Sabine Scholl: Die im Schatten, die im Licht Weissbooks

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Es ist der erste Roman, den ich von Sabine Scholl lese. Und er hat mich gefesselt und ich bewundere, wie gekonnt die Autorin ihre weiblichen Hauptfiguren lebendig macht und wie intensiv ich sie dadurch erleben darf. Sabine Scholl hat neun Frauen gewählt, die sie von kurz vor bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg begleitet. Sie lehnt ihre Heldinnen an wahre Biographien an und gibt ihnen durch ihre literarische Ausarbeitung eine Stimme. Dabei gliedert sie in drei Teile chronologisch von 1938/39 über 1944 bis 1946. Eingangs finden wir eine Liste der Protagonist*innen, die im Buch in Erscheinung treten zusammen mit einer Ortsangabe, an der sich die jeweiligen Personen überwiegend aufhalten. Es sind Orte in Österreich. Linz spielt eine tragende Rolle, auch wegen der Nähe zum Konzentrationslager Mauthausen. Ausgangspunkt der Geschichten ist unter anderem Grieskirchen, der Geburtsort der Autorin in Oberösterreich. Zu dieser Namensliste musste ich auch immer wieder zurückblättern, um die Person wieder einzuordnen, denn es sind viele Namen.

Die Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein. Jede bekommt abwechselnd in eigenen Kapiteln ihre Stimme und das kann Erzähltext sein, Tagebucheinträge und auch das Notat einer Tonbandaufnahme eines Interviews. Die Frauen kommen aus unterschiedlichen Kreisen, leben teilweise in der Nähe und sind einander doch größtenteils unbekannt: Rosi, Zugehfrau, Traudi, ledige Mutter und Dienstmädchen, Lotte, Tochter wohlhabender jüdischer Eltern mit Bekleidungsgeschäft, Elsa, jüdische Ehefrau eines Pastors, Vera, Gräfin auf einem Schloss, Huberta, Prinzessin und Lebefrau, Gretel, Schneiderin, Francine, Schauspielerin. Auf manchen liegt der Fokus mehr, alle Schicksale sind hoch interessant. Durch den Wechsel der Perspektiven entsteht zudem Spannung.

Einige Geschichten haben mich besonders berührt. Manche Frauen sind sympathisch und manche weniger. Doch jede geht ihren Weg. Manche sind Täterinnen, manche im Widerstand und manche machen einfach mit im Nationalsozialismus.

Elsa zum Beispiel, Jüdin und Ehefrau eines Pastors inszeniert ihren eigenen Selbstmord und flieht, um ihre Kinder nicht weiter den Anfeindungen der Dorfbewohner auszusetzen, die voll hinter dem System stehen. Die Kinder wurden drangsaliert und durften als Halbjuden keiner Gruppe beitreten, keinen Musikunterricht mehr nehmen etc.

„Mit einem Mal zeigen die Plakate im Dorf das Hakenkreuz über dem Dachstein aufgehen wie eine Sonne. Dieses hässliche, grauenvolle, spinnenartige Ding überzieht Papier, Fenster, Landschaft und Gehirne. Viele Leute glauben daran wie an einen Gott, einen Erlöser gar.“

Rosi, ihre Freundin wurde nicht eingeweiht und hält sie für tot. Sie betreut die Sommerhäuser der reichen Nazis und beherbergt zeitweise Flüchtlinge und arbeitet im Widerstand, in dem sie die Partisanen in den Bergen mit Nahrung und Informationen versorgt.
Vera ist Adelige und bewohnt das familieneigene Schloss und Anwesen. Weil ihr Mann immer wieder verhaftet wird, (weil er im Widerstand tätig ist) kümmert sie sich als Frau um die gesamten Geschäfte und schafft es immer wieder ihren Mann zeitweise aus der Haft zu holen. Von Haft zu Haft geht es ihm schlechter.
Da ist Gretel, die Schneiderin, die ab Kriegsbeginn fast keine Arbeit mehr hat, aber ihre alte Mutter versorgt. Als sie eine Stellenanzeige liest, in der Aufseherinnen für Lager gesucht werden, bewirbt sie sich. Hier beschreibt Scholl sehr eindringlich, wie sich Gretel von einer normalen jungen Frau zu einer grausamen Wärterin im KZ entwickelt. Weil sie ehrgeizig ist, schüttelt sie die anfänglich starken Skrupel ab, und steigt in der Hierarchie sehr schnell auf.

„Auch im Schneiderinnenberuf gab es Reste und Ränder, die dem Anspruch nicht genügten, Teil eines größeren Vorhabens zu sein. Das heute angelieferte Material ist in miserablem Zustand. Die Körper ausgemergelt und geschwächt, in Fetzen gehüllt. Manche tragen nicht einmal Schuhe. Das geht so nicht.“

Und da ist auch Kitty, Jüdin, auf der Flucht mit zwei Kindern, die sie versucht bei Verwandten in Sicherheit zu bringen, die selbst aber ins Lager gebracht wird. Ihre Schilderungen, der Zustände als Gefangene, erfahren wir aus einem Interview, das nach Kriegsende mit ihr, der Überlebenden, geführt wird. Der Interviewer fragt oft nach, da er das schreckliche Leiden kaum nachvollziehen kann.
Lotte, Jüdin aus Linz, (Kitty ist ihre Tante), das junge Mädchen, das eigentlich Tänzerin und Schauspielerin werden will, flieht mit den Eltern gerade noch rechtzeitig auf ein Schiff nach Shanghai. Doch auch dort wird die Familie zunächst in einem (Aufnahme-)Lager leben. Das Klima und die Zustände in der Enge des Lagers macht vor allem dem Vater zu schaffen, der erkrankt und bald stirbt. Lotte verdient zunächst Geld, in dem sie in einem Varieté als Sängerin auftritt. Bald findet sie und auch ihre Mutter Arbeit im Krankenhaus. Doch als Japan in den Krieg eintritt, wird es schwierig, werden sie plötzlich auch hier zum Feind, weil sie „Deutsche“ sind.
Francine lebt in Paris als Varietékünstlerin, wird aber bald auch als Schauspielerin gebucht. In Babelsberg zum Beispiel. Sie orientiert sich an Rollen, wie sie Marlene Dietrich spielte. Sie wird bekannt, ja berühmt. Sie verkehrt in Künstlerkreisen unter anderem mit Cocteau und Celine. Und sie liebt einen Offizier aus Deutschland, der in Paris als Besatzer stationiert ist. Durch ihn fehlt es ihr auch im Krieg an nichts. Scholl orientiert sich bei der Figur der Francine an der tatsächlichen Geschichte der Schauspielerin „Arletty“, wie ich aus dem Quellenverzeichnis erfahre.

„Francine weiß, dass sie sich hüten werden, ihr den Kopf zu scheren. Die berühmte dunkle Aufsteckfrisur zerstören. Diese Strafe blüht nur einfachen Frauen. Nicht der bestbezahlten Filmschauspielerin Frankreichs. Die Frauen müssen büßen für das, was die Franzosen während des Kriegs erlitten. Scheren sie ihnen die Köpfe, wachsen den Männern anscheinend die Eier nach, die sie verloren haben als Besiegte.“

Ich empfehle dieses Buch sehr. Es bildet ab, was Frauen schaffen, aber auch was sie erdulden müssen in Ausnahmesituationen, im Krieg – im Guten wie im Bösen. Im Anhang finden sich die Quellen, die aufschlussreich zeigen, welche wahren Personen hinter den Romanfiguren stehen. Ich wünsche Sabine Scholl viel mehr Leser für diesen so starken und gekonnt konstruierten Roman, der meiner Ansicht nach viel zu wenig präsent ist in den Kritiken. Ein Leuchten!

Das Buch erschien bei weissbooks. Eine Leseprobe gibt es hier: https://weissbooks.com/

Olga Lawrentjewa: Surwilo Graphic Novel Avant Verlag

Eine ganz ausdrucksstarke Graphic Novel ist „Surwilo“ von der 1986 geborenen Olga Lawrentjewa. Der Untertitel weist auf den Inhalt hin: Eine russische Familiengeschichte. Der Handlungsort ist überwiegend Leningrad. Die Geschichte erzählt die Großmutter ihren Enkelkindern, die sie gerne auf dem Land besuchen. Sie beginnt dabei mit ihrer Mutter, die 1914 Wikenti Kasimirowitsch Surwila heiratet. Wikenti kommt aus dem Dorf Surwily, das in Polen liegt. Sie leben in Leningrad mit den beiden Töchtern Ljalja und Walja in einer großen Wohnung. Als Wikenti im Jahr 1937 verhaftet wird, angeblich weil er mit anderen polnischstämmigen Kollegen Spionage und Sabotage plante, schreibt seine Frau Briefe an die höchsten Behörden, um herauszufinden, wo er sich befindet und weshalb er unschuldig verhaftet wurde. Antworten kommen keine. Auch in den folgenden Jahren nicht. Für die Familie wird dieser Vorfall zum Verhängnis: Sie werden weit weg aufs Land verbannt. Die Töchter werden in der Schule gemobbt, aufgrund des Makel im Lebenslauf. Der Vater ein Volksfeind! Eine nach der anderen gehen beide nach der Schule zurück nach Leningrad, um ein Studium zu beginnen. Walja erhält ein Stipendium, doch reicht das Geld kaum, sie leidet Hunger. Sie besucht Bekannte, die noch im alten Haus wohnen und trifft dort auch oft Petka, mit dem sie sich gut versteht.


1941 verlässt Walja das Technikum und sucht Arbeit. Doch aufgrund des Fragebogens bei der Bewerbung, in dem die Daten der Eltern abgefragt werden, findet sie keine Stelle. Erst in einem Krankenhaus nimmt man sie. Im September beginnt die Blockade. Gleichzeitig fallen die Bomben. Walja hat im Krankenhaus schwerste Arbeit zu verrichten, doch die Lebensmittel werden knapp. Immer mehr Menschen sterben, entweder durch die Bombenangriffe oder sie verhungern. Einmal noch sieht sie die Schwester, dann kommt die Nachricht ihres Todes. Wenige Frauen bleiben im Krankenhaus, in dem Ausnahmebetrieb herrscht. Kein Strom mehr, keine Lebensmittel. Dennoch werden die Aufgaben von der Armee strengstens überwacht. Eine verschwundene Lebensmittelkarte kann den Tod zur Folge haben. Walja ist geschwächt und ständig kurz vor dem Zusammenbruch. Die Blockade dauert über 2 Jahre. Im Januar 1944 ist sie zu Ende. (Wikipedia schreibt zur Blockade Leningrads: „Verluste: 16.470 Zivilisten durch Bombenangriffe und ca. 1.000.000 Zivilisten durch Unterernährung“)

Das Leben geht weiter. Walja macht einen Buchhaltungskurs, findet endlich eine Arbeitsstelle. Das Leben wird besser. Petja, der als Soldat im Krieg ist, schreibt Walja. Es beginnt ein Briefwechsel. Er kommt 1945 mit Ehrungen und Orden zurück und macht Walja einen Heiratsantrag. Bald bekommen sie eine Tochter. Beide arbeiten. Doch Walja wird von Angstzuständen und Panikattacken heimgesucht, ist schwer traumatisiert. Oft liegt sie nächtelang wach. Die schrecklichen Erfahrungen der Belagerung, die vielen Sterbenden, die vielen lebendigen Toten wird sie ihr Leben lang nicht vergessen. Und doch bietet das Leben mit Petja und der Tochter auch viele frohe Zeiten.


Als sie 1958 einen Brief erhält, in dem man ihren Vater rückwirkend rehabilitiert, ist es wie ein Traum für sie. Manche Hindernisse sind damit aus dem Weg geräumt und sie erhält rückwirkend ihre Medaille für die Verteidigung Leningrads. Dass der Vater bereits 11 Tage nach der Festnahme hingerichtet wurde erfährt sie erst nach der Perestroika, nach 1989 aus seiner Akte.

Olga Lawrentjewa hat diese Geschichte illustriert und auch erzählt. In kurzen Episoden als Rahmenhandlung sind die Enkel immer wieder mit der Großmutter unterwegs, während diese erzählt. Hier wird auch der Grundstein gelegt, dass die Geschichte aufgeschrieben wird. Lawrentjewa hat mit dieser Graphic Novel noch viel mehr getan als eine biographische Geschichte zu erzählen. Sie hat sie illustriert und damit interpretiert. Und ihre Bilder sind durchgängig schwarz/weiß, wobei das Schwarze fast immer überwiegt und wie Kohle und/oder Tusche anmutet. Der allermeiste Text wird dabei in Sprechblasen erzählt, mitunter gibt es kurze erklärende Zeilen. Es gibt zwischendurch immer wieder ganzseitige Bilder. Nie wird es allzu kleinteilig. Dabei hat sie einen höchst expressiven Stil, der einen sofort vereinnahmt. Mitunter gibt es eruptive Szenerien, dann wieder eher verwaschene, nebelhafte. Die Gesichter, die Figuren sind genau und ausdrucksvoll. Was besonders in den Szenen, die im Krankenhaus spielen teils sehr grausam, aber ehrlich sich zeigt: Körper, wie Gerippe, Gesichter wie Totenköpfe. Die Illustratorin erschafft eine Welt, die die Schrecken und Grausamkeiten des Krieges aufzeigt, aber auch über unschuldige Opfer des Stalinistischen Regimes Zeugnis ablegt. Das tut sie in einer Form, die meisterhaft ist, gerade weil sie so persönlich und direkt ist.

Wir wissen längst, wie schwer auch Kriegskinder und Kriegsenkel noch zu tragen haben, wie schwer und wie lange Körper und Seele noch beeinträchtigt sein können. Ich denke, Olga Lawrentjewa hat mit ihrem eindrucksvollen Buch einen Teil dazu beigetragen (und sei er auch noch so klein), diese enormen Belastungen zu verarbeiten. Bald werden nur noch Texte und Bücher, vielleicht Bilder, über diese Zeiten berichten, wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Und dabei sind Erinnerungen und Lebensberichte so wichtige Warnungen und Mahnungen. Wie wichtig, sehen wir aktuell.

Die Graphic Novel erschien im Avant Verlag. Aus dem Russischen übersetzt wurde sie von Ruth Altenhofer. Surwilo ist einer der wenigen Comics, die überhaupt ins Deutsche übertragen wurden. Eine Leseprobe gibt es hier. Auf der Verlagswebsite gibt es auch Infos zur Autorin, die ich im Buch vermisste. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Juan Gómez Bárcena: Kanada Secession Verlag

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Gerade hat der Secession Verlag den großen Berliner Verlagspreis 2021 gewonnen, deshalb möchte ich noch einmal auf eines der grandiosen Bücher dieses wunderbaren Verlags besonders hinweisen. Es erschien bereits 2018, ist aber zeitlos:

Es ist ein Roman, zu dem sich kaum Worte finden lassen. Atemlos, gebannt, fast an einem Stück habe ich ihn gelesen. Und jetzt Sprachlosigkeit infolge des Raums und der Sprachlandschaft dieses Romans, der Fülle und zugleich der Leere …

Juan Gómez Bárcena war eine Empfehlung (damals von Alexander Weidel) vom Secession Verlag für Literatur. Ohne ihn hätte ich das Buch vermutlich nicht gelesen. Im Wust der Bücherfluten wäre er untergegangen. Ich bin froh, dass das nicht passiert ist. Mir wäre etwas entgangen, was für mich unvergleichlich gute Literatur ausmacht. Trotzdem oder gerade deshalb fällt es mir schwer über den Roman zu schreiben. Ich weiß jetzt schon, dass ich das nicht zu fassen kriege, was er transportiert in all seiner Bildhaftigkeit und was vermutlich bei jedem/jeder Leser/in ganz anders ankommt. Und ich weiß, dass es anderen bei der Lektüre ähnlich ging.

„Kanada ist eine Empfindung, ein Schütteln, ein Schlag, den man nicht verstehen kann und der aus diesem Grund niemals verschwindet, während dein Leben vor dem Krieg nur ein Konzept ist, eine Idee, die sich auflöst, sobald man sie erklärt.“

Zunächst klingt der Titel ganz harmlos. Kanada. Doch dann spielt der Roman in Ungarn. Und erst auf Seite 124, zumindest ich wusste es vorher nicht, erfahre ich von den Erlebnissen des Protagonisten in „Kanada“. Gemeint ist nicht das Land in Übersee. Furchtbare traumatisierende Erfahrungen macht dieser Mann und kann nicht wieder in sein Leben zurück, weil er eigentlich nicht mehr lebensfähig ist. Was er durchgemacht hat, versteht niemand. Auch nicht der „nette“ Nachbar, der sich in der Zeit seiner Abwesenheit um das Haus gekümmert hat. Trotzdem wurde es geplündert. Dem/r Lesenden wird klar, warum. Die Stadt ist von den Bomben des Zweiten Weltkriegs völlig zerstört. Der Mann verkriecht sich im Haus. Anfangs glaubt der Nachbar, der ihm regelmäßig Essen bringt, dass er bald wieder anfangen wird zu arbeiten. Versucht zu vermitteln. Doch nach dem Krieg haben die Kommunisten das Land übernommen. Mit einer Arbeit wird es nichts. Der Mann zieht sich in sein ehemaliges Büro im Haus zurück und verlässt es nicht mehr, zieht sich immer mehr in sich zurück. Man erfährt, dass er ein Zahlengenie ist, dass er einmal Dozent war, ein versierter Astrophysiker. Dass er das Lager nur überlebt hat, weil er diese Begabung hat. Doch auch jetzt in der Freiheit kann er nur weiter dahinvegetieren, mehr Tier als Mensch. Der Nachbar quartiert im restlichen Haus Mieter ein und verdient Geld damit. Jahre vergehen. Das Kind der Nachbarin wird vom Säugling zum Schulkind. Wie viele Jahre wirklich vergehen, erfährt man erst, als es plötzlich Straßenkämpfe gibt, sowjetische Panzer durch die Stadt rollen. Es ist also der Ungarnaufstand 1956, als sich das Land gegen die Besatzungsmacht, die Sowjetunion auflehnt.

„Der Schuld lässt sich auf die ein oder andere Weise trotzen. Unschuldig zu sein, ist dagegen ein Gewicht, das dich zerquetscht. Unschuld stellt die ganze Welt bloß. Wenn es möglich ist, die härtesten Strafen grundlos zu erleiden, dann wird die  Wirklichkeit schuldig und verliert ihren Sinn –“

Der gebrochene Mann – nur ein einziges Mal erfährt man seinen Namen, János Kövári – nimmt kaum noch etwas außerhalb war, er fantasiert in Wahnvorstellungen, absurden Träumen oder sind es Retraumatisierungen? Erst am Schluss, als alles rückwärts läuft, scheint vollkommene Klarheit in den Mann zurückzukehren. Es ist wie ein Abspann. Er sieht sich und seine Familie unversehrt aus dem Zug aussteigen und ins Haus zurückkehren mit allen Koffern und sieht aus dem Fenster, wie der Nachbar den Schergen den Weg zu seinem Haus weist …

Die Entpersonalisierung oder Abspaltung wirkt besonders stark durch die Erzählform aus der Du-Perspektive. Und auch deshalb kommt mir die Geschichte besonders nah. Und tut weh. „Kanada“ ist ein Roman, der schmerzt, schmerzen muss, weil Literatur mitunter so sein muss. Große Literatur ist für mich keine, die unterhaltsam ist, sondern eine, die mich auch an meine Grenzen bringen darf. Das tut Bárcena mit diesem unfassbaren Buch. Und gerade deshalb leuchtet dieser Roman in all seinen Schrecken und seiner Düsternis.

Der Roman des 1984 in Spanien geborenen Juan Gómez Bárcena erschien im Secession Verlag für Literatur. Genial übersetzt wurde es von Steven Uhly. Er ist wie immer fein ausgestattet und fadengeheftet. Papiersorte und Schriftart kann man im Impressum nachlesen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Bücher vom Secession Verlag auf meinem Blog:https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/10/21/steven-uhly-den-blinden-goettern-secession-verlag/

Stephen Uhly: Finsternis Secession Verlag

Hubert Mingarelli: Ein Wintermahl Ars Vivendi Verlag

Was für ein Buch!
Auf nur 141 Seiten erzählt der Franzose Hubert Mingarelli eine Geschichte, die eine große Tiefe und atmosphärische Dichte besitzt, die mich mit einer großen Wucht traf, die in ihrer leisen Erzählweise gerade ihre große Kunst offenbart.

Der Autor wirft die Leser gleich in die Geschichte hinein. Langsam versteht man, wo man sich befindet. Ein Lager in Polen im tiefsten Winter. Zweiter Weltkrieg. Ein Leutnant ruft zum Appell. Soldaten folgen. Sie müssen seinem Befehl gehorchen und in der Eiseskälte Aufstellung nehmen.

„…sagte uns Leutnant Graaf, dass heute welche kommen würden, aber wahrscheinlich erst spät, sodass die Arbeit für den nächsten Tag vorgesehen wäre und dass sie diesmal an unsere Kompanie fallen würde.“

Für die Hauptprotagonisten, drei Soldaten, Reservisten um die vierzig, wie wir später erfahren, ist es eine Horrornachricht. Denn die Arbeit ist das Erschießen von Gefangenen. Massenerschießungen. Um dem und den folgenden Albträumen diesmal zu entgehen, melden sie sich freiwillig für „das Jagen“, womit die Suche nach versteckten Juden gemeint ist. Es wird ihnen erlaubt. So brechen sie am Morgen auf und durchstreifen die Gegend, die Wälder. Was sie tun, ist nicht Jagen. Sie versuchen irgendwie die Zeit vergehen zu lassen, unterbrochen nur durch das beinahe rituelle Zigarettenrauchen. Wir lernen die drei ein wenig kennen, Bauer, Emmerich und den Ich-Erzähler. Dieser blickt zurück und erzählt diese Geschichte direkt einem Zuhörenden oder Lesenden. Von ihm erfahren wir nur, dass er keine Familie hat, im Gegensatz zu den beiden anderen. Bauer scheint ein aufbrausender, impulsiver Typ zu sein, der mitunter laut wird. Emmerich ist ein Sensibler, den der Krieg am meisten auszumachen scheint, der sich um seinen Sohn sorgt und den anderen immer wieder davon erzählt. Für Emmerich ist es das Klammern an eine Realität, eine Normalität, die vom Krieg vollkommen absorbiert wird. Der Sohn ist es, der ihn durchhalten lässt.

Er ist es dann auch, der aufgrund seiner feinen Wahrnehmung eine Erdhöhle entdeckt, in der sich ein junger Mann versteckt hält. Alle drei sind froh, so können sie bei ihrer Rückkunft einen Gefangenen präsentieren und werden vielleicht am nächsten Tag wieder hinausgeschickt. Entgehen weiteren Blutbädern. Als der Hunger überhand nimmt, beginnen sie in einem leerstehenden Haus ein Feuer im Ofen zu schüren, um aus dem wenigen essbaren, was sie besitzen eine Suppe zu kochen. Der Gefangene wird in die leere Vorratskammer gesperrt. Ein Pole taucht auf, will gegen etwas zu essen, seinen Kartoffelschnaps tauschen. Man lässt sich darauf ein. Die Vorfreude auf ein warmes Essen, die Glut des Ofens, das Ablegen der Gewehre und Helme. Aus den Soldaten werden Menschen.

Um die Suppe zum Kochen zu bringen, muss schließlich auch die Tür zu Vorratskammer als Brennstoff dienen. Es ist für mich ein Symbol der später aufscheinenden Möglichkeit, der Möglichkeit von Menschlichkeit, von Barmherzigkeit, von Widerstand gar. Und tatsächlich winkt Bauer den Gefangenen mit an den Tisch. Er darf, wie schon der Pole mitessen. Doch damit kommt man ihm näher, wird er ein Gleichwertiger. Und einen gleichwertigen Menschen erschießen, denn genau das würden sie letztlich tun müssen, wer konnte das? So etwas hatten sie schon im Lager erlebt und nie vergessen.

„Wir gelangten zu der simplen Erkenntnis, dass wir (…) nicht mehr bei ihnen vorbeischauen würden, dass wir nicht mehr mit ihnen reden würden. Dass es besser war, nichts mit ihnen zu machen, was dem wirklichen Leben gleichkam.“

Und schon wirft Emmerich die Frage in den Raum. Warum lassen wir ihn nicht gehen? Der sensible Emmerich sieht in dieser Tat einen Ausweg. Wenigsten einen, werden sie später sagen können, haben wir nicht auf dem Gewissen. Er sieht darin auch seinen Sohn. Bauer wirft ein: Was nützt schon einer? Und der Erzähler weiß gar nicht, was er dazu sagen soll und wird doch schließlich die Entscheidung treffen müssen …

Mingarelli ist, wie ich finde ein kleines Meisterwerk gelungen. Ein Buch, dass ich jedem empfehle. Auch um zu erinnern, was jeder einzelne tun kann. Um zu erinnern, dass wir alle Menschen mit den gleichen Rechten sind. Um zu erinnern, wie schlimm Kriege sind, und was sie aus Menschen machen. Dieser Roman, wage ich zu behaupten, lässt keine/n Leser/in unberührt.

Hubert Mingarellis (1956–2020) umfangreiches Werk wurde mehrfach ausgezeichnet und war für den Prix Goncourt und den International Booker Prize nominiert. Ein Wintermahl ist sein erster Roman, der auf Deutsch erscheint. Aus dem Französischen von Elmar Tannert. Eine Leseprobe gibt es hier.

 

 

Thomas Hettche: Herzfaden Kiepenheuer & Witsch Verlag

„Eine Insel mit zwei Bergen …“ und „Tief unter der Erde, da ist es schön …“
Seit ich Thomas Hettches „Herzfaden“ las, habe ich dauernd Ohrwürmer. Ich glaube, an Weihnachten kamen sie immer im Fernsehen, die neuen Geschichten der Augsburger Puppenkiste. Als Kind freute ich mich auf jede neue Folge. Sei es Jim Knopf oder das Urmel, Kalle Wirsch oder die Blechbüchsenarmee, später auch Schlupp oder die Dschungeldetektive. Thomas Hettche hat nun einen Roman über die Augsburger Familie Oehmichen, die Gründer der Puppenkiste geschrieben. Äußerlich schön anzusehen in Leinen gebunden und mit Illustrationen, dazu farbigem Druck. In Rot und Blau sind die zwei Erzählstränge unterteilt (wobei ich das Rot beim Lesen anstrengend für die Augen empfand).

Hettche beginnt mit dem „roten“ Erzählstrang, in dem ein 12-jähriges Mädchen nach dem Besuch eines Theaterstücks mit dem Vater, verschwindet. Es entdeckt eine Geheimtür, die durchs Dunkle auf einen geheimnisvollen Dachboden führt. Ähnlich wie bei Alice im Wunderland, öffnet sich hier eine ganz neue Welt. Die Welt der Marionetten und der Phantasie. Das Mädchen wird selbst klein wie eine Marionette und begegnet Hatü, der Puppenspielerin und vielen der bekannten Gestalten der Puppenkiste. Hatü erzählt ihre Geschichte:

So landen wir im zweiten „blauen“ Strang und treffen Hannelore, genannt Hatü, im Kreis ihrer Familie. Zu Beginn wird die Ferienidylle der Oehmichens auf dem Land jäh unterbrochen, weil der Vater einen Einberufungsbefehl bekommt. Der Krieg hat begonnen. Hatü und ihre Schwester Ulla sind 9 und 10 Jahre alt und werden den Rest ihrer Kindheit im Krieg verbringen. Die Mädchen verstehen noch nicht alles, was passiert. Doch dass die alte Frau Friedmann und eine Schulkameradin verschwinden, weil sie Jüdinnen sind, verwundert sie schon. Der Vater, ein Schauspieler am Augsburger Theater, kehrt zurück und übernimmt, als unverzichtbar eingestuft, die Reichskammer-Theaterleitung. Weihnachten 1941 bekommen die Schwestern vom Vater Marionetten geschenkt. Hatü ist fasziniert davon. Mit dem Vater zusammen spielt sie noch während des Krieges vor der Familie und Bekannten ein improvisiertes privates Marionettenstück. Mir scheint, aus allem, was ich herauslese, dass die Familie eher zu den privilegierteren Bürgern gehörte. Erst als die Allierten deutsche Städte angreifen, wird der Vater noch einmal eingezogen. Doch die Familie übersteht alles und beginnt mit dem Neuaufbau einer echten Marionettenbühne – das Stadttheater hat die Bombadierungen nicht überstanden.

„Und wie der Vater eines Tages wieder in Uniform vor ihnen stand und dann nicht mehr da war. Und dass sie selbst seitdem das Gefühl hat, erwachsen zu sein, ohne zu wissen, was das bedeutet. Nur, dass es sich anfühlt wie ein bitterer Geschmack im Mund, weiß sie. Dass sie keine Schuld hat und sich doch schuldig fühlt. Dass sie nichts Falsches getan hat und doch alles falsch ist.“

Nun wird abwechselnd mit der Geschichte des Mädchens auf dem Dachboden die Geschichte des steten Wachstums und des Erfolgs der Augsburger Puppenkiste erzählt. Die Geschichte spannt sich von ca. 1939 bis in die 60er Jahre. Hatü steht dabei in beiden Erzählsträngen im Mittelpunkt. Die Geschichte der Familie zeigt auf, welch große Veränderungen, oft angekurbelt mithilfe der Amerikaner, in den Nachkriegsjahren ihren Lauf nehmen. Der Vater und Hatü brennen vor Leidenschaft für ihr Projekt und entwickeln nach und nach neue Stücke. Beide sind die tragenden Säulen, doch auch das Personal wächst. So werden außer Märchen dann auch „Der kleine Prinz“ und später Michael Endes „Jim Knopf“ erfolgreich aufgeführt. Schließlich kommen die Verfilmungen mit dem Aufkommen der Fernsehapparate. Der Roman erzählt damit auch viel über das Wirtschaftswachstum der Nachkriegsjahre in Deutschland, ohne dabei allzu politisch zu werden. Nur einige der jungen Mitarbeiter der Bühne, beschäftigen sich kritisch mit den Männern, die schon im Nationalsozialismus und nun auch wieder in der neuen Republik das Sagen haben. Überall zeigt sich die allgemeine Verdrängung, sowohl im Privaten, als auch im öffentlichen Raum. Die märchenhaften Stücke der Marionettenbühne bieten dabei für viele Menschen, nicht nur für Kinder, eine gute Möglichkeit, dem Alltag und der Last der Vergangenheit zu entfliehen. Mit Stücken wie „Faust“, „Der kleine Prinz“ und „Jim Knopf“ wird das Programm aber auch gesellschaftlich relevanter und kritischer. (Wer beispielsweise heute über Jim Knopf herzieht, sollte sich den Text mal im Kontext der Zeit anschauen.)

Hettche hat einen guten biographischen Roman geschrieben, wobei mir der „rote“ Strang, der im Heute spielt, eher als spärlich und nur als Halterung der tatsächlichen Geschichte erscheint. An „Pfaueninsel“ kommt der Herzfaden meiner Meinung nach nicht heran.

Der Roman erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag und war 2020 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Hans Joachim Schädlich: Die Villa Rowohlt Verlag

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Nach „Felix und Felka“ über das Künstlerpaar Nussbaum/Platek folgt nun ein Roman, der ein Haus in den Mittelpunkt stellt. In „Die Villa“ zeigt sich auch wieder die große Meisterschaft, die Hans Joachim Schädlich beherrscht: Die Kunst der Verknappung. Schmale Bände sind es mit kurzen Kapiteln. Doch immer wiegen sie mindestens doppelt so schwer. Denn das was der Autor nicht mitteilt, liest sich aus den Zusammenhängen dennoch heraus und verbindet sich zu einer komplexen Geschichte. Mehr und mehr erinnert mich diese Schreibart auch an Eric Vuilards (z.B. „Tagesordnung“) Herangehensweise.

Schädlich erzählt aus der Lebensgeschichte einer Familie im Vogtland, die durch strebsames Arbeiten und Wirtschaften zu Vermögen gekommen ist. Seine Geschichte umfasst den Zeitraum anfangs der 30er Jahre bis zu den Anfängen der DDR. Die Gründerzeitvilla mit großem Landschaftsgarten, die 1890 erbaut wurde wird in einem Prolog vorgestellt und auch das Schlußkapitel ist ihr wieder gewidmet. Zwischendrin begleiten wir die Mitglieder der Familie Kramer, die das Haus 1940 beziehen. Bereits das erste Kapitel, in dem Elisabeth Kramer „sich vorstellt“, legt den Grundstein für ein falsches Leben im Richtigen.

„Ich wollte keine Kinder“, sagte Elisabeth Kramer. „Ich wollte nicht heiraten“. Ich wollte nach der Volksschule in Oberheinsdorf was Soziales lernen und wollte in die Welt. Aber mein Vater hat nur die Jungs was lernen lassen, die gar keine Lust dazu hatten.“

Doch 1931 mit 18 Jahren „muss“ sie den Hans heiraten, kurz darauf kommt das erste Kind. Hans kommt aus einer Drogistenfamilie und steigt beim Schwiegervater in den Wollgroßhandel ein. Gleichzeitig wird er als NSDAP-Mitglied Ortsgruppenleiter der kleinen Stadt und die Familie wächst. Die Kinder, 3 Jungs und ein Mädchen, leben direkt in die von den Nazis geschaffenen Strukturen hinein, werden Pimpfe, später schickt man sie in die NAPOLA. Das Ehepaar verfolgt scheinbar nur am Rand mit, wie sich die Situation in Deutschland verändert, wie das angrenzende sudetendeutsche Gebiet übernommen wird, wie der Krieg erklärt wird, wie der einzige Jude im Ort, der Doktor, aus dem Alltagsleben verschwindet, wie einer von Elisabeths Brüdern, der psychisch krank ist, in einer Heil-und Pflegeanstalt plötzlich verstirbt. Der Garten der Villa wird neuerdings von einem französischen Zwangsarbeiter in Schuss gehalten. Die Familie lebt im Wohlstand, es gibt Auto und Dienstmädchen, scheint von der Verfolgung der Juden nichts mitzubekommen, hat auch in der Zeit während des Kriegs zunächst keinerlei Mangel. Der aufgrund einer Herzschwäche vom Wehrdienst befreite Hans fährt sogar mehrmals zur Kur quer durch Deutschland. Nur bruchstückhaft dringen die schrecklichen Geschehnisse auch in die Familie ein.

Nach Hans Tod durch Herzversagen 1943 zeigt sich Elisabeths soziale Stärke. Sie schafft es, als deutlich wird, dass der Krieg bald verloren sein wird, das Haus, ihre Eltern und die Kinder durchzubringen und später beim Einmarsch der Amerikaner sogar Unterstützung zu bekommen. Dennoch entscheidet sich sie nach deren Abzug die Heimat nicht aufzugeben, obwohl nun das Gebiet nach der Aufteilung der Alliierten an die Russen fällt …

Alles liest sich vollkommen natürlich, würde man diese Geschichte nicht mit dem heutigen Wissen lesen. Schädlich konstruiert das sehr geschickt. Er lässt den Krieg und die Gräueltaten der Nazis nur in ganz geringen Dosen in die im Kleinen heile Familienwelt einfließen, setzt bewusste Akzente. Erklärt nicht viel, lässt die Leser in der eigenen Vorstellung dieses Familienlebens treiben. Einzig der liebenswerte kleine Sohn Paul kommt einem hier als Persönlichkeit näher und steht vielleicht auch stellvertretend für die erschreckende Naivität der Bewohner dieser „normalen“ Familie im ländlichen Vogtland. Große Empfehlung!

„Die Villa“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson Suhrkamp Verlag

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Ich erinnere mich noch gut an Valerie Fritschs Roman „Winters Garten“. Es war eines der ersten Bücher, das ich 2015 auf meinem Blog besprach. Und es ist für mich eines, was bis heute noch vollkommen lebendig in mir ist, sicher aufgrund der starken Bilder, die es erzeugte. Gebannt hatte ich sie beim Bachmannpreis 2015 lesen hören, zwei Preise hat sie damals erhalten. Sie hat sich Zeit gelassen mit einem neuen Roman, doch das Warten hat sich gelohnt. Die Autorin hat noch die gleiche Intensität der Sprache wie vor Jahren. Ich verneige mich vor solch einem sicheren Sprachgefühl, vor solch einer intensiven Stimme.

„Wann immer Alma als Kind an den Krieg dachte, stellte sie ihn sich als eine magische Maschine vor, in die auf der einen Seite die Menschen hineingingen und auf der anderen Seite verwandelt, fremd und falsch wieder herauskamen.“

Valerie Fritsch erzählt von Alma, die in einer von großer Traurigkeit und Sprachlosigkeit geprägten Familie aufwächst. Die Mutter depressiv und schlafwandelnd, der Vater, dem nicht viel entgegensetzend. Alma lebt als Kind in ihrer eigenen Welt und wundert sich über die Erwachsenen. Auch die Großeltern sind zurückhaltend, was Liebe und Wärme angeht. Der kriegsgeschädigte (schuldige?) Großvater verstummt, die Großmutter mit Begabung zum Geschichtenerzählen, dem Alkohol gewogen. Es ist die Generation Kriegskinder und -enkel, von denen Fritsch erzählt. Vom Weitergeben der Kriegstraumata bis in spätere Generationen hinein und von beschädigten Kindern, die daran zu tragen haben/hatten.

„Sie sah, wie sie die Kinder zu vorsichtigen, stillen Wesen heranzog, die nicht stören sollten in dieser Welt, kleinen Menschen, die mit großer Ernsthaftigkeit vermieden, eine Last zu sein, aber versuchten jene diffuse Traurigkeit auszugleichen, die stets in der Luft lag.“

Als Alma später Friedrich kennenlernt, haben beide schon eine Ehe hinter sich. Doch hier scheint sich nun etwas Beständiges leben zu lassen. Das Kind Emil, das dieser Liebesbeziehung entspringt, bringt für Alma zunächst eine tiefe postnatale Depression. Es dauert lange, bis sie ihren Sohn akzeptieren kann. Und dann stellt sich heraus, dass Emil eine sehr besondere „Krankheit“ hat: Er kann keine Schmerzen empfinden. Für die Eltern ist das eine besondere Herausforderung. Wie Alma damit umgeht, ist brillant erzählt.

„Emils Körper funktionierte anders als jener der übrigen, denn er verstieß gegen die grundlegendste aller Regeln, gegen das Gesetz, dass die Geschichte des Menschen eine Geschichte des Schmerzes ist. Emil empfand keinen Schmerz.“

Wer Valerie Fritschs Profil in den sozialen Medien verfolgt, wird bemerken, dass die Polaroid-Fotos, die sie von Zeit zu Zeit postet, offenbar auch von Recherchereisen stammen, denn einige Bilder lassen sich im letzten Teil des Buches wieder erkennen. Diesem Teil des Buches ist eine Reise gewidmet, die Alma nach dem Tod der Großeltern mit Friedrich und Emil von Österreich nach Osten treibt, durch verschiedene osteuropäische Länder bis in die kasachische Steppe. Monatelang sind sie im Auto unterwegs auf den Spuren von verlassenen Gebäuden, die Friedrich, der Fotograf ist, für ein Magazin ablichten soll. Aber auch auf der Suche nach Spuren, die zur Vergangenheit von Almas Großvater führen, der dort in Gefangenschaft war. Der Großvater, der nur mit den neuen Herzklappen der Firma Johnson und Johnson überhaupt so lange leben konnte …

Valerie Fritschs Sprache sucht ihresgleichen. Die vielen bewundernswert gelungenen Metaphern, die für ihre Romane stellvertretend sind, weisen eine flirrende Vielfalt und eine unverkennbare Melodie auf. Es ist, als ob man durch eine andere Zeit liefe, in der die Worte noch ein größeres Gewicht hatten. Es ist eine scheinbar sehr sanfte und doch gewaltige Kraft der Sprache, die mich mitunter in ihrer Erzählweise an Märchen erinnerte. Es ist ein Herzensbuch. Große Leseempfehlung! Helles Leuchten!

Der Roman der 1989 geborenen Österreicherin erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Arthur Miller: Fokus Büchergilde Gutenberg

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In ihrem Nachwort dieser Büchergilde-Ausgabe von Arthur Millers (1915 – 2005) Fokus, schreibt die Illustratorin und Grafikerin Franziska Neubert darüber, wie erschrocken sie war, als sie das Buch las, um sich auf die Illustrationen vorzubereiten. Genauso erging es mir. Arthur Miller, vor allem bekannt durch seine Theaterstücke, schreibt in seinem einzigen Roman über Antisemitismus in den USA. Die Geschichte erschien erstmals 1945, sie spielt kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in New York. Bisher war mir nicht bewusst, dass der Antisemitismus auch in den Vereinigten Staaten solche Ausmaße besaß. Nach einiger Recherche ist mir nun klar, dass es vor allem christliche Organisationen waren, die massiv gegen Juden hetzten, wie in Millers Roman die „Christliche Front“.

Zitat aus Wikipedia„Nach einer Umfrage von 1939 waren 53 Prozent der US-Bürger der Ansicht, dass Juden anders seien und Einschränkungen unterliegen sollten. Verschiedene Untersuchungen zwischen 1940 und 1946 belegten, dass sie als eine größere Gefahr für das Wohl der Vereinigten Staaten angesehen wurden als jede andere national, religiös oder rassisch definierte Gruppe“ 

In „Fokus“ erleben wir, wie der als Personalchef in einem großen Unternehmen tätige Lawrence Newman nach jahrzehntelanger Betriebszugehörigkeit plötzlich aus seiner leitenden Position verdrängt wird. Der Grund: Er muss wegen eingeschränkter Sehkraft eine Brille tragen, die ihn in den Augen vieler wie ein Jude aussehen lässt. Erschreckend, wie allein anhand der Physiognomie hier Ausgrenzung stattfindet. Auch als Personalchef hatte Newman strenge Anweisungen „solche“ Bewerber gleich abzuwimmeln. Nun trifft es ihn selbst. Lange findet er keinen Job und auch in den Augen seiner Nachbarn wird er plötzlich zum Feind. Vor allem, weil er einer antisemitisch ausgerichteten Organisation nicht beitreten will, für die sein Nachbar Fred wirbt. In der gleichförmigen Einfamilienhaussiedlung in Queens gibt es jedoch schon Anfeindungen gegen den Ladenbesitzer Finkelstein. Man will das Viertel „säubern“.

„Finkelstein war noch ein junger Mann, als Jude aber war er alt. Er wusste, was da vorging; er musste es wohl wissen. Zweimal hatte er in den letzten drei Wochen, wenn er um sechs Uhr früh aus seinem Haus gekommen war, seinen Mülleimer auf der Seite liegend gefunden und die Abfälle vor seinem Haus verstreut.“

Newman, der, selbst voller Vorurteile, zuvor nie darüber nachgedacht hatte, warum man Juden ausgrenzt, erfährt nun selbst, was es bedeutet. Er wird nicht mehr als Einzelner gesehen, sondern aufgrund der vermeintlichen Zugehörigkeit einer Rasse behandelt. Newman versucht anfangs alles zu tun, weiter dazuzugehören, doch das ändert nichts. Etwas verändert sich nun in seinen Gedanken.

Als er an seiner neuen Arbeitsstelle eine Frau trifft, deren Bewerbung er ehemals aufgrund ihres Aussehens als Personalchef abgelehnt hatte, scheint sich sein Leben noch einmal grundlegend zu ändern: Er verliebt sich, sie heiraten. Zunächst scheint alles leichter, doch als beide in einem Hotel aufgrund ihrer vermeintlichen Herkunft kein Zimmer erhalten, beginnt auch hier die Schmach. Lawrences Frau Gertrud möchte nun, dass er auch zu den Versammlungen geht, dass sie endlich auch zeigen, auf welcher Seite sie sind. Newman hingegen erlebt am eigenen Leib, was die Fanatiker anrichten können. Das, was vorher allein Finckelstein zu ertragen hatte, trifft nun auch ihn. Er erlebt Ablehnung bis hin zur physischen Gewalt. Doch all das sensibilisiert ihn umso mehr. Und so steht er schließlich Finkelstein näher als allen anderen …

Arthur Miller hat einen Roman geschrieben, der mich aufgrund seiner perfekten Konstruktion und seiner gekonnten Sprache stark beeindruckt. Vollkommen mit genommen und mit wachsender Erschütterung las ich dieses Buch und möchte es hier bedingungslos empfehlen. Zumal Franziska Neuberts Holzschnitte sich in ihrer Zurückgenommenheit perfekt in die Geschichte einpassen, genug Raum lassen für eigene Bilder. Nie zeigt sie Gesichter, nie sieht man Newman genau. Absichtlich nicht, sagt Neubert. Das leuchtet ein, zumal allein die Atmosphäre und die Farbgebung hinreichend Auskunft geben, dass hier Unheimliches geschieht. Ein Leuchten!

„Fokus“ erschien in der Büchergilde Gutenberg wie immer in feinster Ausstattung. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzte es Doris Brehm. Von der 1977 geborenen Graphikerin Franziska Neubert stammen die ausdrucksstarken Illustrationen.

Weiter Besprechungen zum Buch gibt es bei Zeichen & Zeiten und bei Gute Literatur – Meine Empfehlung.

Ergänzend bietet sich als Lektüre an: „Der Empfänger“ von Ulla Lenze.

Ulla Lenze: Der Empfänger Klett-Cotta Verlag

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Der neue Roman von Ulla Lenze basiert auf biografischem Material. Die Geschichte ist angelehnt an die Erlebnisse ihres Großonkels. Sie beginnt in Costa Rica 1953 und spielt in Rückblenden zu großen Teilen in New York beginnend im Jahr 1939, und zu kleineren Teilen in Neuss im Nachkriegsdeutschland des Jahres 1949. Hauptfigur ist Josef Klein. Er ist ausgewandert in die USA, um es besser zu haben, sein Bruder Carl blieb zurück. Doch mit dem Job in einer Druckerei kommt er nur gerade so über die Runden. Aus seiner Passion für Funkgeräte lässt sich Geld machen, allerdings nicht so wie Josef sich das vorstellte, denn er gerät an patriotische Deutschamerikaner, die für die Nationalsozialisten spionieren.

Ein höchst spannendes Thema, das Ulla Lenze hier bearbeitet. Wenig bekannt ist über das Schicksal deutschstämmiger Amerikaner, die nach dem Eintritt der USA in den zweiten Weltkrieg unter Generalverdacht standen. Tatsächlich gab es zuzeiten den Amerikadeutschen Bund geführt von Fritz Kuhn einem glühenden Nazi, der sogar riesige öffentliche Kundgebungen, wie etwa im Madison Square Garden 1939 abhielt.

Josef „Joe“ Klein gerät zufällig durch einen Kunden der Druckerei in eine solche Veranstaltung und man bietet ihm, dem talentierten Amateurfunker, einen Job an. Joe scheint tatsächlich lange nicht zu verstehen (oder will es nicht wissen?) für wen er da arbeitet. Als es ihm klar wird, auch durch das Insistieren seiner Geliebten Lauren, die die Gefahr, die von den Nazis ausgeht deutlich erkennt, ist es natürlich zu spät. Er steckt mittendrin, erfindet und baut sogar ein mobiles Funkgerät, welches unabhängig von verräterischen Standorten bedient werden kann. Lauren besteht schließlich darauf, dass Joe sich beim FBI melden und berichten soll. Die wollen ihn dann als Gegenspion engagieren. Doch Joe ist für solche Aufgaben zu wenig raffiniert und sein Gewissen macht ihm zu Schaffen. Als er schließlich verhaftet wird, scheint er fast erleichtert.

Nach über 5 Jahren Haft und anschließender Internierung auf Ellis Island, der Insel, wo er einst erstmals einen Fuß auf amerikanischen Boden setzte, schickt man ihn nach Deutschland zurück. Dort wohnt er in Neuss bei seinem Bruder und der Familie. Doch weder er noch die Familie, die den Krieg so ganz anderes erlebt hat als er, kommen mit der Situation gut zurecht. So knüpft Joe wieder Kontakte zu den ehemaligen „Arbeitgebern“, in der Hoffnung mit neuem Pass über Südamerika wieder in die USA zurückkehren zu können …

Ulla Lenzes Roman macht neugierig und lädt dazu ein, sich mehr mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Dazu bietet sie sogar eine Liste an Literatur und Filmmaterial im Anhang des Buches an. Sehenswert dazu diese Arte-Doku „Zum Nazi verdammt“. Dass da auch Arthur Millers „Fokus“ steht, passt gut, da der illustrierte Büchergildeband ohnehin hier zur Lektüre bereit liegt. Interessant auch, dass ich gerade erst einen Roman las, der in eben jener Zeit in Harlem um die 116. Straße spielt, in dem auch Protagonist Joe lebt: „The Street“ von Ann Petry. Mit vollkommen anderem Blickwinkel zwar, dennoch schließen sich für mich Kreise, klären sich Zusammenhänge. Beide Romane stelle ich in den nächsten Beiträgen ausführlich vor.

„Der Empfänger“ erschien im Klett-Cotta Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Norbert Scheuer: Winterbienen C. H. Beck Verlag

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Norbert Scheuers neuer Roman „Winterbienen“ ist ein seltsames, aber geniales Buch. Erst beim Versuch, darüber zu schreiben, zeigte sich die enorme Vielschichtigkeit dieser anfangs recht einfach anmutenden Geschichte. Ziemlich geschickt hat der 1951 geborene Autor, der selbst in der Eifel lebt, das konstruiert.

Es ist das Tagebuch eines Mannes, ich glaube sein Alter wird gar nicht erwähnt, das vom 3. Januar 1944 bis zum Mai 1945 geführt wurde. Wir befinden uns also in den letzten Kriegsmonaten. Der Mann namens Arimont lebt als Bienenzüchter in der Eifel, war Lehrer, wurde aber suspendiert, da er unter Epilepsie leidet. Nun versucht er mit den Verkäufen aus der Bienenzucht zurechtzukommen. In den Krieg eingezogen wird er nicht, auch nicht deportiert, da sein Bruder, ein gerühmter Jagdflieger, offenbar schützend seine Hand über ihn hält. Medikamente, die er dringend benötigt, sind teuer, oder es gibt sie gar nicht mehr. Zumal für einen wie ihn, der bereits zwangssterilisiert wurde und eigentlich längst als „unwertes“ Leben durch die Nationalsozialisten hätte liquidiert werden sollen. Um sich zusätzlich Geld zu verdienen, schmuggelt er Menschen auf der Flucht vor den Nazis in präparierten Bienenstöcken zur deutsch-belgischen Grenze. So weit. So gut.

Was mir an dem Buch sofort auffällt, ist die Schlichtheit der (Tagebuch-)Sprache und die beinahe vollkommen fehlenden Emotionen des Schreibenden (außer vielleicht wenn es um seine Bienenvölker geht). Anteilnahme scheint der Held nicht zu kennen. Von vielem bleibt er scheinbar völlig unberührt. Sogar die diversen Frauengeschichten lassen ihn irgendwie kalt. Zumindest sobald die Jeweilige problemlos erreichbar ist.

“ Seit er auf Heimaturlaub ist, sehe ich sie kaum mehr; sie erscheint mir nun so begehrenswert wie nie zuvor. Ich hoffe, dass ihr Mann bald wieder an die Front muss.“

Irgendwann frage ich mich, ob dieses Verhalten vielleicht auch der Krankheit geschuldet ist, die, nun unbehandelt, immer mehr hervordrängt. Der Protagonist schreibt selbst oft, es sei ihm als würde er sich an vieles nicht mehr erinnern. So erklärt sich vielleicht auch, dass sich viele Einträge wortwörtlich ähneln, ja für den Leser schon zum Refrain, ja, zum Mantra werden.

Vielleicht denken wir gar nichts Neues, sondern unsere Gedanken sind nur das Echo von bereits Gedachtem.“

Auf dem Land in der Eifel scheint der Krieg zunächst weit weg. Obwohl alle Männer einberufen wurden, scheint sich eine sonderbare Normalität, ja fast Gleichgültigkeit fortzusetzen. Erst spät, als die Alliierten sich der belgischen Grenze nähern, wird er direkt spürbar. Ich überlege, ob hier ein Abbild der deutschen Bevölkerung in Zeiten des Krieges aufgezeigt werden soll. Bereits hier ein einziges Verdrängen um eines „ungestörten“ Lebens willen?

Zunächst begleiten wir unseren Helden jedoch durch das Bienenjahr. Das Tagebuch zieht sich über alle vier Jahreszeiten hinweg und gibt Einblick in die Arbeit der Bienen und ihres Imkers. Das ist höchst interessant und nimmt anfangs viel Raum ein.

„Ich gehe in der Nacht durch den Garten zum Bienenhaus, lege mein Ohr an einen Stock und höre das leise Singen der Winterbienen. Sie hängen alle dicht gedrängt zusammen, sind gesund. Tagsüber summen Bienen auf eine andere Weise als in der Nacht, und im Sommer anders als im Winter; ihr Chor klingt wie eine gleichmäßig schwingende Melodie, die von ihren zarten Flügelchen erzeugt wird.“

Eine Zeit lang sind es die Frauen im Dorf, die Gedanken und Einträge des Helden besetzen (sehr skurril: als Trophäe entwendet er ihnen nach einer Liebesnacht einen Lockenwickler, den er dann als Transportkäfig für seine Bienenköniginnen verwendet).

Dann kommen vermehrt Fliegerangriffe ins Blickfeld. Hier weiß der Erzähler genau, um welches Modell es sich handelt, er erkennt sie schon am Geräusch (vielleicht geschult, durch die Berichte des Bruders?). So sind auch zwischen einigen Kapiteln Zeichnungen von Kriegsflugzeugen eingefügt. So ganz erschließt sich mir der Zusammenhang mit dem Rest der Geschichte nicht. Ich vermute jedoch, sie sollen als Flugkörper mit den Bienen konkurrieren, deren verschiedene Summtöne ähnlich aufschlussreich für den Imker sind.

Desweiteren fügt sich eine Parallelgeschichte ein. Es geht um alte Schriften aus dem 15. Jahrhundert und den Mönch Ambrosius, der, wie der Vater des Protagonisten erzählt, der im nahen Kloster lebte, selbst Gründer von Bienenvölkern war, und somit womöglich den Grundstein zur Familientradition gelegt hat. Darüber recherchiert unser Held in der Bibliothek, in der die alten Folianten des ehemaligen Klosters untergebracht wurden, und wo auch zwischen den Büchern die Informationen zur nächsten Fluchthilfe-Aktion hinterlegt werden.

So pendelt das Leben des Protagonisten zwischen Bienenstock, Frauenbesuchen, epileptischen Anfällen und Verbringung von Flüchtenden in Verstecke in nahe gelegene Stollen und schließlich bis nah an die Grenze. Wie es danach mit ihnen weitergeht, wenn sie diese zu Fuß erreichen und überqueren müssen, scheint ihn zunächst wenig zu interessieren, ihr Schicksal wird nur in einem Nebensatz erwähnt:

„Ich arbeite den ganzen Tag an den Stöcken und übernachte in einem Gasthaus, das abends voller Soldaten ist. Sie reden an der Theke von Flüchtlingen, die sie gefangen und gleich erschossen haben. Ich treffe Anna und besuche danach noch Louis in Malmedy … „

Als Arimont sich in die Frau eines der Nazikommandanten im Ort verliebt, begibt er sich auf gefährliches Terrain. In seiner Naivität oder durch die zunehmenden Anfälle, die ihn in andere Bewusstseinszustände werfen, merkt er das aber gar nicht. Erst als er zum Verhör abgeholt wird, erkennt er, dass er denunziert wurde. Ob nun von der Frau oder vom braun gesinnten Apotheker, der ihm keine Medikamente mehr gab, bleibt offen …

„Winterbienen“ hat mich zunächst irritiert, dann zunehmend fasziniert und schlußendlich begeistert. Ich empfehle dieses Buch sehr. Ein Leuchten!

Der Roman „Winterbienen“ erschien im C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs BooksterHRO und Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.