Steinunn Sigurðardóttir: Nachtdämmern Dörlemann Verlag

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„Man vergaß, dass eis nicht aus eis besteht
sondern aus wasser“

Immer wieder ist es Lyrik aus Island, die mich besonders berührt. Diesmal ist es „Nachtdämmern“ von Steinunn Sigurðardóttir. Die Autorin ist im „Schatten“ des Gletschers Vatnajökull unter dem ein Vulkan liegt, aufgewachsen und fand ihn in seiner Konstante immer beruhigend. Bis er zu schmelzen begann …

Das erste Kapitel namens „Es kommt ans Licht“, welches mir auch am besten gefällt, taucht ein in die Biografie der Autorin, immer in Bezug gesetzt zum Berg: Beginnend mit der Geburt, über die Kindheit, die Jugend und das Erwachsensein. Da ist die liebevolle Großmutter gleichen Namens, der Großvater, das Aufwachsen in und mit der Natur. Das Hüten der Kühe auf den Weiden unterm Gletscher. Das Lesenlernen. Das erste Tanzengehen, später das Studium im Ausland und immer auch wieder die Besuche zuhause. Der Blick auf den sich mit den Jahren verändernden Gletschervulkan.

„Und die mooslavagipfel in immer neuen
formen: menschengesicht,
kleiner vogel und trollfrau. Immer wieder
neue, zu der zeit der kinder auf dem
hof, auch derer, die ihr ganzes leben dort
blieben.“

Es gibt ein Kapitel, dass nur mit den Stimmen von Menschen gefüllt ist, die den Vatnajöküll besuchten oder sahen. Die Einheimischen Stimmen sind zu hören, aber auch Touristen, Besucher und Reiseführer. Ganz unterschiedlich sind die Meinungen zum Gletscher. Von Respekt über Angst bis große Freude und Glück beim Anblick.

„Über die schönheit des gletschers zu reden
war nicht in mode.“

Die weiteren Kapitel stehen ganz im Zeichen des Gletschers, bzw. des durch ihn erkennbaren Klimawandels. Die steigenden Temperaturen, die Schneeschmelze, die sich nun nicht nur im Frühjahr zeigt. Der Gletscher, der sein strahlendes Weiß verliert, das je nach Tages- und Jahreszeit in verschiedenen Farben changiert. Der Gletscher, der bald nur noch Berg ist, dunkel und kleiner ist.

Sigurðardóttirs Gedichte werden zeitweise zu Klage- und Trauerliedern oder sogar zur Anklage. Zur Anklage der Menschheit, die schuld ist am Untergang der Erde. Sie thematisiert dabei dann auch das Sterben der Arten, die Erderwärmung, das Mikroplastik im Meer, in den Meerestieren. Sie zählt die Orte am Meer auf, die bald überschwemmt sein werden. Sie geht sogar soweit zu sagen, dass ihre Heimatinsel dann nicht mehr dieselbe ist, nicht mehr Is (Ice)-land ist, nennt es Land von Feuer und Nichts. Bis sie zum Schluss wieder das kleine Mädchen wird, dass das Glück hatte, den Gletscher unversehrt zu erleben.

„aber er ist noch da auf halbmast
über dem massiv des Lómagnúpur.

ich schließe die augen und sehe

früheren glanz, blauleuchtende gewölbe
hier und da ein wolkenknäuel
oder auch ganz wolkenlos“

Sie verdichtet in sehr detailreichen Bildern. Es ist eine Poesie, die durchdringend direkt ist, die manchmal erschreckt, aber eben auch wunderschön ist. Es ist der Versuch eines Weckrufs, bevor es zu spät ist. Im Gegensatz zu den Gedichten am Anfang, als alles noch heil schien, werden die späteren Gedichte inhaltlich immer pessimistischer, ja auch wütender, getragen von einer Liebe zur Natur und von der Angst diese auf Dauer zu verlieren. Meine persönlichen Gedanken dazu sind dabei, dass es die Natur, die Erde ohne uns recht schnell schafft, am Leben zu bleiben. Die Menschheit ist es, die nicht dauerhaft überleben wird …

„Und sternenlos werden die steinreichen
vernichter in ihren unterirdischen bunkern
sein.“

Die Gedichte der in Reykjavik geborenen Autorin, die für ihre Bücher oft schon ausgezeichnet wurde, sind gerade auch wegen des brandaktuellen Themas gut als Erkundung von zeitgenössischer Lyrik geeignet und ich empfehle sie gerne.

Der Band erschien im Dörlemann Verlag. Übersetzt hat es Kristof Magnusson, selbst Autor mit isländischen Wurzeln. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der Dörlemann Verlag hat zum Erscheinen des Buches unter dem Hashtag #klimaistkeinefiction zum Selbstdichten rund um das Thema Klimawandel aufgerufen. Da ich das ja ohnehin mache, gibt es von mir diesen kleinen handschriftlichen Text aus der Reihe Notizen, Selbstgespräche:

Kerstin Becker: Das gesamte hungrige Dunkel ringsum Edition Azur

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„wir sind am Anfang durchlässig
und weich und lernen fortan
zu verhärten“

Der neue Lyrikband von Kerstin Becker strahlt ins Dunkel hinein, um auf den Titel des Buches zuzugreifen. Das Dunkel wird hier kompromisslos ausgeleuchtet, wie mit einer Taschenlampe punktgenau getroffen. Das Dunkel, das wir alle kennen, aber manche eben wesentlich mehr. Es beginnt mit der Zeugung, weiter mit der Geburt, wo die Dunkelheit verlassen werden muss und der Start ins Leben grell beleuchtet ist. Es beginnt mit dem Babyflaum und was am Ende bleibt, ist die kratzige Kunstwolle, die nach dem Tod aufgedröselt und wieder verwendet wird. Kerstin Beckers Gedichte spannen einen Bogen vom Anfang zum Ende eines Menschenlebens, eine Lebenszeit. Wie unterschiedlich diese verlaufen kann erfahren wir auch. Wir hören viel mehr vom Dunkel, das immer da zu sein scheint ganz in der Nähe, lauernd. Die Helligkeit nimmt ein viel geringes Maß ein. Kommt zu kurz, wie das eben in manchen Menschenleben so ist. Trotz aller Dunkelheit empfinde ich Kerstin Beckers Gedichte nicht bitter oder resignierend, sondern durchaus kraftvoll und weit, die Sprache manchmal rau und dann wieder zart.

Das Aufwachsen, die Kindheit scheinen auf, ein Leben in den Wäldern, den Wiesen, ein ländliches Leben. Immer mit der Natur, erdig, sinnlich, sehr körperlich, auch eklig und dreckig. Wildwuchs, Wachstum. Geräusche, Gerüche. Freundschaft und Blutsschwesterschaft. Hier ist es oft schön hell. Schnell zeigt sich dann aber doch wieder der Unterschied zwischen arm und reich, zwischen weiblich und männlich, zwischen wollen und sollen, zwischen Zwang und Freiwilligkeit. Missbrauch und Gewalt schweben im Raum eines Gedichts, dürfen es auch, dürfen benannt und ausgesprochen werden in diesem Rahmen.

„wir gleichen unseren Puls dem Puls der letzten Wälder an
wie später einmal unsere Mens die Sommersonne
spinnt weiße Waben unter unsre Lider“

Im großen Gegensatz zum Dunklen wird immer wieder die Natur besucht. In den Wald und über die Felder. Durchatmen, Wahrnehmen. Die Bäume, die Wiesen – sie sind Heil- und Ruhemittel. Da ist die Verbindung ganz stark, da wächst nach, was verloren war. Das ist der Raum, den es dem sterilen, künstlichen Klinik- und Pflegebereich entgegen zu setzen gilt. Denn das Dunkle ist auch die schwere Erkrankung, die zieht und zerrt und hilflos und ohnmächtig macht und nicht weichen will.

„wir hätten oft schon tot sein können Wald
wie geht es dir
in dir geh ich am Faden aus Instinkt und ahne Ahnen
und glaub fast an der Menschenhirne Amen“

Kerstin Becker zeigt in einigen Gedichten die prekäre Arbeitssituation auf, in der manche Menschen stecken: es geht um die Dienstleister. Menschen, die saubermachen, Essen ausliefern, an Kassen sitzen und dennoch finanziell kaum über die Runden kommen, und die, die mit ihrem „Bescheid“ mit großer Scham zur Tafel gehen müssen, um zu überleben.

„siehst du den Speckgürtel
und Ghettos um die Städte
Abriegelsystem humanus ich gehör
der Kaste Allerletzter an“

Die Lyrikerin schickt das Lyrische Ich zu Besuch zur Schwester, die zuhause schwer alleine zurecht kommt, die aber auch nicht in die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen gehen kann, weil sie geschlossen wurde. Auch ein Familienausflug wird ganz stark verdichtet: ein Besuch des Flughafens, die ungestillte Sehnsucht auf der Zuschauerterasse, weil es für eine Ferienreise im Flieger eben nicht reicht (welches ich allzu gut kenne) oder es gar nicht möglich war, überall hinzufliegen in der DDR.

Am Schluss schließt sich der Kreis. Nach Zeugung, Geburt, Lebenszeit folgt das Sterben, der Tod. Das Stirb und Werde, das niemals aufhört, für jeden Einzelnen allerdings immer das Schönste und das Schlimmste bedeutet.

„muss ich denn Abschied nehmen Welt von deinen süßen
salzgen Wassern grünen Hügelketten
ich habe dich von oben wie ein
Raumfahrer gesehen
du bist so zart und voller Grab“

In den Gedichten gibt es keine Interpunktion, was aber nicht stört, denn die Verse gliedern sich durch ihren Rhythmus. Wie im vorigen Band Biestmilch sind die meisten in der Wir-Form geschrieben. Etwas, was mir besonders auffällt, weil es, wie ich finde in aktuellen Gedichten selten zu finden ist. Dabei hat diese Form den Vorteil, dass man sich mit der Dichterin verbunden fühlt und näher dran ist am Erleben. Und tatsächlich erinnern mich manche Gedichte in Ton und Wortwahl an die Gedichte von Christine Lavant. Und, liebe Kerstin, über das wunderbare kaum mehr gehörte Wort „lavede“ freue ich mich besonders. Ein Leuchten!

Schwarz/Weiß-Fotos ergänzen die Gedichte, grenzen die einzelnen Kapitel voneinander ab. Auch äußerlich ist der Gedichtband schön gestaltet. Er erschien im Verlag Edition Azur bei Voland & Quist. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

„Eine der Lyrikempfehlungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 2022“

2x Lyrik aus dem Elif Verlag: Wolfgang Schiffer: Dass die Erde einen Buckel werfe / Dagur Hjartarson: Schnee über den Buchstaben

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Zwei neue Lyrikbände aus dem Elif Verlag möchte ich vorstellen. Eine Doppelbesprechung bietet sich hier an. An beiden ist Wolfgang Schiffer beteiligt. Einmal als Übersetzer aus dem Isländischen, wie schon bei so vielen Bänden in den letzten Jahren. Und einmal eben auch – darauf war ich sehr gespannt – als Dichter.

An dem Lyrikband mit dem wunderbaren Titel „Dass die Erde einen Buckel werfe“ fiel mir zuerst das schöne Cover auf, dessen Rätsel sich innen auf dem Buchdeckel fortsetzt. Es wurde gestaltet von dem Isländer Ragni Helgi Ólafsson, dessen Gedichte und Erzählungen ich hier auch bereits auf dem Blog besprochen habe. Natürlich in der Übersetzung von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason.

„und heute / gelingt es mir noch / an die Kraft der Wörter zu glauben /
an eine Sprache / die rettet / sehe ich noch Licht in einem Gedicht?

Wolfgang Schiffers schmaler Gedichtband hat es in sich. Er ist in Abschnitte eingeteilt, die sich nach den Wochentagen richten. So folgen wir von Montag bis Sonntag zunächst immer einem Speiseplan, der einmal in hochdeutsch und einmal in Dialekt abgedruckt ist. Es ist der Dialekt (die Mundart des Landstrichs?), den der Held, das Lyrische Ich, ich denke man kann es getrost mit dem Autor verknüpfen, in seiner Kindheit sprach. Dieser Speisekarte ist fast wie ein Zeitanzeiger. Der Inhalt und auch manch spätere Verse weisen auf eine wenig üppige, vielleicht von Armut, zumindest aber auch von Scham geprägte Kindheit hin.

Abwechselnd taucht nun das lyrische Ich in die Vergangenheit, beginnt mit einer kleinen Familienhistorie, begegnet Vater, Mutter; bedenkt sie aus dem Heute, befragt sie. Sogar in seinen Träumen erscheinen sie, weisen auf dies und auf das hin, das vielleicht schon vergessen war. Helfen bei der inneren Suche, ja, nach was? Der Vater, der Arbeiter, der Westernheftchen las, (erinnert mich sehr an meinen eigenen), die Mutter, die einfach die Frau des Vaters war und Mutter natürlich. Mit großer Zuneigung widmet sich Schiffer den Eltern. Aus allem spricht hier die Demut und auch die Dankbarkeit vor der Lebensleistung der Eltern. Der eigene Ursprung wird reflektiert, der Werdegang, jetzt da das Altern viel Raum einnimmt.

„ach Mensch! ach Welt! / wann endet es endlich /
dieses Schmierentheater / das längst schon nicht mehr
zu überbieten ist an Zynismus und Perversion / warum“

Ein zweiter Strang zeigt eine andere Seite, schlüpft wieder in die Gegenwart und liest sich mitunter wie ein Lamento in zutiefst gesellschaftskritischen Versen. Vom kleinen geht es jetzt ins Große: Es geht um die unguten Zustände, die herrschen aufgrund der Machtstrukturen in der Welt. Die Kriege, der Niedergang der Kultur, die Ungerechtigkeiten, die Zerstörung von allen Seiten und die so gar nicht mehr intakte Natur: alles Menschenwerk. Die Frage steht im Raum: Wäre die Welt ohne uns Menschen nicht eine bessere?

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Dagur Hjartarsons zweisprachiger isländisch/deutscher Lyrikband „Schnee über den Buchstaben“ ist in zwei größere Kapitel geteilt. Alle Gedichte sind ohne Groß- und Kleinschreibung und ohne Satzzeichen verfasst. Der erste Teil heißt „die Hirnoperation“ und berichtet aus verschiedenen Blickwinkeln von einer Frau, die einen Gehirntumor hat. Der Beobachter, das Lyrische Ich (man darf auch hier von Autobiographischem ausgehen) be-schreibt, ja beschwört mitunter, die Zeit vor und nach der Operation. Die Sorgen, Ängste und dann auch die Erleichterung, als alles gut gegangen ist und die Zukunft wieder erscheinen darf. Dabei hat die Sprache hier, trotz allem gleichzeitig eine Luftigkeit und Zuversicht in aller Schwere.

„während ich über dich wachte
wurde mir klar
dass die nacht fast gar nichts ist
sie ist nur der schatten der erde

die nacht ist nur der schatten der erde“

Die Familie, die auch im nächsten Kapitel „familienleben auf der erde“ Thema ist, spielt immer die Hauptrolle. Ob ein Kinderwagen geschoben wird oder früh am morgen Kaffee gekocht wird, ob die Nacht durchwacht wird oder ein Schneesturm durch die Stadt fegt, alles ist Alltag und Poesie zugleich. Der Autor verbindet konkret Erlebtes, Erlesenes oder Gehörtes und erzeugt damit überraschende Bilder.

„in dem bericht steht dass viele arten verschwinden werden
noch bevor die wissenschaftler sie entdecken

es gibt also ein verborgenes leben
außerhalb der menschheitsgeschichte“

In beinahe jedem Gedicht finde ich mindestens eine Zeile, die ich genau zu diesem Zeitpunkt des Lesens brauche. Die mich gleichzeitig verankert und aus allem heraushebt. Auch die Gedichte, die von der Kindheit, von diesem besonderen Dasein, weitab des Erwachsenseins erzählen, sind trefflich gelungen. Mir scheint, erinnerte Kindheit ist gerade in der Dichtung ein großes Experiment. Hier und auch im gesellschaftskritischen Teil finden beide Lyrikbände eine Gemeinsamkeit.

„und wir gehen tiefer hinein in das gedicht
gehen bis wir verschwinden
hinter den letzten worten“

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Ich kann beide Bände von Herzen empfehlen, und hier auch gerade denjenigen, die sonst kaum Gedichte lesen. Bereits vorab war ich mir dessen schon sicher. Es sind beides Gedichtbände, die wunderbar poetisch sind aber nicht intellektuell verrätselt. Oft ist die Sprache so eindeutig und wegweisend, dass sie einen um so mehr bewegt und weiterträgt. Wachsen mit Gedichten – eigentlich das Schönste, das es gibt!

Beide Bücher sind im Elif Verlag erschienen. Die Übersetzung aus dem Isländischen kommt von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason. Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

Weiteres aus der zeitgenössischen isländischen Lyrik (ich liebe sie alle!):

Das Alphabet des Feuers – Wolfgang Schiffer liest Gedichte aus Island Hörbuch Elif Verlag

Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme Elif Verlag

Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte Elif Verlag

Knut Ødegård: Die Zeit ist gekommen Elif Verlag

Indiebookday 26. März – Meine Entdeckungen aus unabhängigen Verlagen

Alle Jahre wieder: Heute ist Indiebookday!

Ich habe ein Faible für die unabhängigen Verlage, weil sie große Arbeit leisten und häufig zu ungeahnten Entdeckungen und feiner Lesefreude führen! Am besten ist es, solche Schätze auch in unabhängigen Buchläden zu kaufen … dazu gibt es den Indiebookday!
Hier sind meine diesjährigen Empfehlungen: Dabei sind: Romane, Gedichtbände, Künstlerbücher, eine Graphic Novel, ein Krimi. Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Durch klicken auf die Bilder findet sich der Link zu meiner jeweiligen Besprechung. Viel Spaß beim Stöbern!

Weitere Indiebuch-Tipps aus den letzten Jahren gibt es hier:

Harald Kappel: Stereotomie Neue Gedichte Moloko Print

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Harald Kappels Lyrikband „Stereotomie“ ist für mich eine Überraschung. Ab und an ist man sich in der ein oder anderen Literaturzeitschrift mit dem eigenen Gedicht begegnet oder auf Facebook. Letztes Jahr erhielt er dann den alternativen Poesiepreis genannt Nahbell-Preis. Nun wurde ich angelockt von dem Cover-Bild, das mir in seiner Art als selbst Künstlernde sofort gefiel. Ich war gespannt, wie die Gedichte mit den Illustrationen, die von den beiden Künstlerinnen Marta Magdalena Ferenczy-Kappel und Margareta Loscher stammen,  korrespondieren. Und ich finde, sie tun das sehr gut. Ich weiß gar nicht, was mir besser gefällt, die Bilder oder die Gedichte. Allein die Ausstattung des Gedichtbands ist hochwertig. Schönes Papier, auf dem die Collagen, meist sind es Mischformen aus Collage und Malerei, gut zur Geltung kommen. Und auch die Gedichte sind in einer besonderen Schriftart gedruckt. 

Im Abspann erfahre ich, das Harald Kappel Arzt ist, was mir allerdings während des Lesens schon als Frage im Kopf stand. Denn im Wortrepertoire kommen sehr viele medizinische Begriffe vor, die mir teils bekannt, teils unbekannt sind, die aber unbedingt zu den Gedichten passen, die sich schlüssig einfügen. Tatsächlich mag ich die eigensinnigen Kombinationen, die mitunter wilden Paarungen der Verse sehr. Auffällig sind in den meist kurzen Gedichten die vielen Wiederholungen als technisches Mittel der Verdichtung. Oft in Abwandlung begegnen mir die Anfangsverse am Ende erneu(er)t. Oft trifft mich der Schluss der Gedichte sehr plötzlich; habe ich mich noch gar nicht erholt von der Wucht der vorausgegangen Worte. Vieles muss/will ich mehrmals lesen. Auch in verschiedenen Betonungen. 

Nicht alle Gedichte sind mit einem Bild bedacht, das wäre auch zu viel, aber die, die „bebildert“ sind, verstärken sich gegenseitig aufs Wunderbarste. Es werden Motive aufgenommen, manchmal nur einzelne Worte und diese werden mit Phantasie versponnen und stimmig ergänzt. Es bleibt dabei immer auch viel Raum für die eigenen Bilder, die unvermeidlich durch die Verse hervorgerufen werden. Manche Illustrationen erinnern an die Klecksbilder des Rorschach-Tests aus der Psychologie. Durch Faltung und Abklatsch der Farbe entstehen zwei Hälften, die nie gleich, aber ähnlich sind und hier auch unterschiedlich weiterverarbeitet werden. (Zusammenhang mit dem Titel des Gedichtsbands?) Manche der Bilder bleiben abstrakt, die meisten aber werden konkret. Die, die mir am besten gefallen, Gedicht und/oder Illustration habe ich oben eingefügt.

Gleichheit

ich lebe in einem Leib
oben das hastige Hirn
eine weiße Lunge
draußen
meine schönen Kinder
die Bäume und das Obst
dann grillen wir

ich krieche in einem Leib
unten das krustige Gesäß
ein schwarzer Bronchus
draußen
meine billigen Huren
das Öl und die Pest
dann sterben wir

ich glaube an die Mitte
an die teuren Minister
mit goldenen Nasen
draußen
ein roter Teppich und Chanel No.5
dort verteilen sie 
unser Geld
dann unser Glück
gerecht
unter sich“

Manchmal geht es derb zu, manchmal scheint das Licht hell. Immer finden sich Bezüge zum Alltäglichen, zum Geschehen in der Welt, der inneren und der äußeren. Selten habe ich so gut gelungene Gesellschaftskritik in der aktuellen Lyrik gefunden, die so unauffällig wie direkt ist. Auch die Liebe findet ihren jeweiligen, der Situation angemessenen Raum, kommt körperlich und sinnlich, und zum Glück, wie ich finde, ohne Kitsch und Romantik. Der Tod findet Eingang in die Texte, die Düsternis, Obdachlosigkeit, Alkohol, Social Media, Aktien und Fake News, überhaupt die ganze „schöne neue Welt“. Und das ist gut so. Denn im Gedicht kann sie verwandelt oder zumindest benannt werden, beim Schreiben und dann noch einmal beim Leser. Empfehlung!

„Stereotomie“ erschien im Verlag Moloko Print. Danke, Harald Kappel, für das Rezensionsexemplar!


3 x Lyrik – Kurzüberblick erlesener Gedichtbände: Eva Maria Leuenberger: Kyung / Anthologie Rote Spindel, schwarze Kreide / Séptimas von Klaus Anders

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Für manche bereits gelesenen Lyrikbände fehlen mir Worte und/oder Zeit, um einen längeren Blogbeitrag zu schreiben, obwohl ich sie sehr mag und empfehle. Deshalb hier ein kurzer Einblick in loser Folge:

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„ein ich /      außerhalb ihrer eigenen äußerung
schwebend, mit beiden füßen fest auf der erde
eine handvoll augen, ohne gesicht, eine handvoll stimmen,
ohne körper

eine leerstelle, wo der name war

erinnerung, fragmentiert zu sprache“

Eva Maria Leuenbergers zweiter Lyrikband nach „dekarnation“ ist ganz anders. Sie hat sich diesmal an einer konkreten Person, an einem konkreten künstlerischen Werk orientiert und macht etwas ganz Besonderes daraus. Wie schon der Titel verrät, geht es um die koreanisch/US-amerikanische Künstlerin Theresa Hak Kyung Cha (1951-1982), die im Alter von 31 vergewaltigt und ermordet wurde. Leuenberger hat sich intensiv mit deren Werk, vor allem mit „Dictée“ (was erst posthum veröffentlicht wurde) und mit deren Biographie auseinandergesetzt. Entstanden ist ein Band, der dieser Künstlerin ein Denkmal setzt. Die Wertschätzung für Kyungs Kunst zieht sich durch das ganze Buch, ohne Leuenbergers eigene Stimme zu überdecken. So werden auch Worte und Bilder Kyungs mit eingebunden und in ihrer Tiefe sensibel durchleuchtet. Der Band erschien im Droschl Verlag.

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MärchenTitelMaerchen.jpg Rote Spindel

Ich habe die Märchen vergessen. Sie vergessen mich nicht.
Wir lernen uns näher kennen nach Mitternacht in den Bil-

derbüchern hinter den Bergen. Da deuten uns die Sterne.
Das Zündholzmädchen kocht mir Tee im gesprungenen Glas.
Ich fülle die Schachtel mit Gedanken-Splittern.“

Rose Ausländer

„Rote Spindel, schwarze Kreide“ versammelt Gedichte klassischer und zeitgenössischer Lyriker*innen zu einer wunderbaren Sammlung von Texten über Märchen in einem Band. Herausgegeben von Birgit Kreipe und Ron Winkler, die beide selbst Gedichte schreiben, zeigt sich eine traumhafte Fülle, die die Leser in eine Zauberwelt entführt. Im Vorwort erläutert Birgit Kreipe die Herkunft der Märchen, ihre Beziehung zu Träumen und auch zur Psychologie und erzählt, wie bei der Auswahl der Texte vorgegangen wurde. So überwiegen zeitgenössische Dichter*innen, wobei das älteste Gedicht von 1880 stammt und die neuesten aus dem 21. Jahrhundert. Die meisten Gedichte beziehen sich dabei auf die Grimm`schen Märchen. So gefiel mir beispielsweise besonders gut das Gedicht „Märchen“ von Selma Meerbaum-Eisinger:

„So weit meine Augen sind –
verloren in einem Wald,
spielen sie blind und tot mit dem Wind,
und ich – bin müd und kalt.“,

aber auch Rolf Dieter Brinkmanns „Schneewittchen“

„…wer weiß in der luft die leuchtet weiß her und tanzt geliebte im wind der weiß geliebte vornüber hinunter auf dächern die sterne …“ 

und Werner Söllners „Märchen zur Unzeit“:

Alles und nichts in Käfig und Reuse.
Die Welt ist entzaubert, Hans ist im Glück.
Wer nicht mehr am Gold klebt, sagt leise:
Einmal Bremen, hin und zurück.“

Weiterhin finden sich Gedichte von Birgit Kreipe selbst, von Nora Gomringer und Nora Bossong, von Gertrud Kolmar und Erika Burkart, von Kerstin Hensel und Elke Erb, von Paul Celan und Günter Eich und viele viele mehr. Der Band erschien im Verlag Edition Azur.

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„Lang ging ich in düsteren
Gedanken, die Wälder schlossen sich
hinter mir, keiner folgte, ich blieb
lang allein mit den Bäumen.
Sie schützten mich, sie sprachen mir zu
bis die Düsternis schwand, bis ich sang,
mit neuen Liedern heimkam.“

Klaus Anders` neuer Lyrikband „Séptimas“ versammelt lauter siebenzeilige Gedichte, die meditativ sind wie Haikus, aber durch ihre etwas längere Form mehr verraten. Sie sind wunderbar zum täglichen Lesen geeignet, vielleicht morgens oder abends wie ein Gebet. Für den Geist ist es genau richtig, sieben Zeilen, die leicht zu lesen sind, aber mitunter wie ein Koan zum Weiterdenken herausfordern. Es finden sich Bezüge zur Weltliteratur, zum Menschsein, zur Natur und im letzten Kapitel sind die Verse 7 japanischen Dichtern gewidmet. Der Band erschien in der Edition Rugerup.

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Lyrik im Frühjahr – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Frühjahr 2022

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Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Frühjahrsvorschauen 2022 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

Seit über 40 Jahren schreitet das »Jahrbuch der Lyrik« die poetischen Landschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz ab. Von nun an tritt Matthias Kniep an seine Stelle. Als Mitherausgeberin konnte er die Dichterin Nadja Küchenmeister gewinnen. Gemeinsam haben sie aus über 600 Einsendungen von Lyrikerinnen und Lyrikern, jungen und älteren, bekannten und unbekannten, die besten Gedichte ausgewählt und zusammengestellt. Die Anthologie will die Bandbreite dessen abbilden, was in der Dichtung möglich ist. Wie wird heute geschrieben, welche unterschiedlichen Ansätze gibt es? Das Jahrbuch präsentiert den großen Reichtum der Gegenwartslyrik. (Verlagstext) Es erscheint am 1.3.22 im Schöffling Verlag.

Zwei Orte, zwei Jahreszeiten, zwei Personen in zwei Teilen eines Ereignisses. Das trockene und das feuchte Element, Hell und Dunkel, Innen und Außen, Belebtes, Unbelebtes, Wiederbelebtes und Nichttotzukriegendes bilden die Dichotomien und Isotopien dieser Gedichte, durch die die Tiere ziehen und die Gestirne – denn alles spielt sich gleichzeitig im Himmel und auf Erden ab. Wörtliche und prophetische Rede, untermalt von etwas Musik, ein Gegenübertreten von Sommer und Winter. Auch mit ihrem dritten Gedichtband beweist Judith Zander, dass sie eine Meisterin der kurzen Strecke ist. (Verlagstext) „im ländchen sommer im winter zur see“ erscheint am 16.2.22 beim DTV.

Am Anfang war das Licht, oder doch die Lumières? Von der Erschaffung der Welt ist es in Ulrike Almut Sandigs neuem Gedichtband nur ein »Feuer, Erde, Wasser, Sprung« zur Sinfonie der Berliner Großstadt. Sandigs neue Texte sind nicht nur visuelle Poesie auf dem Papier, sondern auch Loops im Ohr und filmische Bildexplosionen für alle Sinne. Mit Sprechsoftware rückt sie Gedichten der deutschen Romantik zuleibe und fasst deren koloniale Kehrseite in kunstvolle Anagramme. Vor allem aber schafft die Dichterin in »Leuchtende Schafe« einmal mehr »Welten voller mythischer Bilder, die sich tief ins Bewusstsein eingraben« (Matthias Ehlers, WDR). (Verlagstext) „Leuchtende Schafe“ erscheint am 1.3.22 im Schöffling Verlag.

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Dichten heißt, im Dialog zu stehen mit sich selbst und mit Texten geschätzter Schriftsteller*innen, den Blick aber stets auch darüber hinaus zu weiten. Nach ihrem letzten Lyrikband hochgestimmt, in dem Monika Vasik sich der Musik und den Stimmen von Sängerinnen widmete, wendet sie sich nun dem Thema Frauenrechte zu. In vielschichtigen Porträts steht die Dichterin im Zwiegespräch mit Frauen aus mehr als sieben Jahrhunderten. Jede von ihnen versuchte auf ihre Art, sich Konventionen der Zeit sowie patriarchalen Normen und Rollenbildern zu widersetzen und ein Stück Freiheit zu erringen. Statt sich beschränken zu lassen, wandten sie sich der Welt zu, kämpften für ihre Rechte und für die Gleichstellung der Geschlechter. Alle zahlten einen hohen Preis dafür. (Verlagstext) „Knochenblüten“ erscheint am 21.2.22 im Elif Verlag.

Auf Wolfgang Schiffers freue ich mich besonders: Ein Mann erinnert sich an seine Kindheit, an seine Eltern, an ihre einst gemeinsame Sprache, die ihm genommen wurde, an die sozialen Verhältnisse, die ihn ebenso prägten wie die Landschaft, die das niederrheinische Dorf, in dem er aufwuchs, umgab. Und aus der Erinnerung, freudig wie schmerzvoll, erwächst Klage über den Zustand der Welt, über die Zerstörung der Erde und des Miteinanders, sucht ein melancholisch-verzweifeltes Aufbegehren nach Wörtern, die eine Umkehr der Menschen von ihrem Tun und Unterlassen erzwingen wollen, doch ahnen, dass es diese nicht geben wird … (Verlagstext) „Dass die Erde einen Buckel werfe“ erscheint am 21.2.22 im Elif Verlag..

Schnee über den Buchstaben enthält Gedichte, die im isländischen Original in zwei getrennten Bänden und in einem Abstand von drei Jahren erschienen sind. Dagur Hjartarsons Gedichte sind persönlich, klar und stark in ihrer Einfachheit, voller Wärme für alles, was die Welt bereithält, und voller Sorge über das, was der Mensch ihr an Verstörendem, Vernichtendem antut. Oft lassen sie uns erstaunen, öfter noch hinterlassen sie Wunden, die uns an unsere eigene Verletzlichkeit erinnern und an unsere Fehlbarkeit gemahnen. (Verlagstext) Der Band erscheint am 21.2.22 im Elif Verlag..

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Kerstin Beckers Gedichte glühen aus dem Dunkel. Sie erzählen vom Vergehen, dem Seelenlaich, vom Leben zwischen den Systemen, von Gestrandeten, einem wir, das durch die Erinnerungen wildert, den Asseln auf der Spur und andern kleinen Wundern am Rand der ausgezehrten Äcker. Schmerzlich schön sind diese kunstvoll rhythmisierten Verse, die das Tragische, die Wunden nicht scheuen – weil es der Preis für einfach alles ist. Ein Preis, ohne den diese Gedichte nicht zu haben sind. „Das gesamte hungrige Dunkel ringsum“ erscheint am 14.3.22 in der Edition Azur/Voland & Quist.

Nachtdämmern versammelt Gedichte Islands berühmtester Dichterin zum sterbenden Großgletscher Vatnajökull in Südostlisland, dem Gletscher von Steinunn Sigurdardóttirs Kindheit, der in unseren Tagen weltweit zum traurigen Symbol des Klimawandels geworden ist. (Verlagstext) Der Band erscheint im Dörlemann Verlag am 28.4.22.

Während der Sowjetzeit bis zur Perestroika konnte Jelena Schwarz zensurbedingt keine einzige Zeile publizieren. In der inoffiziellen Lyrikszene Leningrads aber war sie als große Dichterin anerkannt. Heute gilt sie neben Achmatowa, Mandelstam oder Brodsky als eine der bedeutendsten Stimmen der russischen Poesie. Ihr Werk übt großen Einfluss auf jüngere Generationen aus. Dabei steht Jelena Schwarz immer im intensiven Dialog mit der gesamten Weltliteratur und Philosophie. (Verlagstext) „Buch auf der Fensterbank erscheint im Matthes & Seitz Verlag am 17.2.22.

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Seit jeher sind Wasserläufe in Geschichte und Geschichten eingewoben. Doch Wasser selbst trägt Sprachen in sich und diktiert, was »poesie über wasser weiß« und welche Worte in den Wellen wohnen. Siljarosa Schletterer hört in ihrem Debüt „azur ton nähe“ der Fluss- und Seenlandschaft Mitteleuropas zu. Die Vielsprachigkeit von Wasser ist das zentrale Motiv ihrer Lyrik, in der die Aufmerksamkeit auf das sozioökologische Gewicht der Gewässer gerichtet wird. Die Gedichte wollen im Sinne von nature writing eine »neue zunge zeugen, eine sprache finden / die wasser beschreibt«, denn »jeder fluss hat eine seele«, erzählt unsere Gesellschaft und wartet auf eine »verbleibende / herzantwort«. (Verlagstext) Erscheint im Limbus Verlag am 25.3.22.

In den neuen Gedichten von Sabine Schiffner werden Geschichten von Verrat und Verlust, von Geburt und Tod, von Lebensfreude und Vergänglichkeit, von Familie und von Einsamkeit erzählt. Mit manchmal fast naivem, oft befremdetem Blick beobachtet sie und wundert sich über die jetzige und die vergangene Welt, die ihren biografischen Kosmos berührt. Die Worte kommen in diesen Gedichten scheinbar leichtfüßig tänzelnd daher und streifen einen wie im Vorbeigehen. Wenn man aber stehen bleibt und sich einlässt, sieht man hinter der rhythmischen und genau durchdachten Sprachkomposition die tiefe Wunde. Sabine Schiffners Sprache ist immer musikalisch, oft zugleich rau, Alltagssprache mit Hochpoetischem verbindend, ernüchternd, überraschend. „Wundern“ erscheint im Quintus Verlag am 3.3.22.

Eine Landschaft kippt, ein Ich kehrt noch einmal zu seinem Geburtshaus zurück, das sich inzwischen hinter Efeuranken verschließt, derweil kreisen Gefühle um eine längst zur Chimäre gewordene Liebe – die neuen Gedichte von Björn Hayer berichten von Momenten des Umschlagens und der Verfremdung. Zugleich zehren sie von dem unbeirrbaren Versuch, Verlorenes wieder zu vergegenwärtigen. Was bietet die Fläche? Das Nichts oder doch die noch ungenutzte Möglichkeit? Klar ist: »Dichten, frei über der Erde, / ist das fünfte Element«. (Verlagstext) „Verschwörung einer Landschaft“ erscheint im Quintus Verlag am 3.3.22.

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„Ich wurde geschaffen, um zu sterben, doch ich bin jetzt hier, um zu bleiben“ schreibt Ocean Vuong in seinem neuen Gedichtband, der eine bewegende Elegie für seine verstorbene Mutter enthält. Der Schmerz und die Freude, die Gewalt und die Zartheit, die Andersartigkeit von Begehren und sozialer Herkunft, die gespaltene Identität des Einwandererkindes – in „Zeit ist eine Mutter“ finden sich die Themen seines gefeierten Romans „Auf Erden sind wir kurz grandios“ wieder. Vuongs Stimme ist unverwechselbar. Niemand hat in unserer Zeit eindringlicher und zugleich intimer über die Wunden Amerikas gedichtet. (Verlagstext) Der Band erscheint im Hanser Verlag am 11.4.22.

Tomas Venclova ist einer der großen Dichter unserer Zeit. In seiner Heimat Litauen erlebte er den langen Winter des Totalitarismus, wegen seiner kritischen Haltung kam er in Bedrängnis. Es folgten Exil, Reisen und Heimkehr – die Lebensthemen seiner Lyrik –, doch als dieser unfreiwillige Weltbürger schließlich zurückkehrte, war das Land ein anderes. Was unverändert blieb, ist die rettende Kraft der Sprache. Stets beruft sich Venclova auf die Tradition der europäischen Literatur – von der griechischen Klassik bis zur Moderne. Lakonie, kristallklare Eleganz und feiner spöttischer Witz zeichnen seine Poesie aus, jene „unwirkliche Wirklichkeit“, die sich unauflöslich mit der Erfahrung der Welt verwebt. (Verlagstext) „Variation über das Thema Erwachen“ erscheint im Hanser Verlag am 14.3.22.

Federico Italiano gehört zu den „stärksten Lyrikern seiner Generation“ (La Repubblica). Seine Gedichte verbinden auf höchst originelle Weise Naturbetrachtung – die Reisfelder seiner Heimat Piemont – mit weltumspannend postmodernen Bildern, in denen exotische Riesenkrabben ebenso auftauchen wie nigerianische Scrabble-Weltmeister. Seine spielerisch elegante Lyrik sucht auch den Dialog mit anderen Poeten, ob man sich mit Ted Hughes zum Kaffee verabredet oder Brodsky ein Postskriptum schreibt. „Sieben Arten von Weiß“ versammelt die schönsten Gedichte von Federico Italiano in der glänzenden Übersetzung von Raoul Schrott und Jan Wagner. Erscheint am 14.3.22 im Hanser Verlag.

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Christine Lavant ist eine der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Lavant selbst sprach von ihrer Kunst als »verstümmeltes Leben, eine Sünde wider den Geist, unverzeihbar« und war sich dennoch ihrer poetischen Kraft gewiss. Ihre Gedichte, je zur Hälfte etwa veröffentlicht zu Lebzeiten bzw. aus dem Nachlass, erzählen von verletzten Kinder- und Frauenseelen, von Armut, Krankheit und Ausgrenzung, von der Suche nach Gott und der Auflehnung gegen ihn, aber auch von der befreienden Kraft der Liebe. Maja Haderlap, Kärntnerin wie Christine Lavant, wurde 2021 mit dem Christine Lavant Preis ausgezeichnet, sie hat eine sehr persönliche Auswahl der schönsten und bewegendsten Gedichte der Kollegin getroffen. „Seit heute, aber für immer“ erscheint im Wallstein Verlag am 9.3.22.

Ernst Halters große Auswahl der Gedichte Erika Burkarts stellt exemplarisch das jahrzehntelange lyrische Schaffen der Dichterin vor, deren Entwicklung dem gängigen Muster – Aufbruch ins Ungewohnte, neuartige Diktion, Konsolidierung, Reife, Abgeklärtheit, Rückzug – widerspricht: Sie geht genau den umgekehrten Weg. «Lies beide Seiten» wird das Motto ihres Schreibens. Es berichtet von erhoffter Transzendenz des lebendigen Hier in ein uns nicht erkennbares, geahntes Dort, wo sich ein Sinn finden könnte. Wir leben auf einer planen Fläche und sind nichts als das Spiegelbild des Mysteriums unserer eigenen Existenz, das unseren Blicken undurchdringlich bleibt. Ihre großen Gedichte sind Spiegelschrift. (Verlagstext) Der Band erscheint im Limmat Verlag am 27.1.22.

Nelly Sachs feierte Karin Boye (1900-1941) als »leidenschaftliche Verschwenderin ihrer Seelenkräfte«, der »Schweden einige seiner schönsten Gedichte zu verdanken hat« und Peter Weiss setzte ihr im dritten Band seiner »Ästhetik des Widerstands« ein literarisches Denkmal. Am bedeutendsten ist sie als bildmächtige Lyrikerin der Sehnsucht, der Nacht, des Unbewussten und nicht zuletzt des Coming-out. Sie verdient ihren Platz neben anderen Ikonen des 20. Jahrhunderts wie Anna Achmatova, Sylvia Plath oder Ingeborg Bachmann. Ihr lyrisches Gesamtwerk erscheint nun erstmals auf Deutsch. (Verlagstext) „Sämtliche Gedichte“ erscheint im Razamba Verlag am 15.3.22. 

Titel-Photo: Constanze Matthes

Robert Macfarlane/Jackie Morris: Die verlorenen Zaubersprüche Matthes & Seitz Verlag

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Nach „Die verlorenen Wörter“ erschien nun von Robert Macfarlane und illustriert von Jackie Morris der neue Band „Die verlorenen Zaubersprüche“. Diesmal ist es kein großer Band wie der letzte, sondern ein kleines Bändchen, nicht minder schön in Halbleinen und zwar in der Reihe Naturkunden. Wieder wurden die Texte gekonnt aus dem Englischen übertragen von der Übersetzerin Daniela Seel. Den vorigen Band habe ich bereits im letzten Jahr hier vorgestellt.

Bereits der Einband ist ein Augenschmaus. Beim Aufklappen schwärmen verschiedene Falter übers Vorsatzblatt. Wie bei einem Tagebuch darf man eingangs seinen Namen eintragen und die Empfehlung im Vorspann weist darauf hin, dass die Zaubersprüche gerne laut gelesen und gesprochen werden dürfen. Es ist dann wirklich ein kindliches Vergnügen dieser Anleitung zu folgen.

Jackie Morris hat wieder wunderschöne Naturbilder gezaubert. Robert Macfarlanes Verse sind erfindungsreich und poetisch ins Deutsche übertragen von der Lyrikerin Daniela Seel. Im einführenden Text steht:

„Verlust bestimmt die Melodie unserer Epoche, sie ist kaum zu überhören und schwer auszuhalten. Lebewesen, Orte und Wörter verschwinden, Tag für Tag, Jahr um Jahr. Aber in dunklen Zeiten wurde immer gesungen – und Staunen braucht es heute mehr denn je.“

Wir begegnen dem Rotfuchs, der uns Fragen stellt, einer großen Vielzahl von Motten. Das Gänseblümchen wird uns in einem Akrostichon vorgestellt. Längerer Verse bedarf es für die Dohle, den Mauersegler, die Eiche. Der Buntspecht ist in ein Gespräch mit dem Dachs vertieft. Beide liefern sich Stichworte, die Rap-Texten ähneln. Es gibt Kapitel über Eichelhäher, Ginster, Stieglitz, Schneehase, Schleiereule, Kernholz, Brachvogel, Reiher, Kegelrobbe, Tölpel, Grasnelke, Buche und Schwalbe. Bei vielen der Gedichte ergeben die Buchstaben der Zeilenanfänge den Namen des Tiers, der Pflanze. Die Sprache ist teilweise sehr verspielt manchmal leicht versponnen, aber eben auch oft dynamisch und lebendig auf der Höhe der Zeit.

„Entlang Riedgras, über Marschen
– schh 
Und horchst auch du einmal
    mit Eulenohren?
Lässt das Wispern wilder Welt dich
Einbestellen?“

Am schönsten finde ich das letzte Kapitel. Hier geht es um die Weißbirke, die ich ohnehin liebe. Wenn sich ihre Rinde vom Baum löst, scheint es als würde sie direkt ein Blatt Papier zum schreiben verschenken. Und ihre Augen wirken oft sehr menschlich.  Dieses etwas längere Kapitel ist untertitelt mit ein Wiegenlied. Es spendet besonders viel Licht. Die Birke, Silberseherin, begleitet mit ihrem Gesang den Fuchs durch den dunklen, gefährlichen Wald und beschützt ihn sicher in seinem Schlaf im Fuchsbau „bis die Sonne wiederkehrt“.

Am Schluss erwartet uns noch ein ausführliches Glossar der vielen Tierarten unserer Regionen und die Anregung mit dem Buch hinauszugehen und all die Lebewesen zu finden und die Natur vielleicht etwas besser zu verstehen. Die Eule bewahrt den Schlüssel dazu.
Ein Buch, das sich als Weihnachtsgeschenk hervorragend eignet, und gerade auch für die kommenden Raunächte. Verzaubertes Leuchten!

Der notizbuchkleine Band ist in blauem Halbleinen gebunden, am oberen Buchblock gelbfarben, mit Lesebändchen, fadengeheftet, auf hochwertigem Papier gedruckt, welches die Illustrationen leuchten lässt. Mehr über dieses Buch und die Reihe Naturkunden gibt es hier. Er erschien im Matthes & Seitz Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.