Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert Verbrecher Verlag

Cover

„Auch wenn man als Frau anscheinend immer damit rechnen muss
und es das Schlimmste zu sein scheint, was passieren kann, ist es doch
nichts, was wirklich geschieht. So wie es keinen Krieg in Deutschland
gibt oder man ständig Angst haben muss zu sterben. Vergewaltigung
passiert anderen Leuten.“

Ungewöhnlich angelegt hat Bettina Wilpert ihren Debütroman über eine Vergewaltigung. Er speist sich aus verschiedensten Stimmen, die alle über das Geschehnis berichten und doch sagt jede etwas anderes. Selbst die beiden Stimmen der tatsächlich Beteiligten werden hinterfragt. Dieses Buch zu lesen, bedeutet, auch die eigene Stimme am Ende einzubringen, sich ein Bild zu machen, nicht unbeteiligt zu bleiben.

Ausgangspunkt ist Leipzig im Sommer der Fußball-WM 2014. Die Studentin Anna und der Doktorand Jonas lernen sich durch Freunde kennen und merken, dass sie ähnliche Interessen haben, nämlich Literatur und Osteuropa. Anna selbst stammt aus der Ukraine, Jonas hat ein Praktikumsjahr dort verbracht und so kommt es zwischen beiden zu regen Diskussionen.

„Anna mochte es nie, wenn jemand fragte: Wie geht’s? Niemand erwartete eine ehrliche Antwort, die Lüge war gesellschaftlich akzeptiert. Die Leute wurden aus dem Konzept gebracht, wenn man die Wahrheit sagte: Schlecht. Oder: Scheiße. Anna hasste es, ein Gespräch auf Lügen aufbauen zu müssen, am liebsten hätte sie immer die Wahrheit gesagt, ihre echte Gefühlslage geschildert, aber das hätte gegen die Konventionen verstoßen.“

Als beide bei einer Gartenparty zuviel getrunken haben und kaum mehr zurechnungsfähig sind, kommt es laut Anna zur Vergewaltigung, laut Jonas zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr. Anna erzählt zunächst nur ihrer Schwester davon. Als Anna die Tat später anzeigt, fällt Jonas aus allen Wolken. Die „Sache“ breitet sich in Studentenkreisen recht schnell aus und je nachdem, wird Jonas oder Anna gemieden, ja ausgeschlossen. Je nachdem auf welcher Seite man steht. Denn dass man sich entscheiden muss, wem man glaubt und wem nicht, scheint ein Muss zu sein. Ein Dazwischen gibt es nicht …

„Alle sprachen darüber. Vor der Albertina diskutierten Studenten, die Hannes nie zuvor gesehen hatte, über den Fall: Über den jungen Doktoranden, der von einer Studentin angezeigt wurde, weil er sie vergewaltigt haben soll. Abends, wenn er sich beim Späti ein Radler holte und sich mit Freunden am Herderpark traf, gab es kein anderes Thema als den gewalttätigen Vergewaltigter und das schutzlose Opfer. Die junge Frau, die betrunken mit einem Mann Sex gehabt und nicht aufgepasst hat.“

Wie schwierig und unangenehm alles ist, zeigt unter anderem dann die Szene auf dem Polizeipräsidium, als sich Anna nach langem Zögern doch entscheidet Anzeige zu erstatten. Es ist eine unüberlegte impulsive Aktion, die sie später bereut. Wilpert führt hier über eine ganze Seite einen Katalog an Fragen auf, die Anna gestellt wurden, durch die man immer die Frage nach der eigenen Schuld erkennen kann, obgleich sie nie direkt gestellt wird.

„Anna wollte das alles nicht. Sie wünschte, sie hätte nie Anzeige erstattet, dann hätte niemand davon erfahren. Es ging ihr nicht darum, Jonas zu bestrafen. Nein. Sie wollte eine Entschuldigung. Sie wollte, dass er ihr in die Augen blickte und sagte: Ich habe dich vergewaltigt, es tut mir leid.
Dass sie niemals mit all dem gerechnet hätte.“

Aufgrund der vielen Stimmen, die im Roman zu Wort kommen, breitet sich eine große Spannweite aus, was denn eine Vergewaltigung genau sei, wo sie beginne und was als einvernehmlich gelte. Sehr spannend dabei ist, was die unterschiedlichen Meinungen in einem selbst als Leser auslösen. Wer lügt? Wem „glaube“ ich als Leser*in und warum? Zu welchem Schluss komme ich? Wen spreche ich schuldig? Wen frei? Wer ist Opfer, wer Täter?

Dass das alles nicht so einfach ist, verdeutlicht Bettina Wilpert in ihrem Roman. Dass, was aus einem Blickwinkel als klar und logisch erscheint, sieht von der anderen Seite womöglich anders aus. Dass die Rechtsprechung sich mit einem einfachen „Nein“ auf Annas Seite nicht zufrieden gibt und das Verfahren gegen Jonas eingestellt wird, gibt zu denken. Eine Klärung scheint schlicht unmöglich …

Der 1989 geborenen Autorin, die selbst in Leipzig studierte, macht sprachlich keine Experimente. Das Thema ist hier Experiment genug. Ihr ist ein spannendes und nachdenklich machendes Buch gelungen, dass ein Thema anpackt und damit sichtbar macht, welches in Romanen so sonst kaum zu finden ist.

Der Roman erschien im Verbrecher Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das digitale Rezensionsexemplar.

Serhij Zhadan: Internat Suhrkamp Verlag

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Kürzlich haben Susanne Stöhr und Juri Durkot für die Übertragung des Romans „Internat“ von Serhij Zhadan vom Ukrainischen ins Deutsche den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse 2018 erhalten. Mich hat das angeregt mich diesem interessanten Autor lesend anzunähern. Der 1974 geborene Zhadan hat bereits einige Romane, auch Lyrikbände geschrieben, die sich immer mit seiner Herkunft, seinem zerrissenen Heimatland auseinander setzen und ist in seiner Heimatstadt recht umtriebig. Sein Band „Warum ich nicht im Netz bin“ bietet lyrische sehr aufrüttelnde Einblicke in eine ganz dunkle Welt des Kriegsgeschehens.

„Sie unterrichten nicht zufällig Geschichte?“ Dabei sieht er Pascha durchdringend an.
„Nein“, antwortet Pascha, „nicht Geschichte“.

Pascha, die Hauptfigur, ist Lehrer. Das ist auch die Auskunft, die er jedem gibt und gleichzeitig die Entschuldigung, dass er sich für nichts, was Politik betrifft, interessiert. Sein Lehrerdasein zusammen mit seiner behinderten Hand haben ihn davor bewahrt, für sein Land kämpfen zu müssen. Dabei weiß eigentlich keiner, wessen Land das eigentlich ist, so oft wechselten die, die etwas zu sagen hatten oder haben wollten. Ein Hin und Her auch der Sprachen – Russisch, Ukrainisch etc. Pascha weiß selbst nicht mehr, was er eigentlich lehren soll. Das große Desinteresse, die Desillusionierung zieht sich durch Paschas bisheriges Leben. Seine Freundin Marina hat ihn bereits deshalb verlassen. Mit seiner Schwester und seinem Vater, mit dem er zusammen wohnt, gibt es oft Streit. Als die Schwester ihn bittet, während seiner Ferien seinen Neffen abzuholen, der in die nächstgrößere Stadt in ein Internat abgeschoben wurde, beginnt für den anfangs noch naiven Pascha die größte Herausforderung und ein ungewollter Leidensweg. Denn rundherum tobt der Krieg, keiner weiß genau wo, warum und wie lang.

„Erst da spürt Pascha, dass er Angst hat. Ein Gefühl klebriger, kalter Angst. Als wäre jemand zu ihm gekommen, hätte seinen Tod aus einem Sack genommen, ihn ihm gezeigt und dann wieder zurückgelegt, in den Sack. Er hat ihn aber schon gesehen.“

Es ist ein unglaublich düsteres Buch. Keine Szene vergeht, ohne dass es neblig, feucht, kalt und schrecklich ist. Noch nie habe ich einen Roman gelesen, der ein Kriegsszenario so drastisch und dennoch wie beiläufig schildert. Die Geschichte handelt von der Gegenwart eines kriegsgebeutelten Landes, das keine Ruhe findet, dessen Bewohner unablässig mit Gefahr, Unsicherheit und Leiden konfrontiert sind. Zhadan schafft es eine Stimmung einzufangen, wie ich sie nicht kenne und hoffentlich nie erleben werde. Der Autor hat nichts anderes als die Sprache gegen diesen Krieg und er weiß sie einzusetzen. Dem Leser wird nichts erspart. Dabei fliesst gar nicht so viel Blut, werden kaum grausame Szenen geschildert. Es ist allein der Alltag der Menschen, der alle Schrecknisse beinhaltet. Mit wenig bis gar keinen Habseligkeiten, kaum mehr Nahrung, ziehen die Bewohner ziellos von einem Ort zum anderen, nirgends gibt es Sicherheit, kein Heim mehr. Keiner weiß, wie die Frontlinie sich verschiebt, wann die eine Seite wieder die Macht übernimmt, die Flagge austauscht.

Pascha als Sprachlehrer. Zhadan, der seine Protagonisten immer wieder in anderen Dialekten sprechen lässt, je nachdem welche militärische Einheit gerade Oberhand gewinnt.

„Er spricht Surshyk, einen Mischmasch aus Ukrainisch und Russisch, wechselt alle zwei Worte in die andere Sprache.“

Generell geht es in diesem Roman viel um Sprache. Sprache als Form der Zugehörigkeit, des Erkennens – Muttersprache. Ukrainisch, das immer wieder verboten war. Aber auch die Sprache, die aufgedrückte, die notgedrungen übernommene aus der Zeit als die Ukraine Teil der Sowjetunion war. Russisch, wohl teilweise auch polnisch. Alles basierend auf einer höchst komplexen und wechselvollen Geschichte dieser Nation (die ich selbst erst recherchieren musste). Bis heute kommt das Land nicht zur Ruhe. Das Buch ist brandaktuell. Es ist schrecklich und hart zu lesen, aber es macht bewusst für das Glück, das wir hier haben, nicht in einem Kriegsgebiet leben zu müssen.

Zhadan findet eine starke Metapher für das was Pascha erlebt und die er mehrfach verwendet, als würde einmal nicht reichen für dieses Gefühl. Seine innere Anspannung, die Angst, die Nerven bis zum Zerreißen gedehnt, als wäre es eine (Sprung-)Feder in seinem Herzen. Pascha schafft diese Reise mit seinem Neffen und sowohl er, als auch der 13-jährige Junge wachsen daran. Schön zeigt Zhadan diese Entwicklung, wenn er auf den letzten Seiten von Paschas Erzählperspektive in die des Jungen wechselt.

„Internat“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol Rowohlt Verlag

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Natascha Wodin hat mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Natascha Wodin kann schreiben. Ich weiß es aus dem Roman „Nachtgeschwister“, in dem sie über die schwierige Beziehung zu dem großen Schriftsteller Wolfgang Hilbig schreibt. Durch die Lektüre von Wolfgang Hilbig (in „Das Provisorium“ erfährt man einiges über ihre Beziehung) habe ich überhaupt erst von ihr erfahren. Nun also der Buchpreis …

„Dass ich den Namen meiner Mutter in die Suchmaschine des russischen Internets eintippte, war nicht viel mehr als eine Spielerei.“

„Sie kam aus Mariupol“ ist ein sehr persönliches Buch, eines, was zu schreiben, sicher nicht leicht gefallen ist. Man merkt es immer wieder durch das Buch schimmern, wie stark das Thema Wodin berührt: Schwierig daraus Literatur zu machen …  Vielleicht hätte es eines längeren Abstands bedurft zwischen Recherche und fertigem Buch. Jedenfalls fehlt mir in diesem Buch durchgängig Wodins starke Sprache.

Das Buch ist in vier Abschnitte unterteilt:
Zuerst berichtet Natascha Wodin von ihrer Suche nach den Wurzeln der Mutter, die sich umgebracht hat, als sie selbst noch ein Kind war. Tatsächlich wird sie übers Internet fündig: viele Erinnerungen erweisen sich als wahr, doch noch viel komplexer, als gedacht. Hier erzählt Wodin wie in einem Erlebnisbericht über ihre Recherche und ich als Leserin verheddere mich immer stärker in den immer neuen russischen Namen der gefundenen Verwandten.

„Mein Leben lang hatte ich mich benachteiligt gefühlt, weil ich keine Familie hatte, aber das war nur deshalb so gewesen, weil ich nicht gewusst hatte, dass ich ein glücklicher Mensch war ohne diesen ganzen Ballast.“

Im zweiten Teil erzählt Wodin aus den Tagebüchern und Memoiren ihrer Tante Lidia. Die Hefte wurden in der Wohnung eines neu entdeckten Verwandten aus Sibirien gefunden und ihr zugeschickt. Aus diesen geht hervor in welch schreckliche trostlose Zeit Wodins Mutter 1920 in Mariupol hineingeboren wurde. Anhand von Lidias Lebenslauf gewinnt sie einen kleinen Eindruck vom Leben ihrer Mutter, obgleich diese neun Jahre jünger war als Lidia.

„Wie hat sie ausgesehen mit ihren zwei, drei Jahren? Wie die Kinder in heutigen Hungerländern, kleine Skelette mit geblähten Bäuchen und großen leeren Augen?“

Wodin versucht im dritten Teil das Leben ihrer Mutter von der Flucht (oder Zwangsdeportation?) mit ihrem russischen Mann aus der Ukraine nach Deutschland zu er-schreiben. Sie und ihr Mann arbeiten als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie in Leipzig, wo für die sogenannten Ostarbeiter die schlechtesten Bedingungen herrschen.
Das meiste in diesem Teil ist aus wenigen persönlichen Anhaltspunkten und anhand geschichtlicher Dokumentationen rekonstruiert.

Zuletzt erzählt Wodin von der Zeit, die sie ab ihrer Geburt 1945 selbst mit erlebt hat: das Heranwachsen in Lagern für Displaced Persons, später in einer Kleinstadt in Oberfranken in einem Viertel der „Ausgegrenzten“. Sie erlebt die Ängste der Mutter, versteht sie aber nicht. Die kleine Schwester wird geboren. Die Beziehung zwischen den Eltern ist alles andere als liebevoll. Bei kleinsten Vergehen setzt es Hiebe. Die Mutter verfällt in immer tiefere Depressionen. Der Vater kümmert sich nicht. Die beiden Mädchen verwahrlosen …  Schließlich kommt es dazu: Die Mutter tut das, was sie so oft schon ankündigte. Sie „geht ins Wasser“.

„Immer muss man bei uns alles suchen, obwohl wir eigentlich dauernd aufräumen, aber wir finden einfach keinen festen Platz für die Dinge, wir wissen nicht, welche Ordnung wir dem Chaos entgegensetzen sollen.“

Und auf diesen letzten Seiten blitzt auch endlich etwas durch, was an die Ausdrucks- und Sprachkraft aus Wodins vorherigen Büchern erinnert.

Dieses Buch ist ein Erinnerungsbuch. Vermutlich war es für Natascha Wodin notwendig und befreiend die Geschichte ihrer Familie nieder zu schreiben. Es ist auch eine erschütternde Dokumentation, ein zeitgeschichtlicher Einblick. Große Literatur, wage ich zu behaupten, ist es nicht. Ein gutes Beispiel einer ganz ähnlichen Recherche, die mir jedoch sprachlich und literarisch gelungener erscheint, ist Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“.

„Sie kam aus Mariupol“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Zwei sehr begeisterte Besprechungen findet man bei LiteraturReich und Masuko13