Lyrik im Frühjahr – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Frühjahr 2022

received_2840345896787004782399307830778115.jpeg Lyrik

Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Frühjahrsvorschauen 2022 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

Seit über 40 Jahren schreitet das »Jahrbuch der Lyrik« die poetischen Landschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz ab. Von nun an tritt Matthias Kniep an seine Stelle. Als Mitherausgeberin konnte er die Dichterin Nadja Küchenmeister gewinnen. Gemeinsam haben sie aus über 600 Einsendungen von Lyrikerinnen und Lyrikern, jungen und älteren, bekannten und unbekannten, die besten Gedichte ausgewählt und zusammengestellt. Die Anthologie will die Bandbreite dessen abbilden, was in der Dichtung möglich ist. Wie wird heute geschrieben, welche unterschiedlichen Ansätze gibt es? Das Jahrbuch präsentiert den großen Reichtum der Gegenwartslyrik. (Verlagstext) Es erscheint am 1.3.22 im Schöffling Verlag.

Zwei Orte, zwei Jahreszeiten, zwei Personen in zwei Teilen eines Ereignisses. Das trockene und das feuchte Element, Hell und Dunkel, Innen und Außen, Belebtes, Unbelebtes, Wiederbelebtes und Nichttotzukriegendes bilden die Dichotomien und Isotopien dieser Gedichte, durch die die Tiere ziehen und die Gestirne – denn alles spielt sich gleichzeitig im Himmel und auf Erden ab. Wörtliche und prophetische Rede, untermalt von etwas Musik, ein Gegenübertreten von Sommer und Winter. Auch mit ihrem dritten Gedichtband beweist Judith Zander, dass sie eine Meisterin der kurzen Strecke ist. (Verlagstext) „im ländchen sommer im winter zur see“ erscheint am 16.2.22 beim DTV.

Am Anfang war das Licht, oder doch die Lumières? Von der Erschaffung der Welt ist es in Ulrike Almut Sandigs neuem Gedichtband nur ein »Feuer, Erde, Wasser, Sprung« zur Sinfonie der Berliner Großstadt. Sandigs neue Texte sind nicht nur visuelle Poesie auf dem Papier, sondern auch Loops im Ohr und filmische Bildexplosionen für alle Sinne. Mit Sprechsoftware rückt sie Gedichten der deutschen Romantik zuleibe und fasst deren koloniale Kehrseite in kunstvolle Anagramme. Vor allem aber schafft die Dichterin in »Leuchtende Schafe« einmal mehr »Welten voller mythischer Bilder, die sich tief ins Bewusstsein eingraben« (Matthias Ehlers, WDR). (Verlagstext) „Leuchtende Schafe“ erscheint am 1.3.22 im Schöffling Verlag.

******************************************************************************

Dichten heißt, im Dialog zu stehen mit sich selbst und mit Texten geschätzter Schriftsteller*innen, den Blick aber stets auch darüber hinaus zu weiten. Nach ihrem letzten Lyrikband hochgestimmt, in dem Monika Vasik sich der Musik und den Stimmen von Sängerinnen widmete, wendet sie sich nun dem Thema Frauenrechte zu. In vielschichtigen Porträts steht die Dichterin im Zwiegespräch mit Frauen aus mehr als sieben Jahrhunderten. Jede von ihnen versuchte auf ihre Art, sich Konventionen der Zeit sowie patriarchalen Normen und Rollenbildern zu widersetzen und ein Stück Freiheit zu erringen. Statt sich beschränken zu lassen, wandten sie sich der Welt zu, kämpften für ihre Rechte und für die Gleichstellung der Geschlechter. Alle zahlten einen hohen Preis dafür. (Verlagstext) „Knochenblüten“ erscheint am 21.2.22 im Elif Verlag.

Auf Wolfgang Schiffers freue ich mich besonders: Ein Mann erinnert sich an seine Kindheit, an seine Eltern, an ihre einst gemeinsame Sprache, die ihm genommen wurde, an die sozialen Verhältnisse, die ihn ebenso prägten wie die Landschaft, die das niederrheinische Dorf, in dem er aufwuchs, umgab. Und aus der Erinnerung, freudig wie schmerzvoll, erwächst Klage über den Zustand der Welt, über die Zerstörung der Erde und des Miteinanders, sucht ein melancholisch-verzweifeltes Aufbegehren nach Wörtern, die eine Umkehr der Menschen von ihrem Tun und Unterlassen erzwingen wollen, doch ahnen, dass es diese nicht geben wird … (Verlagstext) „Dass die Erde einen Buckel werfe“ erscheint am 21.2.22 im Elif Verlag..

Schnee über den Buchstaben enthält Gedichte, die im isländischen Original in zwei getrennten Bänden und in einem Abstand von drei Jahren erschienen sind. Dagur Hjartarsons Gedichte sind persönlich, klar und stark in ihrer Einfachheit, voller Wärme für alles, was die Welt bereithält, und voller Sorge über das, was der Mensch ihr an Verstörendem, Vernichtendem antut. Oft lassen sie uns erstaunen, öfter noch hinterlassen sie Wunden, die uns an unsere eigene Verletzlichkeit erinnern und an unsere Fehlbarkeit gemahnen. (Verlagstext) Der Band erscheint am 21.2.22 im Elif Verlag..

*************************************************************************

Kerstin Beckers Gedichte glühen aus dem Dunkel. Sie erzählen vom Vergehen, dem Seelenlaich, vom Leben zwischen den Systemen, von Gestrandeten, einem wir, das durch die Erinnerungen wildert, den Asseln auf der Spur und andern kleinen Wundern am Rand der ausgezehrten Äcker. Schmerzlich schön sind diese kunstvoll rhythmisierten Verse, die das Tragische, die Wunden nicht scheuen – weil es der Preis für einfach alles ist. Ein Preis, ohne den diese Gedichte nicht zu haben sind. „Das gesamte hungrige Dunkel ringsum“ erscheint am 14.3.22 in der Edition Azur/Voland & Quist.

Nachtdämmern versammelt Gedichte Islands berühmtester Dichterin zum sterbenden Großgletscher Vatnajökull in Südostlisland, dem Gletscher von Steinunn Sigurdardóttirs Kindheit, der in unseren Tagen weltweit zum traurigen Symbol des Klimawandels geworden ist. (Verlagstext) Der Band erscheint im Dörlemann Verlag am 28.4.22.

Während der Sowjetzeit bis zur Perestroika konnte Jelena Schwarz zensurbedingt keine einzige Zeile publizieren. In der inoffiziellen Lyrikszene Leningrads aber war sie als große Dichterin anerkannt. Heute gilt sie neben Achmatowa, Mandelstam oder Brodsky als eine der bedeutendsten Stimmen der russischen Poesie. Ihr Werk übt großen Einfluss auf jüngere Generationen aus. Dabei steht Jelena Schwarz immer im intensiven Dialog mit der gesamten Weltliteratur und Philosophie. (Verlagstext) „Buch auf der Fensterbank erscheint im Matthes & Seitz Verlag am 17.2.22.

********************************************************************************

Seit jeher sind Wasserläufe in Geschichte und Geschichten eingewoben. Doch Wasser selbst trägt Sprachen in sich und diktiert, was »poesie über wasser weiß« und welche Worte in den Wellen wohnen. Siljarosa Schletterer hört in ihrem Debüt „azur ton nähe“ der Fluss- und Seenlandschaft Mitteleuropas zu. Die Vielsprachigkeit von Wasser ist das zentrale Motiv ihrer Lyrik, in der die Aufmerksamkeit auf das sozioökologische Gewicht der Gewässer gerichtet wird. Die Gedichte wollen im Sinne von nature writing eine »neue zunge zeugen, eine sprache finden / die wasser beschreibt«, denn »jeder fluss hat eine seele«, erzählt unsere Gesellschaft und wartet auf eine »verbleibende / herzantwort«. (Verlagstext) Erscheint im Limbus Verlag am 25.3.22.

In den neuen Gedichten von Sabine Schiffner werden Geschichten von Verrat und Verlust, von Geburt und Tod, von Lebensfreude und Vergänglichkeit, von Familie und von Einsamkeit erzählt. Mit manchmal fast naivem, oft befremdetem Blick beobachtet sie und wundert sich über die jetzige und die vergangene Welt, die ihren biografischen Kosmos berührt. Die Worte kommen in diesen Gedichten scheinbar leichtfüßig tänzelnd daher und streifen einen wie im Vorbeigehen. Wenn man aber stehen bleibt und sich einlässt, sieht man hinter der rhythmischen und genau durchdachten Sprachkomposition die tiefe Wunde. Sabine Schiffners Sprache ist immer musikalisch, oft zugleich rau, Alltagssprache mit Hochpoetischem verbindend, ernüchternd, überraschend. „Wundern“ erscheint im Quintus Verlag am 3.3.22.

Eine Landschaft kippt, ein Ich kehrt noch einmal zu seinem Geburtshaus zurück, das sich inzwischen hinter Efeuranken verschließt, derweil kreisen Gefühle um eine längst zur Chimäre gewordene Liebe – die neuen Gedichte von Björn Hayer berichten von Momenten des Umschlagens und der Verfremdung. Zugleich zehren sie von dem unbeirrbaren Versuch, Verlorenes wieder zu vergegenwärtigen. Was bietet die Fläche? Das Nichts oder doch die noch ungenutzte Möglichkeit? Klar ist: »Dichten, frei über der Erde, / ist das fünfte Element«. (Verlagstext) „Verschwörung einer Landschaft“ erscheint im Quintus Verlag am 3.3.22.

*******************************************************************************

„Ich wurde geschaffen, um zu sterben, doch ich bin jetzt hier, um zu bleiben“ schreibt Ocean Vuong in seinem neuen Gedichtband, der eine bewegende Elegie für seine verstorbene Mutter enthält. Der Schmerz und die Freude, die Gewalt und die Zartheit, die Andersartigkeit von Begehren und sozialer Herkunft, die gespaltene Identität des Einwandererkindes – in „Zeit ist eine Mutter“ finden sich die Themen seines gefeierten Romans „Auf Erden sind wir kurz grandios“ wieder. Vuongs Stimme ist unverwechselbar. Niemand hat in unserer Zeit eindringlicher und zugleich intimer über die Wunden Amerikas gedichtet. (Verlagstext) Der Band erscheint im Hanser Verlag am 11.4.22.

Tomas Venclova ist einer der großen Dichter unserer Zeit. In seiner Heimat Litauen erlebte er den langen Winter des Totalitarismus, wegen seiner kritischen Haltung kam er in Bedrängnis. Es folgten Exil, Reisen und Heimkehr – die Lebensthemen seiner Lyrik –, doch als dieser unfreiwillige Weltbürger schließlich zurückkehrte, war das Land ein anderes. Was unverändert blieb, ist die rettende Kraft der Sprache. Stets beruft sich Venclova auf die Tradition der europäischen Literatur – von der griechischen Klassik bis zur Moderne. Lakonie, kristallklare Eleganz und feiner spöttischer Witz zeichnen seine Poesie aus, jene „unwirkliche Wirklichkeit“, die sich unauflöslich mit der Erfahrung der Welt verwebt. (Verlagstext) „Variation über das Thema Erwachen“ erscheint im Hanser Verlag am 14.3.22.

Federico Italiano gehört zu den „stärksten Lyrikern seiner Generation“ (La Repubblica). Seine Gedichte verbinden auf höchst originelle Weise Naturbetrachtung – die Reisfelder seiner Heimat Piemont – mit weltumspannend postmodernen Bildern, in denen exotische Riesenkrabben ebenso auftauchen wie nigerianische Scrabble-Weltmeister. Seine spielerisch elegante Lyrik sucht auch den Dialog mit anderen Poeten, ob man sich mit Ted Hughes zum Kaffee verabredet oder Brodsky ein Postskriptum schreibt. „Sieben Arten von Weiß“ versammelt die schönsten Gedichte von Federico Italiano in der glänzenden Übersetzung von Raoul Schrott und Jan Wagner. Erscheint am 14.3.22 im Hanser Verlag.

***************************************************************

Christine Lavant ist eine der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Lavant selbst sprach von ihrer Kunst als »verstümmeltes Leben, eine Sünde wider den Geist, unverzeihbar« und war sich dennoch ihrer poetischen Kraft gewiss. Ihre Gedichte, je zur Hälfte etwa veröffentlicht zu Lebzeiten bzw. aus dem Nachlass, erzählen von verletzten Kinder- und Frauenseelen, von Armut, Krankheit und Ausgrenzung, von der Suche nach Gott und der Auflehnung gegen ihn, aber auch von der befreienden Kraft der Liebe. Maja Haderlap, Kärntnerin wie Christine Lavant, wurde 2021 mit dem Christine Lavant Preis ausgezeichnet, sie hat eine sehr persönliche Auswahl der schönsten und bewegendsten Gedichte der Kollegin getroffen. „Seit heute, aber für immer“ erscheint im Wallstein Verlag am 9.3.22.

Ernst Halters große Auswahl der Gedichte Erika Burkarts stellt exemplarisch das jahrzehntelange lyrische Schaffen der Dichterin vor, deren Entwicklung dem gängigen Muster – Aufbruch ins Ungewohnte, neuartige Diktion, Konsolidierung, Reife, Abgeklärtheit, Rückzug – widerspricht: Sie geht genau den umgekehrten Weg. «Lies beide Seiten» wird das Motto ihres Schreibens. Es berichtet von erhoffter Transzendenz des lebendigen Hier in ein uns nicht erkennbares, geahntes Dort, wo sich ein Sinn finden könnte. Wir leben auf einer planen Fläche und sind nichts als das Spiegelbild des Mysteriums unserer eigenen Existenz, das unseren Blicken undurchdringlich bleibt. Ihre großen Gedichte sind Spiegelschrift. (Verlagstext) Der Band erscheint im Limmat Verlag am 27.1.22.

Nelly Sachs feierte Karin Boye (1900-1941) als »leidenschaftliche Verschwenderin ihrer Seelenkräfte«, der »Schweden einige seiner schönsten Gedichte zu verdanken hat« und Peter Weiss setzte ihr im dritten Band seiner »Ästhetik des Widerstands« ein literarisches Denkmal. Am bedeutendsten ist sie als bildmächtige Lyrikerin der Sehnsucht, der Nacht, des Unbewussten und nicht zuletzt des Coming-out. Sie verdient ihren Platz neben anderen Ikonen des 20. Jahrhunderts wie Anna Achmatova, Sylvia Plath oder Ingeborg Bachmann. Ihr lyrisches Gesamtwerk erscheint nun erstmals auf Deutsch. (Verlagstext) „Sämtliche Gedichte“ erscheint im Razamba Verlag am 15.3.22. 

Titel-Photo: Constanze Matthes

Robert Macfarlane/Jackie Morris: Die verlorenen Zaubersprüche Matthes & Seitz Verlag

img_20211122_150856_1877519026133564378301.jpg

Nach „Die verlorenen Wörter“ erschien nun von Robert Macfarlane und illustriert von Jackie Morris der neue Band „Die verlorenen Zaubersprüche“. Diesmal ist es kein großer Band wie der letzte, sondern ein kleines Bändchen, nicht minder schön in Halbleinen und zwar in der Reihe Naturkunden. Wieder wurden die Texte gekonnt aus dem Englischen übertragen von der Übersetzerin Daniela Seel. Den vorigen Band habe ich bereits im letzten Jahr hier vorgestellt.

Bereits der Einband ist ein Augenschmaus. Beim Aufklappen schwärmen verschiedene Falter übers Vorsatzblatt. Wie bei einem Tagebuch darf man eingangs seinen Namen eintragen und die Empfehlung im Vorspann weist darauf hin, dass die Zaubersprüche gerne laut gelesen und gesprochen werden dürfen. Es ist dann wirklich ein kindliches Vergnügen dieser Anleitung zu folgen.

Jackie Morris hat wieder wunderschöne Naturbilder gezaubert. Robert Macfarlanes Verse sind erfindungsreich und poetisch ins Deutsche übertragen von der Lyrikerin Daniela Seel. Im einführenden Text steht:

„Verlust bestimmt die Melodie unserer Epoche, sie ist kaum zu überhören und schwer auszuhalten. Lebewesen, Orte und Wörter verschwinden, Tag für Tag, Jahr um Jahr. Aber in dunklen Zeiten wurde immer gesungen – und Staunen braucht es heute mehr denn je.“

Wir begegnen dem Rotfuchs, der uns Fragen stellt, einer großen Vielzahl von Motten. Das Gänseblümchen wird uns in einem Akrostichon vorgestellt. Längerer Verse bedarf es für die Dohle, den Mauersegler, die Eiche. Der Buntspecht ist in ein Gespräch mit dem Dachs vertieft. Beide liefern sich Stichworte, die Rap-Texten ähneln. Es gibt Kapitel über Eichelhäher, Ginster, Stieglitz, Schneehase, Schleiereule, Kernholz, Brachvogel, Reiher, Kegelrobbe, Tölpel, Grasnelke, Buche und Schwalbe. Bei vielen der Gedichte ergeben die Buchstaben der Zeilenanfänge den Namen des Tiers, der Pflanze. Die Sprache ist teilweise sehr verspielt manchmal leicht versponnen, aber eben auch oft dynamisch und lebendig auf der Höhe der Zeit.

„Entlang Riedgras, über Marschen
– schh 
Und horchst auch du einmal
    mit Eulenohren?
Lässt das Wispern wilder Welt dich
Einbestellen?“

Am schönsten finde ich das letzte Kapitel. Hier geht es um die Weißbirke, die ich ohnehin liebe. Wenn sich ihre Rinde vom Baum löst, scheint es als würde sie direkt ein Blatt Papier zum schreiben verschenken. Und ihre Augen wirken oft sehr menschlich.  Dieses etwas längere Kapitel ist untertitelt mit ein Wiegenlied. Es spendet besonders viel Licht. Die Birke, Silberseherin, begleitet mit ihrem Gesang den Fuchs durch den dunklen, gefährlichen Wald und beschützt ihn sicher in seinem Schlaf im Fuchsbau „bis die Sonne wiederkehrt“.

Am Schluss erwartet uns noch ein ausführliches Glossar der vielen Tierarten unserer Regionen und die Anregung mit dem Buch hinauszugehen und all die Lebewesen zu finden und die Natur vielleicht etwas besser zu verstehen. Die Eule bewahrt den Schlüssel dazu.
Ein Buch, das sich als Weihnachtsgeschenk hervorragend eignet, und gerade auch für die kommenden Raunächte. Verzaubertes Leuchten!

Der notizbuchkleine Band ist in blauem Halbleinen gebunden, am oberen Buchblock gelbfarben, mit Lesebändchen, fadengeheftet, auf hochwertigem Papier gedruckt, welches die Illustrationen leuchten lässt. Mehr über dieses Buch und die Reihe Naturkunden gibt es hier. Er erschien im Matthes & Seitz Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Yordanka Beleva: Der verpasste Moment eta Verlag

„ich bin einsam
und weiß nicht von wem“

Ich habe wieder eine lyrische Perle entdeckt! Im eta Verlag, einem unabhängigen Verlag mit Sitz in Berlin verlegt Petya Lund überwiegend bulgarische Literatur, aber nicht nur. Das Programm erweitert sich stetig. Ganz brandneu ist der zweisprachige Lyrikband „Der verpasste Moment“ von Yordanka Beleva. Ich freue mich sehr, dass ich diese Autorin aus Bulgarien entdecken kann. Mir gefiel schon der Titel, da ich mir gerade selbst viele Gedanken über die verpassten Momente im Leben mache. Dazu kam das schöne Cover. Schwarze Buchstaben oder sind es Satzzeichen? fallen aus dem Himmel in eine schwarz/weiße Landschaft. Die Künstlerin Gaby Bergmann interpretiert die Gedichte der Lyrikerin in stimmigen Bildern.

Es sind Momente, die wir alle kennen: etwas geschieht, wir denken zu lange nach, zögern und handeln nicht. Und schon ist er da, dieser verpasste Moment. Yordanka Beleva hat uns ihre Momente lyrisch aufgearbeitet in kurzen bis sehr kurzen Gedichten. Gerade die kurzen, die extrem verdichtet unglaubliche Aussagekraft haben und die in mir sofort Bilder entstehen lassen, begeistern mich. Und der Band enthält das schönste Großmuttergedicht, dass ich kenne:

„oft träume ich da sitzt meine baba
mein traum ist eine bank zum aufwärmen
unter der sonne beider welten

manchmal setzt sich meine stimme neben ihre
aber das sind keine gespräche

ich sage sowas wie
baba, wie schön dass du nicht tot bist
während sie zu mir sagt
danalein, ich träume dich auch lebendig

dann zerfällt die bank“

Beleva beschäftigt sich in ihren Gedichten mit der Sprache. Wie und mit welchen Mitteln entstehen Gedichte? Welche Momente sind die, die in Worte zu fassen sind? Welche Verbindung geht die Wirklichkeit mit den entstehenden Versen ein? Der Alltag zeigt auch immer ein poetisches Gesicht. Die kleinsten Kleinigkeiten erhalten so einen Rahmen. Was unscheinbar wirkt wird so gestärkt und darf wie auf einer Bühne auftreten und wirken. Die Gedichte werden nicht nur von den feinen Schwarz/Weiß-Zeichnungen begleitet, sondern enthalten selbst oft Bilder. Kreide, Farben, Tusche: “ die zeichnungen werden regelmäßig gewechselt wie ein wundverband“

Viel Liebe finde ich in und vor allem auch zwischen den Zeilen. Glückliche und unglückliche. Nahe und ferne. Gelungene und verschobene. Im längsten Gedicht „Vasil“ welches zeilenwechselnd in Bulgarisch und Deutsch abgedruckt ist, glaubt man sich erst in der Natur an einem großen Fluss, doch scheint es sich schließlich eher um einen flüchtigen Liebhaber zu handeln. Es droht oft der Verlust in Belevas Versen, nicht nur der Partner, auch die Großeltern gehen (Es gibt auch ein Großvater-Gedicht); aber noch weiter weg – auf die andere Seite.

„nur in deiner leisen stimme
verschiebe ich den tod auf später
und ich weiß nicht was mich mehr verlässt während du sprichst
leise zerteilst du die luft damit ich leise die niederlagen atme
nur um lauter noch an dich zu denken“

Die Texte sind zweisprachig abgedruckt, je nach Gedicht in unterschiedlicher Form. Aus dem Bulgarischen übersetzt wurden sie von Henrike Schmidt und Silviya Vasileva. Aus dem informativen Nachwort erfahre ich unter anderem auch über einige Besonderheiten der bulgarischen Sprache und wie diese von den Übersetzerinnen übertragen wurden. Vor allem auch um den von der Dichterin vorgegebenen Klang und Rhythmus zu erhalten. Mir erscheint es sehr gelungen. Ein Winterleuchten!

Das Buch erschien im eta-Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Das Alphabet des Feuers – Wolfgang Schiffer liest Gedichte aus Island Hörbuch Elif Verlag

20211022_132103625738539110629271.jpg

Viele der Gedichte dieses Hörbuchs kenne ich schon. Auf dem Foto oben sieht man drei der Gedichtbände, die auch auf den CD`s zu finden sind. Ich besitze sie seit Erscheinen und habe sie auch bereits hier auf dem Blog besprochen. Ein Band ist ganz neu im Elif Verlag erschienen und auf einer CD gibt es Gedichte von Jón úr Vör, dessen Gedicht „Das Dorf“ fast als eine Art Klassiker auf Island gilt. Die 5 CD`s bieten eine schöne Auswahl von Gedichten aus mehreren Generationen. Von der 1992 geborenen Fríða Ísberg über den 1971 geborenen Ragnar Helgi Ólafsson, über die 1958 geborene Linda Vilhjàlmsdòttir, über den 1948 geborenen, 2017 gestorbenen Sigurður Pálsson bis zum 1917-2000 lebenden Jón úr Vör spannt sich der Bogen. Wolfgang Schiffer, der die Gedichte eingelesen hat ist ein großer Island-Literaturkenner. Im der CD beiliegenden Folder erfährt man, wie sich Schiffers Island-Faible entwickelte. Einen guten Anteil daran hat mit Sicherheit der Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness, den Schiffer 1982 für ein Interview zu seinem 80. Geburtstag besuchte, das etwas ungewöhnlicher verlief als erwartet. Wolfgang Schiffers Stimme zu lauschen, bei einer heißen Tasse Tee und bei Regenwetter kann ich nur empfehlen. Der dunkle, warme Wohlklang lässt einen das Außen vergessen. Und Wolfgang Schiffer ist souverän genug, den Zuhörenden nichts vorzuspielen, sondern allein die Texte wirken zu lassen. Ein wunderbares Winter/Weihnachtsgeschenk, würde ich sagen.

Mit Jón úr Vör will ich beginnen, denn er ist einer der Vorreiter der modernen isländischen Dichtkunst. Er begann sich vom klassischen Versmaß abzuwenden und freie Verse zu schreiben. So gehört er zu den Atomdichtern, die die isländische Dichtung erneuerten und der großen Vielfalt der heutigen Lyriker den Weg bereitete. Mehr darüber auf Wolfgang Schiffers Blog „Wortspiele“. Ich muss zugeben, dass mich seine Gedichte beim Zuhören auch am tiefsten berührt haben, vielleicht weil ich die anderen Dichter schon kannte und gelesen hatte, vielleicht aber auch, weil die Gedichte aus dem Alltag eines Dorfes auf Island erzählen und somit ein wunderbares Bild über das Leben in den vierziger/fünfziger Jahren geben. Vielleicht ist es auch in der Tat so, dass das Hören, das vorgelesen bekommen eines Verses, einen anders trifft, als etwas selbst Gelesenes. 

Den neuen Band „Lederjackenwetter“ von Fríða Ísberg kannte ich bisher noch nicht und ich bin überrascht von dieser virtuosen Stimme. Es ist die Lyrik einer jungen Schriftstellerin, die in ihren Gedichten kleine Geschichten erzählt, die wir womöglich auch alle kennen. Von Kindheitserinnerungen an den Vater, der der 6jährigen die erste Lederjacke schenkte, später, das Freitagabend zurechtmachen und ausgehen, die jugendliche Melancholie aus unerfindlichen Gründen, die Zweifel, die versteckte Empfindsamkeit, die man nicht zeigen will bis zum Versuch der Selbstfindung und Ich-Verankerung in der Welt. Es sind starke, direkte Texte, die gleichzeitig von einer großen Einfühlsamkeit zeugen. Immer wieder taucht der Spiegel als Symbol auf für Licht und Schatten, für Trauer und Selbstreflexion. Oft ist die Lederjacke aus dem Titel des Bandes gleichbedeutend einer Schutzhaut vor dem Außen, aber auch ein Zeichen der inneren Stärke und der Willenskraft. Je öfter ich diese Gedichte höre, desto mehr finde ich eine Verbindung zu ihnen, desto mehr beginnen sie zu leuchten.

„Ich möchte einen Hilfsfond gründen, zu Gunsten der Empfindsamkeit
genug sammeln, so dass die Empfindsamkeit endlich eine Stärke sein darf
eine blassbleiche aderblaue Schönheit“

aus dem Gedicht „Moralfrau“

Die 3 weiteren Dichter, dieser schönen Auswahl kenne ich bereits und doch war es ein anderes, ein Neu- oder Wiederentdecken, denn ein Gedicht entfaltet sich laut gelesen auch ganz anders.

Besonders gefallen hat mir beim Vorlesen auch der Band „Gedichte erinnern eine Stimme“ von Sigurður Pálsson. Pálssons Gedichte sind so, wie Gedichte für mich sein sollten. Nicht über die Maßen verrätselt und doch mit ungewöhnlicher Tiefe. Alle Gedichte haben ein ganz eigenes Gewicht. Mir fällt der Begriff wertvoll ein. Aber es sind die kleinen Werte. Sie sind zu finden in dem wundervollen Zyklus „Stimmen in der Luft„, die den Dichter zu einem Seher werden lassen, quasi als Medium des Winds. Dazu kommen die Nachdenklichkeiten und die Bewegung im Herzen, sehr innig und durchdrungen. Jedes einzelne Gedicht stellvertretend für ein Dichterleben. Wolfgang Schiffer interpretiert auch diese Stimme gekonnt. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/22/sigurdur-palsson-gedichte-erinnern-eine-stimme-elif-verlag/

Ragnar Helgi Ólafssons Gedichtband mit dem wunderschönen Titel „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können„(der mir derzeit besonders aus dem Herzen spricht) ist für mich auch ein Paradebeispiel zeitgenössischer isländischer Lyrik. Seine Texte scheinen erst so harmlos leicht und dann! dann kommt die Wendung, die aus einem schönen ein unvergleichliches Gedicht macht. Es ist manchmal nur ein Wort, eine Schwingung zwischen den Zeilen. Nach jedem Umblättern kommt eine Überraschung, keine Sensation, das eben nicht, sondern ein hauchfeines Etwas, dass umhaut. Ólafssons Texte sind auf verschiedenen Ebenen zugänglich. Das macht sie so besonders und empfehlenswert, auch für diejenigen, die sonst kaum Zugang zu Lyrik finden. Auch hier: stimmig vorgelesen. Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/10/ragnar-helgi-olafsson-denen-zum-trost-die-sich-in-ihrer-gegenwart-nicht-finden-koennen-elif-verlag/

Linda Vilhjálmsdóttir, die ihren Gedichtband „frelsi / freiheit“ nennt, hatte damit bereits großen Erfolg in Island. Ihre Texte sind sehr welthaltig. In einem einzigen strömenden Ton, teils anklagend, teils ermahnend, durchleuchtet sie unser heutiges Menschsein. Die 58-jährige Isländerin hakt nach und gibt sich nicht gleich zufrieden. Energisch, teils wiederholend und dringlich schiebt sie nach, ein gesellschaftskritisches Bild nach dem anderen. Wie sagt man so schön: Sie hält uns den Spiegel vor. Ich hatte vor einiger Zeit das Glück, sie lesen zu hören. Isländisch ist eine sehr eigene Sprache, sehr melodiös. Schön, dass es nun eine deutschsprachige Lesung gibt. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/12/22/linda-vilhjalmsdottir-freiheit-elif-verlag/

Alle Bücher sind Grundlage der jeweiligen Lesung. Wolfgang Schiffer hat sie selbst übersetzt, zusammen mit Jón Thor Gíslason. Sowohl das Hörbuch als auch die Bücher erschienen im Elif Verlag.
(Bitte lieber Wolfgang, lies weiter isländische Gedichte ein!)

Ein schönes aufschlussreiches Interview mit Wolfgang Schiffer gibt es hier:

Levin Westermann: Farbe Komma Dunkel Matthes & Seitz Verlag

20211002_1634576173376357401510531.jpg

„und was mich rettet sind die bücher
ist die sprache und ihr klang

Bereits mit seinen letzten beiden Lyrikbänden „3511 Zwetajewa“ und bezüglich der schatten“ hat mich Levin Westermann verzaubert. Ihm gelingt es, mich vollkommen aus der Außenwelt abzuziehen und dennoch in seiner Sprache wieder darin aufzutauchen. Aber anders. Und woanders. Es ist ein Raum, in dem ich die Welt anders sehe und mich selbst verändere. Solch eine Lektüre ist ein unglaubliches Glück und ich kann es jedes Mal wieder kaum fassen, dass es diesen Raum der Sprache gibt, der offenbar mit meinem schwingen kann. Selten passiert solches mit Gedichten und umso kostbarer sind sie mir dann.

In „Farbe Komma Dunkel“ glaube ich gleich eingangs den Text zu erkennen, den Westermann beim Bachmannpreis-Wettlesen im letzten Jahr vorgelesen hat. Doch es ist nicht ganz der gleiche, er ist leicht verändert, verschoben, manche Zeilen und um viele Verse ergänzt zum Langgedicht. Das Gedicht lebt von seinen Wiederholungen, lebt vom Rhythmus und wird immer besser, je länger man liest und je häufiger sich Zeilen wiederholen, immer dann, wenn man sie gerade über den neuen wieder vergessen hatte. Es ist eine Art Litanei, könnte Mantra, könnte Gebet sein; und es sollte laut gelesen werden. Dann entspinnt sich der Zauberfaden an dem sich alles entlang schlängelt. Alles ist klein geschrieben, ohne Absätze, 100 Seiten lang. Ich habe sie an einem Stück gelesen, weil es nicht aufhören sollte.

„alles wiederholt sich
alles wiederholt sich
tag für tag
fortwährend läuft dasselbe band
ein hörbild namens leben“

Westermann schreibt über ein Lyrisches Ich, welches sich in einer bestimmten tagein tagaus fortsetzenden Langeweile befindet. Ein Ich, welches seine Tage in einem Haus auf dem Land in der französischen Bresse verbringt. Am Laufen wird es gehindert von einer Verletzung oder OP der Hüfte. Durch eine gewisse körperliche Bewegungseinschränkung, dehnt sich das Geistige, der Verstand umso weiter aus. Es ist Zeit für: Hühner füttern, Schafe fragen, Kaffee kochen „und dann geht die sonne wieder unter und dann geht die sonne wieder auf“So vergeht die Zeit und wir dürfen teilhaben am Bewusstseinsstrom des Ichs. Es ist ein Ich, das grübelt, nachdenkt, liest, schreibt, Post erwartet. Oft verzweifelt, voller Sehnsucht und Melancholie. Mit kleinsten Freuden dazwischen (wie z.B. ein Igel). Es ist ein stetes Hinterfragen. Und es beschreibt für mich auch den Prozeß des Schreibens an sich.

Tiere tauchen immer wieder auf, einzeln oder im sogenannten Kollektiv (Rehe, Frösche, Schafe). Erinnerung an Reisen, an Orte tauchen auf. Paris, New York. Hitze und Kälte. Durch das tägliche Zeitunglesen bricht die Außenwelt in die Abgeschiedenheit des Landlebens. Die Bedrohung. Ein US-Präsident. Der Amazonas brennt und dann Kalifornien. Rehe werden nicht etwa getötet, sondern vom Jäger dem Wald entnommen. Nerze werden gekeult, nicht getötet. So ist Sprache. Geschönte, unehrliche Sprache zum Wohl der Menschen. Und das Ich leidet darunter. Doch die Natur kommt zurück, die Nerze kommen wieder an die Oberfläche, die toten Nerze. Das Ich leidet unter der Welt, leidet am Dasein, am Schmerz, an der Leere. Somit zeigt sich Westermanns Lyrik nicht nur ichbezogen, sondern auch gesellschaftskritisch.

„und ich schaue in die zeitung
und ich lese diesen satz
ich lese diesen einen lauten satz
unsere gehirne sind nicht dafür gemacht
über die sterblichkeit zu grübeln
und ich starre auf die wörter
und ich denke: so ein quatsch
ich denke: großer quatsch
denn ich sitze und ich grüble
ich sitze und ich grüble
tag für tag
das ende in gedanken
tag für tag“

Da sind dann die erhabenen Momente, wenn auf dem Friedhof Montparnasse Gott erscheint, in Form eines Habichts. Oder wenn die Lektüre von Ilse Aichinger, Sylvia Plath, Louise Glück, Cioran und Rilkes „Panther“, das ausspricht, was zählt und berührt.

„und ich denke an ein buch
von Cioran
wo dieser schreibt
der wahnsinn
ist vielleicht nichts anderes
als ein kummer
der keine entwicklung mehr erlebt“

Manch einer mag vielleicht die ständigen Wiederholungen oder das andauernde „und dann …“ kritisieren, dass auch schon beim Bachmannpreis Thema war. Für mich ist es allerdings genau die richtige Verbindungsform, denn nichts anderes ist das Geschehen in der Welt, als ein andauerndes Weiter und Weiter. Ein unglaublich „echtes“ Buch. Ein Leuchten!

Der Lyrikband erschien im Matthes & Seitz Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Etel Adnan: Zeit Edition Nautilus

20210827_1531518351091109644648098.jpg

Ihr Name ist mir zwar schon begegnet, aber niemals hätte ich ihr Werk entdeckt, hätte sie nicht kürzlich den Hamburger Lichtwark-Preis 2021 (den ich auch nicht kannte) erhalten. Auf der Preis-Website steht über Etel Adnan:

„Der Lichtwark-Preis 2021 wird der aus dem Libanon stammenden und in Paris lebenden Künstlerin Etel Adnan (*1925) für ihr Lebenswerk verliehen. Ihre politisch aufgeladenen literarischen Werke beschreiben die weltlichen Zustände und ihre Zusammenhänge und sind eine starke Stimme des Feminismus und der Friedensbewegung. Ihre Malerei vermittelt ungefiltert die Freude der Künstlerin am Leben. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird alle vier Jahre von Senat und Bürgerschaft an Künstlerinnen und Künstler verliehen, deren Werke der bildenden Kunst sich durch besondere Innovationskraft auszeichnen. Namensgeber des Preises ist der Gründungsdirektor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark.“

Ich habe mich nun mit dem neuesten hierzulande erschienenen Band „Zeit“ beschäftigt und war von ihrer Sprache sogleich begeistert. Schon forschte ich nach ihrer Malerei und war auch davon sofort eingenommen. Als eine die selbst schreibt und malt, bin ich immer an Doppeltalenten interessiert. Aber Etel Adnan würde ich fast als Multitalent bezeichnen. Denn es stimmt, ihre Texte sind oft politisch, dabei aber gleichzeitig so hochpoetisch und reif und für mich auch spirituell. Aus ihnen strahlt eine Art Weltgewandtheit, eine sprachliche Fülle und Weisheit und gleichzeitig eine Frische und Aktualität, die ihresgleichen sucht.

„im Herbst gibt es eine Zeit, zu der die
Bäume ihre Natur ändern und
jenseits von Materie
erwachen; dann sieht man sie zu ihrem gewohnten
Selbst zurückkehren“

Von Alter und von Vergänglichkeit ist oft die Rede. Von der Natur des Menschen, von der Sterblichkeit, von der Unausweichlichkeit des Todes. Aber ebenso von den Freuden, vom Glück.

„Wir werden nicht wissen, ob das Leben umkehrbar ist,
doch eingeschrieben in den Schmerz
eine Freude, die sogar noch
mehr schmerzt,
wie der Fingerabdruck der Erinnerung
in der Verlassenheit des Herzens.“

Etel Adnan überschreibt mit Poesie all die Dinge und Geschehnisse, von denen man kaum erzählen mag. Dabei vergisst sie die Liebe nicht und die prägenden Begegnungen. Sie vertraut auf die Sprache und findet die treffendsten Worte. Viele der Gedichte scheinen sich zu erheben aus der Schwere der Erde und werden weit getragen vom Aufwind der Zeit.

„Sterne verlöschen
alle paar Sekunden; die Zeit,
die Information braucht, um
Welten zu durchqueren“

Aus dem Nachwort der Übersetzerin Klaudia Ruschkowski erfährt man, das „Zeit“ eine Sammlung aus Gedichten ist, die im poetischen Austausch mit dem Dichter Khaled Najar, dem sie 1976 kurz in Tunis begegnete. Der Band besteht aus 6 Kapiteln, die teils nach Ortsnamen, Tag oder Uhrzeit benannt sind – wir befinden uns mal in Paris, mal in London, mal in Kalifornien, mal in Greichenland – und dem letzten längsten Kapitel „Baalbek“, einem mythischen Ort im Libanon. Ruschkowski schreibt:

„Indem Etel Adnan sich in die unaufhörliche Bewegung des Stroms einschreibt, setzt sie nicht nur die Vorstellung von Grenzen außer Kraft, sondern auch die von einem Ende. Wo Zeit nicht linear ist, gibt es kein Ende. Aufgelöste Zeit ist Ewigkeit.“

Adnans Gedichte bestehen aus lyrischem Licht, in das mit jeder Zeile schon die Dunkelheit von Unmenschlichem, von Angst, Krieg, Tod und Leiden eindringen kann. Und gerade dieses Wechselspiel empfinde ich als große Kunst. Dieses „sowohl als auch“, dieses „dennoch“ und dieses absolute „Ja“, das sich aus den Zeilen herauslöst, bewundere ich.

„ich wäre gern ins Eckcafé gegangen,
um zu sehen, wie die Kälte vorbeidefiliert, während ich
im Warmen bin, oder auch, um jemanden zu lieben …
aber Bomben regnen auf Bagdad herab“

In Etel Adnans Gedichten dürfen die gegenwärtigen Menschen, die verlorenen Geliebten gleichwertig mit den Göttern und mit vergangenen Dichtern wie Omar Khayyam und lebenden wie Talal Haydar Hand in Hand gehen. Zeit existiert dann nicht mehr. Gegenwart und Vergangenheit lösen sich ineinander auf.

„Das Beste an der Vergangenheit ist / dass sie vorüber ist /
wenn du stirbst, / du erwachst / aus dem Traum / der dein Leben ist …“

Die große Offenheit, Weltgewandtheit und Weisheit der derzeit in Paris lebenden Dichterin, die auch eine Reisende, womöglich eine moderne Nomadin ist, zeigt sich in diesem Gedichtband in jedem Vers. Für mich ist sie die wertvollste Entdeckung bisher in diesem Jahr. Ich lege dieses Buch und auch die vielen anderen allen sehr ans Herz. Nicht nur Lyrikfreunden, Adnan schrieb auch Essays, kurze philosophische Texte und Romane. „Zeit“ erschien, wie die meisten Bücher in der Edition Nautilus. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Von ihrer Malerei (siehe auch Buchcover oben) gewinnt man auf Artnet einen Eindruck:
http://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/etel-adnan/?type=gem%C3%A4lde

Granaz Moussavi: Gesänge einer verbotenen Frau Leipziger Literaturverlag

„Ein Strick um die Kehle scheidet Wüste von Gesang“

Lyrik einer verbotenen Dichterin

Auf dem Cover das Bild einer Frau, die langen blauschwarzen Haare frei fliegend im Wind, doch ein Gesicht ohne Augen, ohne Nase, der Mund eine Sicherheitsnadel, geöffnet, eine Wunde, heraus fließen blutrote Buchstaben … Doch die, die hier schreibt hat Augen, sieht deutlich, alle Sinne aktiviert, und spricht.

Das Bild von Kamran Faridi ist eine passende Wahl für diesen Lyrikband. Es weist bereits außen darauf hin, was im Inneren zu finden sein wird. Und so ist es auch in den Gedichten Moussavis: ein Außen, ein Innen, Stimmen von Außen, Stimmen aus dem Innen – nichts schwieriger als sie zusammen zu führen. Und doch, so scheint es mir beim Lesen, gelingt es Moussavi in ihren Gedichten. Es sind Sprachbilder einer Frau, die eigentlich keine Stimme hat in ihrem Land, allein weil sie eine Frau ist.

„– ich habe zu lange ausgehalten, so dass mich jetzt nichts mehr hält
In diesem Land
                      ist kein Platz für mich“

Granaz Moussavi ist Iranerin, hat bereits vier Gedichtbände herausgegeben, ihr letzter Band „Rotes Gedächtnis“ durfte im Iran nicht veröffentlicht werden und kursiert nur unter der Hand: Gedichte einer verbotenen Autorin. Gedichte einer Frau. Gedichte, die der Zensur zum Opfer fallen.

„Vom Gate zum Galgen
Von einem Koffer bis zum nächsten Take-Off
Von Schafott zu Schafott“

Eine Auswahl aus Moussavis verschiedenen Lyrikbänden hat nun Isabel Stümpel zusammengestellt und ins Deutsche übertragen. Die Gedichte sind sowohl in Deutsch als auch in Farsi abgedruckt und in chronologischer Abfolge. Dadurch lässt sich signifikant die Entwicklung der Dichterin nachvollziehen. Themen und Ausdruck verändern sich maßgeblich.

Moussavi ist bekannt geworden auch als Filmemacherin. Sie pendelte zwischen Iran und Australien, wohin ihre Familie aufgrund der Zustände im eigenen Land, auswanderte. Wegen ihres Films „My Tehran for sale“ aus dem Jahr 2011, der das Lebensgefühl junger iranischer Künstler aufzeigt, jedoch abgesetzt wurde, lebt sie derzeit nur in Australien.

„Eine Frau, die Schlagstöcke filmt
                                                und verbotene Themen
fiel unter Fußtritten vor ihrer Zeit“

Im Iran kann sie nicht leben, weil ihre Kunst der Zensur unterliegt, im Exil sehnt sie sich nach ihrem Land und nach der Inspiration, die es trotz allem bietet. Geprägt wurden ihre Gedichte von verschiedenen großen persischen Stimmen: von der Dichterin Forugh Farrochzād und den beiden Dichtern Sohrab Sepehri und Ahmad Shamlu.

Viele der Gedichte sind im Exil entstanden, stehen aber immer unter dem Einfluss des Heimatlands.

Es sind Sehnsuchtsgedichte, Liebesgedichte und immer mehr politische Gedichte. Gerade in den letzten Gedichten in diesem Band wird die gesellschaftskritische, politische Stimme immer deutlicher und lauter. Dennoch vermag man als Leser nicht alles zu entschlüsseln, fehlt doch oft das Hintergrundwissen, der Einblick in ein unbekanntes Land. Ein wenig leichter macht es das am Ende angehängte Glossar, was verschiedene in den Gedichten verwendete iranspezifische Begriffe und Redewendungen erklärt. So erklären sich Anspielungen etwa auf Koransuren, Legenden oder persische Dichtung. Abseits dieses speziellen Verstehens wirken Moussavis Gedichte aber auch auf einer anderen tieferen Ebene. Sie sprechen direkt alle Sinne an.

 „ Weißt du es schon?
   Die Fische sind davongezogen ohne Reisepass, zurück blieb nur
                                                                               das salzige Meer
   Und der Himmel reicht nicht für all die Einsamkeit „

Das salzige Meer: die vergossenen Tränen? Moussavis Verse sind in ihrer Symbolhaftigkeit nicht immer so leicht zu durchdringen wie in diesen Zeilen.

„Denke ich an den Himmel
wird, was ich auch schreibe, nass … „

Im Gedicht „Nachtlied“ werden Haare unsichtbar gemacht, so wie es für eine Frau draußen verlangt wird:

„Vielleicht kämme ich mich nicht einmal
flechte nur Zöpfe und
durchkämme die nachtblauen Tage
                                           die grauen
                                                        die schwarzen
                                                          Ah …

Ich muss es aufsetzen
den Knoten schlingen“

Im letzten Drittel des Gedichtbandes werden unter dem Namen „Rotes Gedächtnis“ Gedichte versammelt, die 2001 – 2011 erschienen sind. Der Zyklus „Gedächtnis des ausgestorbenen Schreis“ ist meines Erachtens der stärkste Teil dieser Sammlung und so mutig und direkt, dass es nicht wundert, dass er im Iran offiziell nicht gedruckt werden darf. Es wird deutlich sichtbar, wie Moussavis Lyrik mit der vergehenden Zeit immer kraftvoller, widerständiger und kritischer wird.

„Drehte sich doch die Uhr ins Altertum zurück
Dass aus den Zeigern eine Generation ausgestorbener grüner
                                                                                    Tiger spränge“

Hier wird auch immer wieder auf die gescheiterte grüne Revolution angespielt. Manchmal stürzt sich Moussavi regelrecht in die Worte hinein, verbindet sie im Klang – laut gelesen klingen sie wie ein Stakkato, ja mitunter fast wie ein Rap  – auch hier ein Aufschrei des „Dagegen“.

„Meine Knochen sind zerfallen
Im Hallen der Maschinengewehrsalven
Und nein … nein, diese Legenden sind wahrlich kein
                                                                          Wiegenlied“

Es herrscht ein aufrührerischer, manchmal trotzig klingender Ton, der zwischendurch unterspült wird von einer feinen Zartheit. 

„ …zwischen dem Geschrei jenseits der Scheiben
und den stillgelegten Träumen
Mein Weinen verstört
über dem zerstörten Körper einer Frau, die nicht mehr ist …“

Ein Gedicht des letzten Zyklus heißt „Steinigung“ und erinnert daran, dass es diese grausame Todesstrafe auch in heutiger Zeit mancherorts noch gibt:

„Wurf um Wurf zerrann die Frau
An ihren Schläfen Granatäpfel-Platzen.“

oder

„Mann für Mann
Stein für Stein
                        säen Klatschmohn auf der Schläfe!“

Bestimmte Worte tauchen in Moussavis Gedichten stets wieder auf: Klatschmohn, Granatapfel, Stoppschilder, Fische, der grüne Tiger, die „Feen“ – durch die Wiederholung verdichtet sich die ohnehin schon deutliche Symbolwirkung, atmosphärisch starke Bilder entstehen. Durch Einrückungen und Zeilensprünge unterbricht die Dichterin die fortlaufenden Verse, zeigt ihre Unruhe. Reime finden sich selten, und wenn, dann sehr gezielt gesetzt. 

Granaz Moussavis Gedichte sind (an)klagende, hinterfragende, aber auch zornige, mutige Texte, die den `verbotenen` Frauen im Iran eine Stimme verleihen, die durch die Übertragung von Isabel Stümpel nun auch in unserer Sprache hörbar wird. Ich freue mich über diese Stimme sehr, ich empfehle diese Dichtung wärmstens.

Meine Besprechung erschien zuerst auf fixpoetry.com
07.12.2016 Hamburg
Von Marina Büttner



Oksana Matiychuk: Rose Ausländers Leben im Wort Graphic Novel danubebooks

9783946046271.jpg ausländer

Rose Ausländer ist eine der vielen Lyrikerinnen, die nicht vergessen werden darf. Als Rosalie Ruth Scherzer wurde sie am 11.5.1901 in Czernowitz in der Bukowina geboren. Ein bewegtes Leben erwartet Rose. Später wird sie in einem Gedicht einmal schreiben: „Ich wohne nicht, ich lebe“ und bewahrt alle ihre Habseligkeiten in mehreren Koffern auf. Eine Graphic Novel erinnert nun zum 120. Geburtstag an die Dichterin.

Wegen des ersten Weltkriegs flieht Roses Familie nach Wien, kehrt aber unversehrt zurück, nur dass Czernowitz inzwischen zu Rumänien gehört. Als der Vater stirbt, schickt die Mutter ihre nur 19 jährige Tochter zu Verwandten in die USA. Dort heiratet sie einen Freund, Ignaz Ausländer, lebt in New York, doch die Ehe wird nach drei Jahren getrennt. Sie kehrt 1931 zurück in die Bukowina.  Auch ihre große Liebe zu Helios Hecht, der auch Gedichte schreibt, geht in die Brüche. 1939 erscheint ihr erster Gedichtband „Der Regenbogen“. Die Familie überlebt den zweiten Weltkrieg im Ghetto von Czernowitz, inzwischen Russland zugehörig, dass von den Deutschen eingenommen wird.

Nach der Befreiung geht Rose 1946 erneut in die USA und lebt dort bis 1964. Mutter und Bruder bleiben zurück. Sie schreibt weiter Gedichte, nun in englischer Sprache. Sie reist und liest viel, interessiert sich für Kunst und kehrt schließlich ganz nach Europa zurück, zunächst nach Wien. Ab 1965 lebt sie in Düsseldorf, nach einem Unfall im Pflegeheim der jüdischen Gemeinde. Erst hier erscheint ihr zweiter Lyrikband, wieder in deutscher Sprache, aber Rose entwickelt einen neuem Stil: „Der Reim ging in die Brüche“. 

Die beiden Illustratoren Olena Staranchuk und Oleg Gryshchenko haben die Lebensgeschichte, die uns von der Rose Ausländer-Expertin Oxana Matiychuk erzählt wird ins Bild gesetzt. Die einzelnen Episoden werden dicht an dicht in Szene gesetzt. Das Farbspektrum bewegt sich angeführt von kräftigem Rot in Grün/Schwarz/Hellblau/Weiß. Teils in quadratische Flächen wie in einem Memory-Spiel unterteilt, teils ganz frei durch den vorhandenen Spielraum bewegen sich Bild und Text. Rose selbst durchquert die Bilder oft auffällig immer in Weiß gekleidet. Einzelne Titel der jeweils zu dieser Zeit erschienenen Lyrikbände tauchen auf, ebenso wie kurze Zitate aus Gedichten. Große Blüten und Käfer queren die Seiten. Die Texte zu Roses Leben sind anfangs sehr einfach gehalten und wachsen mit der Zeit. Die Frage nach den Beweggründen und den Motiven von Rose Ausländers Schreiben wird gestellt. Ähnlich wie der Philosoph Adorno fragt sich Rose, ob und wie man nach dem Holocaust noch Poesie schreiben kann. Auch ihre Heimatstadt und die Bukowina sind immer wieder Themen in Gedichten.

Rose schreibt und schreibt. Ihre Gedichte werden durchaus bekannt, sie erhält mehrere Literaturpreise, lebt dennoch zurückgezogen. Ihr späterer Nachlassverwalter Helmut Braun hilft ihr mit allem was das Schreiben und Verlegen betrifft. An einem Tag im Juni 1986 entscheidet sie sich, nicht mehr zu schreiben. Es ist alles da. 1988 stirbt sie. Rose Ausländers Werk umfasst die beeindruckende Zahl von 2500 Gedichten. Sowohl Werk als auch diese kunstvoll gelungene Graphic Novel empfehle ich sehr.

Der Band erschien im danube books Verlag. Die Übersetzung stammt von Kati Brunner. Eine Leseprobe, mehr über die Dichterin und ein aufschlussreiches Video gibt es hier.

Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte Elif Verlag

selten
so abseits im eigenen leben

als wenn ich in frauenzeitschriften blätterte
im friseursalon und beim zahnarzt im wartezimmer

Ein neuer Band der Isländerin Linda Vilhjálmsdóttir ist im Elif Verlag erschienen. „das kleingedruckte“ schließt in seinem Inhalt fast direkt an den vorherigen Band „Freiheit“ an und ist zweisprachig. Die 1958 geborenen Lyrikerin, die auch Krankenpflegerin ist, ist in ihrer Heimat bestens bekannt und wurde mit verschiedenen Preisen für ihre Werke ausgezeichnet. Ihre Themen sind Gesellschaftskritik, Frauenrechte und der Blick auf die Veränderungen diesbezüglich im eigenen Land. Der Band ist schön gestaltet, mit durchbrochenem Schutzumschlag, der das kleingedruckte durch zwei Lupen deutlich erkennen lässt. Tatsächlich sind auch alle Gedichte in Kleinbuchstaben gedruckt. 

So startet der neue Band mit einem Zyklus, der den „Bergfrauen“ gewidmet ist. Es ist Tradition am isländischen Nationalfeiertag, dass eine Frau im Bergfrauenkleid ein Gedicht vorliest. (Es gibt also nicht nur Amanda Gormans „The hill we climb). 2018 wurde Vilhjálmsdóttirs Gedichtzyklus gelesen, in dem sie alle Frauen, nicht auf einen Sockel, sondern gleich stellt.

nach
einem halben jahrhundert
blutigen kampfs
das zerbrechliche selbstbildnis
innerhalb einer akzeptablen fehlerspanne aufrecht zu erhalten

kann ich behaupten
dass frauen wie ich
immer noch unbekannte größen sind

Es kommt dann ein Zyklus, der sich sowohl übergeordnet mit der Rolle der Frau beschäftigt, aber eben auch direkt die eigenen persönlichen Erlebnisse dazu mit einbezieht: der ewige Kampf um Gleichstellung, die Reduzierung auf Äußerlichkeiten, die Entscheidung für oder gegen die Mutterschaft.

und als das herz
vor scham derart zerschlagen war

dass ich nicht ohne zu weinen
von zimmer zu zimmer kam

da habe ich endlich begriffen
dass es mit der scham eine ende haben musste

ich sollte mich nicht weiter vor mir hertreiben lassen
von der scham

und durfte mich nicht länger
für mich selbst
schämen

Im Zyklus „Manchmal fühle ich mich wie …“ versetzt sich die Dichterin in die Lage, derer, die es schwer haben und leiden müssen. Sei es der alte Mensch, den keiner mehr wahrnimmt, das Pelztier im Versuchslabor, die Frau im Pflegeberuf.

Im dritten Zyklus geht es um die Herrschenden, um (korrupte?)Politiker und es geht um Macht(missbrauch) und Männlichkeit. Hier wird Vilhjálmsdóttir sehr direkt in ihrer Wortwahl zu konkreten Ereignissen.

Zu guter Letzt zeigt uns die Autorin Bilder aus der eigenen Familiengeschichte; es geht um die Frauengenerationen. 

bevor aber das jahrhundert zur hälfte vorbei ist
werden die finger und die vorgereckten kinnspitzen
unserer vorfahrinnen

wie
wegweiser oder steinwarten
aus den schmelzenden Gletschern ragen

Die Großmutter aus armen Verhältnissen, die 10 Kinder gebar, von denen nicht alle überlebten, die Wolle spinnt für die Enkel, den getrockneten Fisch zubereitet und im Nylonkittel zur Putzstelle geht. Die Mutter, die mit 15 Jahren von der Schule abgehen musste und „im Fisch“ arbeitet. Und dann Linda selbst …

Linda Vilhjálmsdóttirs Gedichte sind alle sehr bodenständig, direkt und kraftvoll. Es sind keine Gedichte, die man nur mit bestimmtem Vorwissen versteht. Sie sind auch für Kaum-Lyrikleser bestens geeignet. Mir fehlte bisweilen das Geheimnis, das Zwischen den Zeilen, das für mich unbedingt zu einem Gedicht dazugehört. Das fand ich dann aber in der ergänzenden Lektüre, die ich sehr empfehlen kann: Die Literaturzeitschrift „Die Horen“ hat in der Ausgabe 280 ein längeres Kapitel der isländischen Lyrik/Kurzprosa gewidmet und einige der Gedichte haben mich eingefangen:

Hier finden sich etwa auch Gedichte von Fríða Ísberg, die demnächst ebenfalls im Elif Verlag erscheinen werden. Schon der Titel lockt: Lederjackenwetter (siehe Gedicht Foto oben). Ebenso Foto oben: Gedichte von Dagur Hjartarson und Steinunn Sigurðardóttir. Auch von Ragnar Helgi Ólafsson finden sich Texte (Besprechung seines Lyrikbandes „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden“ hier). Diese vielen wunderbaren Veröffentlichungen verdanken wir vor allem auch dem Übersetzerteam Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gislason, das auch bereits den Band „Freiheit“ und diverse andere Bände übersetzte. Wolfgang Schiffer bringt auf seinem Blog Wortspiele auch immer wieder die isländische Literatur in den Fokus. Es lohnt sich ein Blick auf diese Seite.

Alle Bände isländischer Autoren, die im Elif Verlag erschienen finden sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.