Ulrike Bail: sterbezettel edition offenes feld

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memento mori – Bedenke, dass du sterblich bist

Ich war neugierig: Wer nennt seinen Lyrikband „sterbezettel“?

Ich vermutete, es würde jemand sein, die sich mit dem Sterben und dem Tod beschäftigt hat. Die Autorin, davon ging ich aus, muss zutiefst mit dem Thema verbunden sein. In der Kurzbiografie von Ulrike Bail las ich dann, dass sie Germanistik und Theologie studiert hat und Professorin für Altes Testament ist. Sie lebt in Luxemburg und hat dort für „sterbezettel“ bereits einen Preis erhalten.

Beim Lesen der Gedichte zeigte sich schließlich, dass es in ihrem Band nicht nur ums Sterben geht, sondern vielmehr um ein „Stirb und Werde“.

Sterbezettel, auch Totenzettel genannt, haben eine lange Tradition in der katholischen Kirche. Es sind gedruckte Blätter, die die wichtigsten Lebensdaten eines Verstorbenen enthalten und die bei einer Trauerfeier verteilt wurden oder auch als Einladung zum Begräbnis und Gedenken galten. Eine Tradition, die es auch heute gebietsweise noch gibt.

Sogleich fand ich die Vorstellung schön, einem Verstorbenen ein persönliches Gedicht zu widmen, und dieses mit auf dem Sterbezettel abzudrucken. Wer weiß, vielleicht war das auch ein Gedanke von Ulrike Bail beim Schreiben ihrer Gedichte?

auf einen sterbezettel
rückseitig notiert

rollt hin und her
sandschwer die trauer
hinunter die grube
hinauf
die weißen blumen
sie wurzeln wortüber“

Ulrike Bails kurze, ja Kürzestgedichte sind außerordentlich bewusste Anordnungen von Wörtern, von auserwählten Wörtern, Wörtern, über denen womöglich meditiert wurde, bis sie klar sichtbar waren und exakt ihren Platz fanden. So entstanden starke Bilder. Bails Gedichte ähneln in ihrer Art auch Haikus, keines ist länger als acht Zeilen, keine Zeile länger als sieben Worte. Jedoch übernehmen sie nicht deren strikt formale Regeln. Sie könnten aber einen ähnlichen Entstehungsprozess durchlaufen haben, denn sie zeigen Sinnbilder, die deutlich im hier und jetzt verankert sind. Es sind Stillleben – immer wieder kamen mir beim Lesen Bilder der großen flämischen oder holländischen Maler in den Sinn. So wie in diesen Gemälden, die niemals Bilder des Zufalls, sondern bewusst symbolhaft angeordnete Szenarien waren, so erscheinen mir auch Bails Gedichte. Bilder der Vergänglichkeit, Erinnerungen an die Endlichkeit allen Lebens.

Der schmale Band ist unterteilt in vier Kapitel.

Im ersten Kapitel „nature morte“ findet sich auch gleich der Begriff wieder, der mir schon beim Betrachten des Cover-Bildes „Besteckkasten Erde“ von Annette Wiercke ins Gedächtnis kam: Natura morta – Stillleben. Auf dieser Fotografie finden sich Pflanzenfasern, trockene Zweige, Samenkapseln, Pappelschnee – Dinge aus der Natur, wie sie auch verschiedentlich in Bails Gedichten wieder auftauchen. Natura morta (italienisch) – Tote Natur oder Stillleven (holländisch) – unbewegtes Dasein. Einerseits findet sich dieses „tote“ Dasein in jedem Gedicht und doch wächst andererseits jedes Mal etwas aus der Unbewegtheit heraus auf den Leser zu und diese Bewegung wiederum lässt den Lesenden innehalten. So beginnt etwas zu fließen, was wiederum zu einem Kreislauf hinführt: Einer Endlosschleife, einem Möbiusband.

„vogelbeute
an einem nagel
hängend
flügel gefaltet
silbrig
fällt licht
gehacktes blei“

Im zweiten Kapitel „schneefall“ öffnet sich dem Leser eine Winterlandschaft, die von verschiedenen Arten von Weiß geprägt ist, in der russische Wiegenlieder erklingen und in der die ersten Tulpen blühen. Es herrscht eine weiche Stille, in der Begegnungen mit einem du, mit Mensch oder Tier, sich ganz anders anfühlen, sich einbetten in den Schnee.

leicht

der schnee sei still
sanft streiche er sich übers gesicht
man sterbe so schön im schnee
man sterbe an der stille im ohr
lose und leicht gewogen
bajuschki baju“

Das letzte Kapitel heißt, wie der Titel „sterbezettel“ und beinhaltet Gedichte, die einen Prozess vom Sterben über Tod und Trauerphase hin, bis zu einem Trostfinden beschreiben. Trost und Hoffnung finden sich hier im Schreiben, im Finden und Bewegen von Worten.

falten

schreibs dem papier
auf die gefaltete haut
bis in den ritzungen
die tinte weint schwarz
sich anschwemmt dort“

Alle Gedichte, auch die im dritten Kapitel „herzpassagen“ haben einen Bezug zur Natur, zu Flora und Fauna. Vielfach tauchen hier Vögel auf, Früchte, Blumen, Farben, Geräusche und Gerüche. Immer wieder fallen Lichtstrahlen in die Dunkelheit. Eine innere Landschaft im Außen gespiegelt?

dunkelgrün

schweigt der fuchs
schiebt die gänsefeder
unter das moos
ungebügelter Samt
über den wipfeln
vielfach vernäht“

Nach wiederholtem Lesen lässt sich das Anordnungsmuster der Gedichte erkennen – von Trauer zur Hoffnung. Es geht immer um die Verbindung zur Quelle, zum Ursprung – die Natur als Bindeglied zwischen dem Menschen und dem Göttlichen. Die Begriffe Transzendenz, Spiritualität und Mystik fallen mir bei der Lektüre der Gedichte immer wieder ein: Der Bezug auf etwas Übernatürliches im Anblick des Natürlichen, des Absoluten, eine Vollkommenheit in allen Dingen, die zu beschreiben womöglich am besten, wie hier, in Form von Verdichtung gelingt. Bail ist dabei eine Meisterin in der Kunst der Verknappung – nichts fehlt, nichts ist überflüssig.

Für mich sind Ulrike Bails Gedichte erfüllt von Stille, einer tiefen meditativen Ruhe, die eine große Kraft birgt, die wiederum Schritt für Schritt zu einer lebendigen Leichtigkeit der Dinge führt.

Der Beitrag erschien zuerst auf fixpoetry.com

Hamburg

Han Kang: Weiß Aufbau Verlag

In ihrem neuen Buch konzentriert sich die Koreanerin Han Kang, deren Romane, ich alle las und durchweg sehr empfehlen kann, auf die Tiefe und Poesie der Sprache. Was in ihren Romanen, allen voran „Die Vegetarierin“ immer schon anklang, kommt hier zur vollen Geltung. Da ich Lyrik und die literarische Beschäftigung mit den eigenen Innenwelten sehr mag, bin ich von dieser bisher unbekannten Seite der Autorin sehr angetan. Han Kang beschäftigt sich mit der Farbe Weiß. Entsprechend ist das Cover und auch das Buch selbst ganz in Weiß gehalten und mit einer zarten weißen Feder bedruckt. Feder womöglich auch als Metapher fürs Schreiben?

Die Autorin beschreibt eingangs kurz, wie sie auf die Idee des „weißen“ Schreibens kam und erzählt von einem Aufenthalt in einer nicht genannten europäischen Großstadt(aus dem Kontext erschließbar Warschau). Hier, auf sich selbst zurückgeworfen, unter Menschen, deren Sprache ihr fremd war und deren Straßenschilder und andere Beschriftungen sie nicht lesen konnte, fallen ihr Wörter zu, die eine Verbindung zum Weiß und auch zu ihrem Inneren haben.

„Warum drängt in dieser unbekannten Stadt immer wieder längst Vergessenes  an die Oberfläche? […]
So sehr, dass der Ort, an den ich mich letzten Sommer geflüchtet habe, für mich keine Stadt am anderen Ende der Welt ist, sondern vielmehr in letzter Konsequenz das Zentrum meines Innenlebens.“

Ein weiterer Aspekt, der von Han Kang immer wieder aufgegriffen wird, ist die Zeit. Die Vergangenheit, das Vergehen der Zeit, das Beobachten des Vergehens der Zeit. Zugleich greift Han Kang auch Themen ihrer eigenen Familiengeschichte auf, vorrangig den Tod der älteren Schwester, den sie nur durch den Schmerz der Mutter über den Verlust erlebt. Sie selbst hat die Schwester nie gekannt. Wie tief dieser Tod jedoch auf ihr eigenes Leben einwirkt, spürt sie immer wieder.

„Ein Jahr nach dem Verlust ihrer ersten Tochter hatte meine Mutter eine weitere Frühgeburt. Dieses Mal war es ein Junge. Weniger weit entwickelt als seine Schwester, starb er schnell, ohne jemals die Augen geöffnet zu haben. Hätten diese beiden Leben die kritische Zeit sicher überstanden, würde es mich, die drei Jahre danach geboren wurde, nicht geben. […] Meine Mutter hätte bis zuletzt nicht mit der Erinnerung an dieses Leid leben und sich irgendwie darüber hinwegtrösten müssen.“

Weiß ist in  Asien auch die Farbe des Todes und der Trauer. So gleitet die Vergänglichkeit durch jede Zeile dieses Buches. Traurigkeit ist überall zu spüren. Weiß findet die Autorin in jener Zeit, in der fremden Stadt überall, denn sie hat den aufmerksamen Blick dafür. Sie schreibt in diesem Buch über diese Farbe, die auch stellvertretend für die Reinheit ist. Und für die ewige Erinnerung an die verlorene ältere Schwester: „In allen weißen Dingen werde ich dich spüren und für dich weiteratmen.“ 

Han Kangs Buch ist das Tagebuch einer poetischen Wiedergeburt. Es ist eine Art, sich wieder einzulassen, neu zu sehen, zu spüren, heilsames Schreiben. Die Übersetzung von Ki-Hyang Lee scheint mir höchst gelungen. Die Photographien im Buch sind von Han Kang. Das Buch erschien im Aufbau Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Besprechungen zu Büchern von Han Kang:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/08/26/han-kang-die-vegetarierin-aufbau-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/12/11/han-kang-menschenwerk-aufbau-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/02/20/han-kang-deine-kalten-haende-aufbau-verlag/

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Eva Maria Leuenberger: dekarnation Literaturverlag Droschl

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Auf dem Lyrik-Debütband der 1991 in Bern geborenen Eva Maria Leuenberger schlängelt sich das Skelett eines Fisches(?) über das Cover. Es könnte mit zarter Pastellkreide gezeichnet sein, könnte aber auch schlichtweg eine Röntgenaufnahme sein. So passt das Cover stimmig zum Titel und weist bereits auf die zu erwartenden Gedichte hin.

Auf wikipedia finde ich folgende Beschreibung des Wortes Dekarnation:

„Die Dekarnation(„Entfleischung“) oder Exkarnation(„Ausfleischung“) bezeichnet in der Archäologie und der Ethnologie(Völkerkunde) alle Vorgänge, durch die ein menschlicher Leichnam oder ein Tierkadaver von allen Weichteilen befreit wird, so dass nur die Knochen und bei Tieren auch das Geweih oder die Hörner übrig bleiben. Verschiedene Techniken der Dekarnation wurden und werden als Teil von Bestattungsritualen angewendet; das reicht vom Auslösen mit Messern, Verwesenlassen und Wiederausgraben bis hin zum Aussetzen als Fraß für Vögel.“

Sehr einladend klingt das zunächst nicht, doch schon beim Lesen des ersten Gedichtes, weiß ich dass mir hier etwas Existentielles angeboten wird, etwas was mich brennend interessiert. Wer sich nicht scheut, mit der Vergänglichkeit in Berührung zu kommen, ist hier willkommen. Das, was letztlich uns alle betrifft, bereits zu Lebzeiten wahr zu nehmen, zu integrieren, sich damit zu beschäftigen, ist keine allzu schlechte Idee.

„du bist nichts als zeit die fest
wird und zerrüttet
/ ein bröcklig gewordener ton
der zittert und bricht /“

Es beginnt im Kapitel eins alles noch sehr idyllisch in einem „Tal“, an einem Bach. Ein Mensch, erwacht, ein lebendiges Wesen berührt das Wasser, das Moos, sieht das Reh, den Vogel, den Himmel, den Himmel gespiegelt im Wasser. Das Lebewesen steht auf und geht … und wer weiß, ob es dann noch ein lebendiges Wesen ist oder der Versuch einer Auferstehung, am Ende gar Wiedergänger? Ein Naturgeist? Eine Moorleiche? Befinde ich mich in einem dystopischen Szenario?

Was Leuenberger hier in kraftvolle und doch feine Poesie übersetzt, ist ungewöhnlich und gefällt mir sehr. Naturgedichte? Ja. Aber es ist keine liebliche Natur, die in den vier Kapiteln „ Tal, Moor, Schlucht, Tal“ genannt, auftaucht. Es ist eine wilde unnachgiebige Natur, die sich ihr Reich zurückerobert. Die Verstorbenen werden vom Moor umschlungen und bleiben. Und werden lange lange Zeit später selbst wieder Moor. Wie kurz doch ein Menschenleben ist! Wie klein der Mensch im Großen Ganzen.

„dort, wo der see zu moor wird
gibt es keine zeit
ein moor und ein körper
heißt unendlichkeit“

Im zweiten Kapitel „Moor“ wird es dann klar, dass es sich um Moorleichen handelt. Mann Tollund und Frau Elling sind zwei tatsächlich in Dänemark im Moor gefundene Menschen. Erhalten noch Knochen und Haare. Dekarniert von der Natur selbst.

Leuenbergers Gedichte, eigentlich ist es ein einziges langes Gedicht, sind von einem einzigartigen Rhythmus geprägt. Ich muss an klassische englische Naturdichter denken, wobei hier alles extrem verknappt gehalten ist, keine Ausschweifungen, nur die Klarheit und Direktheit der Natur. Mehr braucht es nicht. So ist es sogar eindringlicher und zwischendurch geradezu unheimlich. Im Anhang lese ich, dass die Lyrikerin sich mit Emily Dickinson („vielleicht ist sehnsucht ein weißes Kleid“) und Anne Carson beschäftigt und diese auch einige Male zitiert.

Das dritte Kapitel, „Schlucht“ überschrieben, hebt sich durch die Gestaltung, die Einteilung der Verse ab. Enorme Zeilensprünge, Einrückungen, viel Leerraum dazwischen. Hier befindet sich ein Wesen, eine denkende fühlende Kreatur auf dem Weg durch Raum und Zeit, befindet sich womöglich bereits im Übergang in eine andere natürliche Daseinsform.

„und vor dir
wartet die schlucht

der anfang der nacht dringt
durch die zweige du weißt
niemand wartet auf dich
du weißt es und trotzdem
suchst du die bäume ab“

Im letzten Kapitel kehrt alles zurück, bewegt, verwandelt und so schließt sich der Kreis. Anfang und Ende unabwendbar das „Stirb und werde“.

In einer erweiterten Sichtweise finde ich das Dasein in einem Körper, der nicht mehr funktioniert. Geht es um Krankheit, Schmerz? Eher noch um den Tod. Leuenbergers Gedichtzyklus könnte ein Memorandum des Sterbens sein. Ein/e Sterbende/r erzählt, Körpervorgänge im Focus. Es kann aber auch die Beschreibung eines alten Horrorfilms sein: „das Bild knistert“. Es könnte der Weg Dantes ins Inferno sein. Es kann ein Traum sein. Ein Alptraum. Eine Vision.

„einmal reißt der nebel ein
und die luft dringt durch –
stille taut auf und wasser:
tropft die worte weich“

Aber vielleicht ist es alles ganz anders. Möge jede/r sich selbst ein Bild machen. Und Bilder gibt es ausreichend, sie entstehen sofort. Und es darf auch ein Geheimnis bleiben. Fragen dürfen bleiben, blieben mir noch tagelang … So oder so ist dieser Gedichtband in meinen Augen ein kleines Wunder.

Diese Rezension erschien zuerst am 14.8. auf dem Hotlistblog.

Hagar Peeters: Malva Wallstein Verlag

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Ein schwarzer Schutzumschlag mit einer rosafarbenen Blume, einer Malve. Ich erkenne sie, weil ich sie selbst in meiner Sommerblumensammlung aussähe. Die Heldin und Ich-Erzählerin des Romans wurde nach dieser zarten Blume benannt. Doch darunter, und das wird mir später erst klar, kann man ein weißes großes Semikolon erkennen. Nicht von ungefähr, denn Malva Marina Trinidad del Carmen Reyes, die unbeachtete, verlassene Tochter des großen Dichters Pablo Neruda sieht sich selbst als solch ein Satzzeichen.

„… wie mein Vater behauptete, das Semikolon charakteristisch ist für die Gestalt, die ich auf Erden war, mit meinem kleinen Körper, wie ein Komma, ein krummer Strich, ein gewundener Wurm, und mit meinem immer mehr anschwellenden Schädel, wie ein grotesker Punkt, der sich selbst entstieg und dem Himmel entgegenwuchs; jenem einen großen, mich nun doch beherbergenden Jenseitshimmel.“

Malva wird nur 8 Jahre alt. Sie stirbt an Gehirnwassersucht, auch kurz Wasserkopf genannt. Am Anfang des Romans beobachtet sie von ganz weit oben die riesige Beerdigung ihres berühmten Vaters, der sie und ihre Mutter verlassen hat und sich lieber als Kommunist um die Gerechtigkeit in der Welt gekümmert hat, statt ihr ein Vater zu sein.

„So ein Detail, sagte ich, darum geht es und nicht um die perfekten Proportionen oder den Goldenen Schnitt oder die große Geste oder die rassereine Vollkommenheit oder die ewige Wahrheit oder den Nobelpreis für Literatur. Aber wer bin ich, um das zu sagen? Ich bin schließlich schon längst tot.“

Malva „lebt“ nun im Himmel. Sie hat sich gute Gesellschaft gesucht: Da ist Oskar Matzerath, genau, der aus der Blechtrommel, da gibt es den Sohn Arthur Millers, die Tocher von James Joyce. Malva verehrt die polnische Lyrikerin Wislawa Szymborska (hier scheint mir ein Fehler vorzuliegen, denn Szymborska starb erst im Jahr 2012, aber vielleicht wird das im Jenseits nicht so genau genommen) der sie oft Fragen stellt und kann den Geschichten Roald Dahls einiges abgewinnen. Selbst Sokrates wird in Gespräche verwickelt.

Von dieser hohen Warte aus berichtet sie von Szenen im Leben ihres Vaters, der sich diversen Geliebten zuwandte und sich immer mehr in die Politik und den kommunistischen Klassenkampf stürzte. Zwischen Bewunderung und Hass schwankt Malva, was ihren Vater betrifft. Die Mutter liebt sie, obgleich auch sie sie verließ und in eine holländische Pflegefamilie gab, um Geld zu verdienen, da vom Vater nichts zu erwarten war. Selbst als die Mutter nach Malvas Tod, ihren Exmann bittet sie aufgrund des Krieges und der Besatzung der Niederlande durch die Nazis zurück nach Chile zu holen, verweigert er dies und sie wird kurz vor Kriegsende noch für einige Wochen ins Durchgangslager Westerbork eingeliefert.
Zeitweise wendet die Hauptfigur Malva sich in persönlicher Rede direkt an die Autorin, deren Familiengeschichte gewisse Schnittmengen mit der Malvas Familie aufweist.

Was für eine irre Idee der Autorin! Die toten, ehemals verlassenen Kinder berühmter Eltern suchen sich auf der Erde ihre Biographen aus und flüstern ihnen die Sätze ihres Lebens ein. In Hagar Peeters hat Malva die ideale Biographin gefunden, denn die Autorin beherrscht die Sprache, biegt sie, verziert sie, lässt sie tanzen und tosen. Und lässt Pablo Neruda beinahe blass aussehen. Hier ist deutlich zu spüren, dass Peeters eine preisgekrönte Lyrikerin ist. Auch die Übersetzerin hat hier einiges geleistet.

Die im Leben ausgeschlossenen Kinder bilden im Jenseits eine eingeschworene Gemeinschaft, Arthur Millers von ihm verschwiegener Sohn Daniel mit Down-Syndrom, Lucia, die verrückte Tochter James Joyce, der nicht wachsende Blechtrommler Oscar und Malva mit dem Wasserkopf. Viele weitere Kinder wollen aufgenommen werden, etwa Rousseaus Kinder, die er alle ins Kinderheim steckte, während er seelenruhig ein Buch über Erziehung schrieb. Und Albert Einsteins, als schizophren diagnostizierter Sohn Eduard, dessen Vater ebenfalls die Frau wechselte und nichts hinterließ.

„Ach Hagar, das waren einfach nur ein paar bekannte Fälle, aber die Zahl der vernachlässigten Kinder von intelligenten, kreativen und kunstsinnigen Vätern ist endlos. Aus Anlass des Falles von Paul Gauguin, der seine Familie verließ, um auf Tahiti edle wilde Frauen zu malen, hat der Philosoph Bernard Williams sogar einen Terminus dafür geprägt: moral luck. Moralisches Glück wird berühmten und erfolgreichen Männern zuteil, die ihre Kinder im Stich lassen. Sie kommen damit davon, wenn sie ihre gewonnene Freiheit nutzen, um der Menschheit unsterbliche Kunstwerke zu schenken.“

Hagar Peeters Roman ist in vielen Aspekten bezwingend. Scharfsinnig klagt sie Ausgrenzung an und findet eine Stimme für Frauen und Mütter und für „behinderte“ Kinder. Wie sie in ihrem Roman eine Lösung für deren Leid im Jenseits findet, gefällt mir außerordentlich gut und lässt mich getröstet und versöhnlich zurück. Ein Leuchten!

Der Roman „Malva“ der 1972 geborenen Niederländerin Hagar Peeters erschien im Wallstein Verlag. Übersetzt hat es Arne Braun. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Karl-Heinz Ott: Und jeden Morgen das Meer Hanser Verlag

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Was hier mit einem so luftig leichten Titel beginnt, gewinnt beim Lesen schnell an Tiefe. Das Wasser spielt dabei eine Rolle: das wilde Meer in Wales, der zahme Bodensee.

„Jeden Morgen steht sie auf den Klippen, bei jedem Wind und Wetter, und jedesmal denkt sie, ich könnte springen. Denkt es, seit sie hier ist. Das Meer würde sie sofort verschlingen.“

Dass Karl-Heinz Ott ein großartiger Erzähler ist, war auch letzthin in seiner Lesung und Buchvorstellung (passenderweise am Wannsee) im Literarischen Colloquium zu erleben. Geschickt und kurzweilig erzählte er über sein Schreiben und über sein neues Buch. Beim Lesen nun kam mir vieles bekannt vor, Hintergründe die ich aus dem Gespräch erinnere. Doch auch ohne irgendwelches Vorabwissen ist dieses Buch ein Lesegenuss, wenngleich bei nicht gerade leichtem Thema. Doch Ott ist eben ein Könner – er arbeitet auch fürs Theater und ist Musikkenner – der Inszenierung und der Virtuosität. Alles passt. Jeder Satz sitzt. Am Wannsee erzählt er von seinem begonnenen Musikstudium, dass dann durch ein „Erweckungserlebnis“ durch die Lektüre Handkes ein Ende fand. Er wandte sich dem Schreiben zu.

Von einer katholisch-strengen Kindheit bei der Großmutter im Allgäu, später nach deren Tod bei den Nonnen im Waisenhaus, geprägt, möchte die Heldin später eigentlich nichts wie weg aus dieser Gegend. Sie lernt Bruno, einen Koch, bei der Ausbildung in Sankt Moritz kennen. Sie heiraten und übernehmen die Gastwirtschaft von Brunos Eltern. Ohne ihre Tatkraft und Energie wäre aus der Dorfwirtschaft am Bodensee nie ein 1-Sterne-Restaurant geworden. Ohne Ottos Kochkünste auch nicht. Doch als dann der Stern wieder weg ist, geht es mit Bruno bergab.

„Zuweilen ist ihr, als sei sie mit Bruno nie zusammen gewesen. Manchmal entschwindet er so weit, als hätten sie beide nie Seite an Seite gelebt. Er besteht dann nur noch aus einer Hülle, die eine Haube trägt und eine Schürze. Viel mehr sieht sie nicht mehr.“

Von Brunos Tod erfährt man schon zu Beginn des Romans. Langsam dröselt Ott dann die Hintergründe auf und baut damit Spannung auf. Seine Protagonistin, Mitte 60, sitzt auf einem Schuldenberg und findet keine Arbeit mehr. Bruno hat sie mit seinem Tod hängenlassen. Sie folgt schließlich dem Vorschlag eines Stammgasts und fährt, alles zurücklassend nach Wales, um dort ein in die Jahre gekommenes Hotel an der Küste zu bewirtschaften. Es gibt kaum Gäste. Sie hat dort viel Zeit zum Nachdenken und wir Leser/innen dürfen teilhaben an den zweifelnden, hinterfragenden, schmerzlichen, düsteren Gedanken, die sie verfolgen. Sie gibt sich den essentiellen (Glaubens-)Fragen hin, hadert mit der katholischen Erziehung. Selbst im Traum lassen Bruno und dessen Bruder Arno, der das verschuldete Restaurant am Bodensee übernommen hat, sie nicht zur Ruhe kommen. Nur am Meer, auf dem Klippenweg, dem tosenden Wind ausgesetzt, scheint der Kopf etwas leerer zu werden, sich die Unruhe etwas zu legen.

Wiederholte Äußerungen, wie etwa über ein Shakespeare-Gedicht in Sankt Moritz intensivieren das Gefühl der Hauptperson mit ihren ewig um das eine kreisenden Gedanken. Der Sinn des Lebens! Was war verloren? War etwas gewonnen? Was, wenn alles anders gekommen wäre? Großartig wie Ott eine Szene beschreibt, bei der sie einen Vortrag darüber besucht und sich ihrem Empfinden nach plötzlich alles allein auf sie gerichtet scheint. Und es kommen solch herrliche Sätze vor:

„Als Kind erblickte sie in diesen Strommasten lauter kleine Eifeltürme, deren endlose, am Horizont verschwindende Zahl irgendwann in Paris enden müsste.“

Trotz aller Kürze von 140 Seiten hinterlässt die Lektüre das Gefühl großer Fülle, in ihrer Komplexität und Nachdrücklichkeit liegt gerade die Kraft. Wer will, kann sich hier an kurzweiliger Lektüre erfreuen oder aber mit in die Tiefe tauchen, was ich durchaus empfehle. Ein Leuchten!

Bereits mit seinen Romanen „Wintzenried“ und „Die Auferstehung“ (wird auch verfilmt) hat mich Ott begeistert. „Und jeden Morgen das Meer“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Robert Seethaler: Das Feld Hanser Verlag

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Ich liebe Friedhöfe. Ich halte mich gern dort auf, weil es still ist. Ich kann dort weitab vom Berliner Lärm schreiben, lesen und meditieren. Und so war ich durchaus erfreut, als ich bei den Neuerscheinungen zwei „Friedhofsromane“ vorfand: Seethalers Das Feld und George Saunders Lincoln im Bardo. Enttäuscht haben mich beide.

Robert Seethaler habe ich schon gelesen, bevor er zum „Geheimtipp“ wurde. Seine Romane „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“ fand ich ganz wunderbar und kann sie nur empfehlen. Der neue Roman, der auf Episoden basiert, die Verstorbene im Rückblick auf die Essenz ihres Lebens erzählen, hat längst nicht die Kraft der beiden Vorgänger. An was es liegt? Mein Gefühl sagt mir, es sind zu viele Personen, die da „vorgestellt“ werden. Mancher erhält nur eine halbe Seite. Durch diese Vielzahl erreicht jeder einzelne nicht die Tiefe, die man von Seethalers Figuren kennt und liebt. Und mich stört auch diese Verknüpfung der Lebensgeschichten um jeden Preis. Das hört sich manchmal schon weit hergeholt an, dass sich alle Toten kannten in dieser Kleinstadt. Das soll den Roman sicher komplexer machen. Mich überzeugt es nicht.

Ich habe das Buch bis zur Hälfte gelesen, angestrichen habe ich mir nichts (!). Seethaler erreicht mich diesmal nicht, doch zähle ich einfach auf den nächsten Roman. Aufgeben mag ich diesen Autor nicht. Denn er sagt so schöne Sätze wie:

„Der Reichtum eines Lebens hängt ja nicht von Erlebnissen ab, sondern vom Erleben, das ist es, was mich interessiert.“

Außerdem: ein belletristisches Buch, dass kein Krimi und keine Schmonzette ist, auf Platz 1 der Spiegel-„Bestsellerliste“ ist nicht das Schlechteste …

„Das Feld“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Esther Kinsky: Hain Suhrkamp Verlag

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Esther Kinsky kenne ich bisher vor allem von ihren Übersetzungen aus dem Polnischen, Russischen und Englischen, obgleich sie schon einige Romane und auch Lyrik veröffentlicht hat. Zum Beispiel hat sie John Clares „Reise aus Essex“ übersetzt. Dass sie sich mit dem sogenannten „Nature Writing“ beschäftigt, merkt man auch im neuen Roman „Hain“. Kinskys „Geländeroman“ besteht in der Tat vor allem aus Beobachtungen und Beschreibungen im „Gelände“. Es sind Momente der Achtsamkeit und der Hingabe. Die Autorin zeichnet, trägt Farben auf, sie entdeckt die Bildhaftigkeit der Sprache und wandelt alles in Ausdruck.

„Wörter rollten in der Hand wie Murmeln, versehrte Glasmurmeln mit stumpfer, zerkratzter Oberfläche und winzigen Scharten, gescheuert an Sand, Erde, Beton, am Glas anderer Murmeln. Ein kleines Klicken, wenn sie aneinander stießen, ein Geräusch, in das der ganze Körper angespannt horchte, ob es zu einem Bild wurde.“

Jedenfalls ist es ein Trauer-Tagebuch. Die Protagonistin ist in einer Situation der Trauer um M. Das spürt man als Leser in den ganz kleinen erzählten, eigentlich fast aufgezählten Dingen. Die Protagonistin lebt in die Dinge hinein. Sie lässt sich treiben und ist gleichzeitig enorm aufnahmefähig für Atmosphärisches, erblickt in Alltäglichem Geheimes und erzählt uns davon. Die genauen Beschreibungen mögen manchem/r Leser*in zu viel werden. Mir nicht. Ich genieße diesen Blick, denn es ist ein Blick des wahrnehmenden Innehaltens. Des Durchatmens, der Langsamkeit, der Zeitlosigkeit. Anfangs in dem kleinen italienischen Ort Olevano, nahe Rom. Genau gegenüber der Unterkunft, auf der anderen Talseite liegt der kleine Friedhof, der zentraler Punkt ihres Blickes wird. Ein Ort, an dem sie mit ihrer Trauer richtig ist.

„Ich stand Stunden am Fenster wie in einer Glocke, die sich über mich gestülpt hatte und mich in die Kindheit versetzte, als ich mich nachmittags und abends oft unfähig fühlte, etwas anderes zu tun, als aus dem Fenster zu sehen.“

Kinsky erzählt weiter und wechselt die Richtung. Zwar bleiben wir in Italien, aber nun werden Kindheitserinnerungen aufgerollt, die Familienreisen, nach Chiavenna, nach Rom und zu den Grabstätten der Etrusker, in denen der Vater eine dominante Rolle spielt. Hier kommt Kinsky ab vom Beschreibenden, hier kommt erinnertes Erzählen. Hier sind wir dichter am Leben. Der Vater ist italophil, interessiert sich rege für die Kunst und die Sprache.

„Dieses langsame Buchstabieren an der Stadt Rom fiel in den Abschnitt des Heranwachsens, in dem ich – wie jedes Kind irgendwann – fast unvermittelt, von einem Zufall angestoßen, die Welt ohne mich erkannte.“

Von seinem Tod wird hier ebenfalls berichtet, von dem Verlust eines Vaters, der gegen Ende des Lebens so ganz anders war, als bei den Familienausflügen. Es ist ein seltsamer Nähe/Distanzwechsel zwischen Tochter und Vater, der nicht aufgelöst wird. Dennoch oder gerade darum führen die nächsten Reisen nach Ferrara und in die ehemaligen Salinen am Meer nach Comacchio, wo die eintönige Landschaft des Po-Deltas zahlreiche Vogelarten beheimatet und schließlich nach Ravenna, wo die Mosaiken an die kulturgeschichtlichen Ausführungen des Vaters erinnern.

„Manchmal ging er auch aus, aber nur kurz, zu seinen nachtlangen Abwesenheiten fehlte ihm in Rom wohl der Mut, oder er spürte die Kleinheit, die er sich an den Sehenswürdigkeiten zugezogen hatte.“

Kinsky ist auf den Spuren des Zerfalls und findet in Italien weitab der Touristenströme außerhalb der Saison im Herbst und Winter einen Raum, ihre ganz eigene Trauerlandschaft und ich mag diese Art an den Tod geliebter Menschen heranzugehen. Es ist vielleicht die beste Art mit den Toten zu kommunizieren, bis das Neue, das Alte ablöst.

„Todesnachrichten sind Scheren oder scharfe Messer, die den Film der Welt durchtrennen. Messer oder Schere – was schneidet glatter? Eine müßige Frage, die sich ohnehin erst Jahre nach dem Ereignis stellt, etwa bei nachträglichen Flickversuchen an dem durchtrennten Band.“

Ich habe diesen Roman in mein Herz geschlossen, vor Genuss sehr langsam gelesen. Es begann eigentlich schon mit dem Titel und der Covergestaltung. Und dann bin ich in Kinskys Sprache gefallen und habe mich aufgehoben gefühlt. Zudem haben mich diese Streifzüge durch italienische Landschaften an eigene unzählige Italienreisen erinnert. Sogar die Besuche auf Friedhöfen mit den vielen Plastikblumen, aber auch die der Etruskergräber sind mir geläufig. Ich freue mich sehr über einen Roman, der mit seinem Inhalt sicher nicht jeden Leser erreichen wird, manche ab- oder verschrecken lässt aufgrund der melancholischen Grundstimmung. Ich fühle mich in diesem Roman sehr wohl. Ein Wunder und ein Glück, dass der Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ein sehr ausführliches aktuelles Interview mit Esther Kinsky gibt es beim Deutschlandfunk .
Sie steht außerdem auf der SWR-Bestenliste im März auf Platz 1.
Eine weitere Besprechung findet sich auf Blog letteratura.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Nachtrag: 
Seltsam eigentlich, dass mich Kinskys Roman an den thematisch grundlegend anderen Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ von Anja Kampmann erinnert, den ich kurz zuvor las. Doch bei genauerer Betrachtung haben beide Geschichten eine Hauptperson, die sich treiben lässt, verloren, irritiert und in Trauer. Und nicht zuletzt haben beide jeweils eine phantastische Sprache dafür gefunden.