Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur. Heute in etwas anderer Form:

aus „Thebanischer Tod von Amanda Cross. (Anm.: Im Zitat geht es um den Vietnam-Krieg)

Normalerweise lese ich keine Krimis mehr, aber als der Dörlemann Verlag begann die Krimis von Amanda Cross, die ich vor langer Zeit sehr liebte, neu aufzulegen, war ich gleich dabei. Glücklicherweise ist diese Lesephase so lange her, dass ich mich nur noch vage an die einzelnen Fälle erinnere. Und so war auch die erneute Lektüre ein spannendes Lesevergnügen. Amanda Cross, alias Carolyn Gold Heilbrun, geboren 1926 in New Jersey, USA, lebte in New York, wo ihre Kriminalromane auch spielen. Cross war Schriftstellerin und Frauenrechtlerin.
Im Thebanischer Tod (erschien 1971 in den USA) will die frisch verheiratete Literaturprofessorin Kate Fansler eigentlich eine Auszeit nehmen, wird aber von ihrem ehemaligen College Theban gebeten, Vorlesungen zu übernehmen. Prompt passiert ein Mord. Wie immer finden sich viele Zugänge zum Fall über die Literatur, in diesem speziellen Fall über die Antike, Stichwort Antigone. Mithilfe ihres Ehemanns, dem Staatsanwalt Reed lässt sich der Fall letztendlich aufklären, wobei es vorher noch spannende Einblicke in eine Art psychotherapeutische Encountergruppe gibt, die die Studentinnen zwar begeistert besuchen, die aber mitunter für ein eher konservatives Mädchen-College (für damalige Verhältnisse) sehr unkonventionelle Wege geht. Hoch interessant auch: Feminismus im Vergleich zu heute.

Eine weitere Besprechung zu zwei Amanda Cross-Krimis:

Andrea Scrima: Kreisläufe Literaturverlag Droschl

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„Wenn wir nur die Vergangenheit hinter uns bringen könnten und mit ihr die Fehler der Menschen, die uns erschaffen und dann beinah gebrochen haben, könnten wir glücklich sein.“

Es ist der zweite Roman der 1960 in New York geborenen und in Berlin lebenden Künstlerin Andrea Scrima. Nach Wie viele Tage , das mir sehr gefiel, lese ich nun „Kreisläufe“ und finde eine Art Ergänzung zum vorigen Roman vor. Ebenso wie zuvor ist es vor allem auch die Sprache, der Ausdruck innerer Vorgänge und Reflexionen, die Komplexität und die Vielschichtigkeit, die mir das Buch zu etwas Besonderem machen. Ging es zuvor vorrangig um die Lebenswege und Verortungen in der Vergangenheit und Gegenwart, wird nun einerseits die Beziehung zur Mutter und zum Vater thematisiert, aber auch die zum Lebensgefährten.

„Berlin war eine ganz eigene Variante von Nirgendwo; ich hatte meinen Platz unter den Außenseitern und Ausreißern der Stadt gefunden […] Ich redete mir ein, geblieben zu sein, um abseits des Kunstmarkts arbeiten zu können, in Wirklichkeit versteckte ich mich vor etwas, aber das war mir damals nicht bewusst.“

Die Künstlerin Felice lebt in Berlin und hat ihre erste Einzelausstellung in New York, ihrer Heimatstadt. Sie verbindet den Anlass ihrer Reise mit dem Besuch bei der Mutter. Der Vater ist bereits tot, die drei Geschwister an unterschiedlichen Lebensorten angekommen. Sobald sie das Haus betritt, umfängt sie die düstere Atmosphäre der Kindheit. Sie beschreibt gleich eingangs ganz wunderbar, was mit ihr passiert: Sie öffnet den Küchenschrank und findet Büchsen von Nahrungsmitteln vor, eine fällt ihr direkt entgegen. Und nun öffnet sich sinnbildlich eine nach der anderen, jede enthält Erinnerungen, die meisten davon sind keine schönen. Nach und nach und in vielen Zeitsprüngen gelangen wir tiefer in die Familie der Heldin. Anhand von einzelnen Ereignissen, zeigt sich das Bild immer deutlicher, das Bild einer dysfunktionalen Familie. Zwischen der unberechenbaren, manipulierenden Mutter und der Tochter herrscht ein gespanntes Verhältnis, das beide wie eine unsichtbare Mauer voneinander trennt. Jeder Versuch der Aussprache seitens der Tochter ist zum Scheitern verurteilt. Über eine Art Smalltalk geht es nie hinaus, die Mutter blockt, wo die Tochter sich Erklärungen und Anerkennung wünscht. Tatsächlich blitzt die Anerkennung dann einmal kurz hervor, als die Mutter, die Schwester und eine Nachbarin die Ausstellung Felices in der Galerie besuchen, obwohl es womöglich eher darum geht, diese mit dem Berühmtsein der Künstler-Tochter zu beeindrucken.

Zwischendurch erinnert sich Felice an die Zeit, als sie von zuhause auszog, an die Beziehung mit einem Mitstudenten, an die konzentrierte Atelierarbeit während des Studiums, diese magische Zeit, die immer auch mit Geldmangel verbunden war, aber auch ihr Schwangerschaftsabbruch wird thematisiert. Auch später beim Studium in Berlin öffnen sich manche Türen und Felice hat mehrere Ausstellungen an verschiedenen Orten Deutschlands.

„Meine Familie hatte mich aus der Bahn geworfen. Uns alle hatten unsere Familien aus der Bahn geworfen – Bobby, Rick, Sunny und mich – und die Kunst war unser Versuch wieder eine Ordnung herzustellen.“

Im zweiten Teil rückt der Vater in den Vordergrund, dessen Tagebuchkalender Felice nach dem Tod des Vaters findet und mit zurück nach Berlin nimmt. Sie entdeckt, dass der Vater an Depressionen litt und Psychopharmaka nahm, dass er fortweg arbeitete, um die 6-köpfige Familie zu ernähren. Ich spüre hier eine besondere Zuneigung der Tochter zum Vater; das Verhältnis scheint ein viel innigeres gewesen zu sein, als zur Mutter. Jeder Tagebucheintrag weckt Erinnerungen und ruft Bilder hervor; doch manches bleibt für immer im Dunklen. Scrima schreibt sich hier an den Tagebucheinträgen entlang, die meist nur aus kurzen Stichworten bestehen und auch keine spektakulären Ereignisse aufzeigen. Oft geht es um die Arbeit, manchmal ums Wetter oder neue Anschaffungen. Diese Art des Schreiben ist anders, als der erste Teil, der für mich persönlich ausdrucksstärker wirkte, weil sich die Sprache mehr ausdehnen darf. Auch Träume und ihre möglichen Deutungsvarianten spielen durchweg eine Rolle.

In beiden Teilen liegt auch immer wieder der Fokus auf der Partnerschaft mit Michael. Michael ist in der DDR aufgewachsen und wegen zu viel Widerstand und Eigenwillen gegen das System in einen Jugendwerkhof und in Haft gebracht worden. Die Geschehnisse haben in extrem traumatisiert, so dass er nach dem Fall der Mauer zunächst begeistert die neu gewonnene Freiheit nutzt, bald jedoch von der Vergangenheit wieder eingeholt wird und aus mangelndem Vertrauen immer mehr auf Rückzug geht. Auch Felice gegenüber. Gespräche sind kaum möglich. Scrima beschreibt hier sehr klar und eindringlich, wie stark die Veränderungen durch den Fall der Mauer, die Menschen, die in viel zu kurzer Zeit in einer vollständig anderen Staatsform leben sollten, verunsicherte und teils komplett aus der Bahn warf.

„Ich würde ihm (Anmerkung: dem Vater) erzählen, wie mit der Wiedervereinigung eine einzige entzweigerissene Psyche, deren eine Hälfte ihre schlimmsten Ängste auf die andere projizierte, in eine deutsch-deutsche Romanze verfiel, in einen plötzlichen Rausch, der die verheerenden Schäden verleugnete, die das Verschmelzen der beiden grundsätzlich verschiedenen Staaten an den Menschen der früheren DDR anrichtete, deren Land sich mit einer schwindelerregenden Plötzlichkeit in Luft aufgelöst hatte, mit allem, wofür es einst gestanden hatte.“

Die beiden bekommen einen Sohn und trotzdem bestreitet Felice fast allein den Lebensunterhalt mit Übersetzungen. Die Kunst bleibt dabei auf der Strecke. Erst mit der Trennung beginnt ein neues Kapitel, mit dem auch Sohn Max im Text in den Mittelpunkt rückt.

Der Roman ist sprachlich so gekonnt und formell so gut gelungen, dass ich einfach nur beeindruckt bin, wie die Autorin Erinnerungen so aufbereitet, dass sie literarisch leuchten. Dennoch hat mich die Geschichte, obwohl sie mich tief berührt, zeitweise ziemlich mitgenommen, da ich so einige Übereinstimmungen zu meinem eigenen Leben fand. Wenn Literatur so tief auf mich wirkt, ist das für mich doch immer ein großer Gewinn. Besonders intensiv und wunderschön zu lesen, fand ich die Sequenzen, in denen fast nichts passiert, die nur einen Augenblick einfangen, eine Betrachtung, eine Empfindung und diese dann durch Nachdenken und Nachspüren ausdehnen und ins Literarische überführen. Ein Leuchten!

„Kreisläufe“ erschien im Literaturverlag Droschl. Aus dem Amerikanischen übersetzt hat es Andrea Scrima selbst zusammen mit Christian von der Goltz. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Stewart O`Nan: Ocean State Rowohlt Verlag

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Stewart O`Nans neuer Roman Ocean State fügt sich nahtlos in die Reihe seiner vorigen Romane ein. Er ist einer der großen US-amerikanischen Erzähler. Immer lesenwert, dabei unspektakulär, wechselnde Themen, fein konstruiert und kurzweilig erzählt. Ich habe in den letzten Jahren einige seiner Romane gelesen, zwei auch bereits auf dem Blog besprochen. Siehe unten.

Wir befinden uns in der Stadt Westerly, Rhode Island, USA. Die Geschichte dreht sich um einen Mord, der von einer 18jährigen Highschool-Schülerin begangen wird. O`Nan beginnt mit dem Treffen des jungen Liebespaares Birdy und Myles, die eigentlich beide mit einem anderen Partner zusammen sind. Was für Myles wohl nur ein Abenteuer ist, fühlt sich für Birdy wie die große Liebe an. Birdy, eigentlich Beatrix lebt bescheiden mit ihrer alleinerziehenden Mutter, von Myles erfährt man nur, dass er aus einem reicheren Elternhaus kommt. Seine Freundin Angel lebt mit ihrer Mutter Carol und ihrer 13jährigen Schwester Marie, aus deren Perspektive auch die meiste Zeit erzählt wird in einer schlechten Wohngegend. Der eintönige Alltag besteht aus Schule, Arbeit, fernsehen, durchbrochen von wenigen feierlichen Anlässen wie Halloween oder Weihnachten. Die Mutter, die regelmäßig trinkt, bringt immer wieder neue Männer mit, auch Angel ist viel unterwegs. Marie fühlt sich alleingelassen und nicht gesehen. Immer wieder wird sie zur Großmutter abgeschoben. Denn sie ist in der Familie die brave Tochter. Im Gegensatz zu Angel, die wohl öfter über die Stränge schlägt. Aus Frust isst sie zu viel, fühlt sich dabei minderwertig gegenüber ihrer hübschen Schwester Angel.

„Wir fürchteten Dramen, waren aber auch süchtig danach. Weil wir jung waren, hielten wir uns für stark. Wir dachten, wir wären abgehärtet. Wir wollten, dass das Schlimme schnell passierte, damit die schmerzlichen Augenblicke vorüber waren und wir unser normales, langweiliges Leben fortsetzen konnten.“

Der Autor schafft es über mehr als die Hälfte des Buches die Spannung zu steigern, bevor die Tat wirklich begangen wird. Geschickt geht er dabei vor und schildert gekonnt die einzelnen Charaktere, die Abhängigkeiten und die Unsicherheiten der Paare im Collegealter, aber auch die deren Eltern. Man erinnert sich dabei selbst an die eigene Zeit der ersten bedeutungsvollen Liebe und des furchtbaren Liebeskummers. Beim Lesen dachte ich dann oft, wie abgeklärt man die Geschichte jetzt im fortgeschrittenen Alter liest und sich wundert, wie ernst und tragisch das alles damals war, als die Gefühle Achterbahn fuhren.

O`Nan lässt uns Leser nicht erfahren, was und wie genau der Totschlag passiert, erzählt auch wenig über die Phase der Inhaftierung, außer, dass die Tat im Strandhaus von Myles Eltern geschah, welches auch der Treffpunkt der beiden Liebenden war. Die Täterin scheint nach Außen hin kühlen Kopf zu bewahren, so als wäre sie vollkommen unbeteiligt.

„Egal, ob es ein Unfall war oder nicht, sie weiß, dass sie Reue empfinden sollte, doch wenn sie ehrlich ist, muss sie zugeben, dass sie irgendwie wollte, dass das kleine Miststück tot ist. Irgendwas stimmt nicht mit ihr. In ihren schwächsten Momenten schließt sie ihre Tür ab, kniet sich wie ein Kind vors Bett und erfleht die Barmherzigkeit Gottes.“

Tatsächlich blieb mir aus meiner Sicht unerklärlich, wie man eine solche Tat, die in diesem Fall ja im Ansatz geplant war und dann aus dem Ruder lief, begehen kann. Aus beleidigtem Stolz? Aus Nervenkitzel? Was muss passieren, damit man soweit geht? Es erschließt sich mir nicht. Und das sagt auch Marie, die im abschließenden Kapitel rückblickend von den weiteren Geschehnissen und der Zukunft der Protagonisten erzählt. Sie ist die einzige, die weiter im Ort lebt, und als Lehrerin noch lange mit der Geschichte von Außen konfrontiert wird.  Einen Krimi sollte man nicht erwarten, aber eine spannend beleuchtete Milieustudie.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt hat wie immer Thomas Gunkel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Letteratura. Ein schönes Interview mit dem Autor gibt es hier.

Zwei weitere Romane des Autors habe ich hier besprochen. Auch „Die Chance“ empfehle ich sehr.

Stewart O`Nan: Stadt der Geheimnisse Rowohlt

Julia May Jonas: Vladimir Hörbuch Random House Audio

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9 Stunden, 8 Minuten, 8 CDs. Ungekürzte Lesung. Wenn ich mich schwer aufs Lesen konzentrieren kann, klappt meistens das Hörbuchhören. Dabei ziehe ich Lesungen Hörspielen vor. Ausschlaggebend mich auf dieses Hörbuch einzulassen war tatsächlich, dass dieser Roman von der grandiosen Schauspielerin Martina Gedeck interpretiert wird. Von der Autorin Julia May Jonas hatte ich noch nie gehört. Die US-amerikanische Autorin, die Dramatikerin ist und in New York lebt, schrieb mit „Vladimir“ ihren ersten Roman.

Es geht um eine namenlose Literaturprofessorin Ende 50, deren Ehemann John, ebenfalls Professor, an seiner Universität in Verruf gerät bezüglich seiner sexuellen Beziehungen mit seinen Studentinnen. Er wird während der Untersuchung der Geschehnisse von der Uni suspendiert. Sie selbst versucht sich zu verorten, sie weiß nicht genau, wie sie sich dazu verhalten soll. Da die beiden schon immer eine offene Beziehung führten, will sie John nicht verurteilen. Denn auch sie hatte mehrere Affären im Laufe ihrer Beziehung. Gleichzeitig kommen von außen Stimmen, die ihr raten, sich zu trennen, die ihr passives Verhalten dazu nicht akzeptieren wollen, wie etwa einige ihrer Studentinnen und auch ihre Tochter. Gerade hier und immer wieder geht es um das Thema Älter werden und darum, dass traurigerweise ältere Frauen oft gar nicht mehr gesehen werden und häufig von der gesellschaftlichen Bühne verschwinden.

Im Fokus steht zeitweise auch die Tochter des Paars, Sidney. Sie ist Anwältin und ihre Freundin hat sich gerade von ihr getrennt hat. Sidney wohnt eine Zeit lang wieder zu Hause, meidet aber ihren Vater und wundert sich ihrer Mutter gegenüber, dass sie sich nicht von John trennen will. Auch am Campus spitzt sich die Lage einige Wochen vor der gerichtlichen Anhörung Johns zu. Kollegen führen ein Gespräch mit der Protagonistin, in dem sie ihr nahelegen, sie möge ihre Tätigkeit niederlegen. Sie sprechen für Studentinnen, die sich durch sie getriggert fühlen.

„Mit Trumps Präsidentschaft war die Illusion einer Welt, die man ihnen vom Fahrersitz des Mini-Vans aus gepredigt hatte, die Illusion alles würde sich stetig verbessern, und der lange Bogen der Geschichte sich in Richtung Gerechtigkeit krümmen auf den Kopf gestellt oder so ähnlich. Ich schüttelte meine hochtrabenden Gedanken ab, ich verstand die jungen Leute nicht und hatte keine Ahnung von ihrer Lebenswirklichkeit. Dass ich sie mochte, rechnete ich mir selbst hoch an. Auf Dinnerpartys verteidigte ich sie: „Die Kids sind in Ordnung“. Ich mochte ihren Aktionismus, ihre strenge Moral, ihr Gebrüll.“

Außerdem geht es um die Begegnung mit Vladimir, dem attraktiven 40jährigen Junior-Professor ihres Fachbereichs. Beide haben Romane geschrieben und über diese Gemeinsamkeit kommen sie sich näher. Während die Heldin durch die kurzen Begegnungen, durch sein Buch und nicht zuletzt durch ihre Fantasien und Tagträume angeregt wird, endlich wieder zu schreiben, hat Vladimir mit seiner Arbeit, mit seiner labilen Frau und der kleinen Tochter zu tun. Nach langer Zeit findet sich ein Termin für ein längeres Gespräch – die Heldin hat mehr im Sinn – ausgerechnet genau an dem Tag, an dem auch die Anhörung zu den Vorwürfen gegen John stattfindet. Ab hier läuft manches aus dem Ruder und wirkt geradezu grotesk. Im Ferienhaus, in das sie Vlad einlädt, entwickeln sich die Geschehnisse nämlich ganz anders als geplant und führen zu einem Ende, dass dann doch etwas unglaubwürdig, zumindest aber übertrieben anmutet.

Mir war die Sprache des Romans zeitweise zu pathetisch, manchmal bis ans Kitschige grenzend, gerade auch, wenn es um Sex geht. Hier passt die Freizügigkeit der Erzählweise nicht immer stimmig zum sprachlichen Gerüst. Glücklicherweise konnte Martina Gedeck das Manko durch ihre Stimme und glaubwürdige Interpretation dann wieder ausgleichen, zumal es auch um eine Frau ihres Alters geht, was sie womöglich auch bewegt hat, dem Roman ihre Stimme zu verleihen.

Außerdem kommen mir dann manche Aussagen, wie die folgenden, schon merkwürdig vor, wenn sich das Buch um Feminismus und Gleichberechtigung dreht. Es geht sehr viel um Äußerlichkeiten: wie man als Frau auf einen Mann wirkt, was man alles tun muss, um einem Mann zu gefallen, wie man einen Mann anhimmelt. Das hört sich für mich, gerade wenn es ins Klischeehafte rutscht, schon eher wenig nach weiblichem Selbstbewusstsein oder Unabhängigkeit an …

„Ich schenkte Vladimir doppelt so viel (Wein) ein wie mir, was er, weil er ein Mann war nicht bemerkte.“

oder

„Der Kellner trat an unseren Tisch und erkundigte sich nach unseren Dessertwünschen. Vlad wollte einen Cappuccino. Aber auf die Gefahr hin zu dominant zu erscheinen bestellte ich die Rechnung.“

Gut gefallen hat mir der Bezug zur und die Gespräche über Literatur, im Text teilweise mit konkreten Autoren und Buchtiteln verknüpft und die Handlung, die auch die Verhältnisse und Gepflogenheiten an einer modernen amerikanischen Universität spiegeln, der Campus als Schauplatz. Und die Veränderungen, die sich im Laufe der Jahre etablieren. Wir erleben, wie die frühere Feministinnen-Generation der 60/70er Jahre der neuen jungen, vollkommen anders denkenden gegenübersteht. In diesem Zusammenhang denkt die Heldin auch über die Kunst, den Kunstbegriff nach:

„Die Wahrheit lag außerhalb der moralischen Grenzen. Die Kunst wollte zu ihren eigenen Bedingungen angenommen oder abgelehnt werden. Die Kunst war nicht der Künstler. Waren das einfach nur Plattitüden, die ich unhinterfragt übernommen hatte? In letzter Zeit beschlichen mich immer öfter Zweifel. Sollten wir nur die Welt abbilden, in der wir leben wollten? Sollten wir gewissen Geschichten den Stempel „schädlich“ aufdrücken und das Publikum vor ihnen schützen? Trauten wir den Lesern nicht mehr zu, eine Geschichte zu lesen, ohne ihre Botschaft zu verinnerlichen?

Dass ich über 9 Stunden am Ball blieb bei diesem Hörbuch, spricht für seine Qualität.
Das Hörbuch erschien bei Random House Audio, das Buch beim Blessing Verlag. Übersetzt wurde der Roman von Eva Bonné. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier die Autorin in einer kurzen Buchvorstellung:

Jonathan Franzen: Crossroads Rowohlt Verlag

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Jonathan Franzen hat mit seinem neuen Roman Crossroads wieder einen 800-Seiter geschrieben. Und ich muss sagen, ich mag solch dicke Bücher immer mehr. Denn hier ist tagelanges Eintauchen und Hineinversetzen möglich, hier ist Weltflucht möglich. Und da der Roman in den 70er Jahren spielt, ist der Inhalt weitab von unserer täglichen Realität, was mir sehr zupass kam. Auch gefallen hat mir, dass sich der komplette Inhalt um Religion, Familienstrukturen, um „Gut und Böse“ und moralisches Handeln, ums Menschlichsein dreht. Aus verschiedenen Richtungen und in all seinen Facetten beleuchtet er dieses Thema und bleibt dennoch sehr unterhaltsam. Das ganze ist auf drei Teile angelegt. Ich hätte am liebsten direkt weitergelesen. Franzen ist und bleibt einfach ein sehr guter Erzähler.

Fast der gesamte Roman spielt am Tag vor Heiligabend (1971) und dann in einem Sprung weiter an Ostern. Stimmig ist diese Anlage ausgerichtet auf kirchliche Feiertage durchaus, ist einer der Hauptprotagonisten doch Pfarrer. Wir begegnen den einzelnen Familienmitgliedern nach und nach in einzelnen Kapiteln, die sich dann teils ineinander verschlingen. Fast alle Protagonisten tragen sehr viele Selbstzweifel und Schuldgefühle in sich und können, zumindest anfangs, nicht aus ihrer Haut.

Da ist zunächst Russ Hildebrandt, Pfarrer der kleinen Vorstadtgemeinde New Prospect, Familienvater von vier Kindern und Ehemann von Marion. Er ist in einer Midlife-Crisis, seit längerem mit seiner Ehe und irgendwie auch mit seinem Beruf unzufrieden, vor allem seitdem ihm der jüngere Rick Ambrose als Leiter der Jugendgruppe „Crossroads“ den Rang abgelaufen hat. Er hat sich in die verwitwete, gerade zugezogene jüngere Frances Cottrell, verliebt, die nun an diesem Tag mit ihm als Gemeindehelferin Weihnachtsgeschenke an die ärmeren in einem vorwiegend schwarzen Stadtviertel, verteilen will. An diesem Tag ist ein Schneesturm angesagt und tatsächlich läuft alles anders als geplant, auch mit Frances.

Wir begegnen Perry, dem hochbegabten aber wenig gesellschaftsfähigen 15-Jährigen, den seine Familie anödet und der in allem unterfordert ist. Er ist derjenige, der sich am meisten im Denken und im Philosophieren bis an seine Grenzen verrennt.

„Also meine Frage ist wohl“, sagte er, „ob gute Werke wirklich um ihrer selbst willen getan werden können oder ob sie bewusst oder unbewusst, immer einem persönlichen Zweck dienen.“
Pfarrer Walsh und der Rabbi tauschten Blicke, in denen Perry freudige Überraschung ausmachte. Es verschaffte ihm Genugtuung, ihre Erwartungen an einen Fünfzehnjährigen auf den Kopf zu stellen.“

Er verstrickt sich schon als Teenager in kleine Drogengeschäfte, was in der Familie aber zunächst unentdeckt bleibt, weil vor allem jeder mit sich selbst zu tun hat. Um seine Schuldgefühle und seinen Groll gegen den Vater in den Griff zu kriegen und ein besserer Mensch zu werden, landet er bei den gruppentherapeutischen Abenden von Ambrose.

„Als Becky zu Crossroads kam beherrschte er das Spiel bereits. Das Ziel war, dem Kern der Gruppe näherzukommen, einer aus dem inneren Kreis zu werden, indem man die Regeln befolgte, die Ambrose und die anderen Betreuer vorlebten. Es waren Regeln, die ein der Intuition zuwiderlaufendes Verhalten einforderten. Anstatt einen Freund mit Flunkereien zu trösten, sagte man ihm die unliebsame Wahrheit. Anstatt die Verklemmten, hoffnungslos Uncoolen zu meiden, ging man zu ihnen und ließ sich auf sie ein …“

Bei einem der Treffen wird ihm in einer Übung als Partnerin seine 17-jährige Schwester Becky zugelost, was fatal ist, da sie ihm gehörig den Kopf wäscht. Ehrlichkeit und Gefühle zeigen ist in dieser Gruppe oberstes Gebot. Becky ihrerseits ist eigentlich nur bei Crossroads dabei, weil sie sich in den begehrten Rockmusiker Tanner verliebt hat und er eine der tragenden Säulen der Gruppe ist. Sie ist beliebt und gutaussehend, aber eben ohne Ecken und Kanten. Gerade diese faszinieren sie an Tanner. Becky ist im Zwiespalt, denn sie hat Geld geerbt von ihrer verstorbenen Lieblingstante; die Eltern verlangen von ihr dies mit den Geschwistern zu teilen, wozu sich sich aber nicht wirklich entschließen kann. Sie wird später mit ihrer Familie brechen.

Clem, der Älteste, studiert bereits und hat eine Freundin. Clem möchte seinem Vater eins auswischen, in dem er sein Studium abbricht und sich freiwillig zur Army für einen Einsatz im Vietnam-Krieg meldet, auch weil er es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, dass er studiert, während andere für das Land kämpfen. Den Brief schickt er nach langem Zögern ab, kurz vor der Abfahrt nach Hause. Doch der Besuch zuhause erweist sich auf mehreren Ebenen als Reinfall und Clems Wege führen letztlich ganz woanders hin …

Besonders viel Raum, und in meinem Empfinden zu recht, erhält Marion, die Frau von Russ. Hausfrau und Mutter, Pfarrersfrau, die fast alle Sonntagspredigten für ihren Mann schreibt. Sie leidet unter ihrem Übergewicht und darunter, dass Russ sich nicht mehr für sie interessiert. Deshalb geht sie zur Therapie. Auch an diesem Tag vor Heiligabend und in einer sehr langen Sitzung, die einen Durchbruch bringt, erfahren wir Marions ganze Lebensgeschichte, die ich wirklich für großartig auserzählt halte. Marion ist für mich auch die interessanteste Figur in diesem Roman. Marion hat einige Krisen hinter sich, als sie Russ begegnet und denkt, nun beginne endlich das gute Leben. Sie hat eine Abtreibung hinter sich, eine unheilvolle Beziehung mit einem verheirateten Mann und einen Psychiatrieaufenthalt. Danach wendet sie sich Gott zu. Von ihrer Vergangenheit hat sie ihrem Mann und den Kindern nie etwas erzählt. Sie macht auch im Verlauf des Romans die größte Entwicklung durch.

Ostern: Die Crossroads-Gruppe unter Ambros plant eine Reise in ein Navajo-Reservat, wo Russ bereits seit vielen Jahren den Indigenen beim Ausbau ihrer Dörfer hilft. Diesmal fährt Perry mit und Russ konnte auch Francis Cottrell, deren Sohn ebenfalls teilnimmt, überzeugen mitzufahren. Russ will Frances nun zeigen, was er kann und wie toll er in seiner Arbeit bei und mit den Indigenen aufgeht. Dass diese Arbeit seitens der Einwohner gar nicht mehr gewünscht ist, verdrängt er, bis es eben zu unschönen Auseinandersetzungen kommt. Wegen Francis verletzt er mehrfach seine Aufsichtspflicht. Und Sohn Perry ist weit von seinem Entschluss entfernt, ein besserer Mensch zu werden und er löst letztendlich auch das komplette Chaos aus und damit das Ende der Reise.

„Und so vergrößerten sich die Wellenkreise, die der Schaden zog. Fortan würde Judson ein Junge mit einem psychische kranken Bruder sein.“

Wer im Roman fast immer fehlt, ist der jüngste Sohn Judson. Er spielt eine sehr kleine Rolle, was sich hoffentlich mit der Fortsetzung ändert.

Viele Kritiken hielten Franzens Roman bzw. seine Erzählweise für altmodisch. Es fällt mir schwer, das zu beurteilen, aber wenn es so ist, hat es dem Roman, wie ich finde gut getan. Es ist für mich ein Buch, in dem Handlung wie Sprache stimmig korrespondieren und wer weiß, ob sich der Ton in den nächsten beiden Bänden nicht verändert und sich dem Verlauf der Zeit anpasst. Ich bin gespannt.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt hat ihn Bettina Abarbanell. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere, weitaus tiefer blickende Besprechung gibt es auf dem empfehlenswerten Blog „Kommunikatives Lesen“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Hari Kunzru: Red Pill Liebeskind Verlag

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Welch ein Roman! Er stellt die große Frage: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

„Das Sonnenlicht war kein Sonnenlicht, sondern Code, das visuelle Ergebnis unglaublich komplexer Berechnungen. Der Baum, das Geländer, der schnüffelnde Hund, alles war modelliert, eingefärbt, strukturiert und ausgeleuchtet, um möglichst lebensecht zu wirken. Nichts davon hatte vor meinem Hinsehen existiert, …)

Red Pill kommt auf jeden Fall auf meine diesjährige Bestenliste. Es ist mein erster Roman von Hari Kunzru und ich bin begeistert von seiner Sprache und den komplexen philosophischen Gedankengängen. Dass er hochliterarisch und nicht plakativ und künstlich aufgeblasen, wie derzeit so oft, brisante politische Themen aufgreift, macht diesen für mich noch bedeutender. So sieht gute Literatur aus.

Ein amerikanischer Schriftsteller hat ein Stipendium einer Berliner Kulturstiftung am Wannsee erhalten. Es kommt ihm zupass, denn zuhause kriselt es gerade etwas mit Frau und Kind, er selbst steckt in einer Sinnkrise und er hofft dort wieder gut ins Schreiben und Leben zu finden. Doch die Stiftung, die sich Transparenz und Weltoffenheit auf die Fahnen schreibt, wird für ihn eher zu einer Art Gefängnis. Er soll im großen gläsernen Arbeitsraum mit den anderen Stipendiaten schreiben und das geht für ihn gar nicht. Er muss dafür allein sein. Gleich mit dieser ersten Beschwerde eckt er bei den Betreibern der Stiftung an. Er müsse sich nur öffnen und darauf einlassen. So versucht er auf seinem Zimmer zu arbeiten, doch lässt sich immer wieder ablenken. Er trifft bei langen Spaziergängen auf das Kleist-Grab und beschäftigt sich fortan mit der Lektüre seiner Werke und den Umständen des Suizids. Die Mahlzeiten mit den anderen Stipendiaten sind für ihn eine Qual, da er von seiner Arbeit kaum etwas berichten kann. Oft sitzt er im Zimmer und konsumiert eine brutal-gewalttätige Fernsehserie, zugleich angezogen und angewidert. Er denkt über das Böse nach. Was, wenn dunkle Mächte die Welt zunehmend beherrschen? Wenn die Katastrophe direkt bevorsteht?

Dass er kurze Zeit später zufällig auf einer Berlinale-Party in Berlin, auf die ihn zwei Kollegen mitschleppen, auf den Regisseur jener Serie, Gary Bridgeman, auch Anton genannt, trifft und sogar mit ihm ins Gespräch kommt, findet er zunächst hoch interessant. Doch im weiteren Verlauf des Abends, der in einem Döner-Imbiss in Kreuzberg mit illustren Begleitern endet, gerät er ins Abseits: Er wird real mit den merkwürdigen Theorien des Regisseurs konfrontiert, die ziemlich rassistisch und identitär sind und die dessen Begleiter direkt an ihm ausprobieren. Erschüttert macht er sich auf den Rückweg zum Wannsee. Doch auch dort lässt ihn Anton nicht los. Er recherchiert alles, was er über Anton im Netz finden kann.

Im Haus geschehen seltsame Dinge: Werden die Stipendiaten tatsächlich mit versteckten Kameras beobachtet? Ist er der einzige, der das bemerkt? Warum werden seine Arbeitszeiten am Computer kontrolliert? Der Kontakt zu seiner Frau in New York wird immer sporadischer. Als dann auch noch Anton unter einem falschen Namen am Wannsee auftaucht, und sich vermeintlich für die Historie des Wohltäters der Stiftung interessiert, und sich vom Leiter des Hauses alles zeigen lässt, brennen die Sicherungen unseres Helden durch. Er fühlt sich verfolgt und gleichzeitig angezogen. Statt vorzeitig nach Hause zu fliegen, wie es seine Frau sich wünscht und die Stiftung es mittlerweile verlangt, da er beständig gegen die Regeln des Hauses verstößt, fliegt er nach Paris, weil Anton dort einen Film vorstellen wird. Dort kommt es in einem Kino zu einer kurzen scharfen Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit, bei der unser Held wegen seiner unbequemen Fragen rausfliegt.

„Meine üppige Geistesausstattung, meine Feinfühligkeit, meine Intelligenz und mein Geschmack, alles würde zu Asche und Staub. Und so würde es allen auf dieser Welt gehen. Die Zerstörung der Kultur war nur der Anfang. Sinn und Bedeutung würden als Artefakte einer Zeit entlarvt werden, die hinter dem Vorhang der Geschichte verschwand. Danach würde es nur noch Funktion geben.“

Er recherchiert weiter und findet im Netz einige Gruppen, die die rechten Theorien Antons verbreiten und Vorbereitungen treffen, um nach der Macht zu greifen. Er hat Angst, dass die Demokratie in Gefahr ist. Er zweifelt an sich selbst und daran, dass er seine Familie schützen kann. Auf Anrufe seiner Frau reagiert er indes gar nicht mehr. Als er glaubt, den nächsten Aufenthaltsort Antons gefunden zu haben, ja, dass dieser ihm Zeichen gibt, reist er dorthin, um das Schlimmste zu verhindern. In einer schottischen Wanderhütte kommt es dann nicht etwa zu einem Treffen mit Anton, sondern mit der Polizei …

Kunzru lässt uns an der Seite seines Protagonisten in eine verwirrende Welt eintauchen, bei der nicht mehr ganz klar ist, ob der Held sich diese zusammenspinnt oder ob sie der Realität entspricht. Dieser verstrickt sich immer mehr in eine Geschichte, die böse enden kann, für ihn und damit auch für seine Familie. Er glaubt, dass es in dieser Welt bald keine Menschlichkeit mehr geben wird, dass Macht und Gewalt herrschen werden, dass demokratisches Denken bald von faschistischem abgelöst wird und dass Kultur und Kunst langsam verschwinden werden, dass die meisten Menschen, neben einer kleinen Elite zu Untertanen werden.

Und mit solch einem Szenario liest sich dieser Roman mitunter zwar wie eine unrealistische Dystopie, aber andererseits auch wie ein womöglich nicht auszuschließendes Schreckensbild einer nahen Zukunft. Dass am Ende des Romans (unser Held ist inzwischen wieder zuhause in den USA) der von den meisten ausgeschlossene Wahlgewinn Donald Trumps bei der Präsidentschaftswahl 2017 in den USA steht, kommt nicht von ungefähr. Manche Horrorszenarien treten also doch ein. Und in diesem Sinne wirkt auch das eingeschobene Kapitel, in dem eine ehemalige DDR-Punkerin, nun Reinigungskraft in der Stiftung, dem Schriftsteller aus ihrer Zeit erzählt, als Stasi-Überwachung ihr Leben bestimmte und sie gleichzeitig vom individuellen Leben abhielt, zu einem stimmigen Teil des Romans. Es gab und gibt Diktaturen. Und die Sorge um die Demokratie ist aktueller denn je.

„Meine Ärzte waren grundsätzlich Diener des Status Quo. Ihre Arbeit fußte auf der Annahme, dass die Welt erträglich ist, und jeder, der es anders sieht, sollte lernen oder medikamentös dazu gebracht werden, sie zu akzeptieren. Aber was, wenn sie es nicht ist?“

(Diese Fragestellung lässt mich auch kleine Parallelen zu dem aktuellen französischen Roman „Die Anomalie“ finden, der mit ähnlichen Szenarien für Spannung sorgt.) Für mich ist Kunzrus Roman jedenfalls ein wirkliches Highlight; ich kann seiner Sprache, der gelungenen Konstruktion und dem melancholischen Unterton viel abgewinnen. Ich bekam vielfältige philosophische Lektüre- und Denkanregungen und fühlte mich direkt angesprochen. Ein Leuchten!

Der Roman des 1969 in London geborenen Autors erschien im Liebeskind Verlag. Aus dem Englischen übersetzt hat es Werner Löcher-Lawrence. Eine Leseprobe gibt es hier.

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert Kein & Aber Verlag

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Nach „Löwen wecken“ ist dies mein zweiter Roman der Israelin Ayelet Gundar-Goshen. Die Autorin greift brisante Themen auf, in denen sich menschliche Verhaltensweisen in Extremsituationen spiegeln. Das ist hochinteressant und spannend zu lesen, wobei mir Löwen wecken etwas besser gefiel, was vielleicht am für mich interessanteren Thema lag. Was ich jedoch immer wieder feststelle bei Autoren aus Israel – erst kürzlich las ich auch den sehr empfehlenswerten neuen Roman „Siegerin“ von Yishai Sarid – ist, dass in Israel im Lebensalltag Waffen, Militärdienst und Krieg eine offenbar große, ja selbstverständliche Rolle spielen. Etwas, was mich irgendwie sehr erschreckt. War es in „Siegerin“ die Militär-Psychologin, die Soldaten beim Töten und den traumatischen Folgen unterstützen soll, so ist es hier der ehemalige Soldat Uri, der für Jugendliche Kurse in Krav Maga, einer israelischen Selbstverteidigungsart gibt, unter dem Motto „Bevor dich ein anderer tötet, töte du ihn“. Und auch in Zeruya Shalevs neuem Roman „Schicksal“, den ich als Hörbuch höre, wird gleich in den ersten Abschnitten von der Militärausbildung des Sohns gesprochen.

Lilach und Michael Schuster sind von Israel in die USA ausgewandert, um eine ruhigeres Leben für sie und den kleinen Sohn Adam zu finden. Michael tritt eine gut bezahlte Stelle im Silicon Valley in einer IT- Sicherheitsfirma an und wird rasch befördert. Lilach kümmert sich um das Haus und den mittlerweile 16 Jahre alten Sohn und arbeitet ehrenamtlich in einem Altenheim. Doch auch hier im bunten Kalifornien sind Juden nicht vor Anfeindungen geschützt. Das erste Mal wird ihre Sicherheit erschüttert, als es in einer Synagoge der israelischen Gemeinde zu  einem antisemitischen Anschlag kommt. Ein junges Mädchen stirbt.

Beim zweiten Mal sind die Schusters unmittelbar betroffen, als ein Mitschüler Adams bei einer Party stirbt. Wie sich bei den polizeilichen Ermittlungen herausstellt waren Drogen im Spiel. Auch Adam gerät in den Fokus der Ermittlungsbeamten, da er nicht gut auf den schwarzen Jamal zu sprechen war. Lilach versucht alles, um ihren Sohn zu schützen, aber auch alles, damit er sich ihr anvertraut. Doch der öffnet sich neuerdings nur seinem Trainer Uri, den er sich als großes Vorbild auserkoren hat. Uri freundet sich auch mit Adams Vater an und Michael bringt ihn in seiner Firma unter, mehr oder weniger aus Dankbarkeit, dass sich Uri so gut um seinen Sohn kümmert. Michael freut es, dass Adam endlich nicht nur am Computer sitzt, sondern nun lernt, sich körperlich gegen andere zur Wehr zu setzen.

Lilach verhält sich ziemlich überbehütend und kommt gleichzeitig ihrem Sohn nicht nahe. Sie schafft es nicht, zu erfahren, was wirklich am Abend der Party geschah. Uri wird immer wichtiger für die Familie, wird sogar zum Wochenendausflug eingeladen. Als Michael auf Dienstreisen ist, quartiert er sich im Haus ein und wirkt als Beschützer. Was zunächst durchaus hilfreich ist, denn die islamische Clique von Jamal verdächtigt Adam und schreckt auch nicht vor direkten Bedrohungen und handgreiflichen Einschüchterungsversuchen zurück.

Was für eine Rolle Uri in dieser Geschichte wirklich spielt, zeigt sich, als die Familie nach einem Trauerurlaub wegen des Todes von Michaels Mutter aus Israel zurückkehrt …

Ich fand den Roman anfangs etwas lang gezogen, erst im letzten Drittel gewinnt die Geschichte wirklich an Fahrt. Sprachlich gibt es hier keine großen Highlights. Doch die überraschenden Kapitelanfänge sorgen für Spannung. Gundar-Goshen hat einen leicht lesbaren Roman zu einem brisanten Thema geschrieben, der jedoch an manchen Stellen wichtige Fragen offen lässt. Ob das absichtlich so konstruiert ist, habe ich nicht herausbekommen.

Das Buch erschien im Kein & Aber Verlag und wurde von Ruth Achlama übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Ein klein wenig hat es mich auch an Ben Lerners „Topeka Schule“ erinnert, bei dem es auch um den Tod eines Schülers geht, wenngleich es sprachlich eine viel größere Herausforderung ist.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Amanda Cross: Die letzte Analyse / Der James Joyce-Mord Dörlemann Verlag

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Als ich im Winter das Frühjahrsprogramm des Dörlemann Verlags durchsah, war ich freudig überrascht. Der Verlag hatte seinen ersten Krimi im Programm. Normalerweise lese ich keine Krimis mehr, aber hier kamen dann die Erinnerungen an eine Zeit, in der ich viele Krimireihen las, immer auf den neuen Band wartend. Dabei waren auch die Krimis von Amanda Cross, die ich sehr liebte, die damals bei dtv erschienen. Glücklicherweise ist diese Lesephase so lange her, dass ich mich nur noch vage an die einzelnen Fälle erinnere. Und so war auch die erneute Lektüre ein spannendes Lesevergnügen.

Amanda Cross, alias Carolyn Gold Heilbrun, geboren 1926 in New Jersey, USA, lebte in New York, wo ihre Kriminalromane auch spielen. Cross war Schriftstellerin und Frauenrechtlerin und ihre Heldin Kate Fansler ist Literaturprofessorin, die zufällig in Morde verwickelt wird und sich dann an deren Aufklärung beteiligt. Dabei nutzt sie häufig ihren gesunden Menschenverstand und ihre Literaturkenntnisse. Die Protagonistin ist emanzipiert, lebt allein, hat lose Liebesbeziehungen und sich vollkommen ihrem Beruf verschrieben. Unter dem Titel „Gefährliche Praxis“ erschien der erste Roman bereits 1964, der zweite dann 1967. Insgesamt sind es 12 Romane, die in deutscher Sprache erschienen. Schön, dass sie nun wieder entdeckt werden können. Man darf hier aber keine groben, blutigen Psychothriller erwarten, sondern kluge Detektivgeschichten, die mit witzigen Dialogen gespickt sind. Zudem spiegeln sie den Charakter der Zeit, in der sie geschrieben wurden. Dazu zählen auch Ermittlungen, die noch ohne Mobiltelefone, GPS, moderne Spurensicherung gemacht werden mussten. Das macht sie in meinen Augen gerade sehr charmant und lesenswert. 

„Am Montagmorgen um zehn Uhr hielt Kate eine Vorlesung über Middlemarch. Hatte überhaupt etwas eine Bedeutung neben der Tatsache, dass die Fantasie Welten wie Middlemarch erschaffen konnte, diese Welten zu verstehen und die Strukturen, auf die sie sich stützten?“

In „Die letzte Analyse“ empfiehlt Kate Fansler einer ihrer Studentinnen auf Nachfrage einen Psychoanalytiker. Emanuel Bauer kennt Kate sehr gut, denn sie hatten einmal eine Liebesbeziehung. Kurze Zeit später wird die Studentin Janet Harrison auf Emanuels Coach erdolcht aufgefunden. Sofort gilt Emanuel als Hauptverdächtiger, was für Kate natürlich undenkbar ist. Die Indizien sprechen für sich. Emanuel hat kein belegbares Alibi und die Tatwaffe war aus seiner Küche. Mithilfe eines befreundeten Staatsanwalt beginnt sie in dem Mordfall zu recherchieren und mitunter mit unkonventionellen Methoden, die Staatsanwalt Reed so gar nicht gefallen. Obgleich es zunächst aussichtslos aussieht und Kate selbst sogar auch verdächtigt wird, findet Kate, teils mithilfe der Literatur, dann doch Beweise, die auf den Mörder hinweisen …

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„Wie es jetzt ist, können wir zusammen sein, wenn wir Lust dazu haben, und so bist du mir lieber, nicht angebunden und sorgenvoll. Einfach nur Reed; nicht mein Mann, mein Haus, meine Vorhänge – lieber zwei Kreise, wie Rilke sagt, die einander berühren“

In „Der James Joyce-Mord“ verbringt die Literaturprofessorin Kate Fansler einige Zeit auf dem Land in den Berkshires Mountains in Massachusetts. Sie soll dort mit einem ihrer Doktoranden den Nachlass eines mit James Joyce befreundeten Verlegers sichten. Begleitet wird sie von ihrem Neffen und dessen Betreuer. Dazu gesellen sich noch zwei weitere Literaturprofessorinnen und natürlich kommt auch Staatsanwalt Reed zu Besuch. Das Leben auf dem Land birgt für die Städter besondere Herausforderungen wie etwa Kuhfladen und neugierige Dorfbewohner. Als jedoch eine unbeliebte Nachbarin mit einem Gewehr, dass eigentlich nicht geladen sein sollte, versehentlich erschossen wird, finden sich Kate und Reed erneut inmitten von Mordermittlungen. Nach und nach erfahren wir, was die Tat mit den James Joyce-Briefen zu tun hat und wer der Mörder war …

Hochinteressant sind diese Krimis auch in heutiger Zeit. Im ersten Band etwa zeigt sich, dass in den 70er Jahren die klassische Psychoanalyse nach Freud in den USA der absolute Renner war. Im zweiten Band geht es häufig in Gesprächen um den Stellenwert von Sex, innerhalb und außerhalb von festen Partnerschaften. Hier zeigt sich dann auch, wie viel sich in Sachen Emanzipation der Frau bis heute getan hat. Damals war es noch die Ausnahme, dass Frauen alleine und selbstbestimmt lebten und Kate Fansler ist ein perfektes Beispiel dafür, obgleich auch sie noch in Mustern denkt, über die wir heute mit dem Kopf schütteln können, zum Glück! 

Ich empfehle die Kate Fansler-Krimis sehr, gerade auch unter dem Aspekt „Frauen lesen“. Zudem sind die Cover auch schön passend gestaltet. Die Übersetzung ist noch die der alten Ausgaben (sehr oldschool) von Monika Blaich und Klaus Kamberger.  Auf der Verlagsseite des Dörlemann Verlag gibt es Leseproben. 

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios btb Verlag / Hanser Verlag

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Viel Aufmerksamkeit bekam dieses Buch schon als Hardcover. Nun ist auch das Taschenbuch erschienen. Wer es noch nicht kennt, dem sei es empfohlen. Ich wusste bereits, dass Ocean Vuong auch Gedichte schreibt (inzwischen ebenfalls ins Deutsche übertragen), so las ich die Leseprobe und merkte: Ja, das will ich lesen. Da ist einer, der hat eine poetische Sprache, der hat kluge Metaphern an der richtigen Stelle, dessen Sprache schwebt und sich erhebt über die Geschichte, seine eigene Geschichte, die auch eine Leidensgeschichte ist. Grandios auch das Coverbild und der Titel.

Im ersten Teil beschreibt Ocean Vuong auf unruhige, nicht immer leicht durchschaubare Weise  Kindheit und Familiengeschichte seines Protagonisten, genannt „Little Dog“. Hier wählt er die Briefform, ein vermutlich nie gelesener Brief an die Mutter, die Analphabetin ist. Er kommt mit zwei Jahren mit seiner Mutter und Großmutter aus Vietnam in die USA. Gleich zu Anfang wird die Gewalttätigkeit der Mutter thematisiert, die umso mehr erschreckt, als sie zwischen sprachlich feine Passagen gesetzt wird. Großmutter, Mutter, Kind: Alle durch den Vietnamkrieg psychisch erschüttert, alle nun in der Hoffnung auf ein besseres Leben im Land des Kriegsgegners. Alle binnen kurzer Zeit ohne jede Hoffnung. Es ist auch der Teil, der mir am eindrücklichsten bleibt.

„Unsere Muttersprache ist so überhaupt keine Mutter – sondern eine Waise. Unser Vietnamesisch eine Zeitkapsel, die den Punkt markiert, an dem deine Bildung endete, zu Asche zerfiel, Ma, unsere Muttersprache zu sprechen heißt, nur teilweise auf Vietnamesisch zu sprechen, aber ganz auf Krieg.“

Im zweiten Teil geht es um die Identifizierung als Teenager, der sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt bis hin zum Coming Out gegenüber der Mutter. Mit Trevor einem Farmerssohn erlebt er zum ersten Mal Sex. Auch hier ist Gewalt im Spiel, gewollte Gewalt. Es geht um die beiden Jungen, der eine weiß, der andere gelb, die sich durch die Zeit treiben lassen, begleitet von Drogen verschiedenster Art, langer Weile, Schwärmerei und dem Wunsch nach Rebellion, in einer heruntergekommenen Gegend, in einer für sie begrenzten Welt.

„Da war Gewalt bereits alltäglich für mich, war, was ich letzten Endes von Liebe wusste.“

Im dritten Teil, fünf Jahre sind vergangen, studiert „Little Dog“ in New York Literatur. Als er von Trevors Tod durch eine Überdosis Heroin erfährt, kehrt er zurück in die Stadt seiner Jugend. Kurze Zeit darauf stirbt auch die Großmutter und Little Dog reist mit der Mutter zur Beisetzung zurück nach Vietnam, nach Saigon.

„Ich wollte nie einen „Textkörper“ erschaffen, sondern sie, unsere Körper, atmend und verschollen im Text bewahren.“

Vuong unterfüttert seine Geschichte mit einzelnen Sätzen, Zeilen, die ungeordnet aus dem Rahmentext hervorbrechen, die teils wirken, als versuchten sie wie Säulen den Fließtext in seiner inhaltlichen Brüchigkeit und manchmal auch Grobheit zu stützen. Einfach ausgedrückt, bestehen sie womöglich aus gewonnener Erkenntnis in poetische Bilder gelegt.

Was mir gefehlt hat, ist die Entwicklungsgeschichte Little Dogs hin zum Studium, zur Literatur und zum eigenen Schreiben. Das hätte mich brennend interessiert.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ erschien gerade bei btb als Taschenbuch. Die Übersetzung stammt von Anne-Kristin Mittag. Eine Leseprobe gibt es  hier . Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen Hanser Verlag

Seit „Eileen“ und „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ bin ich großer Fan von Ottessa Moshfegh. Deshalb freute ich mich sehr auf den neuen Roman, der nun nicht mehr im Liebeskind Verlag erschien, wie seine Vorgänger. Zunächst war ich allerdings etwas enttäuscht. Mir erschien die Art der Sprache, der ganze Duktus anders als vorher. Ich dachte, vielleicht liegt es an der Übersetzung. Doch es war die gleiche Übersetzerin, Anke Caroline Burger. Ich las weiter und langsam aber sicher sprang der Funke über. Denn auch die Tiefe der Geschichte zeigt sich erst in ihrer fortdauernden Entwicklung. Ab der Hälfte war ich dann gespannt wie ein Flitzebogen. (Inzwischen weiß ich, dass das Buch bereits vor den beiden oben genannten erschien, vielleicht erklärt das meine anfängliche Zögerlichkeit). Und als ich das Buch zuklappte, war ich wieder höchst beeindruckt, was die Autorin da mit ihren Lesern macht. Vor allem nun auch gerade in der Vielfalt ihrer Figuren der einzelnen Romane. Das ist sehr gekonnt, immer wieder andere Charaktere vollkommen überzeugend und immer einzigartig in ihrer Seltsamheit und Verlorenheit wirken zu lassen.

„Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.“

So beginnt die Geschichte um Vesta und ihren Hund Charlie, die gerade in ein kleines einsam am See in Levant, Maine, USA gelegenes Holzhaus gezogen ist. Auf einem ihrer Spaziergänge durch die nahen Wälder findet sie einen Zettel mit diesen Worten. Nun könnte man dieses Zettel einfach liegenlassen und ignorieren und weiter spazieren. Doch das macht Vesta nicht. Sie nimmt den Zettel mit und beginnt zu rätseln. Vesta ist nach dem Tod ihres Mannes ans andere Ende des Landes gezogen und lebt sparsam und zurückgezogen mit dem geliebten Hund Charlie. Sie begegnet kaum anderen Menschen und ist auch froh darum. Umso mehr erschüttert sie diese Botschaft. Sie fühlt sich angesprochen und verpflichtet der Sache nachzugehen. Zunächst überlegt sie wer hinter dem Namen Magda stecken könnte. Dann versucht sie die wenigen Menschen, die sie in der Umgebung kennt, ihre Nachbarn, die Leute aus dem Supermarkt, sogar den unangenehmen Polizisten, damit in Verbindung zu bringen. Sie fährt zur Recherche in die kleine Stadtbücherei, weil sie im Haus kein Internet, ja nicht mal Telefon hat. Je mehr Zeit sie in diesen scheinbaren Hilferuf investiert, je stärker sie sich als Aufklärerin des Mordes an Magda identifiziert, desto undurchsichtiger werden die Geschehnisse für uns Leser/innen. 

Zwischendurch erfahren wir von Vestas Ehemann, der alles andere als liebevoll und zugewandt war, sondern ein regelrechter Macho, Tyrann und Ehebrecher. Wir lesen über die lieblose Kindheit in der italienischen Auswandererfamilie und den Versuch des Aufstiegs durch die Heirat, die vom Regen in die Traufe führt. Wir lesen, wie befreit sie sich nach der langen Pflege durch den Tod des Mannes fühlte. Wir lesen aber auch von der Einsamkeit einer alten Frau, die selbst am Essen sparen muss und deren Hund ihr einziger Vertrauter ist. Als Charlie dann eines Tages verschwindet, bricht die ganze Trauer aus ihr heraus.

„Und dann dachte ich an meine Einsamkeit, an den näher rückenden Tod, dass mich niemand kannte, dass mein Tod niemandem nahegehen würde. Ich dachte an meine seit Langem tote Eltern, wie wenig Liebe sie mir geschenkt hatten. Ich dachte an Walter mit seinen widerlich nachsichtigen Zärtlichkeiten. Selbst wenn er liebevoll zu mir sein wollte, bevormundete er mich und behandelte mich von oben herab. Ich war noch nie richtig geliebt worden.“

Sowieso passieren im Laufe der Geschichte allerlei seltsame Dinge. Die im Garten ausgesäten gerade gekeimten Pflänzchen wurden über Nacht ausgebuddelt, von Weitem vom See aus sieht es aus, als wären Leute im Inneren des Hauses, der Polizist verhält sich noch sonderbarer als sonst und bei einem unangekündigten Besuch bei den Nachbarn, bei denen ein Fest stattfindet, fällt Vesta aus unerfindlichen Gründen in tiefe Ohnmacht. Im Verlauf der Geschichte ist auch nicht mehr so klar, ob das alles in Wirklichkeit passiert oder in Vestas Fantasie oder gar durch ein allzu sehr gereiztes Nervenkostüm. Möge jede Leserin selbst erkunden, ob die Geschehnisse sich wirklich so zugetragen haben. Ich kann das Buch jedenfalls sehr empfehlen. Ein Leuchten!

„Der Tod in ihren Händen“ erschien im Hanser Berlin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.