Helen Wolff: Hintergrund für Liebe Weidle Verlag

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Überall wird geschwärmt von diesem Buch. Ja, es ist eine zauberhafte Sommergeschichte. Und wenn diese autobiografische Sommergeschichte nur von Helen und ihrem Sommerhäuschen in Saint-Tropez handeln würde, hätte mir dieser kurze Roman noch besser gefallen. Aber da ist ja auch Kurt Wolff. Und leider leider kann ich ihn gar nicht leiden. Ein Mann, der in Nizza im Casino Geld verspielt, im nobelsten Hotel wohnen will, jede Gelegenheit für Liebeleien nutzt und Helen herablassend behandelt. Das hat Helen nicht verdient, denke ich. Helen, die Heldin und Ich-Erzählerin, die ganz verliebt in ihn ist und mit ihm zusammen den Sommer an der Côte d’Azur verbringen will, aber schnell merkt, dass sie ganz andere Vorstellungen vom Zusammenleben hat. Helen als Autorin, die ihr Anhimmeln auch noch im fortwährend groß geschriebenen Du ausdrückt, wenn sie von dem Mann spricht. Und dann zum Glück – ich atme auf – verlässt sie diesen ignoranten viel älteren Mann und findet ihr Sommerglück im Häuschen zwischen Weinbergen und Meer mit Katze Colette und mit den neuen Freunden Wolf und Marianne. Sie findet ihre Ruhe und Ausgeglichenheit wieder, wächst und gedeiht und trägt statt der hübschen Kleidchen bald selbstbewusst Hosen und Fischerhemd.

Als Kurt dann doch wieder auftaucht, wünsche ich mir sehr, dass sie ihn abblitzen lässt. Was sie zunächst auch tut. Aber leider nicht durchhält. Er drängt sich auf, dringt in ihr selbstbestimmtes Leben, will, als sei es selbstverständlich, mit in ihr Häuschen einziehen und bestimmen, was noch gekauft und was getan werden muss und benimmt sich noch immer überheblich männlich. Da heißt es dann:

„Komisch“, sagst Du, „ausgerechnet du hast dich selbständig gemacht. Ausgerechnet du kleine Feldmaus. […] Und die Küche ist geradezu ordentlich. Das hätte ich dir nie zugetraut.“

Helen selbst scheint das auch alles zu bemerken,

„Es muss schon allerhand geschehen, bis eine Frau wegläuft, wir sind ja dazu erzogen, geduldig zu sein, wir haben es ja gelernt, durch die Finger zu sehen, ihr habt uns ja systematisch abgehärtet.“

redet sich dann aber doch ein (vermutlich eben doch wieder aus der traditionellen weiblichen Rolle heraus), männliche Untreue herunter spielen zu müssen:

„Ich habe Dich untreu gefunden, charakterlos und ohne Gewissen. Aber das ist alles vielleicht nicht wahr. Wahr ist vielleicht, dass die Unbeständigkeit Dein Charakter ist und die Farblosigkeit Deine Farbe. Vielleicht kannst Du Dir nur treu sein, wenn du untreu bist.“

Ich finde Helen Wolffs Sprache sehr gelungen und bilderreich, und habe die Sommererzählung ohne Kurt sehr genossen. Sobald er aber wieder auftauchte, wich die Leichtigkeit. Das mag ein sehr persönlicher Ansatz für eine Besprechung sein, aber er hat sich mir sehr aufgedrängt. Es ging etwas besser, als ich mir klar machte, dass der Text 1932 geschrieben wurde, als die Frauenbewegung und Emanzipation noch weit entfernt war. Im 100 Seiten langen Nachwort kommt immerhin Marion Detjen, eine Großnichte Helen Wolffs, auf ähnliche Gedanken:

„Denn auch ihre literarische Qualität ist an manchen Stellen durch eine heute antiquiert erscheinende, nur aus Rücksichtnahmen auf die Zeitumstände erklärbare, ostentative Bestätigung der weiblichen Unterordnung kompromittiert.“

Ein wenig relativiert sich im Nachwort für mich auch mein erster Eindruck von Kurt Wolff. Generell ist es womöglich sinnvoll das Nachwort als Vorwort zu lesen, weil sich dadurch Zusammenhänge besser verstehen lassen und biographische Details aufschlußreich die Erzählung ergänzen. Klar wird dabei auch, welche große Rolle das Verlegerpaar, das 1942 wegen des Naziregimes in die USA emigrierte, für die deutsche Literatur spielte. Nicht umsonst gibt es heute die Kurt-Wolff-Stiftung, in der allerdings der Name Helens nicht auftaucht, obwohl sie nach Kurts Tod 1963 die Geschäfte erfolgreich weiter führte. Außerdem erfährt man, dass Helen Wolff ihre Texte, nachdem sie als Verlegerin erfolgreich wurde, wohl nicht mehr veröffentlichen wollte: „At my death, burn or throw away unread“. Schön, dass der Weidle Verlag Helen Wolff nun ins Licht rückt.

„Hintergrund für Liebe“ ist gewohnt schön gestaltet von Friedrich Forssman. Das Cover ziert ein Bild von Helen Wolff, das von der bekannten Illustratorin Kat Menschick gezeichnet wurde. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Felix Jackson: Berlin, April 1933 Weidle Verlag

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Vor einiger Zeit gab es meinen Beitrag zu Boschwitz „Der Reisende“. Ein gewichtiges Buch mit einer unglaublichen Entstehungs- und Wiederentdeckungsgeschichte. Das nun besprochene Buch erinnerte mich stark an obiges. Es hat viele inhaltliche Parallelen und es entstand unter ähnlich herausfordernden Bedingungen. In beiden Büchern geht es um die Unfassbarkeit des aufkommenden Nationalsozialismus mit all seinen Schrecken. Der deutsche Autor Felix Joachimson, später Jackson, emigrierte über Österreich und Ungarn in die USA und sprach nie wieder Deutsch. Sein Roman erschien 1980 erstmals auf Englisch und erst kurz vor seinem Tod stimmte er einer deutschen Ausgabe zu. Er ist in Tagebuchform verfasst.

Hauptfigur ist der Rechtsanwalt Hans Bauer, der nach einigen Monaten Kur in der Schweiz im April 1933 nach Berlin und in die Gemeinschaftskanzlei zurückkehrt. Inzwischen hat sich einiges verändert. Er beobachtet den alltäglichen Wahnsinn mit zunehmender Befremdung. Alle nicht-arischen Anwälte müssen ihre Tätigkeit niederlegen. So ergeht es dem Kollegen und Sozius von Bauer, der sich schließlich sogar das Leben nimmt. Er selbst entdeckt mit Entsetzen, dass er eine jüdische Großmutter hat. Der Geliebte einer Freundin, ein hoher Offizier der SS, hilft zunächst, diese Daten zu vertuschen. Doch wie man als Leser sofort erkennt und Bauer warnen möchte, nicht ohne Gegenleistungen. So muss als neuer Sozius, ein andienernder Nationalsozialist aufgenommen werden. So soll Bauer große Geldsummen leisten und schließlich ein befreundetes Künstlerpaar verraten. Keiner vertraut mehr dem anderen, jeder kann zum Verräter werden …

„Der Geruch brennenden Fleisches war noch immer in meiner Nase. Ich wollte mich übergeben, konnte jedoch den Mund nicht öffnen. Ich holte mein Taschentuch heraus und wischte mir das Gesicht ab. Als ich es in die Tasche zurücksteckte, war es naß. Ich hatte nicht bemerkt, daß ich weinte.“

Jackson hat einen Nerv für die Atmosphäre dieser Zeit. Gerade auch über die extrem heftige, immer mehr kippende Gefühlswelt des Hauptprotagonisten weiß er ergreifend zu erzählen. In teilweise atemlosen Abfolgen von sehr dichten Szenen, gerade auch in den Dialogen, zeigt der Autor seine Kunst.

Dass es bereits 1933 so schlimm war und es schon das KZ Oranienburg nahe Berlin gab, in dem im Roman eine junge Frau auf barbarische Weise gefoltert wird, damit sie den Namen eines befreundeten Kommunisten verrät, ist unfassbar. So wurde auch von außen sofort erkennbar, wer nicht hinter der Partei und dem Führer stand, wenn eben einer das „Heil- Hitler“ als Gruß verweigerte. So verrieten schon gedrillte Kinder unter dem Zeichen des Führers ihre eigenen Eltern. Jeder durchforstete angstvoll seine Herkunft. Niemand war mehr sicher.

Das Buch aus dem Weidle Verlag ist wieder von Friedrich Forssman bemerkenswert schön gestaltet und hat ein informatives Nachwort von Verleger Stefan Weidle, der den Roman auch übersetzt hat. Mehr über das Buch und eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.