Amanda Cross: Die letzte Analyse / Der James Joyce-Mord Dörlemann Verlag

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Als ich im Winter das Frühjahrsprogramm des Dörlemann Verlags durchsah, war ich freudig überrascht. Der Verlag hatte seinen ersten Krimi im Programm. Normalerweise lese ich keine Krimis mehr, aber hier kamen dann die Erinnerungen an eine Zeit, in der ich viele Krimireihen las, immer auf den neuen Band wartend. Dabei waren auch die Krimis von Amanda Cross, die ich sehr liebte, die damals bei dtv erschienen. Glücklicherweise ist diese Lesephase so lange her, dass ich mich nur noch vage an die einzelnen Fälle erinnere. Und so war auch die erneute Lektüre ein spannendes Lesevergnügen.

Amanda Cross, alias Carolyn Gold Heilbrun, geboren 1926 in New Jersey, USA, lebte in New York, wo ihre Kriminalromane auch spielen. Cross war Schriftstellerin und Frauenrechtlerin und ihre Heldin Kate Fansler ist Literaturprofessorin, die zufällig in Morde verwickelt wird und sich dann an deren Aufklärung beteiligt. Dabei nutzt sie häufig ihren gesunden Menschenverstand und ihre Literaturkenntnisse. Die Protagonistin ist emanzipiert, lebt allein, hat lose Liebesbeziehungen und sich vollkommen ihrem Beruf verschrieben. Unter dem Titel „Gefährliche Praxis“ erschien der erste Roman bereits 1964, der zweite dann 1967. Insgesamt sind es 12 Romane, die in deutscher Sprache erschienen. Schön, dass sie nun wieder entdeckt werden können. Man darf hier aber keine groben, blutigen Psychothriller erwarten, sondern kluge Detektivgeschichten, die mit witzigen Dialogen gespickt sind. Zudem spiegeln sie den Charakter der Zeit, in der sie geschrieben wurden. Dazu zählen auch Ermittlungen, die noch ohne Mobiltelefone, GPS, moderne Spurensicherung gemacht werden mussten. Das macht sie in meinen Augen gerade sehr charmant und lesenswert. 

„Am Montagmorgen um zehn Uhr hielt Kate eine Vorlesung über Middlemarch. Hatte überhaupt etwas eine Bedeutung neben der Tatsache, dass die Fantasie Welten wie Middlemarch erschaffen konnte, diese Welten zu verstehen und die Strukturen, auf die sie sich stützten?“

In „Die letzte Analyse“ empfiehlt Kate Fansler einer ihrer Studentinnen auf Nachfrage einen Psychoanalytiker. Emanuel Bauer kennt Kate sehr gut, denn sie hatten einmal eine Liebesbeziehung. Kurze Zeit später wird die Studentin Janet Harrison auf Emanuels Coach erdolcht aufgefunden. Sofort gilt Emanuel als Hauptverdächtiger, was für Kate natürlich undenkbar ist. Die Indizien sprechen für sich. Emanuel hat kein belegbares Alibi und die Tatwaffe war aus seiner Küche. Mithilfe eines befreundeten Staatsanwalt beginnt sie in dem Mordfall zu recherchieren und mitunter mit unkonventionellen Methoden, die Staatsanwalt Reed so gar nicht gefallen. Obgleich es zunächst aussichtslos aussieht und Kate selbst sogar auch verdächtigt wird, findet Kate, teils mithilfe der Literatur, dann doch Beweise, die auf den Mörder hinweisen …

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„Wie es jetzt ist, können wir zusammen sein, wenn wir Lust dazu haben, und so bist du mir lieber, nicht angebunden und sorgenvoll. Einfach nur Reed; nicht mein Mann, mein Haus, meine Vorhänge – lieber zwei Kreise, wie Rilke sagt, die einander berühren“

In „Der James Joyce-Mord“ verbringt die Literaturprofessorin Kate Fansler einige Zeit auf dem Land in den Berkshires Mountains in Massachusetts. Sie soll dort mit einem ihrer Doktoranden den Nachlass eines mit James Joyce befreundeten Verlegers sichten. Begleitet wird sie von ihrem Neffen und dessen Betreuer. Dazu gesellen sich noch zwei weitere Literaturprofessorinnen und natürlich kommt auch Staatsanwalt Reed zu Besuch. Das Leben auf dem Land birgt für die Städter besondere Herausforderungen wie etwa Kuhfladen und neugierige Dorfbewohner. Als jedoch eine unbeliebte Nachbarin mit einem Gewehr, dass eigentlich nicht geladen sein sollte, versehentlich erschossen wird, finden sich Kate und Reed erneut inmitten von Mordermittlungen. Nach und nach erfahren wir, was die Tat mit den James Joyce-Briefen zu tun hat und wer der Mörder war …

Hochinteressant sind diese Krimis auch in heutiger Zeit. Im ersten Band etwa zeigt sich, dass in den 70er Jahren die klassische Psychoanalyse nach Freud in den USA der absolute Renner war. Im zweiten Band geht es häufig in Gesprächen um den Stellenwert von Sex, innerhalb und außerhalb von festen Partnerschaften. Hier zeigt sich dann auch, wie viel sich in Sachen Emanzipation der Frau bis heute getan hat. Damals war es noch die Ausnahme, dass Frauen alleine und selbstbestimmt lebten und Kate Fansler ist ein perfektes Beispiel dafür, obgleich auch sie noch in Mustern denkt, über die wir heute mit dem Kopf schütteln können, zum Glück! 

Ich empfehle die Kate Fansler-Krimis sehr, gerade auch unter dem Aspekt „Frauen lesen“. Zudem sind die Cover auch schön passend gestaltet. Die Übersetzung ist noch die der alten Ausgaben (sehr oldschool) von Monika Blaich und Klaus Kamberger.  Auf der Verlagsseite des Dörlemann Verlag gibt es Leseproben. 

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios btb Verlag / Hanser Verlag

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Viel Aufmerksamkeit bekam dieses Buch schon als Hardcover. Nun ist auch das Taschenbuch erschienen. Wer es noch nicht kennt, dem sei es empfohlen. Ich wusste bereits, dass Ocean Vuong auch Gedichte schreibt (inzwischen ebenfalls ins Deutsche übertragen), so las ich die Leseprobe und merkte: Ja, das will ich lesen. Da ist einer, der hat eine poetische Sprache, der hat kluge Metaphern an der richtigen Stelle, dessen Sprache schwebt und sich erhebt über die Geschichte, seine eigene Geschichte, die auch eine Leidensgeschichte ist. Grandios auch das Coverbild und der Titel.

Im ersten Teil beschreibt Ocean Vuong auf unruhige, nicht immer leicht durchschaubare Weise  Kindheit und Familiengeschichte seines Protagonisten, genannt „Little Dog“. Hier wählt er die Briefform, ein vermutlich nie gelesener Brief an die Mutter, die Analphabetin ist. Er kommt mit zwei Jahren mit seiner Mutter und Großmutter aus Vietnam in die USA. Gleich zu Anfang wird die Gewalttätigkeit der Mutter thematisiert, die umso mehr erschreckt, als sie zwischen sprachlich feine Passagen gesetzt wird. Großmutter, Mutter, Kind: Alle durch den Vietnamkrieg psychisch erschüttert, alle nun in der Hoffnung auf ein besseres Leben im Land des Kriegsgegners. Alle binnen kurzer Zeit ohne jede Hoffnung. Es ist auch der Teil, der mir am eindrücklichsten bleibt.

„Unsere Muttersprache ist so überhaupt keine Mutter – sondern eine Waise. Unser Vietnamesisch eine Zeitkapsel, die den Punkt markiert, an dem deine Bildung endete, zu Asche zerfiel, Ma, unsere Muttersprache zu sprechen heißt, nur teilweise auf Vietnamesisch zu sprechen, aber ganz auf Krieg.“

Im zweiten Teil geht es um die Identifizierung als Teenager, der sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt bis hin zum Coming Out gegenüber der Mutter. Mit Trevor einem Farmerssohn erlebt er zum ersten Mal Sex. Auch hier ist Gewalt im Spiel, gewollte Gewalt. Es geht um die beiden Jungen, der eine weiß, der andere gelb, die sich durch die Zeit treiben lassen, begleitet von Drogen verschiedenster Art, langer Weile, Schwärmerei und dem Wunsch nach Rebellion, in einer heruntergekommenen Gegend, in einer für sie begrenzten Welt.

„Da war Gewalt bereits alltäglich für mich, war, was ich letzten Endes von Liebe wusste.“

Im dritten Teil, fünf Jahre sind vergangen, studiert „Little Dog“ in New York Literatur. Als er von Trevors Tod durch eine Überdosis Heroin erfährt, kehrt er zurück in die Stadt seiner Jugend. Kurze Zeit darauf stirbt auch die Großmutter und Little Dog reist mit der Mutter zur Beisetzung zurück nach Vietnam, nach Saigon.

„Ich wollte nie einen „Textkörper“ erschaffen, sondern sie, unsere Körper, atmend und verschollen im Text bewahren.“

Vuong unterfüttert seine Geschichte mit einzelnen Sätzen, Zeilen, die ungeordnet aus dem Rahmentext hervorbrechen, die teils wirken, als versuchten sie wie Säulen den Fließtext in seiner inhaltlichen Brüchigkeit und manchmal auch Grobheit zu stützen. Einfach ausgedrückt, bestehen sie womöglich aus gewonnener Erkenntnis in poetische Bilder gelegt.

Was mir gefehlt hat, ist die Entwicklungsgeschichte Little Dogs hin zum Studium, zur Literatur und zum eigenen Schreiben. Das hätte mich brennend interessiert.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ erschien gerade bei btb als Taschenbuch. Die Übersetzung stammt von Anne-Kristin Mittag. Eine Leseprobe gibt es  hier . Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen Hanser Verlag

Seit „Eileen“ und „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ bin ich großer Fan von Ottessa Moshfegh. Deshalb freute ich mich sehr auf den neuen Roman, der nun nicht mehr im Liebeskind Verlag erschien, wie seine Vorgänger. Zunächst war ich allerdings etwas enttäuscht. Mir erschien die Art der Sprache, der ganze Duktus anders als vorher. Ich dachte, vielleicht liegt es an der Übersetzung. Doch es war die gleiche Übersetzerin, Anke Caroline Burger. Ich las weiter und langsam aber sicher sprang der Funke über. Denn auch die Tiefe der Geschichte zeigt sich erst in ihrer fortdauernden Entwicklung. Ab der Hälfte war ich dann gespannt wie ein Flitzebogen. (Inzwischen weiß ich, dass das Buch bereits vor den beiden oben genannten erschien, vielleicht erklärt das meine anfängliche Zögerlichkeit). Und als ich das Buch zuklappte, war ich wieder höchst beeindruckt, was die Autorin da mit ihren Lesern macht. Vor allem nun auch gerade in der Vielfalt ihrer Figuren der einzelnen Romane. Das ist sehr gekonnt, immer wieder andere Charaktere vollkommen überzeugend und immer einzigartig in ihrer Seltsamheit und Verlorenheit wirken zu lassen.

„Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.“

So beginnt die Geschichte um Vesta und ihren Hund Charlie, die gerade in ein kleines einsam am See in Levant, Maine, USA gelegenes Holzhaus gezogen ist. Auf einem ihrer Spaziergänge durch die nahen Wälder findet sie einen Zettel mit diesen Worten. Nun könnte man dieses Zettel einfach liegenlassen und ignorieren und weiter spazieren. Doch das macht Vesta nicht. Sie nimmt den Zettel mit und beginnt zu rätseln. Vesta ist nach dem Tod ihres Mannes ans andere Ende des Landes gezogen und lebt sparsam und zurückgezogen mit dem geliebten Hund Charlie. Sie begegnet kaum anderen Menschen und ist auch froh darum. Umso mehr erschüttert sie diese Botschaft. Sie fühlt sich angesprochen und verpflichtet der Sache nachzugehen. Zunächst überlegt sie wer hinter dem Namen Magda stecken könnte. Dann versucht sie die wenigen Menschen, die sie in der Umgebung kennt, ihre Nachbarn, die Leute aus dem Supermarkt, sogar den unangenehmen Polizisten, damit in Verbindung zu bringen. Sie fährt zur Recherche in die kleine Stadtbücherei, weil sie im Haus kein Internet, ja nicht mal Telefon hat. Je mehr Zeit sie in diesen scheinbaren Hilferuf investiert, je stärker sie sich als Aufklärerin des Mordes an Magda identifiziert, desto undurchsichtiger werden die Geschehnisse für uns Leser/innen. 

Zwischendurch erfahren wir von Vestas Ehemann, der alles andere als liebevoll und zugewandt war, sondern ein regelrechter Macho, Tyrann und Ehebrecher. Wir lesen über die lieblose Kindheit in der italienischen Auswandererfamilie und den Versuch des Aufstiegs durch die Heirat, die vom Regen in die Traufe führt. Wir lesen, wie befreit sie sich nach der langen Pflege durch den Tod des Mannes fühlte. Wir lesen aber auch von der Einsamkeit einer alten Frau, die selbst am Essen sparen muss und deren Hund ihr einziger Vertrauter ist. Als Charlie dann eines Tages verschwindet, bricht die ganze Trauer aus ihr heraus.

„Und dann dachte ich an meine Einsamkeit, an den näher rückenden Tod, dass mich niemand kannte, dass mein Tod niemandem nahegehen würde. Ich dachte an meine seit Langem tote Eltern, wie wenig Liebe sie mir geschenkt hatten. Ich dachte an Walter mit seinen widerlich nachsichtigen Zärtlichkeiten. Selbst wenn er liebevoll zu mir sein wollte, bevormundete er mich und behandelte mich von oben herab. Ich war noch nie richtig geliebt worden.“

Sowieso passieren im Laufe der Geschichte allerlei seltsame Dinge. Die im Garten ausgesäten gerade gekeimten Pflänzchen wurden über Nacht ausgebuddelt, von Weitem vom See aus sieht es aus, als wären Leute im Inneren des Hauses, der Polizist verhält sich noch sonderbarer als sonst und bei einem unangekündigten Besuch bei den Nachbarn, bei denen ein Fest stattfindet, fällt Vesta aus unerfindlichen Gründen in tiefe Ohnmacht. Im Verlauf der Geschichte ist auch nicht mehr so klar, ob das alles in Wirklichkeit passiert oder in Vestas Fantasie oder gar durch ein allzu sehr gereiztes Nervenkostüm. Möge jede Leserin selbst erkunden, ob die Geschehnisse sich wirklich so zugetragen haben. Ich kann das Buch jedenfalls sehr empfehlen. Ein Leuchten!

„Der Tod in ihren Händen“ erschien im Hanser Berlin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 
 
 

Norbert Gstrein: Der zweite Jakob Hanser Verlag

Gerade zur Zeit ist sie wieder häufiger in den Medien: die Grenze zwischen den USA und Mexiko. Der Grenzzaun, der unter Trump zur Mauer werden sollte, hält mexikanische Bürger ab, in die Staaten abzuwandern auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Norbert Gstreins neuer Roman spielt zumindest in Teilen in der texanischen Grenzstadt El Paso, die direkt ins mexikanische Juarez übergeht. Wäre da nicht die Grenzkontrolle. Hauptprotagonist ist Jakob, der aus einer wohlhabenden Tiroler Skilift- und Hotelbesitzerfamilie stammt. Recht schnell hat er sich abgegrenzt und ist weggegangen aus dem Heimatort, aus dieser einengenden Dorfwelt. Ein halbwegs bekannter Schauspieler ist aus ihm geworden, der sich mithilfe des Erbes der Großmutter schadlos hält. Er ist der „zweite Jakob“ in der Familie, der etwas „anders“ ist.

In der Wüste rund um El Paso dreht er einen Film, in dem er einen Grenzpolizisten spielt, der je eine Geliebte auf beiden Seiten des Zaunes hat. Sein Part ist es am Schluss die mexikanische Geliebte umzubringen. Als Film-Mörder hat er schon Erfahrungen und dennoch macht ihm die Szene mehr zu schaffen als die Male zuvor. Weshalb erfahren wir aus einem Gespräch mit der Tochter Luzie 15 Jahre nach dem Vorfall.

Luzie, die mit 12 ins englische Internat abgeschoben wurde und nun mit 20 den bereits drei mal geschiedenen Vater vor einer geplanten gemeinsamen Reise in die USA fragt, was das Schlimmste war, dass er in seinem Leben getan hat. Eine interessante Frage, die von einer jungen Frau gestellt wird, die ebenfalls als „etwas anders“ beschrieben wird. Im Grunde erscheint sie mir als hochsensibler Mensch auf der Suche nach Halt und Stabilität, die sie nie von den Eltern bekommen hat. Nach einigen Ausflüchten erzählt Jakob von dem unheilvollen Geschehnis in der texanischen Wüste. Mit einer exaltierten betrunkenen Schauspielerkollegin war er im Auto mitgefahren und in der Dunkelheit überfuhren sie auf einer abgelegenen Straße eine Frau und begingen Fahrerflucht. Als Luzie das hört, ist sie entsetzt und distanziert sich von ihrem Vater. Die gemeinsame Reise fällt ins Wasser. Auch meine Reaktion als Leserin ist Entsetzen über diese Fahrerflucht. Wie schafft man es eine solche Schuld über 15 Jahre hinweg für sich zu behalten und damit zu leben?

In Vor- und Rückblenden, einmal Texas, einmal Innsbruck, wo Jakob und Luzie wohnen, taucht die Leserin tief in die Geschichte ein. In den Beschreibungen der Grenzregion mit ihren großen Problemen erfahren wir auch wie besonders hart es einmal mehr die Frauen trifft, die teilweise als halbe Kinder täglich in den Fabriken arbeiten und sich zusätzlich oft als Prostituierte verdingen, weil das Geld nicht reicht. Geschickt packt Gstrein diese Themen mit in die Story, indem er einen Journalisten in die Geschichte einführt, der in El Paso über unzählige Frauenmorde recherchiert. Jakob hat ihn in Verdacht, womöglich etwas über die Fahrerflucht heraus gefunden zu haben.

Auch das Vater-Tochter-Verhältnis erhält eine wichtige Rolle im Roman. Luzie als Hinterfragende und Jakob, der seine eigene Tochter im Prinzip gar nicht kennt. Und obwohl beide sich recht ähnlich sind, kommen sie dennoch selten gut miteinander aus. Luzies Freund behagt dem Vater nicht und seinem Biographen, einem windigen Typ, scheint sie mehr zu erzählen, als ihm lieb ist. Am Ende verbessert sich die Beziehung aber doch und Luzie begleitet den Vater sogar zu den Geburtstagsfeierlichkeiten in die Heimat, von der Jakob sie immer fern gehalten hatte.

Vor dem letzten Kapitel fügt Gstrein noch zwei kurze Kapitel ein, die meiner Meinung nach vollkommen überflüssig sind und keinerlei Mehrwert bringen, in dem der am Altern leidende, bald 60 werdende Jakob von einer möglicherweise tödlichen Krankheit erfährt und in dem er die obligatorische Affäre mit einer 30 Jahre jüngeren Frau hat. Sorry, das ist mir zu einfallslos und altmännerhaft. Hier wird manches in Frage gestellt, was es vorher an inhaltlicher Tiefe und Sprachgewandtheit gibt. Und auch weil der Roman nicht in Allem stimmig konstruiert ist, finde ich, dass es nicht der beste von Gstreins Romanen ist.

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Besprechungen zu Die kommenden Jahre und Als ich jung war von Gstrein, die mir auch besser gefielen, gibt es schon auf meinem Blog.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Don DeLillo: Die Stille Kiepenheuer & Witsch Verlag

Eine Flugzeugnotlandung in New York, ein Baseballspielübertragung, die nicht übertragen wird, der Bildschirm schwarz, die Notbeleuchtung in einem Krankenhaus. Fünf Menschen, zwei ältere Paare, ein junger Mann in einer Wohnung, die einen Stromausfall mutmaßen, aber über Schlimmeres spekulieren (ein Sonnensturm? der dritte Weltkrieg?). Das sind die Eckdaten des neuen Buches von Don DeLillo, dem großen amerikanischen Schriftsteller. Seine Romane sind fast immer kurz und knackig. Dieser hier ist gerade 100 Seiten lang und ich bin nicht sicher, was ich davon halten soll. Knackig finde ich ihn diesmal nicht. Klar, es geht um uns: die Gesellschaft des Überflusses, der Technologien, der weltweiten Vernetzung, der Globalisierung. Ob „Die Stille“ eine Kritik daran sein soll oder nur eine Momentaufnahme des Zusammenbruchs des Systems?

„Das Halbdunkel. Es steckt irgendwo im kollektiven Bewusstsein, sagte Martin. Die Pause, das Gefühl, das schon einmal erlebt zu haben. Irgendeine Naturkatastrophe oder Invasion. Ein warnender Instinkt, den wir von unseren Großeltern oder Urgroßeltern geerbt haben oder von noch weiter zurück. Menschen im Griff einer ernsten Bedrohung.“

Die Gespräche der Personen, die sich in der Wohnung in Manhattan eingefunden haben, um gemeinsam ein Baseballspiel zu sehen, sind so stupide wie Smalltalk oft ist und gleichzeitig spiegeln sie vermutlich die Hilflosigkeit angesichts der Situation. Der eine, Physikdozent, der alles was geschieht, von Einstein her denkt, bringt gleichzeitig Wissenschaft und Naturgesetze ins Spiel. Einer der hinterfragt, die anderen, die verständnislos eher hinnehmen, als versuchen zu verstehen?

„Von dem einen schwarzen Bildschirm in dieser Wohnung bis zur Lage ringsum. Was passiert da? Wer tut dem Ganzen das an? Sind unsere Gehirne digital überarbeitet worden? Sind wir ein Experiment, das zufällig gerade auseinanderbricht, ein Plan, den Kräfte außerhalb unserer Kalkulationen in Gang gesetzt haben?“

So begeistert ich sonst von DeLillos Romanen bin, so ratlos bin ich hier mit diesem. Was ihm gut gelingt, sind die unterschwelligen Schwingungen zwischen Einzelnen darzustellen. Dennoch hätte ich mir mehr Input gewünscht. Fazit: Schnell gelesen, die Kernessenz erfasst, aber wenig überzeugt von Sprache, Szenario und Personal. Im Feuilleton gibt es allenthalben jubelnde Stimmen, was ich nicht nachvollziehen kann. Immerhin in der Süddeutschen habe ich eine enttäuschte Stimme gelesen, was mich etwas beruhigt. Ich empfehle, lieber ältere Titel von DeLillo, zum Beispiel „Null K“, das mir sehr gut gefiel. Die Besprechung gibt es hier.

„Die Stille“ (auch den Titel finde ich wenig stimmig) erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Übersetzt hat den Text wie immer Frank Heibert. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ben Lerner: Die Topeka Schule Suhrkamp Verlag

Foto: pixabay, gemeinfrei

Das Buch „Wohin mit meiner Wut?“ – Neue Beziehungsmuster für Frauen von Harriet Lerner (damals in der Fischer Taschenbuchreihe „Die Frau in der Gesellschaft“) kennen wahrscheinlich heute nur noch meine Altersgenossinnen. Es war bei Erscheinen 1985 eines der ersten psychologischen, feministischen „Ratgeber“, die sich kritisch mit der Rolle der Frau in Beziehungen befassten. Aufgrund der Lektüre von Ben Lerners neuem Roman habe ich es aus meinem Buchregal gezogen und die damals angestrichenen Stellen nachgelesen. Verstaubt war es aber nur äußerlich, vieles ist auch heute noch aktuell. Dass Harriet Lerner Ben Lerners Mutter ist, merkte ich erst, als sie in seinem Roman vorkam.

In „Die Topeka Schule“ wird sie als Jane gehörig angefeindet von Männern nach Erscheinen dieses damals aufsehenerregenden Werks.

„Einmal fragte ich einen anderen leitenden Analytiker, warum er männliche Postdocs mit >Doktor< und weibliche Postdocs mit dem Vornamen ansprach, und prompt bekam ich beim nächsten Mal auf der Couch wieder den Penisneid-Vortrag. Der Diagnose Penisneid zu widersprechen war ein sicheres Zeichen für Penisneid.“

Ben Lerner erzählt also teils autobiographisch einen Teil eines Erwachsenwerdens in den 90ern in Topeka im Mittleren Westen der USA. Die einzelnen Kapitel handeln von der Hauptfigur Adam, seinem Vater Jonathan und seiner Mutter Jane, beide Psychologen an der Topeka Foundation. Zumeist wird aus der Sicht der jeweiligen Person erzählt. In Zwischenkapiteln, die schräg gesetzt sind, lesen wir von Darren, in Adams Alter und Umfeld, als auch Patient von Darrens Vater.

Adam, wohlbehüteter Sohn zweier Psychologen, in der letzten Klasse der Highschool ist ein Champion im Debattieren. Er gewinnt alle Schulwettkämpfe und erhält professionelle Unterstützung für sein Training. Ansonsten ist er aber ein gewöhnlicher Junge, eher sensibel sogar, vermutet man, von Migräneanfällen geplagt. Die Mutter deutet alles was in der Familie geschieht, nach ihrem Wissen als Familientherapeutin. Die Familie ist befreundet mit einem anderen Psychologenpaar, Sima und Eric. Sima hat iranische Wurzeln, hatte es mit ihrem übermächtigen Vater schwer, ebenso wie Jane. Die beiden sind nicht nur befreundet, sondern Sima wird auch zur Analytikerin von Jane. Was dabei durchklingt, ist der Missbrauch Janes durch ihren Vater.

Jonathan sieht sich in seiner Tätigkeit nach Alternativen zur Psychoanalyse um. So beschäftigt er sich viel mit Biofeedback, Meditation und anderen alternativen Methoden der Psychotherapie. Der stärkere Part in der Beziehung scheint durchaus Jane zu sein, auch klingt durch, dass Adam sich mehr an seine Mutter bindet. Zudem gibt es noch Klaus, einen älteren deutschen Psychologen, an dem sich Adam ebenfalls orientiert. Im Verlauf der Geschichte kommt es zwischen Adams Eltern immer wieder zu Auseinandersetzungen.

Schon im Teenageralter interessiert sich Adam nicht nur für die Debattensprache, sondern auch sein Interesse für Lyrik wird geweckt. Hier scheint es für ihn Möglichkeiten zu geben, freier und eigener Sprache zum Klingen zu bringen. So wie Sprache überhaupt das Thema des Romans ist. Sprache in jeder Ausdrucksform: Dialekt, Teenagerslang, Rap, Körpersprache, Hochsprache, gesprochene, geschriebene, irgendwie artikulierte, manipulierende Sprache. Sprache, die weit ab vom Inhalt nur noch für bestimmte Zwecke missbraucht wird.

Lerners Buch ist so komplex, dass man es eigentlich mindestens ein zweites Mal lesen müsste, um die verschiedenen Ebenen und tieferen Schichten zu entschlüsseln. Sicher auch, weil es keine leicht zu lesende Lektüre ist, sondern mit speziellem Wortschatz aufwartet und vom Leser enorme Konzentration verlangt. Mir haben die psychologischen, mitunter feministischen Teile mehr gefallen, als beispielsweise die ganzen ausführlichen Sequenzen über die Debattenkultur in den USA. Als Verbindungsglied fungieren die Parts, in denen es um Darren geht, der aufgrund seiner Herkunft nicht so richtig zur Collegeclique um Adam passt, in denen letztlich auch die Gewalt eskaliert. Für mich ist dieser Roman doch sehr typisch amerikanisch.

„In der Highschool bestand das Problem für ihn darin, dass das Debattieren einen zum Nerd und die Lyrik einen zur Pussy machte – auch wenn beides dazu beitragen konnte, einen in die undeutlich imaginierte Stadt an der Ostküste zu bringen, von der aus man mit großer Ironie über seine Erfahrungen in Topeka berichten konnte.“

Und das ist es, was Ben Lerner letztendlich tut. In seiner Rückblende mischt er sich auch immer mal wieder als Schriftsteller der Heute-Zeit ein und verwischt die zeitlichen Grenzen. Das ganze letzte Kapitel widmet er seiner inzwischen in New York gegründeten Familie und der aktuellen politischen Situation und seiner Position als Autor. Aus dieser Person heraus rührt er an Themen, die er gesellschaftskritisch durchleuchtet.

„Die Topeka Schule“ erschien im Suhrkamp Verlag und wurde übersetzt von Nikolaus Stingl. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein interessantes Interview mit dem Autor:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nell Zink: Das Hohe Lied Rowohlt Verlag

Nach „Virginia“ ist es der zweite Roman, den ich von der in Bad Belzig nahe Berlin lebenden Amerikanerin Nell Zink lese und es bestätigt sich, dass diese Autorin eine ungewöhnlich gute Erzählerin ist. Ich frage mich, warum sie so selten im Feuilleton oder auf Blogs besprochen wird. Ihre Erzählweise ist so mitreißend, kraftvoll und witzig, dass es eine Freude ist. So schafft sie es mit Themen, in denen ich mich gar nicht auskenne oder für die ich mich normalerweise nicht so brennend interessiere, dass ich trotzdem bereits nach den ersten Zeilen nicht mehr von ihrer Story los komme.

In „Das Hohe Lied“ spannt sie einen Bogen vom New York der 80er Jahre über Washington DC bis übers Jahr 2016 hinaus, als Donald Trump die Wahl zum Präsidenten gewinnt. Wir lernen Joe, Daniel und Pam kennen. In einzelnen Kapiteln werden diese Hauptprotagonisten mit ihrer Herkunft vorgestellt, bis sie in der Geschichte schließlich in New York zusammen treffen. Alle drei wollen Musik machen. Alle drei können es aber gar nicht so toll. Trotzdem planen sie mit einem von Daniel getragenen Musiclabel Joes unverblümt spontane Musik zu veröffentlichen. Daniel und Pam werden ein Paar. Pam ist früh von zuhause, sprich Washington DC abgehauen und hat als Programmiererin einen guten Job gefunden. Daniel arbeitet für Zeitarbeitsfirmen. Als Pam sehr jung schwanger wird, ist es für beide trotzdem keine Frage das Kind zu bekommen. Sie engagieren Joe als Babysitter für Flora und produzieren nebenbei Musik. Unverhofft wird ein Song von Joe tatsächlich erfolgreich, er unterschreibt einen Plattenvertrag und geniesst künftig sein hedonistisches Leben. Die raffinierte drogenabhängige Freundin, die der unbedarfte Joe aufgabelt, lässt Pam und Daniel sich um ihn sorgen …

Dennoch läuft alles ganz gut, bis am 11.9.2001 in New York zwei Flugzeuge in das World Trade Center donnern. Ab diesem Zeitpunkt verändert sich das Leben. Daniel und Pam packen die kleine Flora ins Auto und fahren zu den Großeltern. Dort kommt es schließlich zum Entschluss, Flora dort im sicheren Wohnviertel zur Schule gehen zu lassen. Die beiden Alt-Punks kehren ins in die Jahre gekommene Loft nach New York zurück.

„Die Stadt hatte ihren Billigtouch verloren. […] Die Reichen waren noch reicher, und Armut war inzwischen nicht mehr praktikabel. In ganz Manhattan stand die Mittelschicht mittleren Alters inmitten der Trümmer ihrer privaten Altersvorsorge und wartete darauf, ihre Positionen im mittleren Management zu verlieren.“

Wir begleiten sowohl die persönliche Entwicklung und Ausbildung von Flora, als auch die der politischen Entwicklung der Vereinigten Staaten. Der Bankencrash, der erste schwarze Präsident, und dann der Wahlkampf, der auf die Wahl Trumps zusteuert, in dem sich Flora nach Ende ihres Studienabschlusses in Biochemie für die Grünen engagiert. Flora steht stellvertretend für die junge Generation, die mit den Sozialen Medien aufwächst und sich in diesen sicher bewegt.

„Sie war damit groß geworden, der potenziell sofortigen weltweiten Verbreitung eines jeden von ihr geäußerten Wortes eine Kosten-Nutzen-Analyse vorauszuschicken.“

Sie steht für die Generation, die sich aufgrund des Klimawandels um ihre Zukunft sorgt, die die Welt retten und sich politisch engagieren will, die sich aber auch mit einer gewissen Desillusionierung auseinandersetzen muss.

„Der Krieg gegen öffentliche Güter und privates Auskommen hatte einen Namen: Wirtschaftswachstum, Kapitalismus, der zum Kapital – den natürlichen Ressourcen, wie etwa Flüssen voller kostenlosem Fisch – im selben Verhältnis stand wie der Islamismus zum Islam. Es war ein Fetisch, der „Güter“ produzierte, die nicht „gut“ waren.“

Mit dem Ergebnis, dass Flora mehr als einmal hinterfragt, wohin die Reise gehen soll und erst recht wozu. Auch in ihren ersten Beziehungen zeigt sich dieses Schwanken, dieses nicht genau wissen wohin. Der Professor, der an der Uni ihre Arbeit betreut, der wesentlich ältere eloquente Politik-Berater, der junge unbedarfte Praktikant, der an Joe erinnert? Manchmal erfordern dann die Ereignisse doch Entscheidungen, so auch bei Flora.

Nell Zink hat einen überzeugenden, wie unterhaltsamen Roman geschrieben, der durchaus kritisch brandaktuelle Themen unter die Lupe nimmt. Zink brachte mir dabei zum Beispiel die Funktionsweise des Wahlkampfs in den USA, die mich bisher gar nicht interessiert hat oder aber auch, wie die Musikszene und der Musikbusiness wirklich funktioniert, nah. Sie ist eine kluge Erzählerin, die nie langweilt, ganz gleich um was es geht. Sie schreibt in einer ebenso flotten, wie gründlichen Sprache mit sehr gelungenem Humor. Die hohe Qualität hält sie geschickt bis zum perfekt konstruierten Schluss durch.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt wurde es von Tobias Schnettler. Eine Leseprobe gibt es hier.

Ottessa Moshfegh: Eileen btb Verlag

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Lange schon habe ich diese Autorin im Auge. Endlich habe ich nun nach Erscheinen des Taschenbuchs nach „Eileen“ gegriffen. Und bin sehr froh darüber. Ottessa Moshfeghs Stil ist so herrlich unverblümt, geschrieben ohne ein Blatt vor dem Mund, sehr ehrlich, mitunter zum Fremdschämen. Ich bin mir sicher, dass es Menschen wie die entzückende Antiheldin Eileen auch in der Wirklichkeit gibt, vielleicht öfter als man glaubt. Der raue Ton, die feine Selbstironie, sie passt so gut zum Schauplatz und zur Situation.

USA 1964, eine Kleinstadt in der Nähe von Boston: Die 24-jährige Eileen arbeitet in einem Gefängnis für jugendliche Straftäter. Ihr Vater, ein Polizist im Ruhestand ist Trinker, der mitunter Wahnvorstellungen hat. Durch ihn hat sie den Job bekommen. Um ihn kümmert sie sich notgedrungen, obwohl er sie extrem schlecht behandelt. Zuvor musste sie ihr Studium aufgeben, um die kranke Mutter zu pflegen, die schließlich starb. Eileen hat Minderwertigkeitsgefühle, wird ihr doch dauernd gespiegelt, dass sie nichts wert ist, zu nichts taugt. Für eine 24-jährige ist sie sehr naiv, hat keine Freundinnen, geschweige denn einen Freund. Dafür schwärmt sie für Randy, einen Gefängniswärter, dem sie sich aber nur ihn ihrer Fantasie, in ihren Tagträumereien nähert und regelmäßig vor seinem Haus heimlich beobachtet. Ihr Job ist langweilig und anspruchslos und sie malt sich aus, das alles bald hinter sich zu lassen und abzuhauen.

„Alles, was populär oder in Mode war, verstärkte nur mein Gefühl von Einsamkeit. Ich wollte nichts davon wissen, dann konnte ich wenigstens so tun, als hätte ich mir dieses Leben selbst ausgesucht.“

Wie Moshfegh ihre Hauptprotagonistin schildert ist extrem gut gemacht. Sie dringt tief in deren Psyche ein und arbeitet jedes intime Detail aus. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird das Ausmass der Schrecknisse, desto tiefer tun sich die Abgründe auf.

„Ich war melancholisch veranlagt, könnte man sagen. Launisch. Aber ich glaube, durch und durch herzlos war ich nicht. Wäre ich in eine andere Familie hineingeboren worden, wäre ich vielleicht als ganz normaler Mensch aufgewachsen.“

So erleben wir, dass Eileen in einem Feldbett auf dem Dachboden schläft, kaum etwas isst oder sich sehr schlecht ernährt. Ihre Verstopfung bekämpft sie mit reichlich Abführmitteln. Zu dieser Essstörung kommt dazu, dass auch sie dem Alkohol zugetan ist und beinahe genau so viel verträgt wie der Vater. Befremdlich auch, dass sie die altbackenen Kleider ihrer Mutter aufträgt und die Schuhe ihres Vaters wegsperrt, damit er nicht auf Sauftouren gehen kann. Mitunter denkt sie auch über Suizid nach.

„Aber ganz ehrlich: Selbst in diesen dunkelsten Augenblicken war die Vorstellung, dass jemand meinen nackten Leichnam untersuchen würde, schlimm genug, um mich am Leben zu halten. So sehr schämte ich mich meines Körpers.“

Eileen beginnt aufzublühen, als sie eine neue Kollegin bekommt. Eine hübsche, bewundernswert selbstbewusste Rothaarige, die sich ausgerechnet für Eileen zu interessieren scheint. Sogleich fängt diese an, Rebecca anzuhimmeln. Eileen ist so bedürftig, dass sie die Zuwendung so überhöht und glaubt, von nun an ändere sich ihr Leben komplett. Sogar Randy ist plötzlich uninteressant geworden.

Als Rebecca sie für den Heiligabend (Eileen hasst die Heile-Welt-Familienweihnachtsfeiern) zu sich nach Hause einlädt, schwebt sie im 7. Himmel. Doch alles kommt ganz anders, als sie es sich ausmalt …

„Eileen“ erschien im Liebeskind Verlag und als Taschenbuch bei btb. Großartig übersetzt hat es Anke Caroline Burger. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Arthur Miller: Fokus Büchergilde Gutenberg

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In ihrem Nachwort dieser Büchergilde-Ausgabe von Arthur Millers (1915 – 2005) Fokus, schreibt die Illustratorin und Grafikerin Franziska Neubert darüber, wie erschrocken sie war, als sie das Buch las, um sich auf die Illustrationen vorzubereiten. Genauso erging es mir. Arthur Miller, vor allem bekannt durch seine Theaterstücke, schreibt in seinem einzigen Roman über Antisemitismus in den USA. Die Geschichte erschien erstmals 1945, sie spielt kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in New York. Bisher war mir nicht bewusst, dass der Antisemitismus auch in den Vereinigten Staaten solche Ausmaße besaß. Nach einiger Recherche ist mir nun klar, dass es vor allem christliche Organisationen waren, die massiv gegen Juden hetzten, wie in Millers Roman die „Christliche Front“.

Zitat aus Wikipedia„Nach einer Umfrage von 1939 waren 53 Prozent der US-Bürger der Ansicht, dass Juden anders seien und Einschränkungen unterliegen sollten. Verschiedene Untersuchungen zwischen 1940 und 1946 belegten, dass sie als eine größere Gefahr für das Wohl der Vereinigten Staaten angesehen wurden als jede andere national, religiös oder rassisch definierte Gruppe“ 

In „Fokus“ erleben wir, wie der als Personalchef in einem großen Unternehmen tätige Lawrence Newman nach jahrzehntelanger Betriebszugehörigkeit plötzlich aus seiner leitenden Position verdrängt wird. Der Grund: Er muss wegen eingeschränkter Sehkraft eine Brille tragen, die ihn in den Augen vieler wie ein Jude aussehen lässt. Erschreckend, wie allein anhand der Physiognomie hier Ausgrenzung stattfindet. Auch als Personalchef hatte Newman strenge Anweisungen „solche“ Bewerber gleich abzuwimmeln. Nun trifft es ihn selbst. Lange findet er keinen Job und auch in den Augen seiner Nachbarn wird er plötzlich zum Feind. Vor allem, weil er einer antisemitisch ausgerichteten Organisation nicht beitreten will, für die sein Nachbar Fred wirbt. In der gleichförmigen Einfamilienhaussiedlung in Queens gibt es jedoch schon Anfeindungen gegen den Ladenbesitzer Finkelstein. Man will das Viertel „säubern“.

„Finkelstein war noch ein junger Mann, als Jude aber war er alt. Er wusste, was da vorging; er musste es wohl wissen. Zweimal hatte er in den letzten drei Wochen, wenn er um sechs Uhr früh aus seinem Haus gekommen war, seinen Mülleimer auf der Seite liegend gefunden und die Abfälle vor seinem Haus verstreut.“

Newman, der, selbst voller Vorurteile, zuvor nie darüber nachgedacht hatte, warum man Juden ausgrenzt, erfährt nun selbst, was es bedeutet. Er wird nicht mehr als Einzelner gesehen, sondern aufgrund der vermeintlichen Zugehörigkeit einer Rasse behandelt. Newman versucht anfangs alles zu tun, weiter dazuzugehören, doch das ändert nichts. Etwas verändert sich nun in seinen Gedanken.

Als er an seiner neuen Arbeitsstelle eine Frau trifft, deren Bewerbung er ehemals aufgrund ihres Aussehens als Personalchef abgelehnt hatte, scheint sich sein Leben noch einmal grundlegend zu ändern: Er verliebt sich, sie heiraten. Zunächst scheint alles leichter, doch als beide in einem Hotel aufgrund ihrer vermeintlichen Herkunft kein Zimmer erhalten, beginnt auch hier die Schmach. Lawrences Frau Gertrud möchte nun, dass er auch zu den Versammlungen geht, dass sie endlich auch zeigen, auf welcher Seite sie sind. Newman hingegen erlebt am eigenen Leib, was die Fanatiker anrichten können. Das, was vorher allein Finckelstein zu ertragen hatte, trifft nun auch ihn. Er erlebt Ablehnung bis hin zur physischen Gewalt. Doch all das sensibilisiert ihn umso mehr. Und so steht er schließlich Finkelstein näher als allen anderen …

Arthur Miller hat einen Roman geschrieben, der mich aufgrund seiner perfekten Konstruktion und seiner gekonnten Sprache stark beeindruckt. Vollkommen mit genommen und mit wachsender Erschütterung las ich dieses Buch und möchte es hier bedingungslos empfehlen. Zumal Franziska Neuberts Holzschnitte sich in ihrer Zurückgenommenheit perfekt in die Geschichte einpassen, genug Raum lassen für eigene Bilder. Nie zeigt sie Gesichter, nie sieht man Newman genau. Absichtlich nicht, sagt Neubert. Das leuchtet ein, zumal allein die Atmosphäre und die Farbgebung hinreichend Auskunft geben, dass hier Unheimliches geschieht. Ein Leuchten!

„Fokus“ erschien in der Büchergilde Gutenberg wie immer in feinster Ausstattung. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzte es Doris Brehm. Von der 1977 geborenen Graphikerin Franziska Neubert stammen die ausdrucksstarken Illustrationen.

Weiter Besprechungen zum Buch gibt es bei Zeichen & Zeiten und bei Gute Literatur – Meine Empfehlung.

Ergänzend bietet sich als Lektüre an: „Der Empfänger“ von Ulla Lenze.

Ulla Lenze: Der Empfänger Klett-Cotta Verlag

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Der neue Roman von Ulla Lenze basiert auf biografischem Material. Die Geschichte ist angelehnt an die Erlebnisse ihres Großonkels. Sie beginnt in Costa Rica 1953 und spielt in Rückblenden zu großen Teilen in New York beginnend im Jahr 1939, und zu kleineren Teilen in Neuss im Nachkriegsdeutschland des Jahres 1949. Hauptfigur ist Josef Klein. Er ist ausgewandert in die USA, um es besser zu haben, sein Bruder Carl blieb zurück. Doch mit dem Job in einer Druckerei kommt er nur gerade so über die Runden. Aus seiner Passion für Funkgeräte lässt sich Geld machen, allerdings nicht so wie Josef sich das vorstellte, denn er gerät an patriotische Deutschamerikaner, die für die Nationalsozialisten spionieren.

Ein höchst spannendes Thema, das Ulla Lenze hier bearbeitet. Wenig bekannt ist über das Schicksal deutschstämmiger Amerikaner, die nach dem Eintritt der USA in den zweiten Weltkrieg unter Generalverdacht standen. Tatsächlich gab es zuzeiten den Amerikadeutschen Bund geführt von Fritz Kuhn einem glühenden Nazi, der sogar riesige öffentliche Kundgebungen, wie etwa im Madison Square Garden 1939 abhielt.

Josef „Joe“ Klein gerät zufällig durch einen Kunden der Druckerei in eine solche Veranstaltung und man bietet ihm, dem talentierten Amateurfunker, einen Job an. Joe scheint tatsächlich lange nicht zu verstehen (oder will es nicht wissen?) für wen er da arbeitet. Als es ihm klar wird, auch durch das Insistieren seiner Geliebten Lauren, die die Gefahr, die von den Nazis ausgeht deutlich erkennt, ist es natürlich zu spät. Er steckt mittendrin, erfindet und baut sogar ein mobiles Funkgerät, welches unabhängig von verräterischen Standorten bedient werden kann. Lauren besteht schließlich darauf, dass Joe sich beim FBI melden und berichten soll. Die wollen ihn dann als Gegenspion engagieren. Doch Joe ist für solche Aufgaben zu wenig raffiniert und sein Gewissen macht ihm zu Schaffen. Als er schließlich verhaftet wird, scheint er fast erleichtert.

Nach über 5 Jahren Haft und anschließender Internierung auf Ellis Island, der Insel, wo er einst erstmals einen Fuß auf amerikanischen Boden setzte, schickt man ihn nach Deutschland zurück. Dort wohnt er in Neuss bei seinem Bruder und der Familie. Doch weder er noch die Familie, die den Krieg so ganz anderes erlebt hat als er, kommen mit der Situation gut zurecht. So knüpft Joe wieder Kontakte zu den ehemaligen „Arbeitgebern“, in der Hoffnung mit neuem Pass über Südamerika wieder in die USA zurückkehren zu können …

Ulla Lenzes Roman macht neugierig und lädt dazu ein, sich mehr mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Dazu bietet sie sogar eine Liste an Literatur und Filmmaterial im Anhang des Buches an. Sehenswert dazu diese Arte-Doku „Zum Nazi verdammt“. Dass da auch Arthur Millers „Fokus“ steht, passt gut, da der illustrierte Büchergildeband ohnehin hier zur Lektüre bereit liegt. Interessant auch, dass ich gerade erst einen Roman las, der in eben jener Zeit in Harlem um die 116. Straße spielt, in dem auch Protagonist Joe lebt: „The Street“ von Ann Petry. Mit vollkommen anderem Blickwinkel zwar, dennoch schließen sich für mich Kreise, klären sich Zusammenhänge. Beide Romane stelle ich in den nächsten Beiträgen ausführlich vor.

„Der Empfänger“ erschien im Klett-Cotta Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.