Leseprojekt Jahrestage – Aus dem Leben von Gesine Cresspahl von Uwe Johnson Suhrkamp Verlag

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Letztes Jahr am 20. August hat es begonnen: Jeden Tag einen Jahrestag. In dieser Dosis jeden Morgen gelesen, fand ich die Jahrestage geradezu ideal als Einstieg in meinen eigenen Tag. Angefangen hat das Vorhaben mit den Aktivitäten des Suhrkamp Verlags zum 50-jährigen Jubiläum mit einer vierbändigen Ausgabe im Schuber. Den ganzen Schuber traute ich mich nicht zu kaufen, da ich mir nicht sicher war, ob ich mit Johnsons sehr eigener Sprache klar kommen würde. Doch es war ein Ereignis und anhand der Lektüre spürte ich die Zeit vergehen, spürte die davon rasenden Tage, merkte wie schnell ein Jahr vergeht.

Zahlreiche Beiträge haben mich neugierig gemacht auf diese Chronik, die genau ein Jahr umfasst, und eigentlich im Jahr 1967/68 in New York spielt. Eigentlich, weil Johnson seine Hauptprotagonistin Gesine Cresspahl in wiederkehrenden Erinnerungsschleifen an ihre deutsche/mecklenburgische Kriegs/Nachkriegsbiografie denken lässt, animiert von der neugierigen, und oft auch altklugen 10 später 11-jährigen Tochter Marie, die natürlich vor allem die Ereignisse um den Tod ihres Vaters Jakob interessieren.

„Sie ist jetzt vierunddreißig Jahre. Ihr Kind ist fast zehn Jahre alt. Sie lebt seit sechs Jahren in New York. In dieser Bank arbeitet sie seit 1964.“

Die beiden leben nahe des Hudson am Riverside Drive. Gesine arbeitet in einer Bank, steigt sogar auf von einem Übersetzerinnenjob bis in die Chefetage und das obwohl sie eine Frau ist. Marie geht in eine katholische Mädchenschule und hinterfragt Dinge, die mich wundern lassen, ob sie wirklich erst 10/11 Jahre alt ist. Meiner Ansicht nach übertreibt Johnson da ein wenig, was die Klugheit und Reflektiertheit von Marie angeht.

Die „Tante“ New York Times spielt in Gesine und Marie Cresspahls Leben eine wichtige Rolle. Sehr schön zu lesen, wie wichtig damals noch Tageszeitungen waren, um an Informationen zu gelangen. Es ist zudem die Zeit des Vietnam-Kriegs, von dem die Times regelmäßig berichtet und von anderen gesellschaftlichen und politischen Ereignissen in der Welt. Es ist die Zeit des Kalten Krieges in Europa.

Der Leser verfolgt mit Marie und Gesine („Dschisaini“) das Attentat auf und den Trauermarsch für J.F. Kennedy und das Attentat auf Martin Luther King und die anschließenden Unruhen in der schwarzen Bevölkerung. Ich schrecke immer ein wenig auf, wenn ich lese, wie unbedenklich Uwe Johnson das Wort Neger benutzt. Das war damals üblich in den USA und es gab auch die bestimmten Viertel, in die Marie eigentlich nicht gehen sollte. Dennoch hat Marie besten Kontakt zum schwarzen Portier und sie schafft es nach einiger Zeit näheren Kontakt mit der einen einzigen farbigen Klassenkameradin (die „Quotennegerin“) aufzunehmen.

„1968, zu Anfang unseres achten Jahres in der Stadt, höre ich zwei negerhäutige Herren vor mir reden an der Bushaltestelle 97. Straße, ohne sie belauschen zu wollen.“

Marie erklärt den Samstag zum „Tag der South Ferry“, er wird immer Ausflugstag bleiben, eh sei denn D.E. ist zu Besuch und hat andere Vorschläge. D. E. ist der potentielle Ehepartner und bester Freund von Gesine und Marie und stammt ebenfalls aus dem Mecklenburgischen. Er arbeitet für eine finnische Firma und ist ständig auf Reisen.

Die Rückblicke in die Kinder- und Jugendzeit von Gesine sind spannend und aufschlussreich. So wird von Gesines tragischer Kindheit erzählt: Die Mutter kommt zu Tode im Feuer, man munkelt von Selbsttötung. Tatsächlich war die sehr religiöse Frau extrem streng und geizig ihrer Tochter gegenüber und litt an Depressionen.

Die Leserin erfährt, wie die Vor- und Nachkriegszeit sich in einem Dorf in Mecklenburg anfühlte. Wie Menschen mit der Besatzung der „Ostzone“ klar kommen mussten, wie ehemalige Nazis plötzlich zu glühenden Kommunisten wurden. Gesines Vater, der im Krieg für die Engländer spionierte, wird Bürgermeister unter den Sowjets, kurz darauf in den Karzer geworfen und für viele Jahre weggesperrt und kommt gebrochen wieder heraus. Gesine wächst bei Bekannten heran und verliebt sich schon als Mädchen in Jakob. Doch der hat dafür zunächst kein Auge.

Mit dem nahenden Ende der Geschichte, kommt wieder ein Sprung zurück in Gesines Schulzeit in der DDR bis zum Abitur. Vom Blauhemd über Pioniertuch bis zur Freundschaft mit Anita, die auch später mit Gesine in Kontakt bleibt und zur vorgetäuschten Liebschaft mit Pius, der später in der neugegründeten Volksarmee Lorbeeren sammeln wird. Es dauert lange, bis Johnson von der Beziehung zwischen Gesine und Jakob erzählt. Und bis schließlich Marie geboren wird.

Gleichzeitig geschieht im aktuellen Leben ein bedeutender Schicksalsschlag, D. E. betreffend, der nicht so leicht zu verkraften sein wird, der aber seltsamerweise von Johnson sehr knapp abgehandelt wird (ebenso wie Jakobs Ableben).

„Marie hat sich verkuckt in die Chinesen von San Francisco, an die einverstandene Art, mit der das Auge des Durchreisenden die gelben, schwarzen und rosanen Leute mit einander umgehen sieht auf den Bürgersteigen, in den Seilstraßenbahnen, wo sie dem Fremden Platz einräumen nach der Gebrechlichkeit, dem Alter, in einer Kameradschaft.“

Johnsons Sprache durchziehen immer wieder Sequenzen, die im Mecklenburgischen Dialekt verfasst sind. Dann wird es schwieriger für den Leser. Den Zusammenhang versteht man aber dennoch. Auch mit Zeitsprüngen zwischen damals und heute muss man permanent rechnen. Doch auch daran gewöhnt man sich.  Für Johnsons Sprache braucht man generell ein wenig Ausdauer. Aber man hat ja 1700 Seiten Zeit. Mich hat die Lektüre sehr bereichert.

Zum Abschluß hin beginnt Johnson so etwas wie einen sehr kurzen Rückblick, indem er einzelne Ereignisse aus den Jahren der Verweildauer in New York herausgreift (So etwas, wie ein Abspann im Film oder der Film, der sich angeblich im Augenblick vor dem Tod abspult). Er beendet den Roman mit der Abreise der Cresspahls nach Prag, wo sie auf Wunsch von Gesines Chef im Namen der Bank dort eine neue Arbeit beginnen werden.

Alle Werke Johnsons, so auch die „Jahrestage“ sind im Suhrkamp Verlag erschienen. Einen schönen Einblick ins Werk erlangt man hier. Sehr ausführlich kann man sich auf der Seite der Uwe-Johnson-Gesellschaft über den Autor informieren: https://www.uwe-johnson-gesellschaft.de/

 

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Akwaeke Emezi: Süsswasser Eichborn Verlag

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„Aber ich bin nicht gänzlich gegen den Wahnsinn, nicht, wenn er mit dieser Form der Klarheit einhergeht. Die Welt in meinem Kopf war bisher viel realer als diejenige außerhalb – vielleicht ist das die exakte Definition von Wahnsinn, wenn ich darüber nachdenke.“

Über das Thema Traumatisierung und Missbrauch in der Kindheit ist ja schon oft geschrieben worden, aber noch nie auf diese Art und Weise. Noch nie aus solcher Perspektive, noch nie in einer solch poetisch-feinen Sprache. Wenn die verschiedenen inneren Anteile einer Person geisterhaft eine Geschichte erzählen, ist das ungewöhnlich. Hier bleibt nichts eindimensional. Die nigerianisch-tamilische Autorin Akwaeke Emezi nennt das in ihrem Roman „die andere Seite“, was ich viel stimmiger finde, als von Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörung zu sprechen. Die Erlebnisse aus der Kindheit werden abgespalten und verdrängt. Doch jeder Anteil erhebt in diesem Roman seine Stimme. Wenn der Schutzmechanismus um zu überleben, die Verdrängung, nicht mehr funktioniert, zeigt sich die psychische Krankheit. Nicht immer ist das nur pathologisch zu sehen, sondern weist auf eine Verbindung mit etwas Höherem hin. Darauf läuft Emezis Geschichte hinaus, die auch eine Art der spirituellen Entwicklung aufzeigt. Deshalb freue ich mich riesig über diesen Roman. Die Autorin schreibt mit einer Selbstverständlichkeit über dieses So-Sein, das es für mich nichts mehr Schreckhaftes hat. Erst kürzlich ließ George Saunders in „Lincoln im Bardo“ die Geister der Toten sprechen. Doch konnte er mich rein gar nicht damit überzeugen. Das sieht hier bei Emezi ganz anders aus: Sie kann mich sprachlich begeistern, sie schreibt in einem besonders ausdrucksstarken, sehr eigenen Stil.

Emezi erzählt davon, das es nicht leicht ist mit solch einem Makel oder einer Gabe durchs Leben zu kommen. Ihre Heldin ist eben nicht „normal“, versucht den Schein nach außen hin aber unbedingt zu wahren. Ada kommt in diesem Roman selten selbst zu Wort. Häufig erzählen die Ogbanje, die Geister die in ihr, durch sie leben. In mehreren Schüben baut sich die Ver-rücktheit auf, bis die große Gegenspielerin des Göttlichen, Asughara im „Marmorzimmer“, in Adas Kopf auftaucht, und sich in deren Leben unangenehm und penetrant einmischt. Auslöser ist die Vergewaltigung durch einen Kommilitonen.

„Ogbanje sind Schwellenwesen – Geist und Mensch, gleichzeitig beides und keines von beidem. Ich bin hier und doch nicht hier, real und unwirklich, Energie, in Haut und Knochen gepresst. Ich bin meine anderen; wir sind eins, und wir sind viele.“

Wir begleiten Ada in kurzen Sequenzen durch ihre Kindheit, später durch ihre Studienzeit. Der Vater hat die Familie verlassen, die Mutter im Ausland gearbeitet, die Kinder zunächst allein in Nigeria zurückgelassen. Unter der Obhut des älteren Bruders, kommt es wiederholt zu Gewalt und Mißbrauch. Später schickte sie ihre Kinder zum Studium, Ada in die USA, an eine Provinzuniversität in Virginia. Mit Selbstverletzungen durch Ritzen und mit unzähligen Affären versucht Ada sich selbst zu spüren, später sogar mit einem Selbstmordversuch auf die „andere Seite“ zu gelangen.

„Und so bricht man ein Kind, wisst ihr. Schritt Nummer eins: Nimm ihm die Mutter weg.“

Als schließlich auch noch ein eher zarter, junger männlicher Geist namens Saint Vincent in ihr auftaucht, wandelt sich Ada in ein Richtung Männlichkeit driftendes Wesen, fühlt sich zu Frauen hingezogen und lässt sich sogar die Brüste verkleinern. Zu echter Nähe kommt es jedoch nie, vor zuviel Gefühl und Intimität scheut Ada zurück. Obwohl sie glaubt, zu lieben, bleibt jede Beziehung an der Oberfläche. Doch auch Yshwa, Jesus Christus, bleibt bei ihr, oft im Kampf um die Vorherrschaft über Adas Geist und Verstand.

Die Geschichte, über der immer die Frage schwebt „Wer bin ich wirklich?“, endet mit einer Art Erlösung, einer Befreiung. Ada darf sich selbst erkennen, auch wenn es ein langer Weg ist. Die Angst vor dem Leben, vor dem eigenen Inneren, weicht mehr und mehr, je weiter sie in ihre Herkunft eintaucht, ihre afrikanischen Wurzeln und die Stärke darin erkennt. Ein Leuchten!

Der Roman der 1987 geborenen Akwaeke Emezi erschien im Eichborn Verlag. Übersetzt wurde er aus dem Amerikanischen von Annabelle Assaf und Senthuran Varatharajah, der selbst tamilische Wurzeln hat und einen gleichfalls sehr empfehlenswerten Roman namens „Vor der Zunahme der Zeichen“ geschrieben hat. Eine Leseprobe zu Süsswasser gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Sätze & Schätze.

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip Dumont Verlag

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Angelockt von Titel und kurzer Inhaltsangabe in der Vorschau war ich gespannt auf diesen Roman. Von der amerikanischen Autorin habe ich bisher nichts gelesen. Um den Feminismus im 21. Jahrhundert geht es in Wolitzers Roman, so war es angekündigt. Um die stille, etwas schüchterne College-Absolventin Greer geht es, die gleich zu Anfang des ersten Semesters von einem Kommilitonen sexuell bedrängt und tätlich belästigt wird und dadurch sensibilisiert wird. So lernt sie nach einem Vortrag die Feminismus-Ikone Faith Frank kurz persönlich kennen. Deren Ausstrahlung beeinflusst sie so stark, dass sie versucht ihrem Leben eine neue Richtung, ein Ziel zu geben.

Da Greer die beeindruckende Faith vergöttert, ist sie erfreut, als sie nach ihrem College-Abschluß von ihr zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Offenbar erinnert sich Faith Frank noch an ihr College-Gespräch. Weil Greers fester Freund Cory für seinen ersten Job nach dem Abschluß nach Manila versetzt wird, entfernen die beiden sich mehr und mehr. Da sie sich seit ihrer Jugend kennen, planten sie in New York eine gemeinsame Wohnung zu beziehen. Nun lebt Greer allein und steckt bis über den Kopf in Arbeit, die ihr allerdings aufgrund der Nähe zur verehrten Faith, leicht von der Hand geht. Greer geht in ihrer, ja, man kann es fast Hörigkeit nennen, sogar soweit, ihre College-Freundin Zee zu verraten oder als überzeugte Vegetarierin ein blutiges Steak zu essen. Als Corys kleiner Bruder bei einem Unfall zu Tode kommt, den die eigene Mutter mitverschuldete, opfert Cory Karriere und schließlich auch die Beziehung zu Greer. Und Greer selbst wird mit der Arbeit für Faith immer unzufriedener …

Wolitzer hat ihr Buch in Kapitel unterteilt, in denen nach und nach Greer, Cory, Zee und Faith als Hauptperson fungieren. Hier erfährt man mehr über Familiengeschichte und Hintergrund der jeweiligen Person.

Gleich zu Anfang stelle ich fest, dass ich mich schwer tue mit der amerikanischen Art zu schreiben. Wolitzers Stil liest sich nach Creative-Writing-Seminar, nach Handwerk und Technik, aber nicht nach Sprachgefühl, nach Eintauchen in die Sprache. Das merke ich immer wieder, vor allem, wenn sie übertriebene oder künstlich wirkende Metaphern verwendet (dass es an der Übersetzung liegt, kann ich mir nicht vorstellen, aber wer weiss …), was sie oft tut, von den Sexszenen ganz zu schweigen, siehe unten:

„Niemand wusste, wie es kam, dass man diesen konzentrierten Ehrgeiz in sich trug. Er glich einer Fliege, die heimlich ins Haus eindrang, und da war sie dann: deine Stubenfliege.“

oder

„Herzlichen Glückwunsch, Franny, sagte Linda an dem Tag, und wie ein Sofapolster beim Daraufsetzen Luft entlässt, entließ sie durch den Druck der Umarmung ein sehr weibliches Parfüm.“

oder

„Sie dachte an die Gesichter aller Menschen, die sie kannte, zitternd in der Gelatine ihrer Gegenwärtigkeit.“

Ich las den Roman nur zu Ende, weil ich die Story hören wollte, wissen wollte, wie es mit Greer und dem Feminismus weiterging. „Das weibliche Prinzip“ ist, nicht wie erwartet, ein explizit auf Feminismus und Emanzipation ausgerichteter Roman, sondern ein leicher Unterhaltungsroman. Die Autorin überzeugt mich auch inhaltlich nicht, bedient sie doch in ihrer Sprache selbst (unbewusst?) so manch verkrustetes Frauenbild, dabei spielt der Roman überwiegend in der Jetzt-Zeit, mit kurzen Rückblenden in die 70er.

Schlussendlich haben mir die letzten Kapitel noch am besten Gefallen (obwohl es eine Art Happy End gibt). Und da fand ich dann auch endlich ein paar schöne Zeilen:

„Vielleicht bestand das wahre Geheimnis des Todes darin, dass er einen Menschen aus dem Leben riss und zwang, an einem fernen Ort zu leben – ein ähnlicher Vorgang wie die Reinkarnation, nur dass es sofort geschah, nicht in der Zukunft. Eine Art Zeugenschutzprogramm auf Grundlage des Todes.“

Das Buch erschien im Dumont Verlag. Übersetzt hat es Henning Ahrens. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Grace Paley: Manchmal kommen und manchmal gehen Schöffling Verlag

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Schon das erste Gedicht der amerikanischen Dichterin haut mich um:

„Eine Frau erfand das Feuer und nannte es
das Rad
War das so weil die Sonne rund ist
Ich sah die runde Sonne den Himmel färben
Und das Feuer rollt übers Feld
von Wald zu Wipfel
Es springt wie ein Fahrrad mit einem wilden Jungen darauf … „

Grace Paley, 1922 in New York geboren und 2007 verstorben, stammt von russisch-jüdischen Einwanderern ab. Ein Hintergrund, der auch ihr Werk mitbestimmt. Paley schrieb Gedichte und Stories. Von Philip Roth und dem New Yorker hoch gelobt wurde sie mit ihrem Werk schließlich bekannter. Außerdem engagierte sie sich politisch in der Friedensbewegung und für Rassen-, Geschlechter- und Klassenfragen. Ein schönes Panorama über Paley und ihr Gesamtwerk bei Schöffling gibt es hier.

Paleys Gedichte sind Perlen. Und es gibt ganze Perlenketten in diesem Buch. Gleich das zweite Gedicht möchte ich hier im Ganzen zitieren, weil es eine Zeitreise ist, eine Reise in eine bereits vergangene Zukunft, eine bildhafte Mahnung:

„Das Lied von den bekümmerten Kindern

Dieses Haus ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Papiere
Auf den Stühlen liegen Bücher herum
und guck Laub bedeckt den Boden
unter den umherziehenden Juden

Dein Gesicht ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Du hast das ganze Gesicht voller Falten
einen Hals wie neugierige Schildkröten
Wieso hast du dich so gehen lassen?
Wohin gehst du denn ohne uns?

Diese Welt ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Bomben
Es gibt kein Wasser jedes Feld ist vergiftet
Wieso hast du uns alles so hinterlassen
Wohin sollen wir sagten die Kinder
was sagen wir unseren Kindern?“

Diese Lyrik lebt vom Rhythmus. Jedes Gedicht schwingt wie ein Lied, kein Abgesang, ein Neuanfang, immer wieder, kraftvoll, manchmal lauter, manchmal wispernd. Die Dichterin hinterlässt eine feine Idee von Energie, von Achtsamkeit. Ich habe ein klares Bild beim Lesen dieser wunderbaren Gedichte: Paley wacht auf, schreibt ein Gedicht, Paley geht durch ihren Alltag und schreibt ein Gedicht, Paley liebt und streitet und lacht und weint und schreibt ein Gedicht. Diese Verse stehen in ihrer Einfachheit überdeutlich und rufen danach gelesen zu werden. Gleichzeitig verbirgt manches Gedicht etwas. Man spürt es und wenn man es schafft, zu erfühlen, was es ist, ist es womöglich der Geheimniszustand, von dem die große Lyrikerin Inger Christensen und bereits lang zuvor Novalis schrieb.

Paley thematisiert so manches Mal ihre jüdische Herkunft und die damit verbundene Geschichte der Emigration ihrer Familie, sie scheut nicht vor Gesellschaftskritik, vor den Themen Alter

„Glauben Sie alte Leute sollten weggeschlossen werden
das eine rote feuchte Auge die Pupille die zurück- und zurückweicht
die Hände sind schuppig
glauben Sie all das sollte man verstecken“

oder Tod und Sterben zurück.

„Ich habe mit meiner schwester gesprochen sie
weiß wohl nicht dass sie seit jetzt zwei jahren
staub und asche ist ich spreche mit ihr
fast jeden tag“

Sie wirft Blicke auf Kriege, große wie alltägliche und weiß doch die große Tragik sprachlich in eine mögliche Zukunft zu verwandeln. Einige wunderschöne Gedichte widmet sie dem betagten Vater, ihre Liebe spürt man durch jede Zeile.

„Mein Vater mit 89

Sein verflachendes Denken
bekümmerte alle aber er
fragte uns Kinder
wisst ihr noch mein Hund Mars
der auf der Straße auf mich wartete
als ich daherkam einsam
und sang auf dem Heimweg
vom Gefängnis des Zaren“

Dieser Gedichtband von Grace Paley ist eine Offenbarung. Selten haben mich Gedichte, jedes einzelne, so tief getroffen, auf einer Ebene, die weitaus tiefer als Sprache liegt, die in jede Körperzelle reicht und fast auf direktem Weg ins Herz. Ich bin sehr dankbar über diese Wiederentdeckung. Strahlendes lyrisches Leuchten!

Der Lyrikband erschien im Schöffling Verlag. Er wurde übersetzt von Mirco Bonné. Von ihm gibt es auch aufschlussreiche Anmerkungen im Anhang. Erwähnenswert, weil stimmig passend sind auch die Coverbilder des Malers Christian Brandl.
Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.

George Saunders: Lincoln im Bardo Luchterhand Verlag

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Ja. Es mag stimmen, dass Saunders mit diesem, seinem ersten Roman, etwas außergewöhnliches, unbequemes und eigenartiges hervorgebracht hat. Allerdings ist es nicht so neu und innovativ, wie alle schreiben (wer Lyrik liest, kennt ungewöhnlicheres) und es deshalb in den Himmel loben. Ich fand es leicht zu lesen, an seltenen Stellen witzig, oft viel zu derb, und das Wichtigste: wenig interessant. US-amerikanische Geschichte finde ich anderswo besser erzählt. Vielleicht bestätigt sich hier einfach nur, was ich schon beim Leseversuch seiner Stories gemerkt habe: Saunders Schreibe liegt mir einfach nicht. Ich kann hier nichts Essentielles für mich herausfiltern.

Ganz kurz, denn dann überlasse ich das Feld lieber einigen anderen, mir bekannten, gewogeneren Stimmen aus dem Blogger-Reich (deren Einverständnis ich nun einfach mal voraussetze), ganz im Saunders-Stil, alle mehr als begeistert:

Präsident Lincoln feiert eine Party, während draußen das gemeine Volk sich bekriegen muss und sein 11-jähriger Sohn im Sterben liegt. Nach dem Tod des geliebten Knaben, treibt es Abe Lincoln hinaus aufs Gräberfeld und in die Gruft des eben beigesetzten Willi. Der Vater hält den Sohn mit seiner überbordenden Liebe ab, aus der Zwischenwelt, dem Bardo, ins Reich der Toten zu gelangen. Und diese Szene wird begleitet von erstaunlich vielen Stimmen aus dem Zwischenreich, denn sehr viele haben es aus unterschiedlichsten Gründen nicht geschafft, den endgültigen Schritt zu tun.

Saunders setzt den „Roman“ in Szene, wie ein Theaterstück. Rasante Dialoge ersetzen den üblichen Erzählduktus. Zitate halten den Dialog zusammen. Willie kommt kaum zu Wort, dafür haben die meisten anderen eine reichlich große Klappe. Ob Willie den Transfer schafft? Ich weiß es nicht, ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen. RIP.

 

„Willie beobachtet ihn dabei, dringt als Geist in seinen Vater ein und spürt dessen Liebe und Trauer. Von diesen Emotionen überwältigt, ist sich Willie sicher: Sein Vater wird ihn aus diesem Zwielicht befreien, er wird zurückkommen und ihn holen. Nun verlangen die Regeln des Bardo, dass man sich möglichst schnell zur Wiedergeburt bereit mache – doch Willie weigert sich und es entbrennt ein Kampf der Geister um seine Seele.“ 

aus Rezension Blog Bookster HRO

„Aber auch Empathie in der Figur des Präsidenten selbst, der im Angesicht seiner eigenen Trauer an die Trauer so vieler in seinem Land denkt, die im Bürgerkrieg geliebte Menschen verloren haben. Am Ende nimmt Abraham Lincoln unbewusst die Seele eines Schwarzen mit, der in ihn gedrungen ist.“

aus Rezension Blog LiteraturReich

„Ich kann mich kaum erinnern, je etwas Ähnliches gelesen zu haben. Saunders bedient sich einer Art des choralen Erzählens, es sind viele Stimmen, die von den Geschehnissen berichten, sie reden durcheinander, ergänzen und widersprechen sich, sie plappern, lassen aus, deuten an.“

aus Rezension Blog letteratura

„In einem ersten Erzählstrang vermittelt Saunders das reale zeitgeschichtliche Geschehen mithilfe kurzer Zitate aus historischen Quellen, unter die sich dann doch, still und heimlich, kleine fiktive Schnipsel mischen. So entsteht ein Bild der Vorgänge rund um den Tod des Jungen, …“

aus Rezension Blog Schriftlichkeit

„Im Alter von elf Jahren stirbt Willie Lincoln, der Sohn des Präsidenten, während des Bürgerkriegs. Der trauernde Vater sucht alleine das Grabmal auf, um den Sohn noch einmal in den Armen zu halten. In der Nacht werden die Gespenster wach, die Geister der Toten.“

aus Rezension Blog Letusreadsomebooks

Saunders erhielt für diesen Roman den Man Booker Prize 2017. Er erschien im Luchterhand Verlag. Die Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch stammt vom genialen Frank Heibert. Eine Leseprobe findet man hier.

Lars Saabye Christensen: Magnet btb Verlag

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„Was wäre, wenn man eine umgedrehte Erinnerung hätte und sich an das erinnern könnte, was noch geschehen sollte?“

Lars Saabye Christensens neuer Roman hat 950 Seiten. Keine davon ist verzichtbar. Ihn zu lesen bedeutet Eintauchen, die Zeit vergessen, obgleich der norwegische Autor vor allem über die Zeit schreibt. Anhand des Hauptprotagonisten, der Fotograf ist, lässt sich das besonders gut aufzeigen. Fotografieren ist Zeit stoppen, festhalten, der Moment der Vergangenheit, der hernach beim Betrachten in der Gegenwart geschieht, die Erinnerung daran, die womöglich ganz anders war. Überhaupt erfahre ich hier viel über Fotografie, eine Faszination, die auch den gesamten Roman mit trägt.

Jokum Jokumsen, 22 Jahre alt und Student der Literaturwissenschaft, misst über 2 Meter. Dass er mit dieser Größe geschlagen ist, macht ihm immer wieder zu schaffen. Erst als seine Zimmernachbarin im Studentenwohnheim, Synne, zwei Jahre älter, Kunstgeschichte studierend, ihm erzählt, dass er Giacomettis „Der Schreitende“ ähnelt, den sie sehr mag, ist er eine Weile damit versöhnt. Denn er ist verliebt in Synne.

Das ist der Anfang. Wir sind im Oslo der 70er Jahre. Christensen weiß diese Zeit atmosphärisch dicht darzustellen: Jokum, der sich mit Kafkas „Prozeß“ herumschlägt, Jazz statt Rock mag und unter seiner Größe leidet, auch körperlich, die Proportionen stimmen nicht. Nebenan die schöne Synne, die heimlich im Wohnheim den Hamster Hubert hält. Tatsächlich kommen die beiden im ersten Teil des Buches zusammen. Was mich wirklich irritiert, ist, dass dieses Paar imgrunde überhaupt nicht zueinander passt und trotzdem lange miteinander lebt. Jokum ist der Träumer, der Kreative, der begabte Fotograf, der Synne abgöttisch liebt, ja, der sich von ihr bevormunden lässt, bis mir als Leserin, die Wut hochsteigt auf diese Frau. Ist es womöglich wirklich so, dass einer in einer Beziehung immer mehr liebt? Von Synne gibt es jedenfalls kaum Zeichen der Liebe, eher starke Launenhaftigkeit gepaart mit Sarkasmus. Sympathisch ist sie mir als Leserin nicht. Blickt man auf ihr chaotisches Elternhaus zurück, kommt vielleicht etwas Verständnis auf. Jokum hingegen kommt aus einem intakten Elternhaus. Sein Vater kommt ursprünglich aus Dänemark und schwärmt für den Karikaturisten Storm P., der im Roman immer wieder auftauchen wird, ebenso wie der Magnet, der auch vom Vater kommt.

Zeitsprung/Ortswechsel: Nach einem kurzen Zwischenspiel in Dänemark, leben die beiden nun in San Francisco, sind verheiratet. Synne schreibt ihre Doktorarbeit, Jokum fotografiert Dinge. Synne hat ein ganz anders Tempo als Jokum. Sie treibt ihn an, verhilft ihm zur ersten Ausstellung und sagt ihm, was zu tun ist, legt ihm die Worte für Interviews vor und er macht alles mit. Sie ist letztlich eher seine Managerin als seine Frau und führt ihn zum Erfolg. Doch ist das noch er selbst?

Er hatte Dinge verschoben. Er hatte sie zurechtgelegt. Das Foto vom Zimmer des Matrosen war nicht echt. Das machte Jokum zu dem Künstler, der er nicht sein wollte. Er wollte nur einer sein, der zufällig an einem Punkt vorbeikam, wo etwas ist. Und aus dem, was ist, sollten die Bilder entstehen und durch sie bestehen.“

Die Jahre vergehen. Jokum wird berühmt, gibt Interviews, sogar für das heimische norwegische Fernsehen. Das MOMA kauft Fotos an und man lädt ihn ein zur Biennale in Venedig. Doch Jokum wird das alles mehr und mehr zuviel. Er hört auf mit dem Fotografieren. Nachdem ein Fotozyklus über Synnes Schwangerschaft ausgestellt wird, sie das Kind aber verlieren, entsteht eine immer tiefere Kluft zwischen beiden, es kommt zur Trennung. Einmal noch sehen sie sich, als Synne sehr krank wird …

„Es müsste eine Probezeit geben für alle, die sich verändern wollten. Man sollte eine Frist bekommen, den Entschluss wieder rückgängig machen zu dürfen, wenn es einem nicht gefiel, wie man geworden war.“

In den letzten Kapiteln geht es etwas verwirrend zu und doch durchdringt man letztlich die feinen Gewebe der verschlungenen Lebenswege des Paares. Und immer bleibt alles in Bewegung, wenn man es nicht fotografisch festhält. Denn Erinnerungen trügen und jeder hat seine eigenen…

„Ließ das Alter womöglich alles zur Komödie werden? Sollte das, was in der Jugend als Tragödie dastand, mit den Jahren einer Farce ähneln?“

Zwischendurch gibt es Kapitel, die aus gänzlich anderer Perspektive berichten, und zwar zunächst aus einem Heim? einer Anstalt? einer Klinik?, genau weiß man es noch nicht. Dort erzählt einer, der Jokum und Synne aus Studentenzeiten in Oslo kannte, und der offenbar dem Schreiben vollkommen verfallen ist. (Es ist gleichzeitig die Erzählerstimme). Er arbeitete endlose Jahre an seinem ersten Roman und ausgerechnet am Erstverkaufstag mit geplanter Release-Lesung bohren sich zwei Flugzeuge in New York in die Twin-Towers …

Christensen hat auch mit Magnet ein wunderbares Stück Literatur erschaffen, mit viel Witz und philosophischer Tiefe. So, wie ich es bereits vom lange zuvor erschienenen Roman „Der Halbbruder“ kenne. Der Autor ist ein König der Metaphern und ein Künstler der Konstruktion: Sprache und Inhalt als gelungene Komposition. Die Figuren sind lebendig beschrieben und besitzen alle eine gewisse Skurrilität. Man merkt an der Sprache auch, dass Christensen Lyriker ist. Warum der Roman Magnet heißt? Das ist Jokums Geheimnis … Magnetisches Leuchten!

Der Roman erschien im btb Verlag. Übersetzt hat ihn Christel Hildebrandt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter Hanser Verlag

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In ihrem neuen Roman blickt die große russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja auf ihre eigene Familiengeschichte zurück. Hauptperson darin ist Nora, eine unkonventionelle Frau, die als Bühnenbildnerin arbeitet, einen Sohn alleine aufzieht und mit einem verheirateten Regisseur liiert ist. In Kapiteln die von der Heute-Zeit bis weit in die Vergangenheit zurückreichen erzählt sie aus wechselnder Perspektive, beginnend mit dem Tod der Großmutter Maria und dem Auffinden alter Briefe.

„Das war wohl das Schicksal seiner Familie, seines Volkes – in einer großen Grube in Kiew, in Babi Jar lagen sein jüngster Bruder, vier Cousinen, insgesamt neunundzwanzig Blutsverwandte – ermordet. Und über ganz Europa verstreut noch viele Millionen Menschen, mit denen er nicht verwandt war. Der Teufel trug nur verschiedene Schnauzbärte.“

Einer der Stränge besteht aus Auszügen eines Tagebuchs und Briefen, die die Autorin tatsächlich im Nachlass ihrer Familie fand. Die verschiedenen Briefwechsel gestalten sich nach meinem Empfinden zeitweise ein wenig langatmig, lesen sich weniger flüssig als die durcherzählte Geschichte. Das mag daran liegen, dass bei den Briefen viele offene Fragen bleiben, aber auch an Jakows und Marias langen, sich ständig wiederholenden Liebesschwüren. Der Briefwechsel war einzig möglicher Kontakt über lange Phasen dieser Beziehung, weil das Paar immer wieder getrennt wurde: Zuerst war Jakow beim Militär, dann im Krieg und schließlich mehrmals in der Verbannung, ohne Schuld, was bei ihm immerhin kein Straflager bedeutete. Er konnte recht frei einer vorgegebenen Arbeit nachgehen, nur eben an anderen Orten. Letztlich zerbrach die Ehe daran. Dieser Strang zieht sich über einen Zeitraum von 1905 bis 1955 und wird wechselweise zu Noras Geschichte – 1974 bis 2011 – erzählt.

Die Hauptgeschichte ist spannender, sie reicht von Russland bis in die USA. Nora ist Bühnenbildnerin und arbeitet oft mit Tengis, einem georgischen Regisseur zusammen. Obgleich die beiden sehr lange getrennte Zeiten verbringen, bleiben sie stets ein Liebespaar. Ihre Arbeit speist sich auch aus den Eigenheiten der beiden und ihrem starken Freiheitsdenken. So sind ihre Stücke durchaus manchmal unbequem und werden mitunter abgesetzt. Nora ist die Enkelin der beiden briefeschreibenden Liebenden und hat einen Sohn, Jurik, der als junger Mann zu seinem in die USA ausgewanderten Vater zieht. Vitja ist ein Mathematikgenie und hat seinem Sohn einiges davon vererbt. Jurik allerdings zieht es eher zur Musik, wobei er scheinbar seinem Urgroßvater Jakow nachkommt. Während Vitja sich jedoch erfolgreich integriert, wird Sohn Jurik drogenabhängig. Doch Nora holt ihren Sohn zurück nach Russland …

„Sie, Nora, schwamm in einem Fluss, und hinter ihr schwammen fächerartig drei Generationen von Menschen, die auf den Fotografien festgehalten waren und deren Namen sie kannte. Dahinter in der Ferne eine endlose Reihe namenloser Vorfahren, Männer und Frauen, die einander aus Liebe, aus Leidenschaft, aus Berechnung, auf elterliches Geheiß gewählt, Nachkommen gezeugt und aufgezogen hatten.“

Ich mag Ulitzkajas Art zu schreiben sehr. Die Geschichte ihrer Familie ist überaus interessant, scheint es doch sehr ungewöhnliche und vielseitige Persönlichkeiten zu geben. Künstlerisch begabte, wie Maria, die sich als junge Frau erfolgreich dem Ausdruckstanz zuwendet und auf der Bühne steht, Jakow, der die Musik liebt, sie aber für ein Studium der Wirtschaft aufgibt und wissenschaftlich Begabte, wie Vitja, der Mathematiker und Jurik, bei dem sich die Musik mit der Wissenschaft verbindet. Oft frage ich mich, was davon Fiktion ist …

„Jakobsleiter“ erschien im Hanser Verlag. Die Übersetzung aus dem Russischen kommt von Ganna-Maria Braungardt. Auf dem Vorsatz- und Nachsatzblatt findet sich der Stammbaum der Familie. Das ist hilfreich zum Nachvollziehen der verwandtschaftlichen Verbindungen. Außerdem finden sich am Schluß Anmerkungen der Übersetzerin. Eine Leseprobe und ein Interview gibt es hier.

Colson Whitehead: Underground Railroad Hanser Verlag

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Ein Freund, der den neuen Roman von Colson Whitehead bereits in Englisch gelesen hatte, berichtete ein wenig irritiert von der Story mit der Underground Railroad. Doch gerade diese Erfindung, diese grandiose Idee als Metapher zu nutzen, um von dem ja tatsächlich damals existierenden Netzwerk zur Befreiung der Sklaven zu erzählen, gefällt mir ausgesprochen gut. Whitehead setzt den mutigen Helfern und Befreiern damit auch ein literarisches Denkmal.

Es ist die Geschichte der Sklavin Cora, die in Gefangenschaft geboren wurde, deren Mutter sie im Alter von 10 Jahren alleine zurück ließ und floh. Auf der Plantage bleibt Cora eine Einzelgängerin. Jahre später, als sie sich einmal für einen Jungen einsetzt, geschieht Schlimmes: Sie werden beide aufs grausigste bestraft. Ab diesem Punkt kann sie sich auf die Fluchtpläne des jungen Ceasar einlassen. Die Flucht beginnt und gleich zu Anfang scheint alles schief zu gehen, doch beide kommen durch, Cora allerdings, hat aus Notwehr einen jungen Sklavenjäger getötet. Einer der Sklavenjäger will die hohe Fangprämie einkassieren und bleibt ihr unentwegt auf der Spur. Cora findet jedoch in Folge immer wieder Menschen, die ihr helfen, Leute von der Underground Railroad, doch sicher kann sie sich nie sein …

„Auf dem Auktionspodest hakten sie die Seelen ab, die bei jeder Versteigerung gekauft wurden, und auf der Plantage hielten die Aufseher die Namen der Arbeiter in Reihen von enger Kursivschrift fest. Jeder Name ein Vermögenswert, atmendes Kapital, fleischgewordener Profit.“

Der Autor erzählt aus einem der düsteren Kapitel der US-amerikanischen Geschichte. Das Buch ist aufschlussreich, dieser Ausmaße war ich mir zuvor nicht bewusst. So wird aus heutiger Sicht schnell klar, wie tief die Kluft zwischen schwarz und weiß ist. Und gerade wenn man die Geschehnisse dieser Geschichte für unvorstellbar und unbegreiflich hält, so ist es doch eine Episode, die Teile der Bevölkerung der USA noch immer prägt. In letzter Zeit zeigt sich dies erschreckenderweise ja wieder sehr häufig.

Meine Bibliothek, die AGB (die wirklich gut sortiert ist), weist Whiteheads Roman als Bestseller aus, so dass man das Buch nur 14 Tage ausleihen darf. Das war aber kein Problem, denn ich habe es sehr schnell gelesen und ich wünschte mir für diese Geschichte unbedingt etwas, auf was ich sonst verzichten kann, ein Happy End. Whitehead hat in der Tat auch ein stimmiges Ende gefunden …

„Underground Railroad“ von Colson Whitehead erschien im Hanser Verlag und wurde übersetzt von Nikolaus Stingl. In den USA erhielt der Autor dafür den Pulitzer-Preis 2017. Eine Leseprobe gibt es hier.

Markus Orths: Max Hanser Verlag

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„Ein Maler ist verloren, wenn er sich findet.“
                                                             Max Ernst

„Max“ heißt der neue Roman von Markus Orths und es geht um Max Ernst, den Graphiker, Maler und Bildhauer, den DADA-Max und den Surrealisten, der sich LopLop nannte, der Oberste der Vögel, einen der vielseitigsten Künstler seiner Zeit. Ich besitze einen umfangreichen Kunstband über eine Max Ernst-Retrospektive, den ich bei der Lektüre immer ergänzend zur Hand hatte. Man bekommt nämlich Lust nach den Bildbeschreibungen die Gemälde anzusehen.

Markus Orths hat mit „Max“ keine reine Biografie geschrieben. Vielmehr geht es um die Frauen in Ernsts Leben, die ihn spiegeln. Jeder der sechs Gefährtinnen widmet er ein eigenes Kapitel. Es tauchen auch Gala und Peggy Guggenheim auf, doch die wichtigen vier waren Lou Straus, Marie-Berthe Aurenche, Leonora Carrington und Dorothea Tanning. Sehr löblich, dass Orths die Frauen gleichberechtigt neben Max Ernst stellt: Er findet mit der verschiedenen Ausgestaltung seines Erzähltons für jede Frau eine eigene Stimme. Unverwechselbar beschreibt er die Charaktere und widmet den Frauen den eigenständigen Platz, den sie verdienen. Sie stehen hier nicht im Hintergrund, sondern zeigen sich mit ihrer eigenen künstlerischen weiblichen Kraft.

Lou ist die erste Frau Ernsts und aus dieser Ehe entstammt auch der Sohn Jimmy. Sie leben in Köln. Lou ist sehr selbständig, was ihr nach der Trennung von Max zugute kommt. Sie ist Kunsthistorikerin und arbeitet als Journalistin. Sie ist jüdischer Abstammung. Sehr lange kann sie sich vor den Deutschen verstecken. Doch sie stirbt letztlich in Auschwitz. Der erwachsene Sohn Jimmy lebte längst in den USA und konnte doch nicht die Einreise durchsetzen.

Paul Éluard und seine Frau Gala lernt Max im Kreis der Intellektuellen und Dadaisten in Paris kennen. Mit Gala wird Max eine Liebesaffäre haben. Paul wird sein bester Freund. Als er die wesentlich jüngere Marie-Berthe Aurenche kennen lernt, ist klar, sie werden ein Paar. 1927 heiraten sie. Doch Marie-Berthes Überspanntheit hält Max nicht lange aus.

Dann tritt die englische Malerin Leonora Carrington in sein Leben und die beiden finden sich in ihrer Kunst wieder und leben in einer für beide künstlerisch ergiebigen Zeit lange in Südfrankreich, bis die Nationalsozialisten an die Macht kommen und schließlich alle Deutschen in Frankreich inhaftiert werden sollen.

Max wird von Leonora getrennt. Diese verbringt lange Zeit in einer psychiatrischen Klinik in Spanien und wird später über ihre „Verrücktheit“ schreiben. Max gelingt nach einigen Lageraufenthalten mithilfe des berühmten Fluchthelfers Varian Fry und mit dem Geld von Peggy Guggenheim schließlich die Flucht in die USA. Mit Peggy hat er daraufhin eine kurze Liebesffäre. Leonora und er finden in der neuen Welt nicht mehr zusammen.

Leonora.
Dorothea.
Das klang wie ein gekipptes Echo.“

Doch dann lernt er die Malerin Dorothea Tanning kennen, mit der er auch bis ans Lebensende zusammenbleiben wird. Die beiden leben in der Wildnis Arizonas, bevor sie wieder nach Europa zurückkehren und sich in Frankreich niederlassen. Ein wenig zu kurz kommt die Zeit mit Dorothea im Buch. Vielleicht ist das aber auch der Zeit geschuldet, die vermutlich die ruhigste und am wenigsten aufregende, dafür die verbindlichste aller Beziehungen war.

„Wenn mein Bild nur fünf Menschen innehalten lässt, ja wenn es nur einen einzigen Menschen innehalten lässt, ist es nicht umsonst gewesen. Veränderung ist kein Flächenbrand, sondern das Aufflammen eines Streichholzes. Und Streichhölzer können wir entzünden. Die Künstler. Mühsam. Aber wirkungsvoller, als du denkst, Max.“

Orths ist es bestens gelungen anhand von Ernsts Lebensdaten eine literarische Biografie, ja eine Hommage an den facettenreichen Künstler zu schreiben, die auch sprachlich überzeugt. Eine Empfehlung an alle, die Max Ernsts Kunst mögen und einen lebendigen Roman einer sachlichen Biografie vorziehen. Von meiner Seite: Ein Leuchten!

Der Roman „Max“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ein aufschlussreiches Interview mit Marcus Orths gibt es auf dem Blauen Sofa.

Ergänzend sehenswert ist auch der Film von Peter Schamoni „Max Ernst – mein Vagabundieren, meine Unruhe“: Trailer

Die Fotos sind dem Kunstband „Max Ernst Retrospektive“ aus dem Hatje Cantz Verlag entnommen.

Uwe Timm: Ikarien Kiepenheuer & Witsch

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Gleich eingangs, vielleicht schon vom Cover her, fiel mir eine gewisse Ähnlichkeit zu Christoph Heins „Trutz“ auf. Hier ein Eugeniker, dort ein Mnemoniker. Hier ein Ploetz, dort ein Trutz, jeweils ein schwarz-weiß-rotes Cover und die Geschichte eines Erzählers in Rückblenden erzählt und zwei in etwa gleich alte Autoren …
Natürlich ist es dann doch etwas ganz anderes, schließt aber gut an das kürzlich besprochene Buch „Die Stunde der Spezialisten“ an, welches mir letztlich – Hand aufs Herz – auch besser gefiel, obwohl ich Uwe Timms Romane sehr mag..

„Es sind keine Monster, recht normale Menschen. Und solange sie leben, haben sie tausend kleine Erklärungen, wie sie zu diesem bereitwilligen Pflichttöten gekommen sind, warum es „normal“ erschien. Am Anfang vielleicht noch begleitet von einem schlechten Gewissen, das ihnen sagte, es ist nicht recht, ein Tun, das dann durch die Gewöhnung selbstverständlich wurde.“

Timm siedelt seine Handlung kurz nach dem Krieg 1945 in Deutschland an. Der junge amerikanische, aber deutschstämmige Nachrichtenoffizier Hansen soll einen überlebenden Zeitzeugen und Dissidenten befragen, um herauszufinden, was dessen ehemals enger Freund Alfred Ploetz (den es tatsächlich gab), ein Eugeniker, also ein Wissenschaftler, der die Erbanlagen von Menschen untersucht, um etwa zukünftige Erbkrankheiten zu verhindern, mit dem Thema Rassenhygiene zu tun hat. Mit seinen Theorien und seiner Forschung arbeitete er offensichtlich direkt den Nationalsozialisten in die Hände.

„Langweile ich sie?“

fragt der Zeuge Wagner einmal im „Verhör“, eigentlich sind es wohlwollende Gespräche. Und ich als Leserin muss leider antworten: „Ja, mitunter schon“.

Denn so richtig kommt der Roman nicht in Schwung. Irgendwo hakts; ich weiß nicht genau wo. Die Zeugenbefragung erweist sich als sehr langatmig, da der 81-Jährige, der versteckt in einem Antiquariat lebte, sehr weit ausholt, auch mit seiner privaten Lebensgeschichte aufwartet. Das ist allerdings noch relativ interessant, im Gegensatz zum Privatleben des befragenden Offiziers, das immer zwischen den (Verhör-)Gesprächen eingeschoben wird: So sieht man Hansen, den amerikanischen Offizier durch das zerstörte München laufen, Kaugummis verteilen oder den Erörterungen seines Mitbewohners, des GI´s George, im beschlagnahmten Haus am Ammersee über Vogelkunde lauschen. Ansonsten liest man, wie Hansen mit dem ebenfalls beschlagnahmten Cabrio Frauen durch die oberbayerische Landschaft chauffiert, ganz abgesehen von den folgenden Bettgeschichten. Hier hätte Timm die Person Hansens interessanter machen oder diese Zwischenspiele gleich gänzlich weglassen können.

Interessant wird der Roman immer dann, wenn er tatsächlich zum Thema der ganzen Untersuchungen kommt, der Eugenik, was leider nur oberflächlich der Fall ist. Noch interessanter sind die Teile, die den Besuch der neuen Siedlungen der „Ikarier“ oder der „Amanen“ in den USA schildern, bei denen die Suche nach einer neuen Gesellschaftsform, einer neuen Lebensart im Mittelpunkt steht. Wagner und Freund Ploetz begaben sich auf die Erkundungsreise, die Auserwählten aus einem Kreis, zu denen auch die Gebrüder Carl und Gerhart Hauptmann gehörten.

„Sie haben Posten verteilt, die Idee war groß, diese Idee, dass es eine Gesellschaft geben müsse, die beides vereint, die soziale Gerechtigkeit und die Weiter- und Höherentwicklung der Menschen.“

Ikarien, ist die Idee einer utopischen Gemeinschaft, die vom französischen Revolutionär Étienne Cabet 1840 in Amerika gegründet wurde und bei der alle Besitztümer verstaatlicht sind. Interessanterweise funktionierten die Kommunen, die religiös-spirituell ausgerichtet sind gut, während bei den kommunistischen Denkmodellen bald große Unzufriedenheit unter den Bewohnern herrschte.

Timms Roman erscheint mir mitunter etwas zu ausschweifend erzählt, wo hingegen die tatsächliche Thematik „Ikarien“, das Nachdenken über neue Möglichkeiten des Zusammenlebens in sozialer Gemeinschaft, das ja aktueller ist, denn je, etwas zu vage blieb …

Uwe Timms „Ikarien“ erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier .