein Drama.

„Das Jahr 1954 geht zu Ende. Edle Einsamkeit.
Schmerzende Einsamkeit.
Der vor ihm ausgebreitete Horizont.
Die Leere.

Verrat des Lichts.“


Nicolas de Staël wurde 1914 in St. Petersburg geboren. Nach der Revolution, als er gerade acht Jahre war starben beide Eltern. Er lebte bei Freunden der Eltern in Brüssel und studierte dort später Malerei. Wie seine Mutter starb auch seine erste Frau an Krebs.
De Staël war zunächst ein Maler des Informel, bevor er abstrakt malte, brach dann allerdings wieder mit diesem Stil und wandte sich der figurativen Malerei zu. Seine vielen Reisen beeinflussten seine Malerei stark. In Kooperation mit dem Dichter René Char, der 1907 in Frankreich geboren wurde, arbeitete er an Illustrationen und Druckgraphik. Aufgrund einer existenziellen Schaffenskrise und schweren Depressionen wählt er 1955 den Freitod.

Dieses Buch ist kein Roman im herkömmlichen Sinne, auch keine Biographie. Es ist mal ein Gedankenbuch, mal ein Reisetagebuch, mal finden sich Briefe, mal nur skizzierte Bruchstücke, lyrische Verse, erotische Aufzeichnungen. Sprunghaft wird aus den verschiedenen Perspektiven der Protagonisten erzählt, oft hochpoetisch. Diese Form gefällt mir sehr gut. Ein wenig kräftezehrend (selbst als Leser) fand ich auf  Dauer das extreme Hin und Her dieser letztlich unglücklichen Liebesgeschichte, wenngleich gerade diese überragend illustriert ist. Für mich lebt die Geschichte vor allem durch die Farben. Die Farben, die sich dem Maler in der sonnen- und lichtdurchfluteten sommerlichen Provence zeigten, und den Farben die Christina Röckl, die Illustratorin des Buches diesen entgegensetzt. Schaut man sich Bilder von de Staël an, spürt man, wie sie in Röckls Arbeit mit eingeflossen sind und doch sind es ganz eigenwillige Neukreationen, die, separat betrachtet, eine ganz eigene Geschichte erzählen. So schafft sie es sogar einen Suizid tief und schön und tröstlich zu gestalten.

„Liegender Akt“ in Blau“ von der 1972 in Frankreich geborenen Nathalie Chaix ist im Kunstanstifter Verlag in feinster Ausstattung erschienen: auf hochwertigem Papier gedruckt, fadengeheftet, mit illustriertem Schutzumschlag, innen und außen. Die Übersetzung stammt von Lydia Dimitrow. Die Illustratorin Christina Röckl recherchierte für das Buch vor Ort in der Provence.
Von ihr gibt es ein weiteres tolles Buch in diesem Verlag: „Und dann platzt der Kopf“, das 2015 den deutschen Jugendliteraturpreis/Sachbuch erhielt. Es hinterfragt nichts geringeres als die menschliche Seele und ist mit faszinierenden Bildern illustriert.

Mehr Informationen über Buch und Verlag findet man hier.
Einen weiteren Beitrag findet man bei Zeichen & Zeiten.

Margriet de Moor: Schlaflose Nacht Hörbuch Hamburg

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Magriet de Moor ist eine der großen Schriftstellerinnen der Niederlande. Ihre Novelle „Schlaflose Nacht“ erschien bereits 1989 in den Niederlanden und 1994 in deutscher Fassung. Nun ist eine neu übersetzte und leicht überarbeitete Fassung wieder aufgelegt worden. Da ich die Bücher dieser Autorin immer sehr mochte, das Buch, nicht jedoch das Hörbuch in der Bibliothek ausgeliehen war, habe ich mich einmal wieder aufs Zuhören eingelassen. Gut geeignet ist diese Novelle, vor allem weil es aufgrund der Kürze der Geschichte eine Komplettlesung ist. Zwei CD´s, zwei Stunden eintauchen in die Geschichte, sehr schön gesprochen von der Schauspielerin Ulrike C. Tscharre.

Es geht um ein Thema, dass Margriet de Moor immer schon umtreibt: Die unerklärlichen Fragen in Liebesbeziehungen, die unsichtbaren Fäden, die Liebespaare verbinden. Die Autorin beherrscht dieses Thema so gut, dass man sich den Fragen, die sie in ihren Geschichten stellt, sofort hingibt. Dabei zeigt sich de Moors musikalisches Talent, sie studierte Klavier und Gesang, auch im Geschriebenen. Ihre Texte sind perfekt durchkomponiert, ihre Sprache klingt und schwingt virtuos und vielstimmig.

Eine Frau steht nachts in ihrer Küche und beginnt Kuchen zu backen. Sie tut das regelmäßig. Ihre Schlaflosigkeit begleitet sie schon lange, das Rühren und Teig bearbeiten beruhigt sie und gibt ihr neue Kraft. Während oben im Schlafzimmer ihres Hauses schlafend ein Mann im Bett liegt, den sie am Morgen erst kennengelernt hat, lässt sie uns Leser an ihren Erinnerungen teilhaben, die nun mehr über 13 Jahre zurückliegen: Ton, ihre große Liebe beging mit 25 Jahren Selbstmord, etwas über ein Jahr war sie mit ihm verheiratet, glücklich, und doch griff er zur Pistole und schoss. Beim Schlittschuhlaufen als Studenten lernten sie sich kennen und retteten sich gegenseitig beim Einbruch ins zu dünne Eis. Es war Liebe auf den ersten Blick. Von da an sind sie unzertrennlich.

Keinen Abschiedsbrief hinterlässt Ton, nichts war geschehen, was auf diese Tat hätte hinweisen können. Und so muss sie mit diesem „wahnsinnigmachenden“ Geheimnis, mit der Unklarheit allein weiterleben. Sie verlässt das Haus und die Kleinstadt nicht, arbeitet als Lehrerin, bindet sich jedoch nicht neu. Sie lernt aufgrund von Kontaktanzeigen andere Männer kennen, doch hält sie immer Distanz, es bleibt bei Ein-tags/nachts-liebeleien.

„Ich kenne das. Meist bin auch ich sehr müde. Es lässt sich kaum in Worte fassen, wie anstrengend es ist, einen Tag mit einem Unbekannten zu verbringen. Oft genug hatte ich Mühe, die Augen offen zu halten, bis das gleichmäßige Geräusch einsetzte, das sichere Zeichen, dass auch ich mich auf die Seite drehen konnte.“

Doch diesmal scheint die Begegnung etwas anders zu sein. Eine Vertrautheit ist da, beinahe so etwas wie Nähe entsteht im Verlauf des Tages. Und während sie auch diesmal nicht schlafen kann, stattdessen Kuchen bäckt, lauschen wir den Stimmen in ihrem Kopf, lauschen den Vermutungen und Ideen, wer ihr Mann wirklich war, was sie eigentlich wirklich über ihn wusste. Und im Verlaufe der Nacht, findet sich zwar wie immer keine Klarheit, jedoch eine gewisse Zustimmung, ein Einverstandensein, ein Loslassen, vielleicht mit Aussicht auf etwas Neues …

Das Hörbuch „Schlaflose Nacht“ von Margriet de Moor erschien bei Hörbuch Hamburg. Die Neuübersetzung der Novelle stammt von Helga von Beuningen. Eine Hörprobe findet sich hier.