Judith Zander: Johnny ohne Land DTV Verlag

Welch ein Sprachfunkeln!

Judith Zander kenne ich bereits als Lyrikerin und es ist der erste Roman, den ich von ihr lese. Ihre Sprache ist wunderbar. Es ist wieder einmal so ein Buch, bei dem für mich die Sprache vor der Geschichte selbst steht. Die Geschichte ist eine Familiengeschichte, eine Entwicklungsgeschichte, eine Coming-of-Age-Geschichte. Bei „Lesenswert“ sprechen Ijoma Mangold und Insa Wilke so ziemlich genau das aus, was ich auch über das Buch sagen bzw. schwärmen würde. Ich versuche dennoch eigene Worte zu finden. Denn um Worte geht es ja vorrangig in diesem Roman, die Sprache spielt die Hauptrolle und wird zelebriert in jeder Hinsicht.

„Die dazu notwendige Sprachbefähigung aber schien dir ins Sprechen faul und dilettantisch fehlgeleitet, ein Missverständnis, eine unzulässige Ableitung. Ein Oxidationsprozess, der jeglichen Sinn dunkel anlaufen ließ wie Silber oder die grünen Hüllen der Walnüsse, man setzte die Worte der Luft aus, sozusagen an die Luft, und schon verfielen sie. Es war eine Bewegung in die falsche Richtung, Sprache schien dir nicht für Veräußerung, Äußerungen also, und Verdünnung gemacht, sondern für Verdichtung, ein Innewerden, eine Reduktion. Was du meintest, war Denken, Nachdenken, deine Lieblingsbeschäftigung. „

Wir erleben die Heldin Joana Wolkenzin in ihrer kleinen Heimatstadt im nördlichen Ostdeutschland. Beginnend mit dem Kindergarten, noch vor dem Mauerfall, bei dem sie 10 Jahre alt ist, begleiten wir sie, ihren ein Jahr jüngeren Bruder Charlie und ihre Eltern durch die Zeit bis in ihr Erwachsenenalter. Schon als Kind verhält sich Joana nicht so, wie sich die Eltern eine Tochter vorstellten. Zum Bruder entsteht ein komplexes Verhältnis. Wenig bis gar keine Freund*innen hat sie und das zieht sich durch die Jugendzeit bis ins Erwachsenenalter. Mit der Nachbarstochter Marlen spielt sie „Disco“. Joana, die sich bald Johnny nennt, ist der Junge, Marlen das Mädchen. Später in der Schule gehört sie zu keiner Clique. Sie ist Außenseiterin und will es eigentlich auch sein, denn sie fühlt sich einfach anders, hadert aber gleichzeitig auch damit. Die anderen sind ihr oft zu banal, was sich ebenfalls durch ihr weiteres Leben zieht und sie mitunter auch überheblich wirken lässt viel wahrscheinlicher aber, ist es überspielte Unsicherheit. Als sie 17 ist, verlässt die Mutter die Familie, nur einen nichtssagenden Brief hinterlassend. Seitdem ist es noch stiller im Haus, der Vater, der Bäcker ist, ist ohnehin kaum sichtbar. Die Geschwister wachsen durch diesen Verlust stark zusammen.

„Deine Sehnsucht war groß und ziehend wie ein Zahnschmerz, aber es war doch die nach einem einzelnen Menschen, es zog dich zu der einen Bezugsperson, die dir noch nicht untergekommen war, oder nur halb, nur kurz, einseitig und ansatzweise, und das war doch ein Widerspruch in sich. Und dieses Sehnen hatte nichts mit einer anderen, einer besseren Hälfte zu tun, du wolltest keine Ergänzung, sondern eine Erweiterung. Jemanden zum Reden. Und jemanden zum Anfassen.“

Erst im Studium in Finnland findet Johnny einen Freund und Gefährten, mit dem sie dann auch ihre ersten sexuellen Erfahrungen macht. 21 ist sie da. Doch der junge Mann hatte das Männliche in ihr gesucht und verlässt sie letztlich, weil sie eine Frau ist. Tröstlich ist da der Besuch Charlies in Finnland, der ihr allerdings dann die Frau ausspannt, in die sie sich verliebt hat. Das Verhältnis der Geschwister zerbricht. Joana kehrt in die Heimat zurück und erlebt einen langweiligen, von Melancholie und der Suche nach dem Sinn und nach der eigenen Identität geprägten Sommer. Die Geschichte führt uns dann weiter mit Johnny nach Leipzig zum Studium und in eine Beziehung mit einem Mann, die eigentlich recht einseitig ist und Johnny nicht das gibt, was sie sucht. Manchmal wirkt Johnny in ihren Ansichten arrogant, wenn sie aus ihrer „Ich bin anders“-Perspektive auf die „Normalen“ herabblickt. Als sie für eine Kollegin ein Auslandsjahr in Australien antritt, ist die Trennung bereits vollzogen. Auch in Australien ist sie nicht recht glücklich, findet kaum Anschluss, wird sich aber immer stärker bewusst, dass sie für eine neue Liebesbeziehung oder Freundschaft keine Kompromisse eingehen will. Das Geschlecht ist nicht so wichtig, eher die Seelenverwandtschaft, das „Erkennen“. Johnnys Suche nach Identität und Verortung ist ein sehr langer Prozeß und womöglich auch mit der letzten Seite nicht abgeschlossen.

Die eigentlich spektakulären Dinge passieren in Zanders Roman weniger im Außen, als im Inneren der Heldin. Denn sie reflektiert und seziert fast pausenlos ihr Dasein und versucht sich ihr Alleinsein und ihr Anderssein zu erklären und zu akzeptieren. Für mich als Leserin ist das hochinteressant, denn die Sprache, die die Autorin dabei verwendet sprüht vor Wortspielereien und Metaphern (die bis auf sehr wenige Ausnahmen stimmig sind). Dabei entstehen oft extrem lange Satzschlangen, die mitunter mehrfaches Lesen nahelegen. Eine weitere Besonderheit ist die Du-Perspektive, in der das Buch geschrieben ist. Es ist, als müsste die Protagonistin sich selbst ansprechen, wenn es schon sonst keiner tut. Auch für mich als Leserin ist diese Sichtweise sehr besonders. Es intensiviert den Leseeindruck noch. Stellt sich nur noch die Frage nach dem Autobiographischen in der Geschichte …
Aber egal, dieser Roman lässt mich fasziniert über 400 Seiten staunen. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Dtv Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Jörg Rehmann: Herr Wunderwelt Kommode Verlag

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Aus dem Schweizer Kommode Verlag kommen immer wieder die unterschiedlichsten Buchentdeckungen. So in diesem Frühjahr das Debüt des 1966 in Merseburg geborenen Jörg Rehmann. In der DDR aufgewachsen, in Schkopau mit den ungesunden Ausdünstungen des Chemiewerks Buna, erzählt Rehmann vermutlich autobiografisch in zwei Strängen aus seinem Leben.

Im April 1989 verlässt der Protagonist per Ausreiseantrag den Osten und beginnt mit seiner Arbeit als Altenpfleger in einem Heim im Berliner Grunewald. Mit dem Bewerbungsgespräch beginnt der Roman und setzt damit gleich Zeichen. Denn Held Dirk hat keine Ahnung von Altenpflege und schummelt sich so geschickt durchs Gespräch, dass er dennoch die Stelle bekommt. Wie das Leben im Goldenen Westen für Dirk weitergeht, ist amüsant zu lesen.

Interessanter und witziger fand ich aber den Teil, der von der Zeit der Kindheit und Jugend in der DDR erzählt. Ob Dirk für die Russischolympiade der Schule büffelt, von seinem wöchentlichen Auftritt als überzeugter Lieblingspionier des Schulleiters erzählt, oder von den regionalen Erfolgen mit der Kindertanzgruppe (obwohl sein Vorbild die erfolgreiche Eiskunstläuferin Anett Pötzsch ist), immer ist es ein lockerer Plauderton, den der Autor wählt. Dirk ist ein mit extrem viel Phantasie ausgestattetes Kind und so gelingt es ihm immer wieder auf die Füße zu fallen. Er ist ein Tagträumer mit unbedingtem Ehrgeiz etwas Großes zu erreichen.

„Wer darüber meckerte, weil es dort irgendetwas nicht zu kaufen gab, hatte John Schehr und Genossen nicht begriffen. Manche Kühltruhen in der Kaufhalle waren noch leer. Sie würden später im Kommunismus gefüllt werden. Aber man hatte sie für die Zeit des Kommunismus schon hingestellt.“

Bis zum Germanistik-Studium in Leipzig begleiten wir ihn und weiter über den Wunsch Schriftsteller zu werden (auch mit unlauteren Mitteln), bis zum Entschluss die DDR zu verlassen. Rehmann erzählt jedoch so leicht und locker von seinem DDR-Leben, dass man sich wundert, weshalb er bzw. sein Protagonist das Land verlassen will. Interessant auch in diesem Zusammenhang, dass es schon der zweite Roman dieses Frühjahrs ist, in dem Thomas Kunst mit seiner Lyrik erwähnt wird. (siehe Lutz Seilers „Stern 111“, welches ich eindeutig favorisiere).

„Wenn ich beim Plagieren etwas gelernt hatte, dann Beharrlichkeit. Vor jedem Spät- und Nachtdienst saß ich am Schreibtisch. Aber nichts fügte sich. Ich wusste nicht mehr, was ich schreiben wollte und lieferte zweihundertachtundzwanzig Seiten sperrigen Blödsinn ab.“

Aus einem ungelernten Pflegehelfer, der quasi immer in prekären Verhältnissen lebt, wird langsam aber sicher ein studierter Altenpfleger mit Fachkenntnissen im Qualitätsmanagement, der auch nach Auslandsaufenthalten in den USA und Amsterdam immer wieder ins Irmgard-Breugel-Heim zurückkehrt. Bis er endlich nach unzähligen Jahren des Abwägens dem Pflegeheim im Grunewald den Rücken kehrt, vergeht die Zeit mit wechselnden Liebhabern, denen immer andere Lebensgeschichten aufgetischt werden, denn wie attraktiv wäre er denn, wenn er „nur“ Altenpfleger wäre …

Jörg Rehmann hat ein Debüt geschrieben, das witzig zu lesen, unterhaltsam und bisweilen höchst amüsant ist. Hinlänglich überzeugt hat es mich jedoch nicht; vor allem fehlte mir inhaltlicher Tiefgang und ein gewisser Anspruch, was die Sprache betrifft.

„Herr Wunderwelt“ erschien im Züricher Kommode Verlag. Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Lutz Seiler: Stern 111 Suhrkamp Verlag

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Mit seinem zweiten Roman hat der Lyriker und Prosaautor Lutz Seiler eine Art Fortsetzung seines grandiosen Romans „Kruso““ geschrieben, für den er 2014 den Deutschen Buchpreis erhielt. Er ist womöglich sogar noch besser als dieser. War „Kruso“ ein Roman, der kurz vor der Wende überwiegend auf der kleinen Ostseeinsel Hiddensee, also in der ehemaligen DDR spielte, so ist diesmal Berlin der Hauptschauplatz und zwar ganz kurz nach der Grenzöffnung.

Der Mitte 20-jährige Carl Bischoff erhält von seinen Eltern ein Telegramm mit der Bitte sofort nach Hause zu kommen und so reist Carl von Halle nach Gera und fällt dort aus allen Wolken, als seine Eltern ihn informieren, dass sie in den „Westen“ gehen wollen. Der Vater übergibt Wohnungsschlüssel und den „heiligen“ Wagen, einen gepflegten Shiguli an den Sohn und dieser fährt die Eltern an den Grenzpunkt, von wo sie ins Erstaufnahmelager Gießen kommen.

Von diesem Punkt aus teilt Seiler seinen Roman in zwei Erzählstränge. Zum einen folgen wir Carl im Shiguli nach Berlin, zum anderen den Eltern, die im Westen sehr zielstrebig einem ganz bestimmten inneren Plan folgen, das Carl dann immer wieder das „Elterngeheimnis“ nennt.

„Meine Eltern sind verschollen, gleich nach Öffnung der Grenze, das heißt, ich bin jetzt allein und suche eine Höhle, nur für mich und mein Schreiben, für die Suche nach dem Übergang, genauer gesagt, die Passage in eine poetisches Dasein.“

Carl gelangt in Berlin durch Zufall in einen sehr speziellen Kreis, „Das Rudel“ genannt, oder die „Arbeiterguerilla“, die unter ihrem Anführer, des „Hirten“, verlassene Häuser besetzt. Carl, der ehemals Maurer gelernt hat, aber eigentlich nur Dichter werden will, engagiert sich gleich beim Ausbau des Kellers, der Versammlungsraum mit Ausschank werden soll. So gelangt er in alternative Künstlerkreise mit allerlei illustren Gestalten, skurrilen Begebenheiten und trifft schließlich auf Effi, seine angehimmelte Jugendliebe, inzwischen Kunststudentin. Auch Edgar und Kruso (aus dem Vorgängerroman) tauchen in kurzen Szenen auf. Carls Unruhe legt sich durch das Zugehörigkeitsgefühl und er schafft es immer wieder sein Ziel, ein poetisches Leben zu führen, im Fokus zu behalten. Es gibt eine erste Veröffentlichung, Anerkennung von einem Dichterkollegen namens Thomas Kunst (der keinem Lyrikleser unbekannt sein sollte), ein Verlag erbittet ein Manuskript, doch die Beziehung zu Effi ist nicht dauerhaft lebbar. Einer liebt immer mehr, in diesem Fall Carl.

Seiler erzählt hier möglicherweise aus seiner eigenen Geschichte. Die Assel, das Kellerlokal gab es damals wirklich, die besetzten Häuser im Prenzlauerberg zwischen Prenzlauer Allee und Monbijoupark gab es wirklich, die sich daraus entwickelnden Künstlerkreise gab es wirklich. Seiler erzählt von einer sich auflösenden Welt, einer Übergangswelt, von der man noch nicht weiß, wo es hingehen wird. Er erzählt von dem Versuch einer Gruppe von Menschen, die sich nicht dem Konsumkapitalismus ausliefern wollen, wie er allmählich aus dem Westen vordringt. Die Sprache, die der Autor hierfür findet ist eine enorm poetische. Es ist ein Eintauchen in die Tiefe und ein Beschwören der Worte, ein Be-schreiben der zweifelnden Innenschau eines angehenden Dichters.

„Die Vorstellung, sich dorthin zu retten, aus allem heraus in ein Jenseits der Poesie. (Um dann, irgendwann, von dort her wieder einzutreten in diese öde, armselige Welt, jedoch unangreifbar, geschützt, als hätte man in Drachenblut gebadet.“

Im zweiten Strang schafft er es, die Erlebnisse von Carls Eltern als DDR-Bürger in Westdeutschland so nah und berührend zu schildern, dass auch dieser Teil der Geschichte höchst lebendig wird. Egal ob Carls Vater als Experte Kurse für seltene Computersprachen gibt oder seine Mutter als Haushälterin und Putzfrau arbeitet, immer wird das Geld sofort gespart, immer ist das Ziel im Fokus. Carls Mutter ist diejenige, die über Briefe Kontakt zu ihm hält. Diese Briefe sind auch immer Ausgangspunkt für das Weitererzählen des „Elternstrangs“, der auch oft mit Kindheitserinnerungen Carls unterfüttert ist.

Das letzte Kapitel, das den Namen des Romans und den eines DDR-Kofferradiotyps trägt, führt Eltern und Sohn wieder zusammen und auch das Elterngeheimnis wird aufgelöst. Für Carl ist es eine Zeit des Erkenntnisgewinns, für Wachstum und Neuausrichtung.

„Sie hatten ihm das alles verschwiegen und eine Art Ersatzleben geführt. Ein gutes, passables, kein unglückliches jedenfalls, nur das erzwungene Leben. […] Auch in ihm war es verankert gewesen, das zweitbeste Leben. Es entsprach einem Grundgefühl seiner Kindheit: jemand oder etwas zu vertreten, nicht voll und ganz gemeint zu sein – nicht an sich, oder wie sollte man es sagen?“

Wie schon in Kruso gibt es auch in Stern 111 immer wieder kurze traumhafte, surreale Sequenzen, die man vergeblich zu greifen versucht und das ist auch gut so. Denn zum Beispiel die schwebende Ziege Dodo möchte ich keineswegs missen. Diese Art zu schreiben zeigt vielleicht auch, wie es sich anfühlt den Weg ins Poetendasein aufzuzeigen, denn auch in Gedichten geht es mitunter nicht mit rechten Dingen zu, bleiben Geheimnisse.

Lutz Seiler hat seine große Dichtkunst mit feiner Prosa versponnen und einen sprachlich und inhaltlich höchst gelungenen Roman geschrieben, der sehr verdient auch den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 erhalten hat. Sternenleuchten!

„Stern 111“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.