Sabine Scholl: Die im Schatten, die im Licht Weissbooks

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Es ist der erste Roman, den ich von Sabine Scholl lese. Und er hat mich gefesselt und ich bewundere, wie gekonnt die Autorin ihre weiblichen Hauptfiguren lebendig macht und wie intensiv ich sie dadurch erleben darf. Sabine Scholl hat neun Frauen gewählt, die sie von kurz vor bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg begleitet. Sie lehnt ihre Heldinnen an wahre Biographien an und gibt ihnen durch ihre literarische Ausarbeitung eine Stimme. Dabei gliedert sie in drei Teile chronologisch von 1938/39 über 1944 bis 1946. Eingangs finden wir eine Liste der Protagonist*innen, die im Buch in Erscheinung treten zusammen mit einer Ortsangabe, an der sich die jeweiligen Personen überwiegend aufhalten. Es sind Orte in Österreich. Linz spielt eine tragende Rolle, auch wegen der Nähe zum Konzentrationslager Mauthausen. Ausgangspunkt der Geschichten ist unter anderem Grieskirchen, der Geburtsort der Autorin in Oberösterreich. Zu dieser Namensliste musste ich auch immer wieder zurückblättern, um die Person wieder einzuordnen, denn es sind viele Namen.

Die Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein. Jede bekommt abwechselnd in eigenen Kapiteln ihre Stimme und das kann Erzähltext sein, Tagebucheinträge und auch das Notat einer Tonbandaufnahme eines Interviews. Die Frauen kommen aus unterschiedlichen Kreisen, leben teilweise in der Nähe und sind einander doch größtenteils unbekannt: Rosi, Zugehfrau, Traudi, ledige Mutter und Dienstmädchen, Lotte, Tochter wohlhabender jüdischer Eltern mit Bekleidungsgeschäft, Elsa, jüdische Ehefrau eines Pastors, Vera, Gräfin auf einem Schloss, Huberta, Prinzessin und Lebefrau, Gretel, Schneiderin, Francine, Schauspielerin. Auf manchen liegt der Fokus mehr, alle Schicksale sind hoch interessant. Durch den Wechsel der Perspektiven entsteht zudem Spannung.

Einige Geschichten haben mich besonders berührt. Manche Frauen sind sympathisch und manche weniger. Doch jede geht ihren Weg. Manche sind Täterinnen, manche im Widerstand und manche machen einfach mit im Nationalsozialismus.

Elsa zum Beispiel, Jüdin und Ehefrau eines Pastors inszeniert ihren eigenen Selbstmord und flieht, um ihre Kinder nicht weiter den Anfeindungen der Dorfbewohner auszusetzen, die voll hinter dem System stehen. Die Kinder wurden drangsaliert und durften als Halbjuden keiner Gruppe beitreten, keinen Musikunterricht mehr nehmen etc.

„Mit einem Mal zeigen die Plakate im Dorf das Hakenkreuz über dem Dachstein aufgehen wie eine Sonne. Dieses hässliche, grauenvolle, spinnenartige Ding überzieht Papier, Fenster, Landschaft und Gehirne. Viele Leute glauben daran wie an einen Gott, einen Erlöser gar.“

Rosi, ihre Freundin wurde nicht eingeweiht und hält sie für tot. Sie betreut die Sommerhäuser der reichen Nazis und beherbergt zeitweise Flüchtlinge und arbeitet im Widerstand, in dem sie die Partisanen in den Bergen mit Nahrung und Informationen versorgt.
Vera ist Adelige und bewohnt das familieneigene Schloss und Anwesen. Weil ihr Mann immer wieder verhaftet wird, (weil er im Widerstand tätig ist) kümmert sie sich als Frau um die gesamten Geschäfte und schafft es immer wieder ihren Mann zeitweise aus der Haft zu holen. Von Haft zu Haft geht es ihm schlechter.
Da ist Gretel, die Schneiderin, die ab Kriegsbeginn fast keine Arbeit mehr hat, aber ihre alte Mutter versorgt. Als sie eine Stellenanzeige liest, in der Aufseherinnen für Lager gesucht werden, bewirbt sie sich. Hier beschreibt Scholl sehr eindringlich, wie sich Gretel von einer normalen jungen Frau zu einer grausamen Wärterin im KZ entwickelt. Weil sie ehrgeizig ist, schüttelt sie die anfänglich starken Skrupel ab, und steigt in der Hierarchie sehr schnell auf.

„Auch im Schneiderinnenberuf gab es Reste und Ränder, die dem Anspruch nicht genügten, Teil eines größeren Vorhabens zu sein. Das heute angelieferte Material ist in miserablem Zustand. Die Körper ausgemergelt und geschwächt, in Fetzen gehüllt. Manche tragen nicht einmal Schuhe. Das geht so nicht.“

Und da ist auch Kitty, Jüdin, auf der Flucht mit zwei Kindern, die sie versucht bei Verwandten in Sicherheit zu bringen, die selbst aber ins Lager gebracht wird. Ihre Schilderungen, der Zustände als Gefangene, erfahren wir aus einem Interview, das nach Kriegsende mit ihr, der Überlebenden, geführt wird. Der Interviewer fragt oft nach, da er das schreckliche Leiden kaum nachvollziehen kann.
Lotte, Jüdin aus Linz, (Kitty ist ihre Tante), das junge Mädchen, das eigentlich Tänzerin und Schauspielerin werden will, flieht mit den Eltern gerade noch rechtzeitig auf ein Schiff nach Shanghai. Doch auch dort wird die Familie zunächst in einem (Aufnahme-)Lager leben. Das Klima und die Zustände in der Enge des Lagers macht vor allem dem Vater zu schaffen, der erkrankt und bald stirbt. Lotte verdient zunächst Geld, in dem sie in einem Varieté als Sängerin auftritt. Bald findet sie und auch ihre Mutter Arbeit im Krankenhaus. Doch als Japan in den Krieg eintritt, wird es schwierig, werden sie plötzlich auch hier zum Feind, weil sie „Deutsche“ sind.
Francine lebt in Paris als Varietékünstlerin, wird aber bald auch als Schauspielerin gebucht. In Babelsberg zum Beispiel. Sie orientiert sich an Rollen, wie sie Marlene Dietrich spielte. Sie wird bekannt, ja berühmt. Sie verkehrt in Künstlerkreisen unter anderem mit Cocteau und Celine. Und sie liebt einen Offizier aus Deutschland, der in Paris als Besatzer stationiert ist. Durch ihn fehlt es ihr auch im Krieg an nichts. Scholl orientiert sich bei der Figur der Francine an der tatsächlichen Geschichte der Schauspielerin „Arletty“, wie ich aus dem Quellenverzeichnis erfahre.

„Francine weiß, dass sie sich hüten werden, ihr den Kopf zu scheren. Die berühmte dunkle Aufsteckfrisur zerstören. Diese Strafe blüht nur einfachen Frauen. Nicht der bestbezahlten Filmschauspielerin Frankreichs. Die Frauen müssen büßen für das, was die Franzosen während des Kriegs erlitten. Scheren sie ihnen die Köpfe, wachsen den Männern anscheinend die Eier nach, die sie verloren haben als Besiegte.“

Ich empfehle dieses Buch sehr. Es bildet ab, was Frauen schaffen, aber auch was sie erdulden müssen in Ausnahmesituationen, im Krieg – im Guten wie im Bösen. Im Anhang finden sich die Quellen, die aufschlussreich zeigen, welche wahren Personen hinter den Romanfiguren stehen. Ich wünsche Sabine Scholl viel mehr Leser für diesen so starken und gekonnt konstruierten Roman, der meiner Ansicht nach viel zu wenig präsent ist in den Kritiken. Ein Leuchten!

Das Buch erschien bei weissbooks. Eine Leseprobe gibt es hier: https://weissbooks.com/

Bücher gegen das Vergessen – Zum 75. Gedenktag der Befreiung von Auschwitz und zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus

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„Sofern es überhaupt ein „Bewältigen“ der Vergangenheit gibt, besteht es in dem Nacherzählen dessen, was sich ereignet hat.“

Hannah Arendt

Viel habe ich gelesen darüber. Immer schon. Viel über Menschen, die der Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Und jedes Mal diese Unfassbarkeit. Immer war es schwer und trotzdem wichtig, vor allem wichtig, diese Texte weiter zu reichen, davon zu erzählen, auf das sie präsent bleiben. Hier eine kleine Auswahl:

Sehr besonders empfand ich da zum Beispiel, wie Zoni Weisz über seine verfolgte Familie und sein Überleben und Weiterleben erzählt. Nicht nur Juden wurden verfolgt und ermordet, auch Sinti und Roma, sowie sogenanntes „unwertes“ Leben, Menschen mit Behinderungen und psychischen Krankheiten – ein Schicksal beschreibt Barbara Zoeke in „Die Stunde der Spezialisten“ – Künstler, wie Felix Nussbaum und seine Frau Felka Platek oder die junge Charlotte Salomon, Kunstschülerin, die aus Berlin flieht, und alle Menschen, die sich auflehnten und im Widerstand mitwirkten – Valentine Goby erzählt von einem solchen Schicksal im Frauenlager Ravensbrück – oder Hilfe bei der Flucht leisteten.

Einer der auch sprachlich beeindruckendsten Romane über einen Überlebenden eines Speziallagers in Auschwitz ist Kanada“ von Juan Gómez Bárcena. Und eine aktuelle Perspektive auf Auschwitz zeigt der israelische Autor Yishai Sarid in seinem Roman „Monster“, der von einem israelischen Touristen-Guide handelt, der für die Gedenkstätte Yad Vashem arbeitet.

Zu den Einzelbesprechungen der Bücher und Hörbücher kommt man durch Klick auf das jeweilige Foto oben.

 

Mela Hartwig: Inferno Literaturverlag Droschl

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Bereits in ihrem einleitenden Kapitel „Straßen“ zeigt sich Mela Hartwigs genauer Blick, ihr Scharfsinn für komplexe Zusammenhänge, ihr Erkennen, was hinter der Fassade ist. Die 1893 in Wien geborene, 1967 im Exil gestorbene Autorin, Schauspielerin und Malerin hat ein Buch geschrieben über die Menschen im Nationalsozialismus des Jahres 1938 bis zum Kriegsende. Es ist ein wichtiges Zeitdokument, das auch sprachlich bemerkenswert ist. Verfasst wurde der Roman zwischen 1946 und 1948 im Londoner Exil. Der Grazer Droschl Verlag bringt nun nach 70 Jahren diesen Text zur Veröffentlichung.

Das, was Mela Hartwig da direkt nach Kriegsende an Gedanken zum Nationalsozialismus als Massenphänomen ausbreitet ist bewundernswert. Vielleicht ist es der Blick der künftigen Malerin, der tiefer tauchen lässt, der weiter vordringt in das Gesehene. Ihre bemerkenswerte Wahrnehmung, ihr wache Reflektiertheit macht ihren Text so stark. Nur ganz selten wirkt er etwas pathetisch, was vielleicht aber auch der Mission ihrer Heldin geschuldet ist oder deren Schuldbewusstsein. Sie schildert den Gewissenskonflikt, die innere Zerrissenheit der 18-jährigen Kunststudentin so überdeutlich, so dramatisch, dass sie den Leser*innen sehr nah kommt. Die Autorin weiß so meisterhaft die inneren Vorgänge zu schildern, dass sie manchmal vergisst, das Außen bildhafter aufzuzeigen.

Wien, 1938: Ursula will Kunst studieren. Von einem der Professoren hat sie bereits so gut wie eine Zusage. Doch wird dieser vom Institut verwiesen wegen seiner „entarteten“ Kunst. Ursula erhält den Studienplatz dennoch, weil sie sich zunächst von der Gesinnung des neuen Professors anstecken lässt. Bald merkt sie, wie jeder jeden im Institut bespitzelt. Nur einem Mitstudenten schenkt sie Vertrauen und beide werden ein Liebespaar. Dass ihr Geliebter als Gegner des Systems im Untergrund arbeitet, merkt sie erst spät. Zunächst will sie nichts davon wahrhaben, bis sie selbst die Schändung einer Synagoge erlebt, in der Nazischergen eine Schwangere in die Flammen werfen.

„Erst in diesem Augenblick hielt sie Gericht über sich selbst. und die Unselige, die sich noch Tage zuvor zu den kreuzweise verschränkten Haken bekannt hatte, stand als Angeklagte vor der Unseligen, der die Gräuel, die sich am vergangenen Abend vor dem brennenden Tempel abgespielt hatten, die Augen geöffnet hatten, die sie erbarmungslos und verzweifelt zugleich auf jene andere heftete, von der sie sich losgesagt hatte und die ihr doch anhing, wie ihr Schatten ihr anhing und sich nicht abschütteln ließ.“

Dies ist die Wende in Ursulas Denken und Leben, denn nun beginnt sie selbst gegen die Nazis zu arbeiten. Die Gefahr, in der das Paar stetig schwebt, macht ihre Liebe letztlich nur noch stärker. Dass sie sich nur im Geheimen treffen können, belastet Ursula sehr. Zuhause hat sie es schwer, da ihr Bruder fanatischer Nazi ist. Als klar wird, dass Krieg kommt, meldet sich dieser sofort begeistert freiwillig. Kurz nach Kriegsbeginn kommt schon die Meldung seines Todes. Ursulas Geliebter hingegen verstümmelt sich selbst, um einer Einberufung zu entgehen. Als Arbeiter in einer Munitionsfabrik löst er als Sabotageakt eine Explosion aus, wird jedoch von den Nazis gefasst und verschwindet. Ursula verkraftet dieses Verschwinden nicht, bricht zusammen. Ein Jahr lang braucht sie, um wieder zu Kräften zu kommen, schwierig bei Kälte und Hunger der Kriegsjahre. Dann arbeitet sie weiter, tagsüber zur Tarnung in einem Büro, nachts im Untergrund, wie es sich der Geliebte im letzten Brief gewünscht hat. Die ungemalten Bilder all der erlebten Schrecknisse in ihrem Kopf bringen schließlich gegen Kriegsende, nachdem sie jahrelang keinen Pinsel mehr in der Hand hatte, ein Gemälde mit großer Ausdruckskraft zum Vorschein: Inferno nennt sie es.

„Denn der Künstler war Einzelgänger, davon war sie überzeugt, und er hatte nicht nur das Recht, schien ihr, er hatte die Pflicht es zu sein, weil es ihm auferlegt war, ein Vorläufer zu sein, ein Herold des Kommenden, der die Fahne der Wandlung entrollt und vorauseilt in noch unerschlossene Bezirke des Herzens und der Gedanken, ein Einsamer, der allein als Erster irgend eine Welt von Morgen betritt.“

Ein Leuchten!

„Inferno“ erschien im Literaturverlag Droschl, in dem auch glücklicherweise weitere Bücher der interessanten Autorin wieder aufgelegt wurden. Ein Nachwort von Vojin Saša Vukadinovic bietet Aufschlussreiches zu Hintergründen zum Werk und dessen Entstehen –
„Der Roman seziert den kollektiven Rausch, der die planmäßige Vernichtungspolitik getragen hatte; die einträchtige Erregung, die den reibungslosen Ablauf des Massenmordes noch befeuerte.“
– 
und weist außerdem auf die vielen vergessenen Autorinnen dieser Zeit hin. Ich wünsche dieser Autorin viele Leser*innen. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ursula Krechel: Geisterbahn Jung und Jung Verlag

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In ihrem neuen Roman spielt der Geburtsort der Autorin eine zentrale Rolle. Ursula Krechel wurde 1947 in Trier an der Mosel geboren. Von hier aus schreibt sie sich in verschiedene Lebensgeschichten ein. Ihre Protagonisten sind teils frei erfunden, teils lebten sie tatsächlich. Zu Beginn des Buches führt die Autorin ihre Hauptfiguren ein, um später immer wieder im Wechsel auf sie zurückzukommen. Da ist die Schaustellerfamilie, die Sinti, die von ihrem Standort Trier aus mit dem Karussell flussab- und aufwärts zieht. Da sind die jungen Kommunisten Willi und Aurelia, Da ist der Arzt und die Hotelierstochter und der Psychologe mit seiner unscheinbaren Ehefrau und da ist immer wieder der Polizist, im Roman fortan vom Sohn und Erzähler mit MEINVATER betitelt, immer in Großschrift. Da ist gleich zu spüren, welche Vater-Kind-Geschichte darunter schwelt.

Wir erfahren jeweils von der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier bleibt Krechel auch wieder ihrem Lebens-Thema treu. Ein Großteil des Romans wird von der Zeit kurz nach dem Krieg bestimmt, wie schon im Roman „Landgericht“. Es ist schwierig diesen Roman in seiner ungeheuren Fülle für eine Rezension zusammenzufassen. Zwar ist er in fünf Kapitel unterteilt, doch hält sich innerhalb eines jeden kaum eine Struktur, eine mäandernde Sprache lässt sich auf jeden Wink hin auf Experimente ein, bezieht sich auf Welt- und Literaturgeschichte. Wir lesen von Marx, dessen Geburtshaus in Trier steht oder von Nikolaus Lenau, dem österreichisch-ungarischen Dichter, dessen ziemlich abfälliges Lied „Drei Zigeuner fand ich einmal“ im Grundschulunterricht gesungen wird und das Sinti-Mädchen Anna zum Weinen bringt:

„Der Lehrer sagte nichts, der Text stand auf der Tafel. Ännchen hatte, wie Iris, kein Taschentuch. Dann hatte Ännchen genug geweint, nun schniefte sie nur noch und gab sich einen Ruck: Mir sinn net solche Zigeuner wie die.

Inhaltlich gibt es durchaus eine chronische Abfolge, zeitweise mit Rückblenden. Jede Figur lebt, jede Person wird ernst genommen, jeder Protagonist durchlebt in Zeiten des Krieges entstandenes körperliches und seelisches Leid, das das ganze spätere Leben durchdringt. Nachkriegswachstum durch Verdrängung.

Anfangs begegnen wir der Schaustellerfamilie Dorn und lernen die Mitglieder kennen, eine große Familie, in dem jeder gebraucht wird. Als der Nationalsozialismus mit seinen Repressalien bis nach Trier gelangt, erfahren die Dorns unglaubliches Leid. Tochter Kathi wird zwangssterilisiert, Mutter Lucie wird im Lager Lublin ein Kind gebären (Ignaz), welches überlebt, während 4 andere sterben. Vater Alfons überlebt mit schweren körperlichen Behinderungen. Lucie wird später am Erlebten und am Verlust der Kinder wahnsinnig.

Die Geschwister Aurelia und Willi Torgau, die es tatsächlich gab, versuchen im Widerstand für den Kommunismus zu arbeiten. Doch beide werden in Haft und ins Lager gebracht. Aurelia verbringt 8 Jahre in Ausschwitz, überlebt das Lager. An Tuberkulose erkrankt, medikamentenabhängig stirbt sie später auch aufgrund ihrer Traumata.

„Nach Monaten kam eine Postkarte mit einer Adresse aus der sowjetischen Zone. Sie lebte, Aurelia war mit heiler Haut aus Auschwitz zurückgekommen. Was bedeutet die Haut, pergamentdünn, wenn das, was sie umspannte, Trostlosigkeit war?“

Grit, die Hotelierstochter, verliert ihren Mann im Krieg, weiß sich in der Besatzungszeit als starke Frau durchzusetzen, und bekommt später eine uneheliche Tochter, Iris.

Die Neumeisters, er arbeitet nach dem Krieg als Kinderpsychologe, sie bleibt unausgefüllt Hausfrau. bekommen ein Wunschkind, Cecilia.

In der Nachkriegszeit begegnen sich schließlich die Kinder der Hauptfiguren in der Schule, Ännchen, Ignaz, Cecilia, Iris, Kurt, Gerwin und der Sohn des Polizisten, der gut durch die NS-Zeit kam und auch im neuen System wieder bestens Fuß fassen kann. Sohn Bernhard wird später alles aufschreiben, er ist derjenige, der recherchiert und der Erzähler der vorliegenden Geschichte. Sie wachsen zusammen auf und scheinen später sehr viel bessere Möglichkeiten zu haben. Doch die Kriegstraumata sind so leicht nicht abzulegen. Sie müssen aufgearbeitet werden.

„Und wenn ich über Iris, Cecilia, Gerwin, Kurt und mich nachdachte: Man hatte etwas anderes von uns erwartet. Wir erfüllten nicht die Erwartungen, die man in uns gesetzt hatte.“

Krechel schafft wieder vorzüglich, die Stimmung der Nachkriegszeit einzufangen, den Aufbruch, die Verdrängung, den Kleinstadtmief, das Gerede, die Gerüchteküche, die Entrüstung, wenn eine Frau allein ein uneheliches Kind aufzieht, der weiterhin schwelende Hass auf die Sintifamilie, die trotz aller Widrigkeiten später eine Gastwirtschaft eröffnet, also sesshaft wird, das Familienleben unter der Knute des Katholizismus, der Verhütungsmittel oder Schwangerschaftsabbruch verbietet und die Frau brav ins Haus verbannt. Ihre schwungvolle Sprache, das mitunter Lyrikhafte, Kunstvolle unterstützt durch Varianten und Wiederholungen bestärkt die jeweiligen Stimmungen.

Gegen Schluss, je mehr die Gegenwart eintritt, wird es zeitweise etwas langatmig, abwegig, teils kitschig. Es ist der schwächste Teil des Romans und zählt zum Glück nur an die 40 Seiten von 640. Das ist verzeihlich und ändert nichts am Ergebnis: Krechel ist erneut ein mächtiger, absolut dichter, sprachlich wie inhaltlich beeindruckender, wichtiger Roman gelungen. Große Empfehlung!

Das Buch erschien im Verlag Jung und Jung, wie bisher alle Romane und auch die feine Lyrik. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weiteres hier auf dem Blog zum Thema Sinti und Roma:
Zoni Weisz erzählt seine Biografie
Der Sonnenwächter von Charles Haldeman

Valentine Goby: Kinderzimmer ebersbach & simon

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In Ravensbrück stehen nur noch drei Baracken, was bleibt davon, wenn es keine Bücher darüber gibt?“

So die Französin Valentine Goby in einem Interview zu ihrem Roman „Kinderzimmer“, der bereits 2013 in Frankreich erschien. Sie hat dafür kürzlich den Annalise-Wagner- Preis 2017 erhalten. Deshalb erst wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Dass das Thema, das Goby hier bearbeitet kein leichtes ist, war mir klar, aber das es so schwer erträglich wird, hätte ich nicht gedacht.

Goby hat viel recherchiert, die Berichte überlebender Frauen des Frauen-KZ Ravensbrück gesammelt und einen Roman daraus gemacht. Es ist ein sehr sehr gutes Buch geworden. Mit größtem Respekt und sehr viel Feingefühl erzählt sie die Geschichte der Französin Suzanne Langlois mit Decknamen Mila, die in der Resistance tätig war, verraten wurde und 1944 zur Zwangsarbeit nach Deutschland ins Frauenlager Ravensbrück deportiert wurde. Die Zwanzigjährige ist schwanger. Doch das verrät sie bei ihrer Ankunft zunächst niemandem, auch den KZ-Arzt kann sie täuschen. Aufgrund der Mangelernährung sieht man ihr die Schwangerschaft bis zur Geburt nicht an. Sie vertraut sich nur zwei Frauen an, die zu engen Freundinnen werden. Ohne die Polin Teresa, hätte sie wahrscheinlich nicht überlebt:

„Leben heißt aufstehen, sagt sie, heißt essen, sich waschen, den Napf waschen, tun was dich erhält, und dann das Fehlende beweinen, es an dein eigenes Dasein heften. […] Leben heißt dem Tod nicht vorgreifen, in Ravensbrück und überall. Nicht vor dem Tod sterben, sich auf den Beinen halten in dem winzigen Intervall zwischen Tag und Nacht.“

Unter den unsäglichsten Umständen leben die Frauen dort. An einem solchen Ort schwanger zu sein, ist eigentlich unerträglich. Als ihr Sohn dann geboren wird, bringt man ihn in das sogenannte „Kinderzimmer“, in dem alle Säuglinge von einer einzigen Schwester betreut werden. Täglich sterben dort Neugeborene an Mangelernährung und Verwahrlosung. Mila selbst arbeitet als Näherin, sieht ihr Kind nur zum Stillen. Als auch ihr Sohn stirbt, übernimmt sie, sozusagen im geheimen Austausch, die Verantwortung für einen Neugeborenen, dessen Mutter starb.

Immer wieder keimt die Hoffnung, der Krieg möge zu Ende sein, die Befreier mögen kommen. Als sie mit einigen anderen Frauen auf einen Bauernhof zur Zwangsarbeit geschickt wird, ist das fast schon die Befreiung. Kurz darauf ist der Krieg tatsächlich beendet, sie werden fortgeschickt und versuchen sich schwach und ewig hungrig gen Westen nach Hause durchzuschlagen. Vom Roten Kreuz werden sie schließlich aufgenommen und nach Frankreich gebracht …

Im Epilog beschreibt Goby, wie Mila/Suzanne ihrem inzwischen 21jährigen Sohn, seine wahre Herkunft offenbart und ihn vorsichtig in die Ereignisse jener schlimmen Zeit einweiht.

Suzanne Langlois berichtete später als Überlebende und Augenzeugin vor Schulklassen über ihr Schicksal in Ravensbrück.
Ich empfehle Valentine Gobys wichtiges Buch uneingeschränkt. Mögen solche Zeitzeugnisse immer weiter getragen werden …

„Kinderzimmer“ erschien bei ebersbach & simon. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Claudia Steinitz. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.
Unter http://www.ravensbrueck.de findet man Informationen über das Frauen-KZ und die dazugehörigen Lager.

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein Aufbau Verlag

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Berliner Gedanktafel, Wikimedia commons.

Vor einiger Zeit begann Birgit von Sätze & Schätze auf ihrem vielseitigen Blog Lieblingsklassiker von diversen Bloggern unter dem Motto #MeinKlassiker zu sammeln. Mittlerweile ist einiges zusammengekommen. Ich habe über Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ geschrieben:

Als Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzens alias Hans Falladas letzter Roman „Jeder stirbt für sich allein“ im Jahr 2002 teils zum ersten Mal ins Englische und weitere Sprachen übertragen wurde, wurde er zum Weltbestseller. Die deutsche Neuauflage der ungekürzten Version auf der Grundlage des Originalmanuskripts kam 2011 auf den Markt und plötzlich wurde Fallada wieder gelesen!

Falladas Romane sind leicht zu lesen, keine Bücher, die sprachlich besonders hervorstechen, aber es sind Geschichten, die mitreißen und deren Stoff auch immer ein Stück deutscher Geschichte aufzeigt. Ob „Kleiner Mann – was nun?“, mit dem er 1932 weltbekannt wurde, ob „Ein Mann will nach oben“ oder „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“, es sind Werke, die Zeiten überdauern und dennoch aktuell sind. Gerade „Jeder stirbt für sich allein“ ist ein einzigartiges Zeitdokument, wurde es doch von einem Schriftsteller geschrieben, der in der Zeit des Nationalsozialismus nicht emigriert war, sondern in Deutschland lebte, wenn auch als `unerwünschter Autor` völlig zurückgezogen im mecklenburgischen Dorf Carwitz.

weiterlesen:
#MeinKlassiker (9): Hans Fallada – und was “Jeder stirbt für sich allein” uns heute noch zu sagen hat — Sätze & Schätze

Françoise Frenkel: Nichts um sein Haupt zu betten Hanser Verlag

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Im Vorwort schreibt Patrick Modiano über Françoise Frenkel:

„Françoise Frenkels Spur findet man im Staatsarchiv Genf, in der Liste jener Personen, die während des zweiten Weltkriegs an der Genfer Grenze registriert wurden, das heißt, die Erlaubnis bekamen, nach ihrem Grenzübertritt in der Schweiz zu bleiben. Diese Liste verrät uns ihren richtigen Namen und Vornamen: Raichenstein-Frenkel, Frymeta, Idesa; ihr Geburtsdatum: 14.7. 1889, und ihr Herkunftsland: Polen.“

Françoise Frenkel hat die Geschichte ihrer Flucht aus Deutschland aufgeschrieben und konnte sie später, in Sicherheit, in einem Schweizer Verlag veröffentlichen. Viel mehr weiß man nicht über ihr Leben nach dem Krieg, nur dass sie 1975 starb. Es war Zufall, dass das Buch 70 Jahre später in Nizza auf einem Trödelmarkt auftauchte und zunächst in Frankreich wieder neu aufgelegt wurde.

Alles beginnt damit, dass die Polin Frenkel in Frankreich studiert und ihr Herz für die Literatur entdeckt. Daraus entsteht die Idee eine französische Buchhandlung zu eröffnen. Sie plant das Unternehmen in Berlin anzusiedeln und ihre Idee macht sich bezahlt. Sie wird zum ersten Anlaufpunkt der in Berlin lebenden Franzosen und frankophilen Leser. Es ist die Zeit nach dem 1. Weltkrieg, die Situation zwischen den beiden Ländern scheint sich zu entspannen. Doch langsam aber immer deutlicher macht sich die Machtergreifung der Nationalsozialisten bemerkbar. Frenkel, die selbst Jüdin ist, beschließt, als es gar nicht mehr anders geht, ihr Geschäft zurückzulassen und nach Frankreich zu gehen.

Von da an schildert Frenkel ihre Erlebnisse auf der Flucht. Zunächst scheint Paris trotz Ausbruch des Krieges sicher, doch dann übernehmen die Nazis auch dort die Herrschaft. So beginnt die Odyssee: Frenkel flieht von Ort zu Ort, von Versteck zu Versteck und hat Glück, dass sie so viele gute Freunde und offenbar ein gutes finanzielles Polster hat. Sehr deutlich wird in ihrem Bericht die Stärke der Franzosen geschildert, was den Widerstand angeht: Viele Privatpersonen halfen und schafften Verstecke, besorgten Papiere und Nahrungsmittel, oft in Verbindung mit der Resistance.

„Man könnte ein ganzes Buch schreiben über den Mut, die Großzügigkeit und die Kühnheit dieser Familien, die unter Einsatz ihres Lebens den Flüchtigen in allen Departements und sogar im besetzten Frankreich Hilfe leisteten.“

Nach mehreren Jahren in Angst vor der Deportation, die ständig drohte, gelang Frenkel endlich beim dritten Versuch und in letzter Minute 1943 von Annecy aus die Flucht in die Schweiz.

Frenkels Sprache ist einfach; das Buch ist vor allem aufgrund seiner Handlung interessant, ist es doch eine weitere Dokumentation über eine Zeit, deren Schrecknisse nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

Im Anhang findet sich eine Zeittafel, ein aufschlussreiches Dossier und ergänzende Hinweise zur deutschen Ausgabe. Elisabeth Edl übersetzte den Roman ins Deutsche.
„Nichts um sein Haupt zu betten“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Außerdem findet man eine sehr ausführliche Rezension auf dem Blog aus.gelesen.

Als Ergänzung dazu passt, finde ich, Silvie Schenks Roman „Schnell, dein Leben“, das über die Nachkriegszeit aus französischer Perspektive erzählt