Karine Tuil: Diese eine Entscheidung dtv Verlag


Diese eine Entscheidung“ ist nun schon der dritte Roman von Karine Tuil, den ich gelesen habe. Die Französin ist inzwischen zum dtv Verlag gewechselt und glänzt weiterhin mit ihren gesellschaftsrelevanten Themen, die immer aktueller denn je gewählt sind und die Lebenswirklichkeit im heutigen Frankreich widerspiegeln. Für mich wie immer eine lohnende Lektüre, leicht zu lesen und spannend.

Tuil erzählt aus dem Leben einer Richterin, Alma Revel, um die fünfzig, die sich der Bekämpfung des Terrorismus verschrieben hat. Ihr Leben steht im Zeichen ihres Berufes, der nicht ungefährlich ist: Sie wird von zwei Personenschützern die meiste Zeit bewacht. In Frankreich heißt Terrorismus hauptsächlich islamistische Anschläge (Charlie Hebdo, das Bataclan werden erwähnt). Alma muss beurteilen und entscheiden, ob ein Mensch, der aus einem IS-gesteuerten Land als Rückkehrer eine akute Gefahr ist, ob er in Überwachungshaft kommt oder nicht.

Im Privaten stehen Veränderungen an. Ihr Mann Ezra und sie haben nicht mehr viel gemein. Die große Tochter will bald heiraten, um die 12-jährigen Zwillinge, kümmert sich vor allem Ezra, der Schriftsteller ist und im gemeinsamen Haus auf dem Land lebt, während sich Alma überwiegend in ihrer Wohnung in Paris aufhält, da sie immer erreichbar sein muss. Sie ist sich zwar bewusst, wie viel Stress ihre Arbeit bedeutet, wie sehr sie ihr an die Substanz geht. Doch es ist ihr Leben. Mit einem guten Team arbeitet sie zusammen an den Fällen. Als sie wieder einmal entscheiden muss, ob sie einen jungen Mann im Gefängnis belässt oder ihm eine Chance auf ein anderes Leben bietet, verliebt sie sich ausgerechnet in den Anwalt, der den jungen Mann verteidigt. Beide wissen, dass es aus beruflichen Gründen der Befangenheit eigentlich nicht akzeptabel ist, eine Beziehung einzugehen und doch ist die Anziehung zunächst größer.

Tuil flicht in die Geschichte von Alma zwischendurch die Vernehmungsprotokolle zwischen Richterin und dem 24-jährigen Kacem ein. So zeigt sie geschickt auf, wie es Kacem gelingt einen glaubwürdigen Eindruck zu machen. Und nach langer Beratung und intensivem Abwägen spricht sich Alma für die Entlassung aus der Haft aus.

„Was mache ich, […] wenn die Jugendlichen beteuern, dass sie unter einem schlechten Einfluss standen, und mich anflehen, ihnen keine bösen Absichten zu unterstellen? Gebe ich ihnen die Möglichkeit, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden? Ordne ich eine Haftverlängerung an, auf die Gefahr hin, sie dauerhaft seelisch zu brechen? Am härtesten ist die Strafe der sozialen Ausgrenzung, das weiß ich, und deshalb setzte ich alles daran, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren.“

Natürlich ahnt man als Leserin schon, dass das nicht gut ausgehen wird. Trotzdem bleibt die Spannung erhalten. Tuil schildert zudem die wirklich anspruchsvolle und schwierige Arbeit einer Richterin, die mit Tätern und Opfern konfrontiert wird, die sachlich und dennoch menschlich zugewandt bleiben soll, die zum einen die mögliche Gefahr einschätzen muss, zum anderen aber immer auch den Menschen dahinter sieht. Und immer spielt auch die Angst vor Angriffen auf die eigene Person eine Rolle – Alma erhält ständig Drohmails, wird einmal sogar tätlich angegriffen.

An dem Abend, an dem Alma mit Ezra und den Kindern im Restaurant sitzt, um ihnen mitzuteilen, dass sie sich scheiden lassen wollen, geschieht dann auch das unbegreifliche. Das, was Alma komplett aus der Bahn wirft, ihr aber auch die Chance eines Neuanfangs bietet …

Der Roman erschien bei dtv. Übersetzt aus dem Französischen hat ihn Maja Ueberle-Pfaff. Eine Leseprobe gibt es hier.

Bereits von der Autorin hier auf dem Blog besprochen:

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Leider ohne Leuchtkraft: Hilmar Klute: Oberkampf Galiani Verlag/Thilo Krause: Elbwärts Hanser Verlag

Schade, schade. 2 x kein Leuchten Auf beide Romane hatte ich mich gefreut, beide haben mich enttäuscht. Beide vereint eine nicht sonderlich sympathische männliche, wenig interessant geschilderte Hauptfigur. Statt gar keiner Besprechung möchte ich nun zumindest kurz vom Leseergebnis berichten:

Nach den begeisterten Stimmen zu Hilmar Klutes Roman „Was dann nachher so schön fliegt“, wollte ich nun immerhin den zweiten Roman „Oberkampf“ des Redakteurs der Süddeutschen Zeitung lesen. Das Thema klang gut. Einer, Mitte 40, der von Berlin weg zieht, Job und Beziehung hinter sich lässt, um die Biographie eines großen, wenngleich wenig gelesenen Schriftstellers zu schreiben, der in Paris lebt. Im Roman heißt der Autor Richard Stein und es könnte eine Mischung aus Martin Walser, Peter Handke, Peter Kurzeck und Jürgen Becker sein. Gleich nach seiner Ankunft geschehen die Terroranschläge in Paris, beginnend mit dem Attentat auf Charlie Hebdo. Eigentlich ein guter Ausgangspunkt, dachte ich. Doch wie Klute seinen Protagonisten auf diese Ausnahmesituation und wie die Franzosen damit umgehen blicken lässt, mutet merkwürdig an. Mir scheint es überheblich, teils spöttisch und ignorant.

„Waren sie das, was die Presse „eiskalte Mörder nannte? […] War es nicht ein Heldenstück, sich den Weg freizuschießen, die Tür zum kleinen Redaktionsbüro aufzustoßen und dann direkt in die überraschten, noch von der Wirkung eines Bonmots, einer satirischen Idee erfrischten, lachenden Gesichter zu feuern? […] Er war nicht fassungslos, er war höchstens überwältigt von der Brutalität, dem entschlossenen Vorwärtsschreiten der Krieger mit ihren althergebrachten Waffen.“

Gleich am ersten Abend lernt er außerdem eine (wie könnte es anders sein?!) wesentlich jüngere Frau kennen und beide beginnen eine Affäre. Mit dem Autor Richard Stein trifft er sich regelmäßig, mit der Geliebten ebenso. Alles plätschert so dahin. Nichts davon ist wirklich mitreißend erzählt, ich langweile mich. Ab der Mitte habe ich den Rest quer gelesen. Die Vater-Sohn-Geschichte des Autors hätte interessant werden können, war es aber nicht, auch der Einschub, der von der vorherigen Beziehung der Hauptfigur handelt, wirkt nicht stimmig und eher überflüssig. Auch das leckere Essen und der viele Wein reißen es nicht raus. Tatsächlich ist dann der Schluss für mich die beste Idee des ganzen Buches. Auch sprachlich bietet der Roman nichts Aufregendes. Er erschien im Galiani Verlag.

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Auch auf das Romandebüt des Lyrikers Thilo Krause war ich sehr gespannt. Krauses Protagonist kehrt in „Elbwärts“ mit eigener Familie in die ehemalige Heimat zurück. Nahe Dresden, in einem Dorf im Elbsandsteingebirge kauft er ein Haus mit Garten. Die oft nur nebenbei erwähnte, offenbar nur als Versorgerin dienende Frau arbeitet als Physiotherapeutin, während er sich so dahin treiben lässt und sich um die Tochter kümmert, die er permanent nur „die Kleine“ nennt. Auch die Stadt, in der „die Kleine“ in den Kindergarten geht, nennt er ausufernd die „Stadt-die-keine-ist“, was 1x sicher interessant klingt, aber bei dauerndem Gebrauch nur noch nervt.

„Die Kleine weiß nichts von meinen Ängsten. Sie weiß nicht, dass man sich Sorgen machen kann in der Welt. Das Pflaster, das sie bis heute Morgen noch über der Augenbraue trug, ist abgefallen. Hand in Hand sind wir losgezogen. Christina hatte die Sachen der Kleinen in Stapel gelegt. Ich packte alles ein. Es ist nicht viel Platz im Rucksack, weil oben die Kleine sitzt.“

In seinen Tagträumen, die er auf den Felsen seiner Kindheitslandschaft sitzend verbringt, lässt er diese Revue passieren. Vor allem geht es dabei um den Unfall, bei dem sein damaliger Jugendfreund Vito ein Bein verlor. Weil das beim Klettern an einer Stelle passierte, die der Protagonist vorschlug, gibt er sich bis heute die Schuld für das Geschehene. So wird immer wieder davon erzählt, auch von den geretteten Kaulquappen (!). Ein wenig DDR-Zeit wird aufgewirbelt, ein wenig aktuelle Gesellschaftskritik findet sich, denn die rechtsradikalen und heimattümelnden treffen sich direkt in der Nähe der Kletterfelsen im Sommerlager. Doch mitreißend ist die Geschichte nicht. Die Hauptfigur wollte zwar unbedingt zurück in die Heimat, findet sich aber nun doch nicht mehr zurecht, kümmert sich, wenn überhaupt, nur um seine Männerfreundschaften, vernachlässigt die Tochter, was dann zur Beziehungskrise führt. Ab der Mitte habe ich nur noch quergelesen. Reichlich schade ist es auch, dass sich Krauses lyrische Sprache hier im Roman so wenig spiegelt. Fazit: Lieber Krauses Lyrik lesen. „Elbwärts“ erschien im Hanser Verlag.

Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.