Karen Minden / Marie Luise Kaschnitz: Eisbären Kunstanstifter Verlag

20200123_1159521834037101015022353.jpg

Marie Luise Kaschnitzs Erzählung „Eisbären“ erschien bereits im Jahr 1966. Kaschnitz (1901 – 1974), die 1933 ihren ersten Roman veröffentlichte, aber auch Gedichte und Hörspiele schrieb, wird heutzutage wenig gelesen. Was für ein Versäumnis dies ist, merkte ich bei dieser Lektüre. Im Kunstanstifter Verlag erscheinen immer wieder staunenswerte bildschöne Buchkunstwerke und so stieß ich auf den Band „Eisbären“. Die Bilder machten neugierig, die Leseprobe noch mehr.

Die Illustratorin Karen Minden interpretiert die wunderbare überraschende Erzählung, die als Text nur wenige Seiten lang ist, ganz eigen und sehr faszinierend. Sie bewahrt das Geheimnis dieser Geschichte in ihren Zeichnungen, die reduziert und gleichzeitig kraftvoll sind. Der Bleistift ist das Handwerkszeug von Minden und so zeigen sich die Szenen überwiegend in Schwarz/Weiß mit allen Grauschattierungen. Als einzige Farbe kommt ein helles Blau hinzu, was für mich die Kühle symbolisiert, die immer wieder in der Geschichte aufblitzt.

Vor dem Eisbärengehege im Zoo trafen sie sich einst. Das Paar, das die Hauptrolle spielt, ist schon viele Jahre zusammen. Eines Abends, die Frau hat sich bereits zum Schlafen ins Bett zurückgezogen, der Mann lässt auf sich warten. Als er dann nach Hause kommt, möchte er mit ihr reden. Alles verläuft anders als sonst. Das Schlafzimmer ist stockdunkel, doch er will kein Licht. Das Gespräch beginnt er mit der Frage, ob sie noch wisse, wie sie sich kennengelernt haben. Die Frau wundert sich, weiß das aber natürlich noch. Oft nennt sie der Mann Eisbär, weil sie den Kopf drehte, nach rechts und nach links, immer wieder, damals als er sie am Gehege stehen sah, als würde sie sich nach jemandem umsehen, auf jemanden warten. Die Frau besteht wie immer darauf, dass sie auf niemanden wartete.

„Sie zweifelte aber plötzlich daran, dass ihr Mann ihr glauben würde. Sie hatte das Gefühl, als stände hinter seinen Worten eine Unruhe, die sie nicht würde stillen, und eine Angst, die sie ihm nicht würde ausreden können, jedenfalls nicht in dieser Nacht.“

Dass das doch der Fall war, erfahren nur wir Leser. Dass es da einen gab, der sie verlassen hatte, von dem sie hoffte, er käme zurück. Und dass sie ihren Mann nur geheiratet hatte, weil sie nicht allein bleiben wollte. Obwohl sie ihn nun längst liebt. Doch das sagt sie ihm nicht. Das sind nur ihre Gedanken. Sie besteht auf der Unwahrheit. Und der Mann gibt sich nach längerem hin und her letztlich damit zufrieden. Und das ist vielleicht gut so. Denn als es an der Tür klingelt, so spät noch, wundert sich die Frau beim Öffnen der Tür sehr …

So müssen Kurzgeschichten sein. Das ist die große Kunst, auf wenigen Seiten gekonnt mit Sprache spielend eine Spannung aufzubauen, die einen am Ende staunend und womöglich mit offenen Fragen zurücklässt. Kaschnitz setzt hier den Focus auf das Mysterium der Liebe und auf die Frage, ob die volle Wahrheit immer sinnvoll ist.
Ich stelle fest, ich sollte wieder mehr Erzählungen lesen, denn zumindest diese hat mir große Lust darauf gemacht. Marie Luise Kaschnitzs Erzählungen gibt es gesammelt beim Insel Verlag. Für Bibliophile sei aber auf jeden Fall diese zauberhafte Ausgabe empfohlen. Der Band erschien im Kunstanstifter Verlag, wo sich auch eine Leseprobe findet. Auch ein Blick auf die Website der in Berlin lebenden Künstlerin Karen Minden lohnt sich. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Han Kang: Deine kalten Hände Aufbau Verlag

DSCN3285

„Als H. viele Jahre später fragte, warum ich Abdrücke von Menschen nähme, wusste ich nichts zu erwidern. Hätte sie etwas geschickter gefragt, wie ich dazu gekommen war, hätte ich vielleicht reagieren können.“

Wie schon mit dem ungewöhnlichen Roman „Die Vegetarierin“, mit dem die südkoreanische Autorin Han Kang Aufsehen erregte, taucht sie nun wieder in eine Welt der Sinnlichkeit, der Körperbefindlichkeiten ein. Es ist erstaunlich, wie diese junge Autorin es schafft enorme Tiefe in all ihre Texte zu bringen und das bei großer inhaltlicher Vielfalt. Zugrunde liegt diesem Roman die Suche nach der Wahrheit, nach dem was hinter den Masken der Menschen zu finden ist. Der Roman erschien im Original wesentlich früher als die beiden anderen, die in Deutsch erschienen.

Die Geschichte spielt in Seoul und der erste von drei Teilen in der Stadt Gwangju, deren historische Ereignisse bereits die Hauptrolle in Han Kangs Roman „Menschenwerk“ spielten. Diese Geschichte ist allerdings in der Gegenwart verortet und erzählt von dem Bildhauer Unhyong, dessen Werk von Körperinszenierungen der besonderen Art durchdrungen ist.

Der erste Teil handelt ganz von der Kindheit und Jugend des Bildhauers. Scharf beobachtet der kleine Junge schon, wie selbst seine eigenen Eltern hinter ihren Masken leben. Selten sieht und erlebt er sie ungeschützt. Zwei Erlebnisse prägen die Kindheit: Zum einen der alkoholsüchtige Onkel, dessen Hand leicht deformiert ist und die deshalb große Faszination auf das Kind ausübt. Zum zweiten ist es die Züchtigung und das Verhalten des Vaters, als die Familie ihn beschuldigt, Geld entwendet zu haben. Sich selbst versucht der Junge hinter seinen dicken Brillengläsern zu verstecken:

„Ich versteckte meine Unruhe hinter meiner Brille und ging in mein Zimmer.“

oder

„Die bittere Abscheu versteckte ich hinter meinen Brillengläsern.“

Er merkt schnell, dass es im Leben nicht ums Echtsein geht, sondern um die Leistung, um das, was man tut, nicht was man ist. In diesem Bewusstsein, dass keiner sich wirklich zeigt, wächst der Junge als Außenseiter heran, wird, weil ein Lehrer seine Begabung entdeckt, Kunststudent, aber ein recht einsamer Mensch.

Im zweiten Teil „Die heilige Hand“ lernt der Künstler eine junge Frau, nur L. genannt, kennen. An ihr, die stark übergewichtig ist, findet er zunächst vor allem ihre Hände faszinierend. Er wird sie abformen und in Gips zu Kunst machen. Mehr und mehr vertraut sich L. ihm an, erzählt ihm ihre Geschichte und wird sein Ganzkörpermodell und auch er beginnt sich zu öffnen. Sie werden ein Liebespaar, doch nicht auf Dauer. Als er L. nach vielen Monaten nach ihrer Trennung wieder begegnet, ist sie schlank, leidet aber unter Bulimie und ist psychisch labil. Es geht ihr schlechter als zuvor. Da sie ihre Bleibe verliert, zieht sie zu ihm ins Atelier. Er unterstützt sie, wo er kann. Doch auch das ist nicht von Dauer, denn als ihr Geliebter, dem zuliebe sie sich dünn gehungert hatte, sich wieder meldet, verschwindet sie erneut. Unhyong zieht sich enttäuscht fast ganz von der Welt zurück, kann kaum mehr arbeiten.

„Ich hatte die Bildhauerei als Berufung angenommen und war nun über dreißig Jahre alt. Aber das allein befähigte mich natürlich nicht dazu, Schönheit zu erkennen. Als schön empfand ich, was mich elektrisierte. Ich wurde dann hellwach, das Blut pulsierte schneller in meinen Adern und manchmal stiegen mir Tränen in die Augen. Was mich auf diese Weise berührte, unterschied sich vom Schönheitsempfinden der anderen. (…) Was ich als schön empfand, war für andere ungewöhnlich oder gar abnorm oder etwas, womit sie womöglich nicht in Kontakt kommen wollten.“

Im dritten Teil, sehr bezeichnend „Maskenball“ genannt, lernt Unhyong eine Innenarchitektin kennen, E., deren kühle Ausstrahlung schwer zu durchschauen ist, die ihn aber gerade deshalb interessiert. Er verliebt sich in sie. Als er eines Tages fragt, ob sie ihm ihr Gesicht als Modell zum Abformen zur Verfügung stellen würde, willigt sie schließlich ein. Diese Entscheidung führt für beide zu ungeahnten weiteren Entscheidungen, die sie schließlich dazu zwingen, nach langem inneren und äußeren Kampf voreinander ihre Masken fallen zu lassen. Möglicherweise ist dies der Beginn einer tieferen Ebene ihrer Geschichte …

„Deine kalten Hände“ ist ein faszinierendes, teils erschreckendes Buch. Einzig in seiner Art, die menschlichen Masken zu durchdringen und den Spiegel vorzuhalten. Wer sind wir wirklich, wenn wir uns nicht mehr geschützt von unseren Alltagsmasken befinden, wenn wir verletzlich werden? Werden wir dann noch gewollt und geliebt? Sprachlich ist es absolut gelungen, wenngleich die Story minimal hinter ihren beiden vorher erschienen Romanen zurücksteht.

Das Buch erschien im Aufbau Verlag. Übersetzt aus dem Koreanischen wurde es von Kyong-Hae Flügel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.