Uwe Timm: Ikarien Kiepenheuer & Witsch

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Gleich eingangs, vielleicht schon vom Cover her, fiel mir eine gewisse Ähnlichkeit zu Christoph Heins „Trutz“ auf. Hier ein Eugeniker, dort ein Mnemoniker. Hier ein Ploetz, dort ein Trutz, jeweils ein schwarz-weiß-rotes Cover und die Geschichte eines Erzählers in Rückblenden erzählt und zwei in etwa gleich alte Autoren …
Natürlich ist es dann doch etwas ganz anderes, schließt aber gut an das kürzlich besprochene Buch „Die Stunde der Spezialisten“ an, welches mir letztlich – Hand aufs Herz – auch besser gefiel, obwohl ich Uwe Timms Romane sehr mag..

„Es sind keine Monster, recht normale Menschen. Und solange sie leben, haben sie tausend kleine Erklärungen, wie sie zu diesem bereitwilligen Pflichttöten gekommen sind, warum es „normal“ erschien. Am Anfang vielleicht noch begleitet von einem schlechten Gewissen, das ihnen sagte, es ist nicht recht, ein Tun, das dann durch die Gewöhnung selbstverständlich wurde.“

Timm siedelt seine Handlung kurz nach dem Krieg 1945 in Deutschland an. Der junge amerikanische, aber deutschstämmige Nachrichtenoffizier Hansen soll einen überlebenden Zeitzeugen und Dissidenten befragen, um herauszufinden, was dessen ehemals enger Freund Alfred Ploetz (den es tatsächlich gab), ein Eugeniker, also ein Wissenschaftler, der die Erbanlagen von Menschen untersucht, um etwa zukünftige Erbkrankheiten zu verhindern, mit dem Thema Rassenhygiene zu tun hat. Mit seinen Theorien und seiner Forschung arbeitete er offensichtlich direkt den Nationalsozialisten in die Hände.

„Langweile ich sie?“

fragt der Zeuge Wagner einmal im „Verhör“, eigentlich sind es wohlwollende Gespräche. Und ich als Leserin muss leider antworten: „Ja, mitunter schon“.

Denn so richtig kommt der Roman nicht in Schwung. Irgendwo hakts; ich weiß nicht genau wo. Die Zeugenbefragung erweist sich als sehr langatmig, da der 81-Jährige, der versteckt in einem Antiquariat lebte, sehr weit ausholt, auch mit seiner privaten Lebensgeschichte aufwartet. Das ist allerdings noch relativ interessant, im Gegensatz zum Privatleben des befragenden Offiziers, das immer zwischen den (Verhör-)Gesprächen eingeschoben wird: So sieht man Hansen, den amerikanischen Offizier durch das zerstörte München laufen, Kaugummis verteilen oder den Erörterungen seines Mitbewohners, des GI´s George, im beschlagnahmten Haus am Ammersee über Vogelkunde lauschen. Ansonsten liest man, wie Hansen mit dem ebenfalls beschlagnahmten Cabrio Frauen durch die oberbayerische Landschaft chauffiert, ganz abgesehen von den folgenden Bettgeschichten. Hier hätte Timm die Person Hansens interessanter machen oder diese Zwischenspiele gleich gänzlich weglassen können.

Interessant wird der Roman immer dann, wenn er tatsächlich zum Thema der ganzen Untersuchungen kommt, der Eugenik, was leider nur oberflächlich der Fall ist. Noch interessanter sind die Teile, die den Besuch der neuen Siedlungen der „Ikarier“ oder der „Amanen“ in den USA schildern, bei denen die Suche nach einer neuen Gesellschaftsform, einer neuen Lebensart im Mittelpunkt steht. Wagner und Freund Ploetz begaben sich auf die Erkundungsreise, die Auserwählten aus einem Kreis, zu denen auch die Gebrüder Carl und Gerhart Hauptmann gehörten.

„Sie haben Posten verteilt, die Idee war groß, diese Idee, dass es eine Gesellschaft geben müsse, die beides vereint, die soziale Gerechtigkeit und die Weiter- und Höherentwicklung der Menschen.“

Ikarien, ist die Idee einer utopischen Gemeinschaft, die vom französischen Revolutionär Étienne Cabet 1840 in Amerika gegründet wurde und bei der alle Besitztümer verstaatlicht sind. Interessanterweise funktionierten die Kommunen, die religiös-spirituell ausgerichtet sind gut, während bei den kommunistischen Denkmodellen bald große Unzufriedenheit unter den Bewohnern herrschte.

Timms Roman erscheint mir mitunter etwas zu ausschweifend erzählt, wo hingegen die tatsächliche Thematik „Ikarien“, das Nachdenken über neue Möglichkeiten des Zusammenlebens in sozialer Gemeinschaft, das ja aktueller ist, denn je, etwas zu vage blieb …

Uwe Timms „Ikarien“ erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier .

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Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind Rowohlt Verlag

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Die große amerikanische Schriftstellerin Toni Morrison, immerhin 86 Jahre alt und bereits im Jahr 1993 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, hat wieder einen neuen Roman geschrieben. Ich erinnere mich an Romane wie „Menschenkind“, „Blaue Augen“, „Sula“, die ich damals vor Jahrzehnten noch in der Rowohlt-Taschenbuchreihe „Neue Frau“ gelesen habe. Eine Autorin, die sich schon immer stark einsetzte für die Rechte der farbigen Bevölkerung und die der Frauen.

Toni Morrison hat in „Gott, hilf dem Kind“ eine tolle Romanfigur geschaffen. Bride, eine junge Schwarze hat sich aus den denkbar schlechtesten Verhältnissen hochgearbeitet und ist mit Anfang zwanzig bereits Leiterin einer Kosmetikfirma. Sie hat sich ein nicht zu übersehendes Outfit zugelegt. Nur weiße Kleidung, kein Make-up, kein Schmuck. Und das Konzept geht auf. Sie ist erfolgreich, gutaussehend und wird umschwärmt. Endlich ist sie wer. War doch ihre Mutter, die sehr hellhäutig ist wie auch der Vater, entsetzt über dieses tiefdunkle Kind und vollkommen überfordert. Bride erfuhr von ihr erst Wertschätzung, als sie vor Gericht eine wichtige Aussage als Zeugin gegen eine Lehrerin, die wegen Kindesmissbrauch angeklagt war, machte.

„Ich verkaufe meine schwarze Eleganz an all die Plagegeister meiner Kindheit, und sie bezahlen mich teuer. Und ich muss zugeben, dass es mehr als eine Entschädigung ist, all jene, die mich gequält haben – die echten und die, die ihnen gleich sind – heute vor Neid sabbern zu sehen, wenn sie mir begegnen. Es ist ein Triumph.“

Die Geschichte setzt ein, als Bride gerade von ihrem Freund Booker verlassen wurde und jene Lehrerin aus dem Gefängnis entlassen wird. Bride hat sich in den Kopf gesetzt, sie müsse eine Schuld abtragen und dieser Frau materiell weiterhelfen. Als sie ihr gegenübersteht und sagt, wer sie ist, schlägt die andere sofort zu. Bride kommt ins Krankenhaus. Obwohl sie körperlich schnell wieder gesund wird, scheint sie innerlich angeschlagener als sie zulassen will. Beide Geschehnisse leiten einen Wandel in Brides Leben ein.

Sie merkt plötzlich, wie sich ihr Körper langsam in den eines Kindes zurückverwandelt – ein toller Griff in die Trickkiste des magischen Realismus: Morrison ermahnt hier ihre Protagonistin achtsamer zu werden, mehr nach innen zu schauen, da ihr Leben aus dem Ruder zu laufen scheint. Letztlich beginnt damit ein Prozess, der von der reinen Oberfläche wegführt zu mehr Bewusstsein. Hierin liegt eventuell sogar die Chance zur Heilung der traumatisierten Kinderseele … Dann der Unfall auf dem Weg zu Booker und die Familie, die sie so uneigennützig aufnimmt und pflegt …

Bis hierhin hat mir das Buch extrem gut gefallen. Die Erzählperspektive aller Figuren einzunehmen und aus deren Blickwinkel zu berichten war stimmig. So erfährt der/die Leser/in hier auch einiges aus Bookers Lebensgeschichte, die ebenso viele traumatische Erfahrungen aufweist wie Brides`.

Vorsicht Spoiler:
Irgendwann zwischen dem dritten und vierten Teil wird mir die Geschichte dann doch etwas zu übertrieben dramatisch und auch noch mit vorhersehbarem Happy End. Bride erfährt Bookers neue Adresse, steigt ins Auto und fährt zu ihm nach Kalifornien. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Bookers Tante, die sofort zur Vertrauten Brides wird, stirbt fast bei einem Feuer, wird aber von beiden gerade noch aus ihrem brennenden Wohnwagen gerettet. Durch die gemeinsame Pflege der Tante nähern sie sich einander wieder an. Plötzlich stirbt die Tante dann doch und beide überlegen, ob sie jetzt wieder richtig zusammenkommen. Und dann ist Bride auch noch schwanger und Booker sagt: „unser“ Kind. Und ihre tolle Stelle als Chefin der Kosmetikfirma ist ihr auch plötzlich ganz egal …

Das ist mir etwas zuviel schnelle Verwandlung von „Schatten“ in „Licht“, von Oberfläche zu Innenschau. Das wirkt auf mich doch sehr wirklichkeitsfern. Was so stark begann überzeugt mich zum Ende hin nicht und klingt an wie im Hollywoodfilm.
Dennoch: Ein wichtiges Buch mit leider nie endenwollender Aktualität und Brisanz ist es jedenfalls, als hätte sich in all den Jahren, die Toni Morrison schon dagegen anschreibt, kaum etwas geändert …

Toni Morrisons Roman erschien bei Rowohlt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Weitere Blogbesprechungen gibt es unter anderem bei Sätze & Schätze und  Leckere Kekse.

Nellie Bly: 10 Tage im Irrenhaus AvivA Verlag

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Eine schöne Idee: Verlagebesuchen scheint mir in Berlin ganz besonders ergiebig. In diesem Jahr war ich beim AvivA Verlag in Moabit. Die Verlegerin Britta Jürgs hatte ihr Büro in einen gemütlichen Empfangsraum für Gäste verwandelt und erzählte aus der nunmehr fast 20jährigen Verlagsgeschichte. Britta Jürgs hat seitdem nichts von ihrem Elan und ihrer Buchleidenschaft verloren. Mit bewundernswertem Engagement widmet sie sich vorrangig Entdeckungen aus den 20er Jahren, aber nicht nur. Da ist viel Offenheit für Neues. So wird demnächst eine georgische Autorin im Programm dabei sein.

Eines der Highlights aus dem Verlagssortiment scheint mir Nelly Blys Buch „10 Tage im Irrenhaus“ zu sein. Es ist bereits 2011 in deutscher Sprache erschienen und erregte damals nach Ersterscheinung in New York 1887 enormes Aufsehen. Doch auch heute ist diese Geschichte noch spannend, denn leider werden immer noch Menschen aufgrund einer psychischen Erkrankung stigmatisiert und weggesperrt.

Der erste Auftrag bei der New Yorker Zeitung „New York World“ führte die forsche, erst 23-jährige Journalistin Nellie Bly in die psychiatrische Anstalt Blackwell´s Island, damals berühmt und berüchtigt. Sie sollte sich undercover einschleichen und über die misslichen Zustände der Insassen direkt vor Ort recherchieren.

„Ich war von vier Fachärzten für geisteskrank erklärt worden un war nun hinter den unbarmherzigen Stäben und Gittern eines Irrenhauses eingesperrt! Hier gefangen zu sein und Tag und Nacht als Gefährtin von besinnungslosen, plappernden Irren zu verbringen, mit ihnen zu schlafen, mit ihnen zu essen und als eine von ihnen betrachtet zu werden, das war eine unbehagliche Situation.“

Was Nellie Bly dort erlebt, ist unvorstellbar. Nahezu 1600 Frauen lebten in dieser Anstalt unter unsäglichen Bedingungen. Das Essen war nicht Essen zu nennen, die Behandlung nicht menschenwürdig. Nicht die Angestellten erledigten alle Arbeiten, sondern die Patientinnen. Es war keine Heilanstalt sondern eine „Aufbewahrungsanstalt“. Die eigentlich Hilfsbedürftigen erhalten bei Widerworten und Widerstand Schläge, jedoch keinerlei Medikamente. Die Ärzte scheinen sich nicht zu kümmern. Die Frauen werden in dieser Hölle aller Wahrscheinlichkeit nach erst in den Wahnsinn getrieben, zu Verrückten gemacht. Alle Frauen, mit denen Nellie Bly vor Ort sprach, zeigten keinerlei Anzeichen von Wahnsinn …
Obwohl Nellie mit ihrer Aktion erreichen wollte, dass sich die Bedingungen für die Patientinnen verbesserten, ist dies von öffentlicher Hand wohl nur kurzfristig und nicht hinreichend geschehen.


Von Nellie Bly gibt es außerdem ein Buch über ihre Weltreise von 1890, die sie ebenfalls für die Zeitung machte, und zwar schneller als Jules Verne es sich ausdachte, nämlich in 72 Tagen, sechs Stunden, elf Minuten und 14 Sekunden und das alleine als Frau. Das Buch ist ebenfalls im AvivA Verlag erschienen. Leseproben beider Bücher hier.
„Zehn Tage im Irrenhaus“ enthält ein informatives Nachwort von Martin Wagner, der auch übersetzt hat.

Es gibt zwei weitere Bücher zu diesem Thema hier auf dem Blog:
Zum einen ist es der Roman „Professor Hieronimus“ von Amalie Skram, der erstmals 1895 erschien und im vergangenen Jahr beim Guggolz Verlag in deutscher Sprache aufgelegt wurde.
Zum zweiten das Buch „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ von Christine Lavant, die im Jahr 1935 einige Monate in der Psychiatrie verbrachte, erschienen im Wallstein Verlag.

Jonas Lüscher: Kraft C. H. Beck Verlag

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„So einfach ist das nicht, Kraft, nie und nichts.“

Nachdem Jonas Lüscher mit seiner vor einigen Jahren erschienen Novelle „Frühling der Barbaren“ überraschenden und zu Recht großen Erfolg hatte, ist nun sein Roman „Kraft“ erschienen. Anfangs brauchte ich etwas Zeit, um mich in Lüschers Sprache einzulesen. Doch ab dem zweiten Kapitel wurde es ein großes Vergnügen, denn Lüscher hat sprachlich echt was drauf, um es salopp auszudrücken. Wirklich gut konstruiert ist dieser Roman, der immer wieder aus Krafts Gedanken in seine Vergangenheit schwenkt. Dabei wird die Hauptsache, nämlich der Millionengewinn, den sich die Hauptfigur Kraft zu erschreiben hofft, eigentlich zu einer Randgeschichte.

Es geht um eine philosophische Frage:„Warum lässt Gott, wenn er doch vollkommen ist, das Böse auf der Welt zu?“  Oder in diesem Fall, leicht abgewandelt: „Why whatever is, is right and why we still can improve it?“ „Alles ist gut, aber wir können es noch verbessern.“ Diese Theorie soll untermauert werden, so will es ein schwerreicher Millionär aus dem Silicon Valley und er schreibt für die beste Antwort einfach mal eine Million aus. Kraft denkt sich, das kommt ja sehr passend. Er braucht Geld, da er sich monetär vollkommen übernommen hat und zudem scheint die Beantwortung dieser Frage für ihn, den angesehenen Rhetorikprofessor aus Tübingen, ein Leichtes. So fliegt er nach Kalifornien und findet Unterkunft bei seinem alten Freund aus Studentenzeiten in Berlin. Doch die Antwort auf die Frage stellt sich als schwieriger dar als gedacht. Also sitzt Kraft oft grübelnd vor leerem Blatt/Bildschirm und dabei schweifen die Gedanken zu ganz anderen Themen. Und so erfährt der Leser in recht kurzweiliger Art einiges aus dem Lebenslauf Krafts.

Allein eine Episode, ziemlich am Anfang im 3. Kapitel, als Lüscher seinen „Helden“, in den örtlichen Ruderclub schickt und ihn, der sonst nur auf dem stillen Neckar rudert, in allerhand Unwägbarkeiten mit abschließender Bruchlandung schickt, ist eine herrlich witzige, absolut skurrile Geschichte in der Geschichte.

Auch der Exkurs in die Studentenzeit Krafts, sprich in die Zeit des politischen Wechsels der achtziger Jahre, gelingt Lüscher ausgezeichnet. Wo alle Welt links, gegen Atomkraft, für Frauenrechte und für Frieden ohne Waffen war, liefen Kraft und sein Freund István gegen den Strom in Richtung Liberalismus. Witzig erzählt ist auch die Geschichte Istváns, der aus dem Ostblock in den Westen gelangte, eher durch Zufall als als politisch Verfolgter, wie er manchem immer wieder weiß machen will.

Nicht zuletzt geht es um die Frauen in Krafts Leben, die ihm irgendwie immer wieder abhanden kommen, den Kraft ist kein stiller Familienmensch, Kraft ist ein eitler Schwätzer.

„Hatten wir nicht Krafts finanzielle Situation als einen der Gründe ausgemacht, weswegen er sich so schwertut ins Schreiben zu kommen? […] Und haben wir dann nicht vollstes Verständnis dafür, dass er bei dem Gedanken, Heike nicht nur mit leeren Händen, sondern mit Schulden für ein versenktes Kohlefaserboot in der Höhe eines Monatsgehalts entgegenzutreten, von einem lähmenden Gefühl der Scham überwältigt wird, welches wenig hilfreich ist, bei seinen Bemühungen dafür zu argumentieren, weshalb alles gut sei?“

Ein schöner Kniff ist auch (siehe oben), ab und an eine kommentierende Erzählerstimme (oder ist es Krafts Gewissen?) auftauchen zu lassen, die uns, die Leser, und Kraft selbst, auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Überhaupt muss man Lüscher zu seiner weitreichenden Phantasie, zu seiner überschwenglichen Fabulierfreude gratulieren. Dabei schöpft er aus vollstem ihm zur Verfügung stehenden Wortschatz, und das ist nicht wenig.

Wie es mit Kraft und dem Millionengewinn ausgeht, wird hier nicht verraten. Lesen Sie selbst. „Kraft“ ist ein Buch mit viel Sprachwitz und auf unterhaltsame Art anspruchsvoll.
Ein Leuchten!

Das Buch erschien beim C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Paul Auster: 4321 Rowohlt Verlag

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Paul Austers neuer Roman ist eine einzige große Hommage an das Erzählen. Was er hier über mehr als 1200 Seiten lang zelebriert, ist die Hingabe an das Erfinden von Geschichten, an die Fantasie und deren magische Möglichkeit, Leben, ja die ganze Welt zu verändern.

4321 – Ausgangspunkt dieses Romans: Auster lässt seinen Helden Archibald Ferguson quasi von Geburt an in vier Varianten und somit in vier Erzählsträngen ins Leben starten, beginnend mit der Ankunft der osteuropäischen, jüdischen Herkunftsfamilie in der neuen Welt: USA, New York, Ellis Island in den 50er Jahren. Wechselweise erzählt er aus der jeweiligen Perspektive, wie ein Leben mit zunächst gleichen Voraussetzungen, zumindest gleichen Erbmaterials, doch immer anders verlaufen kann. Eine wunderbare Idee, die für mich gleich Anlass war, selbst einmal über ein „Was wäre gewesen, wenn …“ zu sinnieren.

Mich erinnerte diese Anordnung auch an ein Stück von Max Frisch: Biografie: Ein Spiel, in dem Frisch eine Person mehrmals mit gleichen Voraussetzungen ins Leben schickt. Im Stück endet es so, dass der Protagonist doch immer wieder am selben Punkt seines Lebens endet. Auster erforscht, wie und ob der Zufall oder gar Schicksal Archie Ferguson beeinflusst. So lässt er ihn als Einzelkind in einer Kleinstadt in New Jersey, aber in Reichweite von New York aufwachsen, einmal mit getrennten Eltern, einmal mit Stiefvater, einmal in wohlhabender Familie, einmal in weniger begüterten Verhältnissen etc. Was immer gleich bleibt, ist die Sportbegeisterung, besonders für jegliche Ballsportarten und die, jedoch immer anders entstehende, Liebe zur Literatur, zum Film, die früher oder später seine Wege lenkt. Ein beständiges, sehr prägendes Element ist das Mädchen Amy, das unterschiedliche Rollen an Archies Seite einnimmt. Der Leser begleitet Archie vier mal (mit Abstrichen) durch Kindheit, Teenagerzeit, Adoleszenz bis zum Erwachsenenalter.

“ Bücher, überall Bücher, auf Regalen an allen Wänden der drei Zimmer, auf Tischen und Stühlen, auf dem Fußboden, oben auf den Schränken, und nicht nur fand Ferguson dieses phantastische Chaos bezaubernd, vielmehr schien im die bloße Tatsache der Existenz einer solchen Wohnung darauf hinzuweisen, dass man auf dieser Welt auch ganz anders leben konnte als so, wie er es bisher kannte, dass das Leben seiner Eltern nicht das einzig mögliche Leben war.“

Solch lange, und sogar noch längere wunderbare Sätze schlängeln sich durch alle 1200 Seiten und bieten größten Lesegenuss.
Ich habe bewundernd an den jeweiligen Lebensentwürfen Anteil genommen. Was ich weniger spannend fand, (ich gebe es zu, ich habe irgendwann überblättert) sind die teilweise langen Sequenzen, in denen Archie sich dem Baseball- oder Basketballspiel widmet. Solche Szenen sind fast so häufig, wie die Passagen über Archies sich entwickelndes Interesse an der Sexualität und den gegebenen Möglichkeiten sie auszuleben. Gleichzeitig bietet 4321 aber auch einen guten Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA in der Zeit vor und während des Vietnamkriegs. Es ist die Zeit der Ermordung Kennedys und Martin Luther Kings und die der Studentenrevolten, die Zeit der Rassenkonflikte, der Straßenkämpfe zwischen schwarz und weiß.

Paul Auster hat letztlich einen großen autobiographischen Roman geschrieben: viele Hinweise finden sich in den jeweiligen Archie-Biografien, die mit seinem eigenen Leben überein stimmen. Manches gab es schon zu lesen in den biografischen Büchern „Winterjournal“ und  „Bericht aus dem Inneren“. Gegen Ende hin ist es das von Archie geführte „scharlachrote Notizbuch“, dass es ja wirklich als Buch gibt: Das rote Notizbuch. Auster schreibt tatsächlich Gedanken für spätere Bücher in Notizbücher und tippt dann mit der Schreibmaschine ab. Auch die Übersetzung von französischer Lyrik ist etwas, was aus Austers Leben gegriffen ist. Auster hat ebenso an der Columbia-Universität in New York studiert und hat nach dem Studium einige Zeit in Frankreich verbracht. Auster kommt aus Newark in New Jersey, wie sein Held Archie und auch er war eine Sportskanone, an allen Arten von Ballspielen interessiert.

4321 erschien im Rowohlt Verlag. Die Übersetzungsaufgabe teilten sich mehrere Übersetzer, da Eile geboten war: Auster wollte, dass sein Roman in Deutschland gleichzeitig mit der amerikanischen Ausgabe erscheint: Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl haben das gut gemeistert.
Mehr über das Buch, ein Interview und eine Leseprobe gibt es hier.

John Williams: Stoner dtv

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Zum zweiten Mal habe ich „Stoner“ nun gelesen. Zum ersten Mal 2013 gleich nach Erscheinen und nun, da es in meinem Lesekreis im „Reallife“ als Lektüre gewählt wurde. Schon beim ersten Lesen war ich mehr als begeistert von diesem Roman. Der Autor John Williams, 1922 in Texas geboren wurde nach langer Zeit wiederentdeckt: „Stoner“ war gleich ein Riesenerfolg. Zwei weitere Romane sind inzwischen wieder neu aufgelegt worden.

William Stoner, geboren Ende des 19. Jahrhunderts, lebt mit seinen Eltern in Missouri auf dem Land. Sie bewirtschaften einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb, von dem sich trotz harter Arbeit mehr schlecht als recht leben lässt. Als der Vater dem 19-jährigen vorschlägt, ein Landwirtschaftsstudium zu beginnen, um es einmal besser zu haben, besucht William eine Universität und gerät immer mehr in eine vollkommen neue Welt. Er entdeckt die Literatur.

Nur der vorgeschriebene Einführungskurs in die englische Literatur verstörte ihn auf eine Weise wie nichts zuvor.“

Schon während des geplanten 4-jährigen Studiums der Agrarwirtschaft wechselt Stoner das Fach. Fasziniert und angezogen, belegt er Philosophie und Literatur und entscheidet sich nach dem Abschluss nicht auf die Farm der Eltern zurückzukehren. Bald darauf unterrichtet er selbst die ersten Einführungskurse. Langsam übernimmt er mehr und mehr Kurse, promoviert und bleibt an der Uni von Columbia. Dort lernt er auf einer Feier Edith kennen, eine junge, schüchterne Person, die ihn sofort aufgrund ihrer Andersartigkeit anzieht. Er verliebt sich. Sie heiraten. Doch schon am Anfang, erkennt der Leser, dass für die beiden kein glückliches Beisammensein vorgesehen ist.

Edith verweigert sich ihrem Mann, später ihrer Tochter, ja eigentlich dem Leben. Stoner übernimmt jegliche Arbeiten im Haus zusätzlich zu seiner Dozententätigkeit an der Uni und kümmert sich von Anfang an fürsorglich um seine Tochter, während Edith sich apathisch zurückzieht. Doch Stoner wehrt sich nicht. Zudem verschuldet sich das Paar, weil Edith sich wünscht in einem eigenen Haus zu leben. Dann beginnt die unzufriedene launenhafte Edith ihm mehr und mehr die Tochter zu entziehen und ihn in jeder Hinsicht in die Enge zu treiben.

Stoners alter Mentor an der Universität stirbt und wird von einem neuen Professor namens Lomax ersetzt, der sich als schwieriger und durchtriebener Mensch erweist. Stoner, der sich immer mehr zu einer starken Lehrerpersönlichkeit entwickelt hat, traut sich einen von Lomax` Studenten durchfallen zu lassen, was zu bösem Blut führt. Lomax macht Stoner zu seinem persönlichen Feind und legt ihm fortan Steine in den Weg.

„Er hatte jene Phase in seinem Leben erreicht, in der sich ihm mit wachsender Dringlichkeit eine Frage von solch überwältigender Einfachheit stellte, dass er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Er begann sich nämlich zu fragen, ob sein Leben lebenswert sei, ob es das je gewesen war.“

Bevor Stoner der Lebensmut gänzlich verlässt, passiert es: Die Beziehung zu einer Dozentin, die kurze Zeit an der Universität arbeitet, bringt Stoner eine Spur von ungeahntem Glück, doch auch dies wird ihm wieder aus den Händen gerissen. Das einzige was bis an sein Lebensende bleiben wird, ist die Hingabe an die Literatur, die Leidenschaft ein Gelehrter zu sein.

Das tragische an der Geschichte ist, dass Stoner vieles so hinnimmt, wie es kommt, dass so wenig Aufbruch und Wunsch nach Veränderung seiner Lebenssituation in ihm steckt. Selbst als ihm deutlicher wie nie, die Möglichkeit eines Neuanfangs vor Augen steht, entscheidet er sich pflichtbewusst und gegen das persönliche Glück. Das macht das Lesen dieser Geschichte nicht immer zum Vergnügen, möchte man Stoner doch so manches mal aus seiner Starre wach rütteln.

Und dennoch ist es ein großes Stück Literatur. Williams Sprache ist so klug und zeitweise so poetisch, dass man den oft erdrückenden Inhalt fast vergisst. Und es wendet sich direkt auch an den Leser: Wie steht es um dein persönliches Glück? Wie aktiv gestaltest du dein Leben?

„Stoner“ erschien bei DTV. Die Übersetzung kommt von Bernhard Robben. Informatives über Autor und Entstehung findet man hier.