J.J. Voskuil: Die Mutter von Nicolien Wagenbach Verlag

Es ist wie ein Nachhausekommen. Ich lese die ersten Zeilen und bin sofort wieder von J.J. Voskuils (1926 – 2008) Sprachstil umfangen. Und wenn sich Nicolien und Maarten dann den ersten Genever einschenken, weiß ich, dass ich traurig bin, da ich schon alle Bände von Voskuils grandiosen Mammutwerk „Das Büro“ gelesen habe und dass es nichts neues von ihm geben wird.  „Das Büro“, dieses 7-bändige Werk mit jeweils an die 1000 Seiten, erschienen im Verbrecher Verlag, habe ich eins nach dem anderen verschlungen. Erklären kann ich mir den Sog nicht, aber ich weiß, ich hätte auch noch 20 weitere Bände dieser so humorvollen und trotzdem tiefgängigen Geschichte mit all ihren skurrilen Figuren gelesen.

Nun bringt der Wagenbach Verlag einen „Satellitenband“ heraus, wie Übersetzer Gerd Busse es nennt. Es geht um die Mutter von Nicolien, Maartens Ehefrau, die an Demenz erkrankt. Am Rande hat man das bereits im „Büro“ lesen können, aber nun steht die Mutter, die sowohl von Tochter als auch von Schwiegersohn noch gesiezt wird, im Vordergrund. Voskuil gliedert sein Buch tagebuchartig in Kapitel, die im Jahr 1957 beginnen. Manchmal überspringen die Kapitel ganze Jahre, manchmal folgen die Tage direkt aufeinander. Bis ins Jahr 1985, als Nicoliens Mutter stirbt.

Voskuil schafft es, dass in all der Traurigkeit, die der langsame und stete Gedächtnisverlust und auch der körperliche Verfall des Alterns hervorruft, immer wieder der typische Humor aufblitzt, den ich schon aus dem „Büro“ kenne. Lange habe ich bei einem Roman nicht mehr laut aufgelacht, hier aber schon. Zudem ist Voskuil ein Meister des Dialoge-Schreibens. Dass ich das 250-Seiten-Buch möglichst langsam lesen wollte, war dem geschuldet, dass ich wusste, es wird danach schwierig ein neues zu beginnen.

„“Aber sie haben doch überhaupt keine guten Zähne?“ Es klang verärgert. „Sie hatten vor dem Krieg schon ein künstliches Gebiss.“
„Habe ich ein Gebiss?“
„Das wissen sie doch wohl? Sie nehmen es doch jeden Abend aus dem Mund, bevor sie schlafen gehen?“
Ihre Mutter lachte. „Ja, jetzt, wo du es sagst. Willst du mir wohl glauben, dass ich das völlig vergessen hatte.““

Maarten und Nicolien Kooning leben in Amsterdam. Sie haben keine Kinder, aber Katzen, sind politisch und naturschutzaktiv. Nicolien geht nicht arbeiten und Maarten beginnt seine Stelle im Büro im Beerta-Institut auch nur unwillig, weil eben Geld verdient werden muss. Der 1. Juli 1957 ist sein Geburtstag und gleichzeitig sein 1. Arbeitstag. Über die Jahre wächst er mit seiner Arbeit so stark zusammen, dass er darüber mit Nicolien oft in Streit gerät. Auch in diesem Buch kann man davon lesen.

„“Eine Besprechung?“ Ihre Stimme hob sich vor Empörung. „Während Mutter da ist?“
„Aber ich habe momentan furchtbar viel zu tun.“ Er fühlte sich schuldig.
„Es scheint fast, als ob du verrückt geworden wärst! Eine Besprechung! Für das Büro! In deiner Freizeit! Statt dich gemütlich dazuzusetzen! Ich höre ja wohl nicht recht! Eine Besprechung! Wenn man dir das vor zwanzig Jahren erzählt hätte, hättest du dich kaputt gelacht. Hörst du mich? Kaputtgelacht hättest du dich!“

Nicoliens Mutter lebt in Den Haag. Die beiden besuchen sie oft an Wochenenden oder sie kommt mit dem Zug nach Amsterdam. Immer gibt es den gewohnten Kaffee, die Törtchen, für die Mutter den Eierlikör, für sie selbst den Genever. Bald wird aber sichtbar, dass der Mutter das Erinnern immer schwerer fällt, dass sie Sachen verlegt oder den Wochentag verwechselt. Maarten fordert sie oft heraus, fragt sie nach Dingen, die sie eigentlich wissen müsste, nach der Kindheit, nach Gewohnheiten, versucht Begrüßungsrituale mit ihr aufrecht zu erhalten. Sie spielen Domino oder hören Schubertplatten.

„Nachmittags hörten sie Musik von Schubert an. Bei den Impromptus, die Nicoliens Vater immer gepfiffen hatte, hob ihre Mutter den Kopf ein wenig und bewegte die Hand sanft zum Takt. Das rührte ihn.“

Oft ergeben sich auch witzige Situationen durch die Vergesslichkeit. Bald jedoch traut sie sich nicht mehr alleine mit dem Zug zu fahren und Freundinnen laden sie aus, weil sie immer und immer wieder die Antworten wiederholen müssen, weil sie zu anstrengend wird. Nicolien und Maarten bleiben sehr geduldig.

Als sie mehrmals von Zuhause verschwindet, müssen die beiden sich entscheiden, sie in ein Pflegeheim zu bringen. Auch dort besuchen sie sie regelmäßig, doch sind die Besuche dort schon beim bloßen Lesen deprimierend. Die Mutter versinkt in Gedanken, erkennt sie manchmal nicht mehr, ängstigt sich bei ungewohnten Abläufen. Den letzten Geburtstag am 9. März „feiern“ sie noch zusammen im Pflegeheim, am 11. April 1985 erhalten sie den Anruf von ihrem Tod.

Wen das Thema Demenz interessiert oder wer einen Einstieg in das Voskuil-Universum sucht, dem sei dieses Buch empfohlen. Und den Fans vom Büro sowieso. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Wagenbach Verlag. Perfekt im Maarten-Style übersetzt hat es wie immer Gerd Busse. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Meine Rezensionen zu „Das Büro“ Band 1-7, erschienen im Verbrecher Verlag finden sich hier.

 

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören Wagenbach Verlag

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Auch der Debütroman „Ich kann dich hören“ von der 1991 geborenen Katharina Mesissen steht auf der diesjährigen für den Bloggerpreis von Das Debüt . Erst beim zweiten Leseversuch habe ich mich in die Geschichte einlesen können. Aber dann gefiel mir doch diese Sprache, die sich immer dann ins Poetische verändert, wenn der Held Osman sich mit seiner Musik beschäftigt, er studiert Cello, oder wenn er seinen inneren Gedanken nachgeht. Die tatsächliche alltägliche Sprache seiner Kommunikation unterscheidet sich deutlich. Es ist die Sprache eines 24-jährigen, der in einer WG in Hamburg lebt, der Fußball spielt und mit seinen Freunden einen trinken geht. Immer dann fühle ich mich aus der an sich guten Geschichte geworfen.

Osman, spielt Cello und wird von seinem Cello gespielt. Er kann nicht ohne die Musik, obwohl er es manchmal gerne möchte. Immer mit dem Vater Suat im Rücken, der erfolgreicher Violinist ist, aber ihn und seinen Bruder als Kinder bei Konzertreisen der Tante Elide überlassen hatte. Die Mutter hatte die Familie schon früh verlassen. Über die Gründe wird nicht gesprochen. Außer der Musik herrscht vor allem Schweigen in dieser Familie.

“ … weg von meinem Vater und seiner Musik, von Musik überhaupt. Aber sie kam mir nach. Ist mir so lange gefolgt, bis ich stehen geblieben bin und mich umgedreht hab. Wir mussten uns in die Augen sehen: Wer kann länger.
Ich gab nach. Wir kamen wieder zusammen.“

Als Suat sich die Hand bricht und nicht mehr spielen kann, die Tante überstürzt beschließt wieder in die Türkei zurück zu gehen, will auch das Cellospiel Osman nicht mehr gelingen. Er macht Fehler, ist abwesend, bleibt Proben und Konzerten fern.

„Gegen die Schwerkraft beginne ich, vom Blatt zu spielen. Der Klang ist holzig und stumpf, und tiefer unten wird er sumpfig.
Ich will diese Musik zersägen, die ich nicht zu greifen bekomme, will sie zerstoßen, die zarten, leisen Passagen im dritten Satz. […] Ich schneide Töne ins Zimmer, grobe Brocken, laut, fest, leblos. Es schmerzt und schürft in den Ohren und an den Fingerkuppen.“

Inwieweit daran auch Luise, Osmans Mitbewohnerin, die er sehr anziehend findet, anteil hat und weshalb die Tonaufnahme mit der Stimme einer jungen Frau eines von ihm gefundenen Diktiergeräts ihn so fasziniert, erfahren wir Leser immer nur bruchstückhaft.

Mevissens Geschichte ist ein Text mit vielen Auslassungen, mit unterschiedlichen Sprachstilen und wechselnder Tonart. Auf nur 150 Seiten bringt die Autorin sehr viel unter, es hätten auch gut und gern mehr Seiten sein dürfen bei dieser Stofffülle. Manchmal fühlt sich das beim Lesen an, als würde die Autorin ausprobieren, was alles geht. Wirklich schön finde ich vor allem die Beschreibungen von Musik, von Klängen, von Stimmungen und Befindlichkeiten. Auch das Thema, das überall im Roman auftaucht, das Hören, finde ich in dieser Geschichte sehr ungewöhnlich aufbereitet. Alles in Allem rundet sich am Schluss das Bild stimmig ab, konsequent mit offenen Fragen.

Der Roman erschien im Wagenbach Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Das Debüt 2017 – Bloggerpreis für Literatur

Favorit von Anfang an und mit fünf Punkten meine Gewinnerin ist Juliana Kálnay mit „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“:

Der 1988 geborenen Juliana Kálnay ist ein außergewöhnlicher Debüt-Roman gelungen. Selten genug ist es, dass eine Debütantin sich sogleich den dritten Platz auf der SWR-Bestenliste sichert. Kálnay widerlegt mit ihrem Band die zuletzt immer deutlicher gewordenen Stimmen, dass aus den „Kreativen Schreibschulen“ Leipzig und Hildesheim, ewig die gleiche Fliessbandliteratur kommt. Mich freut das ungemein und ich bin sicher, dass es auch mit Kálnays literarischen Vorbildern zusammenhängt, die sie im Anhang auch nennt. Da finden sich Georges Perec (Das Leben – eine Gebrauchsanweisung, ein Roman, der auch in einem Mietshaus spielt) und Julio Cortázar (die Erzählung „Das besetzte Haus), beide Meister ihres Faches: Oulipo und magischer Realismus vom Feinsten.

Kálnays kurzer Roman spielt in einem Haus mit der Nummer 29 und erzählt von dessen seltsamen Bewohnern. Die Kapitel werden überschrieben mit den jeweiligen Orten im Haus, an dem sie spielen, wie etwas 3. Etage links oder Treppenhaus, nachts oder hinterm Haus. Zwischen diese Episoden fügt die Autorin Dialoge oder Kapitel mit besonderen Ereignissen im Haus ein. Obgleich die Geschichte im Titel als Chronik bezeichnet wird, berichtet die Erzählerin nicht durchgehend in logischer Reihenfolge von den Geschehnissen. Das und auch die wechselnden Erzählperspektiven könnten den Leser verwirren, wenn nicht schon die Protagonisten selbst es täten. Erst gegen Ende hin lassen sich Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen den einzelnen Sequenzen erkennen.

„An dem Tag, an dem meine Mutter von einem vorbeihuschenden Schatten so erschreckt wurde, dass sie auf der Treppe die Kiste mit dem Geschirr fallen ließ und die bunten Scherben über die Stufen sprangen; an dem Tag, an dem mein Vater, vom selben Schatten überrascht, einen Schrei ausstieß, den man angeblich noch drei Straßen weiter hören konnte, und sie beide in das Haus mit der Nummer 29 zogen, wurde ich geboren. Zumindest erzählten sie das, wenn ich sie fragte.“

Im Haus leben Familien mit Kindern, Einzelpersonen und Paare. So wie Lina, deren Mann offiziell verschwunden ist, der sich aber in Wirklichkeit in einen Baum auf ihrem Balkon verwandelt hat, aus dessen Früchten sie Marmelade kocht oder die chronisch Schlaflosen, die in großer Anzahl in einer einzigen Wohnung leben oder Maia, die gerne Löcher gräbt und sich darin versteckt, die allerdings irgendwann ganz verschwunden ist oder der alte Oskar, der in seinem Badezimmer etwas Geheimes versteckt und der deshalb eines Tages von Polizeibeamten abgeführt wird oder Tom, der es sich im Fahrstuhl gemütlich gemacht hat oder die Zwillinge, die man immer nur einzeln antrifft und viele andere mehr. Wie ein echtes Unikum mutet Rita an, die am längsten im Haus lebt und quasi mit ihm verwachsen ist. Rita mit dem Spiegel auf dem Balkon, die strickt und die alles sieht, alles hört, alles weiß, was im Haus geschieht und sich nicht selten einmischt … und das Haus selbst, dass irgendwie lebt, geheimnisvolle Türen verbirgt und immer öfter Stromausfälle produziert …

Leser, die eingängige Geschichten mit eindeutigem Plot lieben, werden sich mit diesem Roman schwer tun. Viele Fragen stellt man sich im Laufe der Lektüre, Fragen die am Ende offen bleiben, Handlungen, die plötzlich abbrechen oder im Sande verlaufen, Sätze, die nicht vollständig ausgeschrieben werden. Es wimmelt nur so von extravagantem, schrägem Personal und seltsamen Begebenheiten. Unter der Rubrik „magischer Realismus“ könnte man diese Geschichte einordnen, wobei es für den Lesegenuss vollkommen egal ist, ob real oder surreal. Was zählt ist, dass Juliana Kálnay ein etwas anderes Debüt geschrieben hat, dass ihr Roman sich konsequent abhebt von vielem, was derzeit auf den Buchmarkt geworfen wird. Kálnays Roman erschien im Wagenbach Verlag.

Klaus Cäsar Zehrer erhält für sein Debüt „Das Genie“ von mir drei Punkte. Er liegt mit seinem vielschichtigen Roman nahe an Kálnay.
Zehrer schreibt handwerklich versiert und spannend, als würde er schon immer schreiben. Sprachexperimente macht er keine; das muss er bei dieser interessanten Story auch nicht. Fast würde ich „Das Genie“ als Pageturner bezeichnen. Was mich permanent zum weiterlesen trieb, war der Wunsch zu erfahren, wie es dem armen Billy, der von seinen Eltern, speziell von seinem mir ausgesprochen unsympathischen Vater Boris, von klein auf auf Genie getrimmt wurde und der außergewöhnlich begabt war, und dem gleichzeitig ohne eigenes Verschulden jegliche Empathie, Körperlichkeit und soziale Kompetenz fehlten, letztlich ergangen ist. Es ist wirklich lohnend zu lesen, wie Sidis versucht seine Einsamkeit zu überwinden und seinen eigenen Weg zum Glück und vor allem zur Freiheit zu finden, unabhängig von Berühmtheit und Besonderheit. Zudem gibt der Roman einen Einblick in die US-amerikanische Geschichte und die starke Entwicklung des Faches Psychologie dieser Zeit. Der Roman ist im Diogenes Verlag erschienen.
Zudem reizt es mich nun den Roman „Das perfekte Leben des William Sidis“ von Morten Brask, der etwas früher als Zehrers Roman erschienen ist, zu lesen, um zu sehen, wie verschiedene Autoren an diese ungewöhnliche wahre Biografie herangehen.

Einen Punkt erreicht Jovana Reisinger mit „Stillhalten“, einem Roman, bei dem ich immer noch nicht entschieden habe, ob ich ihn außergewöhnlich und großartig finde, oder ihn total ablehne. Reisingers provokanter Schreibstil scheint auch so angelegt. Gerade deshalb ist er allerdings auch noch auf Platz 3 gelandet. Es geht um die Befindlichkeit einer Frau, die sich einem althergebrachten Frauenbild unterordnet, sich daran misst, sich damit lächerlich und zugleich todunglücklich macht. Ob sie davon krank wird? Burnout? Depression? Jedenfalls schickt sie der Tod der Mutter in eine hübsch verdrängte Kindheit, die alles andere als gelungen scheint und irgendwann eben massiv hervorbricht. Der Roman spielt in Österreich, wobei mir auffällt, dass sich so einige österreichische Autorinnen in unterschiedlichster Weise dem „Frauenbild“ in der Gesellschaft widmen – die Nachkommen von Jelinek und Streeruwitz? Der Roman ist im Verbrecher Verlag erschienen.

Die anderen beiden Romane der Shortlist, „Immer ist alles schön“ von Julia Weber (das Beste daran sind für mich die Illustrationen der Autorin am Ende des Buches, die ihre ganz eigene Geschichte erzählen) und „Oder Florida“ von Christian Bangel sind für mich sogleich herausgerutscht aus der Bewertung, da sie mich auf ganz unterschiedliche, ja fast gegensätzliche Weise, was sich sowohl auf Sprache, als auch auf Inhalt bezieht, so überhaupt nicht erreichten.

Herzlichen Dank dem Debüt-Team und den Verlagen für die Rezensionsexemplare!
Ich bin gespannt, wer diesmal den Preis erhält.

Meine eigentlichen Favoriten-Debüts in 2017 waren zwar auf der Longlist, haben es aber seltsamerweise nicht auf die Shortlist geschafft. Meine Besprechungen dazu:
„Die Königin schweigt“ von Laura Freudenthaler
„Liebwies“ von Irene Diwiak
„Wir leben hier seit wir geboren sind“ von Andreas Moster

Lawrence Osborne: Denen man vergibt Wagenbach Verlag

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Beim Lesen der kurzen Inhaltsangabe des Verlages, kamen mir gleich zwei Geschichten in den Sinn, in denen die Handlung ganz ähnlich klingt: „Denen man vergibt“ könnte eine Mischung sein aus Jonas Lüschers großartiger Novelle „Frühling der Barbaren“ und Ayelet Gundar-Goshens starkem Roman „Löwen wecken“. Beide gefielen mir sehr – warum also nicht Osbornes Roman lesen? … dachte ich …

Eigentlich ging es auch ganz gut los. Als dann im 3. Kapitel die erste irgendwie holprige misslungene Metapher auftauchte, las ich noch darüber hinweg.

„Die breiten Fenster blickten mit soldatischer Strenge über das Tal.“

Doch es ging weiter:

„Plötzlich traten Dally Tränen in die großen braunen Augen, und ein Flunsch ruinierte seine Prächtigkeit.“

oder

„Die große Holzplatte der Tür begann zu schwitzen.“

oder

„Es war entwaffnend von Richard und Dally, dass in allen Räumen Toilettenartikel von Fortnum & Mason bereitstanden.“

oder hier: Es geht um eine Libelle!

„über die schwarze Wasseroberfläche tanzten, wobei ihre Flügel verzweifelt und lasterhaft anmutende Geräusche erzeugten, die ihr gefielen.“

Ich gebe zu, nach einer Weile habe ich schon auf die nächste Passage dieser Art gewartet. Nie habe ich so viele Sätze in einem Buch angestrichen, allerdings nicht etwa weil sie mir gefielen, sondern weil sie sprachlich so schrecklich sind. Zwischendurch habe ich mich natürlich wieder auf die Story konzentriert, die ja wirklich ganz gut gedacht und konstruiert ist, zumindest für Leser*innen, die sie nicht mit beiden oben genannten vergleichen (die ich mehr als empfehlen kann)  und denen vor allem die Handlung eines Romans wichtig ist. Osbornes Versuch der Ausschmückung dieser Handlung mit Landschaftsbeschreibungen und Dialogen ist leider gescheitert. Das Buch hat schon eine gewisse Spannung und obwohl ich es zwischendurch immer wieder langatmig fand, habe ich es aus Neugier auf den Schluss doch zu Ende gelesen. Der Schluss ist immerhin erstaunlich gut gelungen …

Der Inhalt ganz kurz:
Ein englisches Paar ist auf dem Weg zu einer Party der Reichen und Schönen mitten in die Wüste Marokkos. Ein reiches schwules Paar hat geladen: es soll eine spektakuläre Event-Party á la Gatsby werden. Über ein ganzes Wochenende lang darf sich die High Society in ihrem noblen, mit allem Komfort ausgestatteten Luxus-Domizil mit Alkohol, Drogen etc.pp. vergnügen. Rundherum herrscht bittere Armut, einzig die einheimischen Hausangestellten der Hausbesitzer Dally und Richard haben hier ein Auskommen. Das englische Paar Jo und David streiten sich während der Autofahrt, David hat zu viel getrunken, sie verfahren sich. Es kommt wie es kommen muss: Es passiert ein Unfall. David überfährt einen marokkanischen Straßenverkäufer …

Wie Osborne die zwischenmenschlichen und inneren Konflikte der Protagonisten schildert ist überwiegend gut gemacht. Er thematisiert auch sehr anschaulich den riesigen Abgrund zwischen beiden Welten – arm und reich. Das halte ich ihm gerne zugute. Schöner wäre es ohne die immer wieder auftauchenden unbeholfenen vor Adjektiven strotzenden Sätze gewesen:

„Er ließ sich von der Droge nur auf das Tempo herunterfahren, mit dem Sirup von einem Löffel tropft.“

oder (Ich kann gar nicht mehr aufhören zu zitieren … )

„Auch seine mineralgrünen Augen waren weit geöffnet und lachten so geräuschvoll, wie sein Mund geräuschlos lachte.“

und ich glaube, das ist der Höhepunkt:

„und er hatte das Gefühl, dass sich sein eines Auge lockerte wie eine alte Glühbirne.“

und das ist wirklich mehr als platt und peinlich: die Sexszene im Verlauf ist so kitschig, als wäre sie einem Nackenbeißer –  so nennen wir Buchhändler Liebesschmonzetten  – entnommen:

„Männer nutzten wirklich jede Gelegenheit. Und wenn sie es nicht täten, würde nie etwas passieren. Der sexuelle Planet würde sich nicht drehen. Natürlich wurde sie schwach.
[…]
„Während er schlief, strich sie mit den Händen über das Laken, auf dem kleine Spermapfützen trockneten.“

Möglich ist es natürlich, dass die Übersetzung aus dem Englischen nicht gelungen ist. Wirklich vorstellen kann ich mir das allerdings nicht. Ich glaube die Sprache in diesem Buch ist wirklich schlecht. Gespannt bin ich nun, was die Koryphäen aus dem Literarischen Quartett dazu zu sagen haben. Gerne höre ich auch eure Meinung zum Buch und/oder zu den zitierten Stellen, liebe Blogleser*innen. Vielleicht bin ich ja zu streng. Allerdings: In solch einem Fall kann ich nicht anders.

Larence Osborne, Jahrgang 1958, ist Reiseschriftsteller und hat bereits einige Romane veröffentlicht. Dies ist der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde, und zwar von Reiner Pfleiderer. Mehr über Buch und Autor auf der Seite des Wagenbach Verlags.
Eine sehr begeisterte Besprechung gibt es bei Die Buchbloggerin.

Juliana Kálnay: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens Wagenbach Verlag

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Der 1988 geborenen Juliana Kálnay ist ein außergewöhnlicher Debüt-Roman gelungen. Selten genug ist es, dass eine Debütantin sich sogleich den dritten Platz auf der SWR-Bestenliste sichert. Ich war vor kurzem bei der Buchvorstellung in der Lettretage in Berlin und von da an war mir klar, dass das vollkommen gerechtfertigt ist. Nun nach der Lektüre ist es sicher: Kálnay widerlegt mit ihrem Band die zuletzt immer deutlicher gewordenen Stimmen, dass aus den „Kreativen Schreibschulen“ Leipzig und Hildesheim, ewig die gleiche Fliessbandliteratur kommt. Mich freut das ungemein und ich bin sicher, dass es auch mit Kálnays literarischen Vorbildern zusammenhängt, die sie im Anhang auch nennt. Da finden sich Georges Perec (Das Leben – eine Gebrauchsanweisung, ein Roman, der auch in einem Mietshaus spielt) und Julio Cortázar (die Erzählung „Das besetzte Haus), beide Meister ihres Faches: Oulipo und magischer Realismus vom Feinsten. Sie erzählt an diesem Abend auch von der Herangehensweise ihres Schreibens und von den Stimmen, die sie dabei geprägt haben.

Kalnáys kurzer Roman spielt in einem Haus mit der Nummer 29 und erzählt von ihren seltsamen Bewohnern. Die Kapitel werden überschrieben mit den jeweiligen Orten im Haus, an dem sie spielen, wie etwas 3. Etage links oder Treppenhaus, nachts oder hinterm Haus. Zwischen diese Episoden fügt die Autorin Dialoge oder Kapitel mit besonderen Ereignissen im Haus ein. Obgleich die Geschichte im Titel als Chronik bezeichnet wird, berichtet die Erzählerin nicht durchgehend in logischer Reihenfolge von den Geschehnissen. Das und auch die wechselnden Erzählperspektiven könnten den Leser verwirren, wenn nicht schon die Protagonisten selbst es täten. Erst gegen Ende hin lassen sich Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen den einzelnen Sequenzen erkennen.

„An dem Tag, an dem meine Mutter von einem vorbeihuschenden Schatten so erschreckt wurde, dass sie auf der Treppe die Kiste mit dem Geschirr fallen ließ und die bunten Scherben über die Stufen sprangen; an dem Tag, an dem mein Vater, vom selben Schatten überrascht, einen Schrei ausstieß, den man angeblich noch drei Straßen weiter hören konnte, und sie beide in das Haus mit der Nummer 29 zogen, wurde ich geboren. Zumindest erzählten sie das, wenn ich sie fragte.“

Im Haus leben Familien mit Kindern, Einzelpersonen und Paare. So wie Lina, deren Mann offiziell verschwunden ist, der sich aber in Wirklichkeit in einen Baum auf ihrem Balkon verwandelt hat, aus dessen Früchten sie Marmelade kocht oder die chronisch Schlaflosen, die in großer Anzahl in einer einzigen Wohnung leben oder Maia, die gerne Löcher gräbt und sich darin versteckt, die allerdings irgendwann ganz verschwunden ist oder der alte Oskar, der in seinem Badezimmer etwas Geheimes versteckt und der deshalb eines Tages von Polizeibeamten abgeführt wird oder Tom, der es sich im Fahrstuhl gemütlich gemacht hat oder die Zwillinge, die man immer nur einzeln antrifft und viele andere mehr. Wie ein echtes Unikum mutet Rita an, die am längsten im Haus lebt und quasi mit ihm verwachsen ist. Rita mit dem Spiegel auf dem Balkon, die strickt und die alles sieht, alles hört, alles weiß, was im Haus geschieht und sich nicht selten einmischt … und das Haus selbst, dass irgendwie lebt, geheimnisvolle Türen verbirgt und immer öfter Stromausfälle produziert …

Leser, die eingängige Geschichten mit eindeutigem Plot lieben, werden sich mit diesem Roman schwer tun. Viele Fragen stellt man sich im Laufe der Lektüre, Fragen die am Ende offen bleiben, Handlungen, die plötzlich abbrechen oder im Sande verlaufen, Sätze, die nicht vollständig ausgeschrieben werden. Es wimmelt nur so von extravagantem, schrägem Personal und seltsamen Begebenheiten. Unter der Rubrik „magischer Realismus“ könnte man diese Geschichte einordnen, wobei es für den Lesegenuss vollkommen egal ist, ob real oder surreal. Was zählt ist, dass Juliana Kálnay ein etwas anderes Debüt geschrieben hat, dass ihr Roman sich konsequent abhebt von vielem, was derzeit auf den Buchmarkt geworfen wird.

Tatsächlich kann man sich diese Geschichte gut als Theaterinszenierung vorstellen, wie Hauke vom Blog Leseschatz schreibt.

Zudem ist es mehr als passend, dass ein solcher Text im wunderbaren Wagenbach Verlag seine literarische Heimat gefunden hat.