Antje Rávik Strubel: Blaue Frau S. Fischer Verlag

Eingangs ein Zitat der Dichterin Inger Christensen. Schön. Und gleich auf den ersten Seiten weiß ich, das ist ein Buch für mich. Ein Roman mit einer Geschichte, die mich schon anfangs sprachlich einfängt und in ihrer Art eigen erscheint. Antja Rávik Strubel hat einen besonderen Sprachstil. Autor*innen wie sie sind imstande für mich echte gute Literatur zu machen. Sie, wie auch Hari Kunzru (dessen neuen Roman ich in Kürze hier auch vorstelle), schaffen es aktuelle Themen, Politisches wie Gesellschaftskritisches so zu verarbeiten, dass es nicht plakativ oder künstlich aufgeblasen wirkt, sondern so als wären diese Themen in der Literatur naturgemäß zuhause. Das merkt man auch an der besonderen Tiefe der Texte. Solche Bücher liebe ich.

In der Geschichte ist neben der Heldin Adina auch die Blaue Frau unterwegs. Sie ist auch für mich eine besondere Begleiterin, denn sie bleibt rätselhaft. Sie bleibt verschwommen, mitunter widerspenstig, sie spricht in Rätseln, aber voller Poesie und vielleicht gibt es sie ja nur in der Phantasie, vielleicht ist sie ein Wassergeist? Vielleicht ist sie aber auch die Muse der Autorin selbst?

„Die blaue Frau bleibt, bis die Sonne untergegangen ist. Mit der Dämmerung wird es kalt. Das Wasser nimmt die Farbe von Asphalt an. Bevor sie geht, wendet sie sich noch einmal um.

Sie zögert.

Sie hält es für denkbar, dass Menschen ihre Energie manchmal auf etwas Ersehntes hin so ausrichten, dass es in Erscheinung tritt.“

Der Roman beginnt in Finnland. Wir begegnen einer jungen Frau (Adina, Nina, Sala) in einer kleinen Wohnung in einem Plattenbauwohngebiet von Helsinki. Sie scheint verwirrt und angeschlagen, sie versucht, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Sie driftet von Vergangenheit zu Gegenwart, versucht ihre Gedanken zu sammeln. Immer wieder schieben sich erlebte Szenen, vergangene Gespräche in den Text. Warum, erfahren wir nach und nach in Rückblenden; zwischen den Kapiteln kommt meist die Blaue Frau zu Wort.

Adina ist im tschechischen Riesengebirge aufgewachsen. Sie ist der einzige Teenager ihres Ortes. So wie der „Letzte Mohikaner“. Und so fühlt sie sich bereits als Mädchen oft verloren. Im Fantasiegebilde „Rio“, wo sie ihre Internet-Chatroom-Freundschaften knüpft, fühlt sie sich aufgehoben. Dort ist es egal, wer sie ist. Durch Arbeit im Skigebiet verdient sie sich das Geld, um nach dem Schulabschluss nach Berlin zu gehen. Sie will dort Deutsch lernen.

2006, Merkel ist gerade Kanzlerin geworden: In Berlin angekommen lebt Adina im Hostel, lebt sparsam und lernt. Als sie Rickie begegnet, ist sie fasziniert von der rebellischen Frau, die sie unbedingt porträtieren will. Adina verbringt viele Stunden in Rickies Fotoatelier, das gleichzeitig ihre Wohnung und Eventroom ist. Rickie scheint auf einem ihrer Porträtfotos auch den „Letzten Mohikaner“ eingefangen zu haben. Das beeindruckt Adina. Von Rickie, die für Adina (aber auch für mich als Leserin) nicht so ganz greifbar ist, weder in ihrem Tun noch ihrem Sein, erhält Adina eine Adresse, wo sie sich Geld fürs geplante Studium verdienen kann und ihr Deutsch weiter praktizieren kann. Es handelt sich um eine Kultureinrichtung im Oderbruch, nahe der polnischen Grenze.

Das Kulturprojekt ist noch im Entstehen; es werden Sponsoren gesucht. Adina wird schnell zur zweiten Hand des Chefs, dem gegenüber ein Luxusresort am See gehört. Er nennt sie Nina, weil für ihn alles im Ostblock offenbar Russland bedeutet. Immer wieder werden Festessen ausgerichtet im neu renovierten Teil des alten Hauses, um wichtige Leute für das Projekt zu gewinnen. Zu den Gelagen werden auch junge Frauen aus Polen angeheuert, damit die Verhandlungen nicht allzu trocken verlaufen, fließt reichlich Alkohol. Adina muss eines Tages dort Schreckliches erleben und flieht zu Fuß mit gepacktem Rucksack. Wohin weiß sie nicht. Sie lässt sich treiben, um zu vergessen.

Über verschiedene Umwege, ziellos, landet sie schließlich mit dem Zug in Helsinki. Sie findet einen Job in einem Hotel an der Bar. Dort lernt sie Leonides kennen, der aus Estland kommt und als Abgeordneter für die EU arbeitet. Die beiden lernen sich näher kennen; sicher spielt auch beider Herkunft aus Osteuropa eine Rolle, dass sie sich irgendwie verbunden fühlen. Schließlich zieht Sala, wie er Adina nennt, zu ihm in den Abgeordnetenbungalow. Hier beginnt Adina, sich wieder wohler und sicherer zu fühlen, obwohl beide sehr vorsichtig in ihrer Beziehung sind. Als Leser erfahren wir hier auch sehr viel über die Arbeit der EU, vor allem was Menschenrechtsverletzungen angeht, vor allem über die noch immer bestehende Kluft zwischen West- und Osteuropa. In diesen Kapiteln, die in Finnland spielen, wirkt der Roman auf mich am Stärksten. Hier zeigt sich die große Verletzbarkeit von Individuen und das, was die große Politik daraus macht.

Als Sala/Adina Leonides eines Abends auf eine Abgeordnetenparty begleitet geschieht etwas, was alle verdrängten traumatischen Ereignisse wieder hervorruft, von denen sie Leonides natürlich nie etwas erzählt hatte. Sie muss von ihm weg. Und so schließt sich der Kreis. Adina landet in der Wohnung im Plattenbau …

„Die Wahrheit einmal auszusprechen ist dabei nicht von Belang. Zwischen ihr und der Welt liegt ein gewaltiger Abstand. Ödes, baumloses Land. Was immer sie sagen wird in einem holzgetäfelten Saal, vor einer Richterin in einer schwarzen Robe; an dieser Ödnis werden ihre Worte nichts ändern.“

Die Autorin hat ein großes Geschick darin, durch Auslassungen Geschehnisse umso intensiver aufzuzeigen. Mit wenigen Worten ist oft klar, was nicht direkt gesagt wird, ja, vielleicht nicht gesagt werden kann. Es ist die Atmosphäre, die Dichtheit, die eindringliche Stimmung, die jedes Kapitel neu und anders prägt. Sie lässt uns sehr überzeugend die übergroße Last ihrer Heldin spüren, deren Innenwelt sich immer wieder im Außen spiegelt. Die Spannung ergibt sich durch die Form des Erzählens: immer mehr wird aus der Lebenswelt der Protagonistin bekannt, je weiter die Geschichte fortschreitet. Ein Puzzleteil fügt sich ans nächste. Langsam erkennt man Hintergründe. Und der Schluss, der ebenfalls mehr Andeutungen als Klarheit bringt, bietet uns immerhin Möglichkeiten des Fortdenkens der Geschichte an, in der Hoffnung, es möge der Heldin Gerechtigkeit widerfahren.

Antje Rávik Strubels Roman hat mich sehr beeindruckt. Die brillante Sprache in dieser Geschichte, die sich so vielschichtig zeigt ist ein absoluter Genuss, das Thema ein gesellschaftlich relevantes. Und absichtlich habe ich versucht in diesem Beitrag nicht so viel zu verraten, denn man sollte die Geheimnisse des Buches selbst entdecken. Unbedingte Leseempfehlung! Helles Leuchten!

„Blaue Frau“ steht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis, was mich riesig freut. Der Roman erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Eine weitere begeisterte Stimme gibt es auf dem Blog Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Marion Poschmann: Nimbus Suhrkamp Verlag

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„Was ist Dunkelheit? Eine Beruhigung, daß etwas endet,
was lange zunahm, zuviel wurde, Wald wurde, Wildnis, was
weiter wucherte, bis es sich endlich lückenlos schloß,
schwarzer Waldwürfel, Wildnisklotz, eine Vitrine, vollkommen
ausgefüllt mit der Behauptung von tiefer Nacht.“

Als Marion Poschmann Ende Februar ihren neuen Gedichtband im Literarischen Colloqium Berlin vorstellte, war ich wieder einmal überrascht von der Vielseitigkeit dieser Autorin. Nach „Geliehene Landschaften“ und dem Roman „Die Kieferninseln“ begibt sie sich mit den neuen Gedichten in die Welt des Wettergeschehens, des Klimas und der Landschaften, immer im Zwiespalt zwischen Höheren Kräften und Wissenschaft. Der Autor Christoph Peters unterhielt sich mit der Lyrikerin über ihre Gedichte und brachte passend zu den „Seladon-Oden“ eigene Seladon-Keramik aus China und Korea mit.

„Seladon ist die Farbe, die Jade nachahmt,
die Farbe, die sich aus der Welt zurückzieht,
das Flüstern von einem nach innen gekehrten Meer – „

Wie es zu dem Kapitel kam, erzählte Poschmann anschaulich: Ein französischer Barockroman mit einem Schäfer namens Seladon und die farbige Glasur der Keramik in Seladon-Farben, ein changierendes Graugrün, nicht klar definierbar, manchmal ins Bläuliche gehend. Faszinierende Texte sind daraus entstanden.


Poschmann ist eine Forscherin und eine Reisende im Namen des Lyrischen Ichs. So erzählte sie von ihrer Reise mit der transsibirischen Eisenbahn zum Baikalsee (auf dem Blog Allons Enfants kann man darüber lesen) zusammen mit der französischen Autorin Celine Minard (ihren Roman „Das große Spiel“ kann ich sehr empfehlen) nach der die Kapitel „Transsib“ und „Sibirischer Tierstil“ entstanden. Im letztgenannten Kapitel geht es eisig zu. Poschmann hatte wohl von den „Top-Eis- und Schneefestivals der nördlichen Hemisphäre“ (= auch der Titel eines Gedichts) die Idee der Eisfiguren mitgebracht und überraschte mit einigen selbstgeformten Eisplastiken, die leider aufgrund der milden Temperaturen sehr schnell schmolzen (Klimawandel im Kleinen):
„ich taute Grönland auf mit meinem Blick, ich schmolz die Gletscher, während ich sie voll der Andacht überflog.“


Die Dichterin, die wenig jünger ist als ich, schreibt im Kapitel „
Wettermachen“ von häuslichen Szenen, die mich sehr an meine eigene Kindheit erinnern: „Seltsam, daß Dinge wie Haarspray mit mir zusammen auf die Welt kamen“ und bringt dabei gleich ganz subtil eine Umweltkritik unter, in dem sie weiterschreibt: 

                         „Meine Kindheit jene der Tetrapaks,
Plastiktüten und Kühltruhen. Letztens erst trieben
im Müllstrudel Tausende Überraschungseikapseln
mit Spielzeug gefüllt an den Strand von Langeoog.“

Bald danach ist vom Staubsaugen die Rede und womöglich hat noch nie jemand so gelungen eine Hausarbeit verdichtet:

„Ich führe das gierige Tier auf die Weide. Ein Schlauch
voller Anmut, gebogener Nacken, das Kabelschwänzchen
erst ängstlich zwischen die Räder geklemmt, dann
nur noch gefräßig, und lange äste es zwischen den
Teppichfransen.“

Der Buchtitel, Nimbus, aus dem Lateinischen für „dunkle Wolke“, bedeutet gleichzeitig aber auch Heiligenschein, weist auf die Symbolkraft hin, die Poschmann in jedem ihrer Bücher gerne umkreist. Diesmal geht es dann auch um Wolkenformationen – Cumolonimbus – und Wasser, fließend oder gefroren und um Farben, vielfach um die Farbe Weiß in all ihren Variationen, aber auch um Schwarz, das absolute Dunkel. Hierbei spielt sie auch dazu passend mit den verschiedenen Gedichtformen, so das es immer stimmig durchgearbeitete Verse sind.

Marion Poschmanns zeigt in diesem Band aufs Schönste, dass man Gedichte über die Natur sehr wohl mit Zeitkritischem verbinden kann und dabei nicht explizit politische Gedichte schreiben muss, um auf die relevanten Themen unserer Zeit hinzuweisen. Dass ihr das bravourös gelingt, weist auf ihr feines Gespür und ihr überragendes Können als Lyrikerin hin. Ein Leuchten!

„Nimbus“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.