Jan Bazuin: Tagebuch eines Zwangsarbeiters C.H. Beck Verlag

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Ich mag Barbara Yelins Illustrationen sehr, deshalb fiel mein Blick auch sofort auf diese Neuerscheinung. Der 19-jährige Holländer Jan Bazuin hat Tagebuch geführt über die Ereignisse, die er vor und im Arbeitslager der Deutschen in München-Neuaubing von 9.1.1944 bis zu seiner Flucht am 21.4.1945 erlebte. Barbara Yelin hat dazu ihre typischen Illustrationen beigetragen. Es ist ein hochinteressantes Zeitdokument und hat mich wirklich überrascht, da ich bisher wenig zum Thema gelesen habe.

Am 23.2. wurde das Buch im NS-Dokumentationszentrum in München vorgestellt. Ich war beim Live-Stream dabei und habe unglaublich viel erfahren. Wie das Buch entstand, wie Yelin sich die Illustrationen erarbeitet hat. Der Sohn von Jan Bazuin berichtete, wie das Tagebuch, das eigentlich aus drei kleinen Heften besteht, die er nach dem Tod seines Vaters fand, zum Buchprojekt wurde, Barbara Beuys bereicherte die Runde mit umfassendem historischen Wissen zum Thema.

November 1944, Rotterdam: Die Deutschen besetzen seit 1940 die Niederlande. Jan Bazuin, 19 Jahre alt, lebt bei seinen Eltern. Er beginnt Tagebuch zu schreiben. Die Arbeitslosigkeit ist zu dieser Zeit groß. Der Vater will Jan loswerden, weil es zu wenig zu essen für die Familie gibt. Manchmal hat Jan Arbeit, manchmal organisiert er Essen, das er tagelang im Umland sucht. Die Menschen fällen die Bäume in den Straßen, um Brennholz zu haben. Es herrscht überall großer Mangel. So oft wie möglich trifft er sich mit seiner Freundin. Bei ihr verbringt er auch Weihnachten, hier bekommt er genug zu essen.  Als die Deutschen im Januar wieder alle 16 – 40-Jährigen unter Strafandrohung zum Abtransport ins Arbeitslager nach Deutschland aufrufen, muss auch Jan Rotterdam verlassen. Beim ersten Aufruf hatte Jan Glück, er war als Saisonarbeiter auf dem Land, doch wurde sein Bruder bereits da nach Kassel geschafft. Die Reise führt mit dem Zug quer durch Deutschland bis nach München. Mit langen Unterbrechungen, die die Männer im Viehwaggon verbringen müssen und mit Zwischenaufenthalt in Dachau, landen sie in Neu-Aubing.

Dort hat Jan das Glück die meiste Zeit eine Arbeit in der Küche zu finden, so dass er alles andere als Hunger leiden muss. Die Portionen, die er dort bekommt und die er in seinem Tagebuch genauestens erfasst, lassen fast nicht glauben, dass er sich in einem Zwangsarbeiter-Lager befindet. Dafür arbeitet er von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends. Doch dann gibt es auch Zeiten in denen er mit Rübensuppe, Brot und Kartoffeln auskommen muss. Er selbst empfindet die Arbeit als gut für ihn, damit er nicht so viel grübelt und an seine Familie und die Freundin denken muss.

„Montag, 19. März. Halb zwölf Fliegeralarm. Erst halb vier Entwarnung. Bei uns keine Bomben, wohl aber 30 km weiter. Das Essen war wie gehabt. Gut, aber wenig. Vielleicht gibt es in Holland gar nichts, ich will also nicht klagen.“

Das Ungewöhnliche an den recht schlichten Tagebucheinträgen ist eine ungebrochene Zuversicht, mit der Jan an alles herangeht. Nie glaubt er, dass er nicht mehr nach Hause kommt. Jeder Tag wird, auch wenn er noch so anstrengend war, mit einem positiven Gedanken bedacht. Tatsächlich darf man sich die Verhältnisse hier nicht wie in einem Konzentrationslager vorstellen. Jan verdient Geld mit seiner Arbeit, er hat oft den halben Samstag und/oder den Sonntag frei. Mehrfach geht er ins Kino, macht sogar Ausflüge ins Umland.

Im Lager begegnet er auch polnischen und italienischen Zwangsarbeitern. Manche lädt er ein, ihm etwas in sein Tagebuch zu schreiben, es bilden sich kleine Zusammenhalte. Doch es wird auch gestohlen, vor allem Nahrung. Nicht alle haben so ein Glück wie Jan. Immer wieder kommen Informationen im Lager an, in denen von der Lage der Front, von der Hilfe der Alliierten und vom möglichen Ende des Kriegs die Rede ist. Die vielen Luftangriffe sprechen ihre eigene Sprache.

Am 21.4.45 entscheidet sich Jan für die Flucht. Mit einem Kameraden legt er Hunderte von Kilometern zurück und schafft es tatsächlich über die Frontlinie zu den Amerikanern. Kurz darauf bricht das Tagebuch ab.

Im informativen Nachwort berichtet Mitherausgeber Paul Raabe vom NS-Dokumentationszentrum, was über Jan Bazuins Leben sonst noch bekannt ist und bindet die Tagebucheinträge in größere Zusammenhänge.

Barbara Yelins Illustrationen sind dunkel gehalten. Grau dominiert. Wenige Bilder sind mit Sprachblasen gezeichnet, die meisten Bilder sprechen für sich. Das Buch ist keine Graphic Novel. Man wollte den Tagebuchcharakter nicht verfälschen, was ich als eine gute Entscheidung betrachte.

Ich finde dieses Buch hochinteressant, zeigt es doch einen weiteren Aspekt zum Thema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Bisher kenne ich den Roman Sie kam aus Mariupol von Natascha Wodin, in dem sie über ihre Eltern erzählt, die als Zwangsarbeiter aus der Ukraine nach Deutschland verschleppt wurden und wesentlich schlechter behandelt wurden.

Tagebuch eines Zwangsarbeiters“ erschien im C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eva Menasse: Dunkelblum Kiepenheuer & Witsch Verlag

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Es geht sich aus! Es geht sich ganz wunderbar aus!
Viele Tassen Kaffee und einige Mehlspeisen lang hatte ich riesige Freude an dieser opulenten Lektüre. Eva Menasses neuester Roman „Dunkelblum“ scheint mir auch ihr bester bisher zu sein. Ich erinnere mich noch gut an ihren ersten Roman Vienna, den sie damals 2005, ich war noch als Buchhändlerin tätig, im Café Einstein in Berlin bei einem köstlichen österreichischen Menü vorstellte. Seitdem sind einige weitere Romane erschienen, nicht alle davon habe ich gelesen, aber hier hat mich die Leseprobe schon absolut überzeugt. Auf über 500 Seiten breitet sie hier ein irres Panorama einer österreichischen Marktgemeinde aus, Dunkelblum genannt, aber angelehnt an die Geschichte des real existierenden Rechnitz im Burgenland. Über das „Massaker von Rechnitz“ kann man auf Wikipedia lesen, ich empfehle aber erst den Roman, denn von Menasse nachkonstruiert und auserzählt, ist es schon noch einmal etwas anderes.

1989: Es beginnt mit der Anreise des Dunkelblumer Lowetz, der sehr bald als junger Kerl dem Heimatort an der Grenze zu Ungarn den Rücken gekehrt hat und in der Hauptstadt lebt. Er kommt, um sich um den Nachlass seiner gerade gestorbenen Mutter zu kümmern, eine Verbindung zu ihr hatte er nicht mehr. Doch der Einzug ins Elternhaus und die Gespräche mit den alteingesessenen Dunkelblumern lassen ihn rasch wieder in den Ort eintauchen. Er lernt Flocke kennen, die Tochter des einzigen Bioweinbauern vor Ort, die auch nur zu Besuch ist und den Ehrgeiz hat eine Art Heimatmuseum aufzubauen; allerdings anders, als sich das die Einheimischen vorstellen. Der Reisebürobesitzer Rehberg, der an einer Dunkelblumer Chronik arbeitet und eben Lowetz` Mutter recherchierten mit ihr zusammen für dieses Projekt.

Etwa zur gleichen Zeit taucht auch ein vermeintlich Fremder namens Gellért auf, der sich augenscheinlich ebenfalls für die Dunkelblumer Geschichte interessiert, vor allem für die Zeit kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs. Er verwickelt die Bewohner freundlich in Gespräche und stellt Fragen. Viele können, oder vielleicht eher wollen, sich nicht mehr erinnern.

„Man tat, wie man geheißen wurde, und schwieg, so war das damals. Und später war es auch so.“

Gleichzeitig widmet sich eine Gruppe Wiener Geschichtsstudenten der Verschönerung des Jüdischen Friedhofs, der sehr lange sich selbst überlassen blieb. Die Studentin Martha begleitet die Aktion mit ihrer Kamera. Sie spielt später noch eine große Rolle gegen Ende des Romans.

Wir lernen nach und nach verschiedene Mitglieder der Ortschaft kennen. Menasse schafft es hier wunderbar die einzelnen Charaktere herauszuarbeiten und auch in Bezug zu der persönlichen Familiengeschichte zu setzen. So wimmelt es bald von Namen und Persönlichkeiten, die man später nicht unbedingt immer zuordnen kann, aber das spielt so gar keine Rolle, weil die Lektüre einen einfach weitertreibt und vollkommen fasziniert über die Geschehnisse staunen lässt. Da gibt es beispielsweise die resolute Resi Reschen, die das Hotel Tüffer führt, in welchem sie ihre Lehre begann und welches sie nach der Flucht der jüdischen Eigentümersfamilie Tüffer eigenständig weiterführte.  Da gibt es die schöne Leonore, die aus einem Nachbarsort eingeheiratet hat und ehrgeizig mit ihrem Mann, dem Toni Malnitz, aus dem eigenen Weingut einen Biobetrieb mit anspruchsvoller Hotellerie gemacht hat. Sie ist auch die Mutter von Flocke, aber Malnitz ist nicht der Vater. Da gibt es den bald pensionierten Hausarzt Sterkowitz, der damals frisch aus dem Studium plötzlich die Arztstelle übernehmen musste, weil der ansässige jüdische Arzt Bernstein den Ort verlassen musste. Da ist Antal Grün, ein KZ-Überlebender, der wieder nach Dunkelblum zurückkehrt und einen Laden eröffnet. Da gibt es den phlegmatischen Bürgermeister Koreny, der sich mit dem Wasserwirtschaftsamt herumschlägt, den öko-angehauchten Faludi-Bauer und den Obstbauer, den geflickten Schurl und viele andere mehr. Es ist ein großes Vergnügen zu lesen, wie die Autorin hier mit der Sprache und den speziellen österreichischen Begrifflichkeiten spielt.

„Da, lange zurück, gibt es eine reiche und stolze Geschichte von Dunkelblum. Aber dann, hoppala, ist die Geschichte irgendwie gestolpert und hat sich nur mit einem beherzten Sprung aufrechthalten können.
Und daher geht es quasi direkt nach den alten Römern mit den Russen weiter, mit der erbärmlichen, demütigenden Nachkriegszeit, in der man sich anstrengen musste, um den Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern endlich wieder herauszuarbeiten – das war historisch noch nie dasselbe, bitteschön!“

Dunkelblum gelangt mehr und mehr aus dem Ruder, als zuerst bei Grabungen ein altes Skelett gefunden wird, dann ein Flüchtling aus der DDR auftaucht, der über die ungarische grüne Grenze kam, Flocke verschwindet und der inzwischen wieder ansehnliche jüdische Friedhof mit Schmierereien geschändet wird. Plötzlich nach so langer Ruhe kommt Bewegung in den Ort, kommen Journalisten, gelangen Menschen durch den Eisernen Vorhang. Wie es geschieht, dass dann doch nach über 50 Jahren Schweigen über die grauenhaften Taten der Nazis kurz vorm Ende des zweiten Weltkriegs einer den Mund aufmacht, der wirklich große Schuld trägt und das auch noch vor der Kamera der jungen Martha, ist auch der Mithilfe von Gellért zu verdanken, der, man ahnte es schon, ebenfalls aus Dunkelblum stammt und fliehen musste:

Im Schloss der Gräfin feierten Nazigrößen noch kurz bevor die Russen eintrafen ein riesiges Gelage. Und in dieser Nacht wurden unzählige jüdische Zwangsarbeiter, die den Südostwall zum Schutz des Landes graben mussten, mithilfe Dunkelblumer SS-Schergen und der Hitlerjugend gewaltsam hingerichtet und dort verscharrt. Im realen Reckwitz hat man die Toten trotz vieler Grabungen niemals gefunden. In den umgebenden Gemeinden, in denen ähnliches geschah, aber schon. Eva Menasse hat unglaublich viel recherchiert für diesen Roman und ihn sehr breit angelegt. Ihr ist es unglaublich gut gelungen zum Schluss hin alle vielleicht zeitweise verwirrenden Fäden zu einem stimmigen Ende zusammenzubringen und richtig gute Literatur zu machen. Unbedingte Empfehlung!

Das Buch erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag.

Natascha Wodin: Irgendwo in diesem Dunkel Rowohlt Verlag

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Mit ihrem neuen Roman knüpft Natascha Wodin nahtlos an ihren vorigen Roman, den Buchpreisgewinner 2017 „Sie kam aus Mariupol“ an, in dem sie die Geschichte ihrer Mutter erzählte. Zumindest das, was sie recherchieren konnte. Die Mutter, die sich das Leben nahm, als die Tochter 11 Jahre alt war, blieb immer rätselhaft. Nicht minder der Vater, der wesentlich älter, noch im Zeitalter der Zaren geboren wurde und der schweigsam und für die Tochter unzugänglich blieb. Beide Elternteile kamen als russische Zwangsarbeiter nach Deutschland. Nach dem Krieg und nach der Zeit im Aufnahmelager, wurde ihnen eine Wohnung in einer fränkischen Kleinstadt zugewiesen. „Die Häuser“, in denen sie nun wohnten, lagen außerhalb der Stadt am Fluß und waren von vielen osteuropäischen Familien bewohnt. Schon vor dem Tod der Mutter hatte es die Tochter schwer, dazuzugehören, wurde von Mitschülern gehänselt und als die „Russin“ verfolgt. Nach dem Tod der Mutter schaffte der Vater seine beiden Töchter in eine katholische Klosterschule mit Internat. Auch hier war Natascha wieder Außenseiterin, da sie nicht katholisch war.

“ … Schuld, Schuld ohne Anfang und Ende. Das hatte ich nicht gewusst, dass ich schon kraft Geburt schuldig war und dass man beten , immerzu beten musste, denn sobald eine Lücke beim Beten entstand, konnte durch diese Lücke sofort der Satan in uns fahren. Ich war in ein Schuldgefängnis geraten.“

Die einzig gute Zeit scheint für Natascha die Zeit gewesen zu sein, als sie Nathalie war, als sie auf Kinderlandverschickung ein halbes Jahr auf einem belgischen Bauernhof leben durfte und dort vollkommen angenommen wurde.

Der Vater, 1900 in einem russischen Städtchen an der Wolga geboren, ist ein Schweiger. Seine Erzählungen gehen nie über die Kindheit hinaus. Im Alter von 12 starben seine Eltern. Wie er sich mit den 2 jüngeren Brüdern durchschlug, wusste keiner. Später, als der Vater bereits in einem Altenheim lebt, entdeckt Wodin eine unbekannte Moskauer Adresse bei ihm. Wegen ihrer Arbeit als Dolmetscherin hält sie sich oft dort auf und findet dadurch einen Bruder ihres Vaters. Sie erfährt, dass der Vater schon einmal verheiratet war und Kinder hatte. Wie er dann zu der neuen, so wenig passenden Frau, ihrer Mutter, gekommen war, bleibt unaufgeklärt. Genaueres erfährt sie nie, die Verbindung zu der neu gefunden Verwandtschaft bricht wieder ab.

„Was verband ihn, den Mann aus dem einfachen Volk, mit dem zwanzig Jahre jüngeren, auffallend schönen, fragilen Mädchen aus einer Familie verfolgter ukrainischer Aristokraten und italienischer Kaufleute?“

Eigentlich ist der größere Teil des Buches von Nataschas Leben bestimmt. Der Vater wird ihr immer verhasster. Als sie mit 16 Jahren aus dem Kloster zurückkommt, ist sie ihm vollkommen ausgeliefert. Der Vater schlägt sie, benutzt sie als Haushälterin und als sie heimlich ausgeht, sperrt er sie tagelang ein. Sie wird zu Streunerin, verbringt ihre Tage auf der Straße, die Nächte im Schuppen oder auf dem Dachboden. Der Traum einer Rettung, die sie sich durch einen jungen Mann, durch eine Heirat erhofft, wird jedoch nicht wahr. Erst als sie durch Zufall plötzlich einen Job findet, scheint das Glück nicht mehr fern …

Sprachlich ist dieser Roman etwas gelungener, die Geschichte besser konstruiert, als beim vorigen. Dennoch ist es kein Buch, das mich stark beeindruckt hat. Etwas fehlt.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Die 1945 geborene Autorin lebte einige Jahre mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig zusammen.
Eine umfangreiche Besprechung gibt es auf dem Blog LiteraturReich
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Éric Vuillard: Die Tagesordnung Matthes & Seitz Verlag

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Érich Vuillard hat mit seinem schmalen, aber gewichtigen Band den Prix Goncourt 2017 erhalten. Nun ist er auf Deutsch erschienen in der Übersetzung von Nicola Denis. In ein paar Stunden habe ich diesen – ja, kann man es Roman nennen? – verschlungen und habe mir gleich im Anschluß in der Bibliothek „Ballade vom Abendland“ geholt.

Vuillard hat eine traumwandlerisch sichere Art zu schreiben. Ein Jonglieren mit der Sprache, ohne dass etwas schief geht. Es liegt große Präzision in dem was er tut. Kein Wort ist falsch platziert, jedes setzt auf Wirkung. Benutzt werden die ungewöhnlichsten Metaphern und Humor hat er auch. Was muss die Übersetzerin Nicola Denis da geleistet haben (ich wüsste zu gern, welches französische Wort an Stelle von „Butzemännern“ stand)! Ich bin begeistert wie leicht die Lektüre war, obwohl das Thema keinerlei Leichtigkeit enthält. Ich bin überrascht über die unverstellte Darstellung der Ereignisse und über die Offenlegung kleiner Details mit großer Wirkung. So bleiben Szenen und Inhalte eindrücklich in Erinnerung. Vuillards Bücher sind besser und womöglich wirkungsvoller als jedes Geschichtsbuch.

„Verführt von einer kleinlichen und gefährlichen Nationalidee ohne Zukunft streckt die gewaltige, von einer früheren Niederlage frustrierte Menge ihren Arm in die Luft.“

„Die Tagesordnung“ beginnt mit einem Treffen von 24 stinkreichen Industriellen am 20.2.1933, einberufen von Göring, zu einem Gespräch mit Adolf Hitler. Was Hitler will, ist, dass die noblen Herren Geld für die Nazipartei spenden, auf dass der Boden für die Partei und ihren Führer gesichert wäre. Die Herren Krupp, von Siemens, von Opel etc. zögern nicht lange und spenden. Vuillard spannt den Bogen seiner Erzählung weiter über die Verhandlungen Hitlers mit Schuschnigg, den Anschluß Österreichs 1938 und kommt am Ende wieder zu den Industriellen, die alle Tausende von Zwangsarbeitern aus den Lagern holten, Kriegsgewinnler wurden und sich darüber nie rechtfertigen mussten, sondern im Wohlstand bis in die heutige Generation leben. Namen, wie wir sie alle kennen: BASF, Bayer, Opel, Siemens, Allianz, Telefunken etc.

„Dieses Treffen vom 20.Februar 1933, in dem man einen einmaligen Moment der Arbeitgebergeschichte sehen könnte, ein ungehörtes Zugeständnis an die Nazis, ist für die Krupps, die Opels und die Siemens nicht mehr als eine alltägliche Episode des Geschäftslebens, ein banales Fundraising.“

Die Tagesordnung erschien bei Matthes & Seitz. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

„Aber es reicht nicht, es reicht nie, um zu erklären, weshalb eines Tages Millionen von Männern gemeinsam singend aufbrechend, einander gegenüber Stellung beziehen und plötzlich zu schießen beginnen.“

So heißt es im 1. Kapitel des Bands „Ballade vom Abendland“ und dieses Zitat spricht Bände und steht stellvertretend für den gesamten Inhalt. Es um den 1. Weltkrieg und wie es dazu kommen konnte. Ebenfalls sehr empfehlenswert, ebenfalls erschienen im Matthes & Seitz Verlag.

Valentine Goby: Kinderzimmer ebersbach & simon

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In Ravensbrück stehen nur noch drei Baracken, was bleibt davon, wenn es keine Bücher darüber gibt?“

So die Französin Valentine Goby in einem Interview zu ihrem Roman „Kinderzimmer“, der bereits 2013 in Frankreich erschien. Sie hat dafür kürzlich den Annalise-Wagner- Preis 2017 erhalten. Deshalb erst wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Dass das Thema, das Goby hier bearbeitet kein leichtes ist, war mir klar, aber das es so schwer erträglich wird, hätte ich nicht gedacht.

Goby hat viel recherchiert, die Berichte überlebender Frauen des Frauen-KZ Ravensbrück gesammelt und einen Roman daraus gemacht. Es ist ein sehr sehr gutes Buch geworden. Mit größtem Respekt und sehr viel Feingefühl erzählt sie die Geschichte der Französin Suzanne Langlois mit Decknamen Mila, die in der Resistance tätig war, verraten wurde und 1944 zur Zwangsarbeit nach Deutschland ins Frauenlager Ravensbrück deportiert wurde. Die Zwanzigjährige ist schwanger. Doch das verrät sie bei ihrer Ankunft zunächst niemandem, auch den KZ-Arzt kann sie täuschen. Aufgrund der Mangelernährung sieht man ihr die Schwangerschaft bis zur Geburt nicht an. Sie vertraut sich nur zwei Frauen an, die zu engen Freundinnen werden. Ohne die Polin Teresa, hätte sie wahrscheinlich nicht überlebt:

„Leben heißt aufstehen, sagt sie, heißt essen, sich waschen, den Napf waschen, tun was dich erhält, und dann das Fehlende beweinen, es an dein eigenes Dasein heften. […] Leben heißt dem Tod nicht vorgreifen, in Ravensbrück und überall. Nicht vor dem Tod sterben, sich auf den Beinen halten in dem winzigen Intervall zwischen Tag und Nacht.“

Unter den unsäglichsten Umständen leben die Frauen dort. An einem solchen Ort schwanger zu sein, ist eigentlich unerträglich. Als ihr Sohn dann geboren wird, bringt man ihn in das sogenannte „Kinderzimmer“, in dem alle Säuglinge von einer einzigen Schwester betreut werden. Täglich sterben dort Neugeborene an Mangelernährung und Verwahrlosung. Mila selbst arbeitet als Näherin, sieht ihr Kind nur zum Stillen. Als auch ihr Sohn stirbt, übernimmt sie, sozusagen im geheimen Austausch, die Verantwortung für einen Neugeborenen, dessen Mutter starb.

Immer wieder keimt die Hoffnung, der Krieg möge zu Ende sein, die Befreier mögen kommen. Als sie mit einigen anderen Frauen auf einen Bauernhof zur Zwangsarbeit geschickt wird, ist das fast schon die Befreiung. Kurz darauf ist der Krieg tatsächlich beendet, sie werden fortgeschickt und versuchen sich schwach und ewig hungrig gen Westen nach Hause durchzuschlagen. Vom Roten Kreuz werden sie schließlich aufgenommen und nach Frankreich gebracht …

Im Epilog beschreibt Goby, wie Mila/Suzanne ihrem inzwischen 21jährigen Sohn, seine wahre Herkunft offenbart und ihn vorsichtig in die Ereignisse jener schlimmen Zeit einweiht.

Suzanne Langlois berichtete später als Überlebende und Augenzeugin vor Schulklassen über ihr Schicksal in Ravensbrück.
Ich empfehle Valentine Gobys wichtiges Buch uneingeschränkt. Mögen solche Zeitzeugnisse immer weiter getragen werden …

„Kinderzimmer“ erschien bei ebersbach & simon. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Claudia Steinitz. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.
Unter http://www.ravensbrueck.de findet man Informationen über das Frauen-KZ und die dazugehörigen Lager.

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol Rowohlt Verlag

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Natascha Wodin hat mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Natascha Wodin kann schreiben. Ich weiß es aus dem Roman „Nachtgeschwister“, in dem sie über die schwierige Beziehung zu dem großen Schriftsteller Wolfgang Hilbig schreibt. Durch die Lektüre von Wolfgang Hilbig (in „Das Provisorium“ erfährt man einiges über ihre Beziehung) habe ich überhaupt erst von ihr erfahren. Nun also der Buchpreis …

„Dass ich den Namen meiner Mutter in die Suchmaschine des russischen Internets eintippte, war nicht viel mehr als eine Spielerei.“

„Sie kam aus Mariupol“ ist ein sehr persönliches Buch, eines, was zu schreiben, sicher nicht leicht gefallen ist. Man merkt es immer wieder durch das Buch schimmern, wie stark das Thema Wodin berührt: Schwierig daraus Literatur zu machen …  Vielleicht hätte es eines längeren Abstands bedurft zwischen Recherche und fertigem Buch. Jedenfalls fehlt mir in diesem Buch durchgängig Wodins starke Sprache.

Das Buch ist in vier Abschnitte unterteilt:
Zuerst berichtet Natascha Wodin von ihrer Suche nach den Wurzeln der Mutter, die sich umgebracht hat, als sie selbst noch ein Kind war. Tatsächlich wird sie übers Internet fündig: viele Erinnerungen erweisen sich als wahr, doch noch viel komplexer, als gedacht. Hier erzählt Wodin wie in einem Erlebnisbericht über ihre Recherche und ich als Leserin verheddere mich immer stärker in den immer neuen russischen Namen der gefundenen Verwandten.

„Mein Leben lang hatte ich mich benachteiligt gefühlt, weil ich keine Familie hatte, aber das war nur deshalb so gewesen, weil ich nicht gewusst hatte, dass ich ein glücklicher Mensch war ohne diesen ganzen Ballast.“

Im zweiten Teil erzählt Wodin aus den Tagebüchern und Memoiren ihrer Tante Lidia. Die Hefte wurden in der Wohnung eines neu entdeckten Verwandten aus Sibirien gefunden und ihr zugeschickt. Aus diesen geht hervor in welch schreckliche trostlose Zeit Wodins Mutter 1920 in Mariupol hineingeboren wurde. Anhand von Lidias Lebenslauf gewinnt sie einen kleinen Eindruck vom Leben ihrer Mutter, obgleich diese neun Jahre jünger war als Lidia.

„Wie hat sie ausgesehen mit ihren zwei, drei Jahren? Wie die Kinder in heutigen Hungerländern, kleine Skelette mit geblähten Bäuchen und großen leeren Augen?“

Wodin versucht im dritten Teil das Leben ihrer Mutter von der Flucht (oder Zwangsdeportation?) mit ihrem russischen Mann aus der Ukraine nach Deutschland zu er-schreiben. Sie und ihr Mann arbeiten als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie in Leipzig, wo für die sogenannten Ostarbeiter die schlechtesten Bedingungen herrschen.
Das meiste in diesem Teil ist aus wenigen persönlichen Anhaltspunkten und anhand geschichtlicher Dokumentationen rekonstruiert.

Zuletzt erzählt Wodin von der Zeit, die sie ab ihrer Geburt 1945 selbst mit erlebt hat: das Heranwachsen in Lagern für Displaced Persons, später in einer Kleinstadt in Oberfranken in einem Viertel der „Ausgegrenzten“. Sie erlebt die Ängste der Mutter, versteht sie aber nicht. Die kleine Schwester wird geboren. Die Beziehung zwischen den Eltern ist alles andere als liebevoll. Bei kleinsten Vergehen setzt es Hiebe. Die Mutter verfällt in immer tiefere Depressionen. Der Vater kümmert sich nicht. Die beiden Mädchen verwahrlosen …  Schließlich kommt es dazu: Die Mutter tut das, was sie so oft schon ankündigte. Sie „geht ins Wasser“.

„Immer muss man bei uns alles suchen, obwohl wir eigentlich dauernd aufräumen, aber wir finden einfach keinen festen Platz für die Dinge, wir wissen nicht, welche Ordnung wir dem Chaos entgegensetzen sollen.“

Und auf diesen letzten Seiten blitzt auch endlich etwas durch, was an die Ausdrucks- und Sprachkraft aus Wodins vorherigen Büchern erinnert.

Dieses Buch ist ein Erinnerungsbuch. Vermutlich war es für Natascha Wodin notwendig und befreiend die Geschichte ihrer Familie nieder zu schreiben. Es ist auch eine erschütternde Dokumentation, ein zeitgeschichtlicher Einblick. Große Literatur, wage ich zu behaupten, ist es nicht. Ein gutes Beispiel einer ganz ähnlichen Recherche, die mir jedoch sprachlich und literarisch gelungener erscheint, ist Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“.

„Sie kam aus Mariupol“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Zwei sehr begeisterte Besprechungen findet man bei LiteraturReich und Masuko13