Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme Elif Verlag

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Erneut und nun schon zum dritten Mal, kommt ein Lyrikband aus Island im Elif Verlag heraus. Die Zusammenarbeit des Verlegers Dincer Gücyeter mit Übersetzer Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason trägt reiche Früchte. Wieder ist er ganz anders gestaltet, als die beiden Vorgänger. Es ist der letzte Band, der von Sigurður Pálsson veröffentlicht wurde. Er starb 2017. Posthum wurde sein Band für den „Preis des nordischen Rats“ nominiert. Auch zuvor wurde der Dichter bereits mit Preisen geehrt. Interessant an Pálssons Biografie ist, dass der 1948 geborene in Frankreich die Sprache und Literatur studierte, auch die Studentenunruhen 1968 miterlebte, und später zurück in Island neben seiner Dichtertätigkeit und der Arbeit für Film und Radio, diverse literarische Werke vom Französischen ins Isländische übertrug.

Pálssons Gedichte sind so, wie Gedichte für mich sein sollten. Nicht über die Maßen verrätselt und doch mit ungewöhnlicher Tiefe. Das erste Gedicht, welches mich beim Blättern in Bann zog, ist eines über das Schreiben. Es ist mir sehr nah, finden sich doch die Worte meiner eigenen Lyrik oft auf ganz ähnliche Art. Schattiges Glück heißt es und ist unten auch im Isländischen Original abgebildet.

Im ersten Teil finden sich kleine Aberwitzigkeiten, es findet sich Feuer und Glut, eine heitere Vielfarbigkeit, eine Neigung zur Farbe Weiß. Die Worte haben das Sagen, sind Lichter und Laternen und kommen auf ungewohnte aber äußerst wohlwollende Art und Weise. Und die Liebe gedeiht, fließt über die Insel und in Herzensdingen fallen die Worte weich und zart.

Alle Gedichte haben ein ganz eigenes Gewicht. Mir fällt der Begriff wertvoll ein. Aber es sind die kleinen Werte. Sie sind zu finden in dem wundervollen Zyklus „Stimmen in der Luft„, die den Dichter zu einem Seher werden lassen, quasi als Medium des Winds.

„Während der Windhauch zum Balkon hoch glitt
fand er ein Buch soeben vom Leben geschrieben
er las es durch von Anfang bis Ende
und entbrannte vor Begeisterung
er fuhr durch alle Straßen
und erzählte den Leuten
was er gelesen hatte

Erzählte den Leuten
von dem großen Wunder

dass das Leben zeichnen und schreiben könne
und er könne lesen“

Dann kommen die Nachdenklichkeiten und die Bewegung im Herzen, sehr innig und durchdrungen. Jedes einzelne Gedicht stellvertretend für ein Dichterleben. Sie zeugen von einer gelebten Spiritualität, erinnern in mancher Schlichtheit an Haikus, an östliche Weisheiten, an die Verbindung zum Größeren, sei es die Natur, sei es etwas Göttliches. Ich lese eine genaue Wahrnehmung, eine Achtsamkeit, eine enorme Sinnlichkeit, eine Bewusstwerdung. Eine Letztendlichkeit.

Weiße Nacht

Schlaflos war sie nicht
diese Nacht

Gleichwohl war sie weiß
vollkommen schneeweiß

Am Morgen liegt ein Blatt
mit Buchstaben
auf dem Tisch

Der, der am Tisch saß
ist verschwunden“

Mich begleiten Pálssons Gedichte herzlich tröstend. Er leuchtet mir durch die Tage und blinkt wie ein Leuchtturm in der Nacht. Mir scheint, die Isländischen Dichter haben eine Gabe, Tiefes und Dringliches in ihrer Lyrik auf eine angenehm natürliche Art zu vermitteln, die es einem leicht macht, sie zu mögen. Ich empfehle diesen Band sehr und weise auf zwei weitere isländische Lyriker/innen hin, ebenfalls im Elif Verlag erschienen:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/10/ragnar-helgi-olafsson-denen-zum-trost-die-sich-in-ihrer-gegenwart-nicht-finden-koennen-elif-verlag/

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/12/22/linda-vilhjalmsdottir-freiheit-elif-verlag/

Ich danke dem Verleger für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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Carl-Christian Elze: langsames ermatten im labyrinth Verlagshaus Berlin

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Es ist der zweite Band, den ich von Carl-Christian Elze lese. Und auch hier bin ich wieder betört von der Schönheit dieser Lyrik. Der Band kommt auch diesmal wieder aus dem Verlagshaus Berlin und ist, wie alle Bände dieses Verlages, ganz wunderbar illustriert. Die Künstlerin ist Lilli Gärtner. Ungewöhnlich ist diesmal, dass der Band zweisprachig ist: Deutsch und im zweiten Teil, der sich auch farblich abhebt in Italienisch. Nicht von ungefähr, sind doch die Gedichte zum großen Teil mit einem Bezug zu Venedig. Die italienische Lagunenstadt von Elze bedichtet, das gefällt mir.

etwas greift in dich ein, in dein biologisches gerüst
als ständen hinter jeder biegung träume
auf den schienen: deine züge entgleisen
deine gedanken, auch deine bewegungen
verwackeln, jemand übernimmt die kontrolle
im dogenpalast deiner zellen: deine schultern
und deine beine beginnen zu zucken, nachts,
und immer öfter am tag im rhythmus …“

Schon das Cover strahlt in blauer Tiefe mit metallisch glänzendem Titelschriftzug. Innen wird es dann Pastell. Zarte, feine Motive, die sich filigran zwischen die Gedichte schmiegen. Textteil wechselt mit Bildteil ab. Das Buch ist fadengeheftet und mit vom Umschlag verdeckter japanischer Bindung. Unterschiedliche feinste Papiersorten wurden ausgewählt.

Elzes Gedichte erzählen von einem Venedig weitab der Touristenperspektive (Der Autor war als Stipendiat des Deutschen Studienzentrums 3 Monate in Venedig). Schon im Eingangsgedicht (siehe oben) spürt man, dass der Dichter versucht hat die Stadt zu durchdringen, aber es trotz längerem Aufenthalt nicht gelungen ist, was bei einer Stadt wie Venedig vielleicht gar nicht gehen kann. Das macht aber gar nichts, denn ob Elze aus der Perspektive einer Eintagsfliege auf die Stadt blickt oder im Zimmer Wagners dem Komponist kurz vor seinem Tod in Venedig über die Schulter schaut, immer ist es ein etwas anderer Blick. Immer bleibt ein Geheimnis.

Der Band ist, wie schon der Vorgänger in Kapitel, Caput genannt, unterteilt. Enorm viele der Gedichte beziehen sich auf Gemälde, die der Autor vermutlich in Museen und Kirchen betrachtet hat. (Auflage für ein Stipendium war ein gewisser Venedig-Bezug der Arbeiten). Gemälde von Tintoretto, Bellini, Giorgione und Carpaccio. Interessant wird das, wenn man sich beim zweiten Lesen die Bilder dazu aufruft, die unter dem jeweiligen Gedicht benannt werden. Hier fühlt man sich, als ginge man selbst durch die Scuola Grande die San Rocco und betrachte Tintorettos Zyklus der Leidensgeschichte Jesu. Obgleich ich sehr kunstbegeistert bin und ich mit den venezianischen Malern auch vertraut bin, gefallen mir die „neutralen“ Gedichte ohne Bildbezug dennoch besser. Sie sind freier, offener, zeigen mehr von der Stadt und auch mehr vom Dichter, was ich spannender finde. Gedichte über berühmte Gemälde, obgleich Elze einen besonderen Ton dafür findet, reichen meist nicht an diese heran, können es gar nicht, können bestenfalls den Blick oder die Auslegung des betrachtend Schreibenden aufzeigen.

„und dennoch gibt es eine art blume, die dich noch immer erfreut
eine art tier, das sich zu dir legt und dich wärmt
einen gedanken, der still hält und dich anhält
in deiner verzweifelten magie, eine art wolke,
die flüstert .. für einen kurzen moment.“

Immer wieder zeugen die Gedichte davon, wie es dem Autor geht, wie der Körper auf die Stadt reagiert, wie der Geist aus dem Lot gerät, ob der ganzen Kunst, der labyrinthischen Gassen, der vielen sinnlichen Eindrücke. Die Stadt als Spiegel des Selbst, das Ich auflösend? Überreaktionen, vielleicht gar das Stendhal-Syndrom? Und das Telefon verloren und zwinkernde Krankenschwestern. Doch dann gleicht sich alles wieder aus. Am Schreibtisch, den ruhig atmenden Hund zu Füßen.

„niemand ist rettbar
in diesem gebilde

weder dogen noch päpste
weder du noch dein kind

alles verschwindet
in einem anfall von schönheit

nichts und alles gelingt“

Elze schreibt alle Gedichte in Kleinbuchstaben, unterschiedlich formatiert, oft Einschübe, viele Zeilenbrüche, auch gestaltete konkrete Poesie. Form scheint genauso wichtig wie Inhalt. Ich kann den Gang durch diese venezianische Bildergalerie nur empfehlen. Denn sie leuchten, diese Gedichte, so hell, wie die Tintorettos oder Bellinis oder so glitzernd, wie die sonnenbeschienenen Wasser der Kanäle.

„langsames ermatten im labyrinth“ erschien im Verlagshaus Berlin. Die Übersetzung ins Italienische kommt von Daniele Vecchiato. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Lia Sturua: Enzephalogramm Edition Monhardt

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Einen sehr besondereren Lyrikband erhielt ich aus der Edition Monhardt. Dank an Stefan Monhardt, der mir diese wundervollen Gedichte erreichbar machte. Der Verleger Stefan Monhardt selbst hat die Gedichte der beinahe 80jährigen Georgierin Lia Sturua zusammen mit Nana Tchigladze übersetzt und nachgedichtet. Daraus entstanden ist ein zweisprachiger Band, was ich sehr schön finde, da ich die georgische Schrift sehr mag. Ausgesucht hat Lia Sturua Gedichte aus ihren letzten Büchern.

„Eine Energiesparlampe brennt in meinem Kopf,
in dem sich die Kinder vor Kälte krümmen,
ich wärme sie nicht, beruhige sie nicht,
ich werfe sie gleich in das Gedicht wie
ins Taufbecken“

Bereits der Titel weist auf eine inspirierende Lektüre hin, zeigt ein Enzephalogramm, eine neurologische Untersuchung der Gehirnströme, doch die Aktivitäten eines menschlichen Gehirns auf. Die Gedichte Lia Sturuas zeugen von einem aktiven, reichen Leben. Von einem Leben voller Intensität. Im Guten wie im Schlechten. Lia Sturua hat zeit ihres Lebens einige Umstürze in ihrem Land erlebt und das geht nicht ohne Prägung ab. Ich erfahre, dass sie in Georgien eine der ersten Frauen war, die sich in ihrer Literatur stark und streitbar zeigten. Die 1939 in Tbilissi geborene Dichterin veröffentlichte 1965 ihren ersten Gedichtband. Ihre moderne Art zu schreiben, zumal als Frau, rief zunächst Unverständnis hervor. Inzwischen ist sie eine der wichtigsten Schriftstellerinnen ihres Landes und erhielt viele Preise für ihre Werke.

Tatsächlich kommt in ihren Gedichten dann auch immer wieder die Thematik der Rolle der Frau, das Selbstverständnis als Lyrikerin. Wie sie darüber schreibt, ist unglaublich faszinierend. Gleichzeitig höchst selbstbewusst und doch immer wieder hinterfragend beleuchtet sie ihre Themen. Ihr Einsatz: Ihre Lebenswelt. Wie verwandelt tritt diese als etwas sprachlich Kunstvolles (nie Verkünsteltes) wieder hervor. Metamorphosen. Viele Geschehnisse treten als Rätsel auf, verwortet in der inneren Sprache der Dichterin. Doch es sind Rätsel, die gerne gelöst werden möchten und deren Auflösung durch jeden einzelnen Leser ganz individuell entdeckt werden kann.

„Ein Winter mit Charakter –
so, wie zu kochendheißem Wasser
allein die orange Tasse passt;
jeden Tag der Wind …
Wenn er sich legt, lässt er seine Zähne in den Bäumen zurück,
dass ihnen das Holz weh tut.“

Lia Sturuas Gedichte rufen Bilder hervor, so eindringlich, dass ich sie sofort in meiner Vorstellung in Malerei verwandle. Diesen Gedichtband zu lesen, ist wie durch eine aufregende Gemäldegalerie zu spazieren, aber auch wie durch einen stillen Garten zu wandeln …

„Weiß steht mir gar nicht,
es spült mir den Charakter aus dem Gesicht,
egal, ob man ein Landschaftsbild oder ein Porträt hineinmalte,
das Gesicht nähme es hin.“

Sturuas Themen sind weit verzweigt. Die Eltern, die Kindheit, das Land, die Liebe und auch die Krankheit, das Altern. Mitunter fließt auch Gesellschaftskritik mit ein. Eine große Kraft strahlt aus allem, auch wenn der Inhalt mancher Gedichte widersprüchliche oder widerspenstige Gefühle aufzeigt. Hingabe statt Aufgabe fällt mir dazu ein.

Ich habe eine reine absolute Freude an diesen Texten, sie stehen mir so nah. Egal, welche Seite ich aufschlage, ich bin sofort ganz bei ihr. Selten darf ich so etwas mit Gedichten erleben. Sie verwandeln sich während des Lesens direkt in Energie. Ein Leuchtfeuer!

Der Lyrikband „Enzephalogramm“ von Lia Sturua erschien im Verlag Edition Monhardt. Mehr über Autorin und Buch hier.

2 x 2ter Lyrikband: Timo Brandt: Ab hier nur Schriften Aphaia Verlag/ Şafak Sarıçiçek: der gestaute und der frei fließende fluß Brot & Kunst Verlag

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Zwei junge Autoren, Şafak Sariçiçek und Timo Brandt, beide 1992 geboren, mit ihrem zweiten Lyrikband gibt es heute zu erforschen. Beide schreiben erstaunlicherweise so viel, dass sie in kurzem Abstand nach ihrem Debüt bereits neue Gedichte in einen weiteren Band packen konnten. Schön aufgemacht sind beide. Beide haben eine unwahrscheinliche Tiefe bei gleichzeitiger Gelassenheit. Inhaltlich und sprachlich sind sie so verschieden, wie sie beide unbedingt beachtlich sind.

Timo Brandt, bekannt durch seine emsige Rezensententätigkeit, sammelt in seinen Gedichten die Welt ein und zeigt sie auf seine Weise. Gleich im ersten mehrseitigen Text „Wider den Tag, dem 23.“ fühle ich mich, als wäre ich in ein Ror Wolf-Gedicht hinein geraten. Da wird rhythmisch gereimt und zwar ziemlich gelungen. Dann wird es bunt. Ein Konglomerat aus Zeilen, Strophen. Experimentierfreudig. bewusstseinserweiternd, suchend? Finde den roten Faden! Freie Verse mischen sich, mal gereimt, mal ungereimt, mal klassisch anmutend, Terzinen, Elegien, mal wild davon driftend, dann auch mal Blocksatz. Die schönsten Worterfindungen gibt es im Gedicht „Mayröcker mitschreiben“, ein ganzer Sack wird hier ausgeschüttet, um zu schauen, was möglich ist. Die Inhalte spiegeln Alltag, Lieben, Erleben bis zur Vergänglichkeit – aktuell, nachdenklich, witzig, persönlich, nah dran. Und wie Matthias Engels in seinem Nachwort schreibt: „Fast ein wenig unverschämt – diese Begabung …“

„Gnadenlos Verständnis, wie bückst du dich, vorbeugend,
ich zieh mir deinen Dorn aus manch Verpasstem, heiß.
Ist nicht Wehren gegen Heiteres, noch nicht Verstummtes
als bräche man von jedem Stift die Spitze, stumpf?

Lebensfaden wird nicht dünner werden. Verdichtete Gefühle,
langend im Lichte der eigenen Bestimmungsfeuer.
Das Unverr/zichtete schlägt Brücken, seltsam tragend.
Bei bangen Fragen setze dich ans Steuer.   (Ja)

Şafak Sariçiçeks Debütband „Spurensuche“ habe ich bereits hier besprochen. Auch das neue Buch ist sehr individuell gestaltet: es ist ein kleines quadratisches, ca. 10×10 cm-formatiges Büchlein, das auf dem Cover und innen feine schwarz/weiß-Illustrationen von Deniz Sariçiçek zeigt. Gleich anfangs merke ich, dass sich der Ton verändert hat. Da hat sich eine Stimme entwickelt. Was vorher augenblicksbezogen und leicht war, dehnt sich nun in schwerer wiegende Verse mit steilen Wortwechseln. Es sind nicht mehr nur die Beobachtungen, es sind daraus gefasste Entschlüsse. Und auch Sariçiçek sammelt die Welt ein und verdichtet sie. Und er spricht in Erinnerung an den ursprünglichen Fluß seiner Herkunft. Auch Worte sind im Fluß, manchmal angestaut. Er beschäftigt sich mit dem Alltäglichen, mit unserer Zeit, mitunter erlese ich Gesellschaftskritik, auch über Grenzen hinaus. Ich meine fast, es sind nun Kopf und Gefühl mehr im Einklang. Im positiven Sinn. Meine Feststellungen basieren auf diversen recht langen Wortbauten, teils stakkatohaft aneinander gereiht. Manchmal geht einem beim Lesen die Puste aus, es gilt Luft zu holen oder sich eine schnellere Lesart anzueignen. Ich mag das, was mit mir beim Lesen geschieht. Ich staune. Ich freue mich sowohl über den gestauten, als auch über den frei fließenden Lesefluß. Hier ein Auszug aus dem gleichnamigen Gedicht:

„der raum selbst war so still
schwalbenstimmen machten bei der tür kehrt
diesen raum umspannte eine so undurchlässige membran
gesponnen aus überbleibseln negierter irrlichter und frühester träume

ausbrechend riss ich die ahnung an ein verirrtes licht mit mir
in die gleißenden teile des frühen jahres“

Mehr über „Ab hier nur Schriften“ beim Aphaia Verlag
Mehr über „der gestaute und der frei fließende fluß“ beim Brot & Kunst Verlag
Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Feuer auf der Zunge Persische Gedichte herausgegeben von Jasmin Tank Edition Pajam

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In der von Jasmin Tank herausgegebenen Lyriksammlung persischer Gedichte finden sich Texte aus allen Zeiten, der älteste Dichter aus dem 11. Jahrhundert, die Jüngste 1977 geboren. Die Herausgeberin hat darauf geachtet, dass auch Dichterinnen Eingang fanden. Die Gedichte sind schön. Für mich besonders die der Frauen. Was mich allerdings richtig begeistert hat sind die Illustrationen von Jasmin Tank. Stimmiger können Dichtung und Illustration keine Verbindung eingehen. Sie treffen vielleicht auch gerade deshalb so sehr meinen Geschmack, weil ich mich mit ähnlichen Materialien in meinen Arbeiten befasse.

Der schmale Band hat ein ungewöhnliches Format, was aber die Zeichnungen am Besten zur Geltung bringt. Er ist beinah quadratisch und hat etwa die Höhe von A5. Der Band ist nicht durchgehend zweisprachig, aber es tauchen immer wieder Übersetzungen auf und in die Illustrationen eingearbeitete arabische Schriftzeichen. Weshalb sich die in Berlin lebende Illustratorin Jasmin Tank mit der persischen Lyrik beschäftigt, erfährt man in ihrem Vorwort. Sie geht mit diesen Arbeiten und mit dem Sichten der Gedichte auch auf die Suche nach den eigenen iranischen Wurzeln, und das auf die schönte Weise, wie ich finde.

Es finden sich Gedichte der weltbekannten Klassiker der persischen Dichtung Farruchi, Hâfez, Dschâmi und auch einer Dichterin aus dem 17. Jahrhundert Zêbunissâ Makfi.

Von Forugh Farrochzād, der 1935 in Teheran geborenen, 1967 gestorbenen Lyrikerin, gibt es unter anderem das wunderbare Gedicht „Das Geschenk“ (siehe Foto oben). Sie war eine der ersten Frauen, die auch die Geschlechterrollen in ihren Gedichten hinterfragte, die in einer freien Versform schrieb, klar und direkt. Es wundert wenig, dass ihre Lyrik von der Regierung verboten wurde. Ich möchte den Text hier noch einmal zitieren, weil die wenigen Zeilen so viel beinhalten:

Geschenk

Vom Ende der Nacht spreche ich,
vom Ende der Finsternis
und vom Ende der Nacht spreche ich.

Kommst du in mein Haus, freundlicher Mensch,
so bringe bitte für mich eine Lampe
und ein Fensterchen, dass ich dadurch
das Gedränge auf glücklichen Straßen erblicken kann.

Eine zeitgenössische Lyrikerin finde ich vor allem noch interessant. Das ist Leila Nouri Naini. sie wurde 1970 in Teheran geboren und lebt in Deutschland. Sie fand zur Lyrik unter anderem durch eine Begegnung mit dem ebenfalls hier im Buch vertretenen Dichter Shamlu. (Ihr Gedicht siehe Foto oben).

Alle Dichter/innen sind am Ende des Buches mit einer Kurzbiografie vorgestellt, zudem gibt es Literatur- und Quellennachweise zu den einzelnen Texten.

Jasmin Tank ist ein wunderschöner Band gelungen, den man als Ein- und Überblick über die persische Dichtung benutzen kann, den man aber auch wegen seiner farbenfrohen und ausstrahlungskräftigen Bilder einfach genießen kann.

Der Band erschien in der Edition Pajam im Goethe & Hafis Verlag.

Mehr über Persische Lyrik gibt es von mir hier und hier.

1.1.19 Frohes Neues Jahr mit Literatur leuchtet

Frohes neues Jahr!
Literatur leuchtet, auch und gerade in der lichtarmen Zeit. Doch es geht aufwärts. Die Tage werden wieder heller. Auch die Besucherzahlen auf meinem Blog sind im alten Jahr wieder gestiegen, nicht spektakulär, aber stetig. Mich freut das sehr, denn es zeigt, dass meine Beiträge ankommen. Ich wünsche meiner Leserschaft auch im Jahr 2019 eine angenehme Zeit mit bester Lektüre.  Bleibt meinem Blog und mir gewogen!

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Spitzbergen, Svalbard

Es reicht nicht. Bergstiefel. Zelt.
Kraft fehlt Geld. Sitzende Ruinen.
Versteinerte Pflanzen, vereinzelt.
Verzweifelt verwurzelt, wo Erdflocken
Flechten als einzige Verzahnung

dienen gefrorene Lockvögel auf
Pisten im Talwind, umtoste Gefieder.
Verwaiste Landstreicher verbringen
die Ewigkeit in endloser Weitsicht.
Eine Steilwand, Sprossen. Wer sichert

das Seil? Befellte Füße und Hände in
Fäustlingen, NordNordOst, Stiegen im Fels
Ziegen im Eis. Schau weiß.
Höre stumme Geräusche, fang haltloses
Licht. Spricht durch gefrorene Wasser leise

die Geschichte, die Gedichte in arktischer
Weise. Stauen sich Schlieren oszillierend,
Himmelsspan, zerflossenes Grün wie
Leuchtraketen gespiegelt in Augen und
Glanz auf komplementärfarbenen Wangen.

Durchdrungen. Erleuchtet. Empfangen.


©Marina Büttner Text &Tusche 2018
aus einem noch nicht erschienenen Lyrikband mit eigenen Illustrationen

 

 

 

24.12. Literarische Adventtürchen

Es weihnachtet!
Literatur leuchtet wünscht eine himmlische Zeit mit bester Lektüre! Frohes Fest! 

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Baum an Buchfink

Aus den entkleideten Bäumen
fallen nun weniger Schatten,
wenn ein Ast sich beugt, ein
Zweig sich bückt, fällt

das letzte Nashorn herab,
knacken lang schon die Eicheln
unterm Schuh, kommt kein
Eichelhäher hinterher. Vielleicht

aber eins, zwei Eichhörnchen
mit Schwindsucht und Fuchsschweif.
Gelangweilt schaut die Kohlmeise
zu, fliegt von Laubfall zu Restmüll

und landet am Blattrand. Ein
Specht zielt und setzt den Schnabel
an und, Zack, spuckt der Tannenbaum,
harzt die Landebahnen der Goldammern,

sticht und nadelt, aufgestapelt
die Gefallenen, die Geschlagenen –
Brennholz für die Welt – am Kaminfeuer
sitzt ein Mensch und liest.


©Marina Büttner Text & Tusche 2018
aus einem noch nicht veröffentlichten Lyrikband mit eigenen Illustrationen

Linda Vilhjálmsdóttir: Freiheit Elif Verlag

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Auch in diesem Jahr kommt aus dem Elif Verlag, dessen kleines Programm immer beachtlicher wird, ein Lyrikband aus Island. Ganz eindeutig scheint die Zusammenarbeit  des engagierten Verlegers Dinçer Güçyeter mit Übersetzer und Islandexperte Wolfgang Schiffer reiche Früchte zu tragen.

„zwischen
himmel und erde
ist alles

wie es geschrieben steht“

Diesmal ist es Linda Vilhjálmsdóttir, die ihren Gedichtband „frelsi / freiheit“ nennt, der in Island bereits im Jahr 2015 erschien und großen Erfolg hatte. In einem einzigen strömenden Ton, teils anklagend, teils ermahnend, durchleuchtet sie unser heutiges Menschsein. Die 58-jährige Isländerin hakt nach und gibt sich nicht gleich zufrieden. Energisch, teils wiederholend und dringlich schiebt sie nach, ein gesellschaftskritisches Bild nach dem anderen. Wie sagt man so schön: Sie hält uns den Spiegel vor.

Im ersten Teil geht es um das Weltliche. Wir und unsere Bequemlichkeit, unser Wohlstand. Das ist nicht spezifisch isländisch, das gilt generell für die westliche Welt. Es geht um das, was wir haben, um unseren Besitz, sei es der Gasgrill oder das Fitnessgerät.

„das ziel ist es in einer woche
mindestens fünfhundert gramm
menschlichen fetts zu verbrennen.

dazu pumpen wir
auf der veranda und rackern uns ab auf dem crossstepper
und auf dem laufband in der garage

auf diese weise werden wir
in kürze alle bedingungen erfüllt haben
zur auferstehung des fleisches“

Der zweite Teil führt uns ins heilige Land. Doch auch hier ist nicht mehr alles heilig. Hier kämpfen die Religionen um ihre Vorherrschaft, auch hier geht es nicht mehr um den Glauben allein, nicht ums Religiöse. Hier herrscht Fanatismus und wieder geht es um Besitz. Wem gehört das Land? Welche Religion ist die Richtige?

„jahrhundert um jahrhundert durch marmor und metall
durch synagogen moscheen mauerwerk
hinein in die zerrissenen herzen der muslime und der juden
von denen keiner von beiden zögert den sohn des anderen zu opfern
im krieg um das alleinige recht den vorfahren zu ehren
um das alleinige recht in frieden zu leben im heiligen land.“

Der dritte Teil erzählt von der verschwindenden Natur, der Politik des Konsums, der gesellschaftlichen Forderungen, wie wir sein und uns verhalten sollen, das Streben nach immer mehr, immer schneller, immer weiter …

„gut beraten
in andacht
der festansprache zu lauschen

über unverbrauchte ressourcen
ungefangene makrelen ungebändigte energie
unberührte weiden und unbegrenzte möglichkeiten

in andacht zuzuhören
wenn in den kiefern der minister der knisternde markt
zusammenfließt mit dem lukrativen krachen des schmelzenden eises
in nördlichen gebieten und sich das ende der bewohnten welt
in einen strudel neuer weltsicht wandelt.“

„Freiheit“ ist eine zweisprachige Ausgabe, aus dem Isländischen übertragen von
 Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Freiheit in schlichtem Karton mit japanischer Bindung. Mehr über Buch und Autorin findet sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer Galiani Verlag

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„Wegen des Hustens war ihr verboten worden zu lesen und zu schreiben. Lesen und schreiben lösten ja bekanntlich die schlimmsten Hustenanfälle aus. Sie langweilte sich entsetzlich.“

Welch großes Glück, dass solche Zeiten vorbei sind! Unerträglich wurde mir beim Lesen die Narrenfreiheit die den Männern zu jener Zeit gewährt wurde, unerträglich die Unterdrückung der Frauen, die bestenfalls mit Handarbeiten still dasitzen durften, als Ehefrau jedes Jahr ein Kind bekommen mussten und denen man jeglichen Verstand, jedes Rederecht absprach. Was die lebhafte, begabte Dichterin Annette von Droste-Hülshoff empfand, wie furchtbar es für sie war in solch einem Korsett gefangen zu sein, keine Eigenständigkeit zu besitzen und dass man ihr großes Talent unbeachtet ließ, ja geradezu unterdrückte und klein hielt, kann ich schmerzlich nachvollziehen.
Und die errungenen Frauenrechte dürfen wir uns nie wieder absprechen lassen. Nie wieder darf es so werden, wie in jener Zeit in der Karen Duves biografischer Roman über die Droste spielt. Schon an der Einteilung des Romans kann man erlesen, wie wenig Platz Fräulein Nette einnehmen durfte und wie viel Raum dem männlichen Ego zustand. Annettes Dichtung kommt auch im Roman wenig zum Zuge – niemand mit dem sie darüber reden konnte. Der Roman hat einen langen Vorlauf, in dem vor allem die Männer in Annettes Leben auftreten dürfen, Verwandte und befreundete Künstler wie etwa die Gebrüder Grimm. Ein Spiegel der Zeit.

Die Handlung von Duves Roman spielt zwischen 1817 und 1821 im Westfälischen. An dieser Gegend lässt Duve kein gutes Haar. Und tatsächlich tun sich die Familien um Droste-Hülshoff schwer mit der neuen Zeit. Sie sind frömmelnde Adelige, die von Gleichberechtigung und Industrialisierung wenig halten, alles Neue verteufeln, sich an das vermeintlich unumstößliche Gottgewollte halten, obgleich sie in der Tat mit ihren langsam zu Grunde gehenden Gütern nicht mehr viel Staat machen können.

„Wollen Sie meine Meinung dazu hören: Eine Frau, die schreibt, setzt ihre Weiblichkeit aufs Spiel. Sie verkauft ihre Seele für Eitelkeit und falsches Kritikerlob, vernachlässigt ihre Pflichten und gewinnt dabei doch nichts.“

Für Männer scheint die Droste ein Schrecknis. Sie haben Angst vor ihr und müssen sich durch Sarkasmus und Scherze auf ihre Kosten vor ihr schützen. Und wenn das nicht mehr hilft, wird sie verklärt, zur Seherin, zur Frau mit dem zweiten Gesicht oder zur Zauberjungfer, dann kann man sie auf einen Sockel stellen. Was „mann“ offenbar nicht kann, ist, sie als gleichwertige kluge, talentierte Person zu sehen. Und derjenige, der es dann schließlich  kann, ist der wenig ansprechend aussehende bürgerliche, mittellose perücketragende Dichter Heinrich Straube, angeblich fast so talentiert wie Goethe. Und Annette nimmt dies dankbar an. Endlich einer, der sich für ihr Schreiben interessiert, ihre Verse schätzt, sich ihr im Gespräch zuwendet. Dass sich eine Heirat zwischen dem Bürgerlichen und dem Freifräulein nicht schickt, ist allen klar. Mit einer Intrige schafft es dann auch der gut aussehende, streng gläubige Arnswaldt, ein Freund von Straube, die beiden zu trennen. Er erreicht sogar, dass Annette tief in ihre Schuldgefühle sinkt und sich von Gott zurecht bestraft sieht.

„Es dauerte Monate, bis sie sich zum ersten Mal gestattete, die Angelegenheit mit Arnswaldt und Straube aus einer anderen Perspektive als vom Boden einer Grube aus zu betrachten und in Erwägung zu ziehen, dass man die Schuld manchmal auch bei anderen suchen durfte, dann zum Beispiel, wenn andere die Schuld hatten.“

In kurzen Zwischenkapiteln berichtet Duve von zeitgeschichtlichen Themen passend zur Handlung, wie etwa die Angriffe auf jüdische Mitbürger, die Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue und die Gerichtsverhandlung Heinrich Heines aufgrund eines verbotenen Duells mit Pistolen. Überhaupt ist der Roman tief in die deutsche Geschichte eingebettet. Es ist die Zeit zwischen Romantik und Aufklärung. Die Autorin hat extrem viel recherchiert. Das bereichert den Roman sehr. Duves kluger Witz und die geschickten Wendungen von damaliger in heutige Sprache finde ich äußerst gelungen. (So wandelt sie den heutzutage gängigen Spruch „Hätte, hätte, Fahradkette“ um in „Hätte, hätte, Epaulette“.)

Karen Duve steht meiner Meinung nach mit diesem Buch auf der Höhe ihres schriftstellerischen Könnens. Sie hat einen Roman geschrieben, der mich sprachlich beglückt, inhaltlich vollkommen einnimmt und der trotzdem, auch wenn ich dieses Wort ungern benutze, ein Pageturner ist. Etwas, was wirklich selten zusammen kommt. Sapperment! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Galiani Verlag. Im Einband vorne und hinten finden sich Stammbaum der Droste und eine Karte der Orte, zwischen denen die unzähligen Kutschfahrten stattfinden.

Wer mehr über die Droste erfahren will, dem seien diese informativen Seiten empfohlen:
https://www.nach100jahren.de/  und  https://www.droste-portal.lwl.org/de/

 

Marion Poschmann: Die Kieferninseln Suhrkamp Verlag

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Ein neues Buch von Marion Poschmann ist da! Es ist diesmal kein Lyrikband, es ist ein Roman, wenn auch ein sehr kurzer, jedoch gehaltvoller. Zuletzt erschien von ihr „Geliehene Landschaften“. Zahlreiche Gedichte darin sind auch in Japan entstanden und ergänzen den neuen Roman stimmig.

Hauptdarsteller in dieser Geschichte ist Gilbert Silvester, ein ziemlich unsympathischer Zeitgenosse, wie sich schnell herausstellt. Gilbert träumt eines Nachts, seine Frau würde ihn betrügen. Mathilda bestreitet dies vehement. Gilbert weiß nicht mehr was er tut und fliegt mit dem nächsten Jet nach Japan. Während des Langstreckenflugs erfährt der Leser von Gilberts Arbeits- und Forschungsthema:

„>Bartmode und Gottesbild< lautete sein Themenschwerpunkt, den er je nach Tagesform als enorm ergiebig, ja elektrisierend, oder aber als vollkommen absurd und zutiefst deprimierend empfand.“

Auf einem Bahnsteig in Tokyo begegnet er Yosa Tamagotchi, der immerhin ein Ziegenbärtchen trägt, der allerdings gerade vorhat sich umzubringen. Gilbert hält in davon ab und fortan reisen die beiden zusammen weiter. Gilbert plant anhand eines Buches auf den Spuren des Dichters Bashõ zu pilgern, um zu Einkehr und meditativer Ruhe zu finden. Zunächst versucht er noch mit Mathilda zu telefonieren, doch dann schreibt er nur noch Briefe und mancherorts ein Haiku. Yosa plant zunächst sein Vorhaben an anderer Stelle durch zu führen, anhand eines Suizid-Ratgebers findet er einige beliebte Orte, doch alles kommt anders. Yosa kommt Gilbert schließlich abhanden …

„Das Ganze, so konnte man von Bashõ lernen, mußte auf einem anderen Niveau stattfinden. Konsequente Fußmärsche. Einfachste Quartiere. Verzicht auf technische Hilfsmittel, allem voran Mobiltelefone. Erst dann erreichte man eine Haltung, die es erlauben würde, zu jenem gestrengen Über-Ich auf Distanz zu gehen, das jeden von ihnen im Alltag unter Kontrolle zu halten suchte.“

Wie immer ist auch dieses Buch sorgfältig und ergiebig recherchiert, so dass der Leser sowohl über Bärte, als auch über die japanische Suizidkultur mit besserem Wissen aus der Lektüre heraustritt. Den typischen skurrilen Blick und den feinen Humor Poschmanns kennen die Leser*innen möglicherweise schon aus vorigen Romanen, wie „Die Sonnenposition“, „Hundenovelle“ und „Schwarzweißroman“ (dich alle sehr empfehlen kann).

„Die Kieferninseln“ geht jedoch noch tiefer, ist ein Roman voller Bedeutsamkeiten, die sich erst auf den zweiten Blick zu erkennen geben. Es ist ein Roman über Natursensationen und darin ein sehr farbintensives Buch. Es schafft Platz für innere Räume und Wege in die „innere Landschaft des menschlichen Bewusstseins“. Es ist ein geheimnisvolles, zugleich witziges Buch, das zum Mitdenken einlädt. Womöglich ist Poschmanns Buch selbst ein Koan, der Leser somit ein ZEN-Schüler, der sich anschickt, das Rätsel zu lösen … Ein Leuchten!

„Fern von zu Hause
Kiefern, so alt wie der Fels –
ziehende Wolken“

Haiku von Gilbert Silvester

„Die Kieferninseln“ steht auf der SWR-Bestenliste in diesem Monat auf Platz 1 und auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2017 (ich drücke die Daumen) und erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe und mehr über die Autorin und ihr Werk findet man hier.
Ein schönen Blick auf die Kieferninseln findet man auch bei Herr Hund