Grand Tour – Reisen durch die junge Lyrik Europas Hanser Verlag

 

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„Die Grand Tour war, vor allem im 18. Jahrhundert, die klassische Bildungsreise für junge Adelige, aber auch für Künstler und Intellektuelle, vor allem nach Italien, mitunter aber auch nach Paris und London, nach Athen, Istanbul und Amsterdam, um die dortige Architektur, Kunst und Kultur kennenzulernen, um den eigenen Horizont zu erweitern und das Erlernte und Erlesene durch sinnliche Erfahrungen vor Ort ergänzen und vervollkommnen zu können, was Monate, manchmal Jahre dauern konnte.“

Eine ganze Weile liegt die umfangreiche bereits 2019 erschienene Lyrik-Anthologie „Grand Tour“ nun schon hier und gerade zur Zeit, da Reisen selbst in Europa derzeit noch schwierig sind und es wieder Grenzkontrollen gibt, nehme ich sie immer wieder zur Hand. Tatsächlich fällt es mir derzeit auch leichter Lyrik zu lesen als Prosa. Womöglich liegt es an der schönen Abstraktheit oder an der Möglichkeit, mich als Leserin viel weiter „auszudehnen“ als im Roman.

„Vielleicht ist die uralte, bis in mythische Zeiten zurückgreifende, aber immer noch bemerkenswert lebendige Form des Gedichts nicht das schlechteste Mittel um festzustellen, an welchem Punkt des Weges hin zu jenem Ort oder Zustand, zu einem idealen Europa, wir uns befinden.“

Die Herausgeber des Bandes sind Jan Wagner, kein Unbekannter, spätestens seit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2015, und Federico Italiano, ebenfalls wie Wagner Dichter und Übersetzer. Aus einem unter Lyrikern bei einem Poesiefestival entsponnenen Vorhaben wurde ein umfangreicher Band kreiert, der wirklich einen schönen Einblick in die Lyrik unserer europäischen Nachbarn gibt. Viel Arbeit war es. Mehrere Jahre haben beide Herausgeber über Inhalte diskutiert, beraten, gestritten und entschieden. Zunächst aus der Ferne dann im Zwiegespräch. Beide erzählen darüber im aufschlussreichen Vorwort. Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung war hinlänglich am Gelingen beteiligt.

730 Stimmen und 49 Länder auf 584 Seiten. Quer durch Europa mit Gedichten, eine wundervolle Entdeckungsreise, eine Fülle an Leseanregungen. Alle Autoren sind mit ihren Büchern im Anhang zu finden (allerdings ohne biographische Daten). Jedes Gedicht wurde in deutscher Übersetzung und der Originalsprache abgedruckt. Es wurde weder irgendwie chronologisch noch alphabetisch verfahren. Die Herausgeber haben sich entschieden die Texte in sieben verschiedene Reisen/Kapitel zu unterteilen. Dabei sind all die bekannten und großen Dichternationen, aber auch kleine Länder mit vollkommen unbekannten Namen. Von Island bis Georgien, von Portugal bis Estland oder von Finnland bis Belgien. Bretonisch, irisch, samisch, rätoromaisch: Alles wurde übersetzt. Alle haben eine gleichwertige Stimme. Einzig eine Einschränkung gibt es: Es wurde entschieden, um den Begriff „junge Lyrik“ einzugrenzen, eine Altersgrenze bis zum Jahrgang 1967/68 zu setzen.

Schnell ist das Jahrhundert. Wir überleben die leichten
Erdbeben,
indem wir in den Himmel schauen statt auf die Erde.
Wir öffnen die Fenster, um Luft hereinzulassen
von den Orten, an denen wir noch nie gewesen sind.
Kriege existieren nicht, weil täglich jemand
unser Herz verletzt. Schnell ist das Jahrhundert.
Schneller als das Wort.
Wäre ich tot, würden mir alle glauben,
wenn ich schwiege.“

Nikola Madzirov – Alexander Sitzmann

Eine riesige Fülle an Dichtern und Übersetzern sind an diesem Projekt beteiligt gewesen. Ein besonders reger Austausch entstand zwischen den Nationen, der durch den Rahmen von Poesiefestivals ohnehin gegeben ist. Länder- und sprachübergreifend wurde gearbeitet. Erkennbar ist auch, wie viele der Autor*innen ohnehin in mehreren Gegenden und/oder Sprachen zuhause sind und wie kurz zum Glück die Wege durch das heutige Europa geworden sind. Die Themen sind vielseitig und vielschichtig, durchaus auch gesellschaftskritisch und politisch engagiert. Die folgend abgebildeten 3 Texte kommen von Dichter*innen, von denen ich auch bereits Bücher auf dem Blog besprochen habe (siehe link):

Wer Lust darauf hat Lyrik zu entdecken und noch nicht so recht weiß, wohin die Reise gehen soll, dem sei dieses feine Buch als Wegweiser ans Herz gelegt. Lyrik leuchtet!

Grand Tour erschien im Hanser Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier noch der Beitrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zum Buch:

 

 

Spreepartie die Dritte: Ein Debütroman aus dem Literaturverlag Droschl, Vermischtes aus dem Laurence King Verlag und eine kulinarische Reise nach Georgien mit Literatur aus dem Weidle Verlag und der Edition Fototapeta

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Am vergangenen Samstag fand eine Fortsetzung der wunderbaren Reihe „Spreepartie“, organisiert von den famosen Damen von Kirchner Kommunikation statt. Eingeladen waren wieder verschiedene Buchblogger. Diesmal gab es drei Programmpunkte. Wer dann noch nicht zufrieden war, konnte sich noch am Wannsee beim Sommerfest von Kiwi tummeln.

 

Während des Frühstücks erzählte uns Ally Klein, die mit einem Auszug ihres Debütromans „Carter“ beim Bachmannwettbewerb las, wie sie sich sozusagen dazu überreden/überzeugen ließ, daran teilzunehmen und wie hart sie sich darauf vorbereitete. Nun meinte sie, seitdem könne sie nichts mehr erschüttern. Spannend, dass sie sich beim Schreiben immer wieder auf Bloch bezieht und vielleicht noch auf Dostojewski und dass sie zwei Varianten ihres Romans geschrieben hat. Eine, die sch rein auf die Geschichte, die Handlung bezieht, und die zweite, an der dann sprachlich gefeilt wird. Mit dem wunderbaren österreichischen Literaturverlag Droschl und dem dortigen Lektor hat sie einen Glücksgriff getan.

 

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Kurz darauf traf schon Max Erbe ein, der uns vom Entstehen der deutschen Dependance des Laurence King Verlags erzählte, der in England ein gut eingeführter, sehr bekannter Verlag ist. Seit Frühjahr 2018 werden Teile des Programms in Deutschland vertrieben. Hier finden sich fein illustrierte Sach- und Kinderbücher, zudem allerlei Karten- und Wissensspiele, teils mit Bezügen zu Kunst und Design.

 

Anschließend machten wir uns auf den Weg zum Mittagsmahl, das im georgischen Restaurant Madloba aufgetischt war. Es bestand nicht nur aus leckeren georgischen Spezialitäten, sondern auch aus geistiger Nahrung: Iunona Guruli, die Übersetzerin ist, aus Tbilisi stammt und in Berlin lebt und arbeitet, erzählte über die Besonderheiten der georgischen Sprache, die zudem eine ganz eigene Schrift besitzt, die nur aus Kleinschreibung und vielen Rundungen besteht und fast wie kaligraphiert wirkt. Zwei Romane, die sie übersetzte, stammen aus den kleinen wunderbaren unabhängigen Verlagen Edition Fototapeta und Weidle Verlag und erscheinen im Herbst, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, bei der diesmal das Schwerpunktland Georgien ist.


Ich danke dem tollen Kirchner-Team für die Einladung zur nun schon zur Tradition gewordenen Spreepartie und für die interessanten literarischen Einblicke. Ausführliche Besprechungen folgen nach Lektüre, zudem auch zur Buchmessezeit ein Beitrag über meine Leseerlebnisse mit georgischer Literatur.

VERSschmuggel Gedichte: deutsch, litauisch Verlag Das Wunderhorn

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Noch einmal zurück nach Litauen:
Gerade rechtzeitig zur Buchmesse erschien die Gedicht-Anthologie VERSschmuggel Litauen. Die Reihe VERSschmuggel gibt es schon länger und mit einer Vielzahl von Ländern. Es ist ein geniales Projekt: Deutsche Lyriker und Lyriker eines anderen Landes setzen sich zusammen, reden mithilfe eines Dolmetschers über ihre Gedichte und übersetzen sie dann gegenseitig. Als Grundlage wird vorab eine sogenannten interlineare Übersetzung angefertigt. Das Litauische ist eine der Sprachen, die als Tonsprache gilt, so dass sich je nach Betonung ein anderer Sinn ergeben kann, es hebt sich also vom Deutschen stark ab. Im Buch sind dann alle Gedichte zweisprachig abgedruckt und können mithilfe eines QR-Codes sogar angehört werden (so man denn über ein entsprechendes Mobilphone verfügt). Das Buch erschien gleichzeitig auch in einem litauischen Verlag.
Initiiert wurde das Projekt von der französischen Übersetzerin Aurélie Maurin, die auch Mitherausgeberin ist, in Zusammenarbeit mit Thomas Wohlfahrt vom Haus der Poesie in Berlin. Dieser Reihe zugrunde liegt eine Diskussion über das Thema `Lyrik übersetzen´ im Allgemeinen: Ist es besser professionellen Übersetzern das Handwerk zu überlassen oder sind Dichter dafür geeigneter?

Diesmal also Litauen, Gastland der Leipziger Buchmesse.
Im Anhang des Buches finden sich jeweils biografische Angaben und die Bücher, aus denen die Gedichte stammen und kurze Einblicke in die Zusammenarbeit jedes Einzelnen, die für manche Dichter ganz neue eigene Herangehensweisen eröffneten und wohl eine große Bereicherung war. Es arbeiteten diese 12 Lyriker zusammen.

Christian Filips mit Aivaras Veiknys
Norbert Hummelt mit Antanas A. Jonynas
Orsolya Kalász mit Giedré Kazlauskaité
Sabine Scho mit Agné Zagrakalyté
Mathias Traxler mit Gytis Norvilas
Christoph Wenzel mit Sigitas Parulskis

Das sind noch einmal ganz andere Stimmen als in meinem letzten Beitrag über litauische Lyrik. Hier sind einige Auszüge aus Gedichten, Gesprächen, Beiträgen, die etwas aus dieser Arbeit, aus diesem Buch verdeutlichen und wiederspiegeln:

„das lagerfeuer brennt und ich erinnere mich,
wie mein sohn in meine schuhe schlüpft
als probierte er mich selber an

die schuhe sind ein raum, für füße ein zuhause
die zuflucht des verlorenen sohns,
in ihnen wohnt die zeit als ein zurückgelegter weg […]“

aus „Das Verbrennen der Schuhe“ von Sigitas Parulskis, übersetzt von Christoph Wenzel

oder

„Todesangst packte mich auf einmal,
vor einem langen Leben
voller Verluste, ohne je etwas produziert zu haben […]“

aus „Treppe zur Bibliothek“ von Giedré Kazlauskaité, übersetzt von Orsolya Kalász

oder Christian Filips zu seiner Arbeit mit Aivaras Veiknys:

„Wie übersetzt man den erstarrten Wunsch nach dem einfachen Leben in ein: Schau doch! Da! Es ändert sich ja! Selbst, Stein, Feld, Vater sind nicht immer dieselben …“

Die VERSschmuggel-Bände erscheinen alle im Wunderhorn Verlag, der auch sonst einiges an Lyrischem zu bieten hat. Mehr über Verlag, Buch und eine Leseprobe gibt es hier

Einen weiteren Beitrag zur litauischen Lyrik gibt es bereits hier auf meinem Blog.

Auf der Website lyrikline findet sich ein reicher Schatz an gelesenen Gedichten, unter anderem auch Lyrik oben genannter Autoren.

Und noch einmal ans Herz legen möchte ich Antanas Skemas Roman „Das weiße Leintuch“ aus dem Guggolz Verlag. Darin geht es um einen litauischen Dichter im New Yorker Exil.