Juan Gómez Bárcena: Kanada Secession Verlag

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Gerade hat der Secession Verlag den großen Berliner Verlagspreis 2021 gewonnen, deshalb möchte ich noch einmal auf eines der grandiosen Bücher dieses wunderbaren Verlags besonders hinweisen. Es erschien bereits 2018, ist aber zeitlos:

Es ist ein Roman, zu dem sich kaum Worte finden lassen. Atemlos, gebannt, fast an einem Stück habe ich ihn gelesen. Und jetzt Sprachlosigkeit infolge des Raums und der Sprachlandschaft dieses Romans, der Fülle und zugleich der Leere …

Juan Gómez Bárcena war eine Empfehlung (damals von Alexander Weidel) vom Secession Verlag für Literatur. Ohne ihn hätte ich das Buch vermutlich nicht gelesen. Im Wust der Bücherfluten wäre er untergegangen. Ich bin froh, dass das nicht passiert ist. Mir wäre etwas entgangen, was für mich unvergleichlich gute Literatur ausmacht. Trotzdem oder gerade deshalb fällt es mir schwer über den Roman zu schreiben. Ich weiß jetzt schon, dass ich das nicht zu fassen kriege, was er transportiert in all seiner Bildhaftigkeit und was vermutlich bei jedem/jeder Leser/in ganz anders ankommt. Und ich weiß, dass es anderen bei der Lektüre ähnlich ging.

„Kanada ist eine Empfindung, ein Schütteln, ein Schlag, den man nicht verstehen kann und der aus diesem Grund niemals verschwindet, während dein Leben vor dem Krieg nur ein Konzept ist, eine Idee, die sich auflöst, sobald man sie erklärt.“

Zunächst klingt der Titel ganz harmlos. Kanada. Doch dann spielt der Roman in Ungarn. Und erst auf Seite 124, zumindest ich wusste es vorher nicht, erfahre ich von den Erlebnissen des Protagonisten in „Kanada“. Gemeint ist nicht das Land in Übersee. Furchtbare traumatisierende Erfahrungen macht dieser Mann und kann nicht wieder in sein Leben zurück, weil er eigentlich nicht mehr lebensfähig ist. Was er durchgemacht hat, versteht niemand. Auch nicht der „nette“ Nachbar, der sich in der Zeit seiner Abwesenheit um das Haus gekümmert hat. Trotzdem wurde es geplündert. Dem/r Lesenden wird klar, warum. Die Stadt ist von den Bomben des Zweiten Weltkriegs völlig zerstört. Der Mann verkriecht sich im Haus. Anfangs glaubt der Nachbar, der ihm regelmäßig Essen bringt, dass er bald wieder anfangen wird zu arbeiten. Versucht zu vermitteln. Doch nach dem Krieg haben die Kommunisten das Land übernommen. Mit einer Arbeit wird es nichts. Der Mann zieht sich in sein ehemaliges Büro im Haus zurück und verlässt es nicht mehr, zieht sich immer mehr in sich zurück. Man erfährt, dass er ein Zahlengenie ist, dass er einmal Dozent war, ein versierter Astrophysiker. Dass er das Lager nur überlebt hat, weil er diese Begabung hat. Doch auch jetzt in der Freiheit kann er nur weiter dahinvegetieren, mehr Tier als Mensch. Der Nachbar quartiert im restlichen Haus Mieter ein und verdient Geld damit. Jahre vergehen. Das Kind der Nachbarin wird vom Säugling zum Schulkind. Wie viele Jahre wirklich vergehen, erfährt man erst, als es plötzlich Straßenkämpfe gibt, sowjetische Panzer durch die Stadt rollen. Es ist also der Ungarnaufstand 1956, als sich das Land gegen die Besatzungsmacht, die Sowjetunion auflehnt.

„Der Schuld lässt sich auf die ein oder andere Weise trotzen. Unschuldig zu sein, ist dagegen ein Gewicht, das dich zerquetscht. Unschuld stellt die ganze Welt bloß. Wenn es möglich ist, die härtesten Strafen grundlos zu erleiden, dann wird die  Wirklichkeit schuldig und verliert ihren Sinn –“

Der gebrochene Mann – nur ein einziges Mal erfährt man seinen Namen, János Kövári – nimmt kaum noch etwas außerhalb war, er fantasiert in Wahnvorstellungen, absurden Träumen oder sind es Retraumatisierungen? Erst am Schluss, als alles rückwärts läuft, scheint vollkommene Klarheit in den Mann zurückzukehren. Es ist wie ein Abspann. Er sieht sich und seine Familie unversehrt aus dem Zug aussteigen und ins Haus zurückkehren mit allen Koffern und sieht aus dem Fenster, wie der Nachbar den Schergen den Weg zu seinem Haus weist …

Die Entpersonalisierung oder Abspaltung wirkt besonders stark durch die Erzählform aus der Du-Perspektive. Und auch deshalb kommt mir die Geschichte besonders nah. Und tut weh. „Kanada“ ist ein Roman, der schmerzt, schmerzen muss, weil Literatur mitunter so sein muss. Große Literatur ist für mich keine, die unterhaltsam ist, sondern eine, die mich auch an meine Grenzen bringen darf. Das tut Bárcena mit diesem unfassbaren Buch. Und gerade deshalb leuchtet dieser Roman in all seinen Schrecken und seiner Düsternis.

Der Roman des 1984 in Spanien geborenen Juan Gómez Bárcena erschien im Secession Verlag für Literatur. Genial übersetzt wurde es von Steven Uhly. Er ist wie immer fein ausgestattet und fadengeheftet. Papiersorte und Schriftart kann man im Impressum nachlesen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Bücher vom Secession Verlag auf meinem Blog:https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/10/21/steven-uhly-den-blinden-goettern-secession-verlag/

Stephen Uhly: Finsternis Secession Verlag

Eva Menasse: Dunkelblum Kiepenheuer & Witsch Verlag

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Es geht sich aus! Es geht sich ganz wunderbar aus!
Viele Tassen Kaffee und einige Mehlspeisen lang hatte ich riesige Freude an dieser opulenten Lektüre. Eva Menasses neuester Roman „Dunkelblum“ scheint mir auch ihr bester bisher zu sein. Ich erinnere mich noch gut an ihren ersten Roman Vienna, den sie damals 2005, ich war noch als Buchhändlerin tätig, im Café Einstein in Berlin bei einem köstlichen österreichischen Menü vorstellte. Seitdem sind einige weitere Romane erschienen, nicht alle davon habe ich gelesen, aber hier hat mich die Leseprobe schon absolut überzeugt. Auf über 500 Seiten breitet sie hier ein irres Panorama einer österreichischen Marktgemeinde aus, Dunkelblum genannt, aber angelehnt an die Geschichte des real existierenden Rechnitz im Burgenland. Über das „Massaker von Rechnitz“ kann man auf Wikipedia lesen, ich empfehle aber erst den Roman, denn von Menasse nachkonstruiert und auserzählt, ist es schon noch einmal etwas anderes.

1989: Es beginnt mit der Anreise des Dunkelblumer Lowetz, der sehr bald als junger Kerl dem Heimatort an der Grenze zu Ungarn den Rücken gekehrt hat und in der Hauptstadt lebt. Er kommt, um sich um den Nachlass seiner gerade gestorbenen Mutter zu kümmern, eine Verbindung zu ihr hatte er nicht mehr. Doch der Einzug ins Elternhaus und die Gespräche mit den alteingesessenen Dunkelblumern lassen ihn rasch wieder in den Ort eintauchen. Er lernt Flocke kennen, die Tochter des einzigen Bioweinbauern vor Ort, die auch nur zu Besuch ist und den Ehrgeiz hat eine Art Heimatmuseum aufzubauen; allerdings anders, als sich das die Einheimischen vorstellen. Der Reisebürobesitzer Rehberg, der an einer Dunkelblumer Chronik arbeitet und eben Lowetz` Mutter recherchierten mit ihr zusammen für dieses Projekt.

Etwa zur gleichen Zeit taucht auch ein vermeintlich Fremder namens Gellért auf, der sich augenscheinlich ebenfalls für die Dunkelblumer Geschichte interessiert, vor allem für die Zeit kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs. Er verwickelt die Bewohner freundlich in Gespräche und stellt Fragen. Viele können, oder vielleicht eher wollen, sich nicht mehr erinnern.

„Man tat, wie man geheißen wurde, und schwieg, so war das damals. Und später war es auch so.“

Gleichzeitig widmet sich eine Gruppe Wiener Geschichtsstudenten der Verschönerung des Jüdischen Friedhofs, der sehr lange sich selbst überlassen blieb. Die Studentin Martha begleitet die Aktion mit ihrer Kamera. Sie spielt später noch eine große Rolle gegen Ende des Romans.

Wir lernen nach und nach verschiedene Mitglieder der Ortschaft kennen. Menasse schafft es hier wunderbar die einzelnen Charaktere herauszuarbeiten und auch in Bezug zu der persönlichen Familiengeschichte zu setzen. So wimmelt es bald von Namen und Persönlichkeiten, die man später nicht unbedingt immer zuordnen kann, aber das spielt so gar keine Rolle, weil die Lektüre einen einfach weitertreibt und vollkommen fasziniert über die Geschehnisse staunen lässt. Da gibt es beispielsweise die resolute Resi Reschen, die das Hotel Tüffer führt, in welchem sie ihre Lehre begann und welches sie nach der Flucht der jüdischen Eigentümersfamilie Tüffer eigenständig weiterführte.  Da gibt es die schöne Leonore, die aus einem Nachbarsort eingeheiratet hat und ehrgeizig mit ihrem Mann, dem Toni Malnitz, aus dem eigenen Weingut einen Biobetrieb mit anspruchsvoller Hotellerie gemacht hat. Sie ist auch die Mutter von Flocke, aber Malnitz ist nicht der Vater. Da gibt es den bald pensionierten Hausarzt Sterkowitz, der damals frisch aus dem Studium plötzlich die Arztstelle übernehmen musste, weil der ansässige jüdische Arzt Bernstein den Ort verlassen musste. Da ist Antal Grün, ein KZ-Überlebender, der wieder nach Dunkelblum zurückkehrt und einen Laden eröffnet. Da gibt es den phlegmatischen Bürgermeister Koreny, der sich mit dem Wasserwirtschaftsamt herumschlägt, den öko-angehauchten Faludi-Bauer und den Obstbauer, den geflickten Schurl und viele andere mehr. Es ist ein großes Vergnügen zu lesen, wie die Autorin hier mit der Sprache und den speziellen österreichischen Begrifflichkeiten spielt.

„Da, lange zurück, gibt es eine reiche und stolze Geschichte von Dunkelblum. Aber dann, hoppala, ist die Geschichte irgendwie gestolpert und hat sich nur mit einem beherzten Sprung aufrechthalten können.
Und daher geht es quasi direkt nach den alten Römern mit den Russen weiter, mit der erbärmlichen, demütigenden Nachkriegszeit, in der man sich anstrengen musste, um den Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern endlich wieder herauszuarbeiten – das war historisch noch nie dasselbe, bitteschön!“

Dunkelblum gelangt mehr und mehr aus dem Ruder, als zuerst bei Grabungen ein altes Skelett gefunden wird, dann ein Flüchtling aus der DDR auftaucht, der über die ungarische grüne Grenze kam, Flocke verschwindet und der inzwischen wieder ansehnliche jüdische Friedhof mit Schmierereien geschändet wird. Plötzlich nach so langer Ruhe kommt Bewegung in den Ort, kommen Journalisten, gelangen Menschen durch den Eisernen Vorhang. Wie es geschieht, dass dann doch nach über 50 Jahren Schweigen über die grauenhaften Taten der Nazis kurz vorm Ende des zweiten Weltkriegs einer den Mund aufmacht, der wirklich große Schuld trägt und das auch noch vor der Kamera der jungen Martha, ist auch der Mithilfe von Gellért zu verdanken, der, man ahnte es schon, ebenfalls aus Dunkelblum stammt und fliehen musste:

Im Schloss der Gräfin feierten Nazigrößen noch kurz bevor die Russen eintrafen ein riesiges Gelage. Und in dieser Nacht wurden unzählige jüdische Zwangsarbeiter, die den Südostwall zum Schutz des Landes graben mussten, mithilfe Dunkelblumer SS-Schergen und der Hitlerjugend gewaltsam hingerichtet und dort verscharrt. Im realen Reckwitz hat man die Toten trotz vieler Grabungen niemals gefunden. In den umgebenden Gemeinden, in denen ähnliches geschah, aber schon. Eva Menasse hat unglaublich viel recherchiert für diesen Roman und ihn sehr breit angelegt. Ihr ist es unglaublich gut gelungen zum Schluss hin alle vielleicht zeitweise verwirrenden Fäden zu einem stimmigen Ende zusammenzubringen und richtig gute Literatur zu machen. Unbedingte Empfehlung!

Das Buch erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag.

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen Hanser Verlag

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Anja Kampmann ist mir als Lyrikerin bereits bekannt. Nach ihrem Lyrikdebüt 2016 liegt nun ihr Romandebüt vor mir und ich freue mich, dass sie beides kann – Lyrik und Prosa.

Ihr Roman beginnt auf einer Ölbohrinsel im Meer vor Marokko. Wir lernen die Arbeiter kennen, die draußen hoch überm Wasser ihre harte Arbeit verrichten. Kampmanns Blick fällt auf Waclav/Wenzel, der aus Polen kommt und auf seinen Freund Matyás, der nach einer Unwetternacht plötzlich verschollen ist. Es wird sofort von seinem Tod ausgegangen. Beweise dafür gibt es nicht. Wenzel, der mit ihm das Zimmer teilte, und mit ihm schon seit Jahren im Team auf den Bohrinseln verschiedenster Erdteile arbeitete, der sein Freund war, wird beurlaubt und reist nach Ungarn, in die Heimat von Matyás. Wenzel übergibt die wenigen privaten Dinge Matyás` Schwester.

„Auch dieses Ungarn würde vorbeigehen, er hatte zu viele Orte gesehen in den letzten zwölf Jahren, und nur zu Beginn hatte diese Ferne ihn noch erleichtert.“

Doch er beginnt nicht wie geplant mit dem nächsten Dienst auf der Bohrinsel; aus der Bahn geworfen vom Tod des Freundes reist er zu den Orten, an denen er früher mit Matyás war, lässt sich treiben. So geht es nach Tanger, Rom, nach Malta und dann wieder nordwärts, sich seiner Einsamkeit und Haltlosigkeit immer mehr bewusst werdend. Per Anhalter nach Norditalien und dann zu Fuß macht er sich auf die Suche nach dem Onkel, mit dem ihn schöne Kindheitserinnerungen verbinden. Und für den Onkel, einem Brieftaubenhalter, fährt er kurz darauf, mit dem Versprechen seine beste Taube vom Ruhrpott in Deutschland auf die lange Reise zurück zu schicken, Richtung Heimat. So fährt er schließlich mit einem alten Pickup los und über die Berge in die namenlose deutsche Stadt, ins Braunkohlerevier, in dem auch Wenzels Vater arbeitete, bis er früh verstarb. Von Anfang an taucht zwischendurch immer wieder der Name Milena auf. Mit ihr war Wenzel zusammen, bevor er zum Arbeiten auf die Bohrinsel kam. Mir ihr wollte er in Polen zusammenleben, Haus und Kind haben. Die Beziehung scheiterte und scheint noch immer nicht abgeschlossen zu sein, trotz der vielen Jahre, die seither vergangen sind. Angekommen in der vertrauten und doch fremd gewordenen Stadt erfährt er dann auch neues über Milena und begibt sich ohne Zögern auf die Reise in jenes polnische Dorf …

„In dieser Nacht war er zweiundfünfzig Jahre alt geworden. Es gab keinen Rasen, den er mähen musste, und dieser Rasen umschloss kein Haus, gefüllt mit Stimmen und vertrauten Gerüchen.“

Der Autorin gelingt es bestens die Atmosphäre darzulegen: die Härte auf See, auf der Bohrinsel mit dem rauen Klima der Arbeiter und dazwischen immer wieder die Verlorenheit der freien Wochen, in denen die Zeit nicht reicht eine private nähere Beziehung aufzubauen oder zu halten. Die vielen Reisen von Insel zu Insel, das wochenlange abgekapselt sein, die Gefahr, die immer dabei ist.

„Er dachte, es wäre leicht, nach Dingen zu suchen. Er dachte, dass er etwas in der Ferne gesucht hatte, aber dass dort nichts war. Nichts für Menschen.“

Der Roman ist ein Roadmovie, ein Roman über Wanderarbeiter, wie es sie auch heute noch gibt – ein ungewöhnliches Thema, das die Autorin hier wählt. Kampmann hätte daraus auch ein Lang-Gedicht machen können, so lyrisch drückt sie sich aus. Verkapselte Sätze, Zeilenumbrüche und Metaphern, Zeitsprünge, die gut als Gegenpol zur kargen melancholischen Ausstattung des Inhalts passen. Ich kann mich daran gar nicht satt lesen, an dieser wertvollen Sprache. Manchem mag das zu verrätselt wirken, vor allem plotorientierten Lesern, für mich ist gerade das der Reiz und die Möglichkeit, das Eigene mit einzubringen. Ein Leuchten!

Anja Kampmann ist mit ihrem Debütroman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Der Roman und auch ihr Lyrikdebüt erschienen im Hanser Verlag. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier .
Außerdem:
http://www.zehnseiten.de/de/buecher/detail/anja-kampmann-wie-hoch-die-wasser-steigen-652.html