Etel Adnan: Zeit Edition Nautilus

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Ihr Name ist mir zwar schon begegnet, aber niemals hätte ich ihr Werk entdeckt, hätte sie nicht kürzlich den Hamburger Lichtwark-Preis 2021 (den ich auch nicht kannte) erhalten. Auf der Preis-Website steht über Etel Adnan:

„Der Lichtwark-Preis 2021 wird der aus dem Libanon stammenden und in Paris lebenden Künstlerin Etel Adnan (*1925) für ihr Lebenswerk verliehen. Ihre politisch aufgeladenen literarischen Werke beschreiben die weltlichen Zustände und ihre Zusammenhänge und sind eine starke Stimme des Feminismus und der Friedensbewegung. Ihre Malerei vermittelt ungefiltert die Freude der Künstlerin am Leben. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird alle vier Jahre von Senat und Bürgerschaft an Künstlerinnen und Künstler verliehen, deren Werke der bildenden Kunst sich durch besondere Innovationskraft auszeichnen. Namensgeber des Preises ist der Gründungsdirektor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark.“

Ich habe mich nun mit dem neuesten hierzulande erschienenen Band „Zeit“ beschäftigt und war von ihrer Sprache sogleich begeistert. Schon forschte ich nach ihrer Malerei und war auch davon sofort eingenommen. Als eine die selbst schreibt und malt, bin ich immer an Doppeltalenten interessiert. Aber Etel Adnan würde ich fast als Multitalent bezeichnen. Denn es stimmt, ihre Texte sind oft politisch, dabei aber gleichzeitig so hochpoetisch und reif und für mich auch spirituell. Aus ihnen strahlt eine Art Weltgewandtheit, eine sprachliche Fülle und Weisheit und gleichzeitig eine Frische und Aktualität, die ihresgleichen sucht.

„im Herbst gibt es eine Zeit, zu der die
Bäume ihre Natur ändern und
jenseits von Materie
erwachen; dann sieht man sie zu ihrem gewohnten
Selbst zurückkehren“

Von Alter und von Vergänglichkeit ist oft die Rede. Von der Natur des Menschen, von der Sterblichkeit, von der Unausweichlichkeit des Todes. Aber ebenso von den Freuden, vom Glück.

„Wir werden nicht wissen, ob das Leben umkehrbar ist,
doch eingeschrieben in den Schmerz
eine Freude, die sogar noch
mehr schmerzt,
wie der Fingerabdruck der Erinnerung
in der Verlassenheit des Herzens.“

Etel Adnan überschreibt mit Poesie all die Dinge und Geschehnisse, von denen man kaum erzählen mag. Dabei vergisst sie die Liebe nicht und die prägenden Begegnungen. Sie vertraut auf die Sprache und findet die treffendsten Worte. Viele der Gedichte scheinen sich zu erheben aus der Schwere der Erde und werden weit getragen vom Aufwind der Zeit.

„Sterne verlöschen
alle paar Sekunden; die Zeit,
die Information braucht, um
Welten zu durchqueren“

Aus dem Nachwort der Übersetzerin Klaudia Ruschkowski erfährt man, das „Zeit“ eine Sammlung aus Gedichten ist, die im poetischen Austausch mit dem Dichter Khaled Najar, dem sie 1976 kurz in Tunis begegnete. Der Band besteht aus 6 Kapiteln, die teils nach Ortsnamen, Tag oder Uhrzeit benannt sind – wir befinden uns mal in Paris, mal in London, mal in Kalifornien, mal in Greichenland – und dem letzten längsten Kapitel „Baalbek“, einem mythischen Ort im Libanon. Ruschkowski schreibt:

„Indem Etel Adnan sich in die unaufhörliche Bewegung des Stroms einschreibt, setzt sie nicht nur die Vorstellung von Grenzen außer Kraft, sondern auch die von einem Ende. Wo Zeit nicht linear ist, gibt es kein Ende. Aufgelöste Zeit ist Ewigkeit.“

Adnans Gedichte bestehen aus lyrischem Licht, in das mit jeder Zeile schon die Dunkelheit von Unmenschlichem, von Angst, Krieg, Tod und Leiden eindringen kann. Und gerade dieses Wechselspiel empfinde ich als große Kunst. Dieses „sowohl als auch“, dieses „dennoch“ und dieses absolute „Ja“, das sich aus den Zeilen herauslöst, bewundere ich.

„ich wäre gern ins Eckcafé gegangen,
um zu sehen, wie die Kälte vorbeidefiliert, während ich
im Warmen bin, oder auch, um jemanden zu lieben …
aber Bomben regnen auf Bagdad herab“

In Etel Adnans Gedichten dürfen die gegenwärtigen Menschen, die verlorenen Geliebten gleichwertig mit den Göttern und mit vergangenen Dichtern wie Omar Khayyam und lebenden wie Talal Haydar Hand in Hand gehen. Zeit existiert dann nicht mehr. Gegenwart und Vergangenheit lösen sich ineinander auf.

„Das Beste an der Vergangenheit ist / dass sie vorüber ist /
wenn du stirbst, / du erwachst / aus dem Traum / der dein Leben ist …“

Die große Offenheit, Weltgewandtheit und Weisheit der derzeit in Paris lebenden Dichterin, die auch eine Reisende, womöglich eine moderne Nomadin ist, zeigt sich in diesem Gedichtband in jedem Vers. Für mich ist sie die wertvollste Entdeckung bisher in diesem Jahr. Ich lege dieses Buch und auch die vielen anderen allen sehr ans Herz. Nicht nur Lyrikfreunden, Adnan schrieb auch Essays, kurze philosophische Texte und Romane. „Zeit“ erschien, wie die meisten Bücher in der Edition Nautilus. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Von ihrer Malerei (siehe auch Buchcover oben) gewinnt man auf Artnet einen Eindruck:
http://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/etel-adnan/?type=gem%C3%A4lde

Nadine Olonetzky: Belichtungen Kommode Verlag

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Eine ganz und gar faszinierende Idee hatte die vielseitige Schweizer Autorin Nadine Olonetzky. Sie fing die Zeit ein. Wir Bücherliebhaber wissen alle, wie das ist, wenn das Buchregal der Sonne ausgesetzt ist und die Seiten manchen Buchs am Buchschnitt vergilben, Jahr für Jahr mehr. Olonetzky hatte die Idee, dieses Zeitphänomen bewusst auszunutzen. Ich bewundere ihre Geduld: Seit 20 Jahren platziert sie gefundene kleine Gegenstände auf einem Blatt Papier und lässt Sonne und Zeit ihre Arbeit tun. Rund um die Dinge vergilbt das Papier. Zurück blieb die ursprüngliche Form, das Weiß unter den Dingen.

 

„Wir sind leicht, längst hinter allen Wolken, vielleicht auf
dem Weg zur Rückseite des Monds und immer weiter
durch ein Nichts, das trägt. Der Auslöschung
gerade noch einen Lidschlag voraus.“

In dem kostbaren Band sind nun viele dieser Motive abgebildet und eingerahmt von kleinen Texten, die hervorragend zu den Wandlungen passen. Es sind sehr persönliche Miniaturen. Sie sind ebenso wie die Bilder Zeitzeugen. Es wird hinterfragt, geschaut, gefühlt und erinnert. Wie die Belichtungen zeigen sie die Essenz unserer Existenz im Alltäglichen.

„Das Jetzt, wenn es sichtbar wird, ist immer schon
vergangen. Klappen die Lider zu, wird das, was gerade
war, ein Bild im Meer der Erinnerungen. Nur
weil sie vergehen, kann man die Augenblicke sehen.“

Der kleine Kommode Verlag hat aus dem Buch ein feines Kunstwerk gemacht: Hochwertiges Papier, fadengeheftet, der Bucheinband doppelt gelegt und von einer Lichtarbeit hinterlegt. Man spürt hier die Liebe zum Buch. Ich bin froh, trotz aller Hiobsbotschaften, was das Buchsterben betrifft, solche wunderbaren Bücher zu finden. Herzlichen Dank an den Verlag, auch für das Rezensionsexemplar. Mehr über die Autorin und den Verlag findet sich hier.

Andrea Scrima: Wie viele Tage Literaturverlag Droschl

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Die 1960 in New York geborene Andrea Scrima ist Künstlerin und lebte zeitweise abwechselnd in Berlin und in New York. Jedes der kurzen Kapitel ihres Debütromans öffnet sie mit der Örtlichkeit, an der sie sich befindet: Ihre jeweiligen Wohnungen oder Ateliers in beiden Städten. Es sind sehr persönliche Notate, fast tagebuchähnlich. Und in der Tat meint man erst einmal nur von Äußerlichkeiten zu hören. Doch je eindringlicher man lauscht, desto mehr öffnen sich die Texte.

„Jeder in seiner eigenen Welt, seinem eigenen persönlichen Universum, all diese imaginären Räume und Landschaften, die in den Köpfen der Leute existieren, koexistieren, kollidieren.“

Oft sind es Kleinigkeiten, die dem Text die Stimmung geben. Scrima hat einen übergroßen Wahrnehmungssinn, ein Bewusstsein für Alltagsmuster. Sie ist eine Zweiflerin, eine Gedankenspinnerin im besten Sinne. Sie erzählt auch von nichts geringerem als der Zeit, dem Vergangenen, Gegenwärtigen und dem Zukünftigen. Immer wieder kommt gebetsmühlenartig der Satz: doch das kam später … Der Satz taucht immer wieder auf, kaum hat man ihn vergessen, ist er doch wieder da. Man wundert sich erst, was das soll, doch wird er schließlich zum roten Faden, der die Geschichte trägt.

„Wie viele Tage verbringe ich regungslos, warte, dass diese wirbelnden Gedankenfetzen sich langsam auf dem Boden des Glases absetzen, voller Angst, mich zu rühren, Angst den Tumult wieder aufzuwühlen, und jeder Gedanke enthält seine Widerlegung, jede Einsicht trägt die Spuren ihres Gegenteils.“

Scrima erhielt ein Arbeitsstipendium für Deutschland und landet in Berlin. Für mich ist sehr interessant, dass die Autorin zeitweise im selben Kiez in Kreuzberg lebte, wie ich heute. Und wenn es dann heißt,

„Und Frau Chran erzählte manchmal von den Leichenbergen auf dem Marheinekeplatz gegen Ende des Krieges, wo große Schirme die Tische des Restaurants vor der Sonne schützen und Kastanienbäume ihre weiten Schatten über den Spielplatz werfen, …“

dann weiß ich genau, wo sich alles abspielte, damals wie heute. Scrima erzählt aus dem Berlin der 80/90er Jahre. Fidicinstraße und Eisenbahnstraße in Kreuzberg sind die Stationen der Künstlerin.

Ein großer Teil der Kapitel spielt in New York, wo es drei Adressen gibt, aus denen erzählt wird, jeweils zur entsprechenden Lebensphase: Bedford Avenue, Kent Avenue und Ninth Street. Die Autorin bewegt sich impulsiv zwischen den Zeiten. Gedankensprünge erfordern genaues Lesen und Kombinieren. Scrima schlüpft ab und an in die Kindheit. Manche Ereignisse haben sich so eingebrannt, dass sie Jahrzehnte später noch zu erfühlen sind. Sie erzählt von der ersten eigenen Wohn- und Atelier-Adresse. Hier zeigt sich das Glück der Freiheit, aber ebenso die Ausmaße der Armut eines Künstlerdaseins. Ich erfahre, dass die Künstlerin in Beziehungen lebt, dass Trennungen stattfinden und der Tod des Vaters. Manche Begegnung zeigt sich schemenhaft und nur über neue Namen, die Beziehung wird meist nur kurz angerissen.

Was währenddessen im Außen passiert, woran man erkennt, in welcher Zeit man sich befindet, wird ab und an durch Zeitungsausschnitte oder direktes Erleben, wie etwa die deutsch/deutsche Grenzöffnung in Berlin, angedeutet. Es erscheint mir aber letztlich weniger wichtig als die „innere Zeit“ der Protagonistin, die immer wieder an Grenzen kommt, an die Endlichkeit, ans Vergängliche stößt, welche sie auch in ihrer Kunst darzustellen weiß.

„… und frage mich, wie lange der letzte Moment  eines Lebens dauern kann, kann er sich bis ins Unendliche ausdehnen, frage ich mich, kann die Seele angehalten werden, schwebend gehalten in einer nie enden wollenden Phase des Übergangs.“

Das stete Hinterfragen und das gleichzeitige Staunen macht den Ton in diesem Buch. Scrimas Sprache ist eine oft sehr poetische, manches kurze, nur halbseitige Kapitel könnte ebenso ein Gedicht im Blocksatz sein. Hier verschwimmen die Grenzen und so wird aus Biografischem feinste Literatur. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im feinen österreichischen Literaturverlag Droschl. Übersetzt aus dem Amerikanischen wurde es von Barbara Jung. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit S. Fischer Verlag

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„Als die Flotte Beijing an einem eiskalten, wolkenlosen Tag Ende November erreichte, glitzerten die entlaubten Bäume am Weg von der mit goldgelbem Brokat ausgelegten Mole ins Innere der größten Stadt der Welt unter Reifpelzen.“

Der englische Uhrmachermeister Cox wird von Qiánlóng, dem Kaiser von China nach Beijing gerufen. Der Auftrag: Er soll eine ganz besondere einzigartige Uhr für ihn erschaffen. Eine Art Perpetuum mobile …

Nach langer Fahrt mit dem Schiff von England nach China erhalten Cox und seine drei Gehilfen den Auftrag die Zeit einzufangen. Zur riesigen Uhrensammlung des Kaisers soll sich nun die Außergewöhnlichste hinzugesellen. Für Cox, der zuhause bereits mit dem Gedanken spielte, Pläne zeichnete, um ein Perpetuum mobile zu bauen, dem aber immer Zeit oder die Mittel fehlten, kommt diese Aufgabe wie gerufen. Er, der seine geliebte 5-jährige Tochter Abigail verlor, und damit auch seine junge Frau Faye, die seitdem nicht mehr sprach, stürzt sich auch aus Kummer und Trauer tief in die Arbeit. Zudem hat er die Vision, mit dem Bau der Uhr der Unendlichkeit seiner toten Tochter näher zu kommen und womöglich seine Frau wieder zum Sprechen zu bewegen …

„Denn anders als die Geburt eines Menschen war die Verwirklichung einer mechanischen Idee in ihrer gesamten Vielfalt begreifbar, kontrollierbar und kein Rätsel, kein Wunder wie ein Kind, das in Wahrheit doch bereits mit seinem ersten Atemzug wieder zu sterben begann.“

Der Autor schafft es beeindruckend den Größenwahn des Herrschers über das chinesische Reich zu verdeutlichen, die unbeschreibliche Grausamkeit und die Eitelkeit eines gottgleichen, ja Gott übertrumpfenden Wesens und in manchen Momenten aber auch dessen Verletzlichkeit und Gewöhnlichkeit zu zeigen. Ja, er wirft die Frage im Namen des Kaisers auf, wie unterschiedlich die Wahrnehmung von Zeit sein kann, je nachdem in welcher Situation man sich befindet und wie man diese individuelle Zeit messen könnte.

Ransmayr erschafft seine Romancharaktere aus tatsächlich existierenden Menschen: Der Engländer Cox (1723 – 1800), der in London ungewöhnlich schöne, ausgesprochen wertvolle Uhren erschuf. Und Qiánlóng, der Kaiser von China (1711 – 1799), der in der verbotenen Stadt gottgleich sein Volk regierte. Nur begegnet sind sie sich in Wirklichkeit nie. Doch gelingt es dem Autoren eine Geschichte zu erfinden, die durchaus Geschichte hätte schreiben können.

Aus der Zeit gefallen, märchenhaft und traumwandlerisch liest sich dieses Abenteuer dreier Engländer im Reich der Mitte, immer wieder unterbrochen, durch die grausamen Zeichen der Macht ihres Auftraggebers, des Kaisers. Ransmayrs Sprache gebührt großes Lob. Sie ist es, die diesen Roman trägt und hervorragend macht. In verschachtelten, nach allen Seiten wortreich wuchernden Sätzen trifft er genau die überbordende Art, die in Palästen und Pavillons des Kaisers vorherrscht. Eine Sprache, die den Leser zum Teil der Geschehnisse macht. Jedes Ticken der Uhren, das Vergehen der Zeit wird spürbar. So klar und genau, so unglaublich dicht und poetisch, dass es eine Freude ist. Ein Leuchten!

Der Roman ist mit einem wunderschönen glitzernden mit geprägten chinesischen Schriftzeichen versehenen Umschlag ausgestattet. Er erschien im S. Fischer Verlag.
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