Ursula Krechel: Geisterbahn Jung und Jung Verlag

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In ihrem neuen Roman spielt der Geburtsort der Autorin eine zentrale Rolle. Ursula Krechel wurde 1947 in Trier an der Mosel geboren. Von hier aus schreibt sie sich in verschiedene Lebensgeschichten ein. Ihre Protagonisten sind teils frei erfunden, teils lebten sie tatsächlich. Zu Beginn des Buches führt die Autorin ihre Hauptfiguren ein, um später immer wieder im Wechsel auf sie zurückzukommen. Da ist die Schaustellerfamilie, die Sinti, die von ihrem Standort Trier aus mit dem Karussell flussab- und aufwärts zieht. Da sind die jungen Kommunisten Willi und Aurelia, Da ist der Arzt und die Hotelierstochter und der Psychologe mit seiner unscheinbaren Ehefrau und da ist immer wieder der Polizist, im Roman fortan vom Sohn und Erzähler mit MEINVATER betitelt, immer in Großschrift. Da ist gleich zu spüren, welche Vater-Kind-Geschichte darunter schwelt.

Wir erfahren jeweils von der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier bleibt Krechel auch wieder ihrem Lebens-Thema treu. Ein Großteil des Romans wird von der Zeit kurz nach dem Krieg bestimmt, wie schon im Roman „Landgericht“. Es ist schwierig diesen Roman in seiner ungeheuren Fülle für eine Rezension zusammenzufassen. Zwar ist er in fünf Kapitel unterteilt, doch hält sich innerhalb eines jeden kaum eine Struktur, eine mäandernde Sprache lässt sich auf jeden Wink hin auf Experimente ein, bezieht sich auf Welt- und Literaturgeschichte. Wir lesen von Marx, dessen Geburtshaus in Trier steht oder von Nikolaus Lenau, dem österreichisch-ungarischen Dichter, dessen ziemlich abfälliges Lied „Drei Zigeuner fand ich einmal“ im Grundschulunterricht gesungen wird und das Sinti-Mädchen Anna zum Weinen bringt:

„Der Lehrer sagte nichts, der Text stand auf der Tafel. Ännchen hatte, wie Iris, kein Taschentuch. Dann hatte Ännchen genug geweint, nun schniefte sie nur noch und gab sich einen Ruck: Mir sinn net solche Zigeuner wie die.

Inhaltlich gibt es durchaus eine chronische Abfolge, zeitweise mit Rückblenden. Jede Figur lebt, jede Person wird ernst genommen, jeder Protagonist durchlebt in Zeiten des Krieges entstandenes körperliches und seelisches Leid, das das ganze spätere Leben durchdringt. Nachkriegswachstum durch Verdrängung.

Anfangs begegnen wir der Schaustellerfamilie Dorn und lernen die Mitglieder kennen, eine große Familie, in dem jeder gebraucht wird. Als der Nationalsozialismus mit seinen Repressalien bis nach Trier gelangt, erfahren die Dorns unglaubliches Leid. Tochter Kathi wird zwangssterilisiert, Mutter Lucie wird im Lager Lublin ein Kind gebären (Ignaz), welches überlebt, während 4 andere sterben. Vater Alfons überlebt mit schweren körperlichen Behinderungen. Lucie wird später am Erlebten und am Verlust der Kinder wahnsinnig.

Die Geschwister Aurelia und Willi Torgau, die es tatsächlich gab, versuchen im Widerstand für den Kommunismus zu arbeiten. Doch beide werden in Haft und ins Lager gebracht. Aurelia verbringt 8 Jahre in Ausschwitz, überlebt das Lager. An Tuberkulose erkrankt, medikamentenabhängig stirbt sie später auch aufgrund ihrer Traumata.

„Nach Monaten kam eine Postkarte mit einer Adresse aus der sowjetischen Zone. Sie lebte, Aurelia war mit heiler Haut aus Auschwitz zurückgekommen. Was bedeutet die Haut, pergamentdünn, wenn das, was sie umspannte, Trostlosigkeit war?“

Grit, die Hotelierstochter, verliert ihren Mann im Krieg, weiß sich in der Besatzungszeit als starke Frau durchzusetzen, und bekommt später eine uneheliche Tochter, Iris.

Die Neumeisters, er arbeitet nach dem Krieg als Kinderpsychologe, sie bleibt unausgefüllt Hausfrau. bekommen ein Wunschkind, Cecilia.

In der Nachkriegszeit begegnen sich schließlich die Kinder der Hauptfiguren in der Schule, Ännchen, Ignaz, Cecilia, Iris, Kurt, Gerwin und der Sohn des Polizisten, der gut durch die NS-Zeit kam und auch im neuen System wieder bestens Fuß fassen kann. Sohn Bernhard wird später alles aufschreiben, er ist derjenige, der recherchiert und der Erzähler der vorliegenden Geschichte. Sie wachsen zusammen auf und scheinen später sehr viel bessere Möglichkeiten zu haben. Doch die Kriegstraumata sind so leicht nicht abzulegen. Sie müssen aufgearbeitet werden.

„Und wenn ich über Iris, Cecilia, Gerwin, Kurt und mich nachdachte: Man hatte etwas anderes von uns erwartet. Wir erfüllten nicht die Erwartungen, die man in uns gesetzt hatte.“

Krechel schafft wieder vorzüglich, die Stimmung der Nachkriegszeit einzufangen, den Aufbruch, die Verdrängung, den Kleinstadtmief, das Gerede, die Gerüchteküche, die Entrüstung, wenn eine Frau allein ein uneheliches Kind aufzieht, der weiterhin schwelende Hass auf die Sintifamilie, die trotz aller Widrigkeiten später eine Gastwirtschaft eröffnet, also sesshaft wird, das Familienleben unter der Knute des Katholizismus, der Verhütungsmittel oder Schwangerschaftsabbruch verbietet und die Frau brav ins Haus verbannt. Ihre schwungvolle Sprache, das mitunter Lyrikhafte, Kunstvolle unterstützt durch Varianten und Wiederholungen bestärkt die jeweiligen Stimmungen.

Gegen Schluss, je mehr die Gegenwart eintritt, wird es zeitweise etwas langatmig, abwegig, teils kitschig. Es ist der schwächste Teil des Romans und zählt zum Glück nur an die 40 Seiten von 640. Das ist verzeihlich und ändert nichts am Ergebnis: Krechel ist erneut ein mächtiger, absolut dichter, sprachlich wie inhaltlich beeindruckender, wichtiger Roman gelungen. Große Empfehlung!

Das Buch erschien im Verlag Jung und Jung, wie bisher alle Romane und auch die feine Lyrik. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weiteres hier auf dem Blog zum Thema Sinti und Roma:
Zoni Weisz erzählt seine Biografie
Der Sonnenwächter von Charles Haldeman

Ursula Krechel: Stark und leise btb Verlag

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Ursula Krechel ist Lyrikerin und Romanautorin. Sie schreibt Gedichte, die ich sehr mag. Und sie schrieb den Roman „Landgericht“, der 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Ihr neuestes Buch ist nun ein Sachbuch und ist es auch wieder nicht. Denn es sind literarische, sprachlich sehr schön gearbeitete Essays.

Krechel wählte Frauen, Künstlerinnen, über die es einiges zu sagen gibt und erzählt eindringlich Biografisches. In den Lebensbeschreibungen finden sich für mich ganz neue Anknüpfungspunkte. Dabei sind Frauen, die ich bisher nicht kannte oder aber Details über von mir geschätzte Künstlerinnen, die mich überraschten.

Die einzelnen Kapitel sind chronologisch geordnet, stellen die Protagonistinnen jeweils auch in den zeitlichen Zusammenhang und enthalten am Schluss Hinweise auf Werke und weiterführende Lektüre. Mit dabei sind unter anderem:

Caroline von Günderode, der Christa Wolf mit ihrer fiktiven Biografie „Kein Ort. Nirgends.“ ein starkes Denkmal gesetzt hat und die Ihrer Zeit weit voraus war.

Annette von Droste-Hülshoff, die einem mitunter durch Schullektüre (Die Judenbuche) verleidet wird, obgleich sie eine großartige Lyrikerin war:

“ Wär´ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der himmel mir raten;
Nun muss ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,“

Ein etwas ausführlicheres Kapitel widmet sie den Frauen der zwanziger und dreißiger Jahren in Berlin und erläutert Zusammenhänge.
Da darf Vicky Baum (Menschen im Hotel) nicht fehlen und Ruth Landshoff-Yorck,

„im rücken bleicht mir das verlassene land
und blauer kummer trägt sich nicht so leicht
wie leichtes blau des himmels den ich ließ“

Irmgard Keun mit ihren wunderbaren Romanen wie etwa „Das kunstseidene Mädchen.
Hannah Höch, die mit ihren Collagen im DADA-Land mitmischte, Emmy Ball-Hennings, ebenfalls dem DADAismus verschrieben.

Dann Ingeborg Bachmann, die Dichterin, die die Gruppe 47 durchwirbelte und ewig zerrissen ihre wunderschönen Gedichte und kraftvollen Romane (Malina) schrieb.

„Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.“

Was mich besonders freut:  die beiden zeitgenössischen Lyrikerinnen Friederike Mayröcker

„trinken
das Wehen der Luft/ noch/ sich sagen ich lebe noch
und jetzt und hier aber endlich
oder durch die blendende Bläue segelt die endliche
Schwalbe“

und Elke Erb.

„Das Aus hat (wie
der Laut sagt)
keinen Garten.“

Aber auch unbekanntere Namen wie: Elisabeth Langgässer, Irene Brin, Christa Reinig.

Pionierinnen heißt der Untertitel des Buches. Und mir scheint, das trifft es irgendwie sehr genau.

„Stark und leise“ von Ursula Krechel erschien im Hardcover beim Jung und Jung Verlag. Nun ist es auch als btb Taschenbuch erhältlich. Eine Leseprobe gibt es hier.

Ursula Krechel: Landgericht btb Verlag

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Kürzlich lief die sehr gute Fernsehverfilmung von Ursula Krechels mit dem Deutschen Buchpreis 2012 ausgezeichneten Roman „Landgericht“. In meinem Lesekreis wurde nun das Buch gelesen und ich war gespannt wie gut die Umsetzung nun wirklich gelungen ist.

Krechels Roman basiert auf einer wahren Geschichte und greift ein Thema aus der deutschen Geschichte auf, welches bisher wenig literarisch beleuchtet wurde: Die Wiedergutmachung an vom Nationalsozialismus geschädigten Personen im Nachkriegsdeutschland.

Für jeden Anspruch mußte ein gesonderter Akt angelegt werden: für die beruflichen Schäden, für die gesundheitlichen Schäden, für die materiellen Verluste. Nur der Verlust an Angehörigen, an Lebensfreude, Lebensgewißheit war nicht aufzulisten, zu beziffern. Mit Grundbüchern und Handelsregistern war leichter umzugehen als mit ideelen Werten wie der seelischen und körperlichen Gesundheit und ihrer Dokumentation. Leichter als mit Leben und Tod.

Was mir sofort auffiel an Krechels Roman war die Sprache. Etwas, was der Film natürlich nicht leisten kann. Die Autorin bedient sich einer wunderbaren Sprache, sie schöpft aus dem ihr innewohnenden Sprachmaterial und macht das Buch sogleich zu etwas einmaligem. Ich kenne Ursula Krechels Lyrik und sie ist es, die man oft beim Lesen hindurch scheinen sieht. Allein die Szene, gleich am Anfang des Romans, das Wiedersehen der Kornitzers nach über 10 Jahren am Bahnhof von Lindau, spiegelt Krechels Poesie. Hier können Gefühle und innere Befindlichkeiten viel stärker ausgedrückt werden als im Film. Das ist eine große Stärke dieses Buches.

Das Ehepaar Kornitzer lebt mit beiden Kindern recht wohlhabend in Berlin. Er ist Richter, sie ist als Geschäftsführerin tätig. Als die Nazis an die Macht kommen, müssen die beiden handeln: Sie schicken die beiden Kinder schweren Herzens mit einem Kindertransport nach England. Richard Kornitzer, jüdischer Herkunft, kann gerade noch rechtzeitig nach Kuba fliehen. Seine Frau Claire, die keine Jüdin ist, flieht aus Berlin nach Süddeutschland und überlebt den Krieg auf einem Bauernhof in einem Dorf überm Bodensee. So zerfällt die Familie ganz.

Nach Richards Rückkehr nach Deutschland nach Kriegsende, zehn Jahre sind vergangen, versuchen die Kornitzers wieder Fuß zu fassen. Er wird nach ewig langem bürokratischem Schriftverkehr ans Landgericht ins total zerstörte Mainz berufen. Was er dort vorfindet, ist unglaublich und undenkbar. Die gleichen Personen, die während des Nationalsozialismus das Sagen hatten, finden sich erneut in hohen Positionen, etwas was für Kornitzer (und für mich beim Lesen ebenso) schwer erträglich ist.
Während ihr Mann in Mainz arbeitet, beginnt Claire die schwierige Suche nach den Kindern. Doch als die Kinder gefunden sind, stellt sich heraus, dass sie ihren Eltern komplett entfremdet sind. Georg und Selma „durchliefen“ mehrere Pflegefamilien, bis sie endlich etwas Ruhe fanden. Beide Kinder wollen lieber in England bleiben und schweren Herzens akzeptieren die Kornitzers letztendlich diesen Wunsch. So furchtbar dieser Entschluss für beide Eltern ist: die Kinder sollen glücklich sein. Während Richard sich im Gericht durch neue Gesetze und immer mehr Anträge kämpft, hat Claire, die vorher selbstständig mit Kinowerbung gearbeitet hat, die Idee in Mainz ein eigenes Kino aufzubauen. Doch Mainz ist nicht Berlin: Claire sollte als Richtersgattin nichts Eigenes machen, schon gar kein Kino. Sowohl die Bank verweigert die Unterstützung, als auch der eigene Ehemann …

Krechel hat ihren Roman nicht komplett chronologisch angeordnet. So folgt auf die oben beschriebene Passage ein Rückblick in die noch „normale“ Zeit als die Kornitzers sich kennen lernen und miteinander leben, jeder mit seinem ausfüllenden Beruf. Beide Kinder kommen zur Welt, doch die Zeichen spitzen sich zu …

Auch die Zeit Richard Kornitzers auf Kuba wird erst später erzählt. Großes Glück hatte er, denn nach der Ankunft seines Schiffes, wurden keine weiteren Flüchtlinge mehr aufgenommen und selbst die Menschen, die weiter in die USA wollten, erfuhren von Amerika die Ablehnung – besonders interessant, wenn man es mit der heutigen politischen Situation vergleicht …

Richard Kornitzer, ein Mann der nach dem Krieg nach Hause, nach Deutschland zurückkehrt, um sein Land in ein neues demokratisches zu verwandeln, der helfen will mit aufzubauen, auf der Grundlage des Grundgesetzes, scheitert. Nach langen Auseinandersetzungen bezüglich Rückerstattungen wird er auch geflissentlich übersehen bei der Nachfolge ins nächsthöhere Richteramt. Kornitzer verstrickt sich immer mehr in seinen Widersprüchen und Klagen, als sei es das einzige was im Leben noch zählt. Seine Gesundheit wird dadurch enorm beeinträchtigt: Herzprobleme, Angst. Es ist letztlich das Gefühl der Schuld, überlebt zu haben, weiterhin der Außenseiter zu sein, dass ihn immer weiter treibt.

„Man behandelt nicht die Angst, nicht die Verletzung, die Empfindlichkeit gegen neue Verletzungen, man sieht nur das Organ. Daß der Knick in der Lebenslinie irreparable Schäden für die Verfolgten nach sich zieht, war den meisten Ärzten in den fünfziger Jahren nicht klar.“

Auch Claire ist gesundheitlich angeschlagen. Als Richard eines Tages, bereits nach seiner Pensionierung aus gesundheitlichen Gründen, einmal mehr in Berlin ist, um seine Wiedergutmachungsanträge zu verteidigen, bricht Claire zusammen und kommt nicht wieder auf die Beine. Sie stirbt. Währenddessen ändert sich auf Kuba das politische Klima und Kornitzer steht plötzlich seiner kubanischen Tochter gegenüber …

„Landgericht“ ist ein sehr wichtiges Buch, auch heute noch. Ich habe sehr viel Neues erfahren aus der Nachkriegs- und Emigrantengeschichte. Besonders schön, so etwas auch noch auf sprachlich höchstem Niveau zu lesen. Unbedingt empfehlenswert!

Der Roman ist bei Jung und Jung erschienen, inzwischen auch als Taschenbuch bei btb. Eine Leseprobe gibt es hier.