2x Lyrik aus dem Elif Verlag: Wolfgang Schiffer: Dass die Erde einen Buckel werfe / Dagur Hjartarson: Schnee über den Buchstaben

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Zwei neue Lyrikbände aus dem Elif Verlag möchte ich vorstellen. Eine Doppelbesprechung bietet sich hier an. An beiden ist Wolfgang Schiffer beteiligt. Einmal als Übersetzer aus dem Isländischen, wie schon bei so vielen Bänden in den letzten Jahren. Und einmal eben auch – darauf war ich sehr gespannt – als Dichter.

An dem Lyrikband mit dem wunderbaren Titel „Dass die Erde einen Buckel werfe“ fiel mir zuerst das schöne Cover auf, dessen Rätsel sich innen auf dem Buchdeckel fortsetzt. Es wurde gestaltet von dem Isländer Ragni Helgi Ólafsson, dessen Gedichte und Erzählungen ich hier auch bereits auf dem Blog besprochen habe. Natürlich in der Übersetzung von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason.

„und heute / gelingt es mir noch / an die Kraft der Wörter zu glauben /
an eine Sprache / die rettet / sehe ich noch Licht in einem Gedicht?

Wolfgang Schiffers schmaler Gedichtband hat es in sich. Er ist in Abschnitte eingeteilt, die sich nach den Wochentagen richten. So folgen wir von Montag bis Sonntag zunächst immer einem Speiseplan, der einmal in hochdeutsch und einmal in Dialekt abgedruckt ist. Es ist der Dialekt (die Mundart des Landstrichs?), den der Held, das Lyrische Ich, ich denke man kann es getrost mit dem Autor verknüpfen, in seiner Kindheit sprach. Dieser Speisekarte ist fast wie ein Zeitanzeiger. Der Inhalt und auch manch spätere Verse weisen auf eine wenig üppige, vielleicht von Armut, zumindest aber auch von Scham geprägte Kindheit hin.

Abwechselnd taucht nun das lyrische Ich in die Vergangenheit, beginnt mit einer kleinen Familienhistorie, begegnet Vater, Mutter; bedenkt sie aus dem Heute, befragt sie. Sogar in seinen Träumen erscheinen sie, weisen auf dies und auf das hin, das vielleicht schon vergessen war. Helfen bei der inneren Suche, ja, nach was? Der Vater, der Arbeiter, der Westernheftchen las, (erinnert mich sehr an meinen eigenen), die Mutter, die einfach die Frau des Vaters war und Mutter natürlich. Mit großer Zuneigung widmet sich Schiffer den Eltern. Aus allem spricht hier die Demut und auch die Dankbarkeit vor der Lebensleistung der Eltern. Der eigene Ursprung wird reflektiert, der Werdegang, jetzt da das Altern viel Raum einnimmt.

„ach Mensch! ach Welt! / wann endet es endlich /
dieses Schmierentheater / das längst schon nicht mehr
zu überbieten ist an Zynismus und Perversion / warum“

Ein zweiter Strang zeigt eine andere Seite, schlüpft wieder in die Gegenwart und liest sich mitunter wie ein Lamento in zutiefst gesellschaftskritischen Versen. Vom kleinen geht es jetzt ins Große: Es geht um die unguten Zustände, die herrschen aufgrund der Machtstrukturen in der Welt. Die Kriege, der Niedergang der Kultur, die Ungerechtigkeiten, die Zerstörung von allen Seiten und die so gar nicht mehr intakte Natur: alles Menschenwerk. Die Frage steht im Raum: Wäre die Welt ohne uns Menschen nicht eine bessere?

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Dagur Hjartarsons zweisprachiger isländisch/deutscher Lyrikband „Schnee über den Buchstaben“ ist in zwei größere Kapitel geteilt. Alle Gedichte sind ohne Groß- und Kleinschreibung und ohne Satzzeichen verfasst. Der erste Teil heißt „die Hirnoperation“ und berichtet aus verschiedenen Blickwinkeln von einer Frau, die einen Gehirntumor hat. Der Beobachter, das Lyrische Ich (man darf auch hier von Autobiographischem ausgehen) be-schreibt, ja beschwört mitunter, die Zeit vor und nach der Operation. Die Sorgen, Ängste und dann auch die Erleichterung, als alles gut gegangen ist und die Zukunft wieder erscheinen darf. Dabei hat die Sprache hier, trotz allem gleichzeitig eine Luftigkeit und Zuversicht in aller Schwere.

„während ich über dich wachte
wurde mir klar
dass die nacht fast gar nichts ist
sie ist nur der schatten der erde

die nacht ist nur der schatten der erde“

Die Familie, die auch im nächsten Kapitel „familienleben auf der erde“ Thema ist, spielt immer die Hauptrolle. Ob ein Kinderwagen geschoben wird oder früh am morgen Kaffee gekocht wird, ob die Nacht durchwacht wird oder ein Schneesturm durch die Stadt fegt, alles ist Alltag und Poesie zugleich. Der Autor verbindet konkret Erlebtes, Erlesenes oder Gehörtes und erzeugt damit überraschende Bilder.

„in dem bericht steht dass viele arten verschwinden werden
noch bevor die wissenschaftler sie entdecken

es gibt also ein verborgenes leben
außerhalb der menschheitsgeschichte“

In beinahe jedem Gedicht finde ich mindestens eine Zeile, die ich genau zu diesem Zeitpunkt des Lesens brauche. Die mich gleichzeitig verankert und aus allem heraushebt. Auch die Gedichte, die von der Kindheit, von diesem besonderen Dasein, weitab des Erwachsenseins erzählen, sind trefflich gelungen. Mir scheint, erinnerte Kindheit ist gerade in der Dichtung ein großes Experiment. Hier und auch im gesellschaftskritischen Teil finden beide Lyrikbände eine Gemeinsamkeit.

„und wir gehen tiefer hinein in das gedicht
gehen bis wir verschwinden
hinter den letzten worten“

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Ich kann beide Bände von Herzen empfehlen, und hier auch gerade denjenigen, die sonst kaum Gedichte lesen. Bereits vorab war ich mir dessen schon sicher. Es sind beides Gedichtbände, die wunderbar poetisch sind aber nicht intellektuell verrätselt. Oft ist die Sprache so eindeutig und wegweisend, dass sie einen um so mehr bewegt und weiterträgt. Wachsen mit Gedichten – eigentlich das Schönste, das es gibt!

Beide Bücher sind im Elif Verlag erschienen. Die Übersetzung aus dem Isländischen kommt von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason. Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

Weiteres aus der zeitgenössischen isländischen Lyrik (ich liebe sie alle!):

Das Alphabet des Feuers – Wolfgang Schiffer liest Gedichte aus Island Hörbuch Elif Verlag

Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme Elif Verlag

Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte Elif Verlag

Knut Ødegård: Die Zeit ist gekommen Elif Verlag

Das Alphabet des Feuers – Wolfgang Schiffer liest Gedichte aus Island Hörbuch Elif Verlag

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Viele der Gedichte dieses Hörbuchs kenne ich schon. Auf dem Foto oben sieht man drei der Gedichtbände, die auch auf den CD`s zu finden sind. Ich besitze sie seit Erscheinen und habe sie auch bereits hier auf dem Blog besprochen. Ein Band ist ganz neu im Elif Verlag erschienen und auf einer CD gibt es Gedichte von Jón úr Vör, dessen Gedicht „Das Dorf“ fast als eine Art Klassiker auf Island gilt. Die 5 CD`s bieten eine schöne Auswahl von Gedichten aus mehreren Generationen. Von der 1992 geborenen Fríða Ísberg über den 1971 geborenen Ragnar Helgi Ólafsson, über die 1958 geborene Linda Vilhjàlmsdòttir, über den 1948 geborenen, 2017 gestorbenen Sigurður Pálsson bis zum 1917-2000 lebenden Jón úr Vör spannt sich der Bogen. Wolfgang Schiffer, der die Gedichte eingelesen hat ist ein großer Island-Literaturkenner. Im der CD beiliegenden Folder erfährt man, wie sich Schiffers Island-Faible entwickelte. Einen guten Anteil daran hat mit Sicherheit der Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness, den Schiffer 1982 für ein Interview zu seinem 80. Geburtstag besuchte, das etwas ungewöhnlicher verlief als erwartet. Wolfgang Schiffers Stimme zu lauschen, bei einer heißen Tasse Tee und bei Regenwetter kann ich nur empfehlen. Der dunkle, warme Wohlklang lässt einen das Außen vergessen. Und Wolfgang Schiffer ist souverän genug, den Zuhörenden nichts vorzuspielen, sondern allein die Texte wirken zu lassen. Ein wunderbares Winter/Weihnachtsgeschenk, würde ich sagen.

Mit Jón úr Vör will ich beginnen, denn er ist einer der Vorreiter der modernen isländischen Dichtkunst. Er begann sich vom klassischen Versmaß abzuwenden und freie Verse zu schreiben. So gehört er zu den Atomdichtern, die die isländische Dichtung erneuerten und der großen Vielfalt der heutigen Lyriker den Weg bereitete. Mehr darüber auf Wolfgang Schiffers Blog „Wortspiele“. Ich muss zugeben, dass mich seine Gedichte beim Zuhören auch am tiefsten berührt haben, vielleicht weil ich die anderen Dichter schon kannte und gelesen hatte, vielleicht aber auch, weil die Gedichte aus dem Alltag eines Dorfes auf Island erzählen und somit ein wunderbares Bild über das Leben in den vierziger/fünfziger Jahren geben. Vielleicht ist es auch in der Tat so, dass das Hören, das vorgelesen bekommen eines Verses, einen anders trifft, als etwas selbst Gelesenes. 

Den neuen Band „Lederjackenwetter“ von Fríða Ísberg kannte ich bisher noch nicht und ich bin überrascht von dieser virtuosen Stimme. Es ist die Lyrik einer jungen Schriftstellerin, die in ihren Gedichten kleine Geschichten erzählt, die wir womöglich auch alle kennen. Von Kindheitserinnerungen an den Vater, der der 6jährigen die erste Lederjacke schenkte, später, das Freitagabend zurechtmachen und ausgehen, die jugendliche Melancholie aus unerfindlichen Gründen, die Zweifel, die versteckte Empfindsamkeit, die man nicht zeigen will bis zum Versuch der Selbstfindung und Ich-Verankerung in der Welt. Es sind starke, direkte Texte, die gleichzeitig von einer großen Einfühlsamkeit zeugen. Immer wieder taucht der Spiegel als Symbol auf für Licht und Schatten, für Trauer und Selbstreflexion. Oft ist die Lederjacke aus dem Titel des Bandes gleichbedeutend einer Schutzhaut vor dem Außen, aber auch ein Zeichen der inneren Stärke und der Willenskraft. Je öfter ich diese Gedichte höre, desto mehr finde ich eine Verbindung zu ihnen, desto mehr beginnen sie zu leuchten.

„Ich möchte einen Hilfsfond gründen, zu Gunsten der Empfindsamkeit
genug sammeln, so dass die Empfindsamkeit endlich eine Stärke sein darf
eine blassbleiche aderblaue Schönheit“

aus dem Gedicht „Moralfrau“

Die 3 weiteren Dichter, dieser schönen Auswahl kenne ich bereits und doch war es ein anderes, ein Neu- oder Wiederentdecken, denn ein Gedicht entfaltet sich laut gelesen auch ganz anders.

Besonders gefallen hat mir beim Vorlesen auch der Band „Gedichte erinnern eine Stimme“ von Sigurður Pálsson. Pálssons Gedichte sind so, wie Gedichte für mich sein sollten. Nicht über die Maßen verrätselt und doch mit ungewöhnlicher Tiefe. Alle Gedichte haben ein ganz eigenes Gewicht. Mir fällt der Begriff wertvoll ein. Aber es sind die kleinen Werte. Sie sind zu finden in dem wundervollen Zyklus „Stimmen in der Luft„, die den Dichter zu einem Seher werden lassen, quasi als Medium des Winds. Dazu kommen die Nachdenklichkeiten und die Bewegung im Herzen, sehr innig und durchdrungen. Jedes einzelne Gedicht stellvertretend für ein Dichterleben. Wolfgang Schiffer interpretiert auch diese Stimme gekonnt. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/22/sigurdur-palsson-gedichte-erinnern-eine-stimme-elif-verlag/

Ragnar Helgi Ólafssons Gedichtband mit dem wunderschönen Titel „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können„(der mir derzeit besonders aus dem Herzen spricht) ist für mich auch ein Paradebeispiel zeitgenössischer isländischer Lyrik. Seine Texte scheinen erst so harmlos leicht und dann! dann kommt die Wendung, die aus einem schönen ein unvergleichliches Gedicht macht. Es ist manchmal nur ein Wort, eine Schwingung zwischen den Zeilen. Nach jedem Umblättern kommt eine Überraschung, keine Sensation, das eben nicht, sondern ein hauchfeines Etwas, dass umhaut. Ólafssons Texte sind auf verschiedenen Ebenen zugänglich. Das macht sie so besonders und empfehlenswert, auch für diejenigen, die sonst kaum Zugang zu Lyrik finden. Auch hier: stimmig vorgelesen. Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/10/ragnar-helgi-olafsson-denen-zum-trost-die-sich-in-ihrer-gegenwart-nicht-finden-koennen-elif-verlag/

Linda Vilhjálmsdóttir, die ihren Gedichtband „frelsi / freiheit“ nennt, hatte damit bereits großen Erfolg in Island. Ihre Texte sind sehr welthaltig. In einem einzigen strömenden Ton, teils anklagend, teils ermahnend, durchleuchtet sie unser heutiges Menschsein. Die 58-jährige Isländerin hakt nach und gibt sich nicht gleich zufrieden. Energisch, teils wiederholend und dringlich schiebt sie nach, ein gesellschaftskritisches Bild nach dem anderen. Wie sagt man so schön: Sie hält uns den Spiegel vor. Ich hatte vor einiger Zeit das Glück, sie lesen zu hören. Isländisch ist eine sehr eigene Sprache, sehr melodiös. Schön, dass es nun eine deutschsprachige Lesung gibt. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/12/22/linda-vilhjalmsdottir-freiheit-elif-verlag/

Alle Bücher sind Grundlage der jeweiligen Lesung. Wolfgang Schiffer hat sie selbst übersetzt, zusammen mit Jón Thor Gíslason. Sowohl das Hörbuch als auch die Bücher erschienen im Elif Verlag.
(Bitte lieber Wolfgang, lies weiter isländische Gedichte ein!)

Ein schönes aufschlussreiches Interview mit Wolfgang Schiffer gibt es hier:

Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte Elif Verlag

selten
so abseits im eigenen leben

als wenn ich in frauenzeitschriften blätterte
im friseursalon und beim zahnarzt im wartezimmer

Ein neuer Band der Isländerin Linda Vilhjálmsdóttir ist im Elif Verlag erschienen. „das kleingedruckte“ schließt in seinem Inhalt fast direkt an den vorherigen Band „Freiheit“ an und ist zweisprachig. Die 1958 geborenen Lyrikerin, die auch Krankenpflegerin ist, ist in ihrer Heimat bestens bekannt und wurde mit verschiedenen Preisen für ihre Werke ausgezeichnet. Ihre Themen sind Gesellschaftskritik, Frauenrechte und der Blick auf die Veränderungen diesbezüglich im eigenen Land. Der Band ist schön gestaltet, mit durchbrochenem Schutzumschlag, der das kleingedruckte durch zwei Lupen deutlich erkennen lässt. Tatsächlich sind auch alle Gedichte in Kleinbuchstaben gedruckt. 

So startet der neue Band mit einem Zyklus, der den „Bergfrauen“ gewidmet ist. Es ist Tradition am isländischen Nationalfeiertag, dass eine Frau im Bergfrauenkleid ein Gedicht vorliest. (Es gibt also nicht nur Amanda Gormans „The hill we climb). 2018 wurde Vilhjálmsdóttirs Gedichtzyklus gelesen, in dem sie alle Frauen, nicht auf einen Sockel, sondern gleich stellt.

nach
einem halben jahrhundert
blutigen kampfs
das zerbrechliche selbstbildnis
innerhalb einer akzeptablen fehlerspanne aufrecht zu erhalten

kann ich behaupten
dass frauen wie ich
immer noch unbekannte größen sind

Es kommt dann ein Zyklus, der sich sowohl übergeordnet mit der Rolle der Frau beschäftigt, aber eben auch direkt die eigenen persönlichen Erlebnisse dazu mit einbezieht: der ewige Kampf um Gleichstellung, die Reduzierung auf Äußerlichkeiten, die Entscheidung für oder gegen die Mutterschaft.

und als das herz
vor scham derart zerschlagen war

dass ich nicht ohne zu weinen
von zimmer zu zimmer kam

da habe ich endlich begriffen
dass es mit der scham eine ende haben musste

ich sollte mich nicht weiter vor mir hertreiben lassen
von der scham

und durfte mich nicht länger
für mich selbst
schämen

Im Zyklus „Manchmal fühle ich mich wie …“ versetzt sich die Dichterin in die Lage, derer, die es schwer haben und leiden müssen. Sei es der alte Mensch, den keiner mehr wahrnimmt, das Pelztier im Versuchslabor, die Frau im Pflegeberuf.

Im dritten Zyklus geht es um die Herrschenden, um (korrupte?)Politiker und es geht um Macht(missbrauch) und Männlichkeit. Hier wird Vilhjálmsdóttir sehr direkt in ihrer Wortwahl zu konkreten Ereignissen.

Zu guter Letzt zeigt uns die Autorin Bilder aus der eigenen Familiengeschichte; es geht um die Frauengenerationen. 

bevor aber das jahrhundert zur hälfte vorbei ist
werden die finger und die vorgereckten kinnspitzen
unserer vorfahrinnen

wie
wegweiser oder steinwarten
aus den schmelzenden Gletschern ragen

Die Großmutter aus armen Verhältnissen, die 10 Kinder gebar, von denen nicht alle überlebten, die Wolle spinnt für die Enkel, den getrockneten Fisch zubereitet und im Nylonkittel zur Putzstelle geht. Die Mutter, die mit 15 Jahren von der Schule abgehen musste und „im Fisch“ arbeitet. Und dann Linda selbst …

Linda Vilhjálmsdóttirs Gedichte sind alle sehr bodenständig, direkt und kraftvoll. Es sind keine Gedichte, die man nur mit bestimmtem Vorwissen versteht. Sie sind auch für Kaum-Lyrikleser bestens geeignet. Mir fehlte bisweilen das Geheimnis, das Zwischen den Zeilen, das für mich unbedingt zu einem Gedicht dazugehört. Das fand ich dann aber in der ergänzenden Lektüre, die ich sehr empfehlen kann: Die Literaturzeitschrift „Die Horen“ hat in der Ausgabe 280 ein längeres Kapitel der isländischen Lyrik/Kurzprosa gewidmet und einige der Gedichte haben mich eingefangen:

Hier finden sich etwa auch Gedichte von Fríða Ísberg, die demnächst ebenfalls im Elif Verlag erscheinen werden. Schon der Titel lockt: Lederjackenwetter (siehe Gedicht Foto oben). Ebenso Foto oben: Gedichte von Dagur Hjartarson und Steinunn Sigurðardóttir. Auch von Ragnar Helgi Ólafsson finden sich Texte (Besprechung seines Lyrikbandes „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden“ hier). Diese vielen wunderbaren Veröffentlichungen verdanken wir vor allem auch dem Übersetzerteam Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gislason, das auch bereits den Band „Freiheit“ und diverse andere Bände übersetzte. Wolfgang Schiffer bringt auf seinem Blog Wortspiele auch immer wieder die isländische Literatur in den Fokus. Es lohnt sich ein Blick auf diese Seite.

Alle Bände isländischer Autoren, die im Elif Verlag erschienen finden sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ragnar Helgi Ólafsson: Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können Elif Verlag

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Gleich vorab: Ein Leuchten! Hellstes Polarlichtleuchten!

Beim ersten Lesen des Titels auf dem anziehenden Cover war klar: Das ist passende Lyrik für mich. Sehr selten finde ich einen Lyrikband, bei dem ich mich mit allen Gedichten anfreunden kann. Hier ist es so. Ólafssons Texte vereinnahmen mich ganz. Sie scheinen erst so harmlos leicht und dann! dann kommt die Wendung, die aus einem schönen ein unvergleichliches Gedicht macht. Es ist manchmal nur ein Wort, eine Schwingung zwischen den Zeilen. Nach jedem Umblättern kommt eine Überraschung, keine Sensation, das eben nicht, sondern ein hauchfeines Etwas, dass umhaut. Mein Liebstes:

Dichtersprache

Ich möchte mit dir in einer Dichtersprache sprechen,
ohne die Stille zu durchbrechen.

Es ist nicht so schwierig, wie es klingen mag.

Es ist nur so,
als zöge man ein Kristallglas
an einem Wollfaden
über
einen steinübersäten Strand.

Eine große Vielfalt steckt in den Texten. Sie reichen von rätselhaft bis skurril („Der innere Raum des Kuchens ist alles das, was nicht Kuchen ist“) , von meditativ bis schlicht, von melancholisch bis humorvoll (“ Ich kann es mir nicht leisten, diese Seelöwen für längere Zeit zu halten“). Manchmal sind es bildhafte Texte von M.C. Escher`schem Format wie bei „Seifenblase“. Manche erscheinen als Traumsequenzen in all der Wirklichkeit: „Stupéfiant.“ Einige muten so essentiell an, wie die Suche nach dem eigenen Selbst. So glaubte ich einmal Pessoa zu begegnen im Gedicht „Nichts wie Nichts“ :

„Ich lehne Vergleiche ab.
Das was ich sage ist.
Ich lehne alle Vergleiche ab.
Alles ist das was es ist.“

Und da ist auch noch das zarte wunderbare „Wiegenlied 1“:

„… Es hat Millionen von Jahren gedauert, dies zustande zu bringen, aber die Welt macht nicht viel Aufhebens davon, weil sie schon darüber, dich in sich zu haben, so überglücklich ist.“

Ólafssons Gedichte sind auf verschiedenen Ebenen zugänglich. Das macht sie so besonders und empfehlenswert, auch für diejenigen, die sonst kaum Zugang zu Lyrik finden.

Sowieso ist es ein kleines Kunstwerk, innen wie außen. Die deutsche Ausgabe wurde ebenso ausgestattet wie das Original, das der Autor und Künstler selbst gestaltet hat: Ausgestanzter Einband, collagenhaft, welcher gleich tief blicken lässt, schwarze Fadenheftung auf weißem Grund, fast japanische Bindung, zweisprachig. Fein übersetzt von Island-Spezialist Wolfgang Schiffer und dem Isländer Jón Thor Gislason und verlegt im Elif Verlag, in dem auch sonst ganz fabelhafte Lyrik zu finden ist.

2017-11-08 19.43.16Wolfgang Schiffer stellte kürzlich den Band in Berlin im feinen Schokoladenbuchladen von Fräulein Schneefeld & Herr Hund vor: Es war ein mehr als interessanter Abend mit einer kleinen Einführung in die isländische Geschichte und mit der Vorstellung der isländischen „Atomdichter“, die einen neuen poetischen Ausdruck finden wollten, weitab der traditionellen Form in Island. Der Autor von „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ ist ein aktueller Vertreter dieser Moderne.