2x Lyrik aus dem Elif Verlag: Wolfgang Schiffer: Dass die Erde einen Buckel werfe / Dagur Hjartarson: Schnee über den Buchstaben

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Zwei neue Lyrikbände aus dem Elif Verlag möchte ich vorstellen. Eine Doppelbesprechung bietet sich hier an. An beiden ist Wolfgang Schiffer beteiligt. Einmal als Übersetzer aus dem Isländischen, wie schon bei so vielen Bänden in den letzten Jahren. Und einmal eben auch – darauf war ich sehr gespannt – als Dichter.

An dem Lyrikband mit dem wunderbaren Titel „Dass die Erde einen Buckel werfe“ fiel mir zuerst das schöne Cover auf, dessen Rätsel sich innen auf dem Buchdeckel fortsetzt. Es wurde gestaltet von dem Isländer Ragni Helgi Ólafsson, dessen Gedichte und Erzählungen ich hier auch bereits auf dem Blog besprochen habe. Natürlich in der Übersetzung von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason.

„und heute / gelingt es mir noch / an die Kraft der Wörter zu glauben /
an eine Sprache / die rettet / sehe ich noch Licht in einem Gedicht?

Wolfgang Schiffers schmaler Gedichtband hat es in sich. Er ist in Abschnitte eingeteilt, die sich nach den Wochentagen richten. So folgen wir von Montag bis Sonntag zunächst immer einem Speiseplan, der einmal in hochdeutsch und einmal in Dialekt abgedruckt ist. Es ist der Dialekt (die Mundart des Landstrichs?), den der Held, das Lyrische Ich, ich denke man kann es getrost mit dem Autor verknüpfen, in seiner Kindheit sprach. Dieser Speisekarte ist fast wie ein Zeitanzeiger. Der Inhalt und auch manch spätere Verse weisen auf eine wenig üppige, vielleicht von Armut, zumindest aber auch von Scham geprägte Kindheit hin.

Abwechselnd taucht nun das lyrische Ich in die Vergangenheit, beginnt mit einer kleinen Familienhistorie, begegnet Vater, Mutter; bedenkt sie aus dem Heute, befragt sie. Sogar in seinen Träumen erscheinen sie, weisen auf dies und auf das hin, das vielleicht schon vergessen war. Helfen bei der inneren Suche, ja, nach was? Der Vater, der Arbeiter, der Westernheftchen las, (erinnert mich sehr an meinen eigenen), die Mutter, die einfach die Frau des Vaters war und Mutter natürlich. Mit großer Zuneigung widmet sich Schiffer den Eltern. Aus allem spricht hier die Demut und auch die Dankbarkeit vor der Lebensleistung der Eltern. Der eigene Ursprung wird reflektiert, der Werdegang, jetzt da das Altern viel Raum einnimmt.

„ach Mensch! ach Welt! / wann endet es endlich /
dieses Schmierentheater / das längst schon nicht mehr
zu überbieten ist an Zynismus und Perversion / warum“

Ein zweiter Strang zeigt eine andere Seite, schlüpft wieder in die Gegenwart und liest sich mitunter wie ein Lamento in zutiefst gesellschaftskritischen Versen. Vom kleinen geht es jetzt ins Große: Es geht um die unguten Zustände, die herrschen aufgrund der Machtstrukturen in der Welt. Die Kriege, der Niedergang der Kultur, die Ungerechtigkeiten, die Zerstörung von allen Seiten und die so gar nicht mehr intakte Natur: alles Menschenwerk. Die Frage steht im Raum: Wäre die Welt ohne uns Menschen nicht eine bessere?

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Dagur Hjartarsons zweisprachiger isländisch/deutscher Lyrikband „Schnee über den Buchstaben“ ist in zwei größere Kapitel geteilt. Alle Gedichte sind ohne Groß- und Kleinschreibung und ohne Satzzeichen verfasst. Der erste Teil heißt „die Hirnoperation“ und berichtet aus verschiedenen Blickwinkeln von einer Frau, die einen Gehirntumor hat. Der Beobachter, das Lyrische Ich (man darf auch hier von Autobiographischem ausgehen) be-schreibt, ja beschwört mitunter, die Zeit vor und nach der Operation. Die Sorgen, Ängste und dann auch die Erleichterung, als alles gut gegangen ist und die Zukunft wieder erscheinen darf. Dabei hat die Sprache hier, trotz allem gleichzeitig eine Luftigkeit und Zuversicht in aller Schwere.

„während ich über dich wachte
wurde mir klar
dass die nacht fast gar nichts ist
sie ist nur der schatten der erde

die nacht ist nur der schatten der erde“

Die Familie, die auch im nächsten Kapitel „familienleben auf der erde“ Thema ist, spielt immer die Hauptrolle. Ob ein Kinderwagen geschoben wird oder früh am morgen Kaffee gekocht wird, ob die Nacht durchwacht wird oder ein Schneesturm durch die Stadt fegt, alles ist Alltag und Poesie zugleich. Der Autor verbindet konkret Erlebtes, Erlesenes oder Gehörtes und erzeugt damit überraschende Bilder.

„in dem bericht steht dass viele arten verschwinden werden
noch bevor die wissenschaftler sie entdecken

es gibt also ein verborgenes leben
außerhalb der menschheitsgeschichte“

In beinahe jedem Gedicht finde ich mindestens eine Zeile, die ich genau zu diesem Zeitpunkt des Lesens brauche. Die mich gleichzeitig verankert und aus allem heraushebt. Auch die Gedichte, die von der Kindheit, von diesem besonderen Dasein, weitab des Erwachsenseins erzählen, sind trefflich gelungen. Mir scheint, erinnerte Kindheit ist gerade in der Dichtung ein großes Experiment. Hier und auch im gesellschaftskritischen Teil finden beide Lyrikbände eine Gemeinsamkeit.

„und wir gehen tiefer hinein in das gedicht
gehen bis wir verschwinden
hinter den letzten worten“

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Ich kann beide Bände von Herzen empfehlen, und hier auch gerade denjenigen, die sonst kaum Gedichte lesen. Bereits vorab war ich mir dessen schon sicher. Es sind beides Gedichtbände, die wunderbar poetisch sind aber nicht intellektuell verrätselt. Oft ist die Sprache so eindeutig und wegweisend, dass sie einen um so mehr bewegt und weiterträgt. Wachsen mit Gedichten – eigentlich das Schönste, das es gibt!

Beide Bücher sind im Elif Verlag erschienen. Die Übersetzung aus dem Isländischen kommt von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason. Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

Weiteres aus der zeitgenössischen isländischen Lyrik (ich liebe sie alle!):

Das Alphabet des Feuers – Wolfgang Schiffer liest Gedichte aus Island Hörbuch Elif Verlag

Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme Elif Verlag

Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte Elif Verlag

Knut Ødegård: Die Zeit ist gekommen Elif Verlag

Tove Ditlevsen: Kindheit/Jugend/Abhängigkeit Aufbau Verlag

Alle sind begeistert von Tove Ditlevsens (1917 – 1976) autobiographischer Roman-Trilogie. Ich hatte mich sehr aufs Lesen gefreut, denn eine Gedichte schreibende Frau aus der Arbeiterklasse klang hochinteressant. Doch ich kann in den Begeisterungssturm gar nicht so sehr mit einstimmen. Der dritte Band gefiel mir letztlich am Besten, schien mir am Ausdruckvollsten. Inhaltlich ist die Geschichte durchaus interessant, als Zeitdokument eines Frauenlebens dieser Jahre und Einblick in die Reifung ins Schriftstellerinnendasein. Sprachlich haben mich die Bände aber ein wenig enttäuscht. In den abgedruckten Gedichtstellen sehe ich auch nicht die große Begabung, die Ditlevsen damals in Kopenhagen bescheinigt wurde.

Schon als Kind fühlt sich Tove anders als die anderen Kinder in der Siedlung, in der die Ärmeren Kopenhagens leben. Der Vater meist arbeitslos, aber lesend und gewerkschaftlich organisiert und politisch interessiert, die unzufriedene Mutter zuhause, die sie schlägt. Schon mit fünf lernt sie von sich aus Lesen und Schreiben. In der Schule ist sie sehr gut, aufs Gymnasium darf sie dennoch nicht. Sie tritt mit 14 also ihre erste Arbeitsstelle an. Und sie schreibt. Was mit einem Poesiealbum beginnt, mit dem Tagebuch weitergeht und schließlich zu Gedichten und längeren Texten führt. Immer wieder wird klar, wie wenig gebildet sie ist und wie sehr (und meist richtig) ihre Intuition sie leitet und antreibt. Mit 18 zieht sie aus – ein eigenes Zimmer, endlich. Oft sind es glückliche Umstände, Zufälle, Begegnungen mit passenden Menschen, aber auch der stete Drang schreiben zu wollen, die sie auf ihrem Weg voran bringen. Ein Schlüsselsatz ist für mich etwa dieser:

„Ich denke, dass Piet Hein nicht weiß, was es bedeutet, arm zu sein und fast seine ganze Zeit verkaufen zu müssen, nur um ein Auskommen zu haben. Ich hege viel mehr Sympathie für Halfdan Rasmussen, der klein, dünn und schlecht gekleidet ist und von Sozialhilfe lebt. Wir entstammen dem selben Milieu und sprechen dieselbe Sprache.“

Klingt die Erzählstimme im ersten Band sehr kindlich, im zweiten Band sicherer, scheint sie mir im dritten Band, der auch im Original später (1967/1971) als die beiden ersten erschien, gereift. Nach ersten Erfahrungen mit Männern und durch das durch eigene Arbeit relativ selbständige Leben, folgen nun in Band 3 Abhängigkeiten in der Ehe. Vier mal hat Ditlevsen geheiratet. In ihrer dritten Ehe (1945) mit einem Medizinstudent wird sie durch ein Medikament nach einem Schwangerschaftsabbruch abhängig. Obwohl dieser Mann ihr gar nichts bedeutet, ist sie abhängig von ihm, weil er die Drogen beschafft und ihr verabreicht. Anfänglich schreibt sie unter Drogeneinfluss wie im Rausch. Doch ihre Gesundheit verschlechtert sich in dieser Zeit enorm. Wie sie diese destruktive Zeit schildert, auch wie ihr Mann Carl zur gleichen Zeit eine Psychose bekommt, ist sehr stark erzählt. Hier zeigt sich auch am deutlichsten der Wunsch einerseits nach Unabhängigkeit, vor allem für ihr Schreiben und andererseits nach Sicherheit und Familie. Mit ihrer Sucht wird sie ihr Leben lang zu kämpfen haben, doch scheint ihr die letzte Ehe mit Victor und ihre Kinder einigen Halt gegeben zu haben. 1976 stirbt sie an einer Überdosis Schlaftabletten.

Die drei Bände erschienen im Aufbau Verlag. Übersetzt hat sie Ursel Allenstein.

Regina Dürig: Federn lassen Literaturverlag Droschl

Vielleicht passt es ja zur Zeit, dass ich mir gerade offenbar vor allem sehr dunkle Lektüre aussuche. Jedenfalls reiht sich „Federn lassen“ von Regina Dürig in diese Abfolge ein. Schon in der Vorschau wirkte es auffällig aufgrund seines besonderen Formats und auch wegen des kräftigen Schwarz/Weiß Coverbilds. Auch das Genre, dass als Novelle bezeichnet wird, gibt es ja nicht so häufig. Ich war gespannt.

Regina Dürig beschreibt eine weibliche Kindheit, Jugend, ein Erwachsenwerden und schließlich sein, in einzelnen Kapiteln, die immer einem Alter zugeordnet sind. Beginnend mit der Vierjährigen, endend im Alter von 38.

„Du bist vier
und spielst am liebsten

mit dir alleine
das beunruhigt deine Eltern
weil Kinder
doch so gerne
mit anderen Kindern
spielen
sagen sie“

Tatsächlich ist der Text in Versform gedruckt und da passt das Format ja gut. Aber ein Gedichtzyklus, wie ich erst vermutete ist es dann doch nicht. Dazu fehlt mir etwas. Doch eine Novelle ist es auch nicht wirklich, oder etwa doch?

  • Das zentrale Element ist immer eine „unerhörte Begebenheit“ (Goethe, 1827). Ins Neudeutsche lässt sich diese Begebenheit ganz gut mit „Skandal“ oder einem „außergewöhnlichen Ereignis“ übersetzen. Eine normale Alltagssituation ist folglich nie Inhalt einer Novelle. (Quelle: wortwuchs.net)

Was im Text geschieht, sind „unerhörte Begebenheiten“ und zwar im Wortsinn. Skandale sind es leider nicht. Und leider sind es vermutlich viel zu sehr Alltagssituationen, als es wünschenswert wäre.

  • Die erzählte Begebenheit ist unerhört, neuartig, außergewöhnlich oder auch in der Geschichte ungewöhnlich, aber eben berichtenswert und in der Erfahrungswelt des Lesers „neu“. Diese Begebenheiten widersprechen dem für wahrscheinlich gehaltenen Gang der Dinge und erscheinen folglich als ungeheuerlich. (Quelle: wortwuchs.net)

Das Buch hat bei mir sofort funktioniert. Wenn man es als Frau liest, springen einem in den einzelnen Kapiteln, jede Menge Szenen entgegen, die man im Leben selbst schon höchst unangenehm erlebt hat. Ist man dazu noch als Kind ein stilleres, in sich gekehrtes, womöglich hochsensibles Mädchen gewesen, kann man sich beinahe vollständig mit dem Inhalt identifizieren. So ist also für mich, der Inhalt nicht neu, allerdings auf jeden Fall berichtenswert und eigentlich ungeheuerlich. Denn passieren sollten diese Dinge in unserer heutigen reflektierten, emanzipierten Gesellschaft nicht mehr.

„Du bist fünf
und wirst

in die Pantomimegruppe
geschickt damit du
endlich mal aus dir
rauskommst
was wäre für den Fall
dass du in dir drinbleiben
willst dazu sagt
niemand was“

Dürig zeigt die Übergriffe – psychische und physische, sexuelle und emotionale – genau, sei es in der Kindheit, in der der „Teller leer gegessen werden muss“ oder Ablehnung herrscht, weil der neugeborene Bruder so viel „richtiger“ ist und später sich so viel mehr erlauben kann als das Mädchen. Die Anlehnung an die Gedichtform, die plötzlichen Zeilensprünge, die Zeit zum Durchatmen lassen, passen hier durchaus gut.

„Während
dein Bruder größer
und wacher wird und
lacht siehst du in den
Augen deiner Eltern wie
ein Kind sein sollte
ungestüm unerschrocken
nicht angefüllt mit
Fragen bis obenhin
ob es allen besser
ginge ohne dich
zum Beispiel“

Sei es als Teenager, Heranwachsende. Sei es das Mobbing in der Schule, das Nichtgewähltwerden beim Schulsport, der Arzt, der die Schmerzen als Verweichlichung verharmlost und belächelt.

„er rät dann
an deine Mutter gewandt
dass sie dich anmelden
sollte zu einem Mannschaftssport
mit rauem Körperkontakt
damit du lernst ein bisschen
Schmerz auszuhalten und
deine Wahrnehmung sich abhärten
kann am Wesen der Welt“

Seien es die Übergriffe der Jungs nach der Party, die Eifersucht und Beschuldigung der besten Freundin. Und schließlich als Frau, die immer wieder sexuellen Angriffen verschiedenster Art ausgesetzt ist, mit Chefs die im Konkurrenzwettbewerb immer die Arbeit von Männern vorziehen und das direkt so herablassend mitteilen, mit Männern „die ihr die Welt erklären“ oder wenn sie bei bestimmten hastigen Bewegungen die Hände schützend vors Gesicht hält, weil da eben oft genug schon Schläge kamen.

„ein Ratschlag von ihm
an dich als Mensch
weichliches Wesen das
die Natur als zu
umwerben vorgesehen hat
und das evolutionär nicht
fähig ist sich zu behaupten
in diesem Kreislauf aus Wettbewerb“

Das, was zwischen den Zeilen steht, das ist die Angst, die Scham, die Überforderung, die empfundene Wehrlosigkeit, aber später auch die Empörung und die Wut. Dabei ist es weder Klage noch Anklage, eher eine sehr nüchterne Betrachtung und gerade deshalb sehr wirksam. Regina Dürig ist Jahrgang 1982, also wesentlich jünger als ich, und ich hatte eigentlich gehofft, dass sich in diesen vielen Jahren wesentlich mehr beim Thema Gleichberechtigung getan hat. Dieses Buch ist schon aus diesem Grund wichtig, aber auch weil die Form, innere und äußere, tatsächlich dem ganzen eine größere Gewichtigkeit gibt und die gewählte Sprache das ganze trägt. Ein Leuchten!

„Federn lassen“ erschien im Literaturverlag Droschl. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Dag Solstad: [ 16.7.41 ] Dörlemann Verlag

Das neu übersetzte Buch von Dag Solstad trägt als Titel das Geburtsdatum des großen norwegischen Schriftstellers. Bereits dies weist darauf hin, dass es diesmal um den Autor selbst geht, dass er diesmal viel über sich selbst schreibt. Ich bin seit meinem Solstad-Leseprojekt großer Fan des Norwegers und tauchte gleich mit dem ersten Kapitel in den typischen Solstad-Space ein, Fußnoten inbegriffen.

Solstad erzählt von einem Flug nach Frankfurt am Main zu einer Veranstaltung der Buchmesse im Jahr 1990. Er fliegt dabei mit Zwischenstop Kopenhagen, da es keine Direktverbindung von Oslo gibt. Vor der Ankunft fliegt der Pilot ewig, wie es scheint, in Kreisen in der Warteschlange, um die Landegenehmigung zu erhalten. Hier beginnt Solstad sich in die Wolkendecke, über der der Flieger schwebt, zu versenken. Die Gedanken reichen so weit, dass er beginnt sich Engel und andere Himmelsgestalten auf den Wolken vorzustellen. Er driftet in ein vollkommen von der Erde losgelöstes Universum einer beinah religiösen Fantasie. Als er aus dieser endlich wieder auftaucht, weil die Maschine den Landeanflug begonnen hat, merkt er, dass er über Berlin fliegt und in Tegel landet. Die Durchsagen, dass die Maschine nicht in Frankfurt landen kann, hatte er aufgrund seiner Träumereien überhört. Es ist Solstads erste Begegnung mit Berlin.

„Fußnote 1
„Wie immer bin ich derjenige, der das hier schreibt. Doch wer ist derjenige, der sich in der internationalen Abflughalle des Flughafens Fornebu befindet, um mit einem SAS-Flug nach Frankfurt am Main zu reisen? Ich bin derjenige, der schreibt. Ich, der das hier schreibt, sage, der Mann am Flughafen ist derjenige, der schreibt. Also ich. Mein >nacktes< Ich. Ich denke zurück an mich in Fornebu an einem Oktobertag 1990 und schreibe diesen Text. Das liegt jetzt mehr als zehn Jahre zurück.“

In Berlin geht es dann auch im folgenden Kapitel weiter, allerdings 10 Jahre später. Solstad lebte mehrere Jahre in Berlin Kreuzberg am Maybachufer. Warum, weiß der Autor selbst nicht genau. Es folgen Beschreibungen der Stadt und der Spaziergänge, auf die uns der Autor mitnimmt. Da ich selbst hier wohne, ist mir vieles bekannt. Ich selbst kam 2004 nach Berlin, so kenne ich auch das Berlin dieser Zeit noch. Leider schlägt der Autor hier einen Erzählton an, der sich anhört, als würde mir ein allwissender Reiseführer Teile Berlins zeigen und den geschichtlichen Hintergrund dazu erzählen. Ich vermisse hier ganz klar die besonderen Eigenheiten in der Art der vorherigen Romane, die ich extrem gut finde. Mir sind diese Beschreibungen zu wenig aussagekräftig.

Dann wechselt der Schauplatz. Solstad schreibt über einen Vortrag, den er in Lillehammer hält. Dieser Vortrag über das Romaneschreiben und wie Solstad, der beinahe 60-jährige, sich das gegen Ende seiner aktiven Zeit als Schriftsteller vorstellt, findet sich dann auch komplett im Buch. Von Lillehammer reist der Autor in seinen Heimatort Sandefjord. Auch dort begleiten wir in wieder auf seinen Wegen. Er ist zu einem Klassentreffen eingeladen, findet aber die Lokalität nicht, in der die Festgesellschaft stattfinden soll. Die Suche gestaltet sich skurril, auch in Anbetracht des zunehmenden Alkoholpegels des Helden. Erst ganz spät am Abend, es ist beinahe Nacht, bemerkt er beim Spazieren durch die Stadt in seinem ehemaligen Elternhaus durchs Fenster seine Klassenkameraden feiern und tanzen. Trotzdem gelingt es ihm nicht, Zugang zu finden …

Hier ändert sich wieder der Tonus von Solstads Schreiben und das Blatt wendet sich zurück in die Vergangenheit. Ab hier bin ich wieder ganz dabei. Solstad erzählt anhand eines Kindheitserlebnisses von seinem Vater. Und das ist zutiefst berührend. Womöglich ist das das Neue, was in diesem Roman passiert: das erste(?) Mal schreibt Solstad über seine Herkunft, über seine Familie. Das gelingt im perfekt. Der Vater wird zum Zauberer für den kleinen Jungen, ja, zum Erfinder, dem es letztlich doch nicht gelingt das Perpetuum Mobile zu konstruieren und der sich dafür hoch verschuldet hatte. Der Vater, der Fragen immer ehrlich zu beantworten wusste, der einzig den Sohn in sein Vorhaben einweihte. Ein chronisch Kranker, der leider zu früh starb. Und so schließt sich auch der Kreis, der eingangs mit dem Kreisen des Flugzeugs begann und der Vorstellung des Vaters auf einer Wolke im Himmel.

„Eigentlich bin ich schon zu weit gegangen. Ich habe eine Lücke in meinem Bewusstsein gefunden und sie genutzt oder ausgenutzt, um mir Zugang zur Ewigkeit zu verschaffen, für einen kurzen Augenblick, weil ich meinen Vater auf diese Weise wiedersehen wollte.“

Und so bin ich wieder versöhnt am Ende des Buches, dass für mich auch ohne das Berliner Kapitel gut, wenn nicht sogar besser, funktioniert hätte. Nach den Phasen, in denen Solstad politische Literatur schrieb, dann teils skurrile Romane, kommt womöglich jetzt eine Phase der persönlichen Innenschau. Um Solstads Literatur kennen zu lernen empfehle ich dennoch mit anderen Titeln von ihm zu beginnen. Siehe mein zweiteiliges Solstad-Leseprojekt.

Der Roman „16.7.41“ erschien, wie alle anderen auch, im Dörlemann Verlag. Übersetzt hat es wie immer Ina Kronenberger. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Leider ohne Leuchtkraft: Hilmar Klute: Oberkampf Galiani Verlag/Thilo Krause: Elbwärts Hanser Verlag

Schade, schade. 2 x kein Leuchten Auf beide Romane hatte ich mich gefreut, beide haben mich enttäuscht. Beide vereint eine nicht sonderlich sympathische männliche, wenig interessant geschilderte Hauptfigur. Statt gar keiner Besprechung möchte ich nun zumindest kurz vom Leseergebnis berichten:

Nach den begeisterten Stimmen zu Hilmar Klutes Roman „Was dann nachher so schön fliegt“, wollte ich nun immerhin den zweiten Roman „Oberkampf“ des Redakteurs der Süddeutschen Zeitung lesen. Das Thema klang gut. Einer, Mitte 40, der von Berlin weg zieht, Job und Beziehung hinter sich lässt, um die Biographie eines großen, wenngleich wenig gelesenen Schriftstellers zu schreiben, der in Paris lebt. Im Roman heißt der Autor Richard Stein und es könnte eine Mischung aus Martin Walser, Peter Handke, Peter Kurzeck und Jürgen Becker sein. Gleich nach seiner Ankunft geschehen die Terroranschläge in Paris, beginnend mit dem Attentat auf Charlie Hebdo. Eigentlich ein guter Ausgangspunkt, dachte ich. Doch wie Klute seinen Protagonisten auf diese Ausnahmesituation und wie die Franzosen damit umgehen blicken lässt, mutet merkwürdig an. Mir scheint es überheblich, teils spöttisch und ignorant.

„Waren sie das, was die Presse „eiskalte Mörder nannte? […] War es nicht ein Heldenstück, sich den Weg freizuschießen, die Tür zum kleinen Redaktionsbüro aufzustoßen und dann direkt in die überraschten, noch von der Wirkung eines Bonmots, einer satirischen Idee erfrischten, lachenden Gesichter zu feuern? […] Er war nicht fassungslos, er war höchstens überwältigt von der Brutalität, dem entschlossenen Vorwärtsschreiten der Krieger mit ihren althergebrachten Waffen.“

Gleich am ersten Abend lernt er außerdem eine (wie könnte es anders sein?!) wesentlich jüngere Frau kennen und beide beginnen eine Affäre. Mit dem Autor Richard Stein trifft er sich regelmäßig, mit der Geliebten ebenso. Alles plätschert so dahin. Nichts davon ist wirklich mitreißend erzählt, ich langweile mich. Ab der Mitte habe ich den Rest quer gelesen. Die Vater-Sohn-Geschichte des Autors hätte interessant werden können, war es aber nicht, auch der Einschub, der von der vorherigen Beziehung der Hauptfigur handelt, wirkt nicht stimmig und eher überflüssig. Auch das leckere Essen und der viele Wein reißen es nicht raus. Tatsächlich ist dann der Schluss für mich die beste Idee des ganzen Buches. Auch sprachlich bietet der Roman nichts Aufregendes. Er erschien im Galiani Verlag.

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Auch auf das Romandebüt des Lyrikers Thilo Krause war ich sehr gespannt. Krauses Protagonist kehrt in „Elbwärts“ mit eigener Familie in die ehemalige Heimat zurück. Nahe Dresden, in einem Dorf im Elbsandsteingebirge kauft er ein Haus mit Garten. Die oft nur nebenbei erwähnte, offenbar nur als Versorgerin dienende Frau arbeitet als Physiotherapeutin, während er sich so dahin treiben lässt und sich um die Tochter kümmert, die er permanent nur „die Kleine“ nennt. Auch die Stadt, in der „die Kleine“ in den Kindergarten geht, nennt er ausufernd die „Stadt-die-keine-ist“, was 1x sicher interessant klingt, aber bei dauerndem Gebrauch nur noch nervt.

„Die Kleine weiß nichts von meinen Ängsten. Sie weiß nicht, dass man sich Sorgen machen kann in der Welt. Das Pflaster, das sie bis heute Morgen noch über der Augenbraue trug, ist abgefallen. Hand in Hand sind wir losgezogen. Christina hatte die Sachen der Kleinen in Stapel gelegt. Ich packte alles ein. Es ist nicht viel Platz im Rucksack, weil oben die Kleine sitzt.“

In seinen Tagträumen, die er auf den Felsen seiner Kindheitslandschaft sitzend verbringt, lässt er diese Revue passieren. Vor allem geht es dabei um den Unfall, bei dem sein damaliger Jugendfreund Vito ein Bein verlor. Weil das beim Klettern an einer Stelle passierte, die der Protagonist vorschlug, gibt er sich bis heute die Schuld für das Geschehene. So wird immer wieder davon erzählt, auch von den geretteten Kaulquappen (!). Ein wenig DDR-Zeit wird aufgewirbelt, ein wenig aktuelle Gesellschaftskritik findet sich, denn die rechtsradikalen und heimattümelnden treffen sich direkt in der Nähe der Kletterfelsen im Sommerlager. Doch mitreißend ist die Geschichte nicht. Die Hauptfigur wollte zwar unbedingt zurück in die Heimat, findet sich aber nun doch nicht mehr zurecht, kümmert sich, wenn überhaupt, nur um seine Männerfreundschaften, vernachlässigt die Tochter, was dann zur Beziehungskrise führt. Ab der Mitte habe ich nur noch quergelesen. Reichlich schade ist es auch, dass sich Krauses lyrische Sprache hier im Roman so wenig spiegelt. Fazit: Lieber Krauses Lyrik lesen. „Elbwärts“ erschien im Hanser Verlag.

Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Hanne Ørstavik: Roman. Milano Karl Rauch Verlag

Foto von pixabay gemeinfrei

„Es ist so, als lebten wir ein Leben, von dem wir nichts wissen, denkt Val.“

Es ist das vierte Buch der Norwegerin Hanne Ørstavik, das ich lese und ich kann von ihrer Sprache nicht genug bekommen. Andreas Donat hat „Roman. Milano“ wie schon zuvor Die Zeit, die es dauert hervorragend übersetzt. Wenn ich auf Seite 9 bereits die ersten Zeilen anstreiche, dann weiß ich, ich bin im richtigen Buch. Wenn Ørstaviks Romane bisher schon allerfeinste Seelen- und Sozialstudien des Menschlichen waren, so geht die Autorin in diesem Buch noch weiter. Ihre Heldin Val zeigt sie bis in die Tiefen ihres Seins und geht mit großem Feingefühl und ebensolchem Sprachgefühl vor.

Die Norwegerin Val, 27, zieht zu ihrem italienischen Freund Paolo nach Mailand. Er ist wesentlich älter und arbeitet für einen großen Galeriekonzern, sie ist Zeichnerin. Beide haben sich auf ihrer Ausstellung in Oslo kennengelernt. Paolo hat sie umworben, sie sind zusammen verreist, haben sich Kunst angesehen und dann hat hat sich Val entschieden den großen Schritt zu machen. Für sie ist es schwer in einer Beziehung mit jemandem so eng zusammenzuleben, für Paolo leicht. Paolo ist noch verheiratet, obwohl seine Frau und er sich vor über 10 Jahren trennten. Val behagt das nicht. Sie versteht es nicht, doch Paolo erklärt ihr, dass es nur materielle Hintergründe hat und dass er nur sie liebe.

Val beginnt Mailand zu erkunden, von der Erdgeschoßwohnung mit den vergitterten Fenstern aus, die Blick auf eine kleine Piazza mit einer kleinen Kirche hat. Ihr Blick ist aufmerksam und genau. Sie blättert Fotobände über die Geschichte der Stadt durch, begegnet dem Faschismus unter Mussolini und entdeckt zwischen den geschichtlichen Texten auch Bilder eines Kinderheims, die sie sehr berühren. Waisenkinder sind es, Mädchen, Stelline genannt. Val versteht sie gut, denn ihre Eltern haben sie als Kleinkind an die Tante abgegeben, bei der sie dann im Reihenhaus wohnte. Die Eltern gingen nach Kalifornien, um Karriere zu machen und vergaßen sie. Erst als sie 12 Jahre alt war, gab es ein Treffen, dann noch einen Mittelmeerurlaub und dann gab es nichts mehr. Danach geben die Eltern der Teenagertochter sogar schriftlich zu verstehen, dass sie sie nicht wollen, dass sie für ein Kind eben nicht geeignet sind.

Als Leserin kann ich direkt nachvollziehen, was Val geprägt hat. Eine andauernde Vorstellung vom „nicht gewollt sein“, vom Ausgegrenztsein. Sie wünscht sich dazu zu gehören, hat aber Bindung als Kind nie erfahren, als es wichtig gewesen wäre. Und deshalb bleibt sie auch bei Paolo. Er will sie. Er liebt sie. Nur verstehen kann er sie vermutlich nicht. Er sieht nicht alles von ihr. Nicht die Dunkelheit, die Verlorenheit, das beinahe Verschwinden.

Val begibt sich mithilfe ihrer Zeichnungen, die sie ganz intuitiv entstehen lässt, immer wieder tief in ihr Innerstes. Sie überlässt sich ganz ihren Eingebungen, ihrer Fantasie und ihren Träumen. So kann sie dem Leben besser entgegentreten. Sie erfindet Figuren, die sie real flüchtig gesehen hat und in ihren Zeichnungen und Notizen ausschmückt und ihnen Leben und Vergangenheit einhaucht. Dass diese Geschichten und Bilder immer mit ihrer eigenen Person zu tun haben, dessen ist sie sich bewusst.

„Dieses Gefühl, dass es eine andere Wirklichkeit gibt.
Jene, da draußen, von der die Fotografen erzählen. Und dann gibt es die, die sie selbst in sich trägt, in ihrem Innersten. Die, mit der sie durch die Welt geht. Die für Val die stärkste ist. Als ginge sie durch die Welt, in ihrem eigenen Inneren. Kommen die beiden überhaupt in Berührung?“

Die Autorin lässt Figuren und Formen verschmelzen. Sie lässt die Stadt in den Augen Vals aufscheinen, die Architektur studiert hat, weil sie dann einen Beruf hatte, in dem sie zeichnen konnte. Gearbeitet hat sie nie als Architektin, aber sie geht mit diesem Blick durch die Stadt. Auch der menschliche Körper ist für sie in eine Form gepresst, durch die Muskeln gehalten. Oft hat sie das Gefühl, ihren Körper nicht in seiner Form halten zu können, zu zerfließen, sich aufzulösen. Dann will sie ihren Körper durch übertriebene Sportlichkeit formen. Auch der Blick Paolos auf sie ist ihr wichtig. Gleichzeitig erkennt sie auf den Festen und Ausstellungseröffnungen, die sie mit ihm besucht, wie wichtig Äußerlichkeiten in dessen Leben zu sein scheinen, wieviel Oberflächlichkeit in seinen Kreisen herrscht, wie verlogen die Kunstszene ist. Immer hinterfragt sie, was darunter liegt. Unter den Masken der Menschen und unter der neuen Architektur der Stadt. Für sie die Hochsensible, die Melancholische, geht alles ins Existenzielle. Sie gerät immer neu an ihre Grenzen.

„Ja, vielleicht kann das Zeichnen, kann die Kunst ein Freund sein, denkt Val. Vielleicht kann die Kunst die andere in mir sein. Das Fremde in mir, zu dem ich sonst keinen Zugang habe. Schattenräume in mir, versteckte. Die ich brauche, um zu wachsen. Durch deren Berührung ich mich verändern und wirklich werden kann?

In kurzen Kapiteln folgen wir Val durch ihr reales Leben in Mailand mit Paolo, durch ihre Vergangenheit in Norwegen und durch ihre Träume und die erzeichneten und erfundenen Geschichten über Jason, Vivian und die Waisenmädchen. Man fühlt, wie alles miteinander zusammenhängt. Wie ein Leben innen und außen so unterschiedlich gelebt werden kann. Dank Ørstaviks Sprache und Einfühlungsvermögen ist es ein intensives Leseerlebnis, das sich auf das Wesentliche konzentriert. Und ein tiefer Einblick in die Welt einer authentischen Künstlerin, für die ihr Tun heilsame Kräfte entwickelt. Einziges Manko, und dass sicher auch nur für mich: ein Happyend.

Geschickt und stimmig, wie Ørstavik Szenen aus Filmen von Michelangelo Antonioni mit einfügt. Froh bin ich auch über den Hinweis zur Künstlerin Marlene Dumas, deren Bilder im Roman mehrmals erwähnt werden und die mich sofort ansprechen. Große Lust, Mailand zu erkunden, habe ich bekommen. Danke auch dafür, Hanne Ørstavik! Strahlendes Leuchten!

Der Roman erschien im Karl Rauch Verlag. Er ist wieder wunderbar haptisch gestaltet mit feinem Papier, farbiger Fadenheftung und passendem Lesebändchen. Dank an Übersetzer Andreas Donat für das Rezensionsexemplar!

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Stephan Roiss: Triceratops Kremayr & Scheriau Verlag

Mit seinem Debütroman „Triceratops“ wurde der Österreicher Stephan Roiss gleich für die Longlist des Deutschen Buchpreis nominiert. Das Buch ist schon äußerlich eine dunkle Schönheit. Das Cover mit diesem seltsamen Tier ist aufgeraut und sieht aus wie glänzender dunkelgrauer Stahl mit fliederfarbener Schrift. Mit Fliederfarben geht es auch innen auf dem Vorsatzblatt weiter, auf dem man die Hautstruktur des Triceratops, einer Dinosaurierart erkennt. Auch durch die Seiten schleicht sich das Tier.

Die Hauptfigur, ein namenloser Junge, der von sich selbst als „wir“ spricht, hat mich zutiefst berührt. Dieses „wir“, über das ich immer wieder erschrecke, als ich mir klar mache, dass der Junge allein ist, das mir immer wieder neu suggeriert, dass es vielleicht als eine Art Stärkung fungiert, eine Art „ich bin nicht allein“. Vielleicht eine Nachahmung der Schwarmbildung der kleinen Fische, die er im Naturkundemuseum sah, ein Versuch nicht gefressen zu werden? Auch der Triceratops, die Dinosaurierspielfigur wird eine Art Verstärker der Abwehr.

„Wir spielten am liebsten mit dem Dinosaurier mit dem Nackenschild und den Hörnern. Er aß nur Pflanzen, aber war unbesiegbar. Er war kompakt, schwer gepanzert, ein guter Krieger. Niemand konnte ihn in den Hals beißen, nichts konnte ihn um werfen. Er stand fest auf der Erde.“

Dem kleinen Schuljungen wird eine Bürde auferlegt, der er niemals gerecht werden kann, auch wenn er sich noch so anstrengt. Er soll auf seine Mutter achten, sie stabilisieren, sie nicht aus den Augen lassen, sie trösten. Und weil ein kleines Kind auf die Liebe seiner Mutter angewiesen ist, tut er sein möglichstes und verliert dabei seine Kindheit. Die Mutter leidet unter schweren Depressionen, muss immer wieder in die Klinik für längere Aufenthalte. Bei ihrem Sohn zeigt sich die psychische Anspannung schnell: er bleibt lange Zeit Bettnässer, er kratzt sich die Arme blutig, kaut die Nägel bis ins Fleisch ab. Der Vater übernimmt keinerlei Verantwortung, schützt den Sohn nicht, die ältere Schwester ist ebenfalls seltsam abwesend. Die guten Tage sind für ihn die, an denen er zu seiner Großmutter darf. Sie nimmt ihn wie er ist und fordert nichts von ihm. Doch die guten Tage sind selten.

„Bitte mach, dass es ihr besser geht“, flüsterten wir vor uns hin, während wir über den vereisten Schotterweg nach Hause trotteten.“

Im zweiten Teil des Buches ist der Junge älter geworden. Pubertät, Teenageralter. In den Ferien bei der Großmutter, beginnt er seinen dicklichen Körper zu trainieren, rasiert sich die Haare ab. Dann stirbt die Großmutter. Er versucht auf den Spuren des Großvaters dessen Geheimnis zu erkunden. Besetzt dessen Hütte im Wald. Bald schließt er sich einem Punkmädchen und dessen Bruder an. Doch auch da ist der Halt nicht von Dauer. Die ältere Schwester zieht zu ihrem Freund, wird schwanger und immer labiler. Monate nach der Geburt tötet sie ihr Kind. Auch sie landet in der Psychiatrie: „Es wird nicht mehr schön.“ Die Mutter gibt sich für alles die Schuld.

Unser Held lässt sich treiben. In der Schule häufen sich Fehltage, schlechte Zensuren. Das „wir“ bleibt. Die Suche. Die Fragen. Die Möglichkeiten sich aus der Familie zu lösen. Einen Halt in sich selbst zu finden.

Ein sehr kurzer dritter Teil schließt sich an. Ein sehr schöner, weil vollkommen offener Schluss. Nicht mehr aus der Ich- bzw. Wir-Perspektive erzählt. Unsere Hauptfigur ist einfach nur „der Junge“.

Roiss erzählt nie direkt, was ich sehr gelungen finde. Ich setze Bauteilchen zusammen und erkenne die Zusammenhänge. Ich habe die Geschichte quasi mitzutragen, ich muss mitgehen, sonst lese ich zwar eine Geschichte, aber nicht das zwischen den Zeilen. Der Wahnsinn, der in dieser so brüchigen Familie herrscht, wird niemals so beschrieben, dass es mir zu viel wird (wie es kürzlich beim Debütroman von Ulrike Almut Sandig mit dem Thema Gewalt war). Die traurigsten und furchtbarsten Passagen wechseln mit alltäglichen Szenen ab. Überwiegend sind es einfache Satzkonstruktionen, teilweise sind die Seiten nur halb gefüllt. Und doch ist da etwas an der Art der Anordnung, das aus dieser einfachen Sprache Literatur macht. Vollkommen zurecht nominiert. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Kremayr & Scheriau Verlag in feiner Ausstattung. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir Schöffling Verlag

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„Monster wie wir“ ist der Debütroman der 1979 in Großenhain/Sachsen geborenen Ulrike Almut Sandig. Doch es gibt von ihr bereits Erzählungen und wunderbare Gedichtbände. Sandig ist bei weitem keine Debütantin, sie weiß mit Sprache umzugehen. Sie vertont viele ihrer Gedichte und ihre Lesungen sind sehr lebendig.

In ihrem Roman nun ist alles ganz anderes. Anders als die Gedichte aus „ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“. Auch anders als die Erzählungen aus „Buch gegen das Verschwinden“. Hier ist der Text zeitweise auch verrätselt, wie in manchen Gedichten, aber aus anderen Gründen. Hier gibt es zwei Familien, zwei Kinder stehen im Mittelpunkt. Schauplatz ist eine ländliche Gegend mit Braunkohleabbau. Hier wird eine ganz normale Familiengeschichte erzählt. Sie spielt in Ostdeutschland, teils als es noch DDR war, teils nach der Wende. Die Kinder heißen Ruth und Viktor. Die zwei Hauptteile des Romans sind nach ihnen benannt. Und es gibt Geheimnisse …

Erzählt wird aus der Sicht von Ruth, die kurz vor einem Konzert in Gedanken mit einen Mann namens Voitto spricht, der im Schlusskapitel wieder auftaucht.

Ruth begleiten wir von der Kindergartenzeit bis etwa ins Teenageralter. Ruth und ihr Bruder Fly spielen Instrumente: Cello und Geige. Der Vater ist Pfarrer, die Mutter Apothekenhelferin. Doch scheint die Ehe der beiden immer mehr in Schieflage zu geraten. Ruth hat auch Sorgen, sie hat aber auch einen guten Freund, nämlich Viktor, dessen Mutter aus der Ukraine kommt. Viktor erlebt in seiner Familie sexuellen Missbrauch durch direkte Familienmitglieder. So, wie es am häufigsten der Fall ist. Bei Viktor wird es uns direkt von der Erzählerin mitgeteilt. Bei Ruth gibt es Andeutungen, bleiben Fragen offen. Ruth wird mögliche Traumata mit der Geige wegspielen. Viktor will sie mit Springerstiefeln, Bomberjacke, großem Bizeps und Baseballschläger von sich fernhalten. Für beide ist Nähe schwierig. Körperliche wie emotionale.

„Bald las ich Noten verschiedener Schlüssel, als läse ich Geschichten. Ich spannte die Melodien in meinem Kopf auf und hangelte mich an ihnen entlang, entschlossen, weder die eigenen Fingerkuppen noch den Rest meines Körpers zu spüren.“

Im zweiten Teil geht es ausschließlich um Viktor. Ein wie ein Neonazi gekleideter junger Mann wird Au-Pair bei einer wohlhabenden Familie mit zwei Kindern in Südfrankreich. Trotz der anfänglichen Zweifel der Eltern lebt sich Viktor in der Familie ein. Er kocht, putzt, bügelt, begleitet die Kinder auf dem Schulweg. Seine Sprachkenntnisse verbessern sich. Die Kinder beginnen, ihn anzuerkennen. So weit, so gut.

Dass dann aber – Vorsicht Spoiler – auch noch in der französischen Familie der Sohn vom Vater sexuell missbraucht wird, ist mir eigentlich zu viel. Wahrscheinlich ist die Geschichte so angelegt, damit Viktor diesmal einschreiten kann und nicht mehr hilfloses Kind ist. Das ist mir zu konstruiert. Hier fehlen mir die in den Gedichten verwendeten experimentellen und sprachbildnerischen Ideen. Und: Ist es in unserer Welt wirklich so? Erleben das wirklich so viele Kinder? Im Kreis der Familie, unabhängig vom Milieu? Ist das so verbreitet? Welch eine Horrorvorstellung! Welch ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft! Und wie wahr dann der Titel des Buches wäre! Ich möchte das nicht glauben.

Auch im letzten Kapitel, in dem man ein klein wenig von der Beziehung Ruths zu Voitto erfährt, geht es, wenn ich es richtig deute um Gewalt. Gewalt in einer Beziehung. Doch das braucht es wirklich nicht mehr, das Thema ist ausgereizt, der Bogen für mich längst überspannt.

Dennoch ist der Roman empfehlenswert, wenngleich mich die Gedichte und auch die Erzählungen von Sandig mehr ansprechen. Schon der Sprache wegen, aber auch wegen der vielen Auslassungen, die einen dazu bringen Lücken selbst zu füllen. Trotz des Themas, gerade wegen der mitunter feinen zarten Bilder von der Traurigkeit, der Hoffnung, die aus diesen Übergriffen, aus dieser Vernachlässigung der Menschlichkeit hervorgeht, ist dieses Buch so packend.

Das Buch erschien im Schöffling Verlag.
Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs letteratura und leseschatz .

Zudem gibt es zwischen den durchweg positiven Stimmen im Feuilleton auch auf Deutschlandfunk Kultur die kritische von Sigrid Löffler, die sozusagen mit mir, einer Bloggerin im Internet(!), übereinstimmt, was die Überreizung des Themas Gewalt angeht.

Ottessa Moshfegh: Eileen btb Verlag

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Lange schon habe ich diese Autorin im Auge. Endlich habe ich nun nach Erscheinen des Taschenbuchs nach „Eileen“ gegriffen. Und bin sehr froh darüber. Ottessa Moshfeghs Stil ist so herrlich unverblümt, geschrieben ohne ein Blatt vor dem Mund, sehr ehrlich, mitunter zum Fremdschämen. Ich bin mir sicher, dass es Menschen wie die entzückende Antiheldin Eileen auch in der Wirklichkeit gibt, vielleicht öfter als man glaubt. Der raue Ton, die feine Selbstironie, sie passt so gut zum Schauplatz und zur Situation.

USA 1964, eine Kleinstadt in der Nähe von Boston: Die 24-jährige Eileen arbeitet in einem Gefängnis für jugendliche Straftäter. Ihr Vater, ein Polizist im Ruhestand ist Trinker, der mitunter Wahnvorstellungen hat. Durch ihn hat sie den Job bekommen. Um ihn kümmert sie sich notgedrungen, obwohl er sie extrem schlecht behandelt. Zuvor musste sie ihr Studium aufgeben, um die kranke Mutter zu pflegen, die schließlich starb. Eileen hat Minderwertigkeitsgefühle, wird ihr doch dauernd gespiegelt, dass sie nichts wert ist, zu nichts taugt. Für eine 24-jährige ist sie sehr naiv, hat keine Freundinnen, geschweige denn einen Freund. Dafür schwärmt sie für Randy, einen Gefängniswärter, dem sie sich aber nur ihn ihrer Fantasie, in ihren Tagträumereien nähert und regelmäßig vor seinem Haus heimlich beobachtet. Ihr Job ist langweilig und anspruchslos und sie malt sich aus, das alles bald hinter sich zu lassen und abzuhauen.

„Alles, was populär oder in Mode war, verstärkte nur mein Gefühl von Einsamkeit. Ich wollte nichts davon wissen, dann konnte ich wenigstens so tun, als hätte ich mir dieses Leben selbst ausgesucht.“

Wie Moshfegh ihre Hauptprotagonistin schildert ist extrem gut gemacht. Sie dringt tief in deren Psyche ein und arbeitet jedes intime Detail aus. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird das Ausmass der Schrecknisse, desto tiefer tun sich die Abgründe auf.

„Ich war melancholisch veranlagt, könnte man sagen. Launisch. Aber ich glaube, durch und durch herzlos war ich nicht. Wäre ich in eine andere Familie hineingeboren worden, wäre ich vielleicht als ganz normaler Mensch aufgewachsen.“

So erleben wir, dass Eileen in einem Feldbett auf dem Dachboden schläft, kaum etwas isst oder sich sehr schlecht ernährt. Ihre Verstopfung bekämpft sie mit reichlich Abführmitteln. Zu dieser Essstörung kommt dazu, dass auch sie dem Alkohol zugetan ist und beinahe genau so viel verträgt wie der Vater. Befremdlich auch, dass sie die altbackenen Kleider ihrer Mutter aufträgt und die Schuhe ihres Vaters wegsperrt, damit er nicht auf Sauftouren gehen kann. Mitunter denkt sie auch über Suizid nach.

„Aber ganz ehrlich: Selbst in diesen dunkelsten Augenblicken war die Vorstellung, dass jemand meinen nackten Leichnam untersuchen würde, schlimm genug, um mich am Leben zu halten. So sehr schämte ich mich meines Körpers.“

Eileen beginnt aufzublühen, als sie eine neue Kollegin bekommt. Eine hübsche, bewundernswert selbstbewusste Rothaarige, die sich ausgerechnet für Eileen zu interessieren scheint. Sogleich fängt diese an, Rebecca anzuhimmeln. Eileen ist so bedürftig, dass sie die Zuwendung so überhöht und glaubt, von nun an ändere sich ihr Leben komplett. Sogar Randy ist plötzlich uninteressant geworden.

Als Rebecca sie für den Heiligabend (Eileen hasst die Heile-Welt-Familienweihnachtsfeiern) zu sich nach Hause einlädt, schwebt sie im 7. Himmel. Doch alles kommt ganz anders, als sie es sich ausmalt …

„Eileen“ erschien im Liebeskind Verlag und als Taschenbuch bei btb. Großartig übersetzt hat es Anke Caroline Burger. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite Zsolnay Verlag

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Nun ist Birgit Birnbachers neuer Roman da. Die Autorin hat mir beim letztjährigen Bachmannpreislesen mit ihrem Text sehr gefallen. Der Jury auch, so dass sie den Hauptpreis auch gewann. In ihrem Roman erzählt sie nun von Arthur einem jungen Mann Anfang zwanzig, der gerade aus der Haft entlassen wurde. Drei Jahre hat er gesessen und was er dabei durchgemacht hat und weshalb es dazu überhaupt kam, erfahren wir in Rückblenden, die bis in Arthurs Kindheit hineinreichen.

„Es kommt mir so vor“, hat Arthur zu Betty gesagt, „als habe gegen euer allzu großes Einwirken eine Verteidigung meines Selbst begonnen. Schon bald habe ich das Gefühl gehabt, dass kein Glanzbild mich heil hier rausbringen wird, sondern einzig ich an meiner Seite.“

Das sagt Arthur fast am Ende des Buches zu seinem Therapeuten und zu seiner Sozialhelferin. Zuvor haben beide, vor allem aber „Börd“, der etwas abgehalfterte und mit unkonventionellen Methoden arbeitende Therapeut Dr. Vogl, Arthur eine ganze Zeit lang betreut. Dass Arthur sich so äußert, also vor allem auf sich selbst zählt, scheint mir ein gutes Ende.

Nach der Entlassung soll er für „Börd“ auf ein Band aufsprechen, was er für wichtig hält und tatsächlich funktioniert das mit den Tondokumenten recht gut und auch die praktische Therapie, die allerlei Überraschungen bereit hält, scheint Arthur irgendwie zu stärken. Dass es mit Bewerbungen nicht klappt, zieht ihn allerdings zwischendurch auch wieder runter. Mit dem Zimmergenossen im betreuten Wohnheim wiederum geht es besser als aus den Gefängniserfahrungen heraus befürchtet.

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in der JVA Gerlitz, dass der Neue immer den Zellendienst macht. Den Zellendienst gibt es nicht. Der Zellendienst ist eine Erfindung der Insassen. Es fängt immer mit dem Zellendienst an.“

Aus den aufgesprochenen Tondokumenten erfahren wir Leser, wie es bisher war in Arthurs Leben. Der Vater weg mit einer anderen, als er und der Bruder noch klein waren, die Mutter mit einem neuen Mann und dann der Umzug nach Spanien. Das dortige, zunächst fremdartige Leben: „Es ist nicht wie im Familienurlaub, dass alle zusammen losstürmen ans Meer.“
Die Mutter wird Leiterin eines Zentrums für Palliativpflege und die Wohnung der Familie befindet sich direkt im Haus dabei. Die Freundschaft mit Grazetta, der körperlich gezeichneten ehemaligen Schauspielerin, die im Heim lebt und die ihre Lebensweisheiten mit Arthur teilt, baut ihn etwas auf. Und später die Freundschaft mit den gleichaltrigen Princeton und Milla. Aber die Unklarheit der Beziehung zwischen den Dreien birgt eine Gefahr. Wer liebt wen? Und wer bleibt außen vor? Und das, was dann passierte, auf dem Boot. Milla ertrinkt. Ein Unfall? Wer trägt die Schuld? Das wird nie genau auserzählt. Aber auch die plötzliche Entdeckung, dass der Vater wieder eine Familie gegründet hat, wieder einen Sohn hat, der ihm ähnelt, erschüttert Arthur.

„Arthur  hat sich den Vater nie zurückgewünscht. Er hat sich ein Vorbild gewünscht. Einen Mann, der lebt und dem er, Arthur, das Kleinkind, Arthur das Kind, Arthur der Jugendliche, zuschauen hätte können beim Leben.“

Wir erfahren, wie stark all das zusammen Arthur aus der Bahn wirft. Alleine geht er zurück nach Deutschland und beginnt aus innerer Not heraus, aus Geldmangel und weil es so einfach ist, mit Internet-Betrügereien. Und eine Weile geht es auch gut …

Birgit Birnbacher hat einen Roman geschrieben, der mir gefiel und der sicher auch gelungen ist, der aber keine ähnliche Begeisterung wie beim Bachmannpreis bei mir ausgelöst hat. Woran das genau liegt, ist schwer zu sagen. Vielleicht an der Atmosphäre der Geschichte, vielleicht an mir, an meiner Stimmung. Vielleicht waren auch meine Erwartungen nach dem Bachmanntext zu hoch.

„Ich an meiner Seite“ erschien im Zsolnay Verlag. Eine Leseprobe und ein Interview mit der Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine begeisterte Besprechung gibt es bei letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.