Tanikawa Shuntarõ / Jürg Halter: Das 48-Stunden-Gedicht Wallstein Verlag

 

Bevor der neue Lyrikband „Gemeinsame Sprache“ des Schweizer Jürg Halter am 27. Januar beim Dörlemann Verlag erscheint, möchte ich noch an ein schönes lyrisches Projekt erinnern. Mein Beitrag dazu erschien 2016 zuerst auf fixpoetry, der großartigen Lyrik und Literaturplattform, die es leider nun aufgrund mangelnder finanzieller Unterstützung nur noch als Archiv gibt.

„Eine aus Worten gebaute Welt ist ausdauernder als die wirkliche.“

Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden Lyriker Jürg Halter aus der Schweiz und Tanikawa Shuntarõ aus Japan zusammen arbeiten. Kennengelernt haben sie sich 2002 auf einem Poesiefestival. Sie schienen sich auf Anhieb zu verstehen, ein „ähnliches poetisches Weltverständnis“ zu haben. Keiner verstand des anderen Sprache und dennoch planten sie bald ein gemeinsames Projekt. Bereits 2012 entstand ein Lyrikband aus beider Stimmen. Damals ging der Austausch über mehrere Jahre und von Land zu Land.

„(Zu jeder Stunde schreibe ich mit Jürg ein Gedicht. […]
Die Stunden eines ganzen Tages sind uns nur Vehikel,
ein Versuch, weg von der Tradition zu einer neuen Form von Kettengedicht.)“

Für das neue Projekt, welches schon fast einer Performance gleicht, trafen sich Halter und Tanikawa in Tokio, um in einem gläsernen Raum des Tsuda College vom 8. bis 12. September 2014 tags und nachts an ihrem Kettengedicht oder japanisch Renshi, zu arbeiten. Renshi ist eine moderne freie Art des Kettengedichts. Dabei geht es weniger um traditionelle Formen, Bilder oder Motive. Es gilt aus   dem vorherigen Gedicht des Anderen etwas herauszufiltern und in ganz eigenem Kontext weiterzuführen, so bildet sich ein vollkommen neuer Pfad. Bei Halter und Tanikawa findet auch die unterschiedliche kulturelle Prägung und der Altersunterschied Eingang in den dichterischen Austausch.

[…]
„hören die Ohren verschiedener Kulturen
je ein anderes Schweigen?“

Tanikawa schrieb seine Gedichte in jeder geraden Stunde, Halter in jeder ungeraden. So blieb Zeit, um die Verse direkt übersetzen zu lassen und danach darauf zu „antworten“. Zwei Übersetzer waren  dabei, Franz Hintereder-Emde, der vom Japanischen ins Deutsche übertrug und Niimoto Fuminari vom Deutschen ins Japanische.

Das 48-Stunden-Gedicht ist ein sehr besonderes Buch geworden. Sowohl inhaltlich, als auch in der Gestaltung der äußeren Form wirkt es fernöstlich ästhetisch. Kapitel gibt es nicht, dafür eine Aufteilung in Tageszeiten. Für jede Stunde steht ein Gedicht, es sind immer 3 – 5-Zeiler, die sowohl in Deutsch als auch in Japanisch abgedruckt wurden. Ergänzt wird der Text durch filigrane, surreale Schwarz/Weiß-Illustrationen, die speziell für den Gedichtband entstanden sind, die einzeln für sich Geschichten erzählen, aber auch mit den Texten kommunizieren. Auch hier sind es jeweils eine Künstlerin aus Japan, Tabaimo, und ein Künstler aus der Schweiz, Yves Netzhammer. Auch das feine Cover aus rotem Halbleinen zieren zwei Illustrationen. Zudem gibt es ein aufschlussreiches Nachwort der beiden Herausgeberinnen, Kakinuma Marie und Susanne Schenzle, in dem sich Details zur Entstehungsgeschichte des Bandes nachlesen lassen.

Tanikawa Shuntarõ  wurde 1931 in Tokio geboren und ist einer der bekanntesten japanischen Gegenwartsdichter. Man merkt seiner Lyrik an, dass sie auf großer Lebenserfahrung basiert. Sie strahlt eine enorme Kraft aus. Seine Gedichte sind sehr gewandt, da ist einer sehr erfahren und doch sehr jung und frei geblieben. Seine Verse erinnern oft an Haikus und sind in ihrer Art vielfach so angelegt, dass es am Ende zu einem überraschenden Bild kommt. Sie sind keineswegs altbacken, eher von seltener Weisheit und feinem Humor durchdrungen. Sie nehmen alle neuen Einflüsse und Eindrücke genügsam auf, aber nicht sofort an, sondern hinterfragen sie häufig, oft im Schlusspart des Gedichts. Tanikawa vermischt in schönster Weise Alltäglichkeiten mit spirituellen, ja ZEN-haften Gedanken und lässt dabei auch aktuelle politische Ereignisse nicht außen vor. Er ist ein glänzender Beobachter und sehr souveräner Dichter.

„Unter hunderten von in der Zeitung aufgelisteten Namen
sucht jemand mit geröteten Augen einen einzigen.
[…]“

oder:

[…] weiß nicht, wo die Sonne an diesem Morgen steht.
Jetzt, ein Land in tiefer Nacht, ein Mädchen schluchzt in einem Camp.“

Jürg Halter wurde 1980 in Bern geboren und ist Dichter, Musiker und Performancekünstler. Seine Verse klingen moderner, sind rhythmisch und am besten laut gelesen (Halter selbst liest seine Gedichte mit einem deutlich hörbaren Anklang seines Berner Dialekts, was einen besonderen, auch verlangsamten Klang hervorruft). Doch auch hier versteckt sich eine gewisse Geistigkeit, ein Durchdrungensein von Sprache. Seine Bilder sind dennoch direkter, tauchen sofort beim Lesen auf, benötigen kaum Geduld. Seine Sprache ist mitunter robuster, nicht so feinsinnig wie die Tanikawas.

„Die Tradition und der gesunde Menschenverstand
lagen in der Rehaklinik im gleichen Zimmer.
[…]

oder

„Sie vermissen einander zu verschiedenen Minuten,
deshalb elektrifiziert sich die Luft wohl nicht,
[…]

Beide schreiben in freien Versen, es sind 3-5 Zeilen, mehr nicht, denn beide beherrschen das Verdichten, machen aus großen oder kleinen Gedankenwolken ein stimmiges Wortkonzentrat., dass sich beim Lesen dann wieder ausdehnt, als sei es gewässert oder beatmet worden. Für den Stoff ihrer Gedichte greifen beide einfach nach Alltäglichem und verbinden es in einem Atemzug mit Ungewöhnlichem. Oft spiegelt sich bei Halter die Begegnung mit der fremden Stadt Tokio.

„Eine Sardine in der U-Bahn erschrak,
ob all der anderen Sardinen,
die plötzlich wie Menschen aussahen,

[…]

Die Dichter fokussieren beide Situationen, Erlebnisse oder Begegnungen, verdichten und geben die Essenz daraus wider.

„Was, schon sechs Uhr! Was, erst sechs Uhr!
Nichts Psychisches, nur eine Frage der Laune
[…]“

Obwohl sie auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten, schaffen sie es sich in ihren Arbeiten zu begegnen und in einen Dialog zu treten. Der Eindruck, dass beide miteinander kommunizieren, sich wirklich aufeinander beziehen, stellt sich erst bei wiederholtem Lesen ein, ist nicht sofort ersichtlich. Dieser Band lädt ein zum Eintauchen, zum Verweilen; dabei bietet sich ein meditatives Versenken in die wunderbar integrierten feinen Zeichnungen an. Es braucht Zeit sich darauf einzulassen, oder vielleicht auch nur den einen richtigen Moment.

Der Band erschien im Wallstein Verlag.

 

Daniela Danz: Wildniß Wallstein Verlag

Dass ich die Lyrikerin Daniela Danz erst jetzt entdecke, wundert mich. Denn sie ist eine Autorin, deren Lyrik von Essentiellem und Existenziellem geprägt ist, die kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um Missstände geht, die still und zugleich stark wirksam ist und in die Tiefe geht. Die Gedichte in „Wildniß“ haben mich fast durchweg begeistert. Berührt, gepackt und inspiriert für mein eigenes Dichten.

„KOMM WILDNIS IN UNSERE HÄUSER
zerbrich die Fenster komm
mit deinen Wurzeln und Würmern
überwuchere unsere Wünsche
Mülltrennungssysteme Prothesen
und Zahlungsverpflichtungen“

Daniela Danz erhielt für Teile des Manuskripts den Deutschen Preis für Nature Writing. Tatsächlich handeln die meisten ihrer Gedichte in diesem Band von der Natur. Doch ist die Natur bei ihr nicht getrennt vom Mensch und seiner Lebenswelt. Dringt im Gegenteil die Natur oft immer wieder in die menschgemachte Kulturlandschaft ein und umschlingt sie und verwächst erneut mit ihr. Gleich in den ersten drei Gedichten, zeigt sich dies ganz deutlich. Sie beziehen sich auf einen Buchenurwald in den Karpaten.

„und die Langsamkeit die nutzlos an einer
stillgelegten Bahnstrecke überdauert hat
ein Murmeln kommt von den Rändern
erst leise dann mit Unmut gemischt
die Ränder verwackeln die schönen
Konturen der Zäune gegen das Abendrot
die Salzsäulen derer die sich umgesehen
haben: bizarre Denkmale am Horizont“

Besonders gelungen empfinde ich das Kapitel „Kaskaden“. Hier zeigt Danz bereits aufgrund der gewählten Form die Kaskadenhaftigkeit der Verse. Die Zeilen springen hinab, verbinden sich mit weiteren Zeilen, springen weiter hinab. Die Themen der einzelnen Kaskaden sind aussagekräftig. Einmal geht es ums Glück, dann um die Geschichte, mehrmals um die Arbeit, aber auch um Geheimnisse. Dabei bleiben die Gedichte sehr konkret. Sie erzählen uns beispielsweise von den harten Arbeitsbedingungen in einem Braunkohletagebau oder im Stahlwalzwerk.

Highlight ist für mich in seiner Schlichtheit und Litaneihaftigkeit das Gedicht „Mythos“ aus dem Kapitel Arkanum. Ich zitiere es hier ganz:

Mythos

Die Erzählungen der Ameisen auf ihren
Pheromongleisen die Erzählungen der Bienen in ihren
Schwänzeltänzen
die Erzählung der abgeknickten Zweige eines Wildwechsels
die Erzählung der entwurzelten der morschen
der von Kerfe durchfurchten Buchenstämme
die Erzählung der Wolken und des Lichts
die Erzählung der wandernden Schatten im Sand
die Erzählung des Nieselregens im Wasser
die Erzählung der Falten meiner Hand
der Tonlage meiner Stimme
die Erzählung des Blicks mit dem du die Welt betrachtest
die Erzählung der Welt ohne dass du sie anschaust
weiter und weiter erzählt sich die Welt
noch lange nachdem du und ich
und keiner den wir kannten
mehr zuhört

Im Kapitel „Wildnis der Rede“ kommen wir dem Individuum näher, welches in der Auseinandersetzung mit Steuerbescheiden, Umweltkatastrophen, Flüchtlingsschicksalen, dem System, der Politik, dem Bangen und dem Kampf um die Demokratie lebt. Wirklich noch lebt? Eine Frage, die den ganzen Band durchzieht. Wie wollen wir leben? Wie kann eine lebenswerte Zukunft gelingen?

Crash dieses Katastrophenkurses dem Zusammenbruch des Sys-
tems 
der allumfassenden Zerstörung die den Staat sprengt den Staat
der verfällt und geblendet stehen die Hörenden die die Abgabenlas-
 ten tragen die Zinslasten die Steuerlasten die der Belastung nicht
standhalten unter den Lasten leiden die Leidtragenden stehen der
Täuschung ausgesetzt geblendet im Rauch der Nebelkerzen …“

Und Danz beleuchtet in vier Gedichten dann auch noch den ebenfalls naturgemachten? menschgemachten? Virus, der uns Anfang des Jahres heimsuchte. Ich halte wenig von Coronagedichten, Coronatagebüchern und so sind es auch in meinen Augen Gedichte, die für den Band nicht notwendig sind, die eher ablenken. Dennoch sind sie womöglich besser als vieles, was es sonst so zu Corona zu lesen gibt.

Ich empfehle diesen Band der 1976 in Eisenach geborenen Dichterin sehr. Sie hat mich in ihrer souverän-sicheren Sprache und mit dem Klang der Kaskaden in ihre Welt gelockt. Ein Leuchten!

„Wildniß“ erschien im Wallstein Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Im folgenden Video liest Daniela Danz das erste Gedichte aus ihrem Buch:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ambra Durante: Black Box Blues Wallstein Verlag

„Black Box Blues“ von Ambra Durante ist eine Art Graphic Novel. Schon aus dem Titel heraus kann man ahnen, dass es hier um Depressionen geht. Doch nicht nur das. Der 19-jährigen jungen Frau, die ihre jugendliche Heldin sich selbst und ihr Leben zeichnen lässt, die diversen Abstürze und Dunkelheiten, aber auch das Licht zeigt, das ab und an durchscheint, geht es auch darum, wie schwierig es heute ist erwachsen zu werden. Der, durch die bunte social media Welt vorgegebenen tollen Dauerstimmung kann jemand, der unter Depressionen leidet nicht standhalten. Das drohende Scheitern schwebt immer darüber, das Gefühl, es nicht so gut zu können, wie die anderen. Tröstlich für die Heldin ist der „Klub 27“: diverse Musiker*innen (wie Amy Winehouse, Curt Cobain), die bereits mit 27 den Tod fanden und womöglich mit ähnlichen Dunkelheiten zu kämpfen hatten. Musik machen ist somit auch eine Option, mit der Verlorenheit umzugehen. Mit den diversen Therapeuten ist es schwieriger. Mehr Licht bringt da das Zeichnen. So kann der schwarze Block, der scheinbar immer da ist, zumindest ab und an verkleinert werden. Familie und Freunde sind auch in den dunkeln Phasen von unschätzbarem Wert.

Die Zeichnungen sind comicartig, durchgehend in schwarz/weiß gehalten und oft sehr ausdrucksstark. Mir scheint das Buch allerdings eher für Jugendliche und junge Erwachsene geeignet und vielleicht auch eher für Außenstehende, die gerne einen Einblick in die Krankheit, die das Leben wirklich arg verändert, bekommen möchten. Betroffene werden sich sicher auch wiederfinden und vielleicht wird irgendwo ein kreativer Raum eröffnet. Dann wäre schon viel gewonnen. Mehr Worte möchte ich über das Buch nicht verlieren, denn es wirkt allein durch seine Bilder.

Ergänzend gibt hier es ein aufschlussreiches Interview mit der 19-jährigen Autorin, die in Berlin und Mecklenburg Vorpommern lebt: https://www.ndr.de/…/Black-Box-Blues-Graphic-Novel-ueber-De…

Das Buch erschien im Wallstein Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.