Michel Layaz: Louis Soutter, sehr wahrscheinlich Verlag Die Brotsuppe

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Aus dem kleinen feinen Verlag mit dem ungewöhnlichen Namen „Die Brotsuppe“ habe ich bereits vor einiger Zeit ein sehr besonderes Buchkunstwerk vorgestellt: „Willkommen im Tal der Tränen“ von Noëmi Lerch. Nun habe ich wieder eine Entdeckung gemacht. Da ich selbst male und mich sehr für Künstlerbiographien interessiere, passt dieses Buch über Louis Soutter, einen Musiker und Maler, den man zu den Art Brut Künstlern zählt, obgleich er Kunst studiert hatte. Der Schweizer Autor Michel Layaz erzählt mit fiktiven Anteilen aus dem Leben dieses vermutlich hochsensiblen, wie nicht für die Welt gemachten Künstlers.

Louis Soutter, 1871 in Morges in der Schweiz geboren, eigentlich unter den besten Voraussetzungen in einer wohlhabenen, angesehenen Familie, bricht aus den für ihn vorgesehenen Laufbahnen aus. Nach abgebrochenem Architekturstudium folgt ein Musikstudium an einem berühmten Konservatorium in Brüssel. Doch auch hier bricht er ab, um an eine Schule für Zeichnung und Malerei zu wechseln. Danach folgt die Heirat mit einer amerikanischen Violinistin. Beide gehen 1897 in die USA. Soutter erhält die Leitung eines Kunstinstituts. Die Ehe zerbricht. Er kehrt zurück in die Schweiz.

Hier beginnen nun die Probleme. Soutter spielt als erster Geiger in großen Orchestern, doch immer öfter hat er Aussetzer, hört mitten im Konzert einfach auf zu spielen, versinkt in Tagträumereien. Er lebt über seine Verhältnisse, kauft sich teure Kleidung, die Schulden häufen sich. Der Bruder, ein Apotheker, muss immer öfter für sein Auskommen aufkommen. Seine Stellen verliert er, spielt nur noch in Hotels oder in Kinos, lebt in einer engen Mansarde. Sein Freiheitsdrang lässt ihn immer wieder tageweise verschwinden. Dann wandert er vagabundierend im Anzug durch Schweizer Landschaften und übernachtet schon mal im Heuschober. Die Familie entscheidet sich für einen Vormund. 1923 lässt man ihn mit 52(!) Jahren dauerhaft in ein Altersheim in Ballaigues im Schweizer Jura einweisen. Für ihn ist das schwer erträglich. Er beginnt zu malen. Exzessiv.

Das Malen löst die Musik ab. Soutter zeichnet täglich mehrere Bilder, wie in einem Rausch. Was ihn antreibt, sind die eigenen inneren Gespenster, aber auch die unglaublich starke Verbindung zur Natur. Was mit ihm geschieht, wenn er sich dem Bilderstrom hingibt, würde man heute vermutlich „Flow“ nennen. Ich bin sicher, er ist dabei mit etwas Höherem verbunden.

„Wie das Licht, die Rundung der Hügel und Täler es wollten, ließ Louis sich von der Landschaft einsaugen, er wollte nicht neben der Natur sein oder über ihr, sondern in ihr, in Bewegung ganz in ihrem Innern.“

In den nächsten 19 Jahren bis zu seinem Tod entkommt er dem Heim nicht. Trotz kurzer Hoffnungsschimmer bleibt er dort allein zurück, strengen christlichen Regeln ausgeliefert, lebt immer asketischer. Sein Cousin, der Architekt „Le Corbusier“ besucht ihn einmal, ist begeistert von seinen Bildern, gibt ihm kurz öffentliche Aufmerksamkeit, wendet sich später aber ab. Jean Giono, der südfranzösische Schriftsteller und Cousin einer Pflegerin besucht ihn, kauft schließlich sogar einige Bilder ab. Auch der Schweizer Nationaldichter Ramuz verspricht ihm eine Zusammenarbeit. Und eine reiche entfernte Cousine lässt ihn in ihrem noblen Landhaus ab und an „Urlaub vom Heim“ machen. Doch niemand hilft ihm von dort dauerhaft wegzukommen. Seine eigenen Einsprüche wirken nicht. Ab 1937 malt er nicht mehr mit Feder oder Bleistift sondern mit den Fingern. Schwarz wird immer die vorherrschende Farbe bleiben. Am 20. Februar 1942 stirbt er allein in seinem Bett im Altersheim von Ballaigues.

Layaz schildert das alles in einem der Zeit angemessenen Ton. Er pickt Lebensjahre heraus und erzählt die wichtigsten Ereignisse, lässt auch Kleinigkeiten, die mir höchst wichtig erscheinen mit einfließen. Er haucht Soutter wirklich Leben ein, macht ihn (be)greifbar und zeichnet ihn zutiefst menschlich mit einem reichen Innenleben. Durch seine mitunter poetische Sprache zeigen sich mir sofort Bilder, kann ich mir Soutters Lebenswege bildhaft vorstellen. Es ist schwer abzuwägen, was hier tatsächlich biographisch ist und was fiktiv, doch der Autor zeigt immer offen, wenn er Vermutungen anstellt, wenn er sich der tatsächlichen Details nicht sicher ist. Ihm gelingt ein fesselndes Porträt eines Ausnahmekünstlers, dem man sich genau so hingeben muss, wie man das mit Soutters Bilderwelt tun sollte. Einfach erschließt sich weder eine solch unruhige Lebensgeschichte, noch solch komplexe Werke.

„Man hatte ihn manchmal gefragt, was er für Wünsche, Pläne hätte, doch seiner Miene nach wurde rasch klar, dass es ihm zuwider war, von sich zu sprechen. Manche hatten bemerkt, dass er sehr gebildet war, dass er sehr gut verstand, was man sagte, dass er sehr empfindsam war, eine Senisbilität, die er wie ein Makel mit sich herumschleppte, ein Gewicht, das er vergeblich irgendwo abzulegen versuchte.“

Soutter war meiner Meinung nach ein großes Talent, ein einzigartiger Künstler, ein Eigenbrötler im besten Sinne, freiheitsliebend und unkonventionell, sich nicht den Zwängen seiner Zeit unterwerfen wollend, und hatte das Pech, wie so viele Genies, vollkommen verkannt zu werden. Er war sicher kein einfacher Mensch, aber möglicherweise einer, der seiner Zeit voraus war. Nach der Lektüre begleitet er mich noch fast täglich in meinen Gedanken. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Verlag Die Brotsuppe. Übersetzt aus dem Französischen hat es Yla M. von Dach. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Noëmi Lerch: Willkommen im Tal der Tränen Verlag Die Brotsuppe

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„Alpaufzug. Zoppo, der Tuinar und der Lombard sitzen im Jeep. Die Kühe sind im Lastwagen. Nach dem Tunnel sagt Zoppo, willkommen im Tal der Tränen.“

Ich freu mich! Ich freue mich so sehr über dieses Buch. Dass es so etwas noch gibt in der Literaturlandschaft, in der Bücherwelt, die auch immer mehr auf Schnelligkeit und Konsum setzt. Ich bin dankbar, dass es solche Verlage gibt, solche Autor*innen, solche Künstler*innen. Noëmi Lerch hat einen Text geschrieben, der auf Langsamkeit und Hingabe besteht, der, von der Sprache einer bald vergessenen Zeit lebt. Sie erzählt, wie es kaum jemand mehr tut. Aber ich schwärme noch weiter, denn das Buch ist eine Perle der Gestaltung, ein feinstes Kunstwerk. Dass es ausgezeichnet wurde mit dem Schweizer Literaturpreis 2020 ist vollkommen nachvollziehbar.

Das Buch ist eingeteilt in 4 Kapitel: Leben, Natur, Arbeit, Sterben. Jede Seite ist mit einer feinen Illustration immer weiß auf schwarzem Papier gearbeitet. Auf der gegenüberliegenden hellgrauen Seite steht der Text. Oft ist es nur ein Satz. Immer nicht mehr als eine halbe Seite. In dieser Reduzierung steckt auch die Besonderheit dieser Geschichte.

„Der Nachtfalter trägt einen pastellfarbenen Mantel und eine rote Lockenperücke. Er schläft an der Mauer hinter dem Radio, seit drei Tagen schon. Heute ist er heruntergekommen, um in der Kaffeetasse vom Tuinar zu ertrinken.“

Es ist auch keine Geschichte im üblichen Sinn, sondern lässt einfach Bilder aus dem Alltag der drei Bauern auf einer Alm in einem abgelegenen Tal im Tessin aufscheinen. Doch aus dieser Knappheit wächst auch die Schönheit. Denn es entstehen auch berührende Bilder aus dem Inneren der Männer. Die harte Arbeit prägt sie, doch sie leben auch aus ihrem ganz unterschiedlichen Inneren heraus und sie leben mit der Natur. Viel steht zwischen den Zeilen, eröffnet sich im Hingeben an die wenigen Worte, im Lauschen auf das eigene Innere oder in der Versenkung in die Abbildungen. Es ist ein meditatives Buch, dass dennoch hinweist auf die zunehmenden Veränderungen dieser archaischen Strukturen. Immer mehr Touristen kommen, die Natur nimmt Schaden, die Landwirtschaft muss subventioniert werden.

Drei Männer und ein lächelnder Hund. Der Tuinar, der vom Land am Meer kommt, dem das Sprechen schwerfällt und der nur der „Zusenn“ ist, dem nichts selbst gehört. Der singende Lombard mit dem lächelnden Hund und Zoppo, der dem Tuinar zeigt, wie man die Harfe durch den Käsebruch ziehen muss und wie still die weite Ebene ist.

„Der Tuinar weiss nicht mehr was sagen. Fallen ihm an einem Tag zwei Sätze ein, die er sagen könnte, spart er einen davon auf. Für den nächsten Tag.“

Noëmi Lerch schreibt so geheimnisvoll, so wissend und spürend, aber auch so poetisch und zart, wie man es sich für diese Arbeit gar nicht vorstellen kann, aber genau so ist es vielleicht, wenn etwas mit Hingabe und aus Liebe getan wird, egal, ob Schreiben oder Käse machen. Ein Leuchten!

Das Buch haben Alexandra Kaufmann und Hanin Lerch (Künstlerinnen-Duo Walter Wolff) bebildert. Sie haben dabei ihre ganz eigenen Gedanken als Bilder auf den Text gelegt, Bilder die die eigenen entstehenden nicht stören, vielmehr anregen. Außen in naturfarbenes grobes Leinen gebunden mit schwarzer Titelprägung geht es auch innen schwarz und und naturgrau auf schwerem Papier weiter. Beim Blättern riecht man noch die Druckfarbe. Das weiße Garn der Fadenheftung blitzt auf. Ein Lesebändchen reicht eigentlich nicht, um die vielen Seiten zu markieren, die besonders bemerkenswert sind.

Das Buch erschien im Schweizer Verlag Die Brotsuppe. Es ist bereits das dritte Buch der 1987 geborenen Autorin, die in Aquila im Tessin lebt, als Hirtin und Schriftstellerin. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Und hier ein Interview mit den beiden Gestalterinnen des Buches und eine kleine Lesung der Autorin:

 

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.