Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe Hoffmann und Campe

20190909_1155516622731501647737436.jpg

Was für ein fantastischer Erzähler! Selten habe ich so einen Erfindungsreichtum im Roman gefunden bei sprachlich so hohem Niveau. Nun „bearbeitet“ Otremba auch genau die Themen die mich brennend interessieren. Es geht hier darum, wie wirklich die Wirklichkeit ist, was die Zeit bedeutet, wie Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sich zueinander verhalten. Wie kann ich mein Bewusstsein schulen und zu außergewöhnlichem bringen? Gibt es die Möglichkeit der Unsterblichkeit? Was, wenn wir keine Sprache für all das hätten?

Wie schon vor einiger Zeit Don DeLillo in „Null K“ beschäftigt sich auch Hendrik Otremba in seinem neuen Roman mit dem Thema Kryonik. Menschen, die hoffen, den Tod dadurch überwinden zu können, dass sie sich einfrieren lassen, um später, wenn es ausreichend technische Möglichkeiten gibt, wieder erweckt zu werden, sind bisher noch relativ selten. In den USA gibt es schon mehr Möglichkeiten. Hier spielt auch überwiegend das Buch. Auch Thea Dorn hat das Thema Unsterblichkeit in ihrem Roman „Die Unglückseligen“ ausgearbeitet, aber auf ganz andere Art und Weise. In seinem Stil erinnert mich der Roman irgendwie an den letzten von Christian Kracht, aber auch an Georg Kleins Miakro, die ich ebenfalls sehr mochte.

Im einführenden Kapitel begegnen wir den Protagonisten. Doch von allen erfährt man zunächst wenig, so wie sie auch untereinander wenig miteinander kommunizieren. Es ist ein stilles Unterfangen, denn die Kunden sind schließlich tot. Kachelbad, ein älterer Mann und Rosary, eine jüngere Frau sind Angestellte von Lee Won-Hong, dem das Kryonische Institut „Exit U.S.“ gehört. Sie arbeiten meist zusammen, holen die Leichen ab und bringen sie in Eis gepackt in die mit flüssigem Stickstoff gefüllten Behälter. Warum Kachelbad gerade Rosary für diesen Job angeworben hat, erklärt sich in der Entdeckung, dass sie das gleiche Talent hat wie er. Es ist die Kunst zu verschwinden, unsichtbar zu sein. Mit Kachelbads Hilfe erlernt sie die Methode, für die nicht jeder begabt ist.

„Ich spürte, wie ich dem Verschwinden immer näherkam, spürte ein Kitzeln in meinem Körper. Wie Kachelbad gesagt hatte, ging es bei der gewählten Unsichtbarkeit um eine Geisteshaltung. Ich schien im Begriff, dieses Denken in ein Handeln umzusetzen.“

In weiteren Kapiteln werden uns die „kalten Mieter“ des Tank C 87 vorgestellt. Es sind alles skurrile Gestalten mit tragischen Lebensgeschichten. Was alle vereint, ist die unter gewissen Umständen entstandene Fähigkeit zur willentlichen Unsichtbarkeit.

„Kallmann gelang zu der Überzeugung, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seien simultane Zeitebenen, die das menschliche Gehirn jedoch nicht in ihrer Simultanität auffassen könne, was im Bewusstsein dazu führe, dass es zu einer stetigen Selbstverortung des Individuums in der Gegenwart komme …“

Im dritten Teil erfahren wir, dass Kachelbad die Firma nach dem plötzlichen Tod seines Chefs Lee Won-Hong weiterführt. Dafür ist der junge Asiate Kim an seiner Seite, ein zukünftiger kalter Mieter, der unsichtbar nach LA gelangt und von Kachelbad aufgenommen wird. Kim ist ein spezieller Fall, denn er erinnert Kachelbad an eine tiefe Liebe und an den Schmerz des Verlusts. Doch das Unternehmen droht Konkurs zu gehen. Die Finanzen werden immer knapper. Die teuren Unterhaltskosten für die Tanks mit den kalten Mietern werden bald unbezahlbar. Kachelbad nutzt seine Unsichtbarkeit notgedrungen, um illegal Geld zu beschaffen, doch ein neugieriger Reporter ist ihm auf de Spur. Eine Naturgewalt in Form eines Erdbebens enthebt Kachelbad dann von seinen Verpflichtungen. Er kann sich retten und verschwindet …

Im letzten Teil schließlich, dass aus den Tagebüchern eines jungen Mannes aus New York aus den Jahren 1979-87 erzählt, erfahren wir dann auch mehr aus Kachelbads Vergangenheit. Es ist sehr persönlich geschrieben in der Ich-Form. Der junge Mann ist drogenabhängig, beschafft sich Geld dafür als Stricher. Als er auf Kachelbad trifft, ändert sich sein Leben. Kachelbad hilft im clean zu werden. Sie werden ein Paar. Es ist die Anfangszeit von AIDS, damals noch GRID genannt, weil man glaubte, es wäre die Krankheit der Schwulen. Kachelbad lebt bei dem schrulligen Schriftsteller Krekov. Krekov, der höchst klug über Sinn und Unsinn der Sprache überhaupt philosophiert, wird der erste zukünftige kalte Mieter, den Kachelbad betreut.

„Und was heißt das eigentlich: Sprachlosigkeit? Es bedeutet doch, dass dem Menschen etwas begegnet, das er nicht in Worte fassen kann. Vor Glück, weil es seine Vorstellungskraft übersteigt, die ja durch die Worte begrenzt ist – oder weil das Erleben so unfassbar ist, dass die Sprache dafür einfach nicht mehr ausreicht.“

Gerade dieses fast letzte Kapitel, dass so viel Licht und Liebe, das Entschleunigung und Bewusstsein in die Geschichte bringt, endet, wie könnte es anders sein, mit dem Exitus.

Einen wundersamen, furiosen Erzählreigen fächert Otremba hier auf. Kachelbads Erbe ist ein vielschichtiges, eindringliches Buch. Ein Ereignis jagt das andere, teils unerklärlich, geisterhaft, obwohl es irgendwie gleichzeitig ein stiller, nachdenklicher Roman ist. Der Held Kachelbad scheint, wie auch Katze „Zettel“ mehr als sieben Leben zu haben. Otrembas Roman ist klug und genial konstruiert, hebt sich so ganz ab von manch vorhersehbaren Titeln dieses Herbstes. Dass er nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, ist enttäuschend. Ich wünsche ihm jedenfalls viele Leser und viel mehr Aufmerksamkeit. Es ist ein Buch, dass still leuchtet, aber sehr hell!

Der Roman des 1984 geborenen, in Berlin lebenden Hendrik Otremba erschien im Hoffmann & Campe Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nataliya Deleva: Übersehen eta Verlag

20181005_122723 (646x800)

Wer kennt das nicht? Man sitzt im Cafe, richtet sich ein, zieht das Buch aus der Tasche und wartet. Einen Kaffee will man trinken. Endlich … Doch es kommt niemand, der die Bestellung aufnimmt. Die Kellner wuseln durch den Raum, doch man wird übersehen.      „Übersehen“ heißt auch der Roman der Bulgarin Nataliya Deleva. Doch hier bedeutet Übersehen werden etwas Anderes, etwas Größeres, Überlebenswichtiges. Gerade erschienen ist dieser Debütroman, der mich mit seinen ersten Sätzen sofort ergriff:

„Unsichtbare Menschen sind überall um uns herum. In der Bahn, auf der Straße, im Wohnblock, im Laden, in der Schule, auf der Arbeit, seltener in Nachtclubs, aber auch dort tauchen sie ab und zu auf. Sie gehen in der Menge auf und beobachten die Leute ringsumher mit ihren traurigen, unsichtbaren Augen. Doch weil sie unsichtbar sind, bemerkt sie niemand.“

Deleva porträtiert Menschen, die wir überall finden könnten, wären sie nicht  in unseren Augen unsichtbar. Es geht um Außenseiter, um Zurückgelassene, um Einsamkeit und Sehnsucht. Ihre Geschichte beginnt sie mit einem fiktiven Dialog zwischen Mutter und kleiner Tochter. Ein Dialog, den eine Tochter sich ausdachte, weil sie wünschte, es hätte ihn gegeben. Doch die Mutter war nicht da. Es gab nur das Heim, die anderen Kinder und die Betreuerinnen. Auch wenn an Besuchstagen Paare kamen, die sich ein Kind aussuchen wollten, sich ein Adoptivkind wünschten, fiel deren Blick nie auf die verlassene Tochter. So entstand das Gefühl, des Übersehenwerdens, so wurde das kleine Mädchen unsichtbar.

„Ich frage mich, ob die Mütter ins Heim kommen, um einen von uns zu retten, oder weil sie Rettung für sich selbst suchen.“

Geschickt schildert die Autorin auf Nebenwegen, was Unsichtbarkeit bedeutet. In Zwischenkapiteln tauchen aus den unterschiedlichsten Gründen Übersehene auf. Nicht von ungefähr sind es oft Mädchen oder Frauen. Wie der Begriff der Unsichtbarkeit auf künstlerische Art bereits in Galerien Einzug fand, beschreibt Deleva. Leere Leinwände, ungefilmte Filme, ungespielte Musik. Alles als Anregung, die Leerräume mit dem Eigenen, mit Phantasie auszufüllen. Oder das Experiment: Was passiert, wenn sich zwei Menschen vier Minuten lang nur in die Augen schauen (man denke an Marina Abramovic). Oder, haarsträubend, die App, mit der man Eltern und Bekannten vorspielen kann, man hätte eine/n feste/n Partner/in.

Diese Phantasie, vielmehr dieses Improvisationsvermögen der Übersehenen erfährt eine kuriose Steigerung, wenn sich beispielsweise ein Straßenjunge auf die Suche nach einer neuen Niere für die im Krankenhaus liegende Mutter macht und in einer Fleischerei landet. Wenn eine Frau an Elektroschocktherapie denkt, um ihre Traumata vergessen zu machen. Wenn eine Mutter in ihrem zweitgeborenen Sohn die zuvor bei einem Verkehrsunfall getötete Tochter reinkarniert glaubt und der Sohn leidet. Wenn zwei Frauen ihre gleichgeschlechtliche Liebe lieber im Geheimen leben, weil sie sonst angepöbelt werden. Und wenn eine dieser Frauen ein Mädchen aus dem Heim, das sie lieb gewinnt, nicht adoptieren darf, weil das Gesetz so etwas nicht vorsieht.

Die Heldin des Buches, und so nenne ich sie hier bei dieser Lektüre besonders gerne, schafft es ihre eigenen Traumata zu heilen oder zumindest zu lindern, indem sie sich um Kinder kümmert, denen es ähnlich erging wie ihr selbst und ihnen so gut es geht beisteht und ihnen Freude bereitet. So gibt es zwischen den oft sehr traurigen Kapiteln doch auch Momente des Trostes. In diesem Buch geht es um Nähe, um das Bedürfnis nach Nähe und den Verlust von Nähe im Übersehenwerden. Es ist ein Plädoyer für die Abschaffung der Unsichtbarkeit durch Fürsorge, Mitgefühl und Menschlichkeit.
Ein unübersehbares Leuchten für dieses intensive Buch!

Die Übersetzerin aus dem Bulgarischen ist Elvira Bormann-Nassonowa. Der eta Verlag ist ein kleiner unabhängiger Verlag mit Sitz in Berlin, der südosteuropäische, vorwiegend bulgarische Literatur verlegt. Es gibt viel zu entdecken. Unter anderem einen Gedichtband von Georgi Gospodinov, der durch einen Roman und Erzählungen im deutschsprachigen Raum bereits etwas bekannter ist.