Leo Lania: Land im Zwielicht Mandelbaum Verlag

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Leo Lania, 1896 in der ukrainischen Stadt Charkow geboren, war Journalist und Schriftsteller. In Österreich aufgewachsen, zog er als Freiwilliger in den 1. Weltkrieg, wandte sich danach der Kommunistischen Partei zu. Ab 1921 lebte er in Berlin. Als investigativer Journalist dokumentierte er Begegnungen mit der Nazi-Bewegung. Später engagierte er sich fürs politische Theater. 1933 floh er nach Frankreich, 1940 gelang ihm die Flucht nach den USA.

Der Mandelbaum Verlag mit Sitz in Wien und Berlin hat soeben eine Biografie über Leo Lania von Michael Schwaiger und den 1934 in England erschienenen, 1949 erstmals in Deutschland veröffentlichten Roman „Land im Zwielicht“ aufgelegt, für den Schwaiger auch ein aufschlussreiches Nachwort schrieb.

„Eine grenzenlose Trauer liegt jetzt in ihm. Ein Blick, der aus Jahrtausenden kommt und in Ewigkeiten zielt. So sieht er zu dem Offizier empor, er sieht durch ihn hindurch. Die braune Uniform wird transparent, …“

Anhand von zwei Hauptfiguren, der jüdischen Esther Mendel, die sich aus armen Verhältnissen befreit und zum Medizinstudium und zur Assistenzärztin aufsteigt, und dem jüdischen Anwalt Kurt Rosenberg, der im ersten Weltkrieg Leutnant wurde und Esther in ihrem polnischen Heimatdorf kurz begegnete, zeigt Lania die Entwicklungen Deutschlands vom Kaiserreich über den ersten Weltkrieg bis zur Machtübernahme der Nazis. Die Handlung beginnt 1916 und endet 1933 und verbindet historische Geschehnisse mit einer fiktiven Handlung. Lania hat die Atmosphäre und die Stimmungen der Menschen gut ausgearbeitet. Nur manchmal hängt mir Lanias Frauenbild etwas zu schief: „die kleinen Verkäuferinnen, die doch nicht mitzählten“ oder „Die bekannte Schauspielerin … war sogar gescheit“. Dennoch hat er (immerhin) Esther als willensstarke, unabhängige Frau beschrieben.

Als Kurt und Esther sich später in Berlin wieder begegnen, es sind die wilden 20er Jahre, scheint es, als würden sie zueinander finden, doch Kurt kommt aus „guten“ Verhältnissen, während Esther der Arbeiterbewegung näher steht. Obwohl sie heiraten, ein Kind bekommen, entscheiden sie sich bald, getrennt zu leben. Mit ihrer großen Liebe, dem verheirateten Professor für Anatomie, Dr. Graber, kommt Esther nicht zusammen, da man ihn von der Universität verweist, weil er als Pazifist nichts von der völkischen Soldatenverehrung hält.

„Noch war die Öffentlichkeit nicht abgestumpft gegen den politischen Mord, noch waren die Völkischen eine winzige Minderheit auf der Universität, noch wiegte sich die Linke in der Illusion, daß sie die Macht fest in den Händen hielt und daß es nur darauf ankam, ihre Stimme zu erheben, um die heranmarschierenden Haufen, für immer in die Flucht zu schlagen.“

Lania erzählt, dass aufgrund der Verfassung der Weimarer Republik die Literaten und Künstler endlich freier waren, sich mitzuteilen, sich direkt zu äußern, was auch die Studentenbewegungen nutzten. Interessant auch, die bildhafte Schilderung der Inflation, in der Esthers Vater, ein Schneider, binnen kürzester Zeit von Armut zu Reichtum und wieder zurück pendelt. Der sehr religiöse alte Mendel sieht das als gottgegeben an.

Einige Zeit nach dem Reichstagsbrand begegnen sich Graber und Esther in Berlin kurz wieder. Graber ist aus einem Konzentrationslager geflohen und schafft es nach Paris. Kurz darauf wird Kurt in seiner Villa am Wannsee von SA-Schergen totgeprügelt. Dies ist Auslöser für Esther mit ihrem Sohn und dem Vater ebenfalls Deutschland zu verlassen …

Der Mandelbaum Verlag ist eine feine Entdeckung und das vielseitige Programm mehr als einen Blick wert. „Land im Zwielicht“ ist sehr schön gestaltet mit einer Collage als Coverbild, in Halbleinen gebunden, gedruckt auf feinem Papier und mit Fadenheftung. Mehr über Autor, Buch und Verlag gibt es  hier .

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Irene Diwiak: Liebwies Deuticke Verlag

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„Später würde die Geschichte anders erzählt werden.
[ … ]
Es ist aber nun mal die seltsame Eigenschaft der Zeit, Geschehenes in schwammige Erinnerung und schließlich in Lügen zu verwandeln.“

Mit diesen Sätzen beginnt und endet 334 Seiten später der Debütroman der 1991 in Graz geborenen Irene Diwiak. Ein wenig erinnert das an „Es war einmal … “ und in der Tat hat die Geschichte etwas märchenhaftes. Es ist jedenfalls ein zauberhaftes Buch!
Gut, dass Klaus Kastberger sein Wohlwollen für diesen Roman auf Twitter kund tat, sonst hätte ich ihn womöglich übersehen. Die Leseprobe hat mich dann vollends überzeugt, dass ich diesen Roman lesen will. Er hat eine Atmosphäre wie aus einer fernen Zeit, ein wenig wie aus der Welt gefallen. Dabei spielt er in Österreich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, also nach der k und k – Zeit und bereits hineinschlitternd in den Nationalsozialismus. Der genaue Schauplatz wird nicht genannt.

Schon der Titel hat Potenzial (ganz abgesehen vom zauberhaften Coverbild). Liebwies ist gleichzeitig ein schwer zugängliches Dorf im Gebirge, in dem die Geschichte beginnt und Liebwies wird der Nachname einer berühmten Opernsängerin, die eigentlich gar nicht gut singen kann. Liebwies erzählt von den Eitelkeiten und Eigenheiten der Menschen, von Leidenschaften und Lieblosigkeiten, von Schwächen und vor allem von Zufällen und wie daraus sich oft die skurrilsten Möglichkeiten eröffnen oder aber Träume zerfallen. Wie im Märchen gibt es gute Menschen und es gibt Bösewichte. Leider endet es nicht so wie im Märchen …

Wir treffen auf die Hauptfiguren Gisela, später Liebwies genannt und Ida Gussendorf, geborene Padinsky, um die sich sämtliche Geschehnisse drehen und die durch zusätzlich eingeführte sehr gelungene Charaktere ergänzt und durch die Handlung getragen werden – Diwiak hat ein Händchen für ihre Figuren.
Karoline, eine Bauerntochter in Liebwies wird eines Tages vom neuen Dorflehrer als Gesangstalent entdeckt. Da der Herr aus der Stadt, der sie fördern soll, aber die Schönheit seiner verstorbenen Frau in Gisela, ihrer wenig begabten Schwester entdeckt, wird die falsche in die Gesangsschule geschickt.

„Sie war ganz offensichtlich sehr stolz auf ihre Leistung. Sie strahlte über das ganze Gesicht, was sie noch hübscher, aber zu keiner besseren Sängerin machte.“

Nur aufgrund der wunderbar komponierten Oper „Die Gräfin der Stille“, in der sie nur ein Lied zu singen hat, wird sie berühmt. Dass auch hier wieder eine Verwechslung vorliegt, ein echter Betrug, ist ebenso tragisch. Ida, die mit dem wesentlich älteren Dichter und Möchtegernkomponisten Gussendorf verheiratet wurde, ist in Wirklichkeit diejenige die die Kompositionen geschrieben hat. Ihr eitler Ehemann gibt sie als die eigenen aus.

„Nun, da er selber schwanger war, und zwar mit einer Oper, hatte er keinen Bedarf mehr an Idas Körper. Er lebte in seiner Welt der Melodien, der mythischen Sagen und der wechselhaften Liebesgeschichten. Dabei vergaß er aber noch etwas. Er vergaß die Oper zu schreiben.“

Auch Ida verfällt der Schönheit Giselas, doch die egoistische Gisela ist auf ihren gesellschaftlichen Aufstieg und ihre Berühmtheit bedacht und wendet sich einem vielversprechenden Arzt zu. Dass sich Jahre später die Rollen, gerade auch in Sachen Schönheit, vertauschen, kann Gisela nicht ertragen. Sie sinnt auf Rache …

„Im besten Fall habe ich ein Buch geschrieben, das viele Menschen begeistert. Im schlimmsten Fall habe ich ein Buch geschrieben, das nur meine Mama interessiert.“

So sagt Irene Diwiak in einem Interview. Ich wünsche mir und ihr, dass recht viele Leser in den Genuss dieses Buches kommen. Mit „Liebwies“ ist der Autorin nämlich ein ganz und gar überzeugendes, unterhaltsames und auch sprachlich geglücktes Romandebüt gelungen. Mit sehr viel Humor und in charmant österreichischem Stil hat die Autorin eine so unwahrscheinliche wie geschickt entwickelte Geschichte erzählt, die zu lesen ein große Freude ist. Alles ist von vorn bis hinten stimmig. Diwiak beherrscht ihr Handwerk. Ein Leuchten!
Überhaupt scheint mir dieses Jahr ein Jahr der überraschend schönen Debüts zu sein.

„Liebwies“ von Irene Diwiak erschien im Deuticke Verlag. Eine Leseprobe und mehr über Buch und Autorin gibt es hier .