Lyrik im Frühjahr – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Frühjahr 2021

 

Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Frühjahrsvorschauen 2021 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

 

 

Das 35. Jahrbuch der Lyrik herausgegeben von Christioph Buchwald (zum letzten Mal) zusammen mit der Lyrikerin Carolin Callies bietet wie in jedem Frühjahr eine interessante Auswahl der derzeitigen Lyrikvielfalt im deutschsprachigen Raum. Es erscheint am 2. März wie immer im Schöffling Verlag.

 

 

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Der US-Amerikaner Ben Lerner schreibt vorrangig Gedichte. Nach dem Roman „Die Topeka-Schule“ erscheint nun bei Suhrkamp ein zweisprachiger Band seiner Gedichte. Es ist ein Überblick über das bisherige lyrische Gesamtwerk. Von Steffen Popp übersetzt, mit Monika Rinck, beide selbst Lyriker. Erscheint am 19.4.2021.

„Was ist ein Name?“, fragt Ana Luísa Amaral, die beliebteste Lyrikerin Portugals und eine der großen Dichterinnen unserer Zeit. In einer klarsichtigen Sprache, die in der Tradition von Dickinson und Szymborska steht, leistet sie ihren Offenbarungseid: Worte können nichts festhalten, außer der Flüchtigkeit der Dinge. (Verlagstext) Portugiesische Lyrik passend zum Gastland der Leipziger Buchmesse im Mai. Übersetzt von Michael Kegler, Piero Salabè. Erscheint im HanserVerlag am 15.3.2021.

Anja Kampmanns Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ habe ich bereits auf dem Blog vorgestellt. Die neuen Gedichte erzählen vom Marschland, Figuren treten auf, wiederkehrende Motive verklammern sie zu einem großen Bild der Landschaft in unserer Zeit. Sie bestätigen Anja Kampmanns Rang als ganz eigenständige, überraschende Stimme ihrer Generation. (Verlagstext) Erscheint am 15.3.2021 im HanserVerlag.

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Marina Zwetajewa (1892-1941), die bedeutendste russische Dichterin neben Anna Achmatowa, ist eine der großen Liebesdichterinnen der Weltliteratur, eine Liebende voller »Maßlosigkeit in einer auf Maß bedachten Welt«. Der Band umfasst über hundertfünfzig Gedichte Marina Zwetajewas – viele davon erstmals in deutscher Übersetzung. (Verlagstext) Übersetzt von Ralph Dutli. Erscheint  am 22.2.2021 im Wallstein Verlag.

Steffen Mensching blickt mit wachen Augen und nachdenklicher Neugier in die Welt, um in seinen Gedichten herauszufinden, was sie im Innersten zusammenhält. Und was sie zu zerstören droht. Immer wieder ist das Meer ein Bezugspunkt, seine Weite, seine ewige Bewegtheit, seine Ufer. (Verlagstext). Seinen großartigen Roman „Schermanns Augen“ habe ich bereits besprochen. Erscheint am 22. 2. im Wallstein Verlag.

Abenteuerlust, Neugier und Aufbruch – afrikanische Dichtung auf der Höhe der Zeit: das erste Buch der großen Lyrikerin Sylvie Kandé auf Deutsch. (Verlagstext) Übersetzt von Tim Trzaskalik, Leonard Pinke. Erscheint am 28.1. 2021 im Matthes & Seitz Verlag.

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Ursula Krechels Gedichte sind dynamische Gegenwart. Es sind Erkundungen mit offenem Eingang und offenem Ausgang, eigenwillig, voller Wagemut und Spielfreude. Sie zeigen Zeile für Zeile die Meisterschaft und Souveränität einer großen Autorin. (Verlagstext) Ihren letzten Roman „Geisterbahn“ habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen. Erscheint am 26.2. beim Jung und Jung Verlag.

Gemeinsame Sprache lautet der Titel des neuen Bandes des Schweizers Jürg Halter, einem der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker seiner Generation. Seine Gedichte werfen kaleidoskopartig Schlaglichter auf unser Sein und unser Zusammenleben. (Verlagstext). Erscheint am 27.1.2021 im Dörlemann Verlag.

In Regina Dürigs „Federn lassen“ werden jenen Momenten, in denen nichts als Sprachlosigkeit einsetzt, Räume geschaffen. Interpunktionslos brechen die Zeilen nach wenigen Wörtern um, wodurch Dürigs Prosa einen lyrischen Anklang erhält. (Verlagstext). Die poetische Novelle erscheint am 5.2. im Literaturverlag Droschl.

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Axel Görlach schreibt Gedichte mit weitem Horizont. In diesen Gedichten ist und bleibt also fast alles möglich, jede Einengung, jede vorschnell begründete Festlegung wird vermieden – weil es keinen grund gibt für grund. (Verlagstext) Erscheint am 26.2. in der Edition Keiper.

Berge, Weiden, Wald: Je näher Claudia Gabler diesen Urbildern von Naturerfahrung kommt, desto sichtbarer wird, wie menschengemacht sie sind. Die Natur wird nicht nur vom Menschen gestaltet, sondern bildet sich auch nach seiner Wahrnehmung. Klischees setzt Gabler Ambivalenz entgegen. Beziehungen bilden ein Zentrum in ihren Gedichten. (Verlagstext) Mit Illustrationen von Elke Ehninger. Erscheint am 1.3.21 im Verlagshaus Berlin.

Gegenden, Landschaften, Orte, ein Figurenkabinett, die Herkunft, der Historienhauch, das Antlitz der Dinge, Wortfährten, Alltagsbühnen … Nichts, nur versammelt Gedichte, Prosagedichte und Erzählminiaturen von Walle Sayer aus 35 Jahren: Lesebuch, Kompendium, Querschnitt und Zwischensumme zugleich.(Verlagstext) Den Band „Was in die Streichholzschachtel passte“ habe ich bereits auf dem Blog besprochen. Erscheint im März 21 im Kröner Verlag.

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„das kleingedruckte“, Linda Vilhjálmsdóttirs siebter Lyrikband, ist ein Buch voller weiblicher Revolutionskantaten. Die Gedichte sind klar, direkt und manchmal von beißendem Witz. Ihre Wirkkraft beruht nicht zuletzt darauf, wie gründlich sie den vorherrschenden Zustand zwischen den Geschlechtern offenlegen. (Verlagstext) Der zweite von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason ins Deutsche übertragene Band erscheint im Elif Verlag am15.3.21. Den Band „Freiheit“ habe ich bereits auf dem Blog besprochen.

Ester Naomi Perquin (geb. 1980), Poet laureate der Niederlande, erzeugt in ihren Gedichten Momente der Verblüffung und des Staunens. Scheinbar paradoxe Bilder und Kippfiguren schlagen um in plötzliches Erkennen, wenn ihre Gedichte Spielarten des Verschwindens erforschen. (Verlagstext) Übersetzt von Stefan Wieczorek. Erscheint am 22.2.21 im Elif Verlag.

Mit >>Überall, wo wir Schatten werfen<< legt Ingrid Mylo – die Flaneurin der deutschen Gegenwartsliteratur – nach vier Bänden mit Kurzprosa ein starkes Lyrikdebüt vor: Gedichte zwischen Vernunft und Unvernunft, zwischen Logik und Zufall, Traum und Wachzustand. Immer in der Schwebe – doch alles andere als unentschieden.(Verlagstext) Erscheint im März bei Edition Azur/Voland &Quist.

 

Tanikawa Shuntarõ / Jürg Halter: Das 48-Stunden-Gedicht Wallstein Verlag

 

Bevor der neue Lyrikband „Gemeinsame Sprache“ des Schweizer Jürg Halter am 27. Januar beim Dörlemann Verlag erscheint, möchte ich noch an ein schönes lyrisches Projekt erinnern. Mein Beitrag dazu erschien 2016 zuerst auf fixpoetry, der großartigen Lyrik und Literaturplattform, die es leider nun aufgrund mangelnder finanzieller Unterstützung nur noch als Archiv gibt.

„Eine aus Worten gebaute Welt ist ausdauernder als die wirkliche.“

Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden Lyriker Jürg Halter aus der Schweiz und Tanikawa Shuntarõ aus Japan zusammen arbeiten. Kennengelernt haben sie sich 2002 auf einem Poesiefestival. Sie schienen sich auf Anhieb zu verstehen, ein „ähnliches poetisches Weltverständnis“ zu haben. Keiner verstand des anderen Sprache und dennoch planten sie bald ein gemeinsames Projekt. Bereits 2012 entstand ein Lyrikband aus beider Stimmen. Damals ging der Austausch über mehrere Jahre und von Land zu Land.

„(Zu jeder Stunde schreibe ich mit Jürg ein Gedicht. […]
Die Stunden eines ganzen Tages sind uns nur Vehikel,
ein Versuch, weg von der Tradition zu einer neuen Form von Kettengedicht.)“

Für das neue Projekt, welches schon fast einer Performance gleicht, trafen sich Halter und Tanikawa in Tokio, um in einem gläsernen Raum des Tsuda College vom 8. bis 12. September 2014 tags und nachts an ihrem Kettengedicht oder japanisch Renshi, zu arbeiten. Renshi ist eine moderne freie Art des Kettengedichts. Dabei geht es weniger um traditionelle Formen, Bilder oder Motive. Es gilt aus   dem vorherigen Gedicht des Anderen etwas herauszufiltern und in ganz eigenem Kontext weiterzuführen, so bildet sich ein vollkommen neuer Pfad. Bei Halter und Tanikawa findet auch die unterschiedliche kulturelle Prägung und der Altersunterschied Eingang in den dichterischen Austausch.

[…]
„hören die Ohren verschiedener Kulturen
je ein anderes Schweigen?“

Tanikawa schrieb seine Gedichte in jeder geraden Stunde, Halter in jeder ungeraden. So blieb Zeit, um die Verse direkt übersetzen zu lassen und danach darauf zu „antworten“. Zwei Übersetzer waren  dabei, Franz Hintereder-Emde, der vom Japanischen ins Deutsche übertrug und Niimoto Fuminari vom Deutschen ins Japanische.

Das 48-Stunden-Gedicht ist ein sehr besonderes Buch geworden. Sowohl inhaltlich, als auch in der Gestaltung der äußeren Form wirkt es fernöstlich ästhetisch. Kapitel gibt es nicht, dafür eine Aufteilung in Tageszeiten. Für jede Stunde steht ein Gedicht, es sind immer 3 – 5-Zeiler, die sowohl in Deutsch als auch in Japanisch abgedruckt wurden. Ergänzt wird der Text durch filigrane, surreale Schwarz/Weiß-Illustrationen, die speziell für den Gedichtband entstanden sind, die einzeln für sich Geschichten erzählen, aber auch mit den Texten kommunizieren. Auch hier sind es jeweils eine Künstlerin aus Japan, Tabaimo, und ein Künstler aus der Schweiz, Yves Netzhammer. Auch das feine Cover aus rotem Halbleinen zieren zwei Illustrationen. Zudem gibt es ein aufschlussreiches Nachwort der beiden Herausgeberinnen, Kakinuma Marie und Susanne Schenzle, in dem sich Details zur Entstehungsgeschichte des Bandes nachlesen lassen.

Tanikawa Shuntarõ  wurde 1931 in Tokio geboren und ist einer der bekanntesten japanischen Gegenwartsdichter. Man merkt seiner Lyrik an, dass sie auf großer Lebenserfahrung basiert. Sie strahlt eine enorme Kraft aus. Seine Gedichte sind sehr gewandt, da ist einer sehr erfahren und doch sehr jung und frei geblieben. Seine Verse erinnern oft an Haikus und sind in ihrer Art vielfach so angelegt, dass es am Ende zu einem überraschenden Bild kommt. Sie sind keineswegs altbacken, eher von seltener Weisheit und feinem Humor durchdrungen. Sie nehmen alle neuen Einflüsse und Eindrücke genügsam auf, aber nicht sofort an, sondern hinterfragen sie häufig, oft im Schlusspart des Gedichts. Tanikawa vermischt in schönster Weise Alltäglichkeiten mit spirituellen, ja ZEN-haften Gedanken und lässt dabei auch aktuelle politische Ereignisse nicht außen vor. Er ist ein glänzender Beobachter und sehr souveräner Dichter.

„Unter hunderten von in der Zeitung aufgelisteten Namen
sucht jemand mit geröteten Augen einen einzigen.
[…]“

oder:

[…] weiß nicht, wo die Sonne an diesem Morgen steht.
Jetzt, ein Land in tiefer Nacht, ein Mädchen schluchzt in einem Camp.“

Jürg Halter wurde 1980 in Bern geboren und ist Dichter, Musiker und Performancekünstler. Seine Verse klingen moderner, sind rhythmisch und am besten laut gelesen (Halter selbst liest seine Gedichte mit einem deutlich hörbaren Anklang seines Berner Dialekts, was einen besonderen, auch verlangsamten Klang hervorruft). Doch auch hier versteckt sich eine gewisse Geistigkeit, ein Durchdrungensein von Sprache. Seine Bilder sind dennoch direkter, tauchen sofort beim Lesen auf, benötigen kaum Geduld. Seine Sprache ist mitunter robuster, nicht so feinsinnig wie die Tanikawas.

„Die Tradition und der gesunde Menschenverstand
lagen in der Rehaklinik im gleichen Zimmer.
[…]

oder

„Sie vermissen einander zu verschiedenen Minuten,
deshalb elektrifiziert sich die Luft wohl nicht,
[…]

Beide schreiben in freien Versen, es sind 3-5 Zeilen, mehr nicht, denn beide beherrschen das Verdichten, machen aus großen oder kleinen Gedankenwolken ein stimmiges Wortkonzentrat., dass sich beim Lesen dann wieder ausdehnt, als sei es gewässert oder beatmet worden. Für den Stoff ihrer Gedichte greifen beide einfach nach Alltäglichem und verbinden es in einem Atemzug mit Ungewöhnlichem. Oft spiegelt sich bei Halter die Begegnung mit der fremden Stadt Tokio.

„Eine Sardine in der U-Bahn erschrak,
ob all der anderen Sardinen,
die plötzlich wie Menschen aussahen,

[…]

Die Dichter fokussieren beide Situationen, Erlebnisse oder Begegnungen, verdichten und geben die Essenz daraus wider.

„Was, schon sechs Uhr! Was, erst sechs Uhr!
Nichts Psychisches, nur eine Frage der Laune
[…]“

Obwohl sie auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten, schaffen sie es sich in ihren Arbeiten zu begegnen und in einen Dialog zu treten. Der Eindruck, dass beide miteinander kommunizieren, sich wirklich aufeinander beziehen, stellt sich erst bei wiederholtem Lesen ein, ist nicht sofort ersichtlich. Dieser Band lädt ein zum Eintauchen, zum Verweilen; dabei bietet sich ein meditatives Versenken in die wunderbar integrierten feinen Zeichnungen an. Es braucht Zeit sich darauf einzulassen, oder vielleicht auch nur den einen richtigen Moment.

Der Band erschien im Wallstein Verlag.

 

Ulrike Bail: wie viele faden tief Conte Verlag

Gedichte übers Nähen? Wäre mir die Luxemburger Dichterin Ulrike Bail nicht durch zwei ihrer Gedichtbände bekannt, hätte ich wohl nicht zu diesem Titel gegriffen. Schon im Handarbeitsunterricht in der Schule stand ich mit Nähmaschinen auf Kriegsfuß. Dennoch ein Glück, dass ich sie gelesen habe, denn was die Lyrikerin aus verschiedenen Nahtformen, Nadelstichen und diversen Fäden macht, ist große Dichtkunst.

„du löst die nähte auf löst los die fasern am äußersten
rand des zettelkastens nistest du stoffkante an holz
über vertäuungen verzäunt fransen verse aus geheule
wie gehäuse flattern ins verlinkt unvertäut verflogt“

Es sind kurze Gedichte, die sprachlich und rhythmisch gut ausgeklügelt sind. Die Wortspielereien, die man mit Nadel und Faden machen kann, sind gelungen. Die Gedichte sind jeweils nach einer Nahtform oder einem Nähzubehör benannt. Sie treffen eigentlich immer den Nerv der Zeit. Denn dass es nicht „nur“ ums Nähen geht, ist gleich klar. Dass das Nähen und Weben und Sticheln auch auf andere Bereiche des Lebens übertragbar ist, das man es in der Natur und in Beziehungen findet, in den großen Zusammenhängen, zeigt Ulrike Bail sehr stimmig. Das Haptische, das Händische, die Fingerfertigkeit, das Handwerkliche – all das liest sich klangvoll heraus und hinein.

Immer finden sich Elemente aus der Natur. Vögel und Bienen fliegen und Wolken am Himmel. Der Lauf der Jahreszeiten spiegelt sich in den Versen. Der Sound der Nähmaschine im Ohr.

„zwischen mantelsaum und futter in den winter hinein
aus luftmaschen einen fadensteg schlagen eine sanfte
brücke aus vogelfederflaum ein federsteg im flug verfliegt
die zeit auf schneeweißem kopfsteg hoch über der stirn“

Das Nähen entpuppt sich hier beinahe als eine Kunstform, die sogar heilsam ist, indem sie Dinge zusammenfügen, Löcher stopfen, Ausgefranstes festigen und Gebrauchtes verschönern kann.

„farbe flieht aus dem kleid den tränen
nach fein gekräuseltem papier
inwendig markierter abwesenheit
färbte ein bedeckte haut kein gehen
zu ihren füßen pfützen vertrauerten lichts
nothing she wore could reflect the light“

Ulrike Bails Dichtung empfinde ich immer in einer tiefen Verbindung zu etwas „Höherem“, aber niemals abgehoben, immer gut im Hier verankert. Kontemplativ, meditativ, konzentriert trifft es, wie ich finde, recht gut.

Im letzten Drittel des Bandes finden sich noch Fotos von Collagen, die die Dichterin während des Schreibens gestaltet hat. Eine schöne Ergänzung zum Prozess der Entstehung. Wobei ich die Gedichte durchaus aussagekräftiger finde. Ich empfehle dieses Buch sehr. Es erschien im Conte Verlag. Danke für das Rezensionsexemplar!

Auf fixpoetry habe ich bereits Ulrike Bails Band „sterbezettel“ besprochen.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

 

 

Daniela Danz: Wildniß Wallstein Verlag

Dass ich die Lyrikerin Daniela Danz erst jetzt entdecke, wundert mich. Denn sie ist eine Autorin, deren Lyrik von Essentiellem und Existenziellem geprägt ist, die kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um Missstände geht, die still und zugleich stark wirksam ist und in die Tiefe geht. Die Gedichte in „Wildniß“ haben mich fast durchweg begeistert. Berührt, gepackt und inspiriert für mein eigenes Dichten.

„KOMM WILDNIS IN UNSERE HÄUSER
zerbrich die Fenster komm
mit deinen Wurzeln und Würmern
überwuchere unsere Wünsche
Mülltrennungssysteme Prothesen
und Zahlungsverpflichtungen“

Daniela Danz erhielt für Teile des Manuskripts den Deutschen Preis für Nature Writing. Tatsächlich handeln die meisten ihrer Gedichte in diesem Band von der Natur. Doch ist die Natur bei ihr nicht getrennt vom Mensch und seiner Lebenswelt. Dringt im Gegenteil die Natur oft immer wieder in die menschgemachte Kulturlandschaft ein und umschlingt sie und verwächst erneut mit ihr. Gleich in den ersten drei Gedichten, zeigt sich dies ganz deutlich. Sie beziehen sich auf einen Buchenurwald in den Karpaten.

„und die Langsamkeit die nutzlos an einer
stillgelegten Bahnstrecke überdauert hat
ein Murmeln kommt von den Rändern
erst leise dann mit Unmut gemischt
die Ränder verwackeln die schönen
Konturen der Zäune gegen das Abendrot
die Salzsäulen derer die sich umgesehen
haben: bizarre Denkmale am Horizont“

Besonders gelungen empfinde ich das Kapitel „Kaskaden“. Hier zeigt Danz bereits aufgrund der gewählten Form die Kaskadenhaftigkeit der Verse. Die Zeilen springen hinab, verbinden sich mit weiteren Zeilen, springen weiter hinab. Die Themen der einzelnen Kaskaden sind aussagekräftig. Einmal geht es ums Glück, dann um die Geschichte, mehrmals um die Arbeit, aber auch um Geheimnisse. Dabei bleiben die Gedichte sehr konkret. Sie erzählen uns beispielsweise von den harten Arbeitsbedingungen in einem Braunkohletagebau oder im Stahlwalzwerk.

Highlight ist für mich in seiner Schlichtheit und Litaneihaftigkeit das Gedicht „Mythos“ aus dem Kapitel Arkanum. Ich zitiere es hier ganz:

Mythos

Die Erzählungen der Ameisen auf ihren
Pheromongleisen die Erzählungen der Bienen in ihren
Schwänzeltänzen
die Erzählung der abgeknickten Zweige eines Wildwechsels
die Erzählung der entwurzelten der morschen
der von Kerfe durchfurchten Buchenstämme
die Erzählung der Wolken und des Lichts
die Erzählung der wandernden Schatten im Sand
die Erzählung des Nieselregens im Wasser
die Erzählung der Falten meiner Hand
der Tonlage meiner Stimme
die Erzählung des Blicks mit dem du die Welt betrachtest
die Erzählung der Welt ohne dass du sie anschaust
weiter und weiter erzählt sich die Welt
noch lange nachdem du und ich
und keiner den wir kannten
mehr zuhört

Im Kapitel „Wildnis der Rede“ kommen wir dem Individuum näher, welches in der Auseinandersetzung mit Steuerbescheiden, Umweltkatastrophen, Flüchtlingsschicksalen, dem System, der Politik, dem Bangen und dem Kampf um die Demokratie lebt. Wirklich noch lebt? Eine Frage, die den ganzen Band durchzieht. Wie wollen wir leben? Wie kann eine lebenswerte Zukunft gelingen?

Crash dieses Katastrophenkurses dem Zusammenbruch des Sys-
tems 
der allumfassenden Zerstörung die den Staat sprengt den Staat
der verfällt und geblendet stehen die Hörenden die die Abgabenlas-
 ten tragen die Zinslasten die Steuerlasten die der Belastung nicht
standhalten unter den Lasten leiden die Leidtragenden stehen der
Täuschung ausgesetzt geblendet im Rauch der Nebelkerzen …“

Und Danz beleuchtet in vier Gedichten dann auch noch den ebenfalls naturgemachten? menschgemachten? Virus, der uns Anfang des Jahres heimsuchte. Ich halte wenig von Coronagedichten, Coronatagebüchern und so sind es auch in meinen Augen Gedichte, die für den Band nicht notwendig sind, die eher ablenken. Dennoch sind sie womöglich besser als vieles, was es sonst so zu Corona zu lesen gibt.

Ich empfehle diesen Band der 1976 in Eisenach geborenen Dichterin sehr. Sie hat mich in ihrer souverän-sicheren Sprache und mit dem Klang der Kaskaden in ihre Welt gelockt. Ein Leuchten!

„Wildniß“ erschien im Wallstein Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Im folgenden Video liest Daniela Danz das erste Gedichte aus ihrem Buch:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Johanna Hansen: zugluft der stille edition offenes feld

Blau ist, wie mir scheint, die Farbe von Johanna Hansen. Das Coverbild ihres Lyrikbands „zugluft der stille“ betrachte ich immer wieder wie hypnotisiert. Das  Porträt einer Frau, umschmeichelt von blauestem Blau. Ein Blau, dass mich direkt hineinzieht in die Gedichte. Innen gibt es weitere Malereien der Autorin, die gleichzeitig auch bildende Künstlerin und Herausgeberin der Literaturzeitschrift „Wortschau“ ist, immer als Unterteilung der einzelnen Kapitel.

Noch vor dem Blau kommt in den Gedichten allerdings die Farbe weiß. Der weiße Schnee – das weiße Blatt. Winterlandschaften, äußere und innere. Grenzen kennen die Verse scheinbar keine. Weder zwischen Körper und Seele noch zwischen Wirklichkeit und Phantasie. Scheinbar … wären da nicht die Punkte. Die vielen Punkte, die andere Satzzeichen nicht benötigen. Das verlangsamt die Lektüre, das macht die Leserin achtsamer. Mir kam es mitunter vor, als würden die Verse zwischen den Punkten meine Atemzüge begleiten. Ein. Aus. Der Rhythmus vorgegeben. Und der Punkt als winzige Atempause. Ein Innehalten. Wer die Gedichte so liest, kommt ins Fließen.

„sobald mir die stimme wegbleibt im digitalen dauerregen.
konzentriere ich mich auf das geräusch meines atems.
ganz dicht neben dir. beim spaziergang im park höre ich
es deutlicher. und heute fiel dort von einem ulmenzweig
beiläufig und leise ein ach“

Und Wasser gibt es in der Tat auch in Hülle und Fülle. Ostseewasser ist dabei: Die Dichterin brachte Verse mit von einem Künstleraufenthalt in Lettland. Im Kapitel „schwimmschnee“ sind sie aneinandergereiht wie Perlen. Sie erzählen Geschichten …

Ein umfangreiches Kapitel widmet sich der Kindheit. Es ist mir das eindrucksvollste. Von Geburt an, womöglich schon vorgeburtlich. Es sind mit Zeilen von Kinderliedern oder Sprichwörtern durchzogene Texte, die kaum kindlich kuscheliges haben. Es ist die Kindheit eines Mädchens in Nachkriegszeiten, der Vater stumm, die Mutter fleißig und gläubig.

“ … mama sagt. gott teilt alles zu. auch die schuld. aber der
krieg passt in keine schuld. sie ist einfach zu groß und verschlingt
uns vollständig. eimerweise schütten wir vergib uns unsere schuld
aus den tagen. waschen den krieg ab. der bleibt trotzdem schmutzig.
kann nicht aufgeräumt und nicht weggeputzt werden. so viele
wörter werden ans kreuz geschlagen. vollkommene wörter. tauber
kram. unsichtbar. wie ich.“

Es sind starke teils albtraumhafte Sequenzen, die mitunter Bilder aus meiner eigenen Kindheit wecken. Zwischendurch immer wieder Momente der Lebendigkeit wie im Gedicht „kopfüber herzunter“. Wenn ich es richtig interpretiere geht es hier um die große Entdeckung des Schreiben- und/oder Lesenlernens. Die Schönheit des geschriebenen Worts, das Glück des Ent-zifferns. Und auch Tröstliches wie die Anna im „Porträt in Sepia“. Die Köchin, die Haushälterin?

„… sie den kopf ungeniert in den nacken legt. einfach
lacht. kind sagt. und winkt über die wicken
am zaun …“

Dann ein Sprung. Die Dichterin ist mit Paris verbunden, das Lyrische Ich ist dort unterwegs. Im Gedicht „madame“ folgen Stadtimpressionen. Sinnlich. Womöglich beeinflusst durch den Eindruck eines Bildes im Museum? Womöglich durch den Wandteppich Dame mit Einhorn? Eine poetische Bildbeschreibung mit vielfältigen Assoziationen und Wendungen folgt.

Und dann geht es zum Abschluss wieder in den Schnee. Es geht nach Davos. Das gefällt mir gut, denn ich bin Liebhaberin des „Zauberberg“ der von Thomas Mann hier angesiedelt wurde. Und es schließt sich auch ein Kreis – der des Ein- und Ausatmens. Denn hier fanden sich, die Lungenkranken in Sanatorien. Die Liegekur an der frischen Luft sollte heilen. Die Dichterin lässt das Lyrische Ich tief im Archiv der Sanatorien kramen. Hier finden sich „kulissen für inspiration. expiration“ und dem letzten Satz kann ich als ebenfalls Dichtende nur zustimmen:

“ … erst beim überschreiten des sprachraums zur stille öffnet sich das wort wie eine tür zum gedicht.“

Johanna Hansens Band weist auf ein künstlerisches Doppeltalent, was mich immer ganz besonders staunen lässt. Vor allem wenn, wie hier zu erkennen ist, sich das Eine mit dem Anderen verbindet und jede Trennung sich auflöst. Der Gedichtband erschien in der Edition offenes Feld. Danke für das Rezensionsexemplar!

 

 

Grand Tour – Reisen durch die junge Lyrik Europas Hanser Verlag

 

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„Die Grand Tour war, vor allem im 18. Jahrhundert, die klassische Bildungsreise für junge Adelige, aber auch für Künstler und Intellektuelle, vor allem nach Italien, mitunter aber auch nach Paris und London, nach Athen, Istanbul und Amsterdam, um die dortige Architektur, Kunst und Kultur kennenzulernen, um den eigenen Horizont zu erweitern und das Erlernte und Erlesene durch sinnliche Erfahrungen vor Ort ergänzen und vervollkommnen zu können, was Monate, manchmal Jahre dauern konnte.“

Eine ganze Weile liegt die umfangreiche bereits 2019 erschienene Lyrik-Anthologie „Grand Tour“ nun schon hier und gerade zur Zeit, da Reisen selbst in Europa derzeit noch schwierig sind und es wieder Grenzkontrollen gibt, nehme ich sie immer wieder zur Hand. Tatsächlich fällt es mir derzeit auch leichter Lyrik zu lesen als Prosa. Womöglich liegt es an der schönen Abstraktheit oder an der Möglichkeit, mich als Leserin viel weiter „auszudehnen“ als im Roman.

„Vielleicht ist die uralte, bis in mythische Zeiten zurückgreifende, aber immer noch bemerkenswert lebendige Form des Gedichts nicht das schlechteste Mittel um festzustellen, an welchem Punkt des Weges hin zu jenem Ort oder Zustand, zu einem idealen Europa, wir uns befinden.“

Die Herausgeber des Bandes sind Jan Wagner, kein Unbekannter, spätestens seit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2015, und Federico Italiano, ebenfalls wie Wagner Dichter und Übersetzer. Aus einem unter Lyrikern bei einem Poesiefestival entsponnenen Vorhaben wurde ein umfangreicher Band kreiert, der wirklich einen schönen Einblick in die Lyrik unserer europäischen Nachbarn gibt. Viel Arbeit war es. Mehrere Jahre haben beide Herausgeber über Inhalte diskutiert, beraten, gestritten und entschieden. Zunächst aus der Ferne dann im Zwiegespräch. Beide erzählen darüber im aufschlussreichen Vorwort. Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung war hinlänglich am Gelingen beteiligt.

730 Stimmen und 49 Länder auf 584 Seiten. Quer durch Europa mit Gedichten, eine wundervolle Entdeckungsreise, eine Fülle an Leseanregungen. Alle Autoren sind mit ihren Büchern im Anhang zu finden (allerdings ohne biographische Daten). Jedes Gedicht wurde in deutscher Übersetzung und der Originalsprache abgedruckt. Es wurde weder irgendwie chronologisch noch alphabetisch verfahren. Die Herausgeber haben sich entschieden die Texte in sieben verschiedene Reisen/Kapitel zu unterteilen. Dabei sind all die bekannten und großen Dichternationen, aber auch kleine Länder mit vollkommen unbekannten Namen. Von Island bis Georgien, von Portugal bis Estland oder von Finnland bis Belgien. Bretonisch, irisch, samisch, rätoromaisch: Alles wurde übersetzt. Alle haben eine gleichwertige Stimme. Einzig eine Einschränkung gibt es: Es wurde entschieden, um den Begriff „junge Lyrik“ einzugrenzen, eine Altersgrenze bis zum Jahrgang 1967/68 zu setzen.

Schnell ist das Jahrhundert. Wir überleben die leichten
Erdbeben,
indem wir in den Himmel schauen statt auf die Erde.
Wir öffnen die Fenster, um Luft hereinzulassen
von den Orten, an denen wir noch nie gewesen sind.
Kriege existieren nicht, weil täglich jemand
unser Herz verletzt. Schnell ist das Jahrhundert.
Schneller als das Wort.
Wäre ich tot, würden mir alle glauben,
wenn ich schwiege.“

Nikola Madzirov – Alexander Sitzmann

Eine riesige Fülle an Dichtern und Übersetzern sind an diesem Projekt beteiligt gewesen. Ein besonders reger Austausch entstand zwischen den Nationen, der durch den Rahmen von Poesiefestivals ohnehin gegeben ist. Länder- und sprachübergreifend wurde gearbeitet. Erkennbar ist auch, wie viele der Autor*innen ohnehin in mehreren Gegenden und/oder Sprachen zuhause sind und wie kurz zum Glück die Wege durch das heutige Europa geworden sind. Die Themen sind vielseitig und vielschichtig, durchaus auch gesellschaftskritisch und politisch engagiert. Die folgend abgebildeten 3 Texte kommen von Dichter*innen, von denen ich auch bereits Bücher auf dem Blog besprochen habe (siehe link):

Wer Lust darauf hat Lyrik zu entdecken und noch nicht so recht weiß, wohin die Reise gehen soll, dem sei dieses feine Buch als Wegweiser ans Herz gelegt. Lyrik leuchtet!

Grand Tour erschien im Hanser Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier noch der Beitrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zum Buch:

 

 

Nancy Hünger: 4 Uhr kommt der Hund Edition Azur

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Den Hund kennt man bereits. Der „schwarze Hund“ ist zum Symbol für die Krankheit Depression geworden. Bereits Winston Churchill sprach über seine Depressionen als Schwarzer Hund. Und außer einem kleinen Bilderbüchlein für Erwachsene, welches ich nicht wirklich gelungen finde, hat auch der an Depressionen erkrankte australische Lyriker Les Murray über den „Schwarzen Hund“ geschrieben. Nancy Hünger spricht nur vom Hund, der ihre Heldin regelmäßig in der Nacht um 4 Uhr besuchen kommt.

                                                                    „… bei aller
anstrengung war das anziehen urplötzlich unmöglich
und ich fand nicht mehr hinaus aus dieser nacht die
dem tag glich der der nacht glich und immer so fort
und so weiter urplötzlich unmöglich“

Hünger hat einen sprachlich herausragenden poetischen Band geschrieben. Die Thematik ist keine einfache. Aber die Herangehensweise, damit umzugehen oder zumindest im Nachhinein darüber zu reflektieren ist möglicherweise eine ideale. Die kurzen Sequenzen bilden letztlich eine Einheit und sind aber jede für sich Sprachkonstrukte von besonderer Art. Die Worte reihen sich aneinander, sind im Fluß ohne Punkt und Komma. Die Gedanken sprudeln unaufhörlich, vermeintlich wirr, doch bei wiederholtem Lesen entstehen Zusammenhänge von ganz allein.

                                                           „… jenseits der grenze sind
wir nun ein seltsam fremdes aus seltsam fremden tieren die
einsam immer kleinere runden drehen in den immer
kleineren zimmern die schnüren uns noch die luft schnüren
die uns ab bei lebendigem bewusstsein schnüren wir über
den hof wie kleine halbverhungerte rauchende tiere im zoo
ist man frei denken wir oft dass wir einmal menschen
gewesen sein müssen irgendwie frei bis auf das hemd das
uns trug als wir noch menschen waren die vor einer grenze
standen“

Es geht um eine Frau, die in eine geschlossene Abteilung der Psychiatrie kommt. Der Eindruck, der beim Lesen entsteht, lässt einen psychischen Zusammenbruch vermuten. Es scheint um eine zerbrochene Beziehung zu gehen. Eine, die glücklich begann, aber unglücklich für die Protagonistin endete. Man könnte aus dem Gelesenen schlussfolgern, dass es sich um eine toxische Beziehung handelte, in der auch Gewalt vorkam, physisch, psychisch und/oder emotional …

Es klingt an, dass die Frau sich vollkommen verloren hat in dieser Verbindung und sinnbildlich nur noch ganz klein ist. Das manifestiert sich aber auch im Körper, der offenbar immer mehr Gewicht verliert. Zumindest stellt das die „Wiegerin“ fest, die täglich nachprüft, ob es denn mehr geworden ist. Denn wenn es nicht mehr wird, gibt es keine Aussicht auf Ausgang, keine Aussicht auf Freiheit. Und dann kommt eben nachts um 4 Uhr der Hund. Und Albträume und der Wunsch nach dem Nicht-mehr-Dasein.

                                                  „ha ha sagen die Kittel c‘ est la vie
oder positiv denken positiv verrecken ha ha
gruppentherapie das leben hat auch schattenseiten carpe
mortem genieße auch die kleinen leiden lerne dich selbst zu
hassen sorge dich nicht sterbe einfach schuldig an dir
selbst“

Es ist so beeindruckend wie die Dichterin diese Erlebnisse sprachlich behandelt. Wie die Worte wirken, wenn sie aus einem gebrochenen Körper, einer verletzten Seele kommen. „Ein unglückliches Sprechen“ heißt es auch im Untertitel. Da kommen Wörter vor wie „Schelf“ oder die „katabatischen Winde“, die ich nicht kannte. Schelf ist ein Begriff aus der Geologie und der Ozeanografie. Katabatische Winde sind z. B. der Mistral oder die Bora, also recht kalte Winde. Und die innerlichen Zustände als Wetter- oder Naturphänomene zu benennen ist da so abwegig nicht.

Ergänzt wird der durchweg kleingeschriebene Text mit Zeichnungen von Tommy Reinhardt, die ebenso überraschen, wie die Worte. Mit Bleistift oder Graphit skizzierte Dinge oder Personen befinden sich jeweils an einigen Stellen in Auflösung, was eine unheimliche Stimmung auslöst, die durchaus zum Geschriebenen passt.

Nancy Hüngers Lyrikband erschien im Verlag Edition Azur. Mehr über die Autorin und ihre bisherigen Bücher gibt es auf der Verlagsseite. Meine Besprechung zum vorherigen Lyrikband „Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett“ gibt es auf fixpoetry.

Jón Kalman Stefánsson: Ástas Geschichte Piper Verlag

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„Im Übrigen stimmt die Wahrheit des Herzens nicht immer mit der Wahrheit der Welt überein. Darum ist das Leben unbegreiflich. Das ist der Schmerz. Das ist die Trauer. Das ist die Kraft, die uns zum Leuchten bringt.“

Es ist der erste Roman, den ich von Jón Kalman Stefánsson lese. Lange schon liebäugelte ich mit dem bekannten isländischen Autor und nun gab es eine Lesung im Felleshus der Nordischen Botschaften in Berlin (Foto unten der Autor im Gespräch mit Kristof Magnusson) und das war willkommener Anlass für den Einstieg ins Werk. Gleich vorweg: Jón Kalman Stefánssons Erzähler im Roman „Ástas Geschichte“ ist höchst unzuverlässig, wenngleich allwissend. Er erzählt und kommentiert und plaudert aus dem Nähkästchen, beobachtet ihn an seinem Schreibtisch, während man neugierig auf den Verlauf von Ástas Geschichte ist.

Das Wort Ást bedeutet im Isländischen Liebe. Und von einer oder gar mehreren Liebesgeschichten handelt auch dieses Buch. Wenngleich es nicht um erfüllte Liebe geht, wie könnte es anders sein. Ob die Mutter Ásta geliebt hat, obwohl sie sie als Kleinkind verließ? Obwohl sie doch ein Kind der Liebe war und nach einer zentralen Figur eines Romans von Halldor Laxness benannt war?

Der eigentliche Inhalt ist schnell erzählt: Das Leben Ástas scheint von Anfang an unter einem eher dunklen Stern zu stehen. Von der Mutter früh verlassen, wächst sie bei einer Ziehmutter auf, wird als Teenager zur Arbeit aufs Land geschickt, weil sie als „schwer erziehbar“ gilt und auch später tanzt sie aus der Reihe. Sie will sich nicht einordnen in die Normalität der Anderen und fällt dadurch oft „unangenehm“ auf. Doch trotz ihres wilden freizügigen Lebens wird sie nicht glücklich, denn die Männer, die sie ob ihrer Schönheit so anhimmeln, sind nie die richtigen. Bis auf einen, den sie verliert.

In Rückblenden aus der Sicht des Vaters (der zudem noch im Sterben liegt), in späten Briefen Ástas an einen verlorenen Geliebten und mit vielen Zeitsprüngen bahne ich mir als Leserin meinen Weg durch Raum und Zeit und decke die verschiedenen Schichten auf, erlese mir meine Sicht auf diese Frau, die „Liebe“ heißt.  Im letzten Drittel jedoch nahm die Neugier auf Ásta ein wenig ab, vielleicht weil, obgleich gut konstruiert, doch manche Kapitel in die Länge gezogen und wirr wirken. Mitunter finde ich die Art und Weise, wie hier von Liebe gesprochen wird, ein wenig zu süßlich, dann wieder arg derb. Vielleicht liegt es an dem, wie ich glaube, deutlich männlichen Blick. Auch sprachlich wurde ich nicht überzeugt, obwohl es einzelne schöne Sätze gibt (siehe Zitat oben). Dennoch kann man sagen, dass Stefánsson eine prägnante eigene Art hat zu schreiben, die man sicher aus vielen Texten heraus erkennen würde.

Schön finde ich, dass ich durch die Lektüre einige interessante, mir bisher unbekannte Dichter kennenlernen konnte, wie etwa den Norweger Sigbjørn Obstfelder (bekannt mit Rilke und Munch), dessen Zeilen aus dem Gedicht „ich sehe“ mir doch sehr aus der Seele sprechen:

Jeg ser, jeg ser …
Jeg erist kommet paa en feil klode!
Da saa underligt …

Ich schaue, ich schaue …,
ich bin auf dem falschen Planeten gelandet!
Es ist so seltsam hier …

Der Roman erschien im Piper Verlag und wurde übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine Leseprobe gibt es hier.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Juha Hurme: dEr VerRückTe Kommode Verlag

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Es gibt immer etwas zu entdecken im Schweizer Kommode Verlag. Da gab es den künstlerisch gestalteten Band „Belichtungen“ von Nadine Olonetzky und den hervorragenden Roman „Kind aus Glas“ von Maarja Kangro und nun also „Der Verrückte“. Schon auf den ersten Seiten, weiß ich, dass ich mich in diesem Roman zuhause fühle, geht es doch um diejenigen, die einmal oder immer mal wieder aus dem System herausfallen, ungewollt, einfach weil sie und ihr Bewusstsein manchmal etwas anders ticken, eine Pause brauchen von dieser schnellen Welt und weil der Held dieser Geschichte bald seine Rettung in der Literatur sieht.

„Das erste Mal starb ich Anfang der Achtziger in Schweden, mit knapp über zwanzig.“

Das ist der erste Satz dieses Romans. Juha Hurme hält sich aber weder mit dem ersten noch dem zweiten Sterben lange auf, sondern erzählt uns die Geschichte des dritten Sterbens, welches im Jahr 2009 zur Adventszeit in Helsinki stattfindet. Es erwischt den Helden dieses Romans eiskalt.

„Ich spürte, dass Es kam. Dieses Buch erzählt Davon. Von Dem, was keinen Namen hat. Ich lag mit offenen Augen auf dem Bett und schätzte, wie weit Es weg war. Es war eindeutig näher als je zuvor, um die Ecke, würde ich sagen.“

Das „Es“ bringt in schließlich nach einer schrecklichen Nacht soweit, sich im gelben Haus einzufinden, sich selbst einzuweisen. Der Ich-Erzähler wird von Wahnvorstellungen geplagt, er glaubt, er sei tot. Kein klarer Gedanke scheint mehr zu fassen zu sein. Vollkommen außer Rand und Band kommt er in eine psychiatrische Abteilung, wo es doch recht schnell zu einer Randale kommt, zu einem Zweikampf mit einer „Handlangerin“ und später mit einem „Schlägertrupp“. Nach durch Beruhigungsmittel aus dem „Chemielabor“ verschlafenen, verlorenen(?) Tagen folgt die Verlegung in die geschlossene Abteilung. Hier kommt es zu den interessantesten Begegnungen mit Mitpatienten, wie „Einsdreiundsechzigeinhalb“, die jeden zur Begrüßung nach der Größe fragt oder mit Puupponen, der die Musikszene der 68er neu aufmischt. Auch kommt es zu Flashbacks in die Kindheit. Auch die war schon von kleineren Verrücktheiten, zumindest aber von enormer Fantasie und Kreativität durchzogen. Und nun sieht er seine Mutter, seinen Vater, die sich schließlich als Mitpatienten erweisen und wird nachts von hanebüchenen Träumen verfolgt. Da hilft nur die Literatur. Manchmal ist es dann auch die Bibel, die auf Stichhaltigkeit überprüft wird, schließlich ist bald Weihnachten.

„Bei Matthäus gibt es keinen Stall, sondern Maria gebärt ganz gewöhnlich zu Hause, in der Stadt, in der sie mit Josef wohnt. Der Stern führt die Weisen zu ihrem kleinen Eigenheim. Hier bedarf es auch keiner Engel oder anderer himmlischer Divisionen.“

Im Gepäck dabei ist auch der finnische Dichter und Dramaturg J.J. Wecksell (der selbst in der Psychiatrie landete, unter anderem zeitweise in Köln), dessen Werk unseren Helden anregt, ein Stück über dessen Wirken zu schreiben. Ein Stück, dass ihm hilft, wieder mehr zu sich zu kommen: Schreiben tut gut. An Silvester soll es aufgeführt werden. Als Schauspieler fungieren die Leidensgenossen und die schmeißen sich so richtig ins Zeug, obwohl manch einer dann doch abspringt oder reißaus nimmt.

„Verworrenheit ist ein Zeichen der Zeit,
Verworrenheit ist die einzige
Lösung für das Rätsel des Lebens.“

Das wilde Stück findet komplett Eingang ins Buch und ich lerne J.J. Wecksell (1838 – 1907) kennen, wenn auch aus sehr schräger Perspektive, aber was ich nicht verstehe, kann ich ergooglen. So erweitert dieses herrlich außergewöhnliche, in aller Tragik enorm witzige Buch meinen Horizont und womöglich auch mein Bewusstsein. Für alle, die es „gegen den Strich“ und skurril mögen ein Glücksfall!

Der 1959 geborene finnische Autor Juha Hurme inszeniert auch Theaterstücke und schreibt Romane. Mit beidem ist er in Finnland sehr erfolgreich. Er setzt sich außerdem für die schwedische Sprache in Finnland ein. Übersetzt wurde das Buch von Maximilian Murmann. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Eva Maria Leuenberger: dekarnation Literaturverlag Droschl

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Auf dem Lyrik-Debütband der 1991 in Bern geborenen Eva Maria Leuenberger schlängelt sich das Skelett eines Fisches(?) über das Cover. Es könnte mit zarter Pastellkreide gezeichnet sein, könnte aber auch schlichtweg eine Röntgenaufnahme sein. So passt das Cover stimmig zum Titel und weist bereits auf die zu erwartenden Gedichte hin.

Auf wikipedia finde ich folgende Beschreibung des Wortes Dekarnation:

„Die Dekarnation(„Entfleischung“) oder Exkarnation(„Ausfleischung“) bezeichnet in der Archäologie und der Ethnologie(Völkerkunde) alle Vorgänge, durch die ein menschlicher Leichnam oder ein Tierkadaver von allen Weichteilen befreit wird, so dass nur die Knochen und bei Tieren auch das Geweih oder die Hörner übrig bleiben. Verschiedene Techniken der Dekarnation wurden und werden als Teil von Bestattungsritualen angewendet; das reicht vom Auslösen mit Messern, Verwesenlassen und Wiederausgraben bis hin zum Aussetzen als Fraß für Vögel.“

Sehr einladend klingt das zunächst nicht, doch schon beim Lesen des ersten Gedichtes, weiß ich dass mir hier etwas Existentielles angeboten wird, etwas was mich brennend interessiert. Wer sich nicht scheut, mit der Vergänglichkeit in Berührung zu kommen, ist hier willkommen. Das, was letztlich uns alle betrifft, bereits zu Lebzeiten wahr zu nehmen, zu integrieren, sich damit zu beschäftigen, ist keine allzu schlechte Idee.

„du bist nichts als zeit die fest
wird und zerrüttet
/ ein bröcklig gewordener ton
der zittert und bricht /“

Es beginnt im Kapitel eins alles noch sehr idyllisch in einem „Tal“, an einem Bach. Ein Mensch, erwacht, ein lebendiges Wesen berührt das Wasser, das Moos, sieht das Reh, den Vogel, den Himmel, den Himmel gespiegelt im Wasser. Das Lebewesen steht auf und geht … und wer weiß, ob es dann noch ein lebendiges Wesen ist oder der Versuch einer Auferstehung, am Ende gar Wiedergänger? Ein Naturgeist? Eine Moorleiche? Befinde ich mich in einem dystopischen Szenario?

Was Leuenberger hier in kraftvolle und doch feine Poesie übersetzt, ist ungewöhnlich und gefällt mir sehr. Naturgedichte? Ja. Aber es ist keine liebliche Natur, die in den vier Kapiteln „ Tal, Moor, Schlucht, Tal“ genannt, auftaucht. Es ist eine wilde unnachgiebige Natur, die sich ihr Reich zurückerobert. Die Verstorbenen werden vom Moor umschlungen und bleiben. Und werden lange lange Zeit später selbst wieder Moor. Wie kurz doch ein Menschenleben ist! Wie klein der Mensch im Großen Ganzen.

„dort, wo der see zu moor wird
gibt es keine zeit
ein moor und ein körper
heißt unendlichkeit“

Im zweiten Kapitel „Moor“ wird es dann klar, dass es sich um Moorleichen handelt. Mann Tollund und Frau Elling sind zwei tatsächlich in Dänemark im Moor gefundene Menschen. Erhalten noch Knochen und Haare. Dekarniert von der Natur selbst.

Leuenbergers Gedichte, eigentlich ist es ein einziges langes Gedicht, sind von einem einzigartigen Rhythmus geprägt. Ich muss an klassische englische Naturdichter denken, wobei hier alles extrem verknappt gehalten ist, keine Ausschweifungen, nur die Klarheit und Direktheit der Natur. Mehr braucht es nicht. So ist es sogar eindringlicher und zwischendurch geradezu unheimlich. Im Anhang lese ich, dass die Lyrikerin sich mit Emily Dickinson („vielleicht ist sehnsucht ein weißes Kleid“) und Anne Carson beschäftigt und diese auch einige Male zitiert.

Das dritte Kapitel, „Schlucht“ überschrieben, hebt sich durch die Gestaltung, die Einteilung der Verse ab. Enorme Zeilensprünge, Einrückungen, viel Leerraum dazwischen. Hier befindet sich ein Wesen, eine denkende fühlende Kreatur auf dem Weg durch Raum und Zeit, befindet sich womöglich bereits im Übergang in eine andere natürliche Daseinsform.

„und vor dir
wartet die schlucht

der anfang der nacht dringt
durch die zweige du weißt
niemand wartet auf dich
du weißt es und trotzdem
suchst du die bäume ab“

Im letzten Kapitel kehrt alles zurück, bewegt, verwandelt und so schließt sich der Kreis. Anfang und Ende unabwendbar das „Stirb und werde“.

In einer erweiterten Sichtweise finde ich das Dasein in einem Körper, der nicht mehr funktioniert. Geht es um Krankheit, Schmerz? Eher noch um den Tod. Leuenbergers Gedichtzyklus könnte ein Memorandum des Sterbens sein. Ein/e Sterbende/r erzählt, Körpervorgänge im Focus. Es kann aber auch die Beschreibung eines alten Horrorfilms sein: „das Bild knistert“. Es könnte der Weg Dantes ins Inferno sein. Es kann ein Traum sein. Ein Alptraum. Eine Vision.

„einmal reißt der nebel ein
und die luft dringt durch –
stille taut auf und wasser:
tropft die worte weich“

Aber vielleicht ist es alles ganz anders. Möge jede/r sich selbst ein Bild machen. Und Bilder gibt es ausreichend, sie entstehen sofort. Und es darf auch ein Geheimnis bleiben. Fragen dürfen bleiben, blieben mir noch tagelang … So oder so ist dieser Gedichtband in meinen Augen ein kleines Wunder.

Diese Rezension erschien zuerst am 14.8. auf dem Hotlistblog.