Film–Kunst–Film: Schachnovelle Film von Philipp Stölzl 2021 nach Stefan Zweigs gleichnamiger Novelle

Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich ab und an auch Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Schachnovelle von Stefan Zweig las ich schon vor sehr langer Zeit. Es muss in der Ausbildung zur Buchhändlerin (also vor über 30 Jahren) gewesen sein. Sie hat mich sehr nachhaltig beeindruckt. Nun hatte ich Kinokarten bei einer Verlosung vom Diogenes Verlag gewonnen für die gerade angelaufene Neuverfilmung von Philipp Stölzl und habe deshalb die nur knapp 100 Seiten zählende Novelle vorher noch einmal gelesen. Meine Taschenbuchausgabe ist aus dem Fischer Verlag von 1988. Auch beim erneuten Lesen stellte sich wieder die Freude über dieses Buch, über Stefan Zweigs Können ein.

Umso gespannter war ich auf den Film. Mit Verfilmungen ist es ja oft so eine Sache, aber diese hat mir ausgesprochen gut gefallen, obgleich durchaus Veränderungen zur Buchvorlage vorgenommen wurden. Im Buch beginnt es mit einem Erzähler, der sich auf einer Schiffspassage von New York nach Buenos Aires befindet. Das könnte durchaus eine autobiografische Szene sein, denn Stefan Zweig musste Österreich in der NS-Zeit verlassen und nach Südamerika ins Exil gehen.

Im Film ist die Anfangsszene ganz anders gestaltet. Der Notar Dr. Josef Bartok lebt mit Frau Anna gut betucht in Wien und verdrängt den geplanten Einzug der Deutschen nach Österreich. Doch noch bevor er die Stadt verlassen kann, wird er von der Gestapo verhaftet. Er soll die Nummernkonten seiner Klienten verraten, weil die Nazis das Vermögen an sich bringen wollen. Er wird im Hotel Metropol, nun Sitz des Gestapo-Hauptquartiers, in einem kleinen Zimmer wie in Isolierhaft gehalten und zwischendurch zu Verhören geholt. Als er heimlich an ein Buch gelangt, was Ablenkung zu versprechen scheint, ist es ausgerechnet ein Schachbuch. Er lernt alle Partien auswendig, wird zum fanatischen Spieler im eigenen Kopf, sein Bewusstsein spaltet sich, um gegen sich selbst spielen zu können und er verliert sich letztlich vollkommen bis zum Zusammenbruch. Als er schließlich nach einem Jahr als psychisches Wrack auf freien Fuß gesetzt wird mit Anordnung das Land zu verlassen, begibt er sich mit neuen Papieren auf ein Schiff Richtung New York. 

Während im Buch die Zeit in der Haft recht kurz gehalten ist, wird sie im Film stark ausgebaut. Es gibt einige brutale Szenen, die man im Buch nicht findet. Doch die Art und Weise dieser Gefangenschaft, kommt durch die Kameraführung und die immerfort düsteren Lichtverhältnisse gut zur Geltung. Auch die Szenen auf dem Schiff, auf dem immer schlechtes Wetter und trübe Dunkelheit herrscht, unterscheiden sich leicht vom Buch. Hier wird Bartok, der sich nun van Leuwen nennt, zufällig Zeuge einer simultanen Schachpartie zwischen dem ebenfalls anwesenden Schachweltmeister Czentovic (über dessen Werdegang man im Buch sehr viel mehr erfährt) und einigen Passagieren, die natürlich fortwährend verlieren. Er mischt sich ein und erreicht so immerhin ein Remi. Alle sind begeistert und laden ihn auf eine Partie allein gegen den Weltmeister ein. Eine Partie, die ihn in die Gefahr bringt, wieder dem Wahnsinn anheim zu fallen, sich wieder eine „Schachvergiftung“ zu holen. Auch das Ende ist im Film anders als im Buch. Gut wird jedoch bei beiden das Motiv herausgearbeitet, das aufzeigt, dass beim Schachspiel wohl immer versucht wird, den Willen des Gegners zu brechen, was letztlich für einen Gewinn Bartoks über die Gestapo spricht.

„Selbstverständlich bin ich mir heute ganz im klaren, daß dieser mein Zustand schon eine durchaus pathologische Form geistiger Überreizung war, für die ich eben keinen anderen Namen finde als den bisher medizinisch unbekannten: eine Schachvergiftung. Schließlich begann diese monomanische Besessenheit nicht nur mein Gehirn, sondern auch meinen Körper zu attackieren.“

Für mich ist das Buch ein kleines Meisterwerk, was natürlich an der Form und der Sprache liegt, die Zweig hier großartig gelingt. Und doch hat auch der Film mich beeindruckt, was sicher überwiegend an der großartigen Leistung des Schauspielers Oliver Masucci liegt. Wie er die Wandlung vom gut situierten Wiener Notar über den psychisch gefolterten, aus Not immer bessessener werdenden Schachspieler bis zum erschöpften, ins Exil Flüchtenden darstellt ist sehr gekonnt. 

Die Schachnovelle ist das einzige Buch Zweigs, das die politische Gegenwart behandelt. Zweig schrieb sie zwischen 1938 und 1941 im brasilianischen Exil. Und auf diesen 100 Seiten spiegelt sich beispielhaft das ganze Ausmaß der Geschehnisse beim und nach dem Anschluss von Österreich ans Deutsche Reich unter Hitler. Etwas, das Zweig selbst miterlebte und was ihn schließlich bewog Wien zu verlassen. Ein Schicksal, welches stellvertretend für so viele steht.

Hier gehts zum Trailer auf der offiziellen Website: https://www.arthaus.de/kino/schachnovelle

Ebenfalls empfehlenswert der Film „Vor der Morgenröte“ von Maria Schrader über Stefan Zweigs Exil in Südamerika. Hier meine Besprechung dazu: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/05/14/film-kunst-vor-der-morgenroete-dvd-film-von-maria-schrader/

Werbung

Maria Lazar: Leben verboten! Verlag Das vergessene Buch

„Ein Leben, das sich nicht verbieten läßt, weil es dafür, so wie für jedes Leben, denn doch noch einen anderen Wertmesser gibt als Geld, Valuta, Kaufpreis der Arbeitskraft und Brauchbarkeit im Produktionsprozeß.“

Bereits 1932 geschrieben ist der Roman „Leben verboten“ von Maria Lazar eine der schönen Wiederentdeckungen in der deutschsprachigen Literatur. Mich erinnerte das Buch sofort an „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz, an Mela Hartwigs „Inferno“ und sogar in der Art der Sprache an Irmgard Keun. Die österreichisch-jüdische Autorin Maria Lazar lebte, in Wien geboren, von 1895 bis 1948, wo sie in Schweden starb. „Leben verboten“ ist 1934 in einer englischen Ausgabe in ihrem Londoner Exil erschienen. Lazar war Dramaturgin und schrieb Stücke und Romane. Sie begegnete Literaten wie Canetti und Broch. Kokoschka hat sie porträtiert als „Dame mit Papagei“. Doch wie es so oft ist, wird sie als Frau so gut wie nie wahrgenommen oder erwähnt. Einfach vergessen.

Der Held in „Leben verboten“ ist ein Bankier, dessen Bankhaus jedoch in Konkurs zu gehen droht. Um das zu verhindern begibt sich einer der beiden Teilhaber, Ernst von Ufermann per Flugzeug von Berlin nach Frankfurt, um einen neuen Kredit zu erwirken. Kurz vor Abflug wird im die Brieftasche mit dem Flugschein gestohlen. Ufermann, der ohnehin ein wenig ängstlich wegen des schwierigen Treffens war, begibt sich erleichtert auf den Weg und lässt sich, was er sonst nie tut, durch die Stadt treiben. Nach Hause zu Frau und Villa mag er noch nicht und so geschieht es, dass er es zufällig aus der Zeitung erfährt: Er ist tot. Sein Flugzeug stürzte kurz nach dem Start ab, keine Überlebenden. Was nun? Ufermann ist klar, dass seiner Frau nun die riesige Lebensversicherung ausbezahlt wird und die Bank dadurch auch gerettet ist. Was tun? Ufermann, verwirrt und unentschieden wie er ist, taumelt durch die Stadt und gelangt schließlich in düstere Kreise: eine Prostituierte und ein Boxer schicken ihn, ausgestattet mit neuen Papieren und mit einem geheimnisvollen Päckchen, dass er ihm Zug über die Grenzen schmuggeln soll, auf die Reise nach Wien. Damit verdient er erstmal so viel Geld, dass er in dieser Stadt untertauchen kann.

Auf dieser Reise und dem anschließenden Aufenthalt tauchen wir Leser in Ufermanns reiche Gedankenwelt. So sehr er seinen künftigen Mitmenschen Rätsel bleibt, so viel erfahren wir über ihn und über die Zeit der Wirtschaftskrise, in der es massenweise Arbeitslose gibt, das Bürgertum teils verarmt und die Nationalsozialisten immer sichtbarer werden. Junge Menschen, die wenig Aussicht auf Arbeit haben oder als Studenten leben, werden geködert, sich für die große Sache einzusetzen. Ufermann gerät unwissentlich in diese Szene, weil er seinen Auftrag erfüllen und das Päckchen übergeben muss. Unterschlupf findet er dann im „Kabinett“ der Familie Rameseder durch einen der Burschenschafter, wo sich bald darauf die 15jährige Tochter in ihn verliebt. Ufermann spaziert fortan ziellos durch die Stadt und je mehr Zeit vergeht, desto weniger kann er sich ja seiner Frau und dem Teilhaber offenbaren. Dass es sich diese beiden nun öffentlich gemeinsam mit dem Geld aus der Versicherung gut gehen lassen, weiß unser Held nicht.

Er ist ja nun Versicherungsbetrüger, denkt er mehr als einmal. Es gibt ihn ja gar nicht mehr. Von Ufermann heißt er ja auch nicht mehr. Er ist überflüssig. Lazar drückt das im Text oft drastisch aus: Leben verboten!

„Wie sind sie in eine solche Zwangslage gekommen? Gestehen Sie! Mein ganzes Leben lang habe ich mich immer nur benützen lassen, von meiner Frau, der Firma, der Versicherungsgesellschaft, bis sie mir alle miteinander das Leben verboten haben. Verboten? Sie haben sich das Leben verbieten lassen? Wie hunderttausend, wie Millionen andere das Leben sich verbieten lassen? Mein Leben war verwirkt. Verwirkt? Es hatte keinen Wert mehr, nicht einmal einen Preis. Begreifen Sie doch, Herr Professor, mein Leben bedeutete ein Minus auf dem Konto der Existenz, eine ganz ungeheure Schuld in Dollar, in Valuta – „

Aber dieses Leben verboten gilt auch für die schuftenden Dienstboten, für die, die keine Arbeit finden, die nur noch vor sich hinvegetieren ohne Aussicht auf ein gutes Leben. Ufermann, der ja eigentlich aus der wohlhabenden Schicht kommt, lebt und fühlt nun immer mehr auch mit den Armen. Je mehr Verstrickungen sich dann ergeben, desto unwohler wird Ufermann. Seine jungen Helfershelfer beschuldigen ihn des Verrats und überwachen ihn, da er mehr als einmal mit dem jüdischen Philosophie-Professor Dr. Frey im intensiven Gespräch gesehen wird.  Auch die Polizei wirft ein Auge auf ihn. Deshalb beschließt er mithilfe eines arbeitslosen Handwerkers die Flucht zurück. Wie es ihm dann in Berlin ergeht, als er seine Identität offenbart und die Wahrheit erzählen will, ist nicht minder komisch und absurd, als die Zeit in Wien und das Ende eine gelungene Überraschung.

Maria Lazar verließ Wien rechtzeitig und ging zunächst nach Dänemark, (mit Brecht und Weigel), dann nach Schweden ins Exil. Dabei kam ihr ihre frühere Heirat mit  einem Sohn August Strindbergs, durch die sie die schwedische Staatsbürgerschaft erlangte, zugute. Dort arbeitete sie auch als Übersetzerin. Aufgrund einer schweren Krankheit nahm sie sich dort 1948 das Leben.

Ihre Bücher erscheinen nun im Verlag Das vergessene Buch, dessen Name für sich spricht. Ein aufschlussreiches Nachwort von Johann Sonnleitner folgt am Ende des Romans. Es ist gut, dass es solche Verlage und solche Entdecker gibt. Es ist gut, dass immer mehr der vergessenen Geschichten, gerade von Frauen wieder sichtbar gemacht werden.

Sandra Gugić: Zorn und Stille Hoffmann und Campe Verlag

„Ein Bild hat die Kraft, die eigenen Vorstellungen zu überschreiben.
Ein Bild hat die Kraft, die eigenen Erinnerungen zu überscheiben.“

Die beiden Sätze könnten ein Leitmotiv des neuen Romans „Zorn und Stille“ von Sandra Gugić sein. Er weist auch auf die Lyrikerin Gugić hin. Erst 2019 erschien ihr Lyrikdebüt „Protokolle der Gegenwart“ im Verlagshaus Berlin. Für mich ist Sprache immer ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Aspekt für mein Lesen. Und hier treffe ich auf einen Roman, der es vor allem mit der Sprache schafft, sich abzuheben von den vielen Geschichten, die es bereits zum Thema gibt. Und hebt eben auch durch die Sprache das Besondere dieser Familiengeschichte hervor.

Billy Bana ist Fotografin, angesagt und erfolgreich, mit Ausstellungen in ganz Europa. Eigentlich heißt Billy Biljana Banadinović und hat die erste Zeit ihres Lebens bei den Großeltern im ländlichen Jugoslawien gelebt. Ihre Mutter Azra und ihr Vater Sima haben das Land lang vor den großen Kriegen verlassen und sind nach Wien emigriert. Die Tochter holten sie nach und in Wien kam dann auch Sohn Jonas Neven zur Welt. Die beiden Geschwister hielten fest zusammen. Erst als sich die 16-jährige Billy vom einengenden Elternhaus löst und in eine Kommune zieht, kommt es auch zum Abschied vom Bruder. Erst Jahre später werden sich die beiden wieder sehen, als Billy längst Karriere gemacht hat und mit der Galeristin Ira in Berlin zusammenlebt. Dass der labile Jonas sich rückbesinnt auf sein Herkunftsland, dass es so nicht mehr gibt und sich auf eine Reise durch das zerbrochene Land begibt, von der er nicht mehr zurückkehrt, macht das Familienzerwürfnis total.

„An diesem Punkt der Geschichte klafft die Lehrstelle. Von hier aus schien Jonas Nevens Abwesenheit stetig zu wachsen und zu wuchern. Von hier aus dachten wir uns wund, spielten alle möglichen Szenarien durch, versuchten zu rekonstruieren, was geschehen sein könnte und warum, ohne echte Anhaltspunkte zu haben.“

Die Autorin erzählt in Rückblenden, ausgehend vom Anruf der Mutter, die Billy mitteilt, dass der Vater gestorben ist. Beide begeben sich getrennt auf die Reise nach Beograd, wo der Vater beigesetzt werden wollte. Im ersten Teil erinnert sich Billy, während sie am Flughafen auf ihren Flug wartet, endlich an die bis zuletzt gemiedene Familienvergangenheit. Im zweiten Teil lesen wir aus dem Blickwinkel der Mutter und im dritten aus der Sicht des Vaters. Sowohl Azra als auch Sima kommen aus ländlichem traditionellem Elternhaus. Beide wollten raus, hatten ganz eigene Pläne von einem freien Leben. Beide gehen nach Beograd und begegnen sich zufällig. Azra wird schwanger, Sima verschwindet. Als sie dann doch wieder zusammen kommen, reisen sie nach Österreich mit dem Wunsch ein vollkommen anderes Leben als die Eltern zu leben. Doch was anfangs noch gelingt, dehnt sich in eine lange Zeit mit sich im neuen Land zurechtzufinden, Geld verdienen, Kinder versorgen und als Ausländer möglichst nicht aufzufallen. Alle Träume sind ausgeträumt, Wünsche unerfüllt geblieben. Der Ausbruch der Kinder aus dem ehernen „Familiengesetz“ verschlimmert die Entfremdung der beiden Eltern noch (die das ja eigentlich verstehen könnten, da sie ja einmal dasselbe wollten).

„Alles was wir machen, absolut alles, tun wir nur, um glücklicher zu werden. Selbst derjenige, der sich umbringt, tut das, weil er glaubt, im Tod glücklicher zu sein.“

Gugić` Blick ist ein genauer. Sie versucht einerseits die Innenwelt ihrer Protagonisten auszuleuchten, andererseits die Verbindung zu den äußeren Geschehnissen nicht zu verlieren. Alle Mitglieder der Familie sind eigentlich verschlossen, unstet und irgendwie verloren, jeder auf seine Weise. Dass Sohn Jonas Neven wirklich verloren geht und das auch noch im Land seiner Wurzeln, wirkt wie eine Verdeutlichung der Tragik. Für ihn ist diese Reise wichtig zum Verständnis seiner selbst, wie sich im Epilog zeigt. Und auch wenn der Jugoslawien-Krieg erst gegen Ende des Romans stärker in den Fokus rückt, wirkt er tief auf die Figuren ein. Am Beispiel Billys am Flughafen, als sie bei der Ankunft auf Serbisch angesprochen wird und die Sprache kaum mehr versteht, weil sie eben vor dem Krieg Serbokroatisch war und sie ohnehin nur noch deutsch spricht, zeigt sich wieder der Zwiespalt. Auch die zwei Ausweise, die sie besitzt machen sie zur Außenseiterin. Oder bei Vater Sima, der von seinen Arbeitskollegen ausgefragt wird, wie er denn zum Krieg seiner „Landsleute“ stehe und auf welcher Seite.

Die 1976 in Wien geborene, in Berlin lebende Autorin hat die Geschichte eines starken und dennoch fragilen Familiengeflechts geschrieben, die mir sehr gefällt und mit ihrer ausgefeilten Sprache durch ihre Bilder lebt; womöglich so wie aus dem genauen Blickwinkel einer Fotografin …

Der Roman erschien im Hoffmann und Campe Verlag. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

Laura Freudenthaler: Geistergeschichte Literaturverlag Droschl

DSCN3306

Nach Erzählungen und dem fantastischen Debütroman „Die Königin schweigt“ ist nun Laura Freudenthalers neuer Roman da. Die Österreicherin schreibt in einer Sprache, durchdacht und oft zweideutig, dass es eine Freude ist. Es ist zu spüren, dass hier ein Text nicht einfach nur plotkonzentriert geschrieben wurde, sondern dass der Sprache Vorrang gewährt wird. Die Geschichte selbst kommt zunächst still daher, faltet sich Seite um Seite auf und zeigt sich. Anfangs erfahren wir wenig über die Hauptfigur Anne, nur dass sie Klavierlehrerin ist und sich auf ein Jahr Auszeit freut.

Anne ist Französin und lebt mit ihrem österreichischen Mann Thomas in Wien. Die beiden sind schon lange ein Paar. Vieles hat sich zur Routine entwickelt, ein Leben, sprichwörtlich aneinander vorbei oder nebeneinander her. Dass sich diese Erkenntnis und auch das Alter des Paares erst nach und nach erschlüsseln lässt, ist Freudenthalers Erzählweise zu verdanken. Sie steigt einfach in die Geschichte ein mit der Vorstellung die Leserin kenne das Paar.

„Was machst du denn? Er wusste, dass sie die Frage Wie geht’s? nicht mag, dieselbe verkürzte Formel wie im Französischen. Zutiefst unehrlich findet Anne es, eine solche Frage zu stellen, ohne sich der Antwort aussetzen zu wollen.“

Für Anne hat die Sprache eine besondere Bedeutung, da Deutsch für sie zunächst eine Fremdsprache ist. So hat sie sich die Sprache erarbeitet und entdeckt immer wieder Mehrdeutigkeiten. Anne ist Pianistin und ihre Sprache ist ebenso die Musik. Töne und Klänge spielen hier immer wieder eine Rolle. Und seit neuestem eben auch neue Geräusche in der Wohnung. Ein Flattern, ein Rascheln, ein Huschen. In Annes Vorstellung sind es die Geräusche des „Mädchens“. Anne vermutet schon lange, dass Thomas eine junge Geliebte hat.

„Ich wollte selber nachschauen, sagt das Mädchen, weil er mir nichts erzählt. Er schafft es, nichts zu sagen. Es muss einem doch das Herz übergehen. Thomas aber hat seine Kammern. Anne nannte sie Herzkammern. Auch wenn er ihr schon vor langer Zeit erklärt hat, es handle sich um einen medizinischen Begriff … „

Deshalb und auch sonst ändert sich Annes Leben in diesem freien Jahr. Weil ihr vom Kaffee zuhause schlecht wird, kann sie nurmehr im Kaffeehaus frühstücken und macht das zur Routine, ebenso wie ihre endlosen Spaziergänge durch die Stadt. Sie schafft es plötzlich nicht mehr Klavier zu spielen. Auch ihr geplantes Klavier-Lehrbuch schreibt sie nicht. Sie gibt sich vielmehr unkontrolliert inneren Impulsen hin.

„Jeden Tag setzt sie sich um vierzehn Uhr vor das Klavier. Jeden Tag verschiebt sich der Zeitpunkt, zu dem sie den Deckel öffnet, nach hinten. (…) Endlich heben die Hände den Deckel hoch. Anne betrachtet sie, hält die rechte und die linke nebeneinander über die Tasten. (…) Sie lässt die Hände sich auf die Tasten legen und richtet den Blick auf das Notenblatt. Die Hände bewegen sich nicht.“

Ihre einzigen Ansprechpartner sind ihre Mutter und eine Freundin. Mit ihr spricht sie auch über den Verdacht, dass Thomas eine Geliebte hat. Doch den Ratschlägen ihrer Freundin geht Anne nicht nach. Obwohl Thomas immer abwesender wird, entwickelt sie ihr ganz eigenes Konzept, damit umzugehen. Für die Leserin wirkt es mitunter, als würde Anne Stoff für einen Roman sammeln, wenn sie Notizen macht, wenn sie die Kassenbelege von Thomas sammelt und daraus Schlüsse zieht, wo Thomas mit dem „Mädchen“ essen war, wo sie gemeinsam übernachtet haben, wie sie vermeintlich sogar dessen Wohnung bei  einem ihrer Rundgänge findet und heimlich betritt.

Man weiß nie so ganz genau, was daran Annes Fantasie ist und was die Wirklichkeit – eine Geistergeschichte eben. Doch man folgt ihr gern, spürt mit ihr, wie es sich anfühlt, das Routine-Leben und der Ausbruch daraus. Und findet es bewundernswert, wie Anne ihre seltsame Art hat, die Dinge anzugehen. Was wird überdauern?

Sprachlich wundervoll und durchdringend passt sich der Text hinein in den tiefen Wortfluss der Autorin. Der Inhalt gleicht mitunter einem Träumen, einem Schweben außerhalb der Zeit. Ich bin be-geist-ert. Ein Leuchten!

Der Roman der Österreicherin Laura Freudenthaler erschien im Literaturverlag Droschl, einem meiner Herzensverlage. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Mela Hartwig: Inferno Literaturverlag Droschl

DSCN3026

Bereits in ihrem einleitenden Kapitel „Straßen“ zeigt sich Mela Hartwigs genauer Blick, ihr Scharfsinn für komplexe Zusammenhänge, ihr Erkennen, was hinter der Fassade ist. Die 1893 in Wien geborene, 1967 im Exil gestorbene Autorin, Schauspielerin und Malerin hat ein Buch geschrieben über die Menschen im Nationalsozialismus des Jahres 1938 bis zum Kriegsende. Es ist ein wichtiges Zeitdokument, das auch sprachlich bemerkenswert ist. Verfasst wurde der Roman zwischen 1946 und 1948 im Londoner Exil. Der Grazer Droschl Verlag bringt nun nach 70 Jahren diesen Text zur Veröffentlichung.

Das, was Mela Hartwig da direkt nach Kriegsende an Gedanken zum Nationalsozialismus als Massenphänomen ausbreitet ist bewundernswert. Vielleicht ist es der Blick der künftigen Malerin, der tiefer tauchen lässt, der weiter vordringt in das Gesehene. Ihre bemerkenswerte Wahrnehmung, ihr wache Reflektiertheit macht ihren Text so stark. Nur ganz selten wirkt er etwas pathetisch, was vielleicht aber auch der Mission ihrer Heldin geschuldet ist oder deren Schuldbewusstsein. Sie schildert den Gewissenskonflikt, die innere Zerrissenheit der 18-jährigen Kunststudentin so überdeutlich, so dramatisch, dass sie den Leser*innen sehr nah kommt. Die Autorin weiß so meisterhaft die inneren Vorgänge zu schildern, dass sie manchmal vergisst, das Außen bildhafter aufzuzeigen.

Wien, 1938: Ursula will Kunst studieren. Von einem der Professoren hat sie bereits so gut wie eine Zusage. Doch wird dieser vom Institut verwiesen wegen seiner „entarteten“ Kunst. Ursula erhält den Studienplatz dennoch, weil sie sich zunächst von der Gesinnung des neuen Professors anstecken lässt. Bald merkt sie, wie jeder jeden im Institut bespitzelt. Nur einem Mitstudenten schenkt sie Vertrauen und beide werden ein Liebespaar. Dass ihr Geliebter als Gegner des Systems im Untergrund arbeitet, merkt sie erst spät. Zunächst will sie nichts davon wahrhaben, bis sie selbst die Schändung einer Synagoge erlebt, in der Nazischergen eine Schwangere in die Flammen werfen.

„Erst in diesem Augenblick hielt sie Gericht über sich selbst. und die Unselige, die sich noch Tage zuvor zu den kreuzweise verschränkten Haken bekannt hatte, stand als Angeklagte vor der Unseligen, der die Gräuel, die sich am vergangenen Abend vor dem brennenden Tempel abgespielt hatten, die Augen geöffnet hatten, die sie erbarmungslos und verzweifelt zugleich auf jene andere heftete, von der sie sich losgesagt hatte und die ihr doch anhing, wie ihr Schatten ihr anhing und sich nicht abschütteln ließ.“

Dies ist die Wende in Ursulas Denken und Leben, denn nun beginnt sie selbst gegen die Nazis zu arbeiten. Die Gefahr, in der das Paar stetig schwebt, macht ihre Liebe letztlich nur noch stärker. Dass sie sich nur im Geheimen treffen können, belastet Ursula sehr. Zuhause hat sie es schwer, da ihr Bruder fanatischer Nazi ist. Als klar wird, dass Krieg kommt, meldet sich dieser sofort begeistert freiwillig. Kurz nach Kriegsbeginn kommt schon die Meldung seines Todes. Ursulas Geliebter hingegen verstümmelt sich selbst, um einer Einberufung zu entgehen. Als Arbeiter in einer Munitionsfabrik löst er als Sabotageakt eine Explosion aus, wird jedoch von den Nazis gefasst und verschwindet. Ursula verkraftet dieses Verschwinden nicht, bricht zusammen. Ein Jahr lang braucht sie, um wieder zu Kräften zu kommen, schwierig bei Kälte und Hunger der Kriegsjahre. Dann arbeitet sie weiter, tagsüber zur Tarnung in einem Büro, nachts im Untergrund, wie es sich der Geliebte im letzten Brief gewünscht hat. Die ungemalten Bilder all der erlebten Schrecknisse in ihrem Kopf bringen schließlich gegen Kriegsende, nachdem sie jahrelang keinen Pinsel mehr in der Hand hatte, ein Gemälde mit großer Ausdruckskraft zum Vorschein: Inferno nennt sie es.

„Denn der Künstler war Einzelgänger, davon war sie überzeugt, und er hatte nicht nur das Recht, schien ihr, er hatte die Pflicht es zu sein, weil es ihm auferlegt war, ein Vorläufer zu sein, ein Herold des Kommenden, der die Fahne der Wandlung entrollt und vorauseilt in noch unerschlossene Bezirke des Herzens und der Gedanken, ein Einsamer, der allein als Erster irgend eine Welt von Morgen betritt.“

Ein Leuchten!

„Inferno“ erschien im Literaturverlag Droschl, in dem auch glücklicherweise weitere Bücher der interessanten Autorin wieder aufgelegt wurden. Ein Nachwort von Vojin Saša Vukadinovic bietet Aufschlussreiches zu Hintergründen zum Werk und dessen Entstehen –
„Der Roman seziert den kollektiven Rausch, der die planmäßige Vernichtungspolitik getragen hatte; die einträchtige Erregung, die den reibungslosen Ablauf des Massenmordes noch befeuerte.“
– 
und weist außerdem auf die vielen vergessenen Autorinnen dieser Zeit hin. Ich wünsche dieser Autorin viele Leser*innen. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Steffen Mensching: Schermanns Augen Wallstein Verlag

DSCN3070

Vom Silberlöffel zum grob geschnitzten Holzlöffel: Schon das Buchcover weist auf den Abstieg hin, den der Protagonist Rafael Schermann erleben musste. Die Geschichte Schermanns erzählt Steffen Mensching in Rückblenden. Entstanden ist ein faszinierendes Monumentalwerk von 820 Seiten.

Der 1958 in Berlin (Ost) geborene Autor hat an diesem Roman zwölf Jahre lang geschrieben. Er muss Unmengen recherchiert haben, ob der Genauigkeit mit der er über Rafael Schermann, einen Graphologen und Hellseher erzählt, den es wirklich gab. Der Roman spielt 1941 in Russland in einem Lager des Gulag. Über ein ganzes Jahr lässt er seine beiden Hauptprotagonisten den polnischen Juden Schermann und den jungen Deutschen Otto Haferkorn zusammen unter widrigsten Umständen verbringen.

„Vor dem Tod kriegt man immer schlecht Luft. Die Russen besaßen für die ungemütlichsten Augenblicke trostreiche Sprichwörter“

Dieses Zitat gibt gleich auf den ersten Seiten den Ton vor, der im Roman in den Lagerszenen herrscht. Mensching lässt seine Figuren ohne explizit gekennzeichnete Dialoge sprechen, was anfangs viel Konzentration beim Leser erfordert. Auf einem beiliegenden Lesezeichen sind die wichtigsten Protagonisten des Romans aufgeführt, ein Überblick, der anfangs durchaus hilfreich ist beim Zuordnen der russischen Namen. Auch sonst trifft eine riesige Menge Personal aufeinander. Es sind die, die wichtige Rollen spielen/spielten, die, auf die die beiden Helden im Laufe ihrer Geschichte trafen.

Wenn Schermann beginnt aus seinem reichhaltigen Leben zu erzählen, fallen unzählige auch der Leserin bekannte Namen. Schermann, der in Wien lebte begegnete unzähligen Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik der Zwischenkriegszeit, wie etwa Karl Kraus, Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Rainer Maria Rilke, Yvan und Claire Goll, Georg Trakl etc.  Viele waren „Kunden“, denn Schermann überzeugte sie alle, selbst die kritischsten, nüchternsten mit seiner hellseherischen Begabung.

Erst ab der zweiten Hälfte wird klar, dass Schermanns Hellseherei nicht nur auf eigener Intuition und Können – er besitzt ein fotografisches Gedächtnis basiert – sondern dass durchaus Methode dahinter steckt. So erzählt er Otto von seinen bisherigen Assistenten, deren Aufgabe es war, vorab über Kunden zu recherchieren und Privates, gar Intimes herauszufinden. Im Lager dolmetscht Otto bei den kein Ende findenden Befragungen, da Schermann angeblich kein Russisch versteht. Otto ist einerseits froh, so lange von der harten Arbeit im Wald beim Holzschlagen befreit zu sein, andererseits ist ihm nicht wohl bei seiner Übersetzer- und Spitzeltätigkeit. Manchmal hält er den alten Polen für einen Spinner, einen ausgebufften Betrüger, manchmal für ein Genie.

„Wo waren Sie? Im Badehaus. Ich erhielt dort etwas, das sich frische Unterwäsche nennt. Für ein Land, das sich auf seine Säuberungen so viel einbildet, sind diese Lumpen keine Empfehlung.“

Im Lager wechselt die Leitung. Als Schermann „abgeholt“ wird, beginnt für Otto ein neues Lagerleben, denn Schermann und er werden in die gefürchtete Baracke der „Urki“, einer Gruppe von gewalttätigen Dieben, Räubern und Mördern, verlegt. Und auch hier zeigt der findige Graphologe wieder Geschick: Beide bleiben verschont von Gewalt und leben für Lagerverhältnisse einigermaßen gut. Doch auch diese vermeintliche Sicherheit bleibt nicht bestehen. Vom Angriff Hitlers auf die Sowjetunion, vom Bruch des Nichtangriffpakts erfahren die Lagerinsassen erst sehr spät. Otto und Schermann werden aufgrund dessen jedoch getrennt …

Auch aus Ottos Erinnerungen und Erlebnissen ergibt sich eine hochinteressante Geschichte. Er, der Deutsche, der als Setzer bei einer deutschen kommunistischen Zeitung in Moskau arbeitete, hatte eine kurze Liebelei mit der glühenden Kommunistin und Journalistin Maria Osten (die es auch tatsächlich gab). Aus den Gesprächen mit ihr ergibt sich ein umfangreiches Bild der damaligen historischen Lage in der sowjetischen Hauptstadt.

„Wir können von Glück reden, sagte Maria, dass wir hier sind, in der Sowjetunion leben wir in Frieden und Sicherheit. Aber was wird mit unseren Freunden im Westen?“

Oft genug googlete ich Personen, Ereignisse und Zusammenhänge, doch ist dieses Buch ob der Vielfalt gerade sehr reichhaltig. Gegen Ende hin erzählt Schermann Otto von seiner Begegnung im Jahr 1915 mit dem Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift „Fackel“, Karl Kraus, der sich unglücklich in Sidonie Nádherná von Borutín verliebte und mit ihr regen Briefwechsel hatte. Schermann sollte auf Betreiben von Adolf Loos, dem bekannten Architekten, ihre Briefe graphologisch beurteilen. Dies schien für ihn der Durchbruch zu sein.

„Ich lebte in Wien. Dort brauchte ich, um den Ritterschlag gesellschaftlicher Anerkennung zu erhalten, den Kraus. Er machte Leute berühmt, indem er sie feierte oder, was häufiger vorkam, vernichtete.“

Der opulente Roman stellt Verbindungen her zu anderen Romanen deutscher und russischer Geschichte, die ich bereits kenne und liest sich spannender als ein Geschichtsbuch. Solche Romane finde ich bereichernd. Und wenn sie dann auch noch sprachlich so anspruchsvoll sind wie dieser und fesselnd bis zur letzten Seite, bin ich glücklich. Eine der wichtigsten Herbstneuerscheinungen! Ein Leuchten!

Steffen Menschings Roman erschien im Wallstein Verlag. Eine Leseprobe findet sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ilse Helbich: Im Gehen Literaturverlag Droschl

Helbich-Im-Gehen

Es ist also nie zu spät: Ilse Helbich, geboren 1923 in Wien, hat im Alter von 80 Jahren ihren ersten Roman veröffentlicht und stetig weitergeschrieben. Es gibt zahlreiche Erzählungen von ihr und nun mit über 90 Jahren den ersten Gedichtband. Er enthält sehr dichte und konzentrierte Miniaturen, die für die Entdeckung der Langsamkeit plädieren, für die Anlehnung an die Natur und für die Schönheit der Sprache, die vielleicht sogar in aller Stille darauf achten lassen, wie es einmal sein kann, im Altern, das Leben.

Ein Gedicht passend zum Titel, erzählt vom Verlust einer, die ihr Leben lang gern gegangen ist. Und es zeugt aber auch vom Vertrauen, auf den, der da jetzt den Karren schiebt. Man kann entscheiden, ob es „Er“, der Göttliche oder ein Irdischer ist.

Schwieriges Gehen

Wenn ich jetzt in einem Schubkarren säße und
einer schöbe mich den dämmrigen Weg entlang.
Rollen und Rütteln
und Wiegen.
Blätter streicheln die Wange.
Ich möchte gern wissen, wer
mich schweigend dahin fährt,
aber ich wende den Kopf nicht.
Er ist ja da.
Mein schwieriges Gehen.“

In der Tat lese ich in Helbichs Gedichten die starke Verbindung mit etwas größeren, das All-Eins-Sein, eine spirituelle Dimension.

„Er sagte einmal, unter den Buchen
des Latisbergs habe er an mich gedacht.
Als ich gestern dort ging,
unter den Bäumen allein, da hingen
seine Gedanken als Spinnenfäden
zwischen den Ästen.“

In einem Interview (Die Presse, 2010) sagt Helbich:
„Ich glaube, dass sich im Alter verborgene Schlüssel und Lebensmotive zeigen. Die kann man nie benennen. Jeder Mensch ist sich selbst ein Rätsel. Ich bin jetzt meinen Emotionen mehr ausgeliefert, als ich das mit Ausnahme der Pubertät je empfunden habe. Das ist manchmal sehr angenehm, weil man das Gefühl hat, man kommt in sehr ursprüngliche Schichten. Man ist von so tief unten bewegt, wie das nie vorher im Leben war. Ein fast spirituelles Gefühl.“

Zwei Gedichte widmet Helbich Gottfried Benn und der Leser überlegt und rechnet: Ja, theoretisch könnte es sein, dass sie Briefe an ihn schrieb oder welche erhielt:

„Der Befehl ist: Schreib alles auf. Genauigkeit!
Es gibt nichts als das Wort. Das Wort nagelt das Ding fest.
Das Ding ist Kaffeehaustisch, Marmorplatte, Kühle, weiß,
ferne Gesichter, in Rauchschwaden gefangen;
das Ding heißt auch Rose, heißt: du.“

Vielleicht ist es aber auch einfach eine Hommage an Benns Dichtkunst.

Ein Kapitel heißt Kindergedichte. Es sind allerdings keine heiteren Reime, sondern Texte, die Rückschlüsse ziehen auf ein tiefsinniges ernsthaftes, auch naturverbundenes Kind. Die Bezüge zur Natur und die Freude daran sind auch in anderen Gedichten zu erlesen.

Ich freue mich, diesen Lyrikband entdeckt zu haben, denn er bestärkt und belebt mich auch in meinem eigenen Schreiben. Diese Gedichte sind wunderbare Begleiter auf weiteren Wegen.

Erschienen ist der Lyrikband im Droschl Verlag, wie auch alle anderen Werke von Ilse Helbich. Eine Leseprobe und mehr über die kluge Autorin gibt es hier.

Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.

Gertraud Klemm: Erbsenzählen Literaturverlag Droschl

DSCN2434

Gertraud Klemms neuen Roman habe ich mit Freude erwartet, bin ich doch bereits länger schon Klemm-Fan. Leider ist die Story diesmal nicht so ganz überzeugend, zu beliebig scheint mir diese Beziehungsgeschichte einer 30-Jährigen. Die letzten drei Bücher der Österreicherin habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Ein wenig geht es mir aber hier nun wie bei Doris Knechts neuesten Roman „Alles über Beziehungen“. Knechts vorherige Romane fand ich ebenso toll, nur beim letzten war ich enttäuscht. „Erbsenzählen“ habe ich aber aufgrund von Klemms gewohnt flapsiger, erfindungsreicher Sprache dann doch ganz gern zu Ende gelesen …  („Alles über Beziehungen“ nicht)

Irgendetwas scheint sich da bei beiden Autorinnen totgelaufen zu haben. Die Themen wiederholen sich, wenn auch in kleinen Variationen, aber immer umkreisen sie die üblichen Mann-Frau-Themen, ohne dass eine Weiterentwicklung zu erkennen wäre.

Bei Klemm ist es diesmal die  30-jährige Annika, die mit einem doppelt so alten Mann, Alfred, einem bekannten Radiomoderator mit pubertierendem Sohn, liiert ist. Eine Frau, die ihren Beruf, Physiotherapeutin, hingeschmissen hat, die kellnert, statt das begonnene Kunststudium zu beenden, die sich so scheinbar vor sich hin treiben lässt ohne Klarheit über das, was sie wirklich will, die aber irgendwie auch nichts mit Alfred anfangen kann. Sie schwankt permanent zwischen Freiheitswunsch und Verbindlickeit: “ Diese wunderbare Freiheit, die immer Hand in Hand daherkommt mit ihrer anhänglichen Schwester, der Einsamkeit.“
Die Eltern messen sie an den Geschwistern, wo sie nicht besonders gut abschneidet.

„Nur über die mittlere Tochter werden sie seufzen, die mittlere Tochter verweigert die biografischen Sollbruchstellen, die berufliche Klimax, sie will partout nicht zusammengefaltet werden zu einer handlichen Biederkeit.“

Sie leidet unter den Erwartungen anderer. Ihre Befindlichkeiten werden mitunter so dargelegt, dass ich mich mehrmals im Verlaufe der Geschichte fragen musste, warum diese Frau überhaupt mit Alfred zusammen ist. Das tut Annika dann später immerhin auch noch …

Ganz ähnlich liegt hier der Fall wie bei Knecht: Eigentlich tolle Frauen, die sich aber durch ihre Beziehungen auf das Leben einer Frau von berühmtem Regisseur oder Geliebten von erfolgreichem Radiomoderator reduzieren lassen. Dazu kommt noch das übliche „Mann in den „besten“ Jahren mit wesentlich jüngerer Frau“ – Schema. Ist das wirklich immer noch das Thema, dass relevant ist in unserer Zeit?

„Leonie ist sieben und hat schon mehr Allüren als Stofftiere und Barbiepuppen. Aber ich darf nichts sagen, denn ich habe erstens keine Kinder und zweitens sind das keine Allüren, sondern persönlichkeitsbildende Grundbedürfnisse.“

Zugegeben, die Gedanken übers Kinderkriegen und den Umgang mit selbigen mag ich schon, das ist ein Thema, dass Klemm schon immer gut konnte, besonders in ihrer sprachlichen Unverfrorenheit (siehe „Muttergehäuse“). Vielleicht ist und bleibt Klemm auch immer bei diesen Themen und umkreist sie von allen erdenklichen Seiten. Ob mich das dann auf Dauer noch fesselt, wird sich zeigen … „Erbsenzählen“ hat es noch mal geschafft, vor allem weil ja trotz allem ihr trockener Humor begeistert und weil sie eine unglaublich scharfe Beobachterin ist. Weil da solche Sätze stehen wie:

„Wenn man wütend ist, sagt die Vortragende gerade, soll man einen Wutkübel ins Eck stellen und in ihn heineinschreien, denn Gefühle unterdrücken, sagt sie jetzt ganz feierlich, ist vor allem bei Buben ein Thema, und sie wird uns das jetzt mithilfe der Seelensuppe veranschaulichen.“

Gertraud Klemms Roman „Erbsenzählen“ erschien im Literaturverlag Droschl. Mehr darüber hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.